Georg Seeßlen: Lars von Trier goes Porno: (Nicht nur) über NYMPHOMANIAC

trier GS 300

 

Georg Seeßlen

Lars von Trier goes Porno
(Nicht nur) über NYMPHOMANIAC


Sexual Politics 7

Bertz + Fischer Verlag

224 Seiten, 49 Fotos
Paperback, 10,5 x 14,8 cm

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Kann das gutgehen, wenn der umstrittenste Regisseur der Gegenwart eine Art Pornofilm ankündigt? Wie auch immer das Urteil im einzelnen ausfällt, unstrittig dürfte sein, dass Lars von Triers monumentaler Filmessay NYMPHOMANIAC in die Geschichte des erotischen Kinos eingehen wird, in seinem Rang nur vergleichbar mit DER LETZTE TANGO IN PARIS oder IM REICH DER SINNE. Lars von Triers Verhältnis mit der Pornografie hat eine längere Vorgeschichte: Als Produzent war er an den »alternativen« Puzzy-Power-Pornos beteiligt, und als Regisseur hat er immer wieder explizite Sex-Szenen in seine Filme eingebaut, von IDIOTEN (1998) bis ANTICHRIST (2009). Der Autor erörtert Lars von Triers Porno-Exkursionen und die beiden Teile von NYMPHOMANIAC in all ihren Facetten. »Jeder neue Lars-von-Trier-Film ist eine Einladung zu einem Wahrnehmungs- und Gedankentrip. Eine Provokation im besten Sinne, gerade, wenn man nicht genau weiß, ob man den Film bewundern oder ob man zornig werden soll.« (Georg Seeßlen)

 

LESEPROBE

Vorbemerkung

Eigentlich ist ein Buch über Lars von Trier schreiben, keine gute Idee. Und wenn man die meisten Bücher, die zu diesem Filmemacher erschienen sind, durchgesehen hat, möchte man hinzufügen: gar keine gute Idee. Denn dieser Filmverrückte oder Verrücktfilmer hat in seinem mittlerweile durchaus umfänglichen Werk fürwahr mehr als eine Diskurs- und Interpretationsfalle aufgebaut. Hin- ter jedem entschlüsselten Statement lauert ein grinsender Regisseur, der einem eine lange Nase dreht und sich ka- puttlacht. Und hinter jeder dekonstruierten Pointe lau- ert der tiefe Ernst eines depressiven Philosophen. Hinter dem Pathos der Witz, hinter dem Mythos die Reflexion, hinter dem Heiligen die schiere Alberei. Und umgekehrt. Über irgendetwas bei Lars von Trier schreiben bedeutet immer das Andere gerade übersehen. Möchte man eine Haltung zu seinen Filmen finden, müsste man sie erst ein- mal mit dem Instrumentarium packen können, das uns zur Verfügung steht: Semantik, Psychoanalyse, Religion, Hermeneutik, Kulturgeschichte, Filmgeschichte, Gender Studies, Ideologiekritik, Bildwissenschaft … Aber ein Lars- von-Trier-Film hält einfach nicht still. Er ist wie der Igel, der den Hasen schlägt, weil er immer mehrfach da ist. Wenn man ihm mit dem einen Instrument nahekommt, entfernt er sich in Bezug auf die anderen.

Lars von Trier ist so etwas wie eine Welt für sich. Und mit Welten verhält es sich folgendermaßen: Man kann sie als Ganzes erfassen, erkennen, mögen oder wenigstens fasziniert von ihnen sein. Aber dann gelingt es nicht, ihre Ordnungen zu erkennen, weil man eben mit der Beschrei- bung jeder Ordnung das Ganze wieder verliert. Oder man kann die eine oder andere Ordnung in ihr beschreiben. Aber dann, natürlich, ist das Ganze beim Teufel, was man bei Lars von Trier durchaus wörtlich nehmen kann. Dem entspricht der Gestus der Filme Lars von Triers, sie la- den dazu ein, das Ganze zu sehen, und dann drängen sich Systeme, Ordnungen, Prinzipien, Relationen dort hinein, und schon verliert man den Über-Blick; und dann lässt man sich auf die Systeme und Ordnungen, oft genug in Form der Zahlen und Zeichen, ein, und dann versteht man vom Ganzen wieder rein gar nichts.

Hier geht’s also um die unordentlichste aller Ordnungen oder die ordentlichste aller Unordnungen, um die Pornografie, oder genauer gesagt, um die Spuren der Hardcore-Körperlichkeit in den Filmen von Lars von Trier im Allgemeinen und in NYMPHOMANIAC im Besonderen. Wir behandeln hier die Filme eher als autonome Kunst- werke und weniger als in Handlung verpackte Statements, aber natürlich ist in einem Spielfilm das eine nicht recht vom anderen zu trennen. Und: Sind Lars’ Pictures Pic- tures of Lars? Wahrscheinlich auch das, aber auch über ein paar Spiegelungen verzerrt und verdoppelt. Das Au- tobiografische in den Filmen von Lars von Trier ist immer zugleich überdeutlich und täuschend. Und das Statement immer eine Falle.

Andererseits ist ja jeder neue Lars-von-Trier-Film (mitsamt seinem mehr oder weniger spektakulären To- huwabohu drumherum) eine Einladung zu einem Wahr- nehmungs- und Gedankentrip. Eine Provokation im besten Sinne, auch und gerade, wenn man nicht genau weiß, ob man den Film bewundern oder ob man zornig werden soll. Deshalb ist es vielleicht doch eine ganz gute Idee, ein Buch über Lars von Trier und das »Pornografische« in seiner Arbeit zu schreiben. Denn langweilig jedenfalls ist das nicht.

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Buch zu „Nymphomaniac“: Georg Seeßlen füllt einige Löcher

Pünktlich zum Kinostart von „Nymphomaniac Vol. 2“ erscheint Georg Seeßlens Abhandlung zu Lars von Triers vermeintlichem Porno-Projekt. Und passend zum Film füttert das Buch mehr die Neugier an, als dass es eine befriedigende Analyse böte.

Ein Buch über einen Film zu schreiben, während dieser noch durch die Arthouse-Kinos tourt, hat etwas Gehetzt-Gieriges. Da es sich bei dem Film um Lars von Triers „Nymphomaniac“ handelt, erscheint das aber passend – schließlich hat der Film Lust, Gier und Entsagung zum Thema.  (spiegel.de)

 

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