Michael Scholten / Wolf Jahnke: Reiseführer zu Filmdrehorten in Kambodscha, Thailand und Vietnam (Leseprobe)

2004 Zwei Brueder - 6 Bambusbruecke Kampong Cham
2004 Zwei Brüder – Bambusbrücke Kampong Cham 

 

Wo liegt der geheime Traumstrand, den Leonardo DiCaprio in „The Beach“ sucht? Auf welcher thailändischen Insel duellieren sich James Bond und „Der Mann mit dem goldenen Colt“? In welchen Tempeln Kambodschas kämpft Lara Croft? Und wie hat sich Vietnam verändert, seit „Der Liebhaber“ und „Der stille Amerikaner“ dort lebten?

Ob Urwald oder Großstadtdschungel, ob Tempel oder Wolkenkratzer: Kinofilme führen die Zuschauer an faszinierende Orte, die auch in der Realität nichts von ihrem Reiz verlieren. Das neue Buch „on location: Reiseführer zu den Orten des Kinos: Thailand – Kambodscha – Vietnam“, verrät Filmfans und Reisenden, wo in Thailand, Kambodscha und Vietnam moderne Klassiker wie „Die durch die Hölle gehen“, „The Killing Fields – Schreiendes Land“, „Good Morning, Vietnam“, „Indochine“, „Bridget Jones 2“ oder „Hangover 2“ gedreht wurden und was sie über die jeweiligen Länder und ihre Kultur verraten.
Recherchiert und geschrieben wurde dieser cineastische Reiseführer von Michael Scholten und Wolf Jahnke. Scholten ist Globetrotter, ehemaliger Reporter der Zeitschrift „TV Spielfilm“ und freier Autor von Kinopresseheften. Von 2009 bis Mitte 2014 lebte er in Kambodscha und bereiste auch oft die Nachbarländer. Wolf Jahnke betreute für Universal Pictures und Epix Media zahlreiche DVD-Veröffentlichungen und leitet seit 2012 beim Filmlabel Turbine Medien das Produktmanagement und Marketing für DVDs und Blu-rays.

Getidan.de veröffentlicht einen Auszug aus dem Buch, das im Schüren Verlag erschienen ist und 9,90 Euro kostet.

Zwei Brüder

Originaltitel: Two Brothers. GB/F 2004. 105 Min.

Regie: Jean-Jacques Annaud

Kamera: Jean-Marie Dreujou

Darsteller: Guy Pearce, Jean-Claude Dreyfus, Freddie Highmore

DVD: Universum

Nachdem Regisseur Jean-Jacques Annaud schon für Der Bär (1988) mit tierischen Hauptdarstellern gearbeitet hatte, wollte er mit Zwei Brüder ein Märchen aus Sicht von Tigern erzählen. „Als Western wäre es die Geschichte des Pferdes und nicht die des Cowboys“, erklärte Annaud in einem Interview und wollte Menschen ausschließlich dann im Film auftauchen lassen, wenn sie für die Geschichte der Tiere von Bedeutung sind.
Die erste Inspiration zu diesem Projekt war eine Farbzeichnung aus dem Jahr 1880, die einen Tiger in den Ruinen des Tempels Ta Prohm zeigte. 1992, als eine zwei Milliarden Dollar teure Friedensmission der Vereinten Nationen im Bürgerkriegsland Kambodscha begann, besuchte Jean-Jacques Annaud erstmals die Tempelanlagen von Angkor. Sofort hatte er die Filmbilder von zwei Tigerjungen im Kopf, die in den überwucherten Ruinen herumtollen. Doch bis seine Vision Wirklichkeit wurde, sollten mehr als zehn weitere Jahre vergehen.
Während Simon West gegen Ende des Jahres 2000 in ausgewählten Tempeln von Angkor das Actionabenteuer Lara Croft: Tomb Raider drehte, bereitete Annaud mehrmonatige Dreharbeiten in entlegenen und verminten Gebieten des gesamten Landes vor. Der filmbegeisterte und frankophone König Norodom Sihanouk rollte dem Filmteam den roten Teppich aus und sorgte dafür, dass die im Königreich vorherrschende Korruption die französischen Gäste nur im erträglichen Rahmen traf. Annaud und sein Team blieben drei Monate in Siem Reap, zwei Wochen in Phnom Penh, reisten dann den Mekong hinauf nach Kampong Cham und lebten mehrere Wochen in 120 Zelten in der hügeligen Einöde der Provinz Mondulkiri. Und wozu dieser Aufwand? „Weil die Umgebung großen Einfluss auf das Ergebnis hat“, sagt der Regisseur.
Die Geschichte der ungleichen Tigerbrüder Sangha und Kumal, die im Französisch-Indochina der frühen 20er Jahre spielt, beginnt mit deren Zeugung am Ufer des heiligen Flusses Kbal Spean, auch „Fluss der 1000 Lingas“ genannt. Unweit der Stelle, an der Angelina Jolie in Lara Croft: Tomb Raider am Phnom Kulen vom Wasserfall springt, befinden sich im seichten Quellbach zahlreiche Felsreliefs, die symbolisch vom Wasser befruchtet werden. Annaud ließ ein ausgewachsenes Tigerpaar per Hubschrauber einfliegen und wartete gleich mehrere Tage darauf, „bis den beiden zärtlich zumute war“ und er den Paarungsakt in historischer Kulisse im Kasten hatte.
Insgesamt 26 Tiger aller Altersstufen wurden für Zwei Brüder mit einer Sondermaschine der Air France nach Kambodscha geflogen. Jedes Gebiet, in dem gedreht werden sollte, war durch bis zu sechs Meter hohe Zäune und Netze gesichert. Während sich die Tiger frei bewegen konnten und vom Trainer Thierry Le Portier gesteuert wurden, saßen der Regisseur und sein Kameramann in Schutzkäfigen. So zum Beispiel in den Tempeln von Ta Prohm, Preah Khan und – 80 Kilometer südöstlich von Siem Reap – in Beng Mealea. Einige der Holztreppen und Stege, die in Beng Mealea für den Transport der Ausrüstung über die Ruinen gebaut wurden, erleichtern noch heute die Besichtigung der Anlage.
Während Annaud Beng Mealea noch genauso überwuchert und chaotisch vorfand, wie er es aus den alten Zeichnungen der Archäologen kannte, sah er die leichter erreichbaren Tempel schon auf dem Weg zu einem „sterilen Disneyland“ für die Touristenströme. Deshalb ließ er einzelne Bezirke von Ta Prohm und Preah Khan mit 20.000 zusätzlichen Pflanzen und leicht abwaschbaren Farben wieder auf „Urzustand“ umbauen. Auch Reliefs und Steinfiguren, die im Laufe der Jahrhunderte von Tempelräubern entwendet worden waren, kamen als täuschend echt wirkende Kopien aus Styropor wieder an ihren Platz.
Für einen nächtlichen Beutezug des Skulpturendiebs Aidan McRory, gespielt von Guy Pearce, musste das Filmteam mit militärischem Geleitschutz und Minenräumern auf schmerzhaft schlechten Pisten in den Nordwesten des Landes reisen. Ziel der Exkursion war Banteay Chhmar, ein fast 900 Jahre alter Tempel nahe der Grenze zu Thailand. Hier hatte das Steinrelief der 32-armigen Gottheit Lokeshvara an der südwestlichen Wand von Banteay Chhmar das Interesse des Regisseurs geweckt. Im benachbarten Dschungel wurde eine Landefläche für die Tiger gebaut. Die erwachsenen Tiere wurden in Käfigen mit dem Hubschrauber eingeflogen und von je zwölf Trägern zum Drehort im Tempel gebracht.
Die lokalen Helfer, mit denen Aidan McRory auf Plündertour und Großwildjagd geht, besetzte Annaud ausschließlich mit Komparsen vom Bergvolk der Phnong aus Mondulkiri. Das Dorf Putang in der hügeligen Provinz Mondulkiri, die im Süden und Osten an Vietnam grenzt, diente auch als authentische Kulisse für alle Dorfszenen. Bei Nachtaufnahmen kamen vier mit Helium gefüllte Leuchtballons zum Einsatz, weshalb Putang bald das „Dorf mit den vier Monden“ genannt wurde.
In der Hauptstadt Phnom Penh diente der Platz vor der alten Hauptpost, an dem Matt Dillon zwei Jahre zuvor mit Gerard Depardieu und James Caan auch seine Gangsterballade City of Ghosts drehte, als Kulisse. Im Schatten der französischen Kolonialhäuser ließ Annaud einen überfüllten Markt voller Stände, Menschen, Tiere und Waren aufbauen. Als besonderes Highlight zeigt Zwei Brüder die Bambusbrücke von Kampong Cham. Jedes Jahr bauen die Einwohner zu Beginn der Trockenzeit eine mehrere hundert Meter lange Brücke, die zu einer Halbinsel im Mekong führt. Die Bambusbrücke trägt nicht nur Menschen und Motorräder, sondern sogar Autos und kleine Lastwagen. Mit Beginn der Regenzeit wird die Brücke abgebaut oder von den Wasserfluten fortgerissen. Die Bambusbrücke ist bis heute ein beliebtes Ziel von Einheimischen, Touristen und Fotografen.
Als einzige Außenkulisse in Thailand wurde das Freilichtmuseum Mueang Boran genutzt. 30 Kilometer südlich von Bangkok, nahe der alten Sukhumvit-Schnellstraße nach Trat, stehen Paläste, Pagoden und Dörfer aus allen siamesischen Epochen. Jean-Jacques Annaud nutzte die weiß-schwarze Nachbildung der Sanphet Prasat Palasthalle, um vor ihr eine Arena für den finalen Kampf zwischen den Tigern bauen zu lassen.
Insgesamt investierte Jean-Jacques Annaud 169 Drehtage, verteilt auf neun Monate, und stolze zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit in Zwei Brüder. Das Ergebnis ist ein recht unausgegorener Mix aus beeindruckenden Kambodscha-Bildern, zum Teil bearbeiteten Tieraufnahmen und recht unterforderten Schauspielern. Die „Frankfurter Rundschau“ bedauerte: „Der Forscher Annaud hätte sich über den Geschichtenerzähler hinwegsetzen sollen. Dann wäre aus Zwei Brüder mit seinen sensationellen (Nah-)Aufnahmen eine der faszinierendsten Tierdokumentationen der letzten Jahre geworden.“ (Michael Scholten)

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Verlages.

 

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IF
2004 Zwei Brueder – Banteay Chhmar

 

 

 

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