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	<title>Lesen was klüger macht &#187; Florian Schwebel</title>
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		<title>Die Türen zum öffentlichen Raum</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Nov 2010 13:43:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Besonders interessant sind überall und immer die Unterhaltungen mit Stadtplanern und die mit Menschen, die für die Automobilindustrie arbeiten. Wer für die Automobilindustrie an pfiffigen Ideen für eine bessere Zukunft schmiedet, beispielsweise an Katalysatoren oder neuen Sicherheitssystemen, scheint offenbar vor dem Problem zu stehen, dass die jedes halbe Jahr wieder völlig für die Katz sind, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Besonders interessant sind überall und immer die Unterhaltungen mit Stadtplanern und die mit Menschen, die für die Automobilindustrie arbeiten. Wer für die Automobilindustrie an pfiffigen Ideen für eine bessere Zukunft schmiedet, beispielsweise an Katalysatoren oder neuen Sicherheitssystemen, scheint offenbar vor dem Problem zu stehen, dass die jedes halbe Jahr wieder völlig für die Katz sind, denn neue Autos sind schon wieder auf neuem Niveau; größer, böser und gefährlicher. Und angeblich wünschen sich die Autofirmen nichts mehr, als strenge neue bundesweite Gesetze, vor allem zum Tempolimit, die sie aus diesem Teufelskreis erlösen, und die sie vor ihren Shareholdern als Argument benutzen können, kleinere, bessere und ungefährlichere Autos zu bauen.<span id="more-16973"></span></p>
<p style="text-align: justify;">Und die Stadtplaner? Die würden angeblich nichts lieber tun, als der Allgemeinheit ganz viel öffentlichen Raum zurück zu schenken, aber müssen sich im Alltag damit herumschlagen, dass Menschen sich über Bushaltestellen vor ihrer Haustür und zu viele Bänke in ihrer Straße beschweren.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-17270" title="herbst" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/11/herbst.jpg" alt="" width="630" height="363" /></p>
<p style="text-align: justify;">Ein äußerst idealistischer Stadtplaner kann aber auch von einem Park in einer mittelgroßen deutschen Stadt erzählen. Dieser Park, das übliche verwilderte Stück Grün, mit verwilderten Hecken, morschen Rutschen und Spritzen im Gras, wurde vor einigen Jahren relauncht. Das Rennen machte dabei lange Zeit ein Entwurf, der eine Art Englischen Garten vorsah, ein Flanierparadies mit gepflegten Heckenschnecken, die verschlungene Paare versonnen an erlesenen Blumen vorbeiführen sollten. Aber einige Stadtverordnete äußersten Bedenken und setzten sich durch: es wurde ein Bolz- und Krabbelpark, und die einzige (entscheidende) Konzession vor dem Erlesenen waren hübsch designte, sauteure und völlig unbrauchbare modernistische Rutschen und Klettergerüste. Bei auch nur normalen schlechtem Wetter verirrt sich kaum jemand in diesen Park, ein paar tapfere Eltern vielleicht, mit grimmigen Gesichtern und Nachwuchs, und erst recht keine Paare, allerdings anlässlich von Rekordtemperaturen (und das kommt immer öfters vor), ist das Ding proppenvoll. Ihr werdet das aus anderen Parks kennen. Picknickdecken, Bongos, Slacklines, Tai-Chi, Wikingerklötzchen und Headis. Ein Paar Menschen mit Büchern, die sich bei dem Lärm ganz sicher nicht gut lesen lassen. Lachend toben Kinder durch das pralle und friedliche Leben, und man schluckt heiße Rührungstränen herunter, oder will zumindest nachsehen, ob man sich nicht doch in ein wirklich gutes Bilderbuch verirrt hat. Natürlich kauern auch ein paar gescheiterte Gestalten in den Ecken und brüllen ihre Einkaufstüten an, und natürlich werden sie von Tag zu Tag mehr. Aber der Rest ist Idylle. Bis auf die fehlenden Paare, die im krassen Kontrast zu Englischen Gärten keine Ecken und Winkel finden, in denen sie mit Drogen handeln könnten. Die Präsenz von Polizei, Ordnungsamt und privaten Sicherheitsdiensten wird außerordentlich diskret verstärkt. Es scheint sich eine neue Kultur des Parklebens herauszubilden, die Erfüllung vom Traum des „gelingenden Lebens“, wie es Funny van Dannen ironisch besingt. Und an sich ist dagegen, und das ohne jede Ironie, gar nichts zu sagen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der kleine Haken an der Sache liegt darin, dass diese Parks keine Nachbarschaftsparks sind, sondern Treffpunkte für informelle soziale Events. Und dass sie für die alltägliche Nutzung innerstädtischer Grünflächen – Hund ausführen, sich unter Bäumen küssen, etwas in frischer Luft lesen, unbeobachtet und gedankenverloren einen Spaziergang machen, der nicht in den nächsten Kleinwagen führt, und – in speziellen Fällen – selbst dafür, kleine Kinder rutschen zu lassen, völlig ungeeignet sind. Und dass sie beinahe die letzten verbliebenen öffentlichen Plätze darstellen, in deren Pflege investiert wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Nun sind oder waren öffentliche Plätze ein moderner Traum mit viel kürzerer Tradition, als wir manchmal denken. Selbst die öffentlichsten Plätze waren früher alles andere als wild und frei – Marktfrieden, Burgfrieden und der Kirchplatz waren gesichert. Geschäftsleute verfügten meist über den Platz vor ihren Geschäften, ob er zum Grundstück zählte oder nicht, solange der ihr begründetes Interesse tangierte. Die gesetzlose Straße galt als der Alptraum wie der belebte Hinterhof und beiden wollten ihre Anwohner gerne entkommen. Unsere Vorstellung vom Park ist, wie das Museum, das allgemein zugängliche Schwimmbad (das mehr und mehr verschwindet), und die von allen zu nutzende Bücherei (der es relativ gut geht, die aber um ihre Mittel kämpfen und bangen muss). Moderne Utopien, die von einem Bürgertum propagiert wurden, das von urbanem Leben ohne Seuchen träumte. In vielen unserer Nachbarländer waren die Parks trotzdem immer eingezäunt und abschließbar, und in Kalifornien ließ sich von aufrechten Kämpfern für die Allgemeinheit nicht einmal der allgemeine Zugang zum Meer durchsetzen. Heute ist dieser Traum verschwunden und hält sich am Hartnäckigsten noch in Ferienorten (in denen trotzdem das Pack ohne Kurtaxe von der Promenade gejagt wird). Das gehobene Bürgertum ist in die Grüngürtel ausgewandert und fährt Samstags zum Wochenmarkt in die Innenstadt. Und wo es, wie in den deutschen Großstädten, nach und nach, und sogar mit Nachwuchs, wieder die Innenstadt für sich entdeckt. Dabei geht es um die hippen Viertel, deren Hauptattraktion früher darin bestand, dass dort Privatleben, Arbeit und Freizeit auf eine bestimmte Art gelebt wurden, während die Sensation heute darin besteht, dass diese Bereiche dort überhaupt und vereinzelt zusammen gelebt werden. Das ist ein bisschen so, wie einen Baum im Museum zu beobachten. Die Innenstädte füllen sich wieder, der Begriff der Urbanität gewinnt wieder etwas von dem Glanz, den er in den frühen 80ern hatte. Doch die bunten Viertel sind heiß umkämpfte Reservate. Nicht mehr für spezifische Lebensstile, sondern für städtisches Leben an sich. Die oft zitierten Dörfer und Kleinstädte in den Großstädten werden zu den letzten Orten in Deutschland mit städtischer Infrastruktur. Und die dort aufgeführten scheinbar zwangsläufigen Grabenkämpfe und Entwicklungen, Arm gegen Reich, von Arm zu Reich, zeigen, dass es kein allgemeinverständliches Modell von Nebeneinanderleben mehr zu geben scheint.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #800000;">___________________________________________________________________</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #800000;"><span style="font-size: medium;">W</span><span style="font-size: medium;">ir alle verslummen im Privaten, das dadurch, gerade auch im Netz,</span></span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #800000;"><span style="font-size: medium;"> seine Qualität des Selbstgewählten und Bestimmten, kurz Persönlichen, verliert</span></span></p>
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<p style="text-align: justify;">Die grausige Pointe dabei ist, dass zumindest manche Firmen und Kommunen alles andere wollen, außer uns zu Pizzadienstkunden hinter vergitterten Rollläden zu machen.</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Firmen und außerordentlich viele Stadtplaner träumen und schwärmen von bunten Städten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Deutsche Bahn ist darum, wieder einmal, ein dankbares Hassobjekt für uns restliche Heuchler. Die Bahn hat tatsächlich seit sie die Bahn AG ist, gerne den erst einmal reichlich absurden Standpunkt vertreten, Bahnhofsvorplätze seien kein öffentlicher Raum, sondern quasi ihr Schaufenster, und diesen aggressiv gegenüber den Kommunen vertreten. Das hat, bei immer gleichem Ziel, die unterschiedlichsten Auswirkungen gehabt: in Frankfurt lässt es sich beinahe ohne mulmiges Gefühl durch die Kaiserstraße gehen, in Köln wurden die Obdachlosen polizeilich von der Domplatte geprügelt, Ludwigshafen will mit einem neuen Bahnhof schöner werden. Mit der Unterstützung der Städte zerfallen die Bahnhöfe mehr und mehr in zwei große Gruppen, in die gehobenen Marktplätze des neuen Jahrtausends einerseits, und in modernisierte S-Bahn-Gleise, auf denen nur noch in Ausnahmefällen ein Zug hält, andererseits. Und Ziel jedes ordentlichen Bahnhofs ist es, in der ersten Gruppe zu landen, und deswegen wird auch permanent umgebaut und vergrößert, obwohl das Schienennetz immer kleiner wird. Ob die neuen Bahnhöfe den Städten tatsächlich nutzen, und wie, bleibt umstritten, denn auch das Bahnfahren ist von einer alltäglichen Reisemöglichkeit zu einer Sonderveranstaltung mit großer sozialer Schere geworden, und den neuen Shoppingbahnhöfen erwachsen durch noch neuere städtische Einkaufszentren in der Regel schnell Konkurrenz. Bahn soll derjenige fahren, anders lassen sich die regelmäßigen Neuerungen bei Verbindungen und Preisen nicht auslegen, der vor dem wichtigen Meeting zu ungeduldig für die Wartezeiten am Flughafen ist, zu fünft in einem betrunkenen Kegelclub unterwegs, oder der nicht das Geld für ein Auto hat. Für den Einen wird aus den überlasteten Zügen noch die letzte einsparbare Minute herausgeholt, für die Anderen gibt es Abteile mit der Privatsphäre von Gemeinschaftsduschen, die Dritten zockeln in ländlicheren Gebieten sieben Stunden eine Strecke entlang, die mit dem Auto in zweien zu bewältigen ist. Den Bahnfahrer als behaupteten Normalbürger gibt es nicht mehr. Genau so wenig wie den Warenhauskunden.</p>
<p style="text-align: justify;">Ludwig Erhard, nicht gerade ein Feind der Wirtschaft und der Automobilindustrie, vertrat in den 50er Jahren noch die Auffassung, Deutschland eigne sich nicht für den amerikanischen Lebensstil mit PKWs. Alles voll, überall kleine, durch öffentliche Verkehrsmittel verknüpfte Städte mit fußläufigen, gewachsenen Innenstädten. Wozu ein Auto? Gewerbegebiete und Autowahn entstanden in den USA ja nicht zum Vergnügen, sondern waren die missmutige Antwort auf ein großes, leeres Land voll wilder Tiere. Nordamerikanische Städte, die etwas auf sich hielten, versuchten, europäisch anmutende Stadtkerne aus dem Boden zu stampfen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der eine große positive Nebeneffekt des Lebens mit Karre und Mall bleibt die weitgehende Vermeidung öffentlichen Raums. Was nach sich zieht, dass der verbleibende öffentliche Raum sowohl dubioser, als auch leichter kontrollierbar wird. Die Bücher von Mike Davis bleiben da nach wie vor, und immer mehr, eine interessante Lektüre.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-17269" title="am+rosenthaler+platz" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/11/am+rosenthaler+platz.jpg" alt="" width="630" height="435" /></p>
<p style="text-align: justify;">Öffentlicher Raum light, handverlesener öffentlicher Raum, das ist es, wovon Städteplaner und viele Stadtbewohner und Stadtbesucher auch, träumen. Und das ist vielleicht ein zwiespältiges, aber kein dummes Ziel: Parks, Museen, öffentliche Schwimmbäder, und auch Bahnhöfe (erinnern wir uns an die früher übliche Bahnsteigkarte, die zum Aufenthalt berechtigte) waren gesiebter, überwachter öffentlicher Raum mit einer speziellen Bestimmung. Das Problem ist nur, dass es diese humanistisch nützlichen Varianten von öffentlichem Raum immer schwerer haben, und dass der wirklich öffentliche städtische Raum verschwindet.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn ein Museumsbesuch ein teures Event ist, Schwimmen nur noch mit der Mitgliedskarte im Spaßbad möglich, und die Bänke auf allgemeinen Wunsch abgeschraubt werden, wo sollen wir dann hin, wenn wir nicht gerade auf dem geradesten Weg von einer anonymen Einkaufsmöglichkeit zur nächsten sind? Uns ins Kämmerlein verkriechen und auf die nächsten Blödsinnsmassenveranstaltungen warten, die mittlerweile mehr oder weniger alle Kommunen ein paar Mal im Jahr zelebrieren? Oder uns in den verbliebenen öffentlichen Raum wagen, in dem wir uns ganz unkorrekt, häufig auch unwohl und bedrängt, fühlen? Wo kaufen Menschen eigentlich ihre Entlüftungsschlüssel, wenn Warenhäuser wegbrechen und die guten, alten Nachbarschaftsläden nur noch Handyverschalungen anbieten? Im Baumarkt? In öffentlichen Toiletten?</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Minimum an urbaner Lebensqualität, eine Simulation des früher üblichen viertelstündigen Gangs durch die Stadt, ist nur noch dem garantiert, der sich Auto, Zug und Flugzeug gleichzeitig leisten kann, oder wer es sich leisten kann, in einem schicken Viertel in der Großstadt zu leben. In Dutzenden von Kleinstädten ist dieser Gang noch mit Ach, Krach und etwas Phantasie möglich, doch auch sie stehen stärker und stärker unter Beschuss der Gewerbegebiete auf der grünen Wiese.</p>
<p style="text-align: justify;">Gewinner gibt es dabei keine, die Sehnsucht nach dem urbanen Leben bleibt offensichtlich ungebrochen und bringt immer noch jeden Tag neue Themenparks, Malls mit Springbrunnen, und aufgehübschte alte Stadtkerne für Touristen hervor.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Netz, dieser einstmals verheißungsvolle öffentliche Raum, zerfällt ebenfalls mehr und mehr in exklusive Läden, Remmidemmi mit viel Geld im Rücken, Stammkneipen, Privatclubs und verlassene Parks mit predigenden Gestalten auf Pappkisten. Noch gibt es Oasen wie diese.</p>
<p style="text-align: justify;">Begegnungen, beiläufige, absichtslose, ungewollte, werden immer weniger möglich. Wir alle verslummen im Privaten, das dadurch, gerade auch im Netz, seine Qualität des Selbstgewählten und Bestimmten, kurz Persönlichen, verliert.</p>
<p style="text-align: justify;">Zur Tröstung bleiben uns die Träume von Fantasyreichen, in denen Oger und Elfen beschwingt die Humpen gegeneinander stoßen. Und sollte uns ein Betrunkener auf der Bank in der Straße bei diesen Träumen stören, dann lassen wir sie abschrauben, die Bank.</p>
<p><em>Text: Florian Schwebel</em></p>
<p><em>Fotos und Bildmontage: Bodo Müller </em></p>
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		<title>Preisselbeersauce</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Oct 2010 11:02:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
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Haßloch, es heißt wirklich so, ist eine kleine Stadt unweit von Mannheim. Sie wartet mit zwei Besonderheiten auf: besonders schnellen und steilen Achterbahnen und sonst unbekannten Lebensmitteln im Supermarkt. Die Achterbahnen sind Teil des „Holiday Park“, eines Themenparks, der einst aus einem charmant verschnarchten Märchenpark hervorging, das obligatorische Maskottchen ist hier ein schmutziggrüner Papagei mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/10/supermarkt1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-16719" title="supermarkt" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/10/supermarkt1.jpg" alt="" width="690" height="138" /></a></p>
<p style="text-align: justify;">Haßloch, es heißt wirklich so, ist eine kleine Stadt unweit von Mannheim. Sie wartet mit zwei Besonderheiten auf: besonders schnellen und steilen Achterbahnen und sonst unbekannten Lebensmitteln im Supermarkt. Die Achterbahnen sind Teil des „Holiday Park“, eines Themenparks, der einst aus einem charmant verschnarchten Märchenpark hervorging, das obligatorische Maskottchen ist hier ein schmutziggrüner Papagei mit gelber Baseballkappe. Über die Superlative wird heftig gestritten, aber im „Holiday Park“ stehen zumindest zwei der rasantesten und größten Achterbahnen der Welt, Höhepunkte der Ingenieurtechnik, und die Betreiber bieten auch therapeutische Kurse gegen Achterbahnangst an, deren Abschluss eine vergnügliche Fahrt ist (Achterbahnangst beeinträchtigt sicher massiv das Alltagsleben vieler Menschen). Obwohl der „Holiday Park“ sich also reichlich müht, ist die spannendere Parallelwelt die Stadt selber. Denn in Haßloch werden unauffällig Produkte getestet, bevor sie im Rest des Landes die Läden erreichen.<span id="more-16664"></span> Auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften werden extra für die Haßlocher so präpariert, dass sie Anzeigen für diese Produkte enthalten, und die Fernsehwerbung wird für dieses kleine Sendegebiet verändert. So geht es seit Jahrzehnten und ist immer mal wieder eine Story in Funk, Fernsehen und Print wert. Interessant ist nun, dass zum einen die Geschichte mittlerweile allgemein bekannt ist, zum anderen das Internet jedem Haßlocher schnell Auskunft über die Sonderstellung fraglicher neuer Mayonnaisen im Regal geben könnte, und dieses permanente Menschenexperiment trotzdem nicht abgebrochen wird. Die Lösung dieses Rätsels liegt auf der Hand bei einem Besuch in Haßlochs kleiner Innenstadt: Wer ein wenig <em>Prisoner</em> – oder <em>Truman Show</em>- Flair oder wenigstens einen Hauch von Andersartigkeit erfahren möchte, erlebt im Supermarkt eine herbe Enttäuschung. Die Probeprodukte leuchten einem natürlich gerade nicht exotisch und interessant entgegen, und man müsste schon ein echter Supermarktexperte sein (und seltener Bio kaufen) um die wirklich noch unerprobte Tomatensuppe unter all den handelsüblichen verbesserten Rezepturen, neuen Dessins oder bisher übersehenen Trockenplörren ausfindig machen zu können. Die Aussagekraft der Tests liegt genau darin, dass Produktkenntnis trotz allem nur für wenige ein lebensfüllendes Hobby ist. Und die mühsam in die Massenmedien geschmuggelten Anzeigen diesen nicht dazu, die Haßlocher in einer verschwörerischen Scheinrealität einzusperren, sondern dazu, die Testartikel wenigstens so in ihren Hirnen zu verankern, dass sie danach greifen KÖNNTEN, auch wenn sie ihnen unbekannt sind. Selbstverständlich, darauf weisen die involvierten Institute ausdrücklich hin, sind die in Haßloch drapierten Wackelkandidaten durch die Bank ungefährlich und lecker und haben schon Jahre in Labors und Testreihen hinter sich. Der Unterschied zur wirklicheren Welt bei uns drum herum liegt also tatsächlich lediglich in einer weiteren Probephase, die exklusiv in Haßloch auf eine ganze Stadt unter simulierten Marktbedingungen ausgeweitet wird. Nein, nicht Haßloch ist das Interessante an dieser Geschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">In seinem äußerst lesenswerten Buch <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3861508761?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3861508761" target="_blank">„Gehirnwäsche“ (dt. 2008 bei Zweitausendeins)</a>, das einen ernsteren Artikel verdienen würde, gibt sich der Brite Dominic Streatfeild größte Mühe, den ganzen Glauben an tatsächliche Gehirnwäsche, Hypnose, Suggestionen und unterschwellige Botschaften als Schwindel zu entlarven. Streatfeild hat illustre wie verschwiegene Experten zum Reden gebracht, und blättert eine wirklich schaurige Geschichte skrupelloser Versuche, vor allem gefördert durch amerikanische und britische Geheimdienste während des kalten Krieges, auf, wie Menschen gebrochen, entselbst und umprogrammiert werden sollen. Doch immer wieder gelangt er zur gleichen Pointe: Alles zwecklos. Das LSD, von der CIA als Wahrheitsdroge konzipiert, funktioniert vielleicht als alles Mögliche, aber zur eigentlichen Bestimmung überhaupt nicht. Anmaßende experimentelle Psychiater können ausgelieferte Patienten vielleicht durch Schlafentzug oder künstlich induzierten Schlaf, sensorische Deprivation, Geräuschfolter und wiederholte Befehle verwirren und lebensuntüchtig machen, aber ihnen nicht einen wirklich neuen Gedanken eingeben oder eine tiefsitzende alte Überzeugung nachhaltig brechen. Werbefirmen können Unsummen für aufblitzende Dias voller Befehle zum Popcornkauf herausschmeißen, und das getestete Kinopublikum hat in der Pause vor allem Durst. Die selbsternannten Experten für tiefenpsychologische Manipulation sind paranoide Wirrköpfe, und die beste Verhörmethode besteht immer noch in Stress und einer anschließenden Tasse Kaffee plus Zigarette. Gleichzeitig räumt Streatfeild auf jeder zweiten Seite ein, dass kluge Köpfe in eben dieser Sekunde überall auf der Welt von Gehirnwäsche träumen und ziemlich viele Hebel in Bewegung setzen, um sie möglich zu machen. Und sein Buch wimmelt von zerstörten Persönlichkeiten. Streatfeilds analytische Freude übersieht völlig, dass er freie und fröhlich integrierte Persönlichkeiten voraussetzt, die dem ganzen Mummenschanz trotzen können. Und wo will er die hernehmen?</p>
<div id="attachment_16785" class="wp-caption alignleft" style="width: 233px"><img class="size-full wp-image-16785" title="screamingforvengeance.teaser" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/10/screamingforvengeance.teaser2.jpg" alt="Judas Priest, Screaming for Vengeance" width="223" height="125" /><p class="wp-caption-text">Judas Priest, Screaming for Vengeance</p></div>
<p style="text-align: justify;">Man muss sich nicht für Hard’n’heavy interessieren, um sein Kapitel über das Bohei um rückwärts gespielte Schallplatten in den 80ern angesichts toter Teenager besonders fragwürdig zu finden. Nein, es lassen sich keine Aufforderung zur Selbsttötung oder zur Anbetung Satans finden, wenn man <em>Judas Priest</em>-Platten genauestens untersucht. Aber, so Streatfeild, kunstvoll eingeflochtene Zeichnungen von zerspringenden Schädeln auf Covern, die dem flüchtigen Betrachter entgehen, und kaum wahrnehmbares kryptisches morbides Gebrabbel im Mix der Musik versteckt. Für einen reflexartigen Verteidiger der Rockmusik ist das relativ beunruhigender Tobak, doch Streatfeild freut sich klug über die Unwissenschaftlichkeit von Verschwörungs- und Wirkungstheorien. (Mehr Sorgfalt widmet er der Frage, unter welchen Umständen Folter gerechtfertigt sein kann, auch wenn sie bestenfalls völlig unzuverlässige Ergebnisse hervorbringt und natürlich mit massiven ethischen Problemen verbunden ist, die es abzuwägen gelte.) Streatfeild denkt strikt politisch, strategisch und militärisch, und so gelangt er in seinem ganzen, lesenswerten Buch nie zu der Frage, was er überhaupt als psychologische Wirkung definiert – von Schlafentzug bis zum Plattencover, und was als Selbstbestimmung. Der Schlafentzug et al verdient einen deutlich ernsteren Artikel, doch das Plattencover sollte uns beschäftigen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn die Menschen von Noelle Neumann und Kollegen gefragt werden, ob es sie in ihren Ansichten beeinflusse, wie häufig Politiker im Fernsehen auftauchen, antworten sie in der Regel mit einem strikten, selbstzufriedenen „Nein“. Wenn sie Politikernamen aufzählen sollen, nennen sie die, die am Häufigsten im Fernsehen zu sehen sind. Dass kritische Menschen, und das sind wir ja immer irgendwie alle, bspw. skeptisch gegenüber „Wer wird Millionär?“ sind erfüllt sie mit Stolz, und trotzdem wissen sie, welche Joker zur Verfügung stehen. Wer nicht regelmäßig non-fiction in der Glotze konsumiert, und sei es mit halbem Auge, hat regelmäßig das Gefühl, auf einem fremden Planeten gestrandet zu sein, weil immer wieder über Nacht bestimmte Bilder und Ansichten zu heißen Themen allgegenwärtig sind, die beim ersten Hören nichts mit der Sache zu tun zu haben scheinen, und die die lieben Mitmenschen angeblich alle spontan aus sich selber herausschöpfen. Was nicht heißt, dass die Einbettung eigener Gedanken in unerkannte Klischees aus Zeitungen, Zeitschriften, Internet und Büchern prinzipiell irgendwie besser wäre. Es heißt, das Letzte, was ein Fisch bemerken könnte, sei Wasser. Wir schwimmen alle.</p>
<p style="text-align: justify;">Seit den 8oern wird viel Aufhebens um die „Event-Kultur“ gemacht, um Guy Debords „Gesellschaft des Spektakel“. Großereignisse, Monsterfirmen, Megastars und künstliche Ausnahmezustände machen uns zu manipulierten Gaffern. Selbst Naomi Klein argumentiert in ihrer „Schock- Strategie“ gekonnt ein backsteindickes Buch lang, dass der gegenwärtige Kapitalismus die Menschen durch heftige Erschütterungen auf sich einschwören und manipulierbar machen würde. Das ist alles klug und sicher sehr richtig, aber sind es die wirklich die Mobilmachungen, die Sonderfälle und Extremsituationen, die uns prägen, oder sind es nicht eher die Immobilmachungen, die Regelfälle und die Normalität? (Das ist übrigens natürlich ein Gedanke, der auch Naomi Klein beschäftigt, dass wir angesichts deutlich ausgestellter Katastrophen mit einer unnormalen Normalität Frieden schließen sollen, aber sie argumentiert dennoch vom anderen Ende her).</p>
<p style="text-align: justify;">Was in dieser Gesellschaft in diesem Land zur Zeit ausgetragen wird, an allen Ecken und Enden, ist eben kein Kampf um Extreme, sondern um die Definition und die Definitionsmacht von unspannender Normalität (die nach wie vor das Spannendste, Unnormalste und Utopischste bleibt) . Das Wildeste, was der Bundespräsident zur Zeit offenbar tun konnte, war, ohne besondere Pointe oder Positionierung, den Islam zur Normalität in diesem Land zu erklären, und das geht tatsächlich sehr viel weiter als ein flammender Appell an Toleranz oder sogar an heftige Sympathie. Die Massenmedien wimmeln davon, was man sagen können muss oder darf oder eben nicht, welche Denkrichtungen in welchem Kontext wie formuliert werden dürfen oder sollen. Das reicht von Kopftüchern über Zigaretten auf öffentlichen Plätzen bis hin, natürlich, zu angeblich tabuisierten xenophoben Grundwerten und wirtschaftlichen Scheinnotwendigkeiten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bandmitglieder von <em>Judas Priest</em>, die der sicherlich unverdächtige Gehirnwäschenexperte Dominic Streatfeild mit Wohlwollen und Respekt schildert, sind sicherlich nette Leute, die keine amerikanischen Teenager zum Selbstmord anstiften wollten. Versteckte Bilder von deformierten Schädeln, makabre Scherze und düstere Larmoyanz sind ihr Alltag, entsprechen ihrem Lebensgefühl, und damit verdienen sie ihre Brötchen. Selbst amerikanische Teenager entscheiden selber, ob sie sich erschießen wollen oder nicht, und außerhalb der USA sind Schadensersatzklagen gegen kulturelle Einflüsse ohnehin nicht üblich. Aber es bleibt die Frage nach der Bedeutung eines kulturellen Umfelds. Nicht das Medium ist die Botschaft, wie McLuhan und seine Adepten seit den 60er Jahren behaupten, sondern das Zeichensystem, oder eben das kulturelle Umfeld einer Aussage.</p>
<div id="attachment_16786" class="wp-caption alignright" style="width: 311px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/10/preisel.310.png" target="_blank"><img class="size-full wp-image-16786 " title="preisel.310" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/10/preisel.310.png" alt="" width="301" height="258" /></a><p class="wp-caption-text">Bild via Deesillustration.com</p></div>
<p style="text-align: justify;">Der vehementeste Nachfolger McLuhans war bekanntlich der Fernsehkritiker Neil Postman, der behauptete, „Sesamstrasse“ würde Kinder nicht dazu bringen, das Lernen zu lieben, sondern nur dazu, dass Fernsehen zu lieben. Wenn Lehrer sich nicht aufführen würden wie die quietschbunte Menagerie in der „Sesamstrasse“, wären das A und B und die Zahlen von 1 bis 10 nicht mehr annähernd so attraktiv für ein durch Jim Henson geprägtes Publikum. Postman war, wie er selber immer gerne zugab, ein Kulturkonservativer. Die Pädagogen, unter deren Aufsicht Jim Henson und seine Leute die „Sesamstrasse“ konzipierten, waren es nicht. Der Unterschied zwischen diesen beiden Lagern liegt nicht in der Frage nach Fernsehen oder nicht, sondern in der Frage, ob Lernen mit Witzen über Frösche, die von Mauern fallen, verbunden werden kann, oder bspw. eindeutige Autoritätsfiguren braucht. Ein regelmäßiges didaktisches Straßentheater mit flauschigen Puppen in armen Großstadtregionen hätte Postman sicherlich auch nicht glücklich gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Heavy Metall-Fans verweisen unermüdlich auf die intelligenten und problembewussten Texte mancher Gruppen, auf die musikalische Virtuosität und die stilistische Vielfalt. Halbwegs intelligente Heavy Metall-Skeptiker fürchten sich nicht vor CDs (und dämonisieren auch keine Plattencover), sondern stehen ratlos vor einem Zeichensystem, das ganz sicher keine Teenagerselbstmorde produziert, aber eventuell dumpfe, todesverliebte Agonie potenziert (und alle Liebhaber von Rockmusik können sich vermutlich darauf einigen, dass ihr unbestreitbarster Vorzug ist, in allen Spielarten Gegengift zu dumpfer, todesverliebter Agonie zu sein).</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn Wirkung tatsächlich aus dick herausgestrichenen Aussagen, Statements und erkennbaren ausgefallenen Reizen bestünde, würden Städte nicht verschönert und keine Blumen am Straßenrand gepflanzt, es würde keine „Initiative soziale Marktwirtschaft“ geben, keine Waldorfschulen, und keine Debatten um Leitkultur. Wenn Wirkung aus Medien und leeren Ritualen bestünde, könnten Louis Malle-Verehrer auch genau so gut Bollywood und Nollywood-Filme betrachten, und Frank Plasberg müsste nicht jede Woche eine neue Talkshow über die Bühne bringen (nein, das sind immer neue Sendungen, außer in den Produktionspausen, es kommt einem nur nicht unbedingt so vor). Und wenn kulturelle Wirkung in eindeutig benennbaren Produkten/Reizen/Erfahrungen begründet wäre, wäre es Rauchern egal, was sie rauchen, wären Markenartikel unwichtig, und die Popmusik befände sich nicht in der Krise. Und Haßlochs Supermärkte wären spannend.</p>
<p style="text-align: justify;">Die (umstrittene) „broken windows“-Theorie bringt die amerikanische Polizei in kriminalitätsgefährdeten Bezirken dazu, ansonsten unbescholtene Menschen wegen umgefallener Mülleimer und heruntergetretener Gartenzäune zu schikanieren, lediglich aufgrund des Gedankens, dass Signale der Verwahrlosung Aggressionen, Verantwortungslosigkeit und Rechtlosigkeit nach sich ziehen könnten.</p>
<p style="text-align: justify;">Beinahe alle Diskussionen über problematische, nicht justiziable, Inhalte im Internet ignorieren die Tatsache, dass sie sich ja einfach wegklicken lassen, so wie Auseinandersetzungen über Fernsehsendungen eben nicht damit erledigt sind, dass ja niemand gezwungen ist, sich den Schrott anzutun.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Erkenntnis, dass es Zeichensysteme gibt, die uns umgeben wie Herbstluft, und denen wir ähnlich schlecht ausweichen können, ist lange noch kein Grund, sich mit einer Menge Rudolf Steiner in einer Berghütte zu verschanzen, oder einem unangenehme Signale von der Straße zu prügeln. Sie verpflichtet lediglich, wie üblich, zum genauen Hingucken, und auch das fällt furchtbar schwer, da sich beinahe jedes Zeichen in einem entsprechenden Zeichensystem umdeuten lässt. Wer verliebt ist, hat absolut recht, wenn er eventuelle Irritationen nicht wichtig nimmt. So wie sich tiefverwurzelte Überzeugungen und begründete Vorlieben nicht durch ein seltsames Zitat aushebeln lassen.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frage ist, ab welchem Punkt wir in nicht schön und klug selbstgewählten Kontexten nicht mehr aufwachen können, ab welchem Punkt eine reichlich beliebige und bröckelige Konstruktion sich als allgemeingültige Schwerkraft aufspielt, und damit sind wir wieder mitten in Haßloch. Wer kopfkratzend vor den Regalen voller abgefüllter und eingeschweißter Salatsaucen steht und sich ernsthaft die Frage stellt, welche von ihnen eventuell noch ihrer offiziellen Produkteinführung harrt, welche ein wenig bizarrer, origineller, unerprobter aussehen mag, welche als Mitbringsel aus einer unerhörten Anderswelt taugen könnte, sieht sich mit einem Mal unvorbereitet mit der tonnenschweren Absurdität von Salatsaucenregalen konfrontiert, wie mit der von der Suche nach einer Sensation. Und geht mit unklarem Seufzen seiner Wege.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier beginnen die interessanteren Fragen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es macht ja nicht immer Sinn, mit den <em>Beatles</em> anzufangen, aber manchmal muss es sein. Diese Gruppe hat als erste ihre Platten mit verwirrenden zusätzlichen Bedeutungsebenen beladen. Aber wie verwirrend waren die wirklich? In der Ausblende von „Strawberry fields forever“ knurrt John Lennon möglicherweise schläfrig: „I buried Paul.“ Als ein kleiner Teil der Welt sich mit der Möglichkeit zu befassen begann, Paul Mc Cartney könnte tot und durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein, versicherte dieser, der entsprechende Tonschnipsel habe den Wortlaut „Cranberrysauce“, und wer das nicht lustig fände, würde den Humor der <em>Beatles</em> nie begreifen. Offiziell also nichts als Preisselbeersauce, aber die Ohren dieses Autors hören tatsächlich ganz unmissverständlich: „I buried Paul“. Und es macht keinen Unterschied. Bei einem Lied darüber, sich in Erdbeerfeldern zu verlieren und die äußere Realität hinter sich zu lassen, das Rhythmus und Tonart in der Mitte wechselt und versichert, dass das Leben mit geschlossenen Augen einfach sei, ist eines so gut wie das andere. Das Zeichensystem des Songs (und erst recht im Zusammenhang mit der Rückseite „Penny Lane“, anderer Songs, dem Image der <em>Beatles,</em> der damaligen Jugendkultur, der Idee der Psychedelik) ist unmissverständlich, wenn auch nicht unbedingt einfach formulierbar, und kaum jemand wird sich in einem Fall dazu inspiriert fühlen, jemanden umzubringen, im anderen, einen Kuchen zu backen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es geht nicht um Salatsaucen, und es geht nicht um Preisselbeersauce. Es geht nicht um einzelne Symbole, Provokationen, Ereignisse, Nachrichten, Gesetze. Es geht um Meere. Um ihre Kartographierung, ihre Analyse, und vor allem um unsere Möglichkeit, selbstgewählt in diesem oder jenem zu schwimmen. Ohne dabei einzelne Strömungen und Wale aus den Augen zu verlieren. Oder auch nur glitzernde kleinere Fische.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Text: Florian Schwebel</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em><br />
 </em></p>
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<p><strong>Buchtipp</strong></p>
<p><em>Dominic Streatfeild</em></p>
<p><em>Gehirnwäsche: Die geheime Geschichte der Gedankenkontrolle</em></p>
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		<title>Loops, das Schmerzgedächtnis und 5 Euro</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Oct 2010 20:50:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Vermutlich das Gruseligste an der untergegangenen DDR war der „Lipsi“, eine Art Ententanz von oben, eine Mode aus der Retorte, die die westliche Rock’n’Roll-Dekadenz aus dem Rennen schubsen sollte. In der streckenweise schönen Fernsehreihe „Pop 2000“ (WDR, 1999) plaudern die Konstrukteure aus dem Nähkästchen: wie mühevoll es doch sei, einen Gesellschaftstanz zu entwerfen und dann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vermutlich das Gruseligste an der untergegangenen DDR war der „Lipsi“, eine Art Ententanz von oben, eine Mode aus der Retorte, die die westliche Rock’n’Roll-Dekadenz aus dem Rennen schubsen sollte. In der streckenweise schönen Fernsehreihe „Pop 2000“ (WDR, 1999) plaudern die Konstrukteure aus dem Nähkästchen: wie mühevoll es doch sei, einen Gesellschaftstanz zu entwerfen und dann auch noch eine halbwegs passende Musik dazu. Gar nicht mal so zwischen den Zeilen wird deutlich, dass es für die wenigen verblendeten Freiwilligen, die das Ding ohne staatlichen Auftrag tanzten, eine äußerst frustrierende Modewelle war – niemand machte mit, so richtig Spaß machte der angebliche Trend auch niemandem, und kaum waren die Schritte und Bewegungen draufgeschafft, war der Spuk auch schon wieder vorbei. In manchen der derzeit auf uns einprasselnden Dokus, Spielfilmen und Plauderrunden gehört zu den unbestreitbaren eigenbrötlerischen Errungenschaften der DDR was? Der Lipsi.<span id="more-15129"></span></p>
<p>Vergleiche drängen sich auf: Gibt es etwas Erschreckenderes für Menschen eines gewissen Alters, als gedankenverloren „Joxride“ von Roxette mitzupfeifen, ein Stück, das 1991 als Inbegriff des schlechten Pop plus miesem Video galt, ausnahmslos hämisch zitiert wurde, und seit damals auch kein Stück besser geworden ist? Und wie steht es eigentlich mit den späten U2? Erinnert sich noch jemand daran, dass „One“ vor dem 100. oder 1000. Hören, vor Leid, Entbehrungen und der Coverversion von Johnny Cash einfach nur die öde Visitenkarte einer halbvergessenen Band ohne Song war, die auf einem „experimentellen“ Album vorsichtshalber noch einen Satz Markenzeichen präsentierte? Auch wer mit diesem Stück keine bewegenden Erinnerungen oder auch nur ein gutes Mittagessen verbindet, wer so selten wie möglich Radio hört und in Elektrofachmärkten nie mehr Zeit als unbedingt nötig verbringt, kann sich, das zeigt der Selbstversuch, irgendwann über ein Wiedererkennen der Minimalbreaks und die Entdeckung einer weiteren schrummelnden Gitarre im Hintergrund freuen. Und der Grußkartentext erscheint plötzlich bedeutsam.</p>
<p>Das ist offensichtlich keine Nostalgie, kein Aufleben schöner und/ oder wichtiger Momente – als der Lipsi eben nicht brummte, wollte die ganze DDR Rock’n’Roll hören – das ist etwas fundamental anderes. Vielleicht das Genießen der eigenen Differenzierungsfähigkeit beim Erkennen der eigenen Unverwandelbarkeit: ich bin immer noch da, und ich höre dieses Stück jetzt anders. Genauer. Und die Freude darüber verwandelt das Stück von einer Pleite in ein ehrfurchtgebietendes Objekt der Selbsterkenntnis. Und so schlecht sind die Gitarren auch nicht.</p>
<p>Der unverwüstliche Diedrich Diedrichsen hat in seinem bislang letzten schmalen Großwerk, „Eigenblutdoping“, das Phänomen des Loops untersucht, der Endlosschleife. Er postuliert, extrem verkürzt dargestellt, den Loop als zeitgemäße Form des Erlebens, von den minimalen Verschiebungen des Technos bis hin zur kreisförmigen Auto- und Fußgängerführung bei der Gestaltung von Städten. Wir erfahren uns durch die minimalen Abweichungen bei der Erfahrung des Immergleichen. Die Abweichungen im außen sind dabei längst nicht so interessant wie die im Innen: Der Technotänzer (eigentlich kaum noch eine zeitgemäße Erscheinung), befreit sein Bewusstsein und seinen Körper dadurch, dass in der Musik nichts passiert. Das ist, vor allem mit den verbundenen Nebengedanken, eine sehr, sehr viel ergiebigere Idee, als es sich in diesem Rahmen formulieren lässt, aber hat sie viel mit unserem täglich Erleben zu tun? Rajnees/Bhagwhan/Osho formulierte mehrfach heiter, bei der Meditation ginge es darum, das Gehirn so ausgiebig zu langweilen, bis es sich entnervt abschalte, und etwas Spannenderes passieren könne. Techno kann meditativ sein, U2 und der Lipsi sind es ganz sicher nicht, und ihre Rezeption fordert gerade nicht das ungefilterte Bewusstsein heraus, sondern kleine, blöde Kunststücke des aufgekratzten Alltagsintellekts.</p>
<p>Wer die bislang fehlenden acht Minuten in Avatar aufspüren will, und die Veränderungen bei den Hartz IV-Regelsätzen, ist gerade nicht ganz entspannt im Hier und Jetzt.</p>
<p>Ein großes Problem bei chronischen Krankheiten und Beschwerden ist das so genannte „Schmerzgedächtnis“. Wer tapfer die Zähne zusammenbeißt und das Stechen im Fuß ignoriert, schleppt sich eben nicht über den Berg, sondern gewöhnt sich ab einem kritischen Punkt daran, das gesamte Körpergefühl um das unbewusst vermiedene Auftreten herum zu bauen. Die Folge sind eine Fülle von möglichen Spätfolgen, darunter der faktische praktische Ausfall des betroffenen Fußes. „Der Mensch gewöhnt sich an alles.“, lautet eine berühmte Kalenderweisheit von Dostojewski. „Das ist seine genaueste Definition.“ Laut dem Fazit der Schmerztherapeuten gewöhnt er sich dagegen an gar nichts, sondern baut um, mit schwer einschätzbaren Folgen. Die humanistische Psychologie geht heute davon aus, dass dies im emotionalen Bereich immer zum Zustand größtmöglicher Gesundheit strebt, solange für diese auch nur die geringste Chance besteht. Trotzdem liegen auch für sie die größten Probleme bei den unnötigen blinden Flecken. Aber wie verhält es sich bei weniger individuellen Zumutungen wie den späten U2?</p>
<p>Eine kleine autobiographische Anekdote: Als junger Mensch sah sich dieser Autor einmal mit einem Freund in absolut nicht nüchternem Zustand einen extrem langweiligen Horrorfilm an. Nach den ersten drei Minuten war unvermeidlich, wie sich die nächsten neunzig Minuten entwickeln würden, aber wir weigerten uns, uns das einzugestehen. Statt dessen überboten wir uns darin, dem Film eine zweite, dritte, vierte Ebene anzudichten, ein subtiles Geflecht verborgener Hinweise auf noch zu erwartendes cleveres Grauen. Eine grüne Tür oder ein plötzlich dümmlich in die Kamera grinsender Statist verwiesen auf ungeahnte Möglichkeiten. Als der Film sein erwartbar enttäuschendes Ende erreicht hatte, hatten wir ihn schon beinahe vergessen und waren nicht mehr frustriert. Ein schöner Abend, und wir klopften einander zum Abschied gerührt und anerkennend auf die Schultern, wir waren gute Freunde und kreative Köpfe, immun gegen die Langeweile der Welt und schlechte Horrorfilme.</p>
<p>Was aber, wenn der Film nur ein winziges bisschen besser gewesen wäre (und wir eine Spur nüchterner und älter)?</p>
<p>Wenn er sich seines eigenen mageren Potentials voll bewusst gewesen wäre und zum Ausgleich tatsächlich ein paar ins Leere führende Andeutungen von höheren Ambitionen, wilden Gedanken und cleverer Selbstreflexion besessen hätte? Gerade genug, um nicht abgetan zu werden oder zu fröhlichen eigenen Ideen einzuladen?</p>
<p>Wir hätten nicht von ihm wegdenken können, sondern mit ihm mitdenken müssen, immer in dem Bewusstsein, vermutlich einem zynischen Bluff zum Opfer zu fallen.</p>
<p>Und damit sind wir mitten im heutigen Leben.</p>
<p>Die neue Fassung von „Avatar“ ist ja tatsächlich acht Minuten länger. Der höchstmögliche Hartz IV-Regelsatz wurde tatsächlich um fünf Euro angehoben. Damit ist unnachgiebig impliziert, dass „Avatar“ ein Meisterwerk war, und die Zusammenlegung von Arbeitslosen-und Sozialhilfe samt bürokratischer und unbürokratischer Schikane der Betroffenen ein sinnvoller Beitrag zur Sozialpolitik. Brauchen wir diese acht Minuten? Brauchen wir diese fünf Euro? Das ist eine völlig andere Diskussion als: Brauchen wir Avatar? Brauchen wir Hartz IV? Die Werbung ist schon seit rund zwanzig Jahren davon abgekommen, in erster Linie das beworbene Produkt als besonders schön und gut herauszustreichen. Es wird mit kleinen Widerhaken gearbeitet, mit Provokationen und behaupteter Selbstkritik, generell mit der allgegenwärtigen Antäuschung von Ironie, mit „bald in neuem Design!“ und „verbesserte Rezeptur“. Neue Softwareprodukte werden ganz selbstverständlich zunächst einmal mit groben Macken ausgeliefert, anschließend werden unter zwiespältigem Medientamtam dann die Verbesserungen nachgereicht. Das betrifft ausnahmslos ausgerechnet Phänomene, die eben nicht in der Garage entstehen. Avatar war als einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten geplant (dass er es tatsächlich wurde, war natürlich nicht planbar), James Cameron standen 15 Jahre Zeit und ein horrendes Budget zur Verfügung. Die soziale öffentliche Hinrichtung mit der Chiffre Hartz IV war kein kleiner, schräger Versuch einer Neuregelung, sondern, wie immer gerne betont wurde „die größte Reform, die diese Republik bisher erlebt hat“ und verschlang bislang Unsummen, die der Sozialpolitik fehlen. Der Lipsi war Staatssache und wurde von hochqualifizierten Leuten unter Laborbedingungen entwickelt. Und das kleine, melancholische Gitarrenlied „One“ ist heillos überproduziert, selbst in der karg anmutenden Johnny Cash-Version.</p>
<p>Minderheitenpositionen, neue Ideen und Produkte müssen sich als perfekt gerieren. Großakte inszenieren sich als charmant, zweifelnd, spontan und fehlerhaft.</p>
<p>Das mediale kollektive Schmerzgedächtnis ist längst darum herumgebaut, dass die Lohnnebenkosten in Deutschland zu hoch sind und international nicht wettbewerbsfähig. Oder dass U2 eine bedeutende Band ist. Das Problem mit dem Schmerzgedächtnis liegt darin, dass es auf eine veränderte Situation nicht mehr reagieren kann.</p>
<p>Man sieht die qualvolle und verwirrte Überwindung des Schmerzgedächtnisses zur Zeit auf allen Kanälen in den Gesichtern der DDR-Bürger im Herbst 89. Und man kann zumindest ahnen, wie im Prozess der auf diese Art erfolgten Vereinigung Vieles wieder schnell an seinen richtigen, falschen Platz gerückt ist.</p>
<p>Wie aber sollen wir jetzt damit umgehen? Ehrfürchtig Wohl und Wehe der acht zusätzlichen Minuten und der fünf zusätzlichen Euro diskutieren? Sich dieser Diskussion verweigern? Lieber ein paar Bäume pflanzen? Avatar (sicherlich ein interessanter Film, der diese Metapher nur bedingt verdient hat) und Hartz IV sind nicht mehr erfolgreich ironisierbar. Dass der Lipsi eine Farce war, ist mittlerweile allgemein bekannt. Um nichts bemüht sich Bono mehr außer um seine Art der Afrika-Diplomatie und seine Form der Selbstironie. Roxette haben sich nie anders als hochwertiges Trash-Phänomen dargestellt.</p>
<p>Wir werden auf unsere Differenzierungsfähigkeit zurückgeworfen, und die ungelenke Schönheit des Lipsi zu erkennen, ist eine Leistung. Und „One“ ist tatsächlich ein interessantes Stück, wenn man irgendwann gezwungen ist, auf die Feinheiten zu achten, um sich nicht zu langweilen.</p>
<p>Aber diese Differenzierungsfähigkeit nützt umso mehr, wenn sie sich auf lohnendere Objekte anwenden lässt, auf tatsächlich umgeschnittene Filme oder brauchbare Vorstellungen von Sozialpolitik. Mit diesem Bewusstsein tut natürlich jede BILD-Schlagzeile erst einmal weh. Doch uns stehen ja genug Schmerzmittel zur Verfügung, von tatsächlich tanzbaren Tänzen bis hin zu guter Musik</p>
<p>Text. Florian Schwebel</p>
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		<title>Mythen (in/out)</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Sep 2010 18:32:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[
Ein Mythos ist eine Geschichte mit vielen Lücken, die man immer wieder anders erzählen kann, die einem beim Einkaufen oder Einschlafen plötzlich bedeutungsvoll vorkommt, und über die man sich beim Duschen oder Bahnfahren eine eigene Variation ausdenkt. 
Wenn das irgendwie kommunizierbar ist, und die zugrunde liegende Geschichte allgemein bekannt, spricht man mittlerweile von der „Arbeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/castro100x100.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-14160" title="castro100x100" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/castro100x100.jpg" alt="" width="100" height="100" /></a><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/Batman1001.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-14166" title="Batman100" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/Batman1001.jpg" alt="" width="88" height="100" /></a><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/raf1001.png"><img class="alignleft size-full wp-image-14167" title="raf100" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/raf1001.png" alt="" width="101" height="100" /></a><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/jesus1002.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-14168" title="jesus100" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/jesus1002.jpg" alt="" width="70" height="100" /></a><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/aldi87x100.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-14170" title="aldi87x100" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/aldi87x100.jpg" alt="" width="87" height="100" /></a><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/kennedy130x10011.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-14172" title="kennedy130x1001" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/kennedy130x10011.jpg" alt="" width="130" height="100" /></a></em></p>
<p><em>Ein Mythos ist eine Geschichte mit vielen Lücken, die man immer wieder anders erzählen kann, die einem beim Einkaufen oder Einschlafen plötzlich bedeutungsvoll vorkommt, und über die man sich beim Duschen oder Bahnfahren eine eigene Variation ausdenkt. </em></p>
<p>Wenn das irgendwie kommunizierbar ist, und die zugrunde liegende Geschichte allgemein bekannt, spricht man mittlerweile von der „Arbeit am Mythos“, wenn mindestens eines von beidem nicht der Fall ist, heißt sich das „Privatmythos“ und gilt eigentlich als Bäh. Das Schlimmste, was man einem individuell mythologisch in einem Massenmedium arbeitenden Künstler vorwerfen kann, ist die sogenannte „Privatmythologie“. In der bildenden Kunst ist jene dagegen Voraussetzung für jede interessierte Rezeption, obwohl der Begriff immer noch ein bisschen ironische Distanz in den Raum nebeln will.<span id="more-14103"></span></p>
<p>Die Grenzen sind dabei natürlich fließend: Die recht einleuchtenden Bären aus John Irvings frühen Romanen haben es nicht ins allgemeine Bewusstsein geschafft, die Pferde von Cormac Mc Carthy kursieren immerhin in der Kultur, und die Eulen bei Joanne K. Rowling waren scheinbar schon immer da.</p>
<p>Bei den audiovisuellen Medien, und vor allem beim Film, ist die Lage am kompliziertesten, weil diese von Anfang an populäre Alltagsmythen (Non-Fiction) oder Kunstmythen (Fiction) kreiert haben und kreieren wollten. Fernsehen und internetfähiger Computer sind eigentlich Alltagsgegenstände ohne den Nimbus erhabener Wahrheiten, aber speziell für ihre Grenzen wurden Sonderformate des Mythenschaffens und Mythenerzählens entwickelt, die ungewöhnlich wirkungsstark sind, gerade durch das Durcheinander von „Spiegel ins wirkliche Leben“ und „schöne Scheinwelt“, „ritueller Konsum“ und „Gewöhnlichkeit“. Die größte Mythenschmiede unseres Landes ist nach wie vor die „Tagesschau“.</p>
<p style="text-align: center;">__________________________________________________________________________________________________</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;"><span style="color: #800000;">Seit 30 Jahren Tom Cruise der junge Mann des amerikanischen Films</span></span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: small;">__________________________________________________________________________________________________</span></p>
<p>Der Mythos verspricht, ungeachtet der darin scheinbar erzählten Geschichten über tatsächliche oder erfundene Begebenheiten und Personen, einen Mehrwert an übertragbarer Relevanz. Der Unterschied zwischen „Batman“ oder „The Darkness“ (einem in den 90ern lancierten, bemüht mythologischen Comic-Helden, dessen Erlebnisse in Form und Inhalt vor allem die Grenzen von „Batman“ aufzeigen und sprengen wollten) liegt darin, dass man über „Batman“ beim Bahnfahren nachdenken kann, ohne auch nur irgendein Heft oder einen Film vollständig zu kennen oder gar interessant zu finden (wenn doch, hilft das natürlich). Der Unterschied zwischen Joschka Fischer und, sagen wir, Renate Künast in ihrer Wertigkeit für das öffentliche Leben besteht darin, dass Fischer erfolgreich von sich, seiner Partei und den Medien zur überpersönlichen, exemplarischen Gestalt erhoben wurde. Das Beispiel Fischer zeigt dabei, in milder Form, ein Phänomen bei der Arbeit, dem wir heute ständig ausgesetzt sind: Dem Verblättern der Mythen in rasender Geschwindigkeit.</p>
<p>Bei den tatsächlichen alten Mythen, also den der antiken oder vorantiken Kulturen, wird davon ausgegangen, dass sowohl ihre Anreicherung mit Geschichten wie ihr Kippen ins Absurde und ihre allmähliche Bedeutungslosigkeit, über einen Zeitraum von Hunderten, manchmal Tausenden von Jahren vor sich gingen.</p>
<p>Noch in der Welt vor 20, 30 Jahren waren Alltagsmythen vergleichsweise beständig, selbst in der „Tagesschau“ und der populären Kultur (obwohl diese von offiziöser Seite scheinbar viel weniger wichtig genommen wurde als heute). Auch wer nach Adenauers Kanzlerschaft geboren wurde, hatte zwangsläufig eine grobe Vorstellung von der Symbolfigur Adenauer (sofern er oder sie sich auch nur ein kleines bisschen für, sagen wir, Bundeskanzler interessierte). Wer könnte heute einem jungen Menschen noch das Phänomen Schröder erklären?</p>
<p>Zwei kulturkonservative Erklärungen für diesen Umstand behaupten, dass es erstens früher noch Persönlichkeiten (und vielleicht auch erfundene Geschichten) von altem Schrot und Korn gegeben hätte, was in der heutigen Welt der schön geschminkten Milchgesichter einfach nicht mehr möglich wäre, und/oder dass wir zweitens alle unter einer Überfälle an Visagen, Anekdoten und halbgaren Einfällen ertrinken würden, die unsere Rezeptionsfähigkeit nun einmal lahm legten und zu keiner Auseinandersetzung mit möglicherweise interessanten Einzelphänomenen mehr führen könnten.</p>
<p>Gegen den ersten Einwand spricht ein beliebiger Blick in eine alte Zeitschrift. Zu behaupten, dass Rainer Barzel oder Erich Mende mehr zum Haken schlagenden Nachdenken einladen würden als selbst Edmund Stoiber, ist offensichtlich absurd. Im Vergleich zu etwa Gregory Peck und Kim Novak sind selbst Michael Douglas und Angelina Jolie geheimnisvolle, unerschöpfliche Bedeutungsträger.</p>
<p>Umgekehrt ist eine allgegenwärtige Medienindustrie nicht, wie früher, daran interessiert, uns immer neue Nasen und Geschichten zu verkaufen, sondern gerade, aus purer Feigheit, daran, noch den letzten Rest möglicher Essenz aus alten Konzepten und Gesichtern herauszupressen. Seit 30 Jahren ist bspw. Tom Cruise der junge Mann des amerikanischen Films, in (etwas) unschuldigeren Zeiten ein Ding der Unmöglichkeit (und Madonna und die Rolling Stones sprengen dann wirklich jedes vernünftige Raster).</p>
<p>Nein, das Untergehen so vieler Mythen kommt, um es pathetisch zu formulieren, von innen. Zeiten, Einstellungen, adaptierbare Haltungen ändern sich tatsächlich in einer vorher nicht gekannten Geschwindigkeit. Der „Herr der Ringe“ ist ein 70 Jahre altes Buch, das dem Zahn der Zeit und der Vereinnahmung verschiedener freundlicher Subkulturen erfolgreich getrotzt hat, aber ob sich irgend jemand in 10 Jahren noch einmal eine „extended version“ des dritten Films anschauen wird, steht in den Sternen, und das hat nicht nur mit einem überspannten Medienhype zu tun. Hätten die TITANIC-Mitarbeiter aus den 80er und 90er Jahren ahnen können, dass das Vergänglichste in ihrem damaligen Blatt einmal ausgerechnet die unverschämten Gegenmythen zum Mythos Kohl sein würden, der so sehr Mythos war, dass es niemandem in vollem Ausmaß auffiel? Und das, obwohl dieser heute mit der stereotypen und schwer mythenschaffenden Einblendung „Kanzler der Einheit“ im Fernsehen herumläuft (die er sich, im Guten wie im Bösen, sicher nur bedingt verdient hat)? Stand Ulrich Wickert nicht einmal für irgend etwas? Und wer war noch einmal Hans-Joachim Friedrichs? Und bekommt noch jemand mit, dass gerade in Deutschland die letzte Staffel von „Lost“ ausgestrahlt wird?</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: small;">__________________________________________________________________________________________________</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #800000; font-size: medium;">Mythen verblättern in rasender Geschwindigkeit</span></p>
<p style="text-align: center;">__________________________________________________________________________________________________</p>
<p style="text-align: left;">Wagen wir uns einmal probehalber an eine „rote Liste“ der populären Mythen, unwissenschaftlich, subjektiv und orientiert an dem Auftauchen in Medien, Gesprächen und dem eigenen Bewusstsein. Hier nur ein erster, unfertiger Versuch dieses Autors, als provisorische Matritze und mögliche Anregung:</p>
<p><strong>Tot:</strong></p>
<p><strong> </strong><em>John F. Kennedy</em> Galt mal als wichtigster Mensch des letzten Jahrhunderts. In den USA wird dieser Mythos immer noch eifrig attackiert, bei uns wie nie gewesen.</p>
<p><em>Willy Brandt</em> Der mit Abstand mythischste der deutschen Nachkriegspolitiker. Integrationsfigur für Generationen, die Verkörperung der gewissenvollen westdeutschen Modernisierung.  Heldentaten und Skandale. Weg. Möglicherweise eine zu wilde Biographie für staatsnahe Interessierte, und umgekehrt trotz allem noch zu sehr Parteigenosse für Staatsferne.</p>
<p><em>Jürgen Möllemann </em>Die Verkörperung des cleveren und stillosen Emporkömmlings und der geschmäcklerischen Provokation. Inszenierte seinen Tod formvollendet zwischen Husarenstück, Götterdämmerung und Verschwörungstheorie. Tausend Fragezeichen bei Person, Politik und Verstrickungen, trotzdem nicht einmal Stoff für ein experimentelles Radiofeature (soweit mir bekannt).</p>
<p><em>Die Beatles</em> Die Musik wird immer unsterblicher werden, die überlebende Restband spricht von einem 50jährigen Jubiläum (diese Zahl ist mindestens fragwürdig), aber Aufbruch, Welterfolg, Kunst – und Menschwerdung sind trotz massenhafter medialer Präsenz nicht einmal mehr in den Artikeln der eingefleischten Liebhaber vermittelbar. Eine Geschichte wie aus einer anderen Welt, mit wenig Bezug zum jetzt. Großes Thema, mehr nicht an dieser Stelle. Hier weint ein Fan.</p>
<p><em>Homo Faber</em> in all seinen Spielarten (Figuren bei den früheren Joseph Heller, John Updike, in kritischen Fernsehfilmen, usw.). Der positivistische, nicht unsympathische Trockenmensch der Moderne, der tragisch über das ausgeblendete Leben stolpert. Ein Alien. Ein Erfolgsmensch, der nicht einmal einen Rhetorikkurs besucht hat, kein Lieblingsdesign hat und nüchtern an die Welt glaubt. Vermutlich als Mythos kein großer Verlust (bei tiefem Respekt vor den Autoren), trotzdem eventuell beunruhigend.</p>
<p style="text-align: center;">__________________________________________________________________________________________________</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;"><span style="color: #800000;">Die größte Mythenschmiede unseres Landes ist die „Tagesschau“</span></span></p>
<p style="text-align: center;">__________________________________________________________________________________________________</p>
<p><strong>Gefährdet:</strong></p>
<p><em>Fidel Castro</em> Alter, kranker Inselherrscher mit zweifelhaftem Ruf, der manchen noch etwas bedeutet (Himmel, Hölle, Mützen&#8230;).</p>
<p><em>Guido Westerwelle</em> Für die einen eine verhasste Lachnummer, für die anderen ein erfrischender Fanatiker, der sich nicht an die Spielregeln des politischen Betriebs hält. Für beide jeweils mit der Ahnung einer anderen Welt. Trotz permanenter Provokationen, Amt und Würden mittlerweile nur noch in Ausnahmefällen Anlass für Essays, Zuspitzungen, Witze und Metaphern. Vermutlich ist Neoliberalismus einfach für niemanden mehr in irgend einer Hinsicht inspirierend.</p>
<p><em>Joschka Fischer</em> (siehe oben) Vor ca. 10 Jahren die politische Symbolfigur schlechthin. Für gereiftes Rebellentum, Staatsmann werden, den Mut zur eigenen Biographie, für schicke Progressivität, die auch Soldaten schicken kann, Frechheit und Selbstreflektion, usw. usf., das Ganze als Negativ für seine Opponenten. Dozententätigkeit und hier und da ein paar weise Seitenhiebe eigentlich logische Entwicklung dieser Figur, trotzdem weitestgehend verblasst. War für die Zielgruppe  vermutlich einfach doch nichts mit dem behaglichen Altwerden beim Weinchen.</p>
<p><em>Aldi</em> Lange Zeit eine Discounterkette ohne Glam (ein paar trotzige Fans gab es allerdings immer), dann Synonym für kluge Lebenskunst mit augenzwinkerndem Stallgeruch. Die Schäferspiele des Bürgertums. In einer raueren Welt mit echten Opfern weder in Sachen Umgang mit Mitarbeitern, noch in den Fragen von fairen Einkaufspraktiken und Nachhaltigkeit trotz vieler neuer Anstrengungen und Aktionen ein lustiges Thema für die noch vorhandenen Cocktail/ Pinot &#8211; Partys. Und gespart wird mittlerweile eher bei Mayonnaise als bei Bio &#8211; Lachs, und das fühlt sich nicht halb so schrill an.</p>
<p><em>Harry Potter</em> Nun, das war unvermeidbar. Die große Erzählung der Jahrtausendwende, in gewisser Hinsicht selber verspielt von der ab der Hälfte der Reihe zunehmend planloser plottenden Autorin. Vor allem aber das letzte Aufbegehren des mächtigen anderen Lebens. Heute ist niemand mehr Muggel, und das löst auch kein Problem. Traurig.</p>
<p><strong>Quietschlebendig (warum auch immer):</strong></p>
<p><em>RAF</em> Ist das echt? Oder nur eine Schnapsidee der deutschen Medienlandschaft mit ihrer Vorliebe für geschichtsträchtige Geschichten mit viel Blut? Ohne Frage präsent, meist als halbironische makabre Bezugsgröße in Stammtischgesprächen über den schlechten Lauf der Welt, und das für völlig unverdächtige Mitbürger. Was bedeuten diese Leute denn? Was haben sie je bedeutet? Oder ist das wirklich ein reines Popphänomen, eine Chiffre für grelle gewalttätige Dissidenz? Wann kommen die ersten Action – Figürchen auf den Markt?</p>
<p><em>Die D-Mark</em> Unfassbar, aber wahr. Eine Währung mit hässlichen, großen Geldscheinen und ohne die hübschen 2 Euro Stücke als Wahrzeichen einer untergegangenen gerechteren Welt. Bei rechts und bei links. Wenn der erste Demagoge beim Stimmenfang Markstücke wirft, ist der Wahnsinn zementiert. Bis dahin besteht immer noch Hoffnung.</p>
<p><em>Das Christentum</em> Die Kirchen stehen leerer denn je, aber ein wild zusammen gerührtes Fantasiechristentum erobert sich Platz in den Debatten wie ein verlorenes Paradies: Modern und diskursiv wie Frank Plasberg, ordnend wie die Supernanny, archaisch streng wie der Alm –Öhi, milde und schutzbedürftig wie der Geist von Inge Meysel. Alle guten Menschen sind auf die eine oder andere Art irgendwie damit infiziert, aber das tatsächliche kontinuierliche Wirken seiner häufig disparaten Grundideen in unserer Kultur wird nach wie vor kaum thematisiert. Der Abstieg von einer Religion zum Allzweckmythos in häufig xenophoben Debatten. Findet sich denn nirgendwo ein gläubiger Christ, der dagegen mal protestiert, und sei es aus purem Stolz?</p>
<p><em>Kulturen</em> Homogene Gebilde aus Werten, Bräuchen und Kunstwerken (das spielt aber eine eher untergeordnete Rolle), die irgendwie nichts mit dem durchmischten Durcheinander zu tun haben, in dem wir leben, unddie daraus wieder destilliert werden sollen.</p>
<p><em>Vampyre</em> Dazu hier jetzt nicht auch noch etwas.</p>
<p><em>Batman</em> Immerhin. Wenn auch in seiner jetzigen Form eindeutig eine 90er Jahre Gestalt mit all den dazugehörigen fragwürdigen Ingredenzien von schlechter Welt, weisen Serienmördern, Leder und überkomplizierten Traumata, und im Comic tatsächlich in seiner ursprünglichen Inkarnation tot,- immer noch eine ergiebige Geschichte. Unsichere, verlockende Großstädte, ein unglücklicher, zerrissener Beschützer, sehr Schauerroman und sehr modern, beinahe unendlich variierbar (im Comic bereits mehr oder weniger durchgespielt). Ein neuer Film ist in Arbeit.</p>
<p>Das nur als erster, extrem stichprobenartiger Versuch, ohne Berücksichtigung der aktuellen Nachrichtenhypes, die uns hoffentlich nicht allzu lange begleiten werden. Jeden Tag wird die Mythenbörse neu verhandelt, werden mögliche verbindende Erzählungen neu notiert. Ein keinesfalls unschuldiger und keinesfalls beliebiger Prozess, der immer zugleich Symptom und Motor für die allgemeine Befindlichkeit ist. Prognosen bleiben schwierig. Wir werden, vermutlich, trotz der allgegenwärtigen Forderung nach Paradiesvorstellungen und Utopien, auf breiter Basis in absehbarer Zukunft nur wenig weiche Mythen erwarten dürfen. Sondern eher einen neuen, verbesserten Schwung wettergegerbter Durchhaltegeschichten (fiktiv und nicht so fiktiv). Erfolgsstories könnten deutlicher von heroischen Misserfolgsstories abgelöst werden. Es wird möglicherweise trotz einiger erfolgloser Versuche weiterhin verstärkt Rückgriffe auf tatsächliche alte Mythen geben, und wenn wir Glück haben, abendländelt und deutschtümelt das hier nicht allzu sehr. Natur könnte ein noch größeres Thema werden, das Gleiche gilt für Darstellungen von Dissidenz. Und wenn uns die Götter der Erzählungen wohlgesonnener sind, als wir zur Zeit erhoffen dürfen, kehren die Schlümpfe endlich auf das Feld der allgemein bedeutsamen Geschichten zurück. Meinetwegen auch als großer deutscher Film mit Moritz Bleibtreu in einer tragenden Rolle.</p>
<p><em>Text: Florian Schwebel</em></p>
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		<title>Spiel &#8211; Zeug</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Sep 2010 21:10:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Wo ist David Beckham, wenn wir ihn endlich mal brauchen? 
Die ersten PLAYMOBIL-Figuren waren Kanalarbeiter. Hellblaue Rechtecke mit Armen, Beinen, ausdruckslosem Lachen, zackigen Haaren und einem Helm. Es waren theoretisch Männer, und sie besaßen theoretisch Hände. Bald kamen Polizisten, Feuerwehrmänner und Ärzte dazu, um das angeblich echte Leben nachzuspielen. Und als Ausgleich dann Indianer, Ritter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wo ist David Beckham, wenn wir ihn endlich mal brauchen? </strong></p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/ritter.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-13780" title="ritter" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/ritter.jpg" alt="" width="240" height="278" /></a>Die ersten PLAYMOBIL-Figuren waren Kanalarbeiter. Hellblaue Rechtecke mit Armen, Beinen, ausdruckslosem Lachen, zackigen Haaren und einem Helm. Es waren theoretisch Männer, und sie besaßen theoretisch Hände. Bald kamen Polizisten, Feuerwehrmänner und Ärzte dazu, um das angeblich echte Leben nachzuspielen. Und als Ausgleich dann Indianer, Ritter und Zirkusartisten. Schon bald gab es ausgewiesene Frauen, die noch etwas seltsamer aussahen, und Kinder. Kurz: Die immer noch größtenteils anonymen Köpfe hinter den Plastikhaaren wussten immer, was sie taten (ob das nun besonders schön und inspirierend war oder nicht), und anfangs wollten sie deutlich, Zinnsoldaten hier und Puppenhäusern da, eine moderne Alternative entgegen setzen. Charme entwickelte das erst mit der Wiederholung des immer gleichen Gesichtsausdrucks und der cleveren Konstruktion von kleinsten gemeinsamen Nennern für Ritterburgen, Indianerzelte oder später Raumschiffe. Aber es war ein konsequenter Entwurf. Mittlerweile haben manche PLAYMOBIL-Figuren filigrane Zehen, es gibt in dieser Welt angeknickte Blütenblätter und winzige Mäuseohren (was auch mit den neuen Möglichkeiten bei der Gestaltung von Plasik zu tun hat).<span id="more-13776"></span> Es gibt Puppenhäuser und Drogendealer, und vor etwa zwei Jahren beglückte die Firma die Spielzeugläden mit Doppelaufstellern für zwei neue Spielwelten: ein trübpastellfarbenes Reich der Nixen, und die grimmige Welt von erdfarbenen Raubrittern. Die Nixen (niemand schien sie wirklich schön zu finden) waren, vorsichtig formuliert, beeinflusst von Disneys „Arielle“, und offensiv rosa, barbielastig und mit ihren Haaren beschäftigt. Die Raubritter schnitten böse Gesichter, ihre Schwerter und Morgensterne hatten immer eine unangenehme Scharte zu viel, und auf ihren Schilden prangten Phantasie-Runen. Die Rechnung ging auf, eine Zeit lang. Vor Kindergeburtstagen wurde, bei Abwesenheit konkreterer Wünsche, nach Nixen für Mädchen und Rittern für Jungen gegriffen, und Mädchen wollten nicht mit Rittern spielen, Jungen nicht mit Nixen. Doch nicht alle Spielzeuggeschäfte führen PLAYMOBIL, und nicht alle Eltern kaufen es, und für diese gab es ein Alternativprogramm: das eher zum Rollenspiel und zur Alltagsbegleitung einladende Merchandise der Welten von „Prinzessin Lillifee“, der Barbie für Bahnfahrer, hier und von „Käpt‘n Sharky“ (leider kein Bezug zu Fil Tägert) da. Kinder wurden als rosa Prinzessinnen und Schwarze Piraten angesprochen, und es gab nie einen Zweifel, wer sich von was angesprochen fühlen sollte. Lilifee, eine Emily Erdbeer mit Korkenzieherlocken, die sich in einem rosa Königreich langweilt, bekam als konkret fassbare Kinderbuchgestalt auch noch einen wirklich gelungenen Kinofilm verpasst, in der sie sich der existentiellen Frage widmen durfte, ob wirklich alles immer rosa sein muss. Käpt‘n Sharky ist dagegen eher ein geheimbündnerisches Codewort (und manchmal ein Junge mit Piratenhut).</p>
<p>Schlafanzüge werden beinahe ausschließlich in rosa und blau angeboten, genau wie CD-Player oder Fotoapparate für Kinder. Kinderzeitschriften sind nur für die Allerkleinsten bunt, und selbst dann sind entweder die BBC, der Kika oder der <em>Children‘s television workshop </em>im Spiel, ansonsten gibt es dutzendweise rosa (darunter auch gleich mehrere Magazine und ein Stickeralbum zu „Prinzessin Lilifee“), und hier und da schwarz (darunter auch Käpt‘n Sharkys „Abenteuermagazin für coole Piraten“). Die „Micky Maus“– „Die größte Jugendzeitschrift der Welt!“ – tendiert eher zu sinnfrei auf dem Titelbild verstreuten gekreuzten Knochen, aber erlaubt sich hier und da auch einmal rosa. Eltern, Erzieher und selbst mit Kinderprogrammen in den Medien beschäftigte Menschen erklären, das liegt an den Genen.</p>
<p>Wer sich beschwert, sind verblüffenderweise ausgerechnet die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Spielzeugläden, die sich ausnahmslos als Drogendealer zielgruppengläubiger Konzerne benutzt zu fühlen scheinen, vielleicht aus Berufserfahrung nicht an Mars und Venus glauben und den Zirkus mitmachen, weil Brettspiele für ein junges Publikum angeblich nicht mehr so gut laufen. „Zitieren Sie mich nicht!“, sagt nur eine unter mehreren Stimmen, „Aber Lillifee würde ich wirklich gerne erschießen!“</p>
<p>Im aufgewühlten Mittelbau der Gesellschaft ist dagegen die Botschaft angekommen. „So ein Junge hat einfach viel mehr Testosteron, klar gibt das Krach!“, erklärt ein stolzer verwandter Vater und stolzer Besitzer einiger „Jungs sind anders“ und „Jungs sind eben Jungs“-Bücher nachdenklich. Sein Sohn ist drei. „Na, Ihr Rabauken“, brüllt der feinsinnige Jurist (seine Frau verdient mehr als er) seinem ätherischen Sohn und dessen schüchternen besten Freund entgegen. „Wollen wir die blöden Mädels vergessen und eine Ritterburg überfallen?“ Hand in Hand schütteln beide verlegen die Köpfe. Jungen werden euphorisch mit Baggern und Fußbällen überhäuft, Mädchen von vielen Eltern eher zähneknirschend mit Schminkspiegel und Nagellack (ab 3 Jahre, abwaschbar). Kommerzielle Internetportale und -gemeinschaften für Kinder wimmeln von Elfen mit Haarproblemen, Wespentaille und Stöckelschuhen (dafür muss dann selbst Barries‘ bzw. „Disney‘s Tinkerbell“ herhalten, die in einem, leider sehr hübschen, Film beinahe daran verzweifelt, unweiblich für Schiffsglocken zuständig zu sein, als hätte es Captain Hook nie gegeben). Jungen werden lieber zum Sport geschickt (der ohnehin von Übergewicht bis zu Amokläufern alle Übel heilen soll – ungeachtet dessen, dass jugendliche Amokläufer häufig übergewichtige Sportvereinsmitglieder sind). „Mädchelich“ ist das Lieblingsadjektiv einer Fünfjährigen, die stärker, sportlicher und risikofreudiger ist als alle ihre Kindergartenfreunde, sich aber panisch vor Piraten fürchtet, – und vor ihren Freunden, wenn die von Piraten erzählen. Vor 30 Jahren hätte sie sich selber als Pirat verkleidet, trotz Ballett. „Den Kindern eine klare Geschlechteridentität geben.“, heißt das im Ratgebersprech, und weil niemand weiß, was das sein könnte, wird das im Alltag zu rosa und blau, Schminkspiegel und Fußball, Prinzessin und Pirat.</p>
<p>Auf der biographischen Ebene geht es für Eltern, die sich durch die Bank mit Ach und Krach jenseits althergebrachter Rollenverteilungen sozialisiert haben, um die reumütige Verbeugung vor einer Tradition, die sie nie gekannt haben (und nicht kennen wollten). Der weltgewandte Autositzhersteller, der seinen schreckhaften und schüchternen Sohn ausschließlich mit Grabräubern (von PLAYMOBIL) und Rittern (von SCHLEICH) beschenkt, spekuliert entsetzt über VW-Ingenieure aus Indien. Wir haben die deutsche Klassik und den Wiederaufbau verraten. Wir haben Punk gehört und fanden Androgynität sexy. Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir. Sie sollen nicht unbewaffnet und verwirrt dastehen, während die in anderen Kulturen sozialisierten Konkurrenten aus der Erdung eines bruchlosen Weltbildes heraus scharf schießen. Das sind die Sätze, die natürlich selten in der einen oder anderen Form gesagt werden, doch immer wieder ausgesprochen wird der eine, auch von Biokäufern und NGO-Bewunderern: 68 war ein Fehler. Und damit sind ausdrücklich die Geschlechterrollen gemeint (die ja nach 68 noch länger weitgehend altertümelnd intakt waren). Als die deutsche Mittelschicht einst auf Kickboards in die Zukunft und in die neuen Märkte fuhr, waren dagegen die Spielzeugläden voll von Puppen des „metrosexuellen“ Fußballstars David Beckham, und niemand wusste, für wen die eigentlich produziert wurden.</p>
<p>Parallel zu diesen neu geerdeten Kindern wachsen Jugendliche heran, für die solche Fragen ohnehin schon entschieden sind. Mit Spannung wird für Dienstag die 16. Shell-Jugendstudie erwartet, und längst lässt sich ahnen, was darin stehen wird (und das nicht nur aufgrund der geheimistuerischen Vorabinformationen). Gewalt, Drogen, verrohte Sexualität – alles längst nicht so schlimm, wie gerne herbeigeschrieben. Rigide Weltsichten und stereotype Positionierungen bezüglich u.a. Minderheiten und Geschlechterrollen – immer. Wir sprechen uns Dienstag. Hip-Hop und schlechter Gitarrenrock mit zart frauenverachtenden bis unerträglichen Texten haben sich flächendeckend als unauffälliger männlicher Konsenssound etabliert, dagegen abgegrenzte Popmusik ist mehr etwas für Mädchen, als es vorher jemals der Fall war, und wenn sie von Frauen verkörpert wird, singen sie alle wie Arielle und tanzen, als wollten sie in einem altmodischen Stripschuppen von der Bühne verbannt werden. Das ist mal mehr, mal weniger ironisch, aber als Befreiung empfindet es niemand, und bei den geäußerten Wertvorstellungen rollt es gewaltig zurück in die 50er Jahre. Nicht obwohl, sondern weil jede Perspektive für heutige Mädchen wahrscheinlicher ist als die der hauptberuflichen Hausfrau und Mutter, und die Jungen im besten Fall gutbezahlt am Rechner sitzen und häufig umziehen werden. Viel Aufhebens wurde in den letzten Jahren darum gemacht, dass anscheinend die Jungen zur Zeit die großen Verlierer sind – sie versagen sozial und in der Schule und zeigen größere allgemeine Verunsicherung. Je nach Laune wurden solche Befunde zum Sprungbrett für „Jetzt sind die klugen Mädchen dran!“-Phantasien oder tränenreichen Auslassungen über die falsch geforderten Jungen benutzt. Aber diese Unterschiede sind weitgehend utopischer Natur: kann Mädchen noch dann und wann erfolgreich suggeriert werden, dass sie endlich alles können und dürfen und eine historische Vorhut bilden, wissen oder ahnen Jungen, dass längst alle alles müssen und speziell sie ohne glitzernde Vorbilder historisch abgehängt sind. Männer in Elternzeit mögen eine Avantgarde sein, erst einmal verzichten sie weitestgehend auf klassische Karrieremöglichkeiten, ohne dass sich die durchschnittliche Standardbezahlung für Frauen kontinuierlich gerechter entwickeln würde. Und die Standardbezahlung (von Tariflöhnen ganz zu schweigen) hat weniger denn je mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen zu tun. Im Alter des Berufsanfangs stellt sich in der Regel heraus, dass alle falsch gefördert werden und fast alle mies bezahlt werden, und dass Geschlechterfragen dabei relativ gesehen genau so eine geringe Rolle spielen wie gute Schulnoten. Dass die heutigen Kinder und Jugendliche tagtäglich auf unvorhersehbare Art aus diesen Scheinidentitäten ausbrechen oder sie zumindest neuartig umformen, sich über den angeblichen Geschlechtergraben solidarisieren und individuell noch einmal klüger neu erfinden werden, wie es Kinder und Jugendliche nun einmal tun, steht außer Frage. Und die Sonne scheint natürlich ohnehin immer noch (bzw. stärker denn je, aber das ist ein anderes Thema). Trotzdem haben wir erst einmal Prinzessin Lilifee am Hals (und können uns dafür vielleicht wenigstens zähneknirschend auf einen weiteren interessanten Kinofilm freuen).</p>
<p>Erst einmal werden für Jungen in den Schulen mehr Fußbälle empfohlen, und die Firmen, die die Kinderzimmer mit rosa Krönchen und Piratenflaggen bepflastern, verkaufen nicht Designs oder Spielzeug, sondern Identität – klar, deutlich, mit fest umrissenen Zielgruppen und mit immer noch nicht vollständig übersättigten Märkten, solange noch auch nur ein Alltagsgegenstand ohne Lilifees ahnungsloses Konterfei existiert. Eine Traumsituation und ein Rettungsanker für Firmen, die für immer weniger Kinder immer mehr Konsumartikel produzieren wollen. „Später können Sie sich ja selber entscheiden.“, sagt ein nachdenklicher Vater nach dem dritten Bier, der behauptet, prinzipiell gar nichts gegen seinen Sohn im Ballett zu haben. „Aber erst einmal brauchen sie doch ein Fundament.“ Und dann kommt er tatsächlich, der verlegen herausgenuschelte Satz: „In anderen Kulturen haben die Eltern da weniger Skrupel.“ Irgendein Fundament – besser lässt sich die letzte Hoffnung manch heutiger problembewusster Eltern kaum beschreiben. Geträumt und nachgedacht wird später, eines schönen Tages, wenn die Vollbeschäftigung und die D-Mark wieder da sind. PLAYMOBIL lässt derzeit übrigens die „Meeresfeen“ und die „wilden Wolfsritter“ unauffällig auslaufen und setzt jetzt lieber auf Geheimagenten in unterirdischen Verstecken. Hat sicher irgend etwas mit Genen zu tun.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Florian Schwebel</em></p>
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		<title>Thilo auf Klingonisch</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 08:16:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Bedankt Euch bei Marc Okrand. Dieser Sprachwissenschaftler begann Mitte der 80er für das expandierende „Star Trek“ – Universum Klingonisch zu entwickeln. Anfang der 90er lag dann sein „Wörterbuch für Klingonisch“ in trendigen Läden. Falls es tatsächlich eines Tages doch gelingen sollte, den „Krieg der Kulturen“ herbeizureden, und irgendwann die Hirne aller kritischen Menschen durch Selbstzweifel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/klington600.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-13260" title="klington600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/klington600.jpg" alt="" width="600" height="460" /></a></p>
<p>Bedankt Euch bei Marc Okrand. Dieser Sprachwissenschaftler begann Mitte der 80er für das expandierende „Star Trek“ – Universum Klingonisch zu entwickeln. Anfang der 90er lag dann sein „Wörterbuch für Klingonisch“ in trendigen Läden. Falls es tatsächlich eines Tages doch gelingen sollte, den „Krieg der Kulturen“ herbeizureden, und irgendwann die Hirne aller kritischen Menschen durch Selbstzweifel verleimt sind, ob sie zu stark oder zu wenig an politische Korrektheit glauben, ob sie abgekartete Medienhypes zu ernst oder zu leicht nehmen, wissen wir wenigstens, wie alles angefangen hat: Mit Spock, Pille und Scotty.<span id="more-13258"></span></p>
<p>Klingonisch, die Sprache der Klingonen ist eine sorgfältig ausgearbeitete fiktionale Sprache mit sehr wenigen Wörtern, einer verdrehten Grammatik (Objekt-Prädikat-Subjekt) und möglichst vielen Knack-  und Kehllauten. Bei ihrer Konstruktion wurde darauf geachtet, in jedem Aspekt das Lebensgefühl echter Klingonen abzubilden: Sie werden als autoritätshörige Krieger geboren und dann in eine strenge, grausame und korrupte Hierarchie mit archaischen Werten hinein erzogen.</p>
<p>Ihren ersten Auftritt (korrigierende Hinweise über Produktionsreihenfolge usw. bitte nicht an getidan) hatten die Klingonen in der Star Trek-Folge „A private little war“. In dieser Episode versuchte sich Star Trek-Erfinder Gene Rodenberry höchstpersönlich an einer Parabel über den damals (1967) akuten Vietnamkrieg. Rodenberry, ein ehemaliger Soldat mit schüchternen progressiven Idealen, lässt die Geschichte über die Vertreter zweier verfeindeter Großmächte (grob: die Enterprise und ein paar Klingonen), die sich in einen überflüssigen Machtkampf um einen kleinen Planeten verstricken, mit Kirks totaler Ratlosigkeit und seinem matt gemurmelten Wunsch enden, dass sich beide Seiten aus diesem Teil der Galaxis zurückziehen sollten. Die Klingonen in dieser Folge sind ziemlich böse und haben, dank des verspielten Ausstatters, alberne Uniformen an und seltsame Stirnen, aber sie sind menschliche und glaubwürdige Antagonisten, die mit der Situation genau so unzufrieden sind wie Cpt. Kirk. Geschichten über summende Fellknäuel gelangen „Star Trek“ einfach besser, aber seit dieser reichlich unbefriedigenden Fabel gibt es Klingonen.</p>
<p>Zwei Jahrzehnte und viele Einrichtungen von ethnologischen Lehrstühlen später wollten die Konstrukteure einer neuen Serie über eine neue <em>Enterprise</em> diesmal alles richtig machen und dachten sich die klingonische Kultur aus. Klingonen sollten nicht mehr die Bösen sein, sondern nunmehr als mögliche Verbündete akzeptiert werden. In langatmigen Drehbüchern wurde nach Gründen dafür gesucht und Verständnis dafür gefordert, dass sie nun einmal solche kriegswütigen, todesbesessenen, primitiven, vertrauensunwürdigen, in eine moderne Gesellschaft faktisch nicht integrierbaren Barbaren auf einem dunklen Planeten mit Fackelbeleuchtung waren, und dem wurde ein spezieller Charme zuerkannt. Und als besonderen Bonus bekamen sie kunstvolle wulstige Stirnen verpasst, die den Maskenbildnern Überstunden abnötigten, handgearbeitete mittelalterliche Uniformen, und eben Klingonisch. Parallel zu regelrechten Fantasyepisoden in den diversen „Star Trek“ &#8211; Ablegern über diese anheimelnd blutige Unterwelt wurden allerdings immer wieder offenkundige Auseinandersetzungen mit dem real existierenden Russland in „Star Trek“ &#8211; Episoden verpackt, die dann doch meist mit klingonischen Ritualen endeten. Den Klingonen folgten Horden vergleichbar zusammengedrechselter „Völker“ in unseren Fiktionen, und in vielen Erzählungen innerhalb und außerhalb von „Star Trek“ wurde immer wieder eine Gemütslage des missmutigen, faszinierten und aus beiden Gründen schuldbewussten Interesses an anderen kulturellen Werten eingeschleift, häufig anhand unfassbarer Bräuche.</p>
<p><span style="color: #ff00ff; font-size: large;">Der alte Trick, den Sarrazin einmal mehr aufwärmt, und der immer brisanter wird, je schlechter diese Gesellschaft irgendwen im klassischen Sinne „integrieren“ kann, besteht darin, angetäuschte kulturalistische und universalistische Fragestellungen als Alibi zu benutzen.</span></p>
<p>Die Macher von „Star Trek“ hatten sicher J.R.R. Tolkien im Hinterkopf, als sie Marc Okrand auf die Klingonen ansetzten. Der Schöpfer des „Herrn der Ringe“ hatte diese erste kohärent und detailreich ausgearbeitete bewusste Phantasiewelt bekanntlich zunächst aus erfundenen Sprachen entwickelt. Tolkien war Sprachwissenschaftler und ein in Bezug auf seine literarische Begabung sehr unsicherer Autor. Germanophil und urbritisch, bekennender Christ und entzückt von Heidnischem, wertkonservativ und tolerant, von Gewalt fasziniert und erschrocken, tief verstört durch den zweiten Weltkrieg. Vielleicht waren seine Freude an Sprache und sein Spaß an früheren Kulturen der (sicher nicht beliebige) Anker, den Tolkien brauchte, um seine Phantasie, seine Sensibilität und sein hochambivalentes Wissen über die Welt im Kern ungefiltert aus sich herausbrechen lassen zu können (vermutlich gäbe es kein klingonisches Wörterbuch und keine klingonischen Rituale, wenn Tolkien Koch gewesen wäre). Okrand und die in der Folge mit den Klingonen beschäftigten Autoren tappten dagegen in die Falle, die sich auftut, wenn sich ein Plädoyer für Toleranz, ein Interesse an anderen Lebensmöglichkeiten, eine vermutete weltanschauliche Gegnerschaft, eine politische Metapher und eine schwärmerische Metapher für Andersartigkeit bis zum Katzenjammer vermischen.</p>
<p>Ein Moment, das bei Tolkien vollständig fehlt und das bei „Star Trek“ seit Marc Okrand so mustergültig ausgespielt wird, ist der Ausdruck des skeptischen, angeekelten Genervtseins, den wir bei Mc Coy und Picard und derzeit auf den Gesichtern vieler netter Bekannter beobachten können, gerade derer, die mit Sarrazin so wenig gemein haben wie Mc Coy und Picard (und ihn in der Regel verabscheuen): Vielleicht sind Klingonen doch so. Das ist die harte Wahrheit, der wir uns alle irgendwann stellen müssen.</p>
<p><span style="color: #ff00ff;"><span style="font-size: large;">Der mit Abstand gefährlichste Eskapismus bleiben aufpeitschende Hypes, das Crack fürs Volk, die umso verheerender nachwirken, je offener sie inszeniert und überzogen sind.</span></span></p>
<p>Niemand hat jemals behauptet, dass der Umgang mit anderen Kulturen einfach wäre. Ethnologie und Kulturalismus haben lange und hart darum kämpfen müssen, Modelle des verstehbaren anderen und des kritischen Respekts überhaupt durchzusetzen. Der alte Positivismus, gerade der linke, sah darin lange Zeit nicht viel mehr als das Wühlen in Mottenkisten und verschämte Drückebergerei, während doch eigentlich die Verwirklichung der neuen Welt objektiv anstand. Es gab ein paar handliche Allzweckwaffen wie „die Moderne“, „die Wissenschaft“, oder je nach Wahl Marx oder Freud und die dazugehörigen Verfeinerungen und Häresien, und für skeptischere Geister gab es die negative Dialektik, die ausführte, warum die nie und nimmer ausreichen konnten, aber es gäbe eben trotzdem nichts anderes. Der Kulturalismus war sicher, nicht nur(!) ein Versuch, damit umzugehen, dass die Welt rein empirisch trotzdem so viel anderes bot. Und auf der anderen Seite ein romantischer und häufig konservativer Ausweg aus der marktgeprägten Moderne. Der einzige salonfähige Großdenker, der immer wieder betont hat, dass diese beiden Seiten der Medaille überhaupt kein Widerspruch sein müssen, war Ernst Bloch, der genau in der Spannung zwischen dem Traum vom edlen Wilden, dem Erkennen von Unterschieden und einem universalistischen Anspruch jede Menge Potential für kluge Utopien sah. Der scheinbar wunde Punkt, den Sarrazin treffen will, und den seine Opponenten unter Schmerzen vermeiden wollen, ist gar keiner. Dass mir mein Nachbar fremd vorkommen kann, ob anziehend oder gefährlich, dass mir vertraut vorkommen kann, was mir fremd erscheinen müsste, dass ich in beiden Fällen wie verrückt projiziere und darüber erschrecke, ist überhaupt kein Problem. Genau in dem Moment, in dem ich den edlen Wilden nicht mehr für edel und nicht mehr für wild halte, kann ich mich konstruktiv mit dem Eigenen und dem Anderen, Vergangenheit und Zukunft, Träumen und Reibungen beschäftigen. Bloch propagiert, sehr verkürzt und neben vielem anderen, das sympathisierende Weiterdenken in genau dem Moment, in dem Picard missmutig seufzt (und das bedeutet keine Verharmlosung fiktiver und realer Verbrechen). Aber Bloch lässt sich genau so wenig auf eine handliche Formel bringen, wie er ahnen konnte, dass seine Vorstellungen von „Ungleichzeitigkeit“ verschiedener Kulturen in der industrialisierten Welt einmal ganze Wissenschaftszweige hervorbringen würde, deren sperrige Ergebnisse über seine Kategorien hinausgehen. Dass es so viele verschiedene kulturelle Stimmen geben könnte, die dringend Gehör verdienen, und dass es so schwierig sein könnte, dafür einen angemessenen diskursiven Rahmen zu schaffen. So nötig neuere revisionistische Einsprüche (u.a. immer wieder Zizek) gegen die Flucht in das Konstrukt von Fremdartigkeit derzeit vermutlich sind, sie wollen etwas entzaubern, was nie verschleiert war. Es gibt andere Kulturen, und es gibt kein Entrinnen vor dem Spiel, das die westlichen Industrienationen begonnen haben, und das auch diese verändert. Es gibt kein draußen, aber jede Menge drinnen, das sich in dieses Spiel nicht vollständig integrieren oder daraus erklären lässt, trotzdem damit zusammenhängt und permanent die Spielregeln mit umdeutet, im Guten wie im Bösen. Unser Land besteht aus verschiedensten Formen von Parallelgesellschaften, und die eigentümlichste bleibt Rheinland &#8211; Pfalz. Das kann nie einen Ehrenmord entschuldigen. Und das alles hat absolut nichts mit der derzeitigen Debatte zu tun.</p>
<p><span style="color: #ff00ff;"><span style="font-size: large;">Sarrazin ist ein synthetisiertes Medienprodukt wie Heidi Klum, nur schlechter frisiert.</span></span></p>
<p>Es heißt, Khomeini, der im Westen geprägt wurde, sei der erste politische Machthaber gewesen, der seinen Erfolg der intelligenten Nutzung von privat kopierbaren Kassetten mit Reden verdankt hat, die zum Zeitpunkt seines Propagandafeldzugs gerade erst ein paar Jahre auf dem Markt waren. Die Vorliebe von noch weitaus aggressiveren Gegnern der Moderne für Massenmedien und technische Neuerungen ist allgemein bekannt. Fundamentalisten sind ein Ausdruck konservativer Rebellion und kein Überbleibsel aus mythischer Vorzeit, und dies umso weniger, je mehr sie das selber für sich in Anspruch nehmen. Sarrazin ist ein synthetisiertes Medienprodukt wie Heidi Klum, nur schlechter frisiert. Der mit Abstand gefährlichste Eskapismus bleiben aufpeitschende Hypes wie dieser, das Crack fürs Volk, die umso verheerender nachwirken, je offener sie inszeniert und überzogen sind. Wie kürzlich im Georg-Seeßlen-Blog ausgeführt, liegt die Gefahr solcher Phänomene vielleicht nicht einmal darin, dass unnötigerweise hier ein paar gewaltbereite Rechte und dort ein paar gewaltbereite angebliche Außenseiter produziert werden,  sondern in der Blockierung und Kontaminierung wichtigerer Fragen und schönerer Gedanken. Scheindebatten können keine vielleicht notwendigen Diskussionen provozieren, sie untergraben ihre Grundbedingungen.</p>
<p>Der alte Trick, den Sarrazin einmal mehr aufwärmt, und der immer brisanter wird, je schlechter diese Gesellschaft irgendwen im klassischen Sinne „integrieren“ kann, bis hin zu Angela Merkel, besteht darin, angetäuschte kulturalistische und universalistische Fragestellungen als Alibi dafür zu benutzen, weder die kulturalistische, noch die universalistische Diskussion führen zu müssen. Klingonen sind anders, wir können mit ihnen nicht über menschliche Werte diskutieren. Wir können nicht über menschliche Werte diskutieren, solange Klingonen sie nicht begreifen. Wir können nicht differenziert über Klingonen nachdenken, solange menschliche Werte auf dem Spiel stehen. Wenn wir nicht in einer uns alle verbindenden Kultur leben würden, könnten die Klingonen nicht herausfallen. Wenn sie nicht herausfallen würden, müssten sie sich nicht anpassen oder abgrenzen. Kultur und Werte sind etwas für Schöngeister, denn wir haben ein Klingonenproblem.</p>
<p>Ein entfremdeter Freund dieses Autors kam als schwer traumatisierter Flüchtling aus dem Iran in dieses Land. Entzückt von Sprache und Kultur, tatsächlich Christ. Vor einigen Jahren redete er sich in einem Gespräch über die alltäglichen Demütigungen und permanenten Verdächtigungen aufgrund von Aussehen, Namen und leichtem Akzent in seinem fehlerfreien Deutsch in Rage und verlor sich in Hasstiraden gegen alles und jeden. Mittlerweile ist er Deutschdozent in Teheran und angeblich endlich glücklich.</p>
<p>„Er passt da einfach viel besser hin.“, meint ein ehemaliger Mentor.</p>
<p>Es gibt keine Klingonen.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Text: Florian Schwebel</em></p>
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		<title>Inglourious pressure</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Aug 2010 12:44:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmwissen]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Die neue Mikrodramaturgie
„Inception“ ist kein Film über Träume, sondern über Stoppuhren. So wie die Iron Men nicht von Integrität handeln, sondern vom Wegducken in letzter Sekunde, und „Hellboy II“ sich nicht um Außenseiter, Inzest und Reifeprozesse dreht, sondern um glühende rotierende Zahnräder. Früher waren nur James Bond – Filme immer eine halbe Stunde zu lang, damit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die neue Mikrodramaturgie</strong></p>
<p>„Inception“ ist kein Film über Träume, sondern über Stoppuhren. So wie die <em>Iron Men</em> nicht von Integrität handeln, sondern vom Wegducken in letzter Sekunde, und „Hellboy II“ sich nicht um Außenseiter, Inzest und Reifeprozesse dreht, sondern um glühende rotierende Zahnräder. Früher waren nur <em>James Bond</em> – Filme immer eine halbe Stunde zu lang, damit noch eine ausgewalzte Allmachtsphantasie über den Kampf um den Weltuntergang reinpasste, heute sind immer mehr Produktionen jenseits von Locarno um etwa hundert danebengehende Feuersalven zu öde. Und noch sehr viele Produktionen mit einem Budget oberhalb von 40 Millionen Dollar werden folgen, in denen die Aufmerksamkeit der Macher und des Publikums auf dem filmischen Äquivalent zu der Frage liegt, ob Heldin oder Held geschickt einem herunterfallenden Blumentopf ausweichen können.<span id="more-12433"></span> Sicherlich lässt sich das als Metapher für die immer noch akute Angst vor terroristischen Anschlägen in der englischsprachigen Welt lesen, aber die Metapher funktioniert nicht recht (<em>Hellboy</em> würde nie als zufälliger Passant von einem Blindgänger erwischt werden), und anders als offenkundigere Paranoiaphantasien wirken diese Werke auch bei uns. Nun ist dieses Zeug, in denen mit großer Wahrscheinlichkeit hervorragende Filme begraben liegen, die nie jemand zu Gesicht bekommen wird, offensiv für Teenager konzipiert. Und Teenagern wird das Leben wohl immer als Stakkato absurder Prüfungen, die über Leben und Tod entscheiden, erscheinen. Das alles hat hoffentlich nicht viel mit uns zu tun. Aber noch schauen und rezipieren wir mit, und werden von diesen Filmen mit genug Kunst, Schönheit und Klugheit, mit zu großen Namen,  zu großen Themen und zu kleinen Momenten geködert, um nicht wegzusehen. Etwas verschiebt sich im allgemeinen Blick auf Geschichten, die Welt und Möglichkeiten.</p>
<p>Das Aufkommen der Mikrodramaturgie hat natürlich nicht zuletzt ökonomische und technische Gründe: „High concept“- Filme werden in eine ausufernde Verwertungskette hineingeboren, zu deren wichtigstem Standbein (trotz derzeitiger Umsatzeinbußen) Videospiele geworden sind (die mit ihren Gewinnen seit ein paar Jahren Hollywood Konkurrenz machen). Und pfiffige Dialoge lassen sich nun einmal nicht so gut nachspielen wie das Gerangel um die letzte Patrone. Die Videospiele entstehen an den gleichen Rechnern wie die Filmsequenzen und die digitale Nachbearbeitung aktueller Superheldencomics. Der ehrwürdige Nerdauflauf der <em>Comic Convention</em> in San Diego wird von „Blickpunkt Film“ gleich zur wichtigsten Filmmesse des Jahres erklärt, und niemand weiß mehr so genau, ob es bei diesem Event, das einmal vor allem dazu da war, vergriffene Hefte aufzustöbern und Zeichnern bei der Arbeit zuzuschauen, nun um Filme, Spiele oder Spielzeug (oder vielleicht doch noch um Comics) geht, und diese Unterscheidungen werden auch zunehmend nebensächlich.</p>
<p>Ein Filmemacher alter Schule würde fünfmal darüber nachdenken, komplizierte Kräne zu bauen, um theoretisch überflüssige Nahaufnahmen von herumrollenden und nicht detonierenden Granaten zu drehen, für die Programmierer in den Spezialeffektstudios ist es Tippen auf Tasten und auch nicht bizarrer als in wochenlanger Arbeit die Haarfarbe der Hauptdarsteller nachzubessern.</p>
<p>Und nicht zuletzt funktionieren die akribisch ausgearbeiteten Haarzieh – und Rippencheckszenen in „The Wrestler“ auf dem Display eines MP 3 Players wesentlich besser als die langsamen dunklen Kamerafahrten durch <em>Randys</em> Alltag und lassen den mobilen Zuschauer mit ihrer Betonung auf Reflexen und blitzschnellen Ausweichbewegungen weniger schnell in andere Passanten krachen, die mit ihren eigenen tragbaren Entertainmentmaschinen beschäftigt sind.</p>
<p>Es steckt eine Liebe zum Detail in dieser Bastelarbeit, wie sie sich auch im Slapstick, im Animations-, Tanz-, oder Experimentalfilm finden lässt, aber wenn die heutigen Actionfilme eine Stunde der wahren Empfindung feiern wollen, ist diese Empfindung Stress. Im Gunde nichts Neues für den Actionfilm.</p>
<p>Und dennoch wandelt sich hier eine tiefer gehende Vorstellung vom Leben und von lebenswichtigen Entscheidungen in der westlichen Kultur.</p>
<p>„n – tv“ hat nicht zum Spaß jahrelang unaufhörlich aktuelle Börsenkurse über den Bildschirm tickern lassen (und dies heruntergefahren, als die Zahl der Aktieninhaber unter den Zuschauern deutlich zurückging), Sport- und Castingshows verstopfen nicht zufällig das Fernsehprogramm, und die Wahl zum Bundespräsidenten wird nicht aus Langeweile von Medien zur Zitterpartie hochgejazzt, die ansonsten eher selten über das mühselige Prozedere des Bundestags berichten, und schon gar nicht über Christian Wulff.</p>
<p>Wir rutschen unaufhaltsam von den alten Erzählungen über selbstbestimmte heroische Individuen hinüber in neue über clever gehetzte Einzelkämpfer mit den richtigen skills. Darunter liegt ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht angesichts von Prozessen, die individuell kaum noch begriffen, geschweige denn mitgestaltet werden können, und eine tiefe und gefährliche Resignation, die das nackte Überleben (und als das fungiert, so obszön das erscheinen mag, auch das Weiterkommen in der Castingshow) als größtmöglichen Sieg mit allem verfügbaren Pomp feiert. Twitter um deinen Platz an der Sonne, bevor du bei der nächsten Naturkatastrophe, dem nächsten Krieg oder der nächsten Loveparade zur zum Untergang verurteilten Herde im Gatter gehörst.</p>
<p>Dass das Glück mit dem Guten ist, ist natürlich eine uralte Vorstellung. In Zeiten, als das Leben auch in unseren Breiten tatsächlich Tag für Tag davon abhing, nicht im falschen Moment einen Schnupfen zu kriegen, galt als vom Glück begünstigt, wer das Ausfallen seiner Zähne miterleben durfte. Die frühen Mythologien wimmeln von Pharaonen, Halbgöttern und schließlich Propheten, deren Heldentaten das Äquivalent dazu sind, im Lotto zu gewinnen. Aber überall dort, wo sich reflektiertes Bewusstsein durchsetzte, entstand eine neue Vorstellung von der Gestaltbarkeit der Welt – passiver im Osten der taoistischen Heiterkeit und des buddhistischen Gleichmuts, äußerst aktiv im Westen mit der antiken Vorstellung des Individuums und dem nachfolgenden christlichen Gesinnungsmenschen, massiv vorbereitet durch die selbstbewusst von Gott abfallenden Könige des alten Testaments. Unsere Erzählungen, und es lässt sich nicht häufig genug betonen, dass sich die verbindlichen Erzählungen einer Kultur in ausgewiesenen Fiktionen noch am Wenigsten spiegeln, sind nach wie vor geprägt von den damals entwickelten dramaturgischen Modellen. Obwohl oder weil zur antiken Zeit ein Gang durch den falschen Wald tatsächlich den Tod bedeuten konnte, fehlen in diesen Modellen die plötzlich auf Pfützen ausrutschenden Schurken oder die durch eine kurze Unachtsamkeit untergehenden Imperien völlig, die unsere Medien bevölkern. Philosophie, Religion und Politik beschäftigten sich nicht mit der Fähigkeit, sich im richtigen Moment zu ducken, und in der „Ilias“ fehlen die geschickt angetäuschten Schwertattacken aus „Troja“. Dafür gab es Spiel und Sport.</p>
<p>Der zugespitzte Moment am Scheideweg, der Kairos, in dem sich alles zum Guten wenden oder in die Katastrophe führen kann, ist eine erzählerische Metapher. Noch bei Sergio Leone werden wir nicht deswegen mit auf Minuten gedehnten Sekunden traktiert, weil der Showdown tatsächlich dadurch entschieden würde, ob Clint Eastwood schneller zieht als Lee Van Cleef oder Henry Fonda wirklich von der Sonne geblendet wird. Die Entscheidung des Fatums wird lediglich bis an die Grenze der Erträglichkeit mit aller Schwere ausgekostet, Entscheidungen gibt es in der Welt des Italo–Westerns, der die alten Erzählungen gegen den Strich bürsten will, genau so wenig wie in dem angeblich darin gespiegelten japanischen No–Theater (und wenn, liegen sie darin, auf Elli Wallach zu schießen oder doch nur auf den schicksalhaften Strick um seinen Hals).</p>
<p>Die Ballette des asiatischen Martial Arts Films, denen wir die neue Meisterschaft der westlichen Filmemacher beim Auskosten der bewältigten Spannungssekunden verdanken, huldigen einem diametral entgegen gesetzten Prinzip. Die schrulligen alten Lehrmeister verhöhnen die angehenden Helden nicht (nur) zu unserer Unterhaltung, sondern um sie egofreie Achtsamkeit, Flexibilität und angemessenes Handeln im Moment zu lehren. Deswegen erklingen Gebetsglöckchen, bevor Jackie Chan fünf waffenstarrende Monster mit einer Tüte Mehl bezwingt, deswegen friert das Bild vor Stephen Chows Wirbelattacken kurz ein ( und bereits japanische Videospiele sind in den höheren Leveln nicht mehr mit Einzelentscheidungen zu bewältigen). Und deswegen hat die Adaption dieser Ästhetik in „The Matrix“ so verheerend stilbildend überzeugt: das Durchschauen der Scheinwelt der zehntausend Dinge macht den guten Kämpfer aus, seitdem asiatische Wandermönche zum ersten Mal zurückschlugen, das weiß jeder bessere Karatelehrer. In diesen Denkschulen existieren nach westlichem Verständnis weder Subjekt noch Objekt, Indidividuum oder machbare Welt. Entsprechend kann der Höhepunkt einer erzählten Geschichte nicht das ausufernde Streitgespräch über Weltanschauungen und Wirklichkeitsbewältigung sein, das uns als Nachlass des antiken Theaters kulturell in den Knochen sitzt. Aber die Kulturen nähern sich an, im Guten wie im Bösen, und vielleicht wachsen im Moment bereits Teenager heran, die authentisch in einer neuen Gemütslage leben, in der nicht mehr Showdowns, ob mit Waffen oder Worten, Ausdruck von Krisenbewältigung sind, sondern Tanz, Poesie und nervtötende Videospiele. Im Moment aber scheinen die Filme der amerikanischen Majors an überreizten Mischformen zu arbeiten, die nichts Besseres zu verkünden haben, als die alte Prädestinationslehre mit noch mehr Stress. Wenn im alten Western bis hin zu „Star Wars“ der Gute nicht danebenschoss, die Kugelhagel des übermächtigen Feindes aber ins Leere gingen, bildeten Rechtschaffenheit, Können und die unsichtbare Hand Gottes und des Autors eine untrennbare Einheit. Wenn <em>Hellboy</em>, um ihn hier stellvertretend für alle seine Kollegen zu nehmen, so lange gegen alle verfügbaren Schränke geprügelt werden muss, bis er zum heiligen Berserker wird und dann mit viel Schweiß nicht mit den Hörnern im falschen Zahnrad hängen bleibt, ist dieser alte Pakt nicht aufgekündigt, aber die Bedingungen haben sich verschärft: <em>Hellboy</em> braucht mehr Wut und Überlebenswillen als John Waynes klassische Leinwandhelden, um genau wie er persönliche Rettung, Weltrettung und Triumph in einem Aufwasch genießen zu können, er muss sich ungleich härter demütigen lassen und anstrengen. Da wären wir wieder. Es wäre hübsch, wie immer, wenn sich das als Ideologie abtun ließe, die eiskalte Strippenzieher den gebeutelten postpostmodernen Menschen systematisch als Disziplinierungsmaßnahme einflößen wollten. Aber dieser nervös gepresste Atem zieht sich wohl tatsächlich durch unsere Kultur. Und zur alles andere als beruhigenden Prämisse der Erzählungen wird, dass der bizarre Stress an sich unvermeidlich ist, nicht verhindert und nicht verhandelt werden kann.</p>
<p>Besonders deprimierend wird diese Sicht in der konkurrenzlos brillantesten Spannungssequenz der letzten Jahre, in dem Kellerlokal von „Inglourious Basterds“. Hier wird tatsächlich über Leben und Tod entschieden, wenn beim Bestellen von drei Bier aufgrund fehlenden Detailwissens die falschen Finger gehoben werden. Dass der gefälschte Deutsche nach jeder alltäglichen Logik zehn Minuten früher oder gar nicht gnadenlos enttarnt sein müsste, stört nicht nur den manischen Trivia–Streber Tarantino wenig (der vermutlich tatsächlich davon überzeugt ist, dass es ihm eines Tages das Leben retten wird, zu wissen, in welchem Jahr die „Beverly Hills 90210“ – Barbies auf den Markt kamen). Sondern uns noch weniger, die wir längst davon überzeugt sind, in einer Welt zu leben, in der zwar vielleicht die Guten und die coolen Bösen so oder so bzw. so davonkommen werden (wie Raine oder Landa), die Charakterrollen und Statisten aber (und wer kennt schon noch den Unterschied) mit gespanntester Aufmerksamkeit Fehler vermeiden und Informationen sammeln müssen. Wir wissen, die Welt ist nicht so. Aber würden wir es im Weinlokal noch wissen?</p>
<p>Der Prozess der Durchdringung von Ost und West hat noch nicht einmal richtig begonnen. Und die Verfeinerung des Ausweichens und Zuschlagens, des Informationssammelns und alerten Knöpfchendrückens lässt sich nicht beliebig steigern und löst nicht einmal die Probleme der verästelten Drehbücher. Irgendwann werden unsere Helden tanzen, revoltieren oder Blumen pflücken. Und bis dahin müssen wir eben durchhalten und daran denken, dass die neue Mikrodramaturgie im Guten wie im Bösen nichts mit dem Leben, seinen Prozessen und seinen Entscheidungen, seinen Wundern und seinen Zahnrädern zu tun hat. Und nur in Ausnahmefällen mit gelungenen Filmen. Oder darauf hoffen, dass uns der alte Jackie Chan noch einmal rettet.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Text: Florian Schwebel</em></p>
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		<title>Tröten tröten</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Jun 2010 08:42:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[„Hubschraubereinsatz“ von Foyer des Arts ist ein lustiges, flaches Lied aus den frühen 80ern und geht etwa so: „Handtaschenräuber/Handtaschenräuber/überall, überall Handtaschenräuber/ da hilft nur ein Hubschraubereinsatz!/ Scheinasylanten/Scheinasylanten/überall, überall Scheinasylanten/ da hilft nur ein Hubschraubereinsatz!“ usw. Eine spätere Fassung wartet noch mit dem interessanten Dreh auf: „Weizenbiertrinker/Weizenbiertrinker/überall, überall Weizenbiertrinker“. Gerüchtweise trägt Max Goldt das Stück bei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_11364" class="wp-caption alignleft" style="width: 153px"><a href="http://www.vuvuzela.ch/v2/de/sounds_clips.html" target="_blank"><img class="size-full wp-image-11364" title="vuvuzela_logo" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/06/vuvuzela_logo1.gif" alt="" width="143" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">hier geht&#39;s zum Tröten</p></div>
<p>„Hubschraubereinsatz“ von <em>Foyer des Arts</em> ist ein lustiges, flaches Lied aus den frühen 80ern und geht etwa so: „Handtaschenräuber/Handtaschenräuber/überall, überall Handtaschenräuber/ da hilft nur ein Hubschraubereinsatz!/ Scheinasylanten/Scheinasylanten/überall, überall Scheinasylanten/ da hilft nur ein Hubschraubereinsatz!“ usw. Eine spätere Fassung wartet noch mit dem interessanten Dreh auf: „Weizenbiertrinker/Weizenbiertrinker/überall, überall Weizenbiertrinker“. Gerüchtweise trägt Max Goldt das Stück bei Lesungen hier und da ohne Musik vor, und vielleicht könnte man ja den Rhythmus ändern, dass es sich auf „Pleitegriechen“ und „Vuvuzelas“ umdichten lässt.</p>
<p>Gegen Vuvuzelas als Hassobjekt ist ja auf den ersten Blick wenig zu sagen: Sie spüren, so weit wir wissen, keine Schmerzen, wenn man auf ihnen rumtrampelt, entwickeln selten soziale Phobien durch üble Nachrede, und wenn sie ihre Arbeit (das Tröten) aufgrund einer Hetzkampagne verlieren, kommen sie vermutlich klar.<span id="more-11361"></span></p>
<p>Der „Volksfeind Spatz“, dem im China der 50er Jahre Maos verplante Ernährungspolitik in die Schuhe geschoben wurde, hat dagegen vielleicht die Propagandaplakate mit der US–Fahne auf seinem Bauch nicht verstanden, wurde aber stolz verjagt, getötet und generell ausgehungert (worauf eine Schädlingsplage ausbrach, aber vielleicht ist das nur Gegenpropaganda).</p>
<p>Vuvuzelas spielen ihre Rolle jedenfalls ausgezeichnet: In Zügen, im Supermarkt und auf öffentlichen Plätzen kommen Wildfremde miteinander über den fürchterlichen Lärm in ein angeregtes Gespräch, und auch wer noch keinen Minute dieser WM verfolgt hat (und erst recht keinen Fußball) ist bestens eingeweiht in „So laut wie ein Presslufthammer!“ und „der BILD–Zeitung lag so was ähnliches sogar bei!“ und „Sie kommen mit dem Verbot nicht durch!“ und kann in Notsituationen die angemessene Entrüstung simulieren. Nun mag man einwenden, die Dinger seien wirklich zu laut und nervten wie die Hölle, sehr gut möglich, doch das kann ein Nichtgucker nicht beurteilen, im Gegensatz zu der allgegenwärtigen Debatte. Ist da Rassismus im Spiel? In Zügen, im Supermarkt und auf öffentlichen Plätzen blitzt er hier und da zumindest kurz auf: Anderes Lebensgefühl, wer denkt sich so ein blödes Instrument aus, klingt wie eine Herde Elefanten  anstatt wie die vertraute Meute besoffener Totschläger, können halt nicht still sein, usw.</p>
<p>Ähnlich wie beim Pleitegriechen scheint es ansatzweise um Chaos gegen Ordnung, Impulsivität gegen Disziplin usw. usf. zu gehen. Eine saubere, ordentliche, angeblich von Deutschland bezahlte Welt droht immer wieder, im allgemeinen Chaos unterzugehen und nervt den halboffiziellen deutschen Stammtisch mit Frechheiten, die er gerade gar nicht gebrauchen kann.</p>
<p>Es hat seinen Charme, keinen Schritt vor die Tür machen zu können, ohne in Diskussionen über Tröten verwickelt zu werden, aber dennoch bleibt die Begründung dafür, weswegen die Fernsehanstalten sich zunächst sträubten, den Übertragungston anders abzumischen: um die herzerwärmenden Fangesänge nicht zu unterschlagen.</p>
<p>Wenn härtere Computerspiele indiziert werden sollen, dreht es sich häufig darum, ob da Menschenähnliches abgeschlachtet werden muss oder nicht. Dann wird Blut grün gefärbt, da werden Gegnern unerklärliche Echsenfüße verpasst oder es entpuppen sich praktischerweise alle Personen, denen man den Kopf oder die Beine wegballern oder ein Messer ins erschrockene Gesicht jagen musste, im Nachhinein als Zombies oder Außerirdische (vermutlich sitzen gelangweilte Hacker schon längst an Versionen mit Vuvuzelas). Lebewesen im weitesten Sinne müssen es immer sein, sonst wäre der Witz weg (ein 20minütiger Entscheidungskampf gegen einen großen Kleiderschrank, der keine Anzeichen von Strategie erkennen lässt, wäre vielleicht auch ein bisschen demütigend). Man kann natürlich auch Wale (Moby Dick) oder Berge (Reinhold Messner) als Herausforderung oder Nemesis begreifen, aber im Bereich des Videospiels ist auffällig, wie weit selbst die harmlosesten Kinderprodukte von den Zäunen, herunterfallenden Kometen und Bananenschalen abgekommen sind, die früher die üblichen Hindernisse darstellten. Nicht die gleiche Befriedigung beim Kampf. Viele Computerspiele (längst nicht alle, und mittlerweile wird wohl ohnehin vor allem mit der Wii gekegelt) fördern ja ziemlich punktgenau ein sadistisches Erleben, bei dem die Überforderung irgendwann in kühl kontrollierte Grausamkeit umschlagen darf (oder sogar muss), und dazu bedarf es eben eines Minimums an Persönlichkeit und Schmerzempfinden. Solche Spiele sollen offenbar ein heftigeres und isolierteres Verlangen befriedigen als die gemeinschaftsfördernden Kampagnen gegen den Volksfeind Spatz. Vielleicht ist bei „Killerspielen“ (um mal den dummen Ausdruck zu benutzen) tatsächlich die Katharsis möglich, die manche aufgeschlossenen Psychologen ihnen zuschreiben. Offen gewalttätige Abfuhr von Frustrationen ohne Schaden für irgend jemanden. Dem gegenüber stehen natürlich die Modelle von Abstumpfung und Habitualisierung. Wer in tagelanger Arbeit lernt, sich mit hämmerndem Herzen virtuell hinter Kisten zu verstecken und den richtigen Augenblick für einen Kopfschuss abzupassen, studiert in dieser Zeit nicht die Schmetterlingsarten auf der Wiese. Aber er weiß zumindest, dass er nicht den gesellschaftlichen Frieden verteidigt.</p>
<p>In den Jahrzehnten zwischen Krieg und Wiedervereinigung (das ist zu platt, natürlich, nehmen wir es einmal eher als historische Einordnung denn als Kausalzusammenhang) modernisierten zwei große Projekte dieses Land: Höherschnellerweiter und Gerechterutopischerschöner. Beide wollten mit Nation, Region, Milieu, „Ethnie“, Geschlecht usw. erst einmal nichts zu tun haben und trafen in anderen Ländern des Nordwestens auf äquivalente Projekte. Auf Kongressen, Messen und in Plattenläden fanden Menschen zueinander, denen Flaggen im Vergleich dazu unwichtig waren. Heimat war das, wo noch nie jemand war. Beide Projekte haben ihren verheißungsvollen Schwung etwas verloren und sich zum Ausgleich den Flirt mit den tradierteren Werten (in einer ironisch etwas aufgepeppten Variante) gegönnt. Höherschnellerweiter, das liberale Projekt, braucht eben etwas Erdung, gerade in schlechten Zeiten, Gerechterutopischerschöner, also das progressive Projekt, hat ein Dauerproblem mit dem Abgrenzungswillen hie und dem Universalismus da.</p>
<p>Wenn die Mitarbeiter von Elektromarktketten auf erbitterte Feindschaft gegenüber der Konkurrenz eingeschworen werden, auch wenn die zum gleichen Konzern gehört, wenn Fastfood – Zubereiter über ihre Überlegenheit gegenüber der anderen Kette gegenüber meditieren müssen, kann wohl selbst Nationalstolz als ethischer Wert mit realer Grundlage erscheinen, und erscheinen weniger verklebte Unterscheidungen zwischen Menschen, Ideen und Kulturen schnell als Betrug.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund erleben wir nun seit den späten 70ern die schrittweise Rehabilitierung des heimischen Bodens in dafür eher unverdächtigen Milieus. Auch wenn ich nicht die Welt verändern kann, komme ich immer noch aus dem Hunsrück, das kann mir keiner nehmen, und gerade das ist exemplarisch. So großartig „Heimat“ ist (und so berechtigt die Beschäftigung mit allem, was nicht bruchlos in großen Projekten aufgeht), man hätte es wissen müssen (und damals wurde das ja auch gemenetekelt): dieses Denken führt in seiner vergröberten Form irgendwann zu einer Flut des bewusst belanglos Regionalen in den Medien und irgendwann zu Deutschlandfahnen überall.</p>
<p>Wer den Universalismus aufgibt, landet irgendwann in der Hölle von wir und die. Der Universalismus steht im Moment nicht sonderlich hoch im Kurs. Nationalismus, Zielgruppendenken, das Verkriechen in den Nischen und der Generalverdacht, Überbau für Böses zu sein, haben ihn als erlebbarer Erfahrung ziemlich weitgehend den Garaus gemacht. Kultur, die diese Erfahrung für die meisten Menschen lange Zeit auf die eingängigste und intensivste Art ermöglicht hat, häufig im mehr oder weniger direktem Zusammenhang mit sozialen und politischen Fragen oder Lebensentwürfen, funktioniert nicht mehr so recht als Einladung an alle. Blockbuster und Bestseller folgen der Logik des Spektakels, nicht der des geheimen gemeinsamen Nenners, daneben zerfällt mehr oder weniger alles in Milieus, Einzelmärkte, peer groups.  Dass beim gegenwärtigen Klima  im gemeinsamen Mögen und Nichtmögen von beispielsweise obskuren Bands möglicherweise viel mehr Sprengstoff und Verheißung steckt als in den meisten offenkundiger politischen oder sozialen Debatten (und die im Moment vielleicht vermutlich einzige  Rettung vor den abgekarteten Debatten über Leitkultur samt Pleitegriechen), fällt unter den Tisch, weil niemand Interesse daran hat, dass es nicht unter den Tisch fällt. Weder die Betreiber von Facebook usw., noch die Apologeten einer gesellschaftlichen Homogenität, nicht die kleinen Zirkel, die in Ruhe ihren Vorlieben fröhnen wollen, ja nicht einmal die verbliebenen Menschen, die Kultur, Politik und Leben ineinander verschränkt sehen, vielleicht aus schierer Überforderung angesichts des scheinbar privatistischen Gewimmels. Vielleicht gibt es überhaupt kein allgemeines Interesse an Kultur, wie weit gefasst auch immer, jenseits von Distinktionsgewinn und Identitätsabsicherung, ganz, wie es manche Materialisten immer behauptet haben, wobei das Tragische dann darin liegen würde, dass es trotzdem massenhaft Kultur gibt, die genau das verlangt und verdienen würde (und uns alle daran erinnern, dass die Welt viel schöner sein kann als an diesem miesen Donnerstag, das nur nebenbei).</p>
<p>Und es gibt Vuvuzelas. Stellen wir uns vor, es gäbe eine erfundene Minderheit, von der nur ein paar verschwiegene Tüftler wüssten, dass sie nicht real wäre. Nennen wir sie Flupschis. Grüne Haut, blaue Haare, rote Ohren. Omnipräsent in den Nachrichten und der BILD–Zeitung. So designt, dass sie als Projektionsfläche für alle Lager taugen könnte. Die totalen anderen, die allgegenwärtigen falschen Freunde, gleichzeitig ihren bizarren Traditionen verhaftet (ohne Ähnlichkeit mit denen einer existierenden Kultur) und Spekulanten auf internationalem Parkett. Sie würden frech öffentliche Gelder verbraten, immer im falschen Moment Lärm machen, im Ruch aller Arten von Kriminalität stehen und immer mal wieder vom gerechten Volkszorn zusammen geschlagen werden. Politiker könnten sich immer wieder darüber profilieren, dass sie ein härteres Vorgehen gegen Flupschis fordern würden, und nie hätte das etwas mit uns zu tun. Vergessen wir mal die logistischen Probleme, die das mit sich brächte (und die in diversen Science – Fiction – Stoffen ja längst angedacht wurden), wäre die Welt ein schönerer Ort? Gibt es ein harmloses Sündenbockprinzip?</p>
<p style="text-align: center;">
<object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="500" height="405" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/hBr1hOT6iSk&amp;hl=de_DE&amp;fs=1&amp;rel=0&amp;color1=0x3a3a3a&amp;color2=0x999999&amp;border=1" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="405" src="http://www.youtube.com/v/hBr1hOT6iSk&amp;hl=de_DE&amp;fs=1&amp;rel=0&amp;color1=0x3a3a3a&amp;color2=0x999999&amp;border=1" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object>
</p>
<p>Natürlich nicht. Wer ein Brötchen klauen würde, und die entsprechende Disposition dazu hätte, würde es irgendwann dem Einfluss der Flupschis in die Schuhe schieben. Der abgespaltene Hass auf die Flupschis würde wüten,  wie es Projektionen nun mal tun, und irgendwann würde auch der liebe Nachbar im passenden Moment als Flupschi beschimpft werden. Die Mechanismen von Ausgrenzung und innerer Deformation würden funktionieren wie immer, auch Flupschis würden von Problemen ablenken, und natürlich würden von den üblichen bösen Menschen irgendwann Passanten als Flupschis identifiziert und terrorisiert werden, als wären sie eine reale Minderheit. Dieses Spiel gibt es nicht in gut. Und was immer diesem Land so unter den Nägeln brennt, dass die Dezibelstärken von fernen Tröten eine heiße Nachricht sind, wird sich nach Einführung von Audiofiltern einen neuen Kanal suchen.</p>
<p>Vielversprechendster Anwärter auf die Vuvuzela – Nachfolge bleiben die faulen Spanier. Dass den ausnahmsweise gerade ein wenig verschonten Harzt IV – Empfängern Hottentottentänze osä. angedichtet werden, ist höchst wahrscheinlich. Jemand wird Krach machen und sich einen faulen Lenz, jemand wird schlechter sparen und bizarre Feste feiern und die pochenden Schläfen des hochkonzentrierten heimlichen Weltmeisters Deutschland so zum Glühen bringen, dass zumindest die BILD–Zeitung zuschlägt.</p>
<p>Freuen wir uns also über die Vuvuzelas, so lange wir noch können.</p>
<p>Autor: Florian Schwebel</p>
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		<title>Mittelalter, einst und jetzt</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jun 2010 20:58:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wir“ sind, natürlich, Papst und Lena und sowieso Fußballweltmeister der Nebennieren, aber wir sind auch, gerade im Sommer, gerade bei Schuldensperre, Mittelalter. Überall. Keine noch so kleine Burgruine, auf der dieser Tage nicht ein „Spektakulum“ oder ein Minnesängerwettbewerb stattfände, kein öffentlicher Park, in dem Pärchen nicht durch Bierbuden mit Kettenhemden verdrängt würden. „Marktsprech“ allerorten, und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Wir“ sind, natürlich, Papst und Lena und sowieso Fußballweltmeister der Nebennieren, aber wir sind auch, gerade im Sommer, gerade bei Schuldensperre, Mittelalter. Überall.</em> Keine noch so kleine Burgruine, auf der dieser Tage nicht ein „Spektakulum“ oder ein Minnesängerwettbewerb stattfände, kein öffentlicher Park, in dem Pärchen nicht durch Bierbuden mit Kettenhemden verdrängt würden. „Marktsprech“ allerorten, und das ist keine analytische Wortschöpfung von Georg Seeßlen, sondern die offizielle Bezeichnung für das schlimme Kauderwelsch voll „Gehabet Euch“ und „Deucht es Euch“, das bei diesen Anlässen Pflicht ist. Wie groß die Mittelalterszene tatsächlich ist, wie viele Händler, Organisatoren, ehrenamtliche Fanatiker daran beteiligt sind, lässt sich dabei (mit den bescheidenden Mitteln dieses Autors) im Moment nicht herausfinden. Die Märkte und Feste sind eine Bewegung, die sich, wie alle Bewegungen, ungern in die Karten gucken lässt, und von den Medien mit den unbescheideneren Mitteln nur in Ausschnitten erfasst wird. Die Freizeitkultur aus Gerberhütten und Feuerzauber wird uns jedenfalls auch dann noch erhalten bleiben, wenn selbst in ernstzunehmenden Städten kein Euro mehr in freie Kultur gesteckt wird, und jeder freie Euro in public viewing.<span id="more-11161"></span></p>
<p>Obwohl mittelalterliche Feste seit den 70er Jahren durch Deutschland geistern, und hier und da noch Veteranen ein Wams aus Lammfell verkaufen, ist die Szene ein Tummelplatz für die begehrten Menschen zwischen 20 und 30, mit überraschend viel hingebungsvollem älteren Laufpublikum. Theoretisch also für Zielgruppen von allen  Arten von Kultur und Lifestyle, und dennoch läuft diese Parallelwelt derzeit komplett an anderen Nischen und Märkten vorbei.</p>
<p>Warum, zum Beispiel, gibt es eigentlich keine deutschen Mittelalterfilme? Es wird wieder für den Herbst nach dem Fußball produziert, ist heuer vielleicht doch etwas dabei?  Reicht es diesmal für einen Kinofilm, ein Eventmovie oder wenigstens einen Weihnachtssechsteiler ?</p>
<p>Nicht, dass ein medial verwurstetes Mittelalter tatsächlich fehlen würde. Mit dem fabelhaften „Der Drachentöter“ ist seit 1981 eigentlich alles gesagt, und was da noch fehlt, steckt in „Jabberwocky“ und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (ernsthafte Filmfreunde raunen noch schnell „Nordwestwind“ dazwischen).</p>
<p>Aber das Mittelalter ist Standortvorteil des deutschen Films. Durch ein verständliches Durcheinander aller bekannter Klischees kann ein amerikanischer, britischer oder chinesischer Film nichts Besseres tun, um für eine schaurigschöne Atmosphäre zu sorgen, als eine deutsche Burg im Dämmerlicht zu zeigen oder Kerzenlicht durch Butzenscheiben brechen zu lassen. Die hiesige Filmbranche hat die Burgen und die Butzenscheiben vor der Haustür. Plus kleine Felder, verwachsene Wälder und malerische Städtchen (Parkhäuser sind ratzfatz weggepixelt). Das deutsche Mittelalter war lang, qualvoll und einflussreich, &#8211; inklusive Pest, Walter von der Vogelweide und der Reformation (samt Buchdruck). Und ein Blick in den Veranstaltungskalender einer beliebigen Provinzstadt und in die Charts in einer miesen Woche zeigt: ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung ist mittlerweile schlicht mittelalterbesessen. Nichts davon auf der Leinwand oder dem Bildschirm.</p>
<p>Natürlich geht es hier nicht um Geschichte, auch wenn manche Fraktionen der Mittelalterfreunde hin und wieder historische Authentizität für sich in Anspruch nehmen. Das Mittelalter, so weit es sich überhaupt rekonstruieren lässt, bestand, so weit wir wissen, aus entweder invaliden oder chronisch kranken Teenagern, die aus Mangel an Trinkwasser im Dauerrausch der Biersuppe vor sich hinvegetierten. Nicht zuletzt Eric Hobsbawm, der große alte Spielverderber der Geschichtswissenschaft, hat immer wieder darauf hingewiesen, dass kaum etwas synthetischer ist als Traditionen. Von den meisten Volksmärchen, Bräuchen und uralten Überlieferungen der europäischen Länder können wir nur eines mit Bestimmtheit sagen: Dass sie von den Romantikern im 19. Jahrhundert festgehalten und bearbeitet wurden. Und wenn in heutige Mittelaltermärkte Zeit, Liebe und Fachwissen fließen (und das tun sie), geht es meist um Kleidungsstücke – oder um Waffen.</p>
<p>Was für eine Torvorlage für die Filmindustrie!</p>
<p>In Mittelalterfilmen würde die Paraderolle deutscher Hauptdarsteller, einfacher, guter, Kerl mit Dreck am Stecken, einmal nicht die Geschichte ruinieren, und auch das Standartspiel deutscher Hauptdarstellerinnen – stählerne Beschränktheit &#8211; würde bei Hofdamen einmal nicht als Gefühlsarmut quer zu jeder möglichen Intention schießen, sondern wäre der natürliche Ausdruck von zu viel Familie im Stammbaum (sie können alle mehr, natürlich, und es gibt ganz tolle Leute, immer).</p>
<p>Früher hätten ideologische Bedenken die Zelebrierung des fackelschwingenden deutschen Volks in Aberglauben und Bierseligkeit verhindert, aber in der Filmbranche nach dem Untergang können wir solcherlei wohl ausschließen. Also, woran fehlt es?</p>
<p>Natürlich, „Siegfried“, „½ Ritter“ und „Schinderhannes – 12 Meter ohne Kopf“ haben die Erwartungen nicht erfüllt, aber die hiesige masochistische Obsession, sich an „Die Ritter der Kokosnuss“ zu vergreifen, ist ein Sonderthema und hat nichts mit Filmpolitik zu tun. „Krabat“ hat aus Ottfried Preußlers düsterer Allegorie soviel Historismus herausgequetscht, wie bei einem Kinderfilm möglich war, und gilt als Erfolg. „Der Name der Rose“ wurde einst mit hiesigem Geld in hiesigen Klöstern gedreht. Andernorts wird in allen Tonlagen gemittelaltert, von der Bartholomäusnacht bis zum Ritter aus Leidenschaft, Robin Hood oder Jeanne d`Arc. Doch der einzige bleibende deutsche Beitrag zum Kanon bleibt, neben dick ausgewiesenen Märchen, die flockige Musicalverfilmung von „Der Räuber Hotzenplotz“ aus dem Jahr 1974, und die spielt nominell nicht mal im Mittelalter. Und sie weist auf eine Antwort auf die Frage nach dem bundesrepublikanischen Mittelalterfilm hin: die fehlende Tradition.</p>
<p>„Der Räuber Hotzenplotz“, ein beschwingtes Ding mit Gert Fröbe und Josef Meinrad  wird in den meisten Nachschlagewerken nicht als Musical geführt, denn es gibt keine deutschsprachigen Filmmusicals (das ist der offizielle Stand und stimmt beinahe. Hätten u. a. „Linie 1“ und „Märzmelodie“ größer eingeschlagen, wäre „Müllers Büro“ nicht so sehr 80er, wäre der offizielle Stand ein anderer). So wie es auch keine deutschen Horrorfilme und Ritterfilme gibt, die Hochburgen der filmischen Beschäftigung mit dem Mittelalter, und für viele in dieser Zeit angesiedelten Filme nach wie vor filmsprachlich die selbstverständliche Ausgangsbasis. Und so gut wie niemand will derzeit neue Traditionen begründen (außer, es gibt ein paar abscheuliche Flaggen zu zeigen). Und bei aller blinden Geschichtsbesoffenheit des derzeitigen deutschen Films fehlt dem deutschen Mittelalter eine kleine, wichtige Wohlfühlzutat, die noch bei Geschichten über Goethes Frauen oder Brentanos Gurus im Topf schwimmt: Deutschland.</p>
<p>Nun stört das die Mittelaltermärkte am Wenigsten, die landauf, landab mit verballhornter Fraktur und ihrem gequälten Marktsprech deutschtümeln, und meistens sogar ohne verfassungsbedenklichen Beigeschmack.</p>
<p>Doch die Medienbranche und das Markttreiben beißen einander, und das mit langer Tradition. Kurz gesagt: die deutsche Medienbranche gibt sich staats- und weltmännisch, die Mittelalterszene staats – und weltfern.</p>
<p>Mittelaltermärkte – putzige Zelt- und Budenstädte mit mindestens einem offenen Feuer und mindestens zwei Getränkeständen, an denen „Met“ gegen „Silberlinge“ getauscht wird, werden in Deutschland seit den 90er Jahren stetig populärer. Die Vorläufer aus dem englischsprachigen Raum sind älter und lassen sich, wenn man die Ritterspiele dazurechnet, bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Laut den einschlägigen Webadressen wurden die “Renaissance – Fairs“ in den USA nach Doris Day und vor der Gegenkultur zum Phänomen, also in der Zeit von Disneyland und Einbauküchen. Die Moderne war da mit all ihren erfüllten Versprechungen, nun galt es, davor davonzulaufen. In Deutschland lässt sich das Phänomen dagegen direkt aus dem ehemals studentenbewegten Milieu der 70er ableiten, das damals radikal in aggressive und verträumte Flügel zerbrach. Vorläufer waren die Indianer – Clubs und Karl May – Gesellschaften, die, mit Unterbrechungen, seit den 10er Jahren am Wochenende Prokuristen in nachgebaute Wigwams und Träume vom einfachen Leben flüchten ließen. Kleine halblegale Mittelalterfeste waren das Gegenmodell und boten den aufkommenden Esoterik- und Biohändlern Verkaufsmöglichkeiten, bevor die sich Ladenmieten leisten konnten. Es waren Musikfestivals ohne elektrische Gitarren, Stadtteilfeste ohne politisches Straßentheater, Happenings mit handverlesenem Shopping. Der historische Aspekt wurde mit neuromantischem Augenzwinkern behandelt, es ging um schöne Gewänder und die vage Sehnsucht nach versunkenen Schätzen, und niemand jagte einen Pierrot vom Platz. Wenn mit Keltentum und altem Wissen kokettiert wurde, wurden ein paar Poster von irischen Trollen oder französischen Druiden aufgehängt, nie etwas Nordisches, &#8211; Odin, Thor und Rangarök waren so tabu, wie sich damals niemand an Runen versuchte. Bands wie „Ougenweide“ oder „Tänzers Traum“ bemühten sich, eine unschuldige deutsche Liedertradition mit Anschluss an den internationalen Folk zu erfinden. Es gab Raubdrucke von Momo und den Mumins zu kaufen, viel Gebatiktes, Anthroposophie und die Perlenketten mit dem eingeklebten Bild von Rajneesh/Bhagwan/Osho, &#8211; und nirgendwo Waffen. Heiter geklampfte Lieder über wunderschöne Feen gingen nahtlos in melancholisches Gemurmel über den deutschen Herbst über, und es war für ein Kind jener Zeit etwas verwirrend, warum so viele Mitsingstücke von Schweinen handelten, die andere Schweine mit Maschinenpistolen umbrachten. Interessanterweise funktionierte die tröstende Beschäftigung mit verzauberten Zeiten in der DDR bei einer reichlich entgegengesetzten Ausgangslage ähnlich. Wie so viele interessantere Phänomene der Zeitgeschichte ist auch dieses frühe Markttreiben kaum dokumentiert. Längst unleserliche Handzettel, verbogene Broschen und widersprüchliche Erinnerungen scheinen alles zu sein, was davon geblieben ist. Die jetzige Mittelalterkultur ist kaum transparenter: Zwar verfügt sie über eine eigene Zeitschrift, „Karfunkel“, in der die Heldentaten der Szene erzählt werden und noch das gemeinsame mittelalterliche Trommeln von drei verkleideten Gestalten am Blocksberg gewürdigt wird, aber wie groß die Nische ist, wie ihre Strukturen funktionieren und nicht zuletzt wie viel Geld von wem damit gemacht wird, verbleibt dennoch im Finsteren.</p>
<p>Konstatieren lässt sich, dass die heutigen Märkte auf die 80er Jahre zurückgehen, auf die Begeisterung für Fantasy – Rollenspiele, bei denen mit Stift und Papier virtuelle Verliese erkundet wurden. Während sich das Ursprungsspiel „Dungeons and Dragons“ direkt aus der hippienahen amerikanischen Tolkien – Verehrung speiste, setzte das deutsche Pendant „Das schwarze Auge“ ab 1984 stärker auf das Flair von schummrigen Tavernen und die Erinnerung an Schulbesuche im historischen Museum (und war zum Ausgleich zunächst weniger besessen von Punkten und Regeln). Es lässt sich heute nicht mehr beschreiben, wie wenig dumpf und dräuend dieses Spiel in einer Zeit war, in der der erfolgreichste Filmstar Michael J. Fox hieß, der erfolgreichste Popstar Sting, und überall Marsupilamis herumhingen.</p>
<p>Die Welt wurde rauer, wie wir wissen, statt um Gorbatschow, Ökologie und um den dritten Weg ging es in Diskussionen nun um die Angst vor Rassismus, allgemeinem Elend und schmutzigen kleinen Kriegen. Und die entspannteren Gespräche drehten sich irgend wann um Serienmörder, Sadomasochismus und Karrieren in der Schweinewelt. Die Rollenspielszene mauserte sich parallel zu einer voll ausgebauten und weitgehend abgeschotteten Subkultur, die sich nicht mehr im Hobbykeller verkroch, sondern selbstbewusst und ironiefrei in voller Montur auf die Wiesen drängte. und schließlich kamen die Kettenhemden.</p>
<p>Es gibt immer noch Unterschiede: in ärmeren Städten dominieren die schweren Streitäxte und die schwarzen Gewänder, und abends am Lagerfeuer klingt jedes zweite Lied nach Stefan Weidner. In klassisch studentischen Städten stehen Wasserpfeifen mit gälischen Inschriften zum Verkauf. Auf den gehobenen Märkten im Norden wird weißes Leinen getragen, und der Schwerpunkt liegt auf Gewürzen und Rauchwerk. Im Süden wird mehr jongliert, getanzt und Feuer gespuckt. Und in Köln sind die schicken Filzhütchen unbezahlbar, und es gibt vor allem Lieder und Sketche mit Publikumsbeteiligung. Nicht überall gibt es Schaukämpfe, und nur selten von Nelken, Äpfeln und Ölen überquellende Badezuber für Mutige.</p>
<p>Doch der gemeinsame Nenner ist unverkennbar: Überwürztes Fleisch und ehrliches Handwerk, Holzbänke und beinahe frei laufende Tiere, verzierte Taschenspiegel, Schwertergeklirr und das endlose Schnarren nachgebauter Instrumente. „Marktsprech“, dieser grausige Witz, entpuppt sich als hilfloser Versuch, eine umständliche Höflichkeit zu institutionalisieren, die dem indiskutablen Umgangston des Alltags so wenig Chancen lässt wie einem kritischen Gedanken.</p>
<p>Es sind vor allem zwei Gruppen, die die Plätze bevölkern: junge Männer, in Gewändern und Vereinen, und Frauen und Männer über 40, die langsam von der Ökologie zum qualitativ hochwertigen Produkt für Leistungsträger geschwommen sind und mit einem verrußten, handbemalten Bierkrug in der Hand ein dumpfes Unwohlsein gegenüber „Mc Donald`s“, Versandhäusern und Finanzkrisen betäuben. Sie alle wollen nicht ins Kino, sondern ein paar Stunden Entschleunigung, Schutz, Gerüche, Lichter und Erde.</p>
<p>Die eigentliche Attraktion der Spektakel  ist das breit ausgestellte Schmieden, Drechseln, Weben und Schnitzen, an dem sich das Publikum manchmal großzügigerweise beteiligen darf, mit samt dem ausgiebigen und meist unnötigen Feilschen. Handeln ohne die Verbiegungen oder Zumutungen des richtigen falschen Lebens. Dazu kommt das immer etwas zu laut gefeierte Beisammensein von Fremden. Wie viel Volksgemeinschaft steckt in diesem Mummenschanz? Vielleicht weniger, als unsereiner  argwöhnt. Medien, Welt und Reflektion gelten hier zwar als Überbau des Bösen, aber  es geht sehr deutlich um den Traum von dem nicht – entfremdeten Dasein, beinahe im Grünen, um eine herbeifabulierte Subsidaritätswirtschaft aus Holz und Metall, Seide und Seife, mit dem kaufbaren Ding als filigranem Unikat, und dem Flair von ehrlichem Geschäft und verträumter Härte. Mittelaltermärkte tippen Sehnsüchte an und zäunen sie ein, bevor sie atmen können. Zusammen geführt werden wir von einer gemeinsamen Geschichte, an die sich niemand erinnern will, und von der wir nur wissen, dass sie irgend etwas mit schönen alten Burgen zu tun hat. Wir kauern uns auf unseren angeblich angestammten Fleck und halten uns am Humpen fest und uns die Angst vom Leib.</p>
<p>Die Öffnung, in die echte und in die große weite Welt und in die Phantasie, oder ein spielerisches Element ohne überfrachtete Kostüme, alles, was unsere Mittelaltermärkte zu einem weniger klaustrophobischen Vergnügen machen würde, werden diese ganz sicher nicht zulassen. Ein Hauch von Gegenwelt bleibt trotzdem. Kein Fazit.</p>
<p>Und an dieser Stelle wirklich gar nichts über Feen, Drachen und Magie, oder die furchtbare und wundervolle wirkliche Welt. Ein andermal, nicht in Marktsprech.</p>
<p><em>Autor: Florian Schwebel</em></p>
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		<title>Der Panter heißt nicht Paulchen</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Jun 2010 15:42:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmwissen]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Drama, Lyrik, Film und der Terror der Worte
Wir haben ja sonst keine Sorgen, darum eine Frage: Wenn Harvey Keitel und Robert de Niro eines Tages doch noch mal gemeinsam vor einer Kamera stehen sollten (Frösche vom Himmel, Engelschöre, ohnmächtige Filmfans), wen von den beiden spricht dann eigentlich Christian Brückner? Beide? Oder wäre das doch selbst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Drama, Lyrik, Film und der Terror der Worte</strong></p>
<p>Wir haben ja sonst keine Sorgen, darum eine Frage: Wenn Harvey Keitel und Robert de Niro eines Tages doch noch mal gemeinsam vor einer Kamera stehen sollten (Frösche vom Himmel, Engelschöre, ohnmächtige Filmfans), wen von den beiden spricht dann eigentlich Christian Brückner? Beide? Oder wäre das doch selbst einem deutschen Filmpublikum zuviel? De Niro, den größeren Star? Keitel, die coolere Kultfigur? Keinen, um keine Bürgerkriege in den Kinos auszulösen? Fließt eigentlich diskret Geld von hier bei uns nach Hollywood, es fließt ja Geld aus dümmeren Gründen, um derlei zu verhindern? Und was ist mit Edward Norton und John Cusack, auch da gab es schon mal Meldungen, die akustisch im Original etwa so leicht zu verwechseln sind wie eine (verstimmte) Oboe und ein (kaputtes) Cello, aber für uns und für alle Zeiten nur denkbar mit dem wohltuenden Timbre von Bob Andrews, dem dritten der drei Fragezeichen?<span id="more-11149"></span></p>
<p>Wir leben in einer bizarren filmischen Welt, die aus 40 Stimmen besteht, die immer zu nahe am Mikro sind, und zu sauber abgemischt. Das größte Aha-Erlebnis in einem deutschsprachigen Filmguckerleben besteht vielleicht darin, dass die klassischen Werke aus anderen Ländern vor der Behandlung durch unsere verdienten Synchronstudios akustisch durch die Bank etwa so gut zu verstehen sind wie ein Telefongespräch neben einem Presslufthammer, und die neueren Lieblingsfilme ein wenig besser als Geplauder in einer überfüllten Kneipe. In Deutschland, und das ist in dieser Masse global ein Einzelfall, wird sogar noch der Großteil der eigenproduzierten Spielfilme nicht mit dem Originalton veröffentlicht, sondern mühevoll nachsynchronisiert: in der Regel natürlich surreal sauber und mit Stimmen zu nah am Mikro. Fremdsprachige Filmschauspieler, gerade die guten, nuscheln, gurren und rülpsen ihre Sätze in schwer verständlichen Dialekten, mit mühsam angelernten Sprachfehlern, häufig in einer völlig verdrehten Grammatik. Unsere rezitieren und brüllen natürlich lieber wohlakzentuiert für die letzte Reihe, und die besten unter ihnen haben die Kunst perfektioniert, so rasant für die letzte Reihe authentizitätsheischend zu blöken, dass das Zuhören zwar keinen Spaß mehr macht, aber die Anschlüsse der Nebensätze noch korrekt sind.</p>
<p>Die mühselige alte Frage, warum sich in Deutschland Originalfassungen so schwer tun, obwohl die Begeisterung für andere Sprachen hier so groß ist, wird von den schuldbewussten Synchronhörern gerne damit begründet, dass sie Missverständnissen ausweichen und nicht durch Untertitellesen vom Film abgelenkt werden wollen.</p>
<p>Der durchschnittliche deutsche Filmzuschauer scheint an einem nicht verstandenen Halbsatz zu verzweifeln, während er extreme Farbverschiebungen und vermutlich auch fliegende Elefanten im Bild reuelos an sich vorbeihuschen lässt.</p>
<p>Film ist eine beunruhigende Kunstform. Ein sterbender alter Mann, der in einem weißgekachelten Salon auf einen großen flachen Stein zeigt. Bronzen angemalte Sklaven ziehen mit schweren Tauen einen Zirkusthron aus dem Meer, auf dem sich eine Frau in einem Haute Couture-Kostüm räkelt. 15 Minuten lang lassen sich schwitzende schweigsame Männer von einer Fliege ärgern und dabei die Fingerknöchel knacken. Das sind die Lieblingsszenen, auf die sich viele Bewunderer der Form einigen können. Das ist nicht gerade Hamlets Monolog, und der ist auch schon irre genug. Das ist die eine Seite der Medaille: „pure“ Kunst, „purer“ Moment, delierende Bilder.</p>
<p>Trotzdem war ja Siegfried Kracauer, der Film für die Möglichkeit hielt, endlich einmal Realität einzufangen, nicht nur ein schrulliger Fanatiker (als den ihn die zweiteinflussreichste Kritikerin der Filmgeschichte, Pauline Kael, nicht ohne Hintergedanken dargestellt hat), sondern eben der einflussreichste Kritiker der Filmgeschichte. Endlich einmal einen gluckernden Fluss, einen zuckenden hungernden Menschen und ein lügendes Gesicht unverzerrt wiedergeben, wie es „wirklich“ ist, dieser Traum ist, so naiv er immer gewesen sein mag, immer noch unausrottbar. Und sogar und gerade das hoffnungslos überschätzte Realitätsverzerrungsrecycling von YouTube ermöglicht immer noch unvergleichliche Aha-Erlebnisse: Tausende von Seiten über die Manson-Familiy hinterlassen auch beim peniblen Leser vor allem gespenstische Fragezeichen, aber ein alter Nachrichtenclip von singenden Jüngerinnen vor dem Gefängnis ermöglicht die Einsicht: So hat das also funktioniert. Dass sich diese beiden Cineastenutopien auch wunderbar verbinden lassen, in den mexikanischen Filmen von Buñuel beispielsweise, geht beim Kampf beider Fraktionen gegen einen Mainstream unter, der sich Trips und den Anschein von herber Realität, wie alles andere auch, in kleinen Dosierungen kastrierend einverleibt.</p>
<p>Aber ob Film nun Traum oder Abbild ist, eines ist er sicher nie gewesen: Theater oder Kalenderspruch. Und hier fangen die Probleme in Deutschland an.</p>
<p>„Film ist keine epische, sondern eine dramatische Kunstform“, lautet die in Stein gemeißelte Grundprämisse fürs Lehren, Lernen und Arbeiten an deutschen Filmhochschulen. Anständige Drehbuchautoren denken nicht über Blätter im Wind nach, sondern über Figuren, die für Thesen und Lebensmöglichkeiten stehen, die dann in mechanisch gedrechselten Konflikten gegeneinander prallen und mit der Hilfe von in der Regel sehr langen Dialogen missverständnisresistent ausformuliert werden, und am Ende steht dann einer von 4, 5 möglichen Schlusslehrsätzen zum Mitbeten. Entsprechend sehen deutsche Filme dann auch aus, tragischerweise häufig leider auch die guten, niemand erinnert sich an Lieblingsszenen, alle können anschließend getröstet zu ihrem Tagewerk zurückkehren, oder über Themen diskutieren, die in wirklich jedem FOCUS-Artikel noch besser aufgehoben sind. Mit dem real existierenden Theater, das ja immer stärker Räume, Licht und synästhetische Collagen für sich entdeckt, und, wenn es thesenhaft ist, derzeit mit Thesen aufwartet, die in keinem deutschen Film unterzubringen wären, haben diese Vorgaben natürlich mehr oder weniger nichts zu tun.</p>
<p>Dafür umso mehr mit der unguten Tradition (wenn man denn tatsächlich von einer deutschen Tradition ausgehen will, was der deutsche Film in der Regel fatalerweise tut) von Kunst unter der strengen Knute von Staat und Erziehung, im Guten wie im Bösen. Die erledigt die Blätter im Wind, selbst bei den Filmschaffenden, die uns Blätter zeigen können, aber ihre kreative Energie bei Geldbeschaffungsgesprächen über die Tagesschau, Marktdaten und Branchenklatsch verschwenden müssen. Das erlaubte Ventil für alles, was Bismarck egal war, ist in Deutschland die Musik. Unser allgemein anerkannter Nationalschriftsteller gerierte sich bis zur Grenze der Lächerlichkeit als Staatsmann und Wissenschaftler. Ein gutes Buch ist eines von Bastian Sick oder Harald Schmidt oder eines mit überdrehten Adjektiven. Ziel von Kultur ist eine trockene Cleverness auf Sparflamme, mit denen sich die Halbgebildeten gegen die Viertelgebildeten abgrenzen können, und die sich gut in einem Bewerbungsgespräch macht. Fürs Gefühl gibt es dann ein paar beigemischte Sentimentalitäten. Zumindest im deutschen Film  mit seiner eigenwilligen Synthese aus Lessing und Millowitsch, auf den ja dann auch alle herabsehen, in der Regel, weil er nicht die Tagesschau ist.</p>
<p>Der deutsche Guru der Synchronisation hieß lange Zeit Rainer Brandt. Unsterblich wurde der umtriebige Mann durch seine Bearbeitung der britischen Krimiserie „The Persuaders“, auf deutsch: „Die Zwei.“ „The Persuaders“ waren, so will es die Legende, im Original ein trauriger Flop, bis dann Brandt mit seinen pfiffigen Dialogen mit möglichst wenig Bezug zum Original das Werk zum Kultobjekt im deutschsprachigen Raum machte. Gegen diese Legende hilft auch nicht die in Serienfibeln und Serienartikeln monoton wiederholte Hintergrundinformation, dass das Projekt mit zwei raumgreifenden Stars und vielen Außendrehs etwas teuer geriet, und Roger Moore dann doch lieber James Bond wurde. „The Persuaders“, das Original, ist kein großer Wurf, aber ein stylisher Schritt auf dem Weg zum heutigen „Fernsehen ist das neue Kino“-Trend, ein schickes Ding mit Tony Curtis, Roger Moore, Originalmusik von Morricone, einer eleganten und grausamen Welt, gleichzeitig am Rand der Groteske und eines Modemagazins, voll Designerappartements, Ironie und allgegenwärtiger Abgründe. Heutzutage mutet die Mischung geradezu visionär an. „Die Zwei“ dagegen, das Kultobjekt, ist unaufhörliches Geblödel mit ein paar unmotiviert herumliegenden Leichen. Da kann niemand „Rocco“ heißen, ohne, dass unsere Hauptfigur in „Hoso“ nennt, der eitle und komplexe Nonsensdialog (der auch gerne in einer Metaebene die Fernsehserie als Fernsehserie aufs Korn nahm) erfordert volle Konzentration, verbindet sich nie mit dem Bild und der Handlung, und der durch die Bank in deutschsprachigen Publikationen behauptete höhere Anspruch der Neufassung besteht darin, gegen Ästhetik und Dramatik für gehobenen Karnevalswitz zu sensibilisieren. Brandts Übertragung war stilbildend, sorgte in den folgenden Jahren für tonnenweise ähnliche Synchronfassungen, und ihr Einfluss ist bei Actionfilmen bis heute spürbar.</p>
<p>Ein schwierigerer Fall gleicher Prägung sind die umjubelten Comicübersetzungen der hochgeschätzten Dr. Erika Fuchs und des Adolf Kabatek. Die eine übertrug mit hehren Zielen, unter Schmerzen und gegen Widerstände die klassischen Donald Duck-Geschichten von Carl Barks in die uns allen bekannte Kunstsprache aus „Hechel. Stöhn.“ und „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“, der andere bereicherte im Sinne des humanistischen Bildungsideals den ohnehin schon überladenen Asterix durch zusätzliche lateinische Zitate und wiederkehrende Sinnsprüche. Beide Comics, beides Welterfolge, wurden auf diesem Weg in Deutschland salonfähig und zu unverrückbaren Klassikern mit Absolutheitsanspruch. Selbst hiesige Fans  ziehen durch die Bank die Neufassungen vor. Dass die übervollen getippten Sprechblasen vom comictypischen Leseerlebnis eher ablenken, ohne von einer ähnlich gebrochenen Handlung getragen zu werden, dass hier verkrampft an der Form vorbei schwadroniert wird, und ausgerechnet Figuren ein unglückliches Zwischenleben zwischen getretenem Intellektuellen und allgemeinmenschlichen Gefühlslagen aufoktroyiert wird, die dieses ausdrücklich nicht besitzen, wird selten als Problem behandelt. „Comics sind die neue Lyrik.“, schrieb Elke Wittich kürzlich in der „Jungle World“. Vielleicht waren sie es immer schon, genau wie der Film vielleicht in erster Linie weder eine epische, noch eine dramatische, sondern eine lyrische Form ist (weswegen die Prosalyriker Scott Fitzgerald und Raymond Chandler als Drehbuchautoren so interessant an ihm verzweifeln konnten). Es gibt mittlerweile komplexe Figuren mit seitenlangen inneren Monologen zu assoziativen Bildern in der Comicwelt, und sie sind in vielen Ländern erfolgreich, aber nicht in Deutschland. Wir wollen die einfachen und möglichst lustigen Handlungen und dazu Geistreicheleien.</p>
<p>Wir reden hier über Hirnhälften. Die linke ist, so heißt es, für Logik, theoretische Zusammenhänge und das Erkennen von strukturellen Mustern verantwortlich. Die rechte für die Verarbeitung sinnlicher Eindrücke und Assoziationen. Arbeiten beide gemeinsam auf Hochtouren zusammen, kippt das im besten Fall in einen flow der mühelosen Synästhesie, der totalen Erfahrungen und tiefen Einsichten. Generell wird in unserem Alltag die linke Hirnhälfte aus Kosten der rechten überzüchtet. Die harmonische Verbindung war, bewusst und unbewusst, seit jeher ein Ideal der Kunst, am Stärksten ausgeprägt wohl im Roman, der von beiden Seiten Höchstleistungen erfordert, damit schließlich das entspannte Lesen möglich ist – ein Schwelgen in sinnlichen Eindrücken im Rahmen komplexer Zusammenhänge. Die Eingangsbarriere für den Roman ist natürlich der mühelose Umgang mit Sprache, was der linken Hirnhälfte zugeordnet wird und eine gewisse Hyperaktivität der rechten Hirnhälfte, so dass auch beim Anblick von nackten Worten noch Erlebnisse möglich sind. Comics und Film sind nicht weniger ambitionierte Versuche, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, in dem Aussagen über den Zustand der europäischen Union eben so hineingehören können wie das Riechen an imaginierten Blumen und die Erschließung neuartiger Reiche der Phantasie und der Ideen. Beide Medien sprechen scheinbar vor allem die rechte Hirnhälfte an, stellen dabei aber an die linke neue Anforderungen, die in der Kunst vorher nur in Ausnahmefällen eine Rolle spielten: das Entziffern von visuellen Chiffren der Raumerfahrung, das Zusammenreimen fragmentarischer Darstellungen von Bewegungen und nicht zuletzt eine neue Form von Teilabstraktion: nicht alle Sinne werden angesprochen, aber alle Sinne sollen sich angesprochen fühlen. Dass dieses neue Spektakel nicht auf einheilige Begeisterung stieß, nirgendwo, ist verständlich: die beiden modernen Kunstformen bargen ganz offensichtlich subversives Potential und führten zu schwer einschätzbaren neuen Bewusstseinszuständen (dazu kamen im Lauf der moderne natürlich noch verschiedene andere neue Ausdrucksformen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten). Vielleicht das Gefährlichste an Comics und Film (und später Popmusik, Computerspielen, etc. pp.) lag darin, dass sie sich eben nicht offen als transzendente Erleuchtung oder alternatives Bewusstsein präsentierten (das sie nicht sein wollten und nicht waren): lediglich untergrabende kleine Fluchten, finanziert und angeboten von Leuten, die wie Drogenhändler dachten und wie Drogenhändler handelten. Aber nur in Deutschland (und es geht hier nicht darum, einmal mehr die große und irgendwo immer berechtigte Deutschlandschelte auszupacken, denn theoretisch hätte es jedes obrigkeitsfixierte, kunstskeptische und protestantische Land treffen können) setzte sich eine Methode durch, den Kuchen gleichzeitig zu essen und zu behalten: Die kleinen Trips zu erlauben (zumindest, wenn sie komisch waren) und gleichzeitig betulich und naseweis zuzulabern.</p>
<p>„Der rosarote Panther“ war  ein Titelvorspann für die gleichnamige Blake Edwards-Komödie mit Peter Sellers und David Niven, eine Visitenkarte für den großen Trickfilmanimator und &#8211; regisseur Isadore „Fritz“ Freleng, der zur Hochzeit der Cartoons u.a. Tweety, Sylvester und Cowboy Sam erfunden und für die elegantesten Bugs Bunny-Cartoons verantwortlich gezeichnet hatte, und zu Beginn der 1960er Jahre mehr oder weniger auf dem Trockenen saß und (zusammen mit seinem Partner David H. De Patie) auf Werbeaufträge wartete. Für den Spielfilm ließ er den titelgebenden „rosaroten Panther“, einen wertvollen Edelstein, zu Henri Mancinis cool pulsierendem Saxophonthema als stilvolles Slapsticktier in modernistischen Farben elegant durch die Credits stolpern. Wie bei Maurice Binders Arbeiten für die James Bond-Reihe versprach der Vorspann eine mild avantgardistische Stimmigkeit, die der folgende Film in keiner Sekunde einlöste. Es folgten schließlich Kinocartoons in einer Welt aus Strichen und Nierentischornamenten, und eine Trickfilmserie fürs Fernsehen. Der namenlose rosarote Panther ist der Hipster als entnervter Jedermann, der zu dem buchstäblich unaufhörlichem achselzuckenden Raunen von Mancinis Saxophonthema unbeirrt durch eine schnöde, aber hübsch anzuguckende Welt voll häufig komplett farbloser und hysterischer Spießer gleitet und sie bei Gelegenheit ärgert. Dabei freundet er sich hier und da mit Kindern und kleinen Tieren an und leistet sich dann und wann auch mal einen Ausbruch von Jähzorn. Beim Betrachten der Originalfilme wird der Zuschauer entweder schnell wahnsinnig, alleine schon wegen der clever variierten, aber immer gleichen allgegenwärtigen Musik, oder entrückt in eine äußerst milde Form des buddhistischen Blicks auf die Dummheit des Lebens. Beim deutschen Kinderfernsehen konnte man das  so nicht stehen lassen. Die Endlosmusik wurde durch einander ablösende, zum Teil sehr viel heiterere Stücke ausgetauscht, Geräuscheffekte hinzugefügt, und vor allem verpasste der sicher formidable deutsche Synchronpapst Eberhard Storek den Pantomimencartoons mühsam gedrechselte Reime in Manier von Wilhelm Busch, die das modernistische Nirgendwo der Filme in einer Welt voller Nachbarn namens Krause, die auf eine Erbschaft warteten, ansiedelten, der Titelfigur den Namen „Paulchen“ (meist „Paule“) verpassten und im Zweifelsfall umständlich beschrieben, was ohnehin gerade im Bild zu sehen war. Manchmal wurde auch die Form des Zeichentrickfilms auf einer Metaebene thematisiert. Eine befremdliche Mischung, die die heiter gespenstische Atmosphäre des Originals ins Klaustrophobische kippen lies, und, wie im Fall von Asterix und Donald Duck, die Ambitioniertheit des Originals erkannte und sie auf die in Deutschland anscheinend einzige mögliche Art veredeln wollte: durch gedrechselte Texte mit Wurzeln im 19. Jahrhundert.</p>
<p>Und da stehen wir nun, Ohren und Hirne voll mit nachgeahmten Theaterdialogen, zerquälten halbgewitzten Besserwissereien, bemühten Reimen, halbklugen Gedanken und halbklugen Texten wie diesem, wie der Koyote, der nicht einsehen will, dass der Road Runner nicht zu fangen ist. Lassen wir ihn laufen. Wenn die Welt, vor allem die mediale, eines braucht, dann ein wenig stimmigen Flow, ob durch Blätter im Wind, genuschelte Dialoge oder durch einen aufrecht gehenden Panter ausgelöst, der die Welt verbotenerweise rosa malt.</p>
<p><em>Autor: Florian Schwebel</em></p>
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