Der Verkäufer versteht sich nicht auf seinen Beruf, den er sich nicht erwählte, sondern den die Mutter für ihn bestimmte, die erst unlängst wieder einmal im Laden auftauchte, unvermutet und raschen Schrittes, denn sie hat es sich zur Aufgabe ihres Restlebens gemacht, den Sohn bei der Ladenstange zu halten. Er steht, betritt ein Kunde den Laden, meist bei den Fernsehgeräten und verfolgt eine Talkshow oder eine Werbesendung. Entdeckt er den Kunden, sieht er sich die Geräte mit übertriebenem Interesse an, um so den Eindruck zu erwecken, ebenfalls nur Kunde zu sein. Manchmal hebt er auch den Arm, um einen der Kollegen herbei zu winken, aber nur, wenn er sich auch sicher sein kann, keinen der verkaufsseligen Freunde durch das Handzeichen anzulocken, sind die doch nicht unbedingt zimperlich und verkaufen ihm rasch einen überteuerten MP3-Player, den er bereits in allen Farbkombinationen besitzt.

Der Verkäufer versucht also alles, um dem drohenden Verkaufsgespräch zu entgehen. Wird er angesprochen, ob er denn hier arbeite, sieht er den Kunden entrüstet an und sagt dann: Treiben Sie bitte mit jemand anderem Ihre üblen Scherze. Dann dreht er sich um und geht aus dem Laden. Hat der Abteilungsleiter derlei beobachten können, kommt es später zu einer lautstarken Aussprache, die stets mit dem Wort KÜNDIGUNG endet. Erleichtert endlich dem Joch entkommen zu sein, packt der Verkäufer seine Sachen; raschen Schrittes eilt er aus der Tür, nur um dort meist in den Bauch seiner gerade eintreffenden Mutter zu stürmen, die unter Tränen und Ohnmachtsanfällen die Widereinstellung ihres Sohnes erwirkt. Allerdings fließt auch eine ungenannte Summe Geld. Die Mutter will ihren Sohn als Verkäufer sehen. Koste es Sie, was es wolle.

Nach dieser Transaktion ist der Verkäufer wieder Verkäufer. Er stellt sich neben die Fernsehgeräte und hofft auf keine Kunden.

Ist die Mittagspaus erst einmal erreicht, schreitet der Verkäufer durch den Verkaufsraum Richtung Pausenraum. Der Pausenraum befindet sich im Keller. Man gelangt über eine rissige Betontreppe in den Keller, der von zahllosen Gängen gesäumt, schon so manchen Verkäufer für immer verschluckte. Unser Verkäufer aber, bewandert in der Mythologie ebenso wie in diversen Stricktechniken, hat sich einen Wollknäuel besorgt, dass er entwirrend als Fadenspur in den Keller führt. So ist gewährleistet, dass er stets an die Oberfläche zurück findet.

An einem Dienstag aber, die Sonne hing gerade an der Kirchturmspitze fest, kam ein Kollege unseres Verkäufers auf die garstige Idee, besagten Faden zu kappen, um so eine Rückkehr des Verkäufers zu vereiteln. Gesagt, getan.

Als nun der Verkäufer nach oben zurück wollte, fand er sich plötzlich in der unangenehmen Lage, den Faden zwar aufnehmen zu können, allerdings nur, um ihn schon nach wenigen Metern enden zu sehen.

Der Verkäufer hob nur kurz die Schultern und setzte sich dann wieder, hatte er doch nun die perfekte Ausrede, um seine Mittagspause auszudehnen, wenn es sein musste, auch bis zum Jüngsten Gericht. Ihm war es gleich.

Guido Rohm