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	<title>Lesen was klüger macht &#187; Alf Mayer</title>
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		<title>Eine sehr blutige Ernte  – Rückblick 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2012 23:44:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein anderer Jahresrückblick: Kriminalliteratur, weitgehend noch unübersetzt
Der beste und wichtigste Thriller des Jahres 2011 stammt für mich von einem Autor, der bei uns seit zehn Jahren unübersetzt geblieben ist: „A Deniable Dead“ des Briten Gerald Seymour. Ganz nah, ganz dreckig, detailreich und realistisch nimmt Seymour uns mit auf eine Aktion im schmutzigen Krieg gegen den Terror. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Ein anderer Jahresrückblick: Kriminalliteratur, weitgehend noch unübersetzt</span></p>
<p>Der beste und wichtigste Thriller des Jahres 2011 stammt für mich von einem Autor, der bei uns seit zehn Jahren unübersetzt geblieben ist: „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/1444705857/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=1444705857" target="_blank">A Deniable Dead</a>“ des Briten Gerald Seymour. Ganz nah, ganz dreckig, detailreich und realistisch nimmt Seymour uns mit auf eine Aktion im schmutzigen Krieg gegen den Terror. Der Stoff, aus dem später Historiker unsere Gegenwart rekonstruieren werden. Seymour ist ein ehemaliger Journalist. Jedes Jahr legt er einen zeitgenössischen Stoff vor – auf höchstem Niveau.</p>
<p>Ebenfalls hart an der Realität und gut recherchiert, „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/1847442218/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=1847442218" target="_blank">The Wreckage</a>“ des Australiers Michael Robotham, das im April 2012 bei Goldmann als „Der Informant“ erscheint. Im Irak werden Banken überfallen, im großen Stil. Folgerichtig, dass die Spur dann an den Finanzplatz London führt. So muss Thrillerliteratur sein: den Schlagzeilen immer ein Stück voraus.</p>
<p>Endlich wieder ein Polizeiroman, der die Jahre überstehen wird: authentisch, klug, ungewöhnlich gut geschrieben. Edward Conlon, Harvard-Absolvent, preisgekrönter Essayist und New Yorker Polizist, vermag in „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/B004VY6QQI/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B004VY6QQI" target="_blank">Red on Red</a>“ nicht nur mit einer komplexen und heftigen Polizeigeschichte zu unterhalten, sondern auch über Detektivarbeit zu sinnieren und das Geschichtenerzählen an sich. Das ist lyrisch, psychologisch stimmig, leidenschaftlich und überraschend.  Ebenso lesenswert – und mit einigen Metaebenen mehr aufwartend als Simons „Homicide“ (das damit keineswegs abgewertet werden soll, um Himmels willen) – sind seine sich selbst nicht schonenden Polizei-Memoiren „Blue Blood“ von 2004.<span id="more-40470"></span></p>
<p>Leider ein let down: „The Border Lords“ von T. Jefferson Parker, der ein Jahr zuvor im bislang unübersetzten „Iron River“ das Morden jenseits der amerikanischen Grenze mit dem Waffenverkauf in den USA in Beziehung setzte und Furchterregendes zum Drogenkrieg in Mexiko entblätterte. Jetzt hat er den Schwanz ein wenig eingezogen und verliert sich in  einer diffusen Familienstory über einen durchgeknallten, abgetauchten Undercover-Polizisten. Jetzt im Januar 2012 erschein Parkers „The Jaguar“. Hoffen wir, dass er der Realität wieder mehr ins Auge schaut.</p>
<p>Soll das alles gewesen sein? Beim Union-Verlag „weiß man noch nicht“, ob „Whispering Death“, der sechste Hal-Challis-Roman von Garry Disher, auf Deutsch herausgebracht werden soll. Was gibt es denn da zu überlegen? Disher ist seinen südlich von Melbourne spielenden Polizistengeschichten einer der besten Kriminalautoren weltweit. Er schreibt auf der Höhe seiner Meisterschaft.</p>
<p>Eine Schwarte, ein Monster von Buch: „River City“ (844 Seiten) des Kanadiers John Farrow, der hier seine beiden Kriminalromane „Eishauch“ und „Treibeis“ weit hinter sich lässt. Bei der Stadt am Fluss handelt es sich um Montreal, der Roman gibt nicht nur seinem Polizisten Emile Cinq-Mars eine Vorgeschichte, er malt die Geschichte einer kanadischen Provinz auf breiter Leinwand. Die Jahre des Premiers Trudeau und die Separatistenbewegung werfen lange Schatten: Politik, Gier, Mord und Mythen.</p>
<p>Eine noch größere Schwarte, ein noch wilderes Monster von Buch: In a „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/1936365189/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=1936365189" target="_blank">A Moment in the Sun</a>“ (McSweeny’s Books, San Francisco 2011, 955 Seiten) dreht der Filmemacher und Romancier John Sayles die Uhr auf 1897 zurück – und es ist alles da, was heute Amerika so schrecklich und so hoffnungsvoll macht. Ein panoramisches Zeitgemälde von Kolonialkrieg, Goldrausch, New Yorker Presse, Ostküsten-Establishment, Rassenhass, großen und kleinen Verbrechen. Einer wie Sayles könnte (und sollte) aus diesem Stoff zwanzig Filme machen.</p>
<p>Wie alt ist eigentlich James Lee Burke? Ja, richtig: gerade 75 geworden und bei uns seit sieben jahren nicht mehr übersetzt. Nach dem fulminanten „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/140911662X/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=140911662X" target="_blank">Glass Rainbow</a>“ von 2010, in dem Dave Robicheaux endlich ein (kleines) wenig reifer und weniger selbstdestruktiv auftreten durfte, gab es auch 2011 ein literarisches Feuerwerk zu einem Feiertag für Narren: „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/1409140318/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=1409140318" target="_blank">Feast Day of Fools</a>“. Es ist der dritte Roman mit dem staubtrockenen Sheriff Hackberry Holland, der an der südtexanischen Grenze den allgegenwärtigen Wahnsinn im Zaum zu halten versucht. Nach Montana und Louisiana hat Burke sich hier ein neues Territorium erobert.</p>
<p>Immer noch ohne Spur und neues Buch: G.M. Ford aus Seattle. So brutal wie er hat wohl noch kein Autor einen etablierten Helden ins Off geschickt. Sieben Jahre ist es jetzt her, dass der in sechs Büchern etablierte, toughe Frank Corso am Ende von „Blown Away“ (dt. Die Spur des Blutes) auf seiner Recherche nach besonders brutalen Bankräubern am Ende selbst an einem Bankschalter stand, eine Bombe um den Hals und damit zum ferngesteuerten Bankraub gezwungen, und „Please“ sagte. Seitdem kein Wort, kein Buch, kein Lebenszeichen. Ein echtet kill-off.</p>
<p>Wird im neuen Jahr einiges an Wellen schlagen: „The Devil all the Time“ von Donald Ray Pollock, das als „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3935890850/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3935890850" target="_blank">Das Handwerk des Teufels</a>&#8221; im Februar 2012 bei Liebeskind erscheint. Ein rabenschwarzes, überaus brutales Sittengemälde des ländlichen Amerika in den 1960er Jahren – der Erstlingsroman eines Autors, der mit dem rauhen Erzählband „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/B005C8OXXK/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B005C8OXXK" target="_blank">Knockemstiff</a>“ reüssierte. Die Beschäftigung mit Pollock lohnt. Ich bin gespannt, welche Theorien sich finden, warum solche Geschichten gerade heute wieder von solchem Interesse sind. Ein Rückfall in die Barbarei?</p>
<p>Ähnliche Fragen stellen sich auch für „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/B005Z370D2/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B005Z370D2" target="_blank">The Outlaw Album</a>“, das zum ersten Mal die Stories von Daniel Woodrell versammelt, dessen „Winter’s Bone“ die Vorlage für einen der besten Autorenfilme des Jahres 2011 geliefert hat. Woodrell, der aus den Missouri Ozarks stammt und auch so schreibt (traumschön schreibt), kann ich mir ehrlich gesagt, nicht gut übersetzt vorstellen. Also, Verlag, wer immer du sein wirst, gibt dem Übersetzer Leine und extra Geld.</p>
<p>Ein wichtiges Buch, das hinter viele Kulissen leuchtet, ist „Top Secret America. The Rise oft he New American Security State“, von Dana Priest und William M. Arkin. Priest hat bereits in “The Mission” die Militarisierung Amerikas nach 9/11 beschreiben, jetzt haben die Journalisten an der Heimatfront  recherchiert. Mehr als 1.200 Regierungsorganisationen und 2.000 Privatunternehmen sind mit hochgeheimen „Sicherheitsoperationen“ befasst, die Krake wächst und wächst. Investigativer Journalismus vom Feinsten.</p>
<p>Er kriegt sie einfach nicht, die Kurve. George Pelecanos schliddert wieder einmal am großen Wurf vorbei. „<a href="http://www.amazon.de/gp/product/B005M94MZS/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B005M94MZS" target="_blank">The Cut</a>“ soll eine neue Serie einläuten, im Washington von hier und heute, der Held aus dem Irak-Krieg zurück und für schmutzige Aufträge zu haben. Die Story bleibt leider vorhersehbar und dünn, und was eh schon immer eine Schwäche bei ihm war, wird hier zur peinlichen Marotte. Zeile um Zeile füllt Pelecanos mit der peniblen Benennung von Markenklamotten, dass es fast parodistische Züge annimmt: „Lucas wore dark blue Dickies pants, a matching blue longsleeved Carhart shirt, and black steel-shanked Wolverine boots“ … usw., als würde so etwas die Handlung voranbringen. Jesus im Frack. Ohne Etikett.</p>
<p><em>Alf Mayer auf culturmag.de </em></p>
<p><em>&#8220;</em><em>Alf Mayers „Blutige Ernte“ gehört zu den ältesten deutschen Krimi-Kolumnen überhaupt. Und zu den besten. CrimeMag freut sich, dass sie ab sofort bei uns zuerst zu lesen sein wird.&#8221; (<em>culturmag.de)</em></em></p>
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<p><strong><strong><a href="http://www.amazon.de/gp/product/1444705857/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=1444705857" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-40534" title="A Deniable Death" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/51DwITuIxpL._BO2204203200_PIsitb-sticker-arrow-clickTopRight35-76_AA300_SH20_OU03_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>A Deniable Death</strong><br />
</strong>Gerald Seymour<br />
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten<br />
Verlag: Hodder &amp; Stoughton (4. August 2011)<br />
Sprache: Englisch<br />
ISBN-10: 1444705857<br />
ISBN-13: 978-1444705850</p>
<p><em>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/1444705857/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=1444705857" target="_blank">amazon</a> kaufen</em></p>
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		<title>Über den Autor Charles Bowden und die Realität von Ciudad Juárez</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 09:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[„Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“
Es gab eine Zeit, da ergab es einen Sinn, wenn du in Ciudad Juárez ermordet wurdest. Du starbst, weil du eine Drogenlieferung verloren hattest – oder weil eine in deinem Besitz war. Du starbst, weil du einen Drogendeal machen wolltest – oder weil du ein Polizeispitzel warst. Du starbst, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">„Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“</span></p>
<p>Es gab eine Zeit, da ergab es einen Sinn, wenn du in Ciudad Juárez ermordet wurdest. Du starbst, weil du eine Drogenlieferung verloren hattest – oder weil eine in deinem Besitz war. Du starbst, weil du einen Drogendeal machen wolltest – oder weil du ein Polizeispitzel warst. Du starbst, weil du eine Frau warst – und es dunkel war. Es gab sogar eine »freundliche« Prozedur fürs Sterben, ein Ritual, bei dem die Bundes- oder Staatspolizei oder die Armee dich abholen, deine Hände und Füße mit Klebeband fesseln, dich foltern und schließlich töten und deinen Leichnam in ein Loch werfen würde, zusammen mit einer Dose Milch, der freundlichen Version von Kalk. Dein Tod würde „carne asada“ genannt werden, ein Barbeque. Das Leben machte damals Sinn, sogar noch im Tod. Das waren die guten alten Zeiten, meint Charles Bowden in seinem steinerweichenden, grausam hellsichtigen Buch „Murder City“.</p>
<p>Den Wahnsinn, der da kommen sollte, ahnten nur wenige Fiktionen voraus. Der Filmregisseur Sam Peckinpah etwa in seinem Road-Movie »Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia« von 1974 (!), in dem Warren Oates dem Rausch des Geldes und der Gewalt erliegt und, dem Wahnsinn immer näher, Gespräche mit jenem blutgetränkten Jutesack führt, den er in seinem Auto transportiert. Seither hat die Welt sich gedreht. Ciudad Juárez, mit dem texanischen El Paso über vier Brücken verbunden, ein Vorzeigeort des Freihandels mit über 50 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, ist ein Schlachtfeld geworden. Die blutigste Stadt der Welt mit der weltweit höchsten Mordrate.</p>
<p>80.000 mexikanische Soldaten führen im Norden Mexikos einen Krieg gegen die Drogenkriminalität. Sagt man. Die USA unterstützen ihren Nachbarstaat dabei mit Milliarden von Dollar. Der »Krieg gegen die Drogen« an der Südgrenze der USA dauert nun 40 Jahre, verbessert hat sich nichts – nur dass das Rauschgift besser geworden und die Zahl der Toten ins Monströse gestiegen ist. Seitdem Präsident Calderón nach seinem Amtsantritt im Dezember 2006 eine groß angelegte Militäroffensive gegen die rivalisierenden Drogenbanden begann, wurden nach offiziellen Angaben landesweit mehr als 42.000 Menschen getötet. Jedes Jahr steigt die Zahl der Ermordeten, Gemetzelten und Gefolterten. Im Jahr 2010 waren es 15.273 Menschen, davon alleine in Ciudad Juárez 3.111 Ermordete. Alleine in dieser Stadt gab es in den letzten 50 Monaten mehr Tote als die Kriege in Irak und Afghanistan an „westlichen“ Gefallenen forderten.</p>
<p><strong><br /><img src="http://www.getidan.de/images/CB.jpg" alt="media" /><br />
<br />
</strong></p>
<p><span style="color: #808080;">Mexiko gibt es nicht</span></p>
<p>Die USA und die Welt, auch die deutschen Medien, sehen ein Mexiko, das es gar nicht gibt. Sie sehen ein Traumland, die pure Fiktion, sagt der US-Autor Charles Bowden in seinem Buch »Murder City« (das noch kein deutscher Verlag anzufassen gewagt hat). »Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Fields« heißt der Untertitel. Bowden, ein Reporter und Poet, ein zutiefst am menschlichen Sein und seinen tiefsten Abgründen interessierter Augenzeuge, schreibt seit 30 Jahren über Land und  Menschen im Südwesten der USA, dies ist sein 26. Buch –  alle sind sie lesenswert (siehe die kleine Literaturliste am Ende). Bereits 1998 veröffentlichte er ein Buch über Juárez: »The Laboratory of Our Future«. Es schockierte mit zahlreichen, heimlich aufgenommen Fotos. Sein nun zweites über die Mörderstadt, in der viele Global-Konzerne billig produzieren lassen, begann er, weil er von den 48 Morden des Januar 2008 erschüttert war, denn das würde eine Jahresrate von 576 Morden für die Stadt bedeuten – gegenüber 301 im Jahr 2007. Als er sein Buch abschloss, wurden im Juli 2009 insgesamt 244 Ermordete gezählt, eine Rückkehr zu 100 Toten pro Monat hätte da fast schon friedlich gewirkt. Im August 2009 waren es 306 Tote, und dies in einer Stadt, die von 10.000 Soldaten und Polizisten kontrolliert wird. Seit deren Ankunft stieg die Todesrate um über 80 Prozent. Aufgeklärt wurde übrigens kein einziger Mord, nur fünf Prozent der Fälle wurden ansatzweise »untersucht«. Es gibt und gab kein einziges Verfahren, keine einzige Verurteilung. In El Paso, der amerikanischen Schwesterstadt, ging die Mordrate in den letzten Jahren von 20 auf fünf zurück.<span id="more-38701"></span></p>
<p><span class="Apple-style-span" style="color: #808080;">Die Grenzen des Sagbaren</span></p>
<p>Bowden gerät in seiner in jeder Hinsicht mutigen literarischen Reportage an die Grenzen der Ausdrucksmöglichkeit und des Sagbaren, treibt er doch über Monate »in einer Traumzeit des Todes«, wo die »Gewalt nicht ein Teil des Lebens ist, sondern das Leben selbst«. Ein ausdruckstarker und von Genregrenzen unbeeindruckter Autor, meint man stellenweise einem biblischen Propheten und Racheengel zu begegnen. Bowden schreibt kompromisslos, bietet weder Tröstungen noch schnelle Urteile. Hinschauen, (sich selbst und dem Leser gegenüber) erbarmungslos hinschauen, ist seine Arbeitsmaxime. Es ist ein Höllengemälde, das er skizziert, surreal und apokalyptisch, die einzige Zuflucht oft die zu den Worten, zur Kraft des poetischen Ausdrucks, zum kleinen Trost der gelegentlichen literarischen Überhöhung. „Dreamland“ heißt folgerichtig sein „Way Out of Juárez“, das Folgebuch zu „Murder City“, in dem er nicht mehr analysiert, nicht mehr logisch bleibt oder diszipliniert. Wut und Trauer, Vignetten und Schönheit der Sprache, dazu Grafiken der Künstlerin Alice Leora Briggs, sind die Mittel seines Selbstheilungsversuch, der noch einmal auf andere Weise die Hieronymus-Bosch-Stadt Ciudad Juárez an die Höhlenwand unserer Zivilisation zeichnet.</p>
<p><span class="Apple-style-span" style="color: #808080;">Dunkel und sauber. Gewalt und Geld</span></p>
<p>Wie brüchig die ist, wie nahe unter der dünnen Moral das Massenmörderische schlummert (Musil), damit konfrontiert Bowden uns auf fast jeder Seite von „Murder City“: Massengräber, enthauptete Leichen, niedergemähte Kinder, Todesbotschaften an Grabkränzen als »Gruß an das nächste Dutzend«, Hinrichtungen auf offener Straße, Überfälle auf Krankenhäuser, ein Mord am anderen. Ein Auftragskiller, der zu Gott gefunden hat und ausgestiegen ist, sucht den Reporter Bowden auf und erzählt ihm seine Lebensgeschichte, erzählt von seinen hundertfachen Morden, von tagelangen Folterungen, von Ärzten, die dabei halfen, von unsagbaren Grausamkeiten. Daraus wird ein weiteres Buch („El Sicario. The Autobiography of a Mexican Assassin“) und ein Dokumentarfilm, der die Zuschauer verstört. Kein einziger Kritiker wurde dem Film und seiner Sache auch nur annähernd gerecht, als „Room 163“ bei den Festivals von Venedig und München und auf arte lief.</p>
<p>In einem privaten Irrenasyl mitten in „Murder City“, das ein Arzt aufgebaut hat, trifft Bowden auf eine ehemalige Schönheitskönigin, die eine Massenvergewaltigung überlebt, dabei aber den Verstand verloren hat. Bowden schildert die unvorstellbar dunkle Seite einer Drogenwelt, die längst zum »sauberen« multi-nationalen Business geworden ist. Die Art, wie unsere Medien darüber berichten, sagt Bowden, erlaubt es uns, das Versagen des Freihandels zu ignorieren, der in Ciudad Juárez tote Menschen schneller produziert als jedes andere Produkt. Und nicht nur Tote, sondern auch mehr als eine Million zerstörter, traumatisierter Leben.</p>
<p>Charles Bowden: »Das Mexiko unserer Medien gibt es nicht. Aber es gibt ein zweites Mexiko, wo der Krieg nicht gegen, sondern um Drogen geführt wird, um den enormen Profit, den man mit Drogen machen kann, wo die Polizei und die Armee um ihre Anteile kämpfen, wo die Presse durch die Ermordung von Journalisten zum Kuschen gebracht ist, wo es niemals eine Grenze gab zwischen der Regierung und der Drogenwelt. Wir trauen uns nicht, dem ins Auge zu schauen, was da direkt vor uns ist, schauen dem nicht ins Auge, was sich hinter unseren feigen Begriffen von Kartellen und Drogenbossen verbirgt. Wir wollen nicht wissen, was unsere ›zivilisierte‹ Gier nach Drogen an Sturzbächen von Geld und Gewalt und Tod verursacht.“</p>
<p><span class="Apple-style-span" style="color: #808080;">Der Eisen-Fluss und das Geschäft mit den Knarren</span></p>
<p>Wollen wir davon auch nichts in unseren Kriminalromanen lesen? Die doch angeblich so trefflich die reale Welt abbilden, so mutig und gründlich recherchiert? Nun, die Zahl jener Kriminalromane, die sich in den letzten Jahren dieser Realität genähert haben, ist überschaubar. Ich bleibe bei US-amerikanischen Beispielen: Die 2010 zu Recht mit dem „Deutschen Krimi-Preis“ bedachten „Tage der Toten“ („Power of the Dog“) von Don Winslow mussten fünf Jahre auf eine deutsche Übersetzung warten. Mal sehen, wie lange es für das eben erschienene „Triple Crossing“ von Sebastian Rotella braucht, sozusagen ein Update zu Winslow, bei dem ich nur zu bemängeln habe, dass 25jährige Undercover-Protagonisten einfach einige Jahre zu jung sind, um wirklich die Hölle zu erfassen. Mit seinem Erstlingsroman unternimmt der Journalist Rotella, der seit 20 Jahren aus Südamerika und Mexiko berichtet, der Wirklichkeit Mexikos literarisch Herr zu werden. Seine Bestandsaufnahme „Twilight on the Line: Underworlds and Politics at the U.S.-Mexican Border“ stammt von 1998. In seinem Roman zeigt er schon auf den ersten Seiten in Richtung USA, die in der Öffentlichkeit nur als anonymer Geschäftspartner vorkommt, während die mexikanischen Drogenbosse stets mit Namen genannt werden – und unfassbaren Details, etwa dass „El Diego“ alleine 2010 über 1.500 Morde befohlen haben soll.</p>
<p>Der kalifornische Edgar-Preisträger T. Jefferson Parker (von dem seit 2004 nichts mehr in Deutschland verlegt worden ist) wagt sich in seinem im Januar 2010 erschienenen 17. Roman »Iron River« wirkungs- und eindrucksvoll an die Realität des Waffenhandels entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Die Killer Mexikos sind mit amerikanischen Waffen aus- und aufgerüstet, der »Eisen-Fluss« begann seit 2004 zu schwellen. 6.700 Waffenhändler alleine zwischen San Diego und Corpus Christi, eine Strecke von 2.000 Meilen, haben eine Lizenz zum freien Waffenhandel. T. Jefferson Parker schreibt: »Das sind mehr als drei Waffengeschäfte für jede Meile Kaktus und Klapperschlangen. Das ergibt ein klares Muster: Verdammter Tod und Zerstörung sind das, Dollar für Dollar, Waffe für Waffe. Und das ist nur die legale Seite, vom Schwarzmarkt zu schweigen.« Parkers Protagonist, der Polizist Charlie Hood (der sich in den drei vorangehenden Romanen seine Sporen in und um Los Angeles verdiente ) trifft auf einen mexikanischen Kollegen, der ihm sagt: »Mein Land wird in Stücke gerissen von eurem Land. Amerika liefert die Waffen und das Bedürfnis nach ihnen. Ich verstehe euch nicht. Ihr seid unersättlich nach Macht und Luxus. Ihr seid unersättlich nach Fortschritt, was immer er ist. Ihr seid unersättlich nach Drogen. Ihr nehmt Drogen, um aufzuwachen, und Drogen, um einzuschlafen. Ihr nehmt Drogen, um morgens aufmerksam zu werden, und Drogen für den Schlaf. Ihr nehmt Drogen, um Sex zu haben. Ihr nehmt Drogen, um eure Beine vorm Zittern zu bewahren. Auch für eure Kinder ist es einfach, an die Drogen zu kommen. Wir Mexikaner können euch diese Art von Denken nicht nehmen. Wir können eure Verwahrlosung nicht aufheben. Aber die Waffen, die könnt ihr wenigstens stoppen. Das müsst ihr.«</p>
<p><em>Alf Mayer</em></p>
<p><em>Text zuerst erschienen bei culturmag.de</em></p>
<p><span class="Apple-style-span" style="color: #808080;"><strong>Bücher von Charles Bowden:</strong></span></p>
<p><span style="color: #808080;">Killing the Hidden Waters (1977, zur Verschwendung der Ressourcen)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Blue Desert (1986, eine Wüsten-Meditation)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Desierto: Memories of the Future (1991)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Blood Orchid: An Unnatural History of America (1995)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Juárez: The Laboratory of our Future (1998, Vorwort Noam Chomsky)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Down by the River: Drugs, Money, Murder, and Family (2002,  Recherche über einen Tod im Drogenmilieu)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Blues for Cannibals (2002, über die conditio humana)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">A Shadow in the City: Confessions of an Undercover Drug Warrior (2005, das Scheitern des Kriegs gegen die Drogen)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Inferno (2006, furioser Bildband)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Some of the Dead are Still Breathing: Living in the Future (2009)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Murder City: Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Ground (2010)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Dreamland: The Way Out of Juarez (2010, mit Illustrationen von A.L. Briggs)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">El Sicario. The Autobiography of a Mexican Assassin (2011, mit Molly Molloy)</span></p>
<p><span style="color: #808080;">dazu: El Sicario, Room 164 (Dokumentarfilm, Italien 2010, 80 min., Regie: Gianfranco Rosi)</span></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/3d0d1ac93b6c4d3eb046aaceefa2c719" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		<title>Die Romane von Ross Thomas in einer Neuauflage</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Aug 2011 17:07:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Meister der Überraschung
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war für einen Schriftsteller wie Ross Thomas (1926-1995) ein Erzählparadies. Es gab so viel, vor dem Leute Angst hatten; so viel, das man gierig begehren und teuer verkaufen konnte; so viele Regeln, die nur darauf warteten, außer Kraft gesetzt zu werden. Zu alt, um ein Hippie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Der Meister der Überraschung</span></p>
<p>Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war für einen Schriftsteller wie Ross Thomas (1926-1995) ein Erzählparadies. Es gab so viel, vor dem Leute Angst hatten; so viel, das man gierig begehren und teuer verkaufen konnte; so viele Regeln, die nur darauf warteten, außer Kraft gesetzt zu werden. Zu alt, um ein Hippie zu werden, stellte er die Welt in seinen Büchern auf den Kopf, tanzte mit den Verhältnissen. Bezeichnungen wie „Kriminalroman“ oder „Thriller“ treffen den Charakter seiner Romane (mehr als Hälfte von ihnen explizit im politischen Bereich angesiedelt) nur wenig. Seine erzählerische Lust an den abenteuerlichsten Konstellationen, Täuschungsmanövern, Intrigen und Gegenintrigen macht ihn zu einem der sehr seltenen schriftstellernden Vertreter der „screwball comedy“. Seine Dialoge sind geschliffen, die Haltung cool und lakonisch, die Handlung des doppelten Rittbergers kundig, der Witz geistreich, gelinde böse und überraschend. Ein klitzekleines Beispiel: „Vielleicht solltest du morgen eine Verkleidung tragen.“ – „Eine Verkleidung?“ – „Du weißt schon“, sagte sie, „ein Lächeln.“<span id="more-35363"></span></p>
<p>Ross Thomas ist ein Meister des Unerwarteten, ein wirklicher Unterhalter. Seine schlagfertigen, weder auf Mund noch Kopf gefallenen Helden – oft sind es liebenswerte Schurken – drehen aktiv an ihrem Schicksalsrad, versuchen sich in einer Welt von Korruption, Lüge, Täuschung, Kaltem Krieg und noch kälterem Geschäftemachen zu behaupten: notfalls, indem sie noch korrupter, noch entschlossener und regelbrechender unterwegs sind. Kaum ein anderer Autor hat über die Jahr(zehnt)e eine solch große Galerie witziger und sympathischer Spitzbuben und Gauner erfunden.</p>
<p>Geboren in Oklahoma, Infanteriesoldat im Zweiten Weltkrieg, war die Position eines Sportreporters beim „Oklahoman Daily“ sein erster Job. In den 1950ern machte er PR für die Landarbeitergewerkschaft, bevor er sich mit einer eigenen PR-Agentur auf politische Kampagnen spezialisierte und unter anderem George McGovern in den Kongreß half. Es folgte ein Wechsel nach Deutschland, wo er für das Armed Forces Network (unsereins als AFN bekannt) als Reporter arbeitete, danach brachte ihn ein Management-Job nach Nigeria. Als er 1961 in die USA zurückkehrte, wurde er Gewerkschaftssprecher für die Staatsbeschäftigten, lernte die Politikmechanismen Washingtons hinter den Kulissen kennen – und schlug aus all diesen Erfahrungen später dann erzählerische Funken.</p>
<p>Sein erster Roman – er schrieb ihn mit 40 – war „Kälter als der Kalte Krieg“ (gerade verdienstvoll wieder aufgelegt vom Alexander Verlag, dazu weiter unten mehr). Dieser Erstling war so ausgekocht, frech und frisch und rund, dass er seinem Autor den „Edgar“ als bester Kriminalroman des Jahres 1966 brachte, was einem „Oscar“ entspricht. Es ist die schnell und witzig erzählte Geschichte eines sinistren Fluchthelferplans, den sich eine amerikanische Geheimdienstorganisation ausgedacht hat, die im Nachkriegsdschungel Ost-und Westdeutschlands verkommener geworden ist als es selbst den hauseigenen Zynikern recht sein kann. Hauptprotagonisten sind der Barbesitzer Mac McCorkle, der ein kleines  Etablissement namens „Mac’s Place“ in Bonn betreibt und sein Freund Joe Padillo, der für die CIA auch mal einen „nassen“ Auftrag erledigt. McCorkle ist mit der klugen Dr. Fredl Arndt liiert, weiß (wie viele Ross-Thomas-Helden) einen guten Martini oder Drink zu schätzen und wohnt in Muffendorf. Seine Bar, die im Ross-Thomas-Universum ein mystischer Ort werden wird, beschreibt McCorkle so: „Wahrscheinlich kann man ein paar tausend Lokale wie Mac’s Place in New York, Chicago oder Los Angeles finden. Sie sind dunkel und still, der Teppich durch verschüttete Getränke und Zigarettenasche zu einem unbestimmbaren Farbton verblasst, der Barmann freundlich und flink, aber taktvoll genug, keine Bemerkungen zu machen, wenn man mit der Frau eines anderen hereinkommt.“  1990, 24 Jahre später, erschien der letzte der insgesamt vier McCorkle-und-Padillo-Romane: „Twilight at Mac’s Place“, zu Deutsch: „Letzte Runde in Mac’s Place“.</p>
<p>Leider nur auf drei Romane brachten es die Erlebnisse von Artie Wu und Quincy Durant, zwei Waisenkindern, die es allen zeigen und sich mit byzantischen Täuschungsmanövern über Wasser halten, etwa wenn sie als Kunsthändler auftreten, die jedes Stück zu beschaffen wissen: „Viele unserer Stücke stehen immer noch in Museen.“ Zu den ganz großen Romananfängen gehören die ersten Zeilen von „Umweg zur Hölle“ (im Original „Chinaman’s Chance“ betitelt): <em>&#8220;It was while jogging along the beach just east of the Paradise Cove pier that Artie Wu tripped over a dead pelican, fell, and met the man with six greyhounds.&#8221;<br />
</em>Artie Wu, der Anwärter auf den Kaiserthron, 37 Jahre alt und chinesischer Abstammung, fällt natürlich nicht zufällig über den Pelikan, der dort auch nicht zufällig im Weg liegt – der inszenierte Unfall öffnet die Tür zum Anwesen und zum Vertrauen eines schwerreichen Mannes, dem sonst nicht so (elegant) nahe zu kommen gewesen wäre.</p>
<p>In „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ verarbeitete er seine Gewerkschaftserfahrungen. Zuverlässig weiß ich, dass die Neuausgabe des Alexander-Verlages auch im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) begeisterte Leser gefunden hat.</p>
<p>30 Jahre lang war jedes neue Buch von Ross Thomas ein ungeduldig erwartetes Ereignis. Otto Penzler aus New York, Eigentümer des Mysterious Bookshop und weltweit einer der besten Kenner der Kriminalliteratur, sagt: „Wenn Sie einen Autor finden, der besser schreibt als er, lassen Sie es mich unbedingt sofort wissen.“ Mit insgesamt 25 Romanen hat Ross Thomas seine Leser beschenkt, fünf davon unter dem Pseudonym Oliver Bleek. Jedes seiner Bücher birgt Geschichten, Helden und Nebenfiguren genug, um ein paar „normale“ Thriller zu füllen. Sein – wie ich finde – Meisterwerk „The Fools in Town are on Our Side“ („Unsere Stadt muss sauber werden“), das in Deutschland bisher nur in einer absolut verstümmelten, um mehr als die Hälfte gekürzten Ullstein-Fassung vorliegt, jongliert gleich vier überaus erfinderische und eng miteinander verwobene Korruptionsgeschichten, schneidet hin und her zwischen dem amerikanischen Süden in den späten 1960ern, Hong Kong in den frühen 1960ern, Texas in den frühen 1950ern und einem Bordell in Shanghai kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.</p>
<p>Ross Thomas erzählte oft, dass er beim Schreiben nicht wisse, wie seine Bücher ausgehen würden. Beim Lesen stellt sich das Gefühl ein, dass einfach alles möglich ist in seinen wilden Geschichten. Es gibt wenige Autoren, die sich derart zum vergnüglichen Wiederlesen eignen.</p>
<p>Beim Berliner Alexander-Verlag ist es Alexander Wewerka, der Chef persönlich, der eine sorgfältig revidierte, absolut vorbildliche Neuauflage der Romane von Ross Thomas betreibt. Die Neuausgabe von „Kälter als der Kalte Krieg“ übrigens hat ein Vorwort von Dominik Graf. Ich erwarte mit Vorfreude die Neuausgabe von „Der achte Zwerg“ jetzt im September 2011. Das ziemlich böse Buch spielt im Nachkriegsdeutschland und zu weiten Teilen in Frankfurt. Diese Stadt beschrieb Ross Thomas nach einem Besuch der Buchmesse in den 1980ern in der „Washington Post“ folgendermaßen: „Frankfurt was heavily destroyed in the war and looks like rebuilt by the US Army.“</p>
<p><em>Alf Mayer</em></p>
<p><span style="color: #993300;"><strong>Die Bücher von Ross Thomas</strong></span></p>
<p><span style="color: #993300;">Die alten Taschenbuchausgaben sind antiquarisch zu finden. Die Ross-Thomas-Edition im Alexander-Verlag bringt sorgfältige Neuausgaben als Klappenbroschur. Bisher erschienen:</span></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895811432/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895811432" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-35365" title="Die im Dunkeln" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/08/517BT6MHD4L._SL500_AA300_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a><strong>Die im Dunkeln (Ah, Treachery)</strong></p>
<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895811432/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895811432" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p><strong>Gottes vergessene Stadt (The Fourth Durango)</strong></p>
<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895811602/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895811602" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895812250/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895812250" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895811726/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895811726" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895811904/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895811904" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895812455/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895812455" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895811831/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3895811831" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p><strong>Der achte Zwerg (The Eight Dwarf; im September 2011)</strong></p>
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		<title>Ingrid Mylo: Krähenspäne</title>
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		<pubDate>Thu, 26 May 2011 17:50:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=31546</guid>
		<description><![CDATA[Nächtliche Briefe
So muss ein Gedichtband sein. Genauso. Das Papiergewicht 90 g/qm, Schleipen-Werkdruckqualität – jenes Papier, das sich immer wieder in Deutschlands schönsten Büchern findet. Als Schrift die Rialto df, die elegante Wiederbelebung einer venezianischen Tradition, Ergebnis der langjährigen Zusammenarbeit des österreichischen Meistertypographen Lui (Alois) Karner und seines italienischen Kollegen Giovanni de Faccio.
Es ist schön zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><a href="http://www.aquinarte.de/programm/prosa-dichtung-essay/?id=24" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-31620" title="kraehenspaene.200" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/kraehenspaene.200.jpg" alt="" width="200" height="324" /></a><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">Nächtliche Briefe</span></span></h5>
<p>So muss ein Gedichtband sein. Genauso. Das Papiergewicht 90 g/qm, Schleipen-Werkdruckqualität – jenes Papier, das sich immer wieder in Deutschlands schönsten Büchern findet. Als Schrift die Rialto df, die elegante Wiederbelebung einer venezianischen Tradition, Ergebnis der langjährigen Zusammenarbeit des österreichischen Meistertypographen Lui (Alois) Karner und seines italienischen Kollegen Giovanni de Faccio.</p>
<p>Es ist schön zu wissen, dass es dort oben in Kassel einen Verleger gibt, der weiß, was er tut, was Handwerk, Leidenschaft und Schönheitssinn angeht, der dabei aber nicht unbedingt wissen will, wie sich das alles wirklich lohnt – und es eben trotzdem tut. Weil er Respekt vor sorgsam gesetzten Worten hat. Meine Hochachtung.</p>
<p>Gedichte mögen sich schwer verkaufen – dieser Band übrigens ist ein Schnäppchen –, aber unsere Sprache braucht sie. Unser Lesen braucht sie. Wo sonst, im Zeitalter des Rauschens, Blätterns, Zappens und Flimmerns treten uns Worte noch so entgegen: wie wilde, scheue, schöne Tiere, verwunschene Wesen mit alter, ungeheurer Kraft und Zärtlichkeit, genauer als eine Waage, schärfer als eine Klinge, mal mit einer Feder in die Wolken geschrieben, mal wie in Stein gehauen – und oft mitten ins Herz getroffen.</p>
<p>Wer Ingrid Mylo kennt, die Autorin der legendären „<a href="http://www.strandgut.de/Kaffeeblueten/kaffee999.HTM">Kaffeeblüten</a>“, der weiß, dass sie manchmal nächtelang nach einem bestimmten Wort sucht, dass sie sich niemals mit einem schnellen Fund zufrieden gibt, dass sie sich höllisch ärgern kann, wenn irgendein Druckfehlerteufel an fertigen Sätzen kratzt. Diese 41 Gedichte haben lange gebraucht. Sehr lange. Sie werden lange bleiben. Sie sind ein Worte- und ein Leseglück.</p>
<p><em>Text: Alf Mayer</em></p>
<p><strong><em>Ingrid Mylo: Krähenspäne. Einundvierzig Gedichte.</em></strong><em><br />
 62 Seiten, handgebundene englische Broschur, € 17,00<br />
 <a href="http://www.aquinarte.de/programm/prosa-dichtung-essay/?id=24" target="_blank"> AQUINarte </a></em><em>Literatur- &amp; Kunstpresse, Kassel<br />
 E-Mail: asch@aquinarte.de</em></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/c9ab923f1a3249839f8684ba7a51686a" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Edith Kohn: Blutiger Handel / Michael Robotham: Todeswunsch</title>
		<link>http://www.getidan.de/kritik/alf_mayer/31537/edith-kohn-blutiger-handel-michael-robotham-todeswunsch</link>
		<comments>http://www.getidan.de/kritik/alf_mayer/31537/edith-kohn-blutiger-handel-michael-robotham-todeswunsch#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 May 2011 17:36:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=31537</guid>
		<description><![CDATA[Balkan statt Malediven
Bis 35 war sie Journalistin für große Blätter in Deutschland gewesen, sie galt als unerschrocken und äußerst zäh. Ihre Kontakte im In- und Ausland waren legendär. Doch das immerwährende mühevolle Recherchieren von Fakten, die dann in nur einer einzigen Veröffentlichung verglühten, hatte sie irgendwann nur noch gelangweilt. Ihre Reportagen hielten maximal eine Woche, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">Balkan statt Malediven</span></span></h5>
<p>Bis 35 war sie Journalistin für große Blätter in Deutschland gewesen, sie galt als unerschrocken und äußerst zäh. Ihre Kontakte im In- und Ausland waren legendär. Doch das immerwährende mühevolle Recherchieren von Fakten, die dann in nur einer einzigen Veröffentlichung verglühten, hatte sie irgendwann nur noch gelangweilt. Ihre Reportagen hielten maximal eine Woche, dann traten sie ihren Weg an in die verstaubte Welt der Archive. Sie wünschte sich Nachhaltigkeit. Sie wollte, dass ihre Arbeit Folgen hatte, dass sie zu etwas führte. Darüber hatte sie einmal mit dem Chef eines deutschen Geheimdienstes gesprochen und zu ihrer Überraschung kurz darauf ihren ersten Auftrag erhalten. – So stellt uns Edith Cohn ihre Heldin Lin Baumann vor, eine Privatdetektivin ohne Prüfung, „eine hervorragende Schützin mit reichlich Erfahrung im Combat-Schießen mit bewegten Zielen und mobilen Schützen“. Statt auf die Malediven geht es dank der Überredungskünste zweier Herren („Wie bereits gesagt, gehören wir zu einem Spezialbereich des Bundesnachrichtendienstes“) in den Kosovo, um dunkle Geldtransfers und bald noch Schlimmeres aufzuklären: Organhandel.</p>
<p>Ein kosovo-albanischer Barbesitzer „mit einem enormen Wissen über Waffen, einem durchtrainierten Körper und Glutaugen“ steht ihr dort zur Seite. Tariq. Ihr Seelenbruder. „Ein wilder Albaner, dachte Lin, als sie die Wanne verließ, um sich in den Laken trocken zu lassen. Tariq hatte schöne, sehnige Hände. Darüber schlummerte sie ein. Ihr Urlaub, die Malediven schienen wie weggeblasen.“<span id="more-31537"></span></p>
<p>170 Seiten und ein paar Tote später finden sie sich auf einem Bett. „Es war nicht nur der durchtrainierte Körper, der sie so anzog. Auch der heisere Klang seiner Stimme, der leichte Duft von Zitrone und Sandelholz, der ihn umgab, und die schläfrige Art, mit der er sich bewegte, vergrößerten nur ihre Sehnsucht. Verweile doch, du bist so schön! Lin konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, dass ihr ausgerechnet diese Zeile aus Goethes Faust einfiel…“</p>
<p>An einem anderem Ort, gefangen und mit Haube über dem Kopf, bringt die Erinnerung an Chopins Erstes Klavierkonzert in e-Moll, gespielt von Maurizio Pollini, einst in der „Alten Oper“ in Frankfurt gehört, einen gewissen Trost. Niveau halten ist durchgängig angesagt. „Es ist aus!“, wird dem Bösewicht zugerufen, der beim Festnahmeversuch brüllt: „Mir gehört hier der halbe Ort. Ich zerschneide hier, wen ich will, verstehen Sie?“ Worauf Lin ihm in den Fuß schießt. Bei aller action aber bleibt es eine feingeistig-sensible Heldin, die sich die Alt-Frankfurterin Edith Cohn, die heute in Berlin lebt, ausgedacht hat. Mir ist Lin Baumann nicht richtig ans Herz gewachsen, „Blutiger Handel“ hat bei allem Balkan-Lokalkolorit und aller Vor-Ort-Erfahrung der Autorin etwas von Salon-Krimi &#8211; Geschichten, die man beim Bundespresseball vom Chef eines Geheimdienstes erzählt bekommt. Aber es ist ein freies Land, auch für das Schreiben von Kriminalromanen. Und unterm Pflaster liegt immer noch der Strand.</p>
<p>Der Australier Michael Robotham, ehemaliger Journalist und Ghostwriter, ist, was Erzählperspektiven angeht, schon einige Bücher und Klavierkonzerte weiter. In seinem sechsten Buch „Todeswunsch“ („Bleed for Me“) schafft es der Vater dreier Töchter ganz ohne Peinlichkeiten, das Unabhängigkeitsbestreben von Teenagern zum Leitmotiv einer teilweise atemberaubenden Kriminalhandlung zu machen. Hauptfigur ist (endlich wieder) der an Parkinson erkrankte Psychologe Joe O’Loughlin, der sich nicht sicher ist, ob er sich ausgerechnet die frühreife Sienna Hegarty als beste Freundin für seine Tochter Charlie wünscht. Sienna taucht eines Abends blutüberströmt bei den O’Loughlins auf, an ihrer Kleidung klebt das Blut des ermordeten Vaters, sie hat ein starkes Motiv für die Tat und wird des Mordes angeklagt. Die Wahrheit aber ist eine ganz andere.</p>
<p><em>Text: Alf Mayer</em></p>
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 Goldmann Verlag, 511 Seiten, € 19,99.</em></em></p>
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		<title>Anachron</title>
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		<pubDate>Mon, 23 May 2011 17:45:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben mitten im Wohlstand und mitten in der Barbarei. Weder lässt sich das mehr trennen, noch kann man einen Punkt außerhalb auftun, der einen der Teilhabe an beidem enthebt. Diese heftige, kaltblütig vorgetragene Feststellung findet sich in einem der Eingangstexte der ersten Nummer der Zeit-Schrift „Anachron“, einem Projekt der beiden Schriftsteller Felix Hofmann und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir leben mitten im Wohlstand und mitten in der Barbarei. Weder lässt sich das mehr trennen, noch kann man einen Punkt außerhalb auftun, der einen der Teilhabe an beidem enthebt. Diese heftige, kaltblütig vorgetragene Feststellung findet sich in einem der Eingangstexte der ersten Nummer der Zeit-Schrift „Anachron“, einem Projekt der beiden Schriftsteller Felix Hofmann und Ingrid Mylo. Der Titel schon zeigt den Charakter der Inhalte an: Anachron ist die Kurzform von Anachronismus oder von anachronistisch. Also: unzeitgemäß, zeitwidrig. Oder: gegen die Zeit.<br />
 64 Seiten hat die erste Nummer. Die Texte sind sorgfältig gesetzt, nicht einfach aus einem Grafikprogramm auf die Seite „gelaufen“, wie es im Medienjargon heutzutage bei Zeitung und Zeitschriften heißt: „Lass mal den Text reinlaufen“, als handle es sich um Beton, der da in einen Trog fließen könne. Die „Anachron“-Seiten sind gestaltet, Satz und Typographie eine Wohltat. Da wusste jemand, was er tut und was er will, wie man ein Gedicht auf eine Seite setzt, eine Erzählung oder ein Traktat. Felix Hofmann hat früher in der Münchner „filmkritik“ (1957 – 1984) geschrieben, in der es nicht nur kluge Texte, sondern stets auch eine sorgfältige, schlichte und klare Gestaltung gab. Das weist auf eine weitere Parallele, nämlich „Die Republik“ des ehemaligen „filmkritik“-Autors Uwe Nettelbeck, die von 1976 bis 2008 erschien und es auf 125 Nummern brachte.<span id="more-31549"></span> <br />
 Auch „Anachron“ ist klar eine Piratenaktion. Da haben zwei freie Geister ihre schwarze Flagge gehisst und entführen uns Leser an fremde und gefährliche Gestade. „Schmach und Schande auf euch, ihr unterwürfigen Bastarde, mit euch ist nichts anzufangen“, begrüßt der Band seine Leser im ersten Satz. Denkverbote, faule Ausreden oder Scheuklappen gibt es nicht. Stattdessen Piratenschätze, Gedichte und Erzählungen, Poesie, Pastiches, Zitatmontagen, harte Prosa. Aphorismen, philosophisch zugespitzte Betrachtungen, Kondensate langer Beschäftigung mit einer Sache – zum Beispiel mit dem Fernsehen: „Ich habe 15 Jahre lang ferngesehen. Jetzt weiß ich alles. Alles übers Fernsehen, nichts von der Welt.“ Es geht um Glück und Neugier, Denken und Erkennen, um Schönheit und ewige Wahrheiten. Kino und Literatur kommt vor (ein großartiges Porträt des Portugiesen António Lobo Antunes), Philosophie und Politik. Kein Geplauder, keine gespreizten Federn. „Anachron“ bietet ehrliche Kopfspeise –  im Feuilleton sind solche Texte nicht zu finden. Sie würden alles andere dort entwerten, sind sie in ihrer Qualität und Durchdringungsgüte doch aus der Zeit, eben nicht für die schnelle Verwertung geschrieben, sondern lange abgehangen, verknappt, eingedickt. Konzentriert.<br />
 Auf jeder Seite, bei jedem Einstieg, den ein anfangs noch flüchtiger oder hektischer Leser wählt, tritt die Andersartigkeit der Texte zu Tage, wird das Lesen mehr und mehr zum Glück. Nicht von ungefähr entführt uns der Text „Was fehlt dir?“ in den Kosmos der utopischen Erzählung „Micromégas“ von Voltaire, die dem (Selbst-)Verlag des „Anachron“-Projekts den Namen gab. Uns Menschen, den „endlichen Wesen mit den unendlichen Ansprüchen“ fehlt immer etwas, heißt es da.</p>
<p><strong>Anachron gibt es nicht im Buchhandel, sondern ausschließlich unter der Email: </strong><a href="file://localhost/de/cgi/g.fcgi/mail/new"><strong>anachron@micromegas.de</strong></a></p>
<p><em>Text: Alf Mayer</em></p>
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		<title>Elmore Leonard, Ross Thomas, Robert B. Parker, Joe Gores</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Apr 2011 07:37:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Treffen alter Meister
Das kommt davon, wenn ein Autor mehr als 50 Bücher lang auf Superlative verzichtet, keine gülden angestrichenen Worte dengelt, auf Metaphern à la „ihre Haut schimmerte wie ein rosiger Pfirsich, den der Obsthändler für sich selbst zurücklegt“ pfeift und gänzlich unromantisch, ja staubtrocken und lakonisch schreibt. Man nimmt ihn und seine Art [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="font-style: normal;"><span style="color: #800000;"><a href="http://www.eichborn.de/buecher/kategorie/krimis/titel/road_dogs/" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-30073" title="road_dogs.300" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/road_dogs.3001.jpg" alt="" width="300" height="472" /></a>Ein Treffen alter Meister</span></span></h5>
<p>Das kommt davon, wenn ein Autor mehr als 50 Bücher lang auf Superlative verzichtet, keine gülden angestrichenen Worte dengelt, auf Metaphern à la „ihre Haut schimmerte wie ein rosiger Pfirsich, den der Obsthändler für sich selbst zurücklegt“ pfeift und gänzlich unromantisch, ja staubtrocken und lakonisch schreibt. Man nimmt ihn und seine Art als selbstverständlich, macht nicht viel Aufhebens, er tut es ja auch nicht. Selbst unter Freunden gerät man über ihn nur verhalten ins Schwärmen, die Urteile über ihn bleiben einfach, klar und einsilbig. „Der ist o.k., wirklich in Ordnung“, klingt da schon fast geschwätzig.</p>
<p>Solch ein Typ ist der Krimi-Autor <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Elmore_Leonard" target="_blank">Elmore „Dutch“ Leonard</a>. Er ist so cool, dass die Schafe IHN zählen, wenn er schläft. Sein erster Kriminalroman, „The Big Bounce“, erschien 1969 – seitdem hat er so gut wie jedes Jahr einen neuen Krimi vorgelegt, 44 sind es bisher, dazu noch Bücher anderer Genres. Reife Leistung für einen 86-Jährigen.</p>
<p>Gerade ist „Road Dogs“ in Deutschland erschienen, einige kriminelle Figuren früherer Bücher feiern darin ein Wiedersehen. Leonards jüngster Titel heißt „Djibouti“ und führt zu somalischen Piraten und den Bildern, die wir uns (mit Hilfe einer Filmregisseurin) von ihnen machen. 23 Leonard-Verfilmungen gibt es bislang, darunter „Schnappt Shorty“ mit John Travolta und Gene Hackman, zweimal schon „3:10 to Yuma“, Tarrantinos „Jackie Brown“, „Out of Sight“ mit George Clooney, dessen Figur Jack Foley  in „Road Dogs“ aus dem Gefängnis kommt,  oder „Cat Chaser“ &#8211; meine Lieblingsadaption. Zehn Drehbücher gehen offiziell auf ihn, mit dem Schreiben begann Leonard im Alter von zehn Jahren. Es war ein Theaterstück, das auf Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ basierte. Seine erste Erzählung, die Westerngeschichte „Die Spur des Apachen“, wurde 1951 gedruckt, sein erster Roman, ein Kopfjäger-Western, datiert auf 1953. Als er mit „Hombre“ 1961 den Preis der „Western Writers of America“ gewann, hängte er seinen Job als Werbetexter an den Nagel und wurde Schriftsteller auf eigenes Risiko. Der Durchbruch kam 1985, als der Krimi „Glitz“ zum Bestseller wurde. 58 war er, als er 1984 für „La Brava“ den „Edgar“ erhielt.<span id="more-28564"></span></p>
<p>Die Kritik nahm ihn nun wahr und seitdem gibt es den Streit, ob er überhaupt Kriminalromane schreibt. Seine Helden sind weder Privatdetektive noch Polizeiermittler, oft sind sie Gauner, Diebe, Durchs-Leben-Wurstler, schräge Vögel. Einen der wichtigsten Einwände gegen das Krimi-Etikett nennt Leonard selbst: Er haßt es geradezu, <em>plots</em> zu entwickeln. Er denkt sich keine Geschichte aus, er beginnt mit Personen und einem Ort. Die Charaktere, sobald sie einen Namen tragen (und sie haben Namen wie Jack Foley, Cundo Rey, Joe La Brava, Dawn Navarro, Maximum Bob, Chili Palmer, Max Cherry), fangen wie von alleine an zu leben. Leonard schickt sie auf Kollisionskurs. Manchmal wird das tough wie beim Showdown im Western, manchmal bizarr und komisch wie bei den Marx-Brothers, und manchmal beides gleichzeitig.</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/Elmore_Leonard.neu_.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-30078" title="Elmore_Leonard.neu" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/Elmore_Leonard.neu_.jpg" alt="" width="250" height="136" /></a>Leonard ist damit ein Geistesverwandter Simenons in seinen „non-Maigret-Romanen“, der immer wieder Charaktere beschrieb. Beide haben sie die Abneigung gegen alles Sentimentale und die vorurteilslose Liebe für kleine Leute und Gauner gemeinsam. Mögen bei Simenon die menschlichen Abgründe tiefer sein, bei den Dialogen ist Elmore Leonard der Großmeister. Sein Ohr ist auf Bordsteinhöhe (früher hätte man das „die Gosse“ genannt). Weite Teile seiner Romane bestehen aus direkter Rede, der Dialog erzählt die Story. Wenn seine Leute den Mund öffnen, reden, quasseln, tönen, flüstern, flöten, schwatzen, plaudern, erzählen, erfinden, verraten oder fragen, schauen wir ihnen in Herz und Seele. Nur beschränkt geht es bei Leonard um Gut gegen Böse. Alle sind mehr oder weniger Verlierer „on the take“. Jeder will aufs Trockene. Alles ist ein mehr oder weniger ernstes Spiel in einer Welt ohne Spielregeln, die Gedanken kreisen immer wieder um den einen Satz: „What is my next move?“ Was mache ich als nächstes? Wie komme ich da raus?</p>
<p>Elmore Leonard beschreibt das mit milder Nachsicht, von keiner höheren moralischen Warte aus. Als den „Dickens von Detroit“ hat ihn einmal ein Kritiker tituliert, andere als den „amerikanischen Balzac“. Ihn interessiert das heruntergekommene Amerika, der schal gewordene Traum, daß dort jeder sein Glück machen könne. Das erzählt er immer wieder, unromantisch, unheroisiert. Mal sind es Gewinner-, mal Verliererstories. „Gesessen zu haben“, das ist bei ihm das Äquivalent einer Oxford-Erziehung – insofern also hier noch einmal der Hinweis auf „Road Dogs“, wo der Held, ein vielfacher Bankräuber aus dem Gefängnis und gleich ins Schlamassel kommt.</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/thomas-ross.150.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-30056" title="thomas-ross.150" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/thomas-ross.150.jpg" alt="" width="126" height="184" /></a>Dass „Road Dogs“ bei Eichborn als Hardcover und in solider Übersetzung erscheint, ist Zeichen für eine – jenseits alles Un- und Blödsinns – stabilisierte Kultur der Kriminalliteratur in diesem unseren Land. Meist freilich sind es kleine Verlage, die bei höchstem Risiko das Richtige, Mutige und Markante tun. Der Berliner Alexander-Verlag zum Beispiel arbeitet unermüdlich an einer Werkausgabe des 1995 verstorbenen Thrillerautors <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ross_Thomas" target="_blank">Ross Thomas.</a> 2010 gab es so in Deutschland erstmals ungekürzt den „Yellow-Dog-Kontrakt“ zu lesen, einen bösen Gewerkschafts-Krimi, 1978 verstümmelt als „Geheimoperation Gelber Hund“ verhunzt. Im März erscheint als neunter Band  der verdienstvollen, kommentierten Werkausgabe „Kälter als der Kalte Krieg“ (The Cold War Swap), für den Ross Thomas 1966 den „Edgar“ erhielt. Die, sagen wir, CIA-Mitarbeiter McCorkle und Padillo führen darin eine Kneipe in Bonn – eine mehr als schräge Sache. Ich warte auf die Neuauflage von „Der achte Zwerg“, hauptsächlich in Frankfurt angesiedelt, in dem ein paar toughe jüdische KZ-Überlebende im Ruinen-Deutschland Nazis jagen &amp; töten und damit auch den USA in die Quere kommen.</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/594px-Robert_1501.jpg" target="_blank"><img class="alignright size-full wp-image-30054" title="594px-Robert_150" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/594px-Robert_1501.jpg" alt="" width="135" height="92" /></a>Vor einem Jahr, am 18. Januar 2010, starb <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Parker" target="_blank">Robert B. Parker</a> – seinen letzten Roman mit dem lakonischen Privatdetektiv Spenser, „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies), hat keiner der Großverlage im Programm, für die ist Parker seit Jahren totes Holz. Es ist der Bielefelder Pendragon Verlag, der sich vorbildlich um diesen Altmeister kümmert, und nun schon das sechste Parker-Buch vorlegt. Bravo.</p>
<p><a href="via http://www.thrillingdetective.com/trivia/gores.html" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-30052" title="joe_gores.180" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/joe_gores.180.jpg" alt="" width="162" height="120" /></a>Was halten Sie vom Zufall? Wie kein anderer Autor beschäftigte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Joe_Gores" target="_blank">Joe Gores</a> sich mit Dashiell Hammett, dem Begründer des modernen Kriminalromans. Sein „Hammett“ von 1975 wurde zur Vorlage für Wim Wenders’ filmische, hierzulande untergegangene Hommage von 1982, von Coppola produziert, beinahe eingestampft und von Ross Thomas als Drehbuchautor des Nachdrehs aufpoliert. &#8220;Hammett&#8221; ist ein Buch über einen Autor, der ein Buch schreibt, Joe Gores zeigt dem Leser den Entstehungsprozeß von Hammetts Hauptwerk „Rote Ernte&#8221;. Joe Gores, zwölf Jahre selbst aktiver Privatdetektiv, schrieb auch viel fürs Fernsehen, für „Kojak“ „Magnum“, „Columbo“, „Remington Steele“. Sein 17. und letztes Buch war 2009 „Spade &amp; Archer“, die erfundene Vorgeschichte des „Malteser Falken“ (in Deutschland noch ohne Verlag). Joe Gores, der drei Mal den „Edgar“ für den besten Kriminalroman des Jahres erhielt, starb am 10. Januar 2011 – auf den Tag genau 50 Jahre nach Dashiell Hammett. Ein Zufall?</p>
<p><em>Text: Alf Mayer</em></p>
<p><em>Bilder-Quelle:</em></p>
<p><em>Robert B. Parker (Manchester (N.H.) Library)</em></p>
<p><em>Joe Gores (</em><a href="http://www.thrillingdetective.com/trivia/gores.html" target="_blank"><em>via thrillingdetective</em></a><em>)</em></p>
<p><em>Elmore Leonard (MDCarchives)</em></p>
<p><em>Ross Thomas (</em><a href="http://www.alligatorpapiere.de/Ross-thomas-schaefer.html" target="_blank"><em>via alligatorpapiere</em></a><em>)</em></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/c9bf216e100b4630a542b92fdf7e1b38" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Deutscher Krimi Preis 2011 und die besten Kriminalromane 2010</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Apr 2011 20:34:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[
Spannung tanken
 
Leser von Kriminalromanen zählen zu den Viellesern. Da wird ausgeliehen, getauscht, auf Ebay ersteigert, den öffentlichen Bibliotheken entnommen oder schnell im Buchladen gekauft. Die Stapel dort, handelte es sich um unverkäufliche Ware, wären nicht so handschmeichlerisch hoch, die Kriminalromane nicht vielerorts an den prominenten Verkaufsplätzen einer Buchhandlung positioniert. Crime sells, Verbrechen verkauft sich.
Hm. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3518462008/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3518462008  " target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-29055" title="winslow-tage-der-toten280" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/winslow-tage-der-toten280.jpg" alt="" width="168" height="269" /></a></strong></p>
<h5><strong><span style="font-style: normal;"><span style="font-weight: normal;"><span style="color: #800000;">Spannung tanken</span></span></span><span style="font-weight: normal;"><strong><br />
 </strong></span></strong></h5>
<p>Leser von Kriminalromanen zählen zu den Viellesern. Da wird ausgeliehen, getauscht, auf Ebay ersteigert, den öffentlichen Bibliotheken entnommen oder schnell im Buchladen gekauft. Die Stapel dort, handelte es sich um unverkäufliche Ware, wären nicht so handschmeichlerisch hoch, die Kriminalromane nicht vielerorts an den prominenten Verkaufsplätzen einer Buchhandlung positioniert. Crime sells, Verbrechen verkauft sich.</p>
<p>Hm. Grummel. Hm. Kritiker haben das nicht so gerne. Irgendwie gilt als Ausweis von Kunst immer noch, daß sie schlecht verkäuflich ist – und der Kritiker ihr in der warenfreien (wahren freien?) Welt des fast zweckfreien Seins wenn schon nicht Penunzen, so doch Ruhm und Adel zuspricht, geldscheinfrei. Also in hehrester Absicht. Ich merke, ich habe immer noch nicht vergessen, wie es denn vor zwei Jahren als quasi kulturelles Sittlichkeitsdelikt dargestellt wurde, daß der Suhrkamp-Verlag – nein, nicht nach Berlin umzieht, das auch eine Schweinerei, aber noch viel schlimmer, daß er – künftig auch KRIMINALROMANE herausbringen würde. Die Suhrkamp-Ankündigung, vorerst sechs (in Worten sechs) solcher Un-Bücher auf den Markt zu bringen, wurde von der Kritik aufgenommen, als würde ein Futtermittelhersteller-Schwein im vollen Schweinwerferlicht ein paar Stäubchen Dixion zu verteilen. <br />
 Diese sechs noch gar nicht in Handel und Verzehr gelangten Bücher machten zwar nur ein (in Worten ein) Prozent der jährlichen Suhrkamp-Titel aus, wurden aber wie Giftstoff für die ganze Kultur der Republik behandelt. „Die aufgeschäumten Reaktionen des deutschen Feuilletons zeigen“, so schrieb ich damals an dieser Stelle, „wie weit Kriminalromane auch 2009 noch von der Hochkultur entfernt gehalten werden. Immer noch sind sie Schmutz und Schund, ein Vergnügen nur der niedrigen und dümmeren Stände.“ Die Tanten-Zeitung „Zeit“ titelte damals „Unternehmen Mimikry“ zu der Affäre und warnte in der Unterzeile: „Der Suhrkamp Verlag schleicht sich auf den Krimimarkt.“ Fazit: „Todsicher war bisher, daß der Suhrkamp Verlag für hohe Literatur steht. Das soll sich jetzt ändern.“ Die „Süddeutsche“ konstatierte: „Der Main wird kälter“. Das Verdikt: „Wer die sechs Pilot-Bände auch nur von ferne“ betrachte, erkenne in der „grellen Reihe …die Sehnsucht nach Erlösen… jenseits der eigenen Backlist“. Suhrkamp sah die SZ künftig „in den Buchabteilungen der großen Kaufhäuser und an den Tankstellen“.<span id="more-28566"></span></p>
<p>Wie gut, daß auch Kritiker manchmal auftanken. Oder waren es Kaufhäuser, in denen die Exemplare über den Tisch wanderten, die folgendes Ergebnis brachten: Bester Krimi des Jahres 2010 ist Don Winslows „Tage der Toten“. Erschienen im, schlag mich tot, Suhrkamp-Verlag. Der hat nun, man kann es nicht länger unter der Ladentheke verbergen, allmählich doch ein recht ordentliches Krimi-Programm. Meinen die Kritiker.</p>
<p>Und wie soll ich jetzt die Kurve kriegen, daß es auch Kritiker mit einer einigermaßen justierten Wasserwaage gibt? Trauen Sie niemals dem Kritiker, schießen Sie lieber auf den Pianisten. Hier folgt, was Krimi-Kritiker, Warenhausverkäuferinnen und Tankwarte als die besten Kriminalromane des Jahres 2010 empfehlen.</p>
<p>Den Vortritt hat der „Deutsche Krimi-Preis 2011“, nicht weil es ihn seit 26 Jahren gibt und ich zu den 28 Juroren gehöre, sondern weil die Urteile über all die Jahre und Krimi-Wellen eine geradezu salomonische Qualität aufweisen. Es folgt sodann die „KrimiBestenliste 2010“, die von 17 Kritikern ermittelt wird. Suchen Sie sich aus, was Ihnen davon auf Anschein gefällt, was Sie neugierig macht. Es ist ein freies Land – in dem es längst noch nicht an allen Tankstellen Kriminalromane gibt.</p>
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<p><strong><span style="color: #800000;">Deutscher Krimi Preis 2011:</span></strong></p>
<p><strong>National:</strong></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3499252651/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3499252651  " target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-29060" title="die.stunde.des.schakals" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/die.stunde.des_.schakals.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a></p>
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<p>1. Platz:</p>
<p>Bernhard Jaumann: Die Stunde des Schakals (Kindler)</p>
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<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3499252651/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3499252651" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3865322026/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3865322026" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-29061" title="der.auserwählte.300_" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/der.auserwählte.300_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>2. Platz:</p>
<p>Frank Göhre: Der Auserwählte (Pendragon)</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3865322026/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3865322026" target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p><br class="spacer_" /></p>
<p>3. Platz:</p>
<p>D. B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis (dumont)</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3832195378/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3832195378  " target="_blank">amazon</a> kaufen</p>
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<p><strong>International:</strong></p>
<p>1. Platz: Don Winslow: Tage der Toten (Suhrkamp)</p>
<p>2. Platz: Josh Bazell: Schneller als der Tod (S.Fischer)</p>
<p>3. Platz: Dominique Manotti: Letzte Schicht (Argument)</p>
<p>4. Pete Dexter: God’s Pocket (Liebeskind)</p>
<p>5. James Ellroy: Blut will fließen (Ullstein)</p>
<p>6. Josh Bazell: Schneller als der Tod (S.Fischer)</p>
<p>7. David Peace: Tokio, besetzte Stadt (Liebeskind)</p>
<p>8. Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers (Unionsverlag)</p>
<p>9. Roger Smith: Blutiges Erwachen (Tropen bei Klett-Cotta)</p>
<p>10. Thomas Willmann: Das finstere Tal (Liebeskind<strong>)</strong></p>
<p><em>Text: Alf Mayer</em></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/1d58cb8bf9c3496fb482923c48c942ca" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		<title>Peter Temple: Wahrheit</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Apr 2011 07:39:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[
Nichts als die Wahrheit
„Sind wir fertig?“, sagte Koenig „Ich bin ein beschäftigter Mann.“
„Wir sind nicht fertig, nein, keineswegs“, sagte Villani. „Aber wir können dieses Gespräch auch unter anderen Umständen durchführen.“
„Heißt das, wir können das hier machen oder auf dem Revier? Was für ein Klischee.“
„Das ist unser tägliches Brot“, sagte Villani.
„Ich bin ein Staatsminister, haben sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_28720" class="wp-caption alignleft" style="width: 220px"><a href="http://kiwicrime.blogspot.com/2010/06/australian-crime-novelist-wins.html" target="_blank"><img class="size-full wp-image-28720 " title="Peter_Temple.210" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/04/Peter_Temple.210.jpg" alt="Peter Temple" width="210" height="242" /></a><p class="wp-caption-text">Peter Temple</p></div>
<h5><span style="font-style: normal;"><span style="color: #800000;">Nichts als die Wahrheit</span></span></h5>
<p><em>„Sind wir fertig?“, sagte Koenig „Ich bin ein beschäftigter Mann.“</em></p>
<p><em>„Wir sind nicht fertig, nein, keineswegs“, sagte Villani. „Aber wir können dieses Gespräch auch unter anderen Umständen durchführen.“</em></p>
<p><em>„Heißt das, wir können das hier machen oder auf dem Revier? Was für ein Klischee.“</em></p>
<p><em>„Das ist unser tägliches Brot“, sagte Villani.</em></p>
<p><em>„Ich bin ein Staatsminister, haben sie das begriffen, Detective?“</em></p>
<p><em>„Ich bin ein Inspector. Vom Morddezernat. Habe ich das nicht erwähnt?“</em></p>
<p>In einem exklusiven Appartement in den Docklands von Melbourne liegt die Leiche einer übel zugerichteten jungen Frau, einer Prostituierten. Der Minister ist hoch verdächtig, er war der letzte Kunde, aber es wird über 470 Seiten brauchen, bis der Mörder wirklich ermittelt, die Wahrheit gefunden ist.</p>
<p>Die Wahrheit – wir sahen das gerade bei dem für jeden (der es sehen will) offenkundigen Internet-Nachweis des fassungslos machenden Guttenberg-Mega-Plagiats – hat nichts Triumphales, sie kann schäbig sein. Peinlich. Oder bitter. Mit Nachgeschmack. Besonders, wenn sie zu spät zu ihrem Recht kommt.<span id="more-28562"></span></p>
<p>Es ist ein großes Wort, das der erfahrene Schriftsteller Peter Temple als Titel seines neunten Romans gewählt hat. Wahrheit, das ist eine altmodisch große, eine altmodisch moralische Fragestellung. Eigentlich ist es die Ur-Überschrift aller Kriminalromane, der Kern, um den alle seriöse – auch schriftstellerische &#8211; Ermittlung und Erkundung kreist.</p>
<p>Inspector Stephen Villani, eine Nebenfigur in Temples großartigem Buch „Kalter August“ (Goldmann Verlag, 2008), steht hier im Mittelpunkt. Seine Ehe ist zerrüttet, die Tochter auf schiefer Bahn und zusehends entfremdet, eine Affäre mit einer Journalistin nicht richtig hilfreich, die Kollegen unterschiedlich loyal oder gar verfeindet, die Beziehung zum Vater und zu den Brüdern kompliziert, das Jobangebot eines reichen Mannes beleidigend, weil der damit sein Schweigen kaufen will, die Welt eben kein Zuckerschlecken – und dann dieser Mordfall, der den Mächtigen, Reichen und Zynischen der zweitgrößten australischen Stadt peinlich und lästig ist.</p>
<p><em>„Man will nicht, daß irgendeine Nuttengeschichte ein Multimillionen-Dollar-Projekt beschädigt, ein Vorzeigeprojekt, ein Kronjuwel dieses Bezirks.“</em></p>
<p><em>Villani sah weg, auf die Leute, die sich über die teuren Häppchen, den französischen Champagner hermachten.</em></p>
<p><em>„Man findet jeden Tag tote Schlampen, stimmt’s, Inspector?“</em></p>
<p><em>Villani hörte zu.</em></p>
<p><em>„Hundescheiße an den Schuhen der Gesellschaft.“</em></p>
<p><em>Das schöne Mädchen in dem Badezimmer im Tower-Appartment, die offenen Handflächen, das gebrochene Genick, immer und immer wieder nach hinten gerissen, bis der Mann hinter ihr die Befriedigung fand, die er suchte, dachte Villani.</em></p>
<p>Mit den Inhaltsstoffen eines Romanes zu überzeugen versuchen, das hat immer etwas von einer 50:50-Chance. Es springt entweder ein Interessensfunke über oder es wurden nur Belege dafür geliefert, dass dieses Thema doch bitte gar nicht von Interesse sei. Peter Temple aber ist kein Autor aus der zweiten oder dritten Reihe, seine Romane gehen nicht &#8220;über ein Thema&#8221;, sie schürfen in der Gegenwart unserer geldbestimmten, arbeitsteiligen, in vieler Hinsicht korrupten  Welt, begreifen ihre Protagonisten als soziale Wesen mit Familie und Wünschen und Defiziten. Temple hat auch ein Verstehen davon, was ein Organisationsapparat wie die Polizei mit den Menschen anstellt, die für ihn arbeiten, was eine Arbeit wie die der Polizisten mit den Menschen macht, die sich ihr aussetzen und sie gut machen wollen.</p>
<p>Gerechtigkeit für die Toten. <em>&#8220;Wir sind die Einzigen, die ihnen Gerechtigkeit  verschaffen können. Das ist unser Auftrag. Das ist unsere Berufung&#8221;</em>, sagt ein alter Inspector. Und an anderer Stelle:</p>
<p><em>&#8220;Wenn das Mitgefühl dich verläßt, mein Junge, dann ist es Zeit, aufzuhören. Dann hast du aufgehört ein richtigerMensch zu sein.&#8221;</em></p>
<p>Wer Kriminalromane als „painting by numbers“ versteht, als mäßig kluge Rätsel, bei denen es für eine Lösung &#8220;nur&#8221; die Punkte zu verbinden gilt, der wird bei Peter Temple nicht fündig. Weder in der Komplexität seiner Welt noch bei seinem Stil – der in seiner partiellen Stakkatohaftigkeit, seiner entschlackten Sprache und der Radikalität, Konflikte genau zu benennen, beim Lesen manchmal den Atem stocken lassen kann. Für mich war das Leseerlebnis von &#8220;Wahrheit&#8221;, wie von einem Schmiedehammer getroffen zu werden, ein tiefes Innehalten dann beim Zuklappen der Deckel &#8211; und das Wissen, daß dies ein Buch ist, das man wieder lesen wird.</p>
<p>Es ist etwas Universelles, woran Peter Temple bei seiner Erkundung des moralischen Grundes unserer Gesellschaft rührt. Gleichzeitig ist sein Buch auch das präzise Porträt einer Stadt (Melbourne), eines Landes (Australien) und eines Sommers, in dem die Buschfeuer wüteten.</p>
<p>Dieser Ansicht bin nicht nur ich (von der privaten, kleinen Empirie eines längeren Melbourne-Aufenthaltes gestützt) und ist nicht nur die australische Presse. Peter Temple, der 1977 im Alter von 32 aus Südafrika einwanderte, ist der erste Kriminalschriftsteller, der mit dem prestigeträchtigen <em>Miles Franklin Award</em>, den australisch höchstmöglichen literarischen Weihen ausgezeichnet wurde: für seinen Roman &#8220;Wahrheit&#8221;. Bei der Preisübergabe scherzte Temple, daß der erste <em>Miles-Franklin</em>-Preisträger, der Nobelpreisträger Patrick White (&#8220;Voß&#8221;), es sich wohl nie hätte träumen lassen, dass eines Tages ein Kriminalroman als literarisches Werk gepriesen werden würde.</p>
<p>Wenn man die Wahrheit sucht, meint Peter Temple, wird man eine ganz andere finden, als die erwartete. Wenn es dabei eine Wahrheit gibt, dann wird es eine der Gefühle sein. Dabei kommt es nicht auf das Detail an, sondern auf die Tatsache, daß sie zu dir gesprochen hat. Dass du verstanden hast, worum es geht.</p>
<p><em>Text: Alf Meyer</em></p>
<p><em>Bild: Peter Temple <a href="http://kiwicrime.blogspot.com/2010/06/australian-crime-novelist-wins.html" target="_blank">(</a></em><em><a href="http://kiwicrime.blogspot.com/2010/06/australian-crime-novelist-wins.html" target="_blank">Bildquelle)</a></em></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Die Romane Peter Temple:</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Bad Debts (1996)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">An Iron Rose (1998)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Shooting Star (1999)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Black Tide (1999)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Dead Point (2000)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">In the Evil Day/ Identity Theory (2002)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">White Dog (2003)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">The Broken Shore (2005, Kalter August, 2008)</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Truth (2010, Wahrheit 2011)</span></em></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/8eb5453d1ecb45debfa9b6fa4bd7ed00" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Vom Wert der Arbeit</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Jan 2011 02:05:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alf Mayer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[
 
AUF DEM WEG IN EINE ANDERE REPUBLIK
Was ist der Wert der Arbeit? Klar ist, er wird mit unterschiedlichem Maß gemessen. Die sogenannte Elite sahnt ungeniert ab, während die Löhne gedrückt werden, die Realeinkommen sinken und die Arbeit unsicherer wird. Niedriglöhne beuten die Arbeitskraft aus &#8211; und zugleich das Sozialsystem. Leiharbeiter gehen mit deutlich weniger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="font-family: Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif; font-size: small;"><span style="font-style: normal; line-height: 18px; text-transform: none;"><span style="font-family: Verdana, Arial, Helvetica, Sans, FreeSans, Jamrul, Garuda, Kalimati; color: #808080;"><span style="line-height: 19px; text-transform: uppercase; font-size: x-small;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/arm-trotz-arbeit3.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-20014" title="arm trotz arbeit" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/arm-trotz-arbeit3.jpg" alt="" width="646" height="732" /></a><br />
 </span></span></span></span></h5>
<p><span style="font-family: Verdana, Arial, Helvetica, Sans, FreeSans, Jamrul, Garuda, Kalimati; line-height: 19px; color: #800000; font-size: 15px; text-transform: uppercase;">AUF DEM WEG IN EINE ANDERE REPUBLIK</span></p>
<p><strong>Was ist der Wert der Arbeit? Klar ist, er wird mit unterschiedlichem Maß gemessen. Die sogenannte Elite sahnt ungeniert ab, während die Löhne gedrückt werden, die Realeinkommen sinken und die Arbeit unsicherer wird. Niedriglöhne beuten die Arbeitskraft aus &#8211; und zugleich das Sozialsystem. Leiharbeiter gehen mit deutlich weniger Geld nach Hause als ihre Stammkollegen, „atypische Beschäftigung“ macht schon 22 Prozent aller Arbeit in Deutschland aus. Das sind 7,7 Millionen Menschen, um die Dimension klar zu machen. Immer mehr Befristungen, Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, Dumpinglöhne &#8211; und am Horizont die zunehmende Altersarmut.</strong></p>
<p>Arbeitsmärkte und Arbeitsverhältnisse wurden in den letzten 20 Jahren immer mehr flexibilisiert, Eine Belohnung für Mobilität und Unsicherheit aber gibt es für die Beschäftigten nicht, statt dessen nur die Angst um den Arbeitsplatz als Zulage. Beschäftigte werden eingeschüchtert, zum Kuschen gebracht. Der Schriftsteller Günter Wallraff spricht von „psychologischer Kriegsführung“ und zählt auf: „Urlaubsgeld, Krankengeld, Rentenzahlungen: alles überflüssige Kosten, der reinste ‚Sozialklimbim’. Nicht einmal Heuern und Feuern ist mehr nötig. Nein, das Menschenmaterial wird einfach zeitnah und konfliktfrei angemietet, wie ein Presslufthammer, eine Hebebühne oder ein Kleinlaster.“ Diese Sätze stehen in Wallraffs Vorwort zu dem erschütternden Buch „Arm durch Arbeit. Ein Undercover-Bericht“, für das sich Autor Markus Breitscheidel eineinhalb Jahre am Existenzlimit durchschlug.</p>
<p>Langjährige Mitarbeiter werden wegen Bagatellen wie Brötchen, Flaschenpfand, Maultaschen oder Essensmarken gefeuert, während das Strafverfahren wegen einer Überweisungs-Panne von 320 Millionen Euro der KfW-Bankengruppe eingestellt wird und Milliarden-Pfuscher hohe Abfindungen erhalten. Die Politik schaut zu, wie Firmen die Minijob-Gesetze ausnutzen, um reguläre Stellen in schlechter bezahlte Job aufzusplittern. Ein Arbeitsleben mit Niedriglohn reicht nicht für die Rente, das wissen alle. Dennoch wird dieser Sektor weiter ausgebaut und der Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit darf sich über „neue Rekordzahlen in greifbarer Nähe“ freuen.</p>
<p><strong>Aus der Mottenkiste</strong></p>
<p>Die Mottenkiste des Kapitalismus aus dem 19. Jahrhundert ist wieder geöffnet. Neu sind nur die Namen. Rechtlose Lohnsklaverei heißt heute Flexibilisierung, Scheinselbständigkeit, Leiharbeit oder befristete Beschäftigung. Hungerlöhne liegen neutral im Niedriglohnbereich und die sozial ungeschützten geringfügig Beschäftigten sind Minijobber. Die fast kostenlose Zwangsarbeit von Erwerbslosen klingt harmlos als 1-Euro-Job. Qualifizierte junge Menschen schuften in überlangen, oft unbezahlten sogenannten Praktika. Fast ein Viertel der jungen Erwachsenen lebt mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze. Sie können keine Familien gründen, keine Häuser bauen, keine Zukunft planen, für kein Lebensrisiko vorsorgen. Nur noch jede dritte offene Stelle ist heutzutage eine unbefristete Vollzeitstelle (ganze 36 Prozent). Die neuen tollen Namen ändern nichts an der alten Tatsache: Hier wird die Arbeitskraft von Menschen ausgebeutet. Hier werden reguläre, sozial abgesicherte Arbeitsverhältnisse vernichtet – und die Sozialsysteme ausgehöhlt.</p>
<p>Der Kampf um Mindestlöhne und Mindeststandards ist zäh und bitter. Nicht in allen Branchen freilich sind die Gewerkschaften gut aufgestellt. Die IG BAU war mit dem Baugewerbe Vorreiter mit dem Mindestlohn in Deutschland. Mittlerweile haben ihn Dachdecker, Gebäudereiniger, Maler und Lackierer. Es gibt ihn inzwischen auch in der Abfallwirtschaft und für Wäschereidienstleister. Die IG Metall will ihn im Elektrohandwerk, in Arbeit sind Abbruch- und Abwrackgewerbe, Sicherheitsdienste, Briefdienste, Aus- und Weiterbildung, Pflegebranche, Einzelhandel und Zeitarbeit.</p>
<p>Die IG BAU strebt als Lohnuntergrenze für zukünftig von ihr zu verhandelnde Löhne und Gehälter 8,50 Euro je Stunde an. Ältere Tarifabschlüsse, die (noch) darunter liegen, sollen stufenweise höher geführt werden.</p>
<p><strong>1,79 Euro Stundenlohn</strong></p>
<p>Ein Stundenlohn von 1,79 Euro in Deutschland in der Gebäudereinigung? Er war Realität für etwa 40 Beschäftigte, die auf Autobahnraststätten und Autohöfen Toiletten und Duschen reinigen mussten. Ist solch ein Skandallohn strafbar oder ist das nur eine Ordnungswidrigkeit? Dazu wird nun ein Urteil mit bundesweitem Grundsatzcharakter vom Landgericht Magdeburg erwartet. Dort wird die Anklage gegen einen Unternehmer nun schon in dritter Instanz verhandelt, der alleine die Versicherungsträger um mindestens 100.000 Euro geschädigt haben soll. Die ausgebeuteten Arbeitnehmer aus der früheren Sowjetunion mussten in Zwölf-Stunden-Schichten Toiletten und Duschen sauber halten und bis zu 14 Tage am Stück arbeiten. Dafür erhielten sie 60 bis 300 Euro, elend weit unterhalb des Mindestlohns für Gebäudereiniger. Die Staatsanwaltschaft sieht den Tatbestand von Paragraf 266 a des Strafgesetzbuches erfüllt, er sieht für das „Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelten&#8221; bis zu fünf Jahren Haft vor. Zweimal schon scheiterte die Anklage vor Gericht. Sollte das Gericht jetzt anders entscheiden, müssten Arbeitgeber, die gesetzliche Mindestlöhne ignorieren, künftig mit Freiheitsstrafen rechnen. Bislang wird die Weigerung, allgemeinverbindliche Mindestlöhne zu zahlen, nur als läppische Ordnungswidrigkeit gewertet. Das Urteil ergeht voraussichtlich nicht vor dem 17. Juni, teilte das Gericht mit. (Inzwischen gibt es das Urteil, Bezahlung unterhalb des Mindestlohn in einer Branche, in der es einen solchen gibt, ist ein Straftatbestand.)</p>
<p>Der 17. Juni, das hat Symbolcharakter. Das war 1953 der Tag des Volksaufstandes in der Deutschen Demokratischen Republik. An über 400 Orten in Ostdeutschland, auf Großbaustellen und in über 600 Betrieben, protestierten über eine halbe Million Menschen gegen Obrigkeit und Politik. Einer der Protestgründe war die Erhöhung der Arbeitsnormen, für die es keinen Ausgleich geben sollte.</p>
<p>Ständig zunehmenden Arbeitsdruck, den gibt es auch noch heute. Auch er ist eine Form der Entwertung der Arbeit. Auch er ist eine Form der Ausbeutung und Menschenverachtung.</p>
<p><strong>Vorbild: Reinigungskräfte</strong></p>
<p>Wie viel Druck solch eine Behandlung von Menschen im Kessel machen kann, das mussten die Arbeitgeber im Gebäudereinigungshandwerk im Herbst 2009 überrascht zur Kenntnis nehmen. Sie hatten es nicht für möglich gehalten, dass ein Streik von prekär Beschäftigten, die um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen und meist verstreut in kleinen Trupps arbeiten, eine bundesweite Kraft entfalten kann. „Streiken Sie mal mit ihren paar Männekens, das fällt schnell zusammen“, hieß es arrogant in der Tarifrunde mit der IG BAU. Pustekuchen. Die Protestwelle rollte bundesweit. Zeitungen, Radiostationen und Fernsehsender berichteten ausführlich. Die Kommentatoren und die Öffentlichkeit nahmen für die Putzleute Partei. „Sauberkeit hat ihren Preis“, diesem Slogan konnten viele zustimmen. Und manchem Kunden wurde es mulmig dabei, in den Verdacht zu geraten, dass bei ihm mit Dumpinglöhnen geputzt wird. Die „Unsichtbaren“ gewannen so ihre Würde zurück und erzielten einen Tarifabschluss, der sich sehen lassen kann.</p>
<p>„Wir alle sind richtig stolz. Diese Streikerfahrung hat den Beschäftigten der Branche und der ganzen Gewerkschaftsbewegung richtig gut getan“, meint Frank Wynands, zuständiges Mitglied des Bundesvorstandes der IG BAU. In einem prekären Gewerbe erfolgreich zu streiken, das haben sich sogar Gewerkschaften aus dem Ausland näher angeschaut. Netto 25 Prozent mehr Gewerkschaftsmitglieder, trotz der hohen Fluktuation, verzeichnet die Branche in den letzten Jahren. Jetzt ist ein Zertifizierungssystem für Gute Arbeit im Entstehen. Es gibt Betriebe, in denen der Chef darauf achtet, dass seine Beschäftigten in der Gewerkschaft organisiert sind. Trotzdem freilich wird in der Branche weiter getrickst. Auch ein Ende der „Zitterverträge“ im Gebäudereinigerhandwerk ist längst noch nicht für alle Beschäftigten in Sicht. Mehr als die Hälfte der 860.000 Gebäudereinigerinnen und Reiniger hat nur Halbjahresverträge. Das erlaubt Heuern und Feuern nach Bedarf.</p>
<p><strong>Noch viel zu tun</strong></p>
<p>In 53 Handwerksberufen wurde vor sieben Jahren die Meisterpflicht abgeschafft. Seither kann jeder einen Betrieb eröffnen, sogar ohne Ausbildung. Bei den Fliesenlegern zum Beispiel führte das zu einer enormen Wettbewerbsverzerrung. Im Bereich der Handwerkskammer Saarland etwa gibt es jetzt 547 statt früher 175 Fliesenleger-Betriebe. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde haben sich die Fliesenlegerbetriebe vervierfacht. In Schleswig-Holstein stieg die Zahl der selbständigen Fliesenleger um 280 Prozent. Scheinselbständige als Ein-Mann-Betriebe bilden nicht aus. Ein Handwerk verkommt.</p>
<p>-Angestellte Hebammen verdienen etwa 1500 Euro brutto. Freie Hebammen in Deutschland kommen auf einen zu versteuernden Stundenlohn von durchschnittlich 7,50 Euro. Als sie Anfang Mai 2010 auf die Straße gingen, war das den meisten Zeitungen nur eine kleine Meldung wert. Es ist ja auch nur menschliches Leben, um das sie sich kümmern.</p>
<p><strong>Der Verrat an der Arbeit</strong></p>
<p>Eine Familie gründen und ernähren, die Zukunft bauen, das wird für immer mehr junge Menschen unmöglich. „Ich wohne mit 27 noch immer bei meinen Eltern, eine eigene Wohnung kann ich mir einfach nicht leisten“, sagt Sascha G., IG BAU-Mitglied und Facharbeiter im Obstbau aus Zwickau. „Ich verdiene 730 Euro netto im Monat. Wie soll ich da eine Familie gründen? Und das, obwohl ich eine dreijährige Ausbildung zum Facharbeiter im Obstbau gemacht habe. 5,30 Euro Stundenlohn gab es dann, und dabei bleibt es jetzt schon seit Jahren. Die Chefs reden von finanzieller Notlage, für neue Dienstwagen aber reicht es. Ich glaube, als Arbeitsloser würde ich günstiger wegkommen. Aber Hartz IV, das will ich mir nicht zumuten. Das wäre der volle Absturz.“</p>
<p>Sich in die Hängematte legen, das kommt für viele Menschen nicht in Frage. Sie kellnern am Abend, tragen frühmorgens Zeitungen aus, fahren als Kurier, jobben als Autowäscher, räumen Supermarktregale ein, haben zwei oder gar drei Putzstellen. Sie schuften und schuften, haben Zweit- und Drittjobs, und trotzdem reicht es vorne und hinten nicht. „Arme Arbeitende“ nennt man sie, in USA „working poor“. Der Verrat an der Arbeit („The Betrayal of Work“) heißt ein 2005 erschienenes Buch von Beth Shulman über den amerikanischen Niedriglohnsektor. Deutschland hat inzwischen mit solchen Verhältnissen gleichgezogen.</p>
<p><strong>„Die Sau rauslassen“</strong></p>
<p>Soziales Gewissen bei Regierenden und Wirtschaft, das ist, man muss es sagen, mancherorts schon bis ins Mark angefault. Im Bundestag und im Abgeordnetenhaus wurde (gerichtsnotorisch) zu Skandallöhnen geputzt. Wegen der Beschäftigung von scheinselbständigen Mitarbeitern im Besucherdienst des Bundestages, der Gästen „die Demokratie“ vorführt, musste der Bundesrat im Sommer 2009 an die gesetzliche Sozialversicherung nachzahlen – auf einen Gerichtsbeschluss hin. Die Länderkammer hatte erfolglos gegen eine solche Nachzahlung geklagt.</p>
<p>-In Niedersachsen wurde vom damaligen Regierungschef und derzeitigen Bundespräsidenten Wulf mit Aygül Özkan eine Managerin zur SOZIAL-Ministerin ernannt, die für den Postdienstleister TNT Arbeitsverträge unterhalb des Postmindestlohns durchgesetzt hatte. 20 bis 22 Tage Jahresurlaub, unbezahlte Mehrarbeit von bis zu zehn Prozent, unbezahlte Vorarbeiten wie „Zählung und Feinsortierung“, das waren „Arbeitsverhältnisse am Rande der Legalität“, so der Frankfurter Arbeitsrechtler Otto Ernst Kempen dazu gegenüber dem „Spiegel“.</p>
<p>-„Es geht nicht mehr darum, vorbildlich zu sein“, gab Reinhard Sprenger, „Deutschlands profiliertester Managementberater“, im Mai 2010 in seiner Kolumne im Manager-Magazin als neue Parole aus. „Vorbild a.D.“ lautete die Überschrift. „Raus mit der Manager-Sau“, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“ und illustrierte solches Führungsverhalten mit einigen aktuellen Beispielen. In den deutschen börsennotierten Unternehmen sind die Vorstandsgehälter seit 1987 um 648 Prozent gestiegen, die der leitenden Angestellten um 79 Prozent und die der Führungskräfte der zweiten Ebene um 83 Prozent. So die Unternehmensberatung Kienbaum.</p>
<p>-Selbst die wirtschaftsfreundliche „FAZ“ war fassungslos, als Anfang Mai 2010 bekannt wurde, dass Axel Wieandt, der nach nur 18 Monaten zurückgetretene Chef der Staatsbank Hypo Real Estate, sich in diesen 18 Monaten einen jährlichen Rentenanspruch von 237.450 Euro erworben hat. Wir Steuerzahler hatten die Bank mit über 100 Milliarden Euro retten müssen, sie hängt immer noch an unserem Tropf. Wieandt ist 46 Jahre alt, seine „Rente“, in dieser Gehaltsklasse „Ruhegeld“ genannt, steht ihm ab dem 60. Lebensjahr zu. Ex-Postchef Zumwinkel „verdiente“ sich eine monatliche Pension von 100.000 Euro, die er sich 2009 als 20-Millionen-Paket auszahlen ließ.</p>
<p><strong>Realität einer Floristin</strong></p>
<p>Dagegen der Monat einer Floristin aus Brandenburg. Die reale Person ist uns bekannt:</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/floristin1.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-20009" title="floristin" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/floristin1.jpg" alt="" width="630" height="562" /></a></p>
<p><strong>Welche Gesellschaft?</strong></p>
<p>Welche Welt und welche Gesellschaft wollen wir? Wollen wir China auch bei den Löhnen Konkurrenz machen? Wollen wir den Status als Exportweltmeister mit Dumpinglöhnen erkaufen? Wollen auch wir als Konsumenten immer alles billiger? Das zumindest kann sich jeder von uns bei jedem Einkauf fragen. „Die Schnäppchen der Discounter werden mit systematischen Verletzungen von Arbeitsrechten bei den globalen Zulieferern erkauft“, sagt Ingeborg Wick vom Südwind-Institut. Von den rund 2,5 Millionen Beschäftigten im Handel hat kaum noch die Hälfte eine Vollzeitstelle. Die Tätigkeiten werden aufgesplittert und möglichst viele ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt. Eine mittelgroße Edeka-Filiale, um ein Beispiel zu nehmen, kann so auf 80 Beschäftigte kommen, mit weniger als zehn Vollzeitkräften.</p>
<p>Die Gesellschaft in Deutschland driftet weiter auseinander. Es gibt immer mehr Reiche und mehr Arme. 1998 galten zwölf Prozent unserer Bevölkerung als arm, 2005 waren es schon 18 Prozent. 1998 war jedes zehnte Paar mit Kindern arm, 2005 schon jede fünfte Familie. 40 Prozent der Alleinerziehenden mit Kindern sind arm. 2008 lebte bereits ein Viertel der 19- bis 25-Jährigen unterhalb der Armutsgrenze. „Arm“ heißt: weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung zu haben. Niedriglohn, das beginnt bei 9,85 Euro (West) und 7,18 (Ost). Zukunftsvorsorge und gute Existenz sind damit nicht möglich.</p>
<p>Da ist es blanker Zynismus, wenn marktliberale und neoliberale Kräfte jetzt wieder propagieren „Es ist sozial, was Arbeit macht“. Was bitte ist ‚sozial’ daran, wenn Menschen in 1-Euro-Jobs gedrückt werden oder zu Hungerlöhnen arbeiten müssen? Eine Zukunft in Deutschland ist nur tragfähig, wenn möglichst viele Menschen einen eigenen Job haben, von dem sie ihren Lebensunterhalt auch tatsächlich bestreiten können – ohne staatliche Unterstützung. Alles andere ist unsozial.</p>
<p><span style="font-size: small;"><strong><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/wert-der-arbeit310.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-20064" title="wert-der-arbeit310" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/wert-der-arbeit310.jpg" alt="" width="310" height="155" /></a>Was kosten uns Niedriglöhne?</strong></span></p>
<p>Niedrige Löhne kommen der Gesellschaft auf Dauer sehr teuer. Sie bedeuten Steuerausfälle, weniger Geld in den Sozialkassen, Senkung der Renten – und mehr Abhängigkeit vom Staat. IG BAU-Frau Annelie Buntenbach, Mitglied des Geschäftsführenden DGB-Bundesvorstandes, sieht die „Sozialpolitik am Wendepunkt: Vom Sozialstaat zum Sozialhilfestaat“.</p>
<p>1,3 Millionen Erwerbstätige müssen derzeit trotz Arbeit noch Arbeitslosengeld II beantragen, weil ihre Löhne nicht zum Leben reichen. „Dumpinglöhne werden pro Jahr mit acht Milliarden Euro steuerlich subventioniert“, kritisiert Annelie Buntenbach. Sie sieht „die gesamte Infrastruktur des Sozialstaates in Frage gestellt“. Der neoliberale Gedanke, den die FDP ganz offen verkörpert, baut darauf, nicht nur die soziale Sicherung auf ein steuerfinanziertes Grundniveau zu drücken, sondern sich auch einen Teil der Lohnkosten von den Steuerzahlern zu holen, indem die Kombilöhne ausgeweitet werden. Die Arbeitgeber sollen möglichst wenig zum Sozialsystem beitragen müssen. Bei der Finanzierung der Gesundheitsausgaben sind die Arbeitgeber nur noch mit 38 Prozent beteiligt, obwohl die arbeitsbedingten Erkrankungen zunehmen.</p>
<p>Etwa 500.000 vollzeitbeschäftigte Geringverdiener übrigens verzichten auf staatliche Unterstützung. Sie lassen ihr geringes Entgelt nicht mit ergänzendem Arbeitslosengeld II „aufstocken“, obwohl es rechtlich möglich wäre.</p>
<p>Der DGB fordert, dass ein Lohnkostenzuschuss an die Arbeitgeber nur für Stundenlöhne ab 7,50 bzw. 8,50 Euro gezahlt werden soll.</p>
<p><em>Text: Alf Mayer</em></p>
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