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	<title>Lesen was klüger macht &#187; Rainer Wirtz</title>
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		<title>Das Authentische und das Historische</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Apr 2010 09:46:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Wirtz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmwissen]]></category>
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Das Authentische und das Historische (1)
DIE DEHNBARKEIT EINES BEGRIFFS
Noch nie war sie so wichtig wie heute: die Authentizität, sie ist das Schlüsselwort für den erfolgreichen historischen Film der letzten Jahre. In der Medientheorie, der Ästhetik, der Philosophie, sogar in der Neurobiologie (Kurzﬁlmtage Oberhausen 1998) wurde der Begriff hin und her gewendet. Einen Überblick geben uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_9739" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/04/Ferres.Wale_.600.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-9739  " title="Ferres.Wale.600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/04/Ferres.Wale_.600.jpg" alt="" width="600" height="399" /></a><p class="wp-caption-text">Mutter, Tochter und Wale? - Authentisch, authentischer, am authentischsten (Veronica Ferres, Alicia von Rittberg in „Das Geheimnis der Wale“, Foto: ZDF, Boris Guderjahn)</p></div>
<p><strong>Das Authentische und das Historische</strong> <sup>(1)</sup></p>
<p>DIE DEHNBARKEIT EINES BEGRIFFS</p>
<p>Noch nie war sie so wichtig wie heute: die Authentizität, sie ist das Schlüsselwort für den erfolgreichen historischen Film der letzten Jahre. In der Medientheorie, der Ästhetik, der Philosophie, sogar in der Neurobiologie (Kurzﬁlmtage Oberhausen 1998) wurde der Begriff hin und her gewendet. Einen Überblick geben uns Susanne Knaller und Harro Müller, mit dem sie ihren Band zum Begriff einleiten: <em>Authentizität und kein Ende</em> <sup>(2)</sup> Doch für den Historiker hat alles eine Geschichte, das Wetter, die bayrischen Alpen und so auch die Authentizität. Wetter und Geschichte haben gemeinsam, dass sie zunehmend gefühlt werden. Um einen ersten Eindruck der historischen Beobachtung von Authentizität im Kontext von Filmen gleich vorweg zu nehmen: Sie war früher auch schon einmal echter als heute. Denn, es ist schon lange her, da versicherten Annelie und Andrew Thorndike, dass alles in ihrem Film <em>Du und mancher Kamerad</em> authentisch sei. Das war 1956. Gleiches versichert Erwin Leiser im Vorspann von <em>Mein Kampf</em>. Das war 1959. Sie wollten damit sagen, dass sie sich ausschließlich auf dokumentarisch gesichertes, dem Thema in Zeitgenossenschaft verbundenes Filmmaterial stützten. Damit forderten sie uneingeschränkte Glaubwürdigkeit ihrer Filme ein. Ihr Authentizitätsbegriff muss irgendwie antiquiert und eng sein, denn wie anders ist es zu verstehen, dass <em>Der Untergang</em> aus dem Jahr 2004 »authentischer als alle vorherigen« Filme zum Thema ist, wie der Produzent mitteilt,<span id="more-9734"></span> denn er sagt weiter: »Wir halten uns streng an die Dokumente«. Hier beansprucht ein Filmkunstwerk, weil an Hand von Dokumenten, Zeugenaussagen und Vorarbeiten von Historikern ein Ausschnitt aus der Vergangenheit rekonstruiert worden ist, ebenfalls das Prädikat der Glaubwürdigkeit, weil authentisch. Diese hier auch noch gesteigerte Authentizität beansprucht für sich letzten Endes Wahrhaftigkeit.</p>
<p>Erst einmal ist zu beobachten, wie ﬂexibel die deutsche Grammatik sein kann, wenn es darauf ankommt: Das Adjektiv authentisch lässt sich steigern, authentischer, am authentischsten, Neudeutsch dürfen wir noch anfügen: super-authentisch. Der angloamerikanische Sprachgebrauch ist da etwas geschickter und vielleicht auch ehrlicher, da wäre dann nämlich von <em>very authentic</em> die Rede so wie mancher Neubau <em>very gothic</em> ist. Sogar die junge Mutter allen Wissens, Wiki, schreibt, dass die Befürworter dieses Films besonders seine Authentizität loben, der Begriff ist gleich in Blau zum Anklicken geschrieben. Wenn man das dann tut, darf man sich bei Wikis spontaner Gründlichkeit gar nicht wundern, dass gerade dieser Film der Requisiten-Krümelkackerei anheim fällt: Da stimmen zweimal Rangabzeichen und Ränge nicht, vom Tod des Ehepaars Goebbels ganz zu schweigen. Wer sich so weit aus dem Authentizitätsfenster lehnt, muss sich nicht wundern, wenn Herr Penibel ihn heraus fallen sieht. Dort erfährt man auch, dass die Dehnung des Authentischen, wen wundert es, inzwischen auch die Werbewirtschaft erreicht hat, ein Aufsatz stellt fest, dass Herr Darboven authentisch für alles Geröstete steht, was er produzieren lässt, eben die Echtheit pars pro toto.</p>
<p>Eine erfreuliche Bereicherung der aktuellen Debatte um Authentizität stammt nicht aus dem einschlägigen Milieu zwischen teamworx und Bavaria, vielmehr lieferten sie die Tagesthemen am Abend des 11. Dezember letzten Jahres. Es ging damals um die Ausstellung der Terrakotta-Soldaten aus China im Hamburger Völkerkundemuseum. Tom Buhrow stellte einleitend fest, dass es sich bei den Soldaten um Fälschungen handelte. Das hätte er nicht tun sollen, denn er brachte sich um eine wunderbare Pointe. Die leihgebende Firma aus Leipzig teilte nämlich mit, die Soldaten seien echtauthentisch, aber nicht original, da müssten die Hamburger etwas falsch verstanden haben. Nun hätte unser Anchorman mit Ton, Steine, Scherben fortsetzen können: Der Ton kam ja wirklich, in echt, aus Xian, alte Scherben von Originalen sollen auch dazwischen gewesen sein, macht zusammen echtauthentisch versteinerte Soldaten. Und die Hamburger selbst hatte das gar nicht weiter gestört. Sie waren mit dem Echt-Authentischen zufrieden, nur die Original-Fetischisten in Museum und Kulturpolitik zuckten zurück. Wir lernen aus dem Beispiel, dass das Echt-Authentische weithin akzeptiert wird, eben der schöne Schein des Echten, die Authentizitäts-Illusion, und dass das Originale, dem angeblich auch noch das Auratische an die Seite tritt, nur von wenigen hartnäckig eingefordert wird.</p>
<p>Vollends in unserer Gegenwart ist die Authentizität angekommen, wenn es wegen vermuteter zu großer Realitätsnähe vor Gericht geht, wie es im vergangen Jahr der Fall war. Der Rechtstreit über die Ausstrahlung des Contergan-Films von Adolf Winkelmann hat alles Zeug zu einem Lehrstück. Auf der Ebene der rechtlichen Auseinandersetzung ging es natürlich um die Grenzen der Kunstfreiheit. Von der ﬁ lmischen Fiktion dieses Zweiteilers sah ein Anwalt seine Persönlichkeitsrechte verletzt und für die Firma Grünenthal stimmten die historischen Fakten nicht, so dass ein unzutreffendes Bild von der Firma gezeichnet würde. Im September 2007 wurde der Film unter relativ geringen Auﬂagen freigegeben. Eine Auﬂ age, nämlich der Vor- und Abspann, ist für unser Thema von besonderem Interesse:</p>
<p><em>»Dieser Film ist kein Dokumentarﬁlm. Er ist ein Spiel- und Unterhaltungsﬁlm auf der Grundlage eines historischen Stof­fes. Die fürchterliche Schädigung tausender Kinder durch das Arzneimittel ›Contergan‹, die Einstellung des Strafprozesses gegen die Verantwortlichen wegen ›geringer Schuld‹ und die Zahlung der höchsten Entschädigungssumme in der deutschen Geschichte durch die Herstellerﬁrma sind historische Realität. Die im Film handelnden Personen und ihre beruﬂ ichen und privaten Handlungen und Konﬂikte sind dagegen frei erfun­den. Dies gilt insbesondere für die Figur des Rechtsanwalts Paul <span style="font-style: normal;"><em>Wegener und seiner Familie sowie die für die Arzneimittelﬁrma handelnden Personen einschließlich des Privatdetektivs.« </em><sup>(3)</sup></span></em></p>
<p>Die Motivation zum Prozessieren gegen diesen Film entstand unter anderem aus der juristischen Medientheorie der Firma Grünenthal, dass das, »was einmal gesendet ist, sich dem Zuschauer als inneres Bild der Wahrheit einprägt«. Weiter war die Firma besorgt, dass der Zuschauer bei diesem Unterhaltungsﬁlm, der zum einen auf historisch belegten Fakten und zum anderen auf erfundener Handlung beruht, »keine Möglichkeit hat, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden«.</p>
<p>Diese Argumente konnte selbst die FAZ (6.11.07) nicht ganz nachvollziehen, doch gerade weil sie die Suggestivkraft der Bilder hoch einschätzt. Denn der Autor Heinrich Weﬁng vermutet, dass die detailverliebte Ausstattung, das ganze liebevoll rekonstruierte Zeitkolorit von <em>Contergan</em> erst den Eindruck von historischer Präzision vermittelt.</p>
<p><em>»Wer wird sich schon, wenn er sich am Mittwoch nach der ›Tagesschau‹ in seinem Lieblingssessel ﬂäzt und ›Contergan‹ anschaut, immerfort mit kritischem Blick fragen: War das wahr? Ist es wirklich so gewesen? Wo verläuft die Grenze zwischen historisch korrekt wieder gegebenen Szenen und dramaturgischer Ausschmückung?«</em></p>
<p>Die Antwort ist evident: Dieser Film konstituiert seine eigene Wahrheit. Doch dieser eigenen Wahrheit des Kunstwerks kann man sich weder mit den Mitteln der Justiz noch mit denen der Geschichtswissenschaft angemessen nähern. Die eigene Wahrheit des Films, die hier der Autor feststellt, hat zur Konsequenz, dass in Bezug auf Authentizität dann zwischen <em>innerer</em> und <em>äußerer</em> unterschieden werden kann. Die Innere fragt nach der Stimmigkeit eines historischen Films jenseits aller Beglau­bigungsstrategien, während die äußere alle Anstrengungen unternimmt, dass ein Film faktengerecht produziert wird. In seiner Besprechung des Films <em>Das Boot</em> schrieb Norbert Grob zwanzig Jahre vor den TV-Eventﬁlmen in der <em>Zeit</em> vom 25.9.81:</p>
<p><em>»Vor allem ein Bewusstsein dafür [konnte man erwarten], dass im Kino die einzige Wirklichkeit das Kino ist. Auch dafür, dass einzig Wirklichkeitsferne das ist, was der Kinowirklichkeit fern ist. Die Frage nach dem Authentischen im Kino erhält keine Antwort durch die Authentizität der Schrauben und Ofﬁziersmützen oder durch die Wahrscheinlichkeit von Bewegungs- und Verhaltensformen.«</em></p>
<p>Wo liegt die Wirklichkeit des TV-Films? Auf dem Bildschirm? Wenn zwischen Heute-Journal und der Geschichtssendung Klaus Kleber ab- und wieder anmoderiert, wie geschehen, dann liegt die Wirklichkeit vermutlich in den deutschen Wohnzimmern. Die Insassen haben kaum eine Chance, die eine Realität gegen die andere abzuwägen.</p>
<p>Die ausgezeichnete Requisite beim Contergan-Film, der – wie gezeigt – per Vorspann ein Spielﬁlm ist, lässt auch hier die Fakten-Pingel nicht ruhen. Im online-Blog einer Wochen-Zeitschrift, die den Fakten geradezu repititiv verbunden ist, konnte man als Kommentar zum <em>Contergan</em>-Film lesen: »Gab es 1960 schon Holzdrehstühle mit Fünfsternfuß?« Man fragt sich, ob diese einfältige Frage es mit der Werbung für die Zeitschrift zu genau genommen hat.</p>
<p>Aus dem Contergan-Film lernen wir, man kann noch so heftig und juristisch ausformuliert behaupten, das ist alles nur Unterhaltung und Spielﬁlm: Wenn er gut und richtig gemacht ist, nimmt einem diese Einschränkung niemand mehrab. Nach aktuellem Sprachgebrauch war der Film sehr authentisch, was natürlich die Dokumentation unmittelbar im Anschluss an den zweiten Teil genau belegte. Den Authentizitätszuschreibungen entgeht dieser Film nicht.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>STRATEGIEN UND GRENZEN DES ZEITGESCHICHTS-AUTHENTISCHEN</p>
<p>Das eben genannte Beispiel der Auseinandersetzungen um den Contergan-Film zeigt ein wenig von der Problematik des Ringens um das historisch Authentische, auch wenn es anscheinend nur um die bloßen Fakten geht, eine erfundene Spielhandlung löst das authentische Potenzial weder für das Gericht noch für den Zuschauer auf. Aber darüber sind wir  weit hinaus, die Dokumentarﬁlm-Debatten aus den späten 1980er Jahren sind längst entschieden, sie müssen auch nicht mehr geführt werden. Dabei ging es um die Konstruktion von Realität durch Massenmedien in Relation zu einer vorﬁndlichen Realität. »Erinnerungen an Rheinhausen« oder »Ofen aus« z.B. zeigten Stimmung und Empathie, ohne sentimental zu werden. Jede Beschreibung von Realität, sei es die im Text des Historikers, sei es die in einem Film, auch im Dokumentarﬁlm, ist Konstrukt.</p>
<p>Um nun die vergangene Realität zu sichern, sind die Basis-Anforderungen der <em>authentische </em>Ort (z. B. Bendlerblock), die <em>authentischen Objekte</em>, also höchste Anforderungen an die Re­quisite, und schließlich die <em>soziokulturelle Authentizität</em> (Sprechweisen, Gesten, Tischsitten, Umgangsstile). In der Praxis steht dann die Frage an, ob der Schliemann-Darsteller Heino Ferch außer der Nickelbrille auch noch der Echtheit wegen den Schliemann-Bart tragen muss. Er trug ihn nicht und so blieb für Heino Ferch nur mit Nickelbrille ein hoher Wiedererkennungswert erhalten, was all die freute, die ihn schon aus Lengede, <em>Die Luftbrücke, Der Tunnel, Der Untergang, Die Mauer</em> und anderen Filmen mehr kannten. In Gesprächen mit der Produzentin muss Ferch auch so weit auf die Schliemann-Rolle Einﬂuss genommen haben, dass der im realen Leben eher unsympathische Schliemann nun im Film positiv gezeichnet wurde. Die Bemühungen um Authentizität stoßen auf viele Grenzen. Wie schreibt der Medien-Journalist Tillmann Gangloff in der SZ (4.10.07): »Die Event-Formel einiger Fernsehproduzenten geht auf: Stars multipliziert mit Zeitgeschichte macht Quote.« Und der Star muss als solcher erkennbar bleiben.</p>
<p>Der Historiker am Set <sup><span style="font-size: x-small;">(4)</span></sup> wäre nach den oben genannten drei Elementen in der Authentiﬁzierungsstrategie das vierte Element. In diesem Fall war es Martin Zimmermann aus München. Wenn man nun den Proﬁs von teamworx wohlwollend unterstellt, dass sie nach einem ausgemachten Troja/Schliemann-Experten gesucht hätten und hier einen Treffer landeten, dann trifft das so überhaupt nicht zu. Zwar war Zimmermann wegen seiner Kompetenz ein Glückstreffer, aber die entsprechenden Arbeiten Zimmermanns zum Thema waren im völlig Team unbekannt. Der Experte war schlicht ein Internetfund im lokalen Umfeld der Produktionsﬁrma, daher dann die Anfrage an ihn.</p>
<p>Die Leistung des Historikers als Experten besteht vor allem darin, im Drehbuch, im Kulissenbau und in der Requisite Fehler auszumerzen, im Übrigen aber soll er die Finger vom Plot lassen. Ein Film, der ohne die Vermittlung von Zeitzeugen auskommen muss, die die Brücke zur Gegenwart schlagen helfen, knüpft notgedrungen an populären Vorstellungen von früher Antike und von Schliemann an. So geht es eigentlich nicht um Authentizität im Sinne präziser historischer Korrektheit, sondern um die Aufrechterhaltung der Illusion von Authentizität, damit wiederum die Zuschauer in ihren Erwartungen von Antike nicht enttäuscht werden. Es war kein Job für Erbsenzähler, bekennt Zimmermann im <em>Kameramann 5/2007</em>.</p>
<p><em>Die Flucht</em> hingegen brachte ein großes Potential an Erinne­rung mit, sei es in literarischer Form, sei es als Statements von Zeitzeugen und, nicht zu vergessen, vorausgegangene Dokus. Peter Steinbach und Manfred Messerschmidt waren als Experten beratend tätig, die eine historische Korrektheit sichern halfen. Der eine gab seinen Ratschlag als Zeithistoriker und der andere war für das Militärische zuständig. Peter Steinbach ist sich dabei völlig im Klaren, dass hier Bilder wieder auferstehen, die im Fundus kollektiver Erinnerung ohnehin vorhanden sind. Er spricht von einem starken »Erinnerungstopos«, wenn abgebildet wird, wie 600 Statisten bei eisiger Kälte über das vereiste Haff ziehen. Der Flensburger Historiker Gerhard Paul <sup>(5)</sup> ordnet solch eine Szene den Bild-Ikonen zu. Genauso sieht es die Hauptdarstellerin Maria Furtwängler:</p>
<p>»Es waren Bilder aus unserem kollektiven Gedächtnis. Als ich für eine der Szenen, die jeder in Schwarzweiß schon hundertfach gesehen hat, auf dem zugefrorenen Kurischen Haff an dem riesigen Treck entlang geritten bin, verschwammen Wirklichkeit und Vision«. <sup>(6)</sup></p>
<p>Peter Steinbach hat Recht, wenn er sagt, dass es für Historiker interessant ist, wie Geschichtsbilder medial vermittelt werden. Der historische Event-Film, hier <em>Die Flucht</em>, funktioniert für ihn als Augen- und Türöffner für das kollektive Gedächtnis. <sup>(7)</sup> Dabei kann es allerdings passieren, dass die neuen Filmbilder die erinnerten überlagern, weil sie sich doch so ähneln, um nicht zu sagen, sogar authentischer erscheinen.</p>
<p>Auch hier gilt es, ähnlich wie beim Schliemann-Film, die Authentizitätserwartungen des Publikums zu erfüllen, also auch die Bilder einer populären Geschichtskultur ﬁ lmisch zu treffen. Die Küsse brauche er nicht, sagte Peter Steinbach in einem Interview, er sei aber ganz angetan davon, dass er hier im Film an der Gestaltung von Geschichte mitwirken, eine solche Intensität schaffen könne, »das würde ein Historiker nie hin bekommen«. <sup>(8)</sup> Und dafür lohnt es sich, das historische Reinheitsgebot auch zu lockern, Personalisierungen hinzunehmen, schließlich auch die Kritik wie die des Freiburger Historikers Heinrich Schwendemann zurückzuweisen, der zwar anerkennt, dass die Eckdaten stimmen, aber der die Darstellung des ostpreußischen Adels in dem Film für völlig falsch hält (dradio, 5.3.07).</p>
<p>Hans Mommsen beriet die Macher des Dresden-Zweiteilers (ZDF 2006) und schützt ihn vor Historiker-Kritik, weil es sich hier nur um einen Spielﬁlm handelt. In einem Interview mit der Welt (28.2.06) führt Hans Mommsen aus:</p>
<p><em>»Vor allem halte ich es – im Unterschied zu einer ganzen Reihe zeitgeschichtlicher Spielﬁlme der jüngsten Zeit – für einen Vorzug, gerade nicht den Anspruch auf historische Authentizität zu erheben und eine sich sonst aufdrängende systematische Dokumentation zu vermeiden«.</em></p>
<p>Doch nur zwei Fragen weiter sagt aber derselbe Mommsen:</p>
<p><em>»Der Film bildet die Verhältnisse in diesen letzten Kriegswochen treffend ab. &#8230;«</em></p>
<p>Dann zählt er auf, was alles so treffend authentisch ist und schließt: »So entwirft Roland Suso Richter ein eindrucksvolles Panorama der späten NS-Zeit.« Dem Authentiziätsverdacht und der daraus resultierenden Kritik entgeht dieser Film so nicht.</p>
<p>Historiker am Set sind keineswegs die Garanten einer dokumentarisch geprägten Authentizität. Sie wissen, dass dieser Typus ﬁlmischer Authentizität seine eigenen besonderen Grenzen hat. Eine Grenze besteht im vorhandenen kollektiven Erinnerungspotenzial, das mit der Annäherung an die Ge­genwart immer mehr anwächst, das sogar medial aufgefüllt sein kann. Anders gesagt, das Publikum hat sehr bestimmte Authentizitätserwartungen, über die Glaubwürdigkeit eines Films entscheidet das Publikum, nicht der Experte. Bilder, die berühren, sind authentisch, sagt der Neurobiologie Hinderk Emrich. <sup>(9)</sup> Historiker lernen dabei auch, dass ein Spielﬁlm anders »funktioniert«, weil er nun einmal ohne fiktionale Geschichten nicht auskommt. Sie müssen sich zurücknehmen, wenn es um den Plot geht, im Fundus aber darf das Passende rausgesucht werden und die Kulissen werden auch nach ihren Vorgaben gerichtet.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>DIE FALLE AUTHENTIZITÄT</p>
<p>»Wie viel Authentizität ist nötig, wie viel möglich«, fragt Ariane Krampe, Produzentin bei teamworx, »wo muss eine ﬁ ktionale Geschichte geändert werden, weil sie sich in der historischen Wirklichkeit ganz anders abgespielt hat?« Aus dieser Sicht besteht das Herstellen von Authentizität in einem Event-Film aus einer Gratwanderung, auf der einen Seite des Abgrunds droht unten die Fakten beladene Doku, auf der anderen Seite die pure Fiktion. Das Problem ist nämlich, dass die Geschichte den Nachgeborenen ihre Verﬁlmung nicht frei Haus liefert, wie Joseph Vilsmaier anmerkt. Sein Drehbuchautor Rainer Berg begründet die fernsehgerechte Bearbeitung, hier die des Zweiteilers <em>Wilhelm Gustloff</em>, damit, dass historische Wirklichkeit keinerlei dramatische Strukturen habe (Spiegel 3/2008). Solch eine unstrittig notwendige Bearbeitung von Fiktion und Fakten aber macht Filme angreifbar, weil Brüche entstehen können zwischen der »äußeren Authentizität« und dem Plot. Dann wird das Historische zur Illustration, wie es z. B. manchmal beim Schliemann-Film der Fall ist. Aber auch die technischen Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung verführen zur Klitterung. Ariane Krampe gibt freimütig zu, dass in der »Luftbrücke« ein krasser Fehler vorgekommen sei:</p>
<p><em>»In der digitalen Bearbeitung waren zu viele Flugzeuge am Himmel. Aber da war uns die Wirkung der Bilder wichtiger als die historische Authentizität. Es muss eine ﬁlmische Überhöhung geben dürfen.« </em><sup>(10)</sup></p>
<p>Dagegen ist eigentlich nichts zu sagen, doch die Authentizität ist offensichtlich auch eine Last, eine Quelle für Fehler, obgleich doch ein Film, auch ein historischer, ein Recht auf eine eigene Wahrheit hat und Fiktion mehr zu historischer Wahrhaftigkeit beitragen kann als Faktenhuberei. Der Authentizitätsanspruch führt nicht unbedingt zu mehr Qualität, er kann vielmehr eine Schwäche werden. Es gibt doch so etwas wie ﬁktionale Souveränität über den historischen Stoff; Filme, die sich dem Sog des Dokumentarischen ein Stück weit entziehen. Nikolas von Festenberg (Spiegel 4/2008) zählt dazu Das Wunder von Berlin oder <em>Die Frau vom Checkpoint Charlie</em>.</p>
<p>Zur Schwäche im großen Stil kann es werden, wenn vor lauter gesicherter Fakten versäumt wird, dem Film einen Sinn zu geben, oder bescheidener: Deutungen anzubieten. Marc Ferro, der Doyen unter den Historikern, die mit Filmen Umgang pﬂegen, charakterisiert den Untergang als einen Film über Hitler ohne den Nationalsozialismus. Vor lauter standpunktloser Echtheit, gestützt auf die Erinnerungen von Traudl Junge und das Buch von Joachim Fest, werden auch mögliche widersprüchliche Zeitzeugenaussagen ausgeblendet. Über die Zeugenschaft im Film, auch über die im Untergang, hat gerade Michael Elm eine umfangreiche Studie vorgestellt. <sup>(11)</sup></p>
<p>Welche Authentizität ist die richtige? Nun, da fragen wir Zeitzeugen oder auch gleich professionelle Besserwisser: die <em>authenticity advisors</em>. Der Deutsch-Amerikaner Marc Foster (<em>Drachenläufer</em>) konnte darüber fast irre werden:</p>
<p>»Ich hatte unglaublich viele authenticity advisors um mich, die in den Siebziger Jahren in Afghanistan gelebt haben. Es gab unglaubliche Streitigkeiten zwischen ihnen – das ist etwa so, als würde man versuchen, in Deutschland nach der richtigen Art einen Christbaum zu schmücken zu fragen,« (SZ 17.1.2008).</p>
<p>Genauso kann es solch einen Streit unter Zeitzeugen geben, es sei denn man homogenisiert die Aussagen zu einem idealen Gesamtzeugen oder zieht störende Aussagen gar nicht erst in Betracht.</p>
<p>Blindes Vertrauen auf Zeitzeugen jedenfalls ist nicht angebracht. Nach Peter Reichel (SZ 26.3.04) werden heutzutage Tatsachen, Traditionen und Gemeinschaften erfunden genauso wie Erinnerungen.<sup>(12) </sup>Vorausgegangene Fiktionalisierungen historischer Begebenheiten können Erinnerung genauso prägen wie Erlebtes. Im Falle der <em>Gustloff</em> hat der überlebende Zahlmeisterassistent Heinz Schön, Berater des jüngsten Films, nach Zählung bei Amazon etwa 17 Bücher hinterlassen, ferner drei Video-Dokumentationen, die das Thema irgendwie variieren, auf 46 Nachweise stößt man im GBV, dem Gemeinsamen Verbund Katalog. An der Expertenschaft des Herrn Schön gibt es also keinen Zweifel, es handelt sich aber um einen höchst elaborierten Proﬁ-Kronzeugen, aus dem gewiss nicht der unmittelbare Zeitgeist spricht. Seine Erinnerung hat viele Verarbeitungsstufen durchschritten. Und an einigen davon konnten wir bereits teilhaben. Der <em>Stern</em>-Tatsachenbericht Ende der 50er Jahre über die Schiffskatastrophe war Anlass für den Film von Frank Wisbar <em>Nacht ﬁel über Gotenhafen</em> (1959/60). 60 Jahre nach Kriegsende erinnerte der SWR mit Beiträgen an die Flucht aus Ostpreußen und den Untergang der Wilhelm Gustloff. Der MDR sendete 2003 <em>Tod in der Ostsee</em>, hier der Untergang des Frachters Goya mit 7000 Menschen an Bord. Auch die literarische Verarbeitung des Stoffes durch Günter Grass <em>Im Krebsgang</em> (2002) hat Erinnerung konstituierende Wirkung und hilft Authentizitätserwartungen des Publikums zu entwickeln. Weil auch sie für den Erfolg eines Films erfüllt werden müssen, muss ﬁlmische Authentizität für ein Massenpublikum die Vorstellungen und Erwartungen der gegenwärtigen Zu­schauer berücksichtigen, kurzum sie hat auch präsentistisch zu sein, insofern hat eine solche Authentizität ein Verfallsdatum. Es kommt ja darauf an, die Vergangenheit in der Gegenwart erscheinen zu lassen.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>AUTHENTIZITÄT ALS BRANDMARK UND MARKETING-STRATEGIE</p>
<p>Ein gewaltiges Beiwerk zu den jeweiligen Filmen im Internet mit Trailern, Historiker-Statements, Zeitzeugenaussagen, Doku-Ausschnitten, Interviews mit Schauspielern und das Buch zum Film betonen das Geschichtsträchtige der ange­sprochenen Filme. Es suggeriert die korrekte Abbildung von vergangener Realität. An den angebotenen Materialien hat ein Leistungskurs Geschichte lange etwas zu tun. Der Typus von Authentizität des Geschehens im Event-Film markiert ihn auch als Träger von Empathie, von Menschen, die lieben und leiden, überleben oder zu Grunde gehen, denn dahinter verbergen sich reale Schicksale, nicht nur einzelner, sondern vieler. Die Maske leistet das Ihre, sehen wir mal von Schliemann ab.</p>
<p>Noch bevor die Talkshows anlaufen und die Maske zum Cross-over der Identitäten für seinen neuen Film einlädt, hat Bernd Eichinger bereits den Coup für seinen <em>Baader-Meinhof-Komplex</em> gelandet: Die Besetzungsfotos wurden vorab veröffentlicht, daneben die authentischen Steckbrieffotos, etwa Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt oder Moritz Bleibtreu als Andreas Baader. Die Präsentation zeigte erstaunliche Ähnlichkeiten, etwa wie die von Tom Cruise und von Stauffenberg. Wie sagt es wieder einmal die SZ (2./3. 2008): »Die Rollenfotos entfalten gerade im Wechselspiel mit der realen Vergangenheit ihre eigene Dynamik.« Im September wissen wir mehr. Und der Produzent verkündet: »Wir haben versucht, ganz auf die Faszination des Faktischen zu setzen.« Oder des Ähnlichen?«</p>
<p>Die <em>Dynamik im Wechselspiel mit der Vergangenheit</em> entfaltet ihre volle Wirkung in deutschen Talkshows. Bei <em>Hart aber fair </em>saßen zwei Betroffene, Benjamin Sadler und der Fotograf Christian Knabe. Der erste spielte den Anwalt Wegener im Contergan-Film, der zweite ist ein Contergan-Geschädigter. Von den einladenden Fernsehleuten wird unterstellt, dass Sadler der Experte des Gefühls ist, er kommt ja gerade aus der Arena des Contergan-Kampfes. Seinen Kampf haben wir miterleben können, mitleiden dürfen, er hat in seiner Rolle dieses Schicksal durchlebt wie an jeweils anderer Stelle Frau Ferres oder Frau Furtwängler.</p>
<p>Frau Ferres war bei Anne Will zusammen mit Jutta Fleck und ihren beiden Töchtern, um deren Geschichte es bekanntlich in dem TV-Film <em>Die Frau vom Checkpoint Charlie</em> geht. Auch wenn die Schauspielerin sich manchmal auf die Lippen beißen musste, weil sie einfach sehr gut Bescheid wusste, ist sie offensichtlich zur Expertin für DDR-Unrecht mutiert. Dabei hatte sie sich bemüht, den Flecks doch den Vorrang gelassen – selbst Evelyn Roll (SZ 2./3. Oktober 2007) war ganz angetan. Nur das Durchreichen durch die Talkshowszene war dann doch überzogen, da geriet das Original nicht zuletzt wegen der Talkmaster etwas ins Abseits und zur Schilderung der glücklich überwundenen DDR wurde eben Frau Ferres aufgefordert. <sup>(13)</sup> Diese Menschen haben ihre authentische Qualiﬁkation für die Talkshow direkt aus dem Film, aus der Rolle mitgebracht. Und ein Synergie-Effekt für die jeweiligen Sender kommt in den Talkshows auch noch zustande.</p>
<p>Die Strategien der Authentizitätsproduzenten gehen auf, hier wird eine Qualitätsmarke geschaffen, der sich die Zuschauer kaum entziehen können – und die Schauspieler offensichtlich auch nicht. Denn bei der Pressepräsentation des Gustloff–Films kamen die Schauspieler einfach nicht aus ihren Rollen raus, gedämpfte Stimmung. In den zahlreichen Programmhinweisen des eigenen Senders garantiert der besagte Heinz Schön die Authentizität wiederholt. <em>Contergan</em> schlägt Bayern München, lautete übrigens eine Schlagzeile (Spiegelonline, 9.11.2007). Wen schlägt die »Wilhelm Gustloff?</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>DIE NEUE AUGENZEUGENSCHAFT</p>
<p>»Bilder funktionieren nur, wenn ihre Betrachter an die Echtheit dessen glauben, was dargestellt wird. <sup>(14)</sup> Dies musste Heinrich Breloer auf dem Kieler Historikertag 2004 mit Interesse zur Kenntnis nehmen. In einem Rundfunk-Feature des Deutschlandfunks (DLF 30.12.05) äußerte er Zweifel an der reinen Faktizität im <em>Untergang</em>, wenn es etwa um die Ermordung der Goebbels-Kinder geht. Er schränkte jedoch gleich ein, man sähe ja den Film im Kino und wisse, dass es ein Genre-Film sei. »Aber als dann der Historikertag (Kiel 2004) drin war und die kamen raus und sagten. Ja, so war’s. Da hab ich gedacht. Na ja – interessant.«</p>
<p>Zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist, gehört nicht zu den Aufgaben eines Historikers, diese Forderung aus dem Histo­rismus des 19. Jahrhunderts hat sich schon seit Jahrzehnten erledigt, sie ist in ihrem Kern unhistorisch, da sie die Möglichkeit, ständig neu zu fragen und neue Perspektiven anzulegen, zurückweist. Jede Generation macht sich ihr eigenes Bild von Hitler.</p>
<p>Die angesprochenen Filme legen es aber offenbar darauf an, den Zuschauer zum Augenzeugen des Ereignisses zu machen. Michael Wildt titelt seinen Aufsatz über den Untergang: Ein Film inszeniert sich als Quelle. <sup>(15)</sup></p>
<p><sup><em>»Die Stärke des Films besteht darin, dass er dem Zuschauer das Gefühl gibt, Ereignisse aus eigener Anschauung mitzuerleben. Darin liegt allerdings auch die Gefahr des Mediums, weil diese Augenzeugenschaft &#8230; eine illusorische ist«,<span style="font-style: normal;">stellt Peter Burke <sup>(16)</sup> ganz allgemein fest. Die neuen Augenzeu­gen sind wir, wir lassen uns ergreifen, anrühren und sagen selbst als professionelle Historiker: So war’s.</span></em></sup></p>
<p>Es ist zu simpel gedacht, wenn nun die Macht der Bilder, über die die Filmemacher zweifellos verfügen, gegen den durch Textzeichen und Text von der Realität scheinbar distanzierten Historiker ausgespielt wird. Die historischen Ereignisse durchlaufen einen mehrfachen Textﬁlter vom Exposé zum Drehbuch, ehe sie den der ﬁlmischen Bearbeitung erreichen. Die Eigenheit von Text und Bild ist nicht die entscheidende Differenz zum Historischen, auch nicht das Setzen von Bausteinen aus Text oder Bild. Der Unterschied liegt vielmehr in der Komplexität, die die Geschichtswissenschaft untersucht, um Ursachen und Erklärungen zu ﬁnden, zu interpretieren und Kontexte herzustellen, Prozesse und Entwicklungen zu zeigen. Das Filmische des Event-Films muss darauf aus sein, Komplexität zu reduzieren, die Schicksale vieler in einige wenige zu verdichten. In dem Sinne wäre ein multiperspektivischer Film historisch angemessener, viel zitiertes Beispiel für die Variation von Perspektiven ist der Film <em>Rashomon</em> (1950) von Akira Kurosawa.</p>
<p>Bei den angesprochenen Geschichtsﬁlmen hingegen, die sich auf zeitgeschichtliche Ereignisse gründen, führen die An­strengungen, äußere und innere Authentizität zur Deckung zu bringen, dazu, an der Oberﬂäche der Phänomene zu bleiben. So kann durchaus ein ﬁlmisches Kunstwerk entstehen, das cineastisch brillant, aber historisch eine Verblendung ist. Um es noch deutlicher zu machen: Edgar Reitz hat sich mit seiner Trilogie <em>Heimat</em> (1981 ff.) diesen Anstrengungen nicht aussetzen müssen, weil er bei der Fiktion blieb und so dennoch – oder deswegen – ein hohes Maß an historischer Wahrhaftigkeit vermitteln konnte. Dem pﬂichtet sinngemäß Knut Hickethier bei, indem er fordert, dass das Nicht-Sichtbare durch ästhetische Strategien sichtbar gemacht werden muss. Dann ist nämlich nicht die ungebrochene Wiedergabe von Realität das Kriterium für Authentizität, sondern das Konstrukt einer Form, in der sich das Dokumentarische präsentiert.</p>
<p>In der Vermittlung ist Geschichte auch nur das, was sie erzählt. Historik und Poetik sind aufeinander angewiesen, oder mit Hayden White zu sprechen: Auch Clio kann dichten. So ﬁndet in der Geschichtsschreibung immer eine Konstruktion von Geschichte statt, die sich eines Narrativs bedient, das bis ins Literarische gehen kann. Nur welcher Narrativ dem jeweiligen Stoff angemessen ist, das bleibt umstritten. Die Frage ist gar nicht neu: Was ist dichter an der Realität, die res factae oder res ﬁctae? Paul Riceur gehört genauso wie Reinhart Koselleck oder Arno Borst zu denen, die die Erzählung als Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu schätzen wussten.</p>
<p>In der Bildsprache ausgedrückt gelingt dem Film eine Nahsicht, während die Geschichtsschreibung in der Regel die Draufsicht bevorzugt. Die Nahsicht kann die Welt der kleinen Dinge, den Alltag, in den Film bringen, sie kann wechseln zwischen Nahaufnahmen und Totaler, »zwischen Blicken und Bildern, die zeigt, was eine bestimmte Figur denkt, und solchen, die es nicht tun«. <sup>(17)</sup> Peter Steinbach bewundert – wie gesagt – die Intensität, die mit ﬁlmischen Mitteln herzurufen ist, eine Intensität, wie sie eben Historiker nicht erreichen. So können Historienﬁlme wie Andrejz Wajdas <em>Danton</em> (1983) oder Daniel Vignes <em>Wiederkehr des Martin Guerre</em> (1982) das Bild, das sich Historiker auf Grund von Schriftzeugen gemacht haben, sogar verändern. Nathalie Zemon Davies war beratend bei den Dreharbeiten des <em>Martin Guerre</em>-Films tätig und wurde dabei gewahr, welch eine Leistung an Verstellung der falsche Martin Guerre erbracht hatte, ihr Buch zum Thema wagt sich entsprechend mutiger an die Charakterisierung der Hauptﬁguren. <sup>(18)</sup></p>
<p>So etwas Schönes ist im Zusammenhang mit den jüngeren historischen Event-Filmen nicht überliefert. Im Gegenteil, zahlreiche Warnungen werden von einigen Historikern ganz im Stile alter Quellenkritik ausgestoßen, doch so wird man diesen Filmen und dem, was sie zu leisten vermögen, nicht gerecht. Die eigentlich historische Aufgabe liegt doch heute darin, die sich verändernde Rezeptionsgeschichte der Event-Filme nachzuzeichnen, sie politisch und ökonomisch zu deuten. Die neue Augenzeugenschaft hat offensichtlich das Verhältnis von Fiktion und Realität verschoben. Auf jeden Fall tritt die Deutungsmacht des ﬁlmischen Narrativs in Konkurrenz zu historischer Geschichtsdeutung. Wenn man die bloße Zahl der Zuschauer nimmt, geht die Folgerung nicht zu weit zu behaupten, dass sich das ﬁlmische Deutungsmuster an die Stelle des historischen setzt. Noch schlimmer, die Zuschauer lassen sich das auch nicht ausreden, sie haben es doch mit eigenen Augen gesehen.</p>
<p>Ob nun die medialen Bilder tatsächlich zu Referenzpunkten des globalen Bildgedächtnisses werden, wie manche befürchten, sei dahin gestellt. Doch diese Frage geht wieder die Historiker an, sie gehört auch in die jüngere Rezeptionsgeschichte, die sich verstärkt um neue Geschichtsmythen kümmern muss. Die Geschichtswissenschaft und mit ihr die Historiker sind Teil einer Welt, die einem vielfältigen beschleunigten Wandel unterliegt. Zu diesem Wandel gehört auch eine sich rasant entwickelnde Mediengesellschaft. In der Draufsicht des Histori­kers, erst recht in der des über 90 Jahre alten Eric Hobsbawm, geht es nicht kleinlich um Deutungshoheit, vielmehr um die anhaltende Konjunktur der Vergangenheit in der Gegenwart. In seinen Memoiren <sup>(19)</sup> schreibt er:</p>
<p><em>»&#8230; die moderne Mediengesellschaft hat der Vergangenheit zu einer beispiellosen Bedeutung und zu einem enormen Marktpotenzial verholfen. Heutzutage wird Geschichte mehr denn je von Leuten umgeschrieben oder erfunden, die nicht die wirkliche Vergangenheit wollen, sondern eine, die ihren Zwecken dient. Wir leben heute im großen Zeitalter der historischen Mythologie. Die Verteidigung der Geschichte durch ihre Experten ist heute in der Politik dringlicher denn je. Man braucht uns.«</em></p>
<p>(1) Manuskript des Eröffnungsvortrages der 27. Tutzinger Medientage:</p>
<p>Fernsehen macht Geschichte – Vergangenheit als TV-Ereignis, 3. und 4. März 2008.</p>
<p>(2) Susanne Knaller, Harro Müller (Hrsg.), Authentizität. Diskussion eines Begriffs, München 2006, S. 7 ff.</p>
<p>(3) ulr: <a href="http://www.contergan.grunenthal.info">www.contergan.grunenthal.info</a></p>
<p>(4) Siehe den Beitrag von Martin Zimmermann, Der Historiker am Set in diesem Band, S. 141-164.</p>
<p>(5) Gerhard Paul (Hrsg.), Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen 2006</p>
<p>(6) In: Focus online vom 2.3.2007, Die Flucht. Das verdrängte Trauma.</p>
<p>(7) Interview mit Peter Steinbach im Tagespiegel vom 6.3.2007</p>
<p>(8) T. Gangloff, Kein Job für Erbsenzähler, in: Kameramann, 5, 2007, S. 42.</p>
<p>(9) Hinderk M. Emrich, Zur Entstehung authentischer Bilder. Beiträge der Neurobiologie, in: Nach dem Film 12/00 (www.nachdemﬁlm.de/no2).</p>
<p>(10) Siehe Fußnote 8.</p>
<p>(11) Michael Elm, Zeugenschaft im Film. Eine erinnerungskulturelle Analyse ﬁlmischer Erzählungen des Holocaust, Berlin 2008.</p>
<p>(12) Vgl. Peter Reichel, Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Fernsehen, München 2004.</p>
<p>(13) Vgl. Jens Jessen, Schauspieler als Zeitzeugen, in: Die Zeit Nr. 41, 4.10.07, S. 49.</p>
<p>(14) Valentin Groebner, NZZ vom 28.12.05, Rezension des Buches von Hans Belting, Das echte Bild, München 2005. (15) Michael Wildt, »Der Untergang«, Ein Film inszeniert sich als Quelle in Zeitgeschichtliche Forschungen 3, 2006; in diesem Band S. 73-86.</p>
<p>(16) Peter Burke, Augenzeugenschaft, Bilder als historische Quelle, Berlin 2003, S. 183.</p>
<p>(17) Burke, a.a.O., S. 193.</p>
<p>(18) Natalie Zemon Davies, Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre, Berlin 2004</p>
<p>(19) Eric Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, München 2003, S. 337.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Autor: Rainer Wirtz</em></p>
<p>Aus: Thomas Fischer/Rainer Wirtz (Hg.)</p>
<p><strong>Alles authentisch?</strong></p>
<p>Popularisierung der Geschichte im Fernsehen</p>
<p>© UVK 2008</p>
<p>Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der UVK Medien Verlagsgesellschaft</p>
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		</item>
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		<title>Medien, Geschichte, Erinnerung</title>
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		<pubDate>Fri, 23 May 2008 16:02:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Wirtz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[I. Medien
 
Die Verspätung der Geschichte
Es ist die Literatur und mit ihr die Literaturwissenschaft, die immer wieder unmittelbar auf das reagiert, was wir technischen Fortschritt nennen, weniger die Geschichtswissenschaft.
 Die Lyriker ließen sich vom Dampf der Lokomotiven hinreißen, die Futuristen liebten rasende Autos, und hier in Berlin war es Walter Höllerer, der Die Sprache im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>I. Medien</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die Verspätung der Geschichte</strong></p>
<p>Es ist die Literatur und mit ihr die Literaturwissenschaft, die immer wieder unmittelbar auf das reagiert, was wir technischen Fortschritt nennen, weniger die Geschichtswissenschaft.<br />
 Die Lyriker ließen sich vom Dampf der Lokomotiven hinreißen, die Futuristen liebten rasende Autos, und hier in Berlin war es Walter Höllerer, der <em>Die Sprache im technischen Zeitalter</em> in großen Kolloquien zum Thema machte. Er lud montags um 18 Uhr seit November 1961 in die Kongresshalle, 1500 Menschen drängten sich im Auditorium. Das Fernsehen war auch dabei und sendete dann am folgenden Sonntag – bei dem Noch-Monopolisten ARD war eine beachtliche Quote garantiert.<span id="more-5057"></span> Die Atmosphäre war nervös, entsprechend wurde – im Unterschied zu heute – heftig geraucht. Ein Hauch von <em>teach-in</em> lag über dem Ganzen. Gleichsam in der Nachfolge Höllerers schreibt und liest aktuell der Hamburger Literaturwissenschaftler Harro Segeberg über Literatur im Medienzeitalter.</p>
<p>Während das hermeneutische Schwesterfach der Geschichte, die Literaturwissenschaft, offensichtlich im Medienzeitalter angekommen ist, unternehmen die, die Zeitalter und Epochen eigentlich definieren, erst jetzt einige Anstrengungen, um nach ihrem systematischen Ort im Medienzeitalter zu suchen. Eine gewisse Verspätung der Geschichtswissenschaft ist nicht zu übersehen. Denn die Geschichtswissenschaft, da vor allem die Zeitgeschichte, ist offenbar längst medial überrollt.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Geschichtsfilme, Quote, Verwertung</strong></p>
<p>Diesen Eindruck muss man bekommen, wenn man an die vergangenen TV-Events im deutschen Fernsehen denkt wie DIE FLUCHT oder DER UNTERGANG DER »WILHELM GUSTLOFF«, von dem anderen »UNTERGANG« gar nicht zu reden. Und weitere filmische Geschichts-Ereignisse stehen uns noch bevor: VALKYRIE z.B. oder Eichingers DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX. Gerade in Berlin, wo die LUFTBRÜCKE spielte und DIE FRAU VOM CHECKPOINT CHARLIE die Mauer auferstehen ließ, fragt man sich als Historiker, wozu eigentlich Geschichtswissenschaft noch gut ist, wenn doch insbesondere die Zeitgeschichte so anschaulich vermittelt wird. Die Dokumentationen im Huckepack dieser Filme belegen obendrein angeblich noch den Wahrheitsgehalt des eben Gezeigten. Und wenn auch die historische Wahrheit zugunsten des filmischen Plots ein wenig geändert werden musste, wie bei dem Zweiteiler DIE FLUCHT, dann ist es dennoch garantiert echt-authentisch. Das ist das selbst verliehene Gütesiegel, ein <em>brandmark</em>, mit dem heftig geworben wird.</p>
<p>Dank des Minderheiten-Senders ARTE können wir feststellen, dass diese Art von deutscher Geschichtsversessenheit auch in Frankreich eine Zuschauer-Gemeinde hat. Immerhin wird dort eine beachtliche Quote erreicht, im Schnitt ca. fünf Prozent, was meistens deutlich über eine Million Zuschauer bedeutet. Jo Baiers STAUFFENBERG erreichte 6,3 Prozent Marktanteil und damit beachtliche 1,2 Millionen Zuschauer. Das größte Presse-Echo fand LA FEMME DE CHECKPOINT CHARLIE. <em>L’Echo</em> schrieb »Une histoire vrai«, <em>France Soir</em> titelte klug: »Quand les histoires rejoignent l’histoire«. Zum Vergleich: In Deutschland liegen die Quoten bei ZDF und ARD zwischen fünf und sieben Prozent, also zwischen zwei und fünf Millionen Zuschauern; es wurden aber auch schon zwölf Millionen erreicht. Allein schon die bloße Zahl der Zuschauer, auch die bei ARTE, macht einen gewaltigen Unterschied zu den Publikationen der Geschichtswissenschaft aus. Die Reichweite in die Öffentlichkeit und die entsprechende Resonanz hinein ist kaum zu vergleichen. Gehen wir in die Zeit vor ARTE zurück, soll noch ein großes deutsch-französisches Projekt aus dem Jahr 1964 erwähnt werden, eine Koproduktion des ORTF mit dem WDR: Die acht-teilige Reihe TRENTE ANS D&#8217;HISTOIRE (30 Jahre Geschichte). »Der kleine Bildschirm ist für große Gemälde geschaffen«, schrieb damals der <em>Figaro</em> begeistert über diese Reihe, die ausschließlich aus kompilierten Archivmaterialien bestand. Nie wieder gab es solch einen Reichtum an Dokumenten, stellt Isabelle Veyrat-Masson rückblickend auf die Serie im Jahr 2000 fest. Dieser fast vergessene Versuch, ein transnationales Geschichtsbild zu einem schwierigen Thema wie dem Ersten Weltkrieg zu schaffen, bedeutete ein Ringen um die Hoheit von Deutungsmustern und Diskursen, bemerkt Matthias Steinle 2006.</p>
<p>Heute folgen der Ausstrahlung gerade bei den jüngeren deutschen Geschichtsfilmen die Verwertungskette über die Bücher zu den Filmen, die DVDs, Internetmaterialien und der internationale Verkauf auf den Filmmessen. Der Typus des Eventfilms hat inzwischen die Dokus zum Dritten Reich verdrängt. Nun kommt nach anfänglichem »Trabbi-Spaß« und »Ostalgie« eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit auf uns zu. DAS WUNDER VON BERLIN, PRAGER BOTSCHAFT oder AN DIE GRENZE sind Kostproben, den »Checkpoint« hatten wir bereits erwähnt. SAT 1 lässt noch in diesem Jahr die DDR in einem Zweiteiler untergehen, mit Motiven an historischen Orten wie der Glienicker Brücke. Viel mehr davon kommt dann im nächsten Jahr, dem Jubiläumsjahr 2009.</p>
<p>Geschichte ist durch Fernsehen visuell präsent und hat die herkömmlichen Diskursorte, die <em>scientific community</em>, mit ihren Instrumenten der Publikationen und der eigenen Diskurse verlassen. Geschichte war in allen Epochen der medialen Evolution ein Thema, doch gegenwärtig werden in Folge der digitalen Bearbeitungstechniken mit ihren verschiedenen Produkten alle Möglichkeiten voll ausgereizt. Eine neue Qualität der Geschichtsvermittlung ist erreicht, stellen Lersch und Viehoff in ihrem Report 2007 über <em>Geschichte im Fernsehen</em> fest, der übrigens im Auftrag der LfM NRW (Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen) verfasst worden ist (Lersch/Viehoff 2007, 33).</p>
<p><strong>Medien = Indikatoren und Instanzen</strong></p>
<p><strong><span style="font-weight: normal;">Es geht aber nicht nur um den Gebrauch, den das Massenmedium Fernsehen von der Geschichte macht. Das Medium selbst ist nicht nur Indikator des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs, sondern auch eine Instanz dieses Wandels (B. Weisbrod). Die Berichterstattung über den Vietnam-Krieg (in Farbe) war vermutlich die letzte, die mit wenig Zensur und Manipulation auskam. Aus den frühen 70er Jahren wird der Spruch überliefert: »Stell Dir vor, es ist Krieg und der Fernseher ist kaputt«. So kamen nicht nur die großen Demonstrationen von Washington und New York 1967 ins deutsche Wohnzimmer, sondern auch das Massaker von My Lai oder die Flucht der Amerikaner aus Saigon im April 1975. Demonstrationen werden auf diesem Umweg auch in der Berichterstattung der BRD-Medien hoffähig, sie können nicht mehr wie wenige Jahre zuvor als »Protest der Straße« diffamiert werden. </span></strong></p>
<p>Gerade vor dem Hintergrund vieler Aktionen der Studierenden in den Jahren um 1968 muss die Frage gestellt werden, ob sie sich nicht selbst in die Mechanismen des medialen Marktes einordneten bzw. sich ihn zu Nutze machten. Zweifellos hatten sie ihre eigenen Kommunikationsräume geschaffen: Studentenzeitungen, <em>teach-ins</em>, Flugblätter, Aktionen der Basisgruppen, Demos, Wandzeitungen und Graffiti. Über den Wandel innerhalb des studentischen Publikationswesens kann der Autor aus eigener Anschauung beitragen: In Heidelberg gab es bis 1968 eine liberale Studentenzeitung, <em>forum academicum</em>, die wurde dann zum <em>Roten Forum</em>. Fraktionierungen führten zum <em>Neuen Roten Forum</em>. Als es mit den K-Gruppen zu Ende ging, wurden sie im <em>Neuen Loten Folum</em> auf den Arm genommen, das sich wiederum bald auflöste. Und aus seiner Konkursmasse ging dann <em>Carlo Sponti</em> hervor, der mit der WG-Zeitung <em>Schöner Wohnen</em> zu <em>Carlo Sponti / Schöner Wohnen</em> fusionierte.</p>
<p>Das war die Deskription im Beispiel, analytischer sagt es Wolfgang Kraushaar (2008):</p>
<p>»Innerhalb der 68er-Bewegung vollzog sich eine Entwicklung, die vom Protest gegen Bewusstseinsmanipulation und Pressekonzentration bis zur Organisierung eigener Gegenorgane reichte. Aus dem Appell an die Öffentlichkeit, sie möge die Entwicklung der Presseverlage einer stärkeren Kontrolle unterziehen, wurde bald ein heftiger Kampf um die Kommunikationsmittel [...]«.</p>
<p>Die 68er Öffentlichkeit hat viele Facetten. Eine Demonstration jedoch, über die ausführlich im Fernsehen berichtet wird, verleiht den Demonstrierenden eine ubiquitäre Präsenz. Bernd Weisbrod hält die 68er Bewegung für eine soziale Bewegung, die nicht nur selbst ein Medienereignis war, sondern auch im »Modus« Fernsehen stattfand. Jede auftauchende Kamera stimulierte das Geschehen.</p>
<p>»Mit diesem »reziproken Effekt« etablierte das Fernsehen die 68er Bewegung als Bewusstseinsinsel einer internationalen Gegenöffentlichkeit, es lieferte das optische Gegenbild zu den medialen Feindbildern der jedenfalls in Berlin vorherrschen Springerpresse. [...] Es erhöhte den Begründungsnotstand, wenn die Gewaltausübung nicht eindeutig zu bestimmen war« (Weisbrod 2003).</p>
<p>Und manch ein Bericht, manch eine Fotostrecke über die <em>Kommune 1</em> verdankt sich erst der Lust an der Selbstdarstellung durch die Kommunarden. Bis heute bewahren sich so Rainer Langhans und Uschi Obermeier ihre Nachfrage durch den Medienzirkus. Der Bildband von dem Filmemacher Andreas Veiel und dem Autor Gerd Koenen (2008) zeigt einiges von der Inszenierungsbereitschaft und Sucht nach massenmedialer Aufmerksamkeit.</p>
<p>Alexander Göbel (April 2002) untersuchte für die Konrad-Adenauer-Stiftung »&#8217;1968&#8242; und die Folgen im Fernsehen«. Im Untersuchungszeitraum 1983 bis 2001 kam er auf 121 Sendungen inklusive Wiederholungen, siebzig Prozent davon waren Dokumentationen. Nach eigenen Recherchen wurden zwischen 1966 und 1977 ca. siebzig Filme und Dokumentationen produziert, Diskussionssendungen und Talkshows wurden dabei nicht gezählt. Nach Göbel sind PHOENIX und die Dritten Programme vor allem für die Geschichtssendungen verantwortlich, die Privaten fielen zu &#8217;68 ganz aus. Allein 27 der Sendungen von Januar bis Juni 2001 gingen auf das Konto der Fischer-Debatte.</p>
<p>Diese Tatsache macht eine Schwäche des medialen Geschäfts deutlich – denn es war ein Bild, das den damaligen Außenminister als Mitglied der »Putzkolonne« im »Häuserkampf« der Frankfurter Spontis zeigt, wie er auf einen Polizisten einprügelt. In der »Putzkolonne« waren die Männer für das Grobe. In einer Art Medien-Hysterie wurde alles Bildmaterial zusammen geklaubt, auch frühere 68er-Jubiläumssendungen, um irgendwie irgendetwas über Fischer zu bringen. Gerade diese Art der »medialen Schleife« führt aber dazu, dass nicht mehr der eigentliche Verhaltensvorwurf zur Debatte steht, sondern die mediale Blähung. Der Effekt ist schließlich eine Immunisierung, weil kurze, sehr differente Perioden zeitlich zusammen gezwungen wurden, weil &#8217;68 und Fischer (eher ein 70er) in einen Topf geworfen wurden. Die den Medien eigene politische Produktivkraft kann sich auch durch die, verkürzt ausgedrückt, scheinbar endlose Schleife selbst aufheben. Das führt zu Amnesie und möglicherweise zur Amnestie.</p>
<p>Die andere massenmediale Deformation ist Themen gesteuert. Weit über die wirkliche Relevanz hinaus wurde Kommune- und Wohngemeinschaftsleben in den Blickpunkt gerückt. Die »neuen Wilden« waren in dieser Wahrnehmung die Kinder aus den frisch gegründeten Kitas. Mit dem Ausspruch »Hilfe, ich habe meine Bezugsperson verloren« wurden die unordentlichen Verhältnisse karikiert, aus denen die respektlosen kleinen Ungeheuer stammten. Und wenn dann darunter noch etwas Hippie-Kultur – der weite Duft des Easyriders, ein wenig Bhagwan-Sekte und psychedelische Drogen, dazu noch Spekulationen über ein buntes Sexualleben – gemischt werden, eben alles, was kurz darauf in der Werbewelt Eingang fand, genau dann sind alle Element von massenmedialen Voyeurismus und Klischeebildung versammelt. Dass dieser Art von Voyeurismus auch Vorschub geleistet wurde, soll an dieser Stelle noch einmal erwähnt werden.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>II. Historische Beobachtungen</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Epochen der BRD</strong></p>
<p>Die Geschichte der alten Bundesrepublik kommt auf vierzig Jahre, genau in der Mitte dieses Zeitraums ist die 68er Bewegung zu verorten und natürlich liegt die Frage nahe: War das damals eine Zäsur in der Geschichte der BRD? Fußballerisch sicherlich, es waren eben zwei Halbzeiten – aber auch historisch? Lag über der BRD (alt) bis 1968 noch der Muff der Adenauerzeit mit unbedingter Westbindung, Kaltem Krieg, Restauration, Aussöhnung mit den Nazis? Und kam danach, nun mit »mehr Demokratie wagen«, Brandts Slogan von 1969, eine wirklich partizipatorische Nachkriegsdemokratie zustande? Gleichsam eine neue Stunde Null? Diese Fragen werfen der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum oder der Gießener Politologe Claus Leggewie auf. Die Deutung von &#8217;68 als dem entscheidenden Umbruch für die alte BRD findet viel Zustimmung bei Zeitzeugen und Verwaltern des Erbes von &#8217;68. Der sich ausbreitende autoritäre Staat – Stichworte Versuch des Staatsfernsehens, Spiegel-Affäre, Notstandsgesetze – sollte zugunsten partizipatorischer Modelle gebremst werden. Insofern hätte &#8217;68 einen Modernisierungssprung bedeutet oder – wie es Habermas 1988 ausdrückte – eine Fundamentalliberalisierung. So ist auch seine flapsige Antwort zu verstehen, die er auf die Frage der <em>Frankfurter Rundschau</em>, was von &#8217;68 übrig geblieben sei, gab: »Rita Süssmuth«.</p>
<p>Die seit einiger Zeit anlaufende »dritte Vergangenheitsbewältigung«, erst NS, dann Stasi und nun &#8217;68, kommt freilich zu ganz anderen Einsichten. »Vergangenheitsbewältigung« ist so etwas wie eine deutsche Staatsdoktrin, meint die <em>Neue Zürcher Zeitung</em>. Andere wiederum sagen, die Deutschen seien Weltmeister in der Vergangenheitsbewältigung. Der britische Historiker Timothy Garton Ash kommt daher zu dem Schluss, dass es an den Deutschen sei, wenn es um europäische Erinnerungspolitik geht, die entsprechende DIN-Norm vorzugeben.</p>
<p>Irgendetwas Besonderes muss also an dem deutschen Umgang mit der eigenen Vergangenheit dran sein. Denn auch die Debatte, ob die 68er der Gesellschaft mehr geschadet als genutzt haben, wird wohl in keinem anderen Land so heftig geführt wie in Deutschland. Das war 1998 schon so, nur nicht 1988, dazwischen liegt jedoch das Jahr 1989, und mit dem Beitritt der DDR am 3. Oktober 1990 war die Nation wieder hergestellt, die ex post gesehen ja bereits seit 1949 existierte. Die Um- und Abwertung von 1968 ist unmittelbar mit der deutschen Wiedervereinigung verknüpft, in Frankreich dagegen sehen sich gemäß Umfragen die Hälfte der Bevölkerung als Erben von 1968. Der französische Historiker Max Gallo ist so großzügig, alle Franzosen in die Erbschaft einzubeziehen.</p>
<p>»Nation« aber war, wie Wolfgang Kraushaar feststellt , das Unwort der 68er Bewegung. Es war in ihrer Vorstellung nationalsozialistisch höchst kontaminiert. Es war derartig dämonisiert, dass auch keine Debatte über einen Nationenbegriff stattfinden konnte. Jetzt aber, im Jahr 2008, kann politisch gewollt eine Traditionslinie einer erfolgreichen Bundesrepublik von Adenauer über Kohl bis zu Merkel gezogen werden, in der die DDR-Geschichte zum »Bypass« wird, die sozialliberale Regierungszeit zur Ausnahme und die rotgrünen Jahre eine Episode, ein Unglücksfall. Die sozialen Bewegungen &#8217;68 werden in dieser Perspektive zu einem Störfaktor, der auch auf die weniger angenehmen Seiten der Adenauer-Zeit aufmerksam machte.</p>
<p>Man muss diese Ansicht keineswegs teilen, nur eines sollte durch diese Betrachtungsweise deutlich werden: Wiedervereinigung und Mauerfall haben die 68er Bewegung als ein Produkt der alten BRD radikal entwertet. 1998 durfte kräftig auf die 68er geschimpft werden, 2008 nicht minder. Was eine Zäsur für die Bundesrepublik West war, muss noch lange keine Zäsur für das gesamte Deutschland gewesen sein, im Gegenteil. Da nahm – folgt man dieser Perspektive – das Übel des Werteverfalls seinen Lauf: Wesentliche Tugenden seien außer Kraft gesetzt worden, der Respekt vor Autoritäten verflogen. Bleibt man aber dabei, dass auch heute 1968 eine Zäsur von Bedeutung für die Bundesrepublik ist, dann geraten somit die Adenauerzeit und die »glücklichen« Aufbaujahre in die Kritik.</p>
<p>Es erweist sich immer mehr, dass die Diskussion über Nutzen und Nachteil von &#8217;68 eine äußerst national aufgeladene ist, die so nur in Deutschland geführt wird. Das Internationale mag zusätzliche Motivation gewesen sein – der Krieg in Vietnam, die Apartheid in Südafrika, koloniale Endstadien in Afrika, Franco-Spanien und Salazar-Portugal, die Diktatur in Griechenland – ,aber dominierend blieb eine Sicht auf deutsche Verhältnisse, Hochschulreform, gegen die NPD, gegen Notstandsgesetze, für neue Lebensformen. Der Blick ging nach Westen und Süden, in den fernen Osten, aber nicht in den Osten Europas, auch nicht nach Prag. Und trotz des plakativen Internationalismus war man damals in Frankfurt am Main oder Berlin hektisch mit sich selbst beschäftigt. Die Traditionen der jeweils eigenen politischen Kultur waren entscheidend, stellt Norbert Frei fest.</p>
<p>Die Geschichtsschreibung über 1968 kann mit zunehmender Distanz nur gewinnen, mit der allmählich Verklärung wie Verdammung abfallen – vor allem aber auch die tagespolitische Instrumentalisierung, die gewiss noch ein Zeit lang weitergehen wird. Schließlich geht es ja um nichts Geringeres als um die richtige Deutung der letzten sechzig Jahre deutscher Geschichte, inklusive der Zuteilung der Meriten für die Wiedervereinigung. Während gegenwärtig die Autoren wie Wolfgang Kraushaar (Jahrgang 1948) und Gerd Koenen (Jahrgang 1944) als geläuterte Wissenschaftler zugleich Zeitzeugen und engagierte Teilnehmer waren, also sich dem Verdacht ausgesetzt sehen, zu den Erbverwaltern zu gehören, kann davon bei Norbert Frei (Jahrgang 1955) kaum die Rede sein. Er ist es auch, der in seinem Buch die internationalen Bezüge der 68er-Bewegung heraus arbeitet.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>III. Erinnerung</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Um es populär auszudrücken: Die Geschichtsschreibung über &#8217;68 sieht sich dem Verdacht der Befangenheit ausgesetzt, sei es, dass die Autoren irgendwie Beteiligte waren, sei es, dass sie mit ihren Deutungen im politischen Tagesgeschehen Partei ergreifen wollen oder gar alte Rechnungen offen haben. Mehr braucht man zu Götz Alys Buch nicht zu sagen. Das führt zu der Vermutung, dass das »kollektive Gedächtnis« – das ZDF spricht explizit davon – mit Bildern und Bild- und Film-Ikonen aufgefüllt wird. Aber welche Interpretationsleistung für die vergangene Zeit liefert diese Art historischer Artikulation ab?</p>
<p>Es liegt ein denkwürdiger Historismus über dem Land, da sollen Schloss-Fassaden die Vergangenheit wieder auferstehen lassen, da wird ein Film wie DER UNTERGANG für bare Münze genommen und auch den anderen eingangs erwähnten Geschichtsfilmen wird im Grunde historische Wahrheit unterstellt, weil die inszenierte Authentizität als das Wahre akzeptiert wird, nicht zuletzt dank Historikern als Experten und Requisiteuren. Diese neue, vermeintliche Augenzeugenschaft hat offensichtlich das Verhältnis von Fiktion und Realität verschoben. Auf jeden Fall tritt die Deutungsmacht des filmischen Narrativs in Konkurrenz zu historischer Geschichtsdeutung. Wenn man die bloße Zahl der Zuschauer nimmt, geht die Folgerung nicht zu weit zu behaupten, dass sich die filmischen Deutungsmuster, auch die zu 1968, an die Stelle der historischen setzen können. Diese Deutungsmuster sind allerdings fragmentarisch, sie zeigen nicht die weiteren Kontexte, Komplexität und tieferen Ursachen, kurz, sie erklären zu wenig. Das kollektive Gedächtnis, das heute vor allem durch das Fernsehen gespeist wird, kann so kein Gespür für Entwicklungen und Zeitverlauf geben. Das Andauern von 1968 im tagespolitischen Geschäft scheint massenmedial wichtiger zu sein als die angemessene Klärung der 68er Bewegung in ihrer Zeit.</p>
<p>Die Frage von Gerd Koenen &#8211; Was hat damals so viele motiviert, sich eine Zeit lang als Akteure einer chimärischen Weltrevolution zu fühlen? – wird die Flut von Filmen und Dokumentationen kaum beantworten. Der Erinnerungsort »1968« leidet unter seinen Zeitgenossen. Die Feststellung, dass jede Gegenwart ihre eigene Vergangenheit kreiert, ist nur ein schwacher Trost, wenn der Narzissmus eines Teils der 68er »als selbstbestimmte Arbeit am Mythos« die in die Jahre gekommenen Herrschaften anscheinend jung erhält.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wurde anfangs die Frage gestellt: Wozu denn noch Geschichte, wenn die Vergangenheit massenmedial so publikumswirksam bewältigt wird? Historiker geraten gerade dadurch in die Situation, sich immer mehr um Geschichtsmythen kümmern zu müssen, auch um den von 1968, also um die Rezeptionsgeschichte, um die anhaltende Konjunktur der Vergangenheit in der Gegenwart. Die moderne Mediengesellschaft hat der Vergangenheit in Form von vielen einzelnen Vergangenheiten, von Episoden, Events und Helden, eine große Bedeutung zukommen lassen – nicht zu vergessen damit auch ein beachtliches Marktpotenzial. Eric Hobsbawm fordert in seinen Memoiren zur Verteidigung der Geschichte auf, weil Geschichte heute mehr denn je von Leuten erfunden oder umgeschrieben wird, denen es nicht um Vergangenheit schlechthin geht, sondern um eine, die ihren Zwecken dient.</p>
<p>»Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen, wie es denn »eigentlich gewesen« ist. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen« – diese Aussage stammt von Walter Benjamin. Das »Bemächtigen der Erinnerung« kann so in Form geschäftlich etablierter Spurensuche geschehen, wie es die »Taxi-Wall-Fahrten« samstags für fünf Euro anbieten: »Rudi Dutschkes Berlin 1968 – und was seither daraus entsteht. Berlinrundfahrt per Bus mit Erläuterungen in Wort und Klang.« Diese Zeitreise führt zu den wichtigsten Orten der APO und zu den zentralen Schauplätzen des gesellschaftlichen Aufbruchs 1968 (Eigenwerbung). Hier erfüllt sich die These von Claus Leggewie aus dem Jahr 2001 wirklich: 1968 ist Geschichte.</p>
<p>Zeitgeschichte ist immer auch die Geschichte der Mitlebenden. So besteht also berechtigte Hoffnung, dass die Geschichte des Dritten Reiches vom »kollektiven« und »kommunikativen Gedächtnis« in das »kulturelle« übergeführt wird, jenseits der Zeitgeschichte. Kurzum die Zeitzeugen sterben aus, die NS-Zeit kann endgültig in die Bahnen der wissenschaftlichen Überlieferung gebracht werden. Davon ist 1968 weit entfernt. Denn neben den Geschichtsbewältigern gibt es auch die Geschichtsbewacher – Veteranen, die ihr Erbe verteidigen, indem sie die heute gezeigten Bilder und Filme als die ganze Wahrheit verkaufen. Sehr viele erinnern sich genau, sogar ganz genau, andere wissen es jetzt besser, das sind auch noch recht viele. Dies sind die »Renegaten« von &#8217;68.</p>
<p>»Ein Renegat ist ein Mensch, der allen davon Mitteilung macht, dass er sich politisch geirrt hat und gleichzeitig trotzdem Recht behalten will. Also trachtet er, sich an die Spitze der Gegner seiner alten Überzeugungen zu setzen. Deshalb neigt der Renegat zu Übertreibung«, so schreibt Franziska Augstein in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> (8.April 2008), und weiter beobachtet sie:</p>
<p>»Dass die ideologisch höchst unterschiedlichen Bewegungen des Westens, die mangels einer stichhaltigen Definition und in Erinnerung an die Pariser Großdemonstrationen im Mai 1968 unter den Rubrum »1968« zusammengefasst werden, am Ende auch Renegaten hervorgebracht heben, ist hingegen ein rein deutsches Phänomen.« André Glucksmann z.B., heute wirklich kein Sozialist mehr, bekennt sich ausdrücklich zu seinem Engagement 1968. Und vergessen wir nicht, der Wechsel ins Establishment kann auch sehr bewusstseinsverändernd wirken.</p>
<p>Wenn wir eine steigende Lebenserwartung unterstellen, dann sind die 68er noch bis zum Jahr 2035 munter und könnten sogar noch 2038 zum siebzigjährigen Veteranentreffen in Berlin aufrufen. Nahezu alle werden samt Kindern und Enkeln in den Interviewdatenbanken von Spiegel-TV und ZDF-online vertreten sein. Der erste Versuch läuft gerade, denn es besteht laut Guido Knopp unter den Deutschen ein großes Bedürfnis, seine Erinnerung zu teilen. Der Aufruf des ZDF, doch seine Erinnerungen an den Mauerfall 1989 welcher Art auch immer in Zeugnissen, Dokumenten, Fotos und Filmen mitzuteilen, hatte großen Erfolg. Ein wirkliches »kollektives Gedächtnis« kommt nach Meinung des ZDF so zustande. Der Schriftsteller Walter Kempowski war dagegen mit seiner Sammlung von Autobiographien und Tagebüchern für sein <em>Echolot</em>-Projekt sehr bescheiden. Hier schon einmal vorab meine Warnung: Das Fernsehjahr 2009 wird unter dem Aspekt des öffentlichen Gebrauchs von Historie noch schlimmer als die Jahre 2008 oder 2005.</p>
<p>Sie erinnern sich noch an das Jahr 2005 – sechzig Jahre Kriegsende, das war auch schon dicht am medialen <em>overkill</em>, fünfzig Jahre Kriegsende wurden jedenfalls bei weitem übertroffen. Und dieses Jahr sind es die 68er, die es einem gar nicht so leicht machen. Und der seit etwa zwanzig Jahren anhaltende Gedächtnisdiskurs hilft da auch nicht wesentlich weiter. Er steht in dem Verdacht – so Norbert Frei – sich in seinen eigenen Konstruktionen zu gefallen, weil er historische Zusammenhänge und Sachverhalte inzwischen kaum zur Kenntnis nimmt. Harald Welzer, Gedächtnisforscher aus Essen, der uns nachweist, dass das ganze Leben eine Erfindung ist – oder anders gesagt, dass wir unsere Erinnerung ständig schönen, leistet allerdings einen sehr handfesten Beitrag.</p>
<p>Mit der Erinnerung ist das also so eine Sache. Es gibt viele Varianten, vorhandene Kenntnisse zu »überschreiben«, Filme sind dazu nachweislich sehr gut geeignet, Literatur und Poesie auch. Viele von Ihnen kennen sicher das Gedicht von Robert Gerhardt, <em>Das Attentat oder ein Streich von Pat und Doris</em>, eine Max und Moritz-Parodie. Hier seien wenige Zeilen zitiert:</p>
<p><em>Ach was muss man oft von bösen Mädchen hören oder lesen</em></p>
<p><em>Eben strebt in sanfter Ruh</em></p>
<p><em>Adorno seinem Hörsaal zu, [...]</em></p>
<p><em>Und voll Dankbarkeit so dann</em></p>
<p><em>Schaut er Pat und Doris an,</em></p>
<p><em> Die, wie ihm zu applaudieren,</em></p>
<p><em>vollreif seinen Weg spalieren.  [...]</em></p>
<p><em>Rums, da ziehen die beiden los,</em></p>
<p><em>Und vier Brüste schrecklich groß,</em></p>
<p><em>Jäh befreit von allen Stoffen,</em></p>
<p><em>Herrlich bloß und gänzlich offen,  [...]</em></p>
<p><em>Recken sich dem Prof entgegen,</em></p>
<p><em>Welcher stumm erst dann verlegen, </em></p>
<p><em>dann erschreckt das Weite sucht  [...]</em></p>
<p><em>Mit der Zeit wird alles heil</em></p>
<p><em>Nur der Teddie hat sein Teil.</em></p>
<p>Lassen wir Robert Gernhardt die dichterische Freiheit, nähern wir uns lieber der Historie. Es waren damals, am 22. April 1969, tatsächlich drei Frauen und damit sechs Brüste, die Adorno bedrängten. Und wie es Klio, die Muse der Geschichte, damals wohlweislich fügte, war Guido Knopp als Frankfurter Student in jener Vorlesung und fand das alles nicht sehr komisch, manch andere auch nicht. Er sah, wie Adorno mit der Aktentasche die Attacke abwehren wollte, dann irgendwann die Tasche resignierend hängen ließ und in Tränen ausbrach. Schließlich brachten ihn seine Assistenten aus dem Hörsaal.</p>
<p>Das Bild des Busen-Attentats wurde für kurze Zeit eine der 68er-Bildikonen, jetzt darf es nicht mehr gezeigt werden, sagen die Beteiligten in ihren 60er Jahren: »Weil nichts drauf ist, worauf man stolz sein kann.« Selbstverständlich kalkulierten die Akteure bei ihrer Inszenierung mit ein, dass sich zu diesem produzierten Ereignis eine große mediale Öffentlichkeit einstellt, sie selbst sorgten für das Fotografieren und die Bilder. <br />
 An diesem Beispiel lässt sich vieles zeigen, Grundsätzliches und auch einiges zum Thema 1968. In der Rezeption, nicht nur in der poetischen, löst sich das Geschehen völlig von seinem Ursprung, das betrifft auch die spätere Dekontextualisierung der Bilder. Der Umgang mit und die Wirkung in den Medien war den Beteiligten keineswegs fremd, sondern wurde in strategischer Absicht gepflegt. Schließlich wird die Umdeutung der Aktion, die damals als »wunderschön gelungen« bezeichnet wurde, drei Jahrzehnte später von den Akteuren selbst vorgenommen.</p>
<p>Historisch erhalten bleibt uns ein großartiger Professor Adorno, der noch an seinem Todestag Anfang August 1969 in einem Brief an Herbert Marcuse ohne Verletztheit urteilte:<br />
 »Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der letzte zu unterschätzen: sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen. Aber es ist ihr ein Quäntchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt[...].«</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Autor: Prof. Dr. Rainer Wirtz</em></p>
<p><em>Vortrag auf dem Symposium der Deutschen Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen und des Institut national de l’audiovisuel, Paris zum Thema „Staatsmacht und Öffentlichkeit – Wie frei war das Fernsehen 1968?“, 23.05.2008, Berlin</em></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
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