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	<title>Lesen was klüger macht &#187; Wenzel Storch</title>
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		<title>Bei den Kikki-Männern (Teil 4)</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Aug 2011 21:08:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Würgegriff der Diabolie
Vierter und letzter Teil einer Reise in die Welt der neuen deutschen Kindheits- und Jugendromane
Zwei mächtige Feinde
Heinz Strunk hat mit Heinz in Afrika längst ein neues und, wie man hört, warmherziges Werk vorgelegt, und auch Ortheil und Klein haben es wieder getan. Während Hanns-Josef Ortheil auf Moselreise geht („Wer Wein trinkt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #800000; font-size: medium;">Im Würgegriff der Diabolie</span></p>
<p><span style="color: #808080; font-size: small;">Vierter und letzter Teil einer Reise in die Welt der neuen deutschen Kindheits- und Jugendromane</span></p>
<p><strong>Zwei mächtige Feinde</strong></p>
<p>Heinz Strunk hat mit <em>Heinz in Afrika</em> längst ein neues und, wie man hört, warmherziges Werk vorgelegt, und auch Ortheil und Klein haben es wieder getan. Während Hanns-Josef Ortheil auf <em>Moselreise</em> geht („Wer Wein trinkt – betet“, sagt Theodor Heuss), spürt Georg Klein der <em>Logik der Sülze</em>, pardon:<em> Süße </em>nach. So heißt eine Sammlung von Prosaklumpen, in denen es laut „Süddeutscher Zeitung“ um „Schatzsuche, Satanismus, Phantasie, Science-fiction, Kulte und Mythen, Märchen und Geschichtsmüll“ geht. Also um den gleichen Glibber wie im Kikki-Mann-Roman, direkt aus dem Preßkopf auf den Tisch der Rezensenten. Die sich, wie zu erwarten, über die „gedrechselte, witzige, melodisch betörend sichere Sprache“ (Ina Hartwig) ein achtes Loch in den Kopf freuen: „eine Wohltat“ („Die Zeit“), „ein Glücksfall“ („FAZ“) usw.</p>
<p>Gedacht als „Danksagung“ und „Hommage“ an die Generation der Väter und „Kriegsteilnehmer“, wie der Verfasser auf seiner Webseite betont („Einigen von ihnen einen Schimmer Heldenhaftigkeit zu gönnen, war mir eine Herzenssache“), hat der Kikki-Mann-Roman schon bei der Niederschrift „zwei mächtige Feinde“ gehabt.<span id="more-35189"></span> „Zwei mächtige Versucher, in deren Bann er mir nicht geraten durfte: die populäre Zeitgeschichte und jenen Biographismus, der sich auf die Zeitgeschichte stützt wie auf eine Krücke.“</p>
<p>Da ist sie wieder, die Krücke, die aus Kleins theoretischen und praktischen Schriften nicht wegzudenken ist. Wo die Krücke ist, ist auch der Tod nicht weit, und neun Sätze später heißt es: „Letztlich trägt die Zeitgeschichte ihre Art von Tod als eine ungute erzählerische Sterbehilfe in den Roman hinein.“ Die böse Folge: „Unser kindliches Dasein definiert sich dann über Fernseh-Serien, die wir angeblich alle geguckt haben, über bestimmte Schokoriegel, die wir gegessen haben.“</p>
<p><strong>Liebesseufzer</strong></p>
<p>„Abends konnte man John Wayne und Hardy Krüger bei der Großwildjagd zusehen, aber das war auf die Dauer keine überzeugende Alternative zum Onanieren“, lesen wir in Gerhard Henschels <em>Liebesroman</em>, durch den der Tod in Form von Filmen wie „Die barfüßige Gräfin“ und „Hatari!“ geistert. Der unguten erzählerischen Sterbehilfe gelingt es sogar, ein paar Gremliza-Zitate in den Roman hineinzuschmuggeln, denn der 16jährige Martin Schlosser, Henschels Hauptdarsteller, interessiert sich außer für die Mitschülerin Michaela Vogt und das öffentlich-rechtliche Spätprogramm für populäre Zeitgeschichte und liest „konkret“.</p>
<p>„Es gibt so bange Zeiten, / Es gibt so trüben Mut, / Wo alles sich von weitem / Gespenstisch zeigen tut“, notiert Novalis über die Nöte der Pubertät. Und weiter: „Es schleichen wilde Schrecken / So ängstlich leise her, / Und tiefe Nächte decken / Die Seele zentnerschwer.“ In der emsländischen Kleinstadt Meppen hat Martin Schlosser zwei Jahrhunderte später vor allem mit der Langeweile und der kniffligen Frage zu kämpfen, wie das Herz der schönen Michaela zu knacken sei. „Mit dem Kassettenrekorder nahm ich abends in meinem Zimmer ein paar Liebesseufzer auf. Die hörten sich bei der Wiedergabe so entsetzlich bekloppt an, daß ich fast gekotzt hätte. Bloß weg damit, weg! Die Kassette rausholen und das Band zerfetzen! Überspielen reichte da nicht.“</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/08/Bild-13-B.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-35278" title="Bild 13 B" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/08/Bild-13-B.jpg" alt="" width="680" height="970" /></a></p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: x-small; color: #888888;">Freuden der Pubertät: Cover der Musikkassette <a href="http://www.kulturserver-hildesheim.de/home/storch/heywenzel.html" target="_blank">„Hey Wenzel“</a></span></p>
<p>Der <em>Liebesroman </em>ist der dritte der Martin-Schlosser-Reihe und wie seine Vorgänger rund 500 Seiten dick. Und wie beim <em>Kindheits-</em> und <em>Jugendroman</em> ist man auf der Mitte wieder geknickt, weil es dem Ende entgegengeht. Danach kann man nur noch warten – auf die Fortsetzung, die <em>Abenteuerroman </em>heißen wird und in der der mittlerweile 18jährige Held nach Brokdorf muß, zum demonstrieren.</p>
<p><strong>Der Clan der Bethel-Brüder</strong></p>
<p>Auch Christian Y. Schmidt hatte, wie er uns wissen läßt, eine Kindheit. Und zwar eine schöne, denn er war Mitglied einer evangelischen Sekte, die im Ostwestfälischen ihr mildtätiges Wesen trieb (und wohl heute noch treibt, wenn auch zeittypisch auf den Hund gekommen). In <em>Zum ersten Mal tot, </em>einem Brevier voller Denkwürdigkeiten, in dem er seine Sektenkarriere und vieles andere Revue passieren läßt, erzählt Schmidt von frohen Kindertagen bei der Bethel-Bruderschaft – einem Clan mit eigenem Hoheitsgebiet, eigenen Bergen und Tälern, eigenen Bauernhöfen und Hochmooren, eigenen Postämtern und eigenem Geld. Ein Paradies, irgendwo am Stadtrand von Bielefeld, bevölkert von Brüdern und Schwestern, Eiferern und Epileptikern.</p>
<p>Schmidts schwärmerische Schilderung läßt Zweifel in mir aufkommen, ob ich als kommuniertes und gefirmeltes Kind wirklich auf der besseren Seite der Barrikade stand. Und als solches ulkigerweise Briefmarken für Bethel sammelte, jedenfalls eine Zeit lang und auf Geheiß meiner Eltern, die wohl vergaßen, daß die berühmte „Betheler Briefmarkenstelle“ den Grundsätzen der Diabolie gehorcht. Wie jeder weiß, steht der Caritas auf evangelischer Seite das Diabolische Werk mit seinen vielarmigen Zweigstellen gegenüber.</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/08/Krake.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-35279" title="Krake" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/08/Krake.jpg" alt="" width="680" height="579" /></a></p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: x-small; color: #888888;">Nächstenhilfe auf evangelisch: Im Würgegriff der Diabolie</span></p>
<p style="text-align: left;">Als Katholik, selbst als gewesener, hält man sich ja – nicht ganz zu unrecht – für was Besseres. Und dieser Dünkel – das wird jeder Gerechte zugeben – hat die besten Gründe. Nur ein Beispiel: Götter gibt es wie Sand am Meer, aber wer hat schon solche Gottesmütter? „Es ist so, als ob eine blaue Schwertlilie Mutter sein könnte, einem Blumenschoß ist das Kind entsprossen“, freut sich Franz Werfel in <em>Der veruntreute Himmel</em>, einem der dollsten Ranschmeißerromane, die mir je untergekommen sind. Kurz vor Toresschluß erleidet die  Heldin im Schatten des Petersdoms eine Thrombose, und den Heiligen Vater machen seine goldenen Stützstrümpfe schier kirre.</p>
<p>Franz Werfel war nicht der einzige Heterodoxe, der vom Katholizismus verhext war. Als Kronzeugen für die Schönheit des Römisch-Katholischen dürfen Joseph Roth, Alfred Döblin und der alte Feuchtwanger gelten. „Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei Dank!, sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und Staatsstreiche“, läßt Feuchtwanger den Gewalt- und Genußmenschen Friedrich Karl von Schönborn in <em>Jud Süß</em> spintisieren, „alles, was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das war evangelisch &#8230;“</p>
<p>Thomas Mann, eigentlich ein Anhänger dieser verquollenen, neblig-spinnwebfarbenen Religion, drückt sich in seinem Roman <em>Der Erwählte</em> – der allein schon deshalb lesenswert ist, weil es darin ein Igel zum Papst bringt – etwas rustikaler aus. Dort preist er die himmlische Mutter als „des Heiligen Geists erkorenes Faß“.</p>
<p>Man könnte die Sache weiter ausführen, schließlich haben wir Katholiken nicht nur Maria, sondern die noch viel tollere Maria Magdalena – eine Art „Schnuckepuppe“ (Danny Wilde), die alles mögliche, bloß kein Kind von Traurigkeit war. Doch ich will zum Ende kommen, denn mich zieht`s – so schön dieser Ausflug in die neuere Literatur auch war – zurück in die Vergangenheit. Ins goldene Gestern, als die Bücher noch <em>Bunte Herzen </em>und <em>Bunte Steine</em> hießen, und sich die Figuren noch mit Frau von Schnurrbart, Schnuck-Muckelig-Pimpel oder Brktzwisl begrüßten*.</p>
<p><span style="font-size: x-small;">(*  Frau von Schnurrbart stammt aus Thackerays <em>Jahrmarkt der Eitelkeiten</em>, das Geschlecht derer von Schuck-Muckelig tritt in Immermanns <em>Münchhausen </em>auf, das Faktotum Brktzwsil in Hauffs <em>Mann im Mond</em>.)</span></p>
<p><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p><em>Text: veröffentlicht in konkret 7/2011</em></p>
<p><em> </em></p>
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		<title>Bei den Kikki-Männern (Teil 3)</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jul 2011 20:48:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Großes Geschäft
Wenzel Storch kämpft sich durch die Schwemme neuer deutscher Kindheits- und Jugendromane. Dritter Teil
Was bisher geschah: Georg Klein trauert in Roman unserer Kindheit um „verflossene Zehen“ und „einstige Fersen“ und erhält dafür den Leipziger Buchpreis 2010. Hanns-Josef Ortheils stummer Held – ein autobiographisches, hochempfindliches Konstrukt – lernt in Die Erfindung des Lebens erst Klavier [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">Großes Geschäft</span></span></h5>
<h6><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;"><span style="font-weight: normal;">Wenzel Storch kämpft sich durch die Schwemme neuer deutscher Kindheits- und Jugendromane. Dritter Teil</span></span></span></h6>
<p><span style="color: #333333;"><strong>Was bisher geschah: Georg Klein trauert in </strong></span><em><span style="color: #333333;"><strong>Roman unserer Kindheit</strong></span></em><span style="color: #333333;"><strong> um „verflossene Zehen“ und „einstige Fersen“ und erhält dafür den Leipziger Buchpreis 2010. Hanns-Josef Ortheils stummer Held – ein autobiographisches, hochempfindliches Konstrukt – lernt in </strong></span><em><span style="color: #333333;"><strong>Die Erfindung des Lebens</strong></span></em><span style="color: #333333;"><strong> erst Klavier spielen, dann dichten und feiert am Ende Erfolge, die sich gewaschen haben.</strong></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Vor zweihundert Jahren hätte sowas – umständlich, aber schön – </span><em><span style="font-size: small;">Meine </span></em><em><span style="font-size: small;">Reisen durch die Höhlen</span></em><span style="font-size: small;"> </span><em><span style="font-size: small;">des Unglücks und </span></em><em><span style="font-size: small;">Gemächer</span></em><span style="font-size: small;"> des </span><em><span style="font-size: small;">Jammers</span></em><span style="font-size: small;"> geheißen. Und damit weg von Hanns-Josef Ortheil und seiner Passionsgeschichte und hin zum dritten Buch, das ich mir als vorösterliche Buß- und Fastenlektüre auferlegt habe.<span id="more-33390"></span></span></span></p>
<h6><span style="font-size: large;"><span style="font-size: small;"><span style="color: #333333;">Dschingerle reloaded</span></span></span></h6>
<p><span style="font-size: small;">Wolfgang Herrndorfs <em>Tschick</em> beginnt damit, daß die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers ihre Pforten schließen. Die großen Ferien brechen an und Maiks Eltern packen ihre Koffer. Die Mutter verschwindet auf eine geheimnisvolle Schönheitsfarm, den Vater zieht&#8217;s auf Geschäftsreise mit der jungen Assistentin.</span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Für den 14jährigen („Erst hieß ich Maik, dann Maiki, dann Maikipaiki“) öffnen sich die Tore des Paradieses. Kaum sind die Erziehungsberechtigten in einer Staubwolke verschwunden, steht ein Mongole vor der Tür. Der neue Mitschüler, dessen Vorfahren angeblich aus der Walachei stammen, lädt mit einem geklauten Auto zu einer Landpartie.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Für Momente hatte ich den Eindruck, auf dem Schutzumschlag hätte statt </span><em><span style="font-size: small;">Tschick</span></em><span style="font-size: small;"> auch </span><em><span style="font-size: small;">Dschingerle</span></em><span style="font-size: small;"> stehen können. Dschingerle: So nennt die Mutter ihren Sohn in „Nordsee ist Mordsee“, und ein Weilchen wollte sich das Gesicht des jungen Dschingis Bowakow zwischen mich und das Gelesene schieben. Dann verschwand der Spuk – denn <a href="http://www.getidan.de/kritik/joerg_magenau/15329/tschick" target="_blank">Herrndorfs Tschick</a>, der gar kein echter Mongole ist, sondern nur so aussieht, wird zwar wie Bohms braves Dschingerle von Mitschülern gepiesackt, versteht es aber, seinen Peinigern bald „den Stecker zu ziehen“.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Mit „Nordsee ist Mordsee“ hat </span><em><span style="font-size: small;">Tschick</span></em><span style="font-size: small;"> so wenig zu tun wie mit, sagen wir, Klaus Lembkes „Rocker“ – auch hier fährt ein 14jähriger mit einer Krachlatte (wie man Typen wie Tschick einmal nannte) hinaus in die Welt. Es geht also nicht mit dem Floß die Elbe hinunter, das wäre schlecht für die Verfilmung, die bestimmt bald kommen und nicht halb so gut sein wird wie der Roman, sondern mit dem Lada in die Neuen Länder.</span></span></p>
<div id="attachment_33391" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-1a.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-33391" title="Bild 1a" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-1a.jpg" alt="" width="680" height="413" /></a><p class="wp-caption-text">Ende einer Spritztour: Stilleben von Wenzel Storch</p></div>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Wolfgang Herrndorf hat ein prima Urlaubsbuch geschrieben, rasant, sentimental und komisch – dabei ist Urlaub eine Sache, von der der Autor, wie er in einem Interview erzählt, gar nichts versteht. Auch daß ihm fast nie der Ton verrutscht, obwohl er seinen Ich-Erzähler in einem gewagten Slang parlieren läßt, ist verblüffend. Ob man Herrndorf deswegen in die Tradition Tiecks und Eichendorffs stellen muß, wie Gustav Seibt das in der „Süddeutschen Zeitung“ tat, weiß ich nicht – aber hier wird schöne Literatur wenigstens mit schöner Literatur verglichen.</span></span></p>
<p><span style="font-size: small;"><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Am Ende steht wie bei allen Feriengeschichten der Tag, an dem Maik wieder mit „harten, haarigen Schulmeisterpfoten“ (Wilhelm Raabe) nach vorne, an die Tafel gerufen wird (wobei das Schlußbild, in dem die Wohnungseinrichtung im Swimmingpool versinkt, mich an den Showdown in Kempowskis </span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="font-size: small;">Hundstage </span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">erinnert). Und Tschick? Der wird zur Besserung in eine hohle Weide gesperrt. Ach nein, schade. Wir befinden uns ja in einem Roman von 2010: Er verwindet ganz unromantisch in einer Besserungsanstalt.</span></span></span></p>
<div id="attachment_33392" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-2a.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-33392" title="Bild 2a" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-2a.jpg" alt="" width="680" height="813" /></a><p class="wp-caption-text">Bei Raabe heißen die Lehrkräfte Kollaborator Klopffleisch und Oberlehrer Knutmann: Illustration zu &quot;Die Akten des Vogelsangs&quot;</p></div>
<h6><span style="color: #333333;">Fäkalischer Barock</span></h6>
<p><span style="font-size: large;"><span style="font-size: small;">Nicht jeder hats`s eben so gut wie Prinz Biribinker. „Er spuckte lauter Rosensyrop, er pißte lauter Pomeranzenblüthwasser, und seine Windeln enthielten die köstlichsten Sachen von der Welt“, berichtet Christoph Martin Wieland in seinem heiteren Roman </span><em><span style="font-size: small;">Don Sylvio von Rosalva</span></em><span style="font-size: small;"> von einem jungen Mann, dessen Exkremente in Adelskreisen für Konfekt gelten. Auf der Suche nach seiner Traumfrau, einem Milchmädchen, befreit Biribinker die schöne Krystalline, eine in ein Nachtgeschirr verzauberte Nymphe, durch Anpissen: „Der Prinz fing an, es mit Pomeranzblüthwasser zu begießen, als er, o Wunder! das krystallene Gefäß verschwinden und an dessen Statt – eine junge Nymfe vor sich stehen sah.“ Es kommt, wie`s muß. „Die Nymfe lachte ihn freundlich an, und eh´ er sich noch aus seiner Bestürzung erhohlen konnte, sagte sie zu ihm: ´Willkommen Prinz Biribinker!´“</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Womit wir bei Heinz Strunk wären, dem im März 2009 an dieser Stelle* Unrecht widerfuhr, indem sein </span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="font-size: small;">Fleckenteufel</span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;"> – eine evangelische Zeltlagergeschichte – in fünf Sätzen abgetan und der Verfasser zum </span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">„Hechelscherzer“ herabgestuft wurde. Dabei ist Fritz Tietz` Befund, daß es sich um einen „vorrangig vom Stuhldrang des Autors“ diktierten Roman handle, nicht von der Hand zu weisen. Aber,</span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;"> </span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">um Strunk einmal gattungsgeschlechtlich einzusortieren: Der große Harburger darf als letzter und vielleicht bester Vertreter einer Richtung gelten, die man,</span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;"> </span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">mit einem alten Fachbegriff, als „fäkalischen Barock“ bezeichnet, ein Ausdruck, den Kurt Pinthus vor neunzig Jahren für gewisse Gedichte Johannes R. Bechers erfand.</span></span></p>
<p><span style="font-size: small;"> </span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Kleine Anregung für Spezialisten: Vielleicht sollte mal einer die Koinzidenz von Johannes R. Becher und William S. Burroughs untersuchen. Nicht nur die fast gleichschwingenden Töne der Taufnamen sind ja auffallend, auch hatten beide eine Schwäche für kleine Strolche und harte Drogen und schickten ihre Lebensgefährtin mit einer blauen Bohne in den Tod. Der eine 1910, der andre 41 Jahre später, was der Forschung ein weites Feld eröffnen dürfte, denn der Gedanke an Körperwandler und Revenanten stellt sich ein. </span></span></p>
<p><span style="font-size: small;"> </span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Bei der Gelegenheit könnte man gleich mituntersuchen, ob Anna Seghers – im Winter 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren – vom Lederstrumpf abstammt. Denn Netty Reiling und Natty Bumppo – da dürften morphogenetische Felder im Spiele sein &#8230;</span></span></p>
<h6><span style="font-size: large;"><span style="font-size: small;"><span style="color: #333333;">In der Puppenstube</span></span></span></h6>
<p><span style="font-size: large;"><span style="font-size: small;">Mag sein, daß der </span><em><span style="font-size: small;">Fleckenteufel</span></em><span style="font-size: small;"> ein paar Fäkalwitze zu viel erzählt. Doch scheiß der Hund drauf. Wie käme ich dazu, mich ausgerechnet daran zu stoßen? Immerhin hat mich die Lektüre an alte Zeiten erinnert, an die schönen Jahre 1984/85, als ich – zusammen mit dem Komponisten Diet Schütte – an einer Filmarbeit saß, die den Arbeitstitel „Die Kackwurst in die Puppenstube“ trug. Und aus der am Ende nichts wurde, sowenig wie aus dem Sequel „Die Kackwurst in der Badeanstalt“.</span></span></p>
<div id="attachment_33393" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-3a.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-33393" title="Bild 3a" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-3a.jpg" alt="" width="680" height="930" /></a><p class="wp-caption-text">Zoff bei der Christmette: „Wer hat den Kot auf die Kanzel gelegt?“ (Kalenderblatt von Wenzel Storch)</p></div>
<p><span style="font-size: small;">„</span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Meine Neigung zum Sonderbaren“, mit Peter Hacks zu sprechen, „verliert sich hier ins schlechthin Abartige“. Schauplatz sollte eine Puppenstube sein, die mein Vater mit viel Kunstverstand zusammengeleimt hatte und die sich, arg ramponiert und längst abgedeckt, noch immer in meinem Besitz befand. Der „Plot“ ging so: Nachdem sich nach dem Vorbild der Augsburger Puppenkiste ein Vorhang aufgetan hatte, sollte sich „der Körperteil, den man nicht nennt“ (Joseph Roth in </span><em><span style="font-size: small;">Triumph der Schönheit</span></em><span style="font-size: small;">) auf die Stube senken.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Aus der Froschperspektive sollte dann, mittels Einzelbildschaltung und unterlegt mit sanfter Musik, jene Verrichtung beobachtet werden, die die bürgerliche Gesellschaft „das große Geschäft“ nennt. Die zur Trompetenmusik ans Licht tretende Wurst sollte zum Helden unserer kleinen, nicht ganz stubenreinen Geschichte werden, sollte fernsehgucken, Chips essen und alle naselang das stille Örtchen besuchen. Damit der Darsteller uns nicht unter den Fingern zerging und den Drehort beschmutzte, hatten wir eine Dose Klarlack gekauft. Nun mußte nur noch einer von uns die Hosen herunterlassen und auf der Puppenstube Platz nehmen.</span></span></p>
<div id="attachment_33394" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-4a.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-33394" title="Bild 4a" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Bild-4a.jpg" alt="" width="680" height="436" /></a><p class="wp-caption-text">Deutscher Feierabend: Filzstiftidyll von Wenzel Storch, 1986</p></div>
<p><span style="font-size: large;"><span style="font-size: small;">Etwa hier haben wir das Projekt dann abgebrochen. Schön dumm, denn heute weiß ich, daß Werkchen wie diese bei gewissen Sendern als sozialkritisch durchgehen. Wir hätten die Sache bloß in Richtung Literaturverfilmung trimmen und umtaufen müssen. Zum Beispiel, nach einem antiken Schwulstroman, in </span><em><span style="font-size: small;">Leben und Thaten des edeln Herrn Kix von Kaxburg.</span></em></span></p>
<p><span style="font-size: x-small;">* vgl. „konkret“ 3/2009 : Fritz Tietz, „Schluß mit lustig!“</span></p>
<p><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p><em><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Text: veröffentlicht in konkret 6/2011</span></span></em></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;">FORTSETZUNG FOLGT:</span></span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;">Im Würgegriff der Diabolie: Gerhard Henschels </span></span><em><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;">Liebesroman </span></span></em><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;">und Christian Y. Schmidts </span></span><em><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;">Zum ersten Mal tot</span></span></em></span></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/bddbd30b5e2345ae8d09771fcd051144" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		<title>Katholische Schauerromantik</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2011 16:24:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Lieder fürs Herz
Michaela Meise singt Liebeslieder aus drei Jahrhunderten
„Jeder von uns ist ein Schäflein in Gottes Rudel.“
  Emily Baldwin in „Die Waltons“, Folge 160 („Der schöne Traum“)
„Der Wiedehopf, der Wiedehopf, / Der schenkt der Braut `nen Blumentopf“, heißt es in „Die Vogelhochzeit“, und ein paar Fiderallala später: „Die Meise, die Meise, / Die singt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">Lieder fürs Herz</span></span></h5>
<h6><span style="color: #808080;"><span style="font-weight: normal;">Michaela Meise singt Liebeslieder aus drei Jahrhunderten</span></span></h6>
<p style="text-align: right;"><em>„Jeder von uns ist ein Schäflein in Gottes Rudel.“<br />
 </em> <span style="color: #888888; font-size: xx-small;">Emily Baldwin in „Die Waltons“, </span><span style="color: #888888; font-size: xx-small;">Folge 160 („Der schöne Traum“)</span></p>
<p><span style="font-size: small;">„</span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Der Wiedehopf, der Wiedehopf, / Der schenkt der Braut `nen Blumentopf“, heißt es in „Die Vogelhochzeit“, und ein paar Fiderallala später: „Die Meise, die Meise, / Die singt das Kyrieleise.“</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Das Kyrie ist zwar nicht mit drauf, aber Michaela Meise, Kunstprofessorin aus Berlin, singt auf ihrem Soloalbum „Preis dem Todesüberwinder“ tatsächlich nichts als Kirchenlieder. 33 Minuten lang geht`s um Gott und wie er – durch die Augen seiner Minnesänger – die Welt sah. Meise covert Evergreens aus drei Jahrhunderten, die man als Kirchgänger aus dem „Canta Bona“ kennt – so nannten wir im Bistum Hildesheim unser Gesangbuch, bis 1975 das „Gotteslob“ aufkam.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Warum tut sie das? Hat die Chanteuse „eine gewaltige Gottesmeise“, wie sich Thomas Blum, betört von der Platte, in „konkret“ fragte? Oder steckt eine Vollmeise dahinter?<span id="more-33345"></span></span></span></p>
<div id="attachment_33348" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/t_und_uumlr_auf_t_und_uumlr_zu_.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-33348" title="t_und_uumlr_auf_t_und_uumlr_zu_" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/t_und_uumlr_auf_t_und_uumlr_zu_.jpg" alt="" width="680" height="502" /></a><p class="wp-caption-text">„Tür auf, Tür zu“ von Michaela Meise (courtesy Johann König, Berlin)</p></div>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Das Rätsel ist inzwischen gelöst, dank eines Interviews, das Michaela Meise der Zeitschrift „Spex“ gewährte: Die Künstlerin ist römisch-katholisch, wenn auch bereits einmal aus- und wieder eingetreten. Sie selbst schätzt den Verein, den sie mit ihrer Mitgliedschaft schmückt, als „homophob und antisemitisch“ ein, was ihn, fügt man noch das Attribut „schamlos“ hinzu, wohl erschöpfend beschreibt.</span></span></p>
<p><span style="font-size: small;">„</span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Preis dem Todesüberwinder“ enthält sieben – zuweilen sehr amüsante – Kirchenlieder aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Davon knapp die Hälfte Liebeslieder, an den Herrn und Heiland adressiert. „Nimm hin mein Herz, Herr Jesu Christ, / Dein Herz </span><span style="color: #000000;"><span style="font-size: small;">für mich durchstochen ist</span></span><span style="font-size: small;">“, singt sie, und: „Jesu mein, / Komm herein, / Leucht’ in meines Herzens Schrein.“ Mit Angelus Silesius` „Morgenstern“, dem Rausschmeißer der Platte, hat Michaela Meise sich geflissentlich eine der schönsten Schöpfungen der Musikgeschichte gegriffen, ein Lied, das mich entfernt an die Gesänge der Augsburger Puppenkiste erinnert. Genauer: an das Walroß aus „Urmel aus dem Eis“, an den einsamen – in seiner Klausur gleichermaßen geborgenen wie verlorenen – Gesang, der von den Eisschollen auf die Insel der Seligen, nach Titiwu weht.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Man kann nichts machen – die Meise-Platte greift einem mitten ins Herz. Seien es die Lovesongs wie „Schönster Herr Jesus“ oder eben „Morgenstern“, sei es das Frühlingslied „Die ganze Welt“, das (vielen auch als Kanon bekannt) auf meiner Ohrwurmskala neuerdings zwischen „Mamy Blue“ und „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ pendelt.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Woran das liegt? Vermutlich daran, daß das alles ganz schlicht – oder soll man sagen: gläubig – daherkommt, ohne Ironie oder Pathos. Das Ergebnis ist denkbar weit von den Niederungen des Sakropop entfernt, dafür interpretiert Meise das an sich schon kuriose Material allzu ehrfürchtig. „Böseufzen“, singt sie, wo der Dichter das schöne Wort „beseuftzen“ hingeschrieben hat, auch vernuschelt sie einiges (das entspricht im übrigen der Eigenart des fragwürdigen Begleitinstruments), aber selbst das – wenngleich es das Ergebnis ins leicht Unklare, Wischiwaschiartige zieht – ist eigenartig und schön.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Und damit zur Kehrseite der Medaille. Die Stelle der Orgel, von Psalter und Harfe vertritt ein Instrument, das seinen Namen redlich verdient: die Quetschkommode. Eine Apparatur, mit der man mich um die halbe Welt jagen kann.</span></span></p>
<div id="attachment_33349" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Sommer314_.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-33349" title="Sommer314_" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/Sommer314_.jpg" alt="" width="680" height="444" /></a><p class="wp-caption-text">Betriebsfeier mit Quetschkommode (BRD, fünfziger Jahre)</p></div>
<p>Der Grund: Mein Vater liebte es, nach Einbruch der Dunkelheit über sein Schifferklavier herzufallen. Dabei kamen ihm zwischen Volks- und Wanderliedern auch Kirchenlieder unter, und seine Schunkelfassung von „Meerstern, ich dich grüße!“ tönt mir noch heute im Ohr. Wenn er in Fahrt kam – zwischendurch genehmigte er sich gern ein Gläschen „Kellergeister“ – fiel oft unser Wellensittich mit ein, der den Vortrag laut kreischend begleitete. Dazu gönnte sich mein Vater gern ein Fußbad, was die Sache nicht bessermachte.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Daß „Preis dem Todesüberwinder“ mich mit der Quetschkommode versöhnt, mag daran liegen, daß Meise sie wie „des Teufels Dudelsack“ bedient – so nennt der Presbyterianer laut Achim von Arnim die Kirchenorgel. Meise greift die Töne mit voller, ahnungsvoller Andacht, und manchmal zischt – zumindest für meine Ohren – ein Hauch Anton LaVey aus den Bälgen. Was mir Gelegenheit gibt, freundlichst auf diesen Ahnherren moderner Sakralmusik hinzuweisen, dem wir die wohl beste Coverversion des Stan &amp; Olli-Hits „Honolulu Baby“ verdanken.</span></span></p>
<br /><img src="http://www.getidan.de/images/anton szandor.jpg" alt="media" /><br />

<p><span style="font-family: 'Times New Roman', serif; color: #888888; font-size: xx-small;">Wühlte gern in den Tasten seiner Heimorgel: Anton Szandor LaVey († 1997), Gründer der Church Of Satan</span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Sieben Lieder aus drei Jahrhunderten, da fällt die Auswahl schwer, und sie ist, wie gesagt, gelungen. Dennoch vermisse ich – das geht wohl nicht anders, wenn man auf Kirchenlieder steht – dies und das. Wo bleibt die „Wunderschön prächtige“? Wo „Meerstern, ich Dich grüße!“, das Wallfahrtslied aus dem Sauerland, das vom Zuschnitt freilich eher zu Joan Baez paßt? Wo „O Heiland, reiß die Himmel auf“ mit seinen kräftigen, sportlichen Bildern? „O Erd&#8217;, herfür dies Blümlein bring, / O Heiland, aus der Erden spring“ heißt es dort, und: „</span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, / Reiß ab, wo Schloß und Riegel für!“ </span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Wobei man Strophen, die heute allzu krude und völkisch daherkommen – Zeilen wie „Ach, komm, führ` uns mit starker Hand / Vom Elend zu dem Vaterland“ –, einfach hätte weglassen können.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Wo bleibt „Thauet, Himmel, den Gerechten“, das „In-A-Gadda-Da-Vida“ deutscher Kirchenmusik? Das zwar, wie zwei der drei ebengenannten, im Stammteil des „Gotteslob“ nicht auftaucht, sich aber im Anhang einiger Diözesanausgaben findet: ein Kracher aus dem 18. Jahrhundert, der mit dem Notruf „Thauet, Himmel den Gerechten! / Wolken! regnet ihn herab!“ anhebt und in dem – heute wieder hochaktuell – Nachtmütter, Lichtwaffen und Fleischhüllen vorkommen. Und wo, bitte, bleibt „O Ewigkeit, du Donnerwort“? Der Hit des Jahres 1642, den ich auf „Preis dem Todesüberwinder“ vergeblich suche, obgleich er auf einer Auswahl mit geistlichen Liedern bei Gott nichts verloren hat. Denn er kommt aus der – igitt! – evangelischen Ecke. (Mit den zahllosen „Donnerwort“-Strophen hätte Frau Meise eine ganze, dritte Plattenseite vollmachen können.)</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Daß mir das „Donnerwort“</span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;"> </span></span><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">so lieb ist, hat mit Karl May zu tun. Jeder, der in seiner Kindheit „Old Surehand“ gelesen hat, weiß, was ich meine. Ich zitiere – weil es nichts besser macht, alles immer neu und anders zu formulieren – aus meinem Buch <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3931555623/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3931555623" target="_blank">„Der Bulldozer Gottes“</a>, und zwar die Passage, in der es um Old Wabbles letzte Reise geht:</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><em><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;">Am Ende der „Old Surehand“-Trilogie wird Old Wabble, ein eingefleischter Gottesleugner, von Utah-Indianern mit dem Unterleib – quer zum Baum, damit sich die erwünschte Kreuzform ergibt – in eine Fichte hineingeschoben, „welche die Stärke eines achtjährigen Kindes“ besitzt und „in Schulterhöhe gespalten“ ist. Während dem „König der Cowboys“ langsam die Geschlechtswerkzeuge zerquetscht werden, findet der alte Sünder heim zu Gott. Als Beichtvater hat sich rechtzeitig Old Shatterhand eingefunden. Unter Heulen und Zähneklappern wird das Kirchenlied „O Ewigkeit, du Donnerwort“ deklamiert und der steinalte Trapper mit dem schlohweißem Haar, der optisch an die Bluesrocklegende Johnny Winter erinnert, darf in Frieden scheiden.</span></span></em></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Bekehrung durch Eierzerquetschen: das ist das hehre Thema des dritten „Old Surehand“-Bandes, und Old Wabble ist nicht der einzige Bösewicht, dem im Laufe der Story der Genitalapparat, wie May schreibt, „zu Mus zermalmt“ wird. Und die Kirche, in diesem Fall die evangelische, liefert das Libretto dazu. „O Ewigkeit, du Donnerwort, / O Schwert, das durch die Seele bohrt“, beginnt der fast vergessene, unter Klassik-Freunden durch eine Bach-Bearbeitung noch lebendige erste Gesang, um mit „Mein ganz erschrocknes Herz erbebt, / Daß mir die Zung am Gaumen klebt“ zu enden.</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Michaela Meise hat sich weniger für das Splattrige und Pomphafte als für das Hingegossene, das Blühende, leicht Schauerromantische entschieden. Und so fühlt man sich – hört man die Platte am Stück, womöglich mehrmals hintereinander – nicht nur tief berührt (man sieht, meine Wortwahl ist bereits vom kommenden Kirchentag beeinflußt), sondern auch angenehm durchbohrt. </span></span></p>
<p><span style="font-size: small;">Doch Obacht. Wer nun, angefixt durch das Hörerlebnis, alle Vorbehalte über Bord schmeißen und in Meises Verein mittun möchte, wird sich dort womöglich schwer blamieren, zumindest am Anfang. Wie schreibt Franz Werfel im „Lied von Bernadette“? „Auch die Glaubenskunst muß man gewiß lernen und üben und üben und lernen wie die Gesangskunst &#8230;“</span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Ein wahres Wort, das nicht dadurch obsolet wird, daß der Dichter es einem toten Teenager in den Mund legt. Und das nicht nur für Neulinge, sondern auch für Singvögel gilt, selbst für so illustre wie den <a href="http://www.mireillemathieu.com/" target="_blank">Spatz von Avignon</a>, die <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Bianca_Castafiore" target="_blank">italienische Nachtigall</a> oder eben Michaela Meise. Und so darf es nicht wundernehmen, daß den zwei Tagen im Aufnahmestudio, denen wir diese außerordentliche Schallplatte verdanken, „eineinhalb Jahre Üben und Singen“ vorausgegangen sind, wie Meise in einem Interview erzählt.</span></span></p>
<p><span style="font-size: small;">Dabei ist das viele Singen, sofern es um Kirchenlieder geht, ungefähr so töricht wie das viele Beten. „Wer zu viel betet, der betet sich durch`n Himmel durch; und muß dann, auf der andern Seite, die Gänse hütn“, behauptet die fünfzehnjährige Martina in Arno Schmidts „Abend mit Goldrand“. Dagegen steht: „Wenn man gebetet hat, schmeckt einem auch das Essen besser.“ Das bezeugt Schwester Beata, die Heldin des gleichnamigen Klosterromans von Hermann Skolaster.</span></p>
<p><span style="font-size: small;">Bevor Sie nun losrennen und sich die LP kaufen, noch ein Rat. Falls Sie vom vielen Meise-Hören rammdösig oder schwermütig werden (letzteres kann leicht passieren, wenn man den Klang der getragenen Quetschkommode nicht verträgt), empfehle ich Ihnen zur Erholung die Kirmesmusikanten. Die sind, wie das Meiste aus Holland, musikalisch kaum auszuhalten, aber optisch ´ne Wucht.</span></p>
<br /><img src="http://www.getidan.de/images/kirmesmusikanten.jpg" alt="media" /><br />

<p><span style="font-size: xx-small;"><span style="color: #888888;">Klassiker der Akkordeon-Musik: Die Kirmesmusikanten</span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="font-size: small;">Als Buch zur Platte schlage ich hingegen Franz Werfel, „Der veruntreute Himmel“, vor. Und natürlich „Old Surehand III“.</span></span></p>
<p><span style="font-size: large;"><em><span style="font-size: small;">Wenzel Storch</span></em></span></p>
<p><span style="font-size: large;"><em><span style="font-size: small;"><span style="font-style: normal;"> </span><strong><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B004IBY2YW/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B004IBY2YW" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-33351" title="MM" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/51xZdI6rHhL._SL500_AA300_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Michaela Meise: „Preis dem Todesüberwinder“<br />
 </strong>Clouds Hill Ltd./Cargo (Vinyl incl. CD)</span></em></span></p>
<p><span style="font-size: large;"><em><span style="font-size: small;">bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B004IBY2YW/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B004IBY2YW" target="_blank">amazon</a> kaufen</span></em></span></p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/meise-top.3501.jpg" target="_blank"><img class="alignright size-full wp-image-33386" title="meise-top.350" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/07/meise-top.3501.jpg" alt="" width="350" height="190" /></a></p>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/baa41b45f6734409a49317544129b655" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		<title>Bei den Kikki-Männern (Teil 2)</title>
		<link>http://www.getidan.de/kolumne/labyrinth/wenzel_storch/31798/bei-den-kikki-mannern-teil-2</link>
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		<pubDate>Tue, 31 May 2011 02:07:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[DER NEUE DEUTSCHE KINDHEITSROMAN BEFASST SICH UNTER ANDEREM MIT „VERFLOSSENEN ZEHEN“ UND „EINSTIGEN FERSEN“. 
 TEIL 2 EINER REISE INS REICH DER BUDDELKÄSTEN
Die Erfindung der Langsamkeit
Auch im nächsten Buch wird fleißig nacktgebadet, wenn auch nicht in Teichen, in denen windschiefe Bilder mit polizeilich verbotenen Satzbauten um die Wette fahren. Geschrieben hat es ein ausgewiesener Spezialist, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">DER NEUE DEUTSCHE KINDHEITSROMAN BEFASST SICH UNTER ANDEREM MIT „VERFLOSSENEN ZEHEN“ UND „EINSTIGEN FERSEN“. <br />
 TEIL 2 EINER REISE INS REICH DER BUDDELKÄSTEN</span></span></h5>
<p><strong>Die Erfindung der Langsamkeit</strong></p>
<p>Auch im nächsten Buch wird fleißig nacktgebadet, wenn auch nicht in Teichen, in denen windschiefe Bilder mit polizeilich verbotenen Satzbauten um die Wette fahren. Geschrieben hat es ein ausgewiesener Spezialist, der im Nebenberuf eine Talentschmiede betreibt: Hanns-Josef Ortheil unterrichtet Kreatives Schreiben in Hildesheim, einem hübschen Städtchen irgendwo zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover, bekannt durch die hindurchfahrende Eisenbahn und nicht weit von Osnabrück gelegen, wo Heinz Rudolf Kunze das Liedermachen lehrt.</p>
<p>„Liebe Aeltern, hab’ Euch immer / Zierlich Referenz erzeigt: / Vatern sieben tiefe Knixe / Jeden Morgen, Mittag, Abend, / Muttern fünfe, wie sichs ziemt &#8230;“ So singt die schöne Formosa in Fouqués <em>Die vier Brüder von der Weserburg</em>, und so könnte es als Motto über den 590 Seiten stehen, die Ortheil mit den Abenteuern des stummen Johannes füllt. In <em>Die Erfindung des Lebens</em>, einem tief empfundenen, halbautobiographischen Entwicklungsroman geht alles so würdig und recht, geziemend und heilsam zu, daß mir schon nach wenigen Minuten die Augen zufallen wollten, lange, bevor der Apostel Paulus – übrigens mit einem Aperçu aus dem 1. Brief an die Korinther – das Schlusswort spricht.</p>
<p>Statt auf die Vergangenheit zu pfeifen und seinen Helden im 16. Kapitel einfach absaufen zu lassen, hat Ortheil noch 400 Seiten drangehängt, in denen er den stummen Knaben durch ein Tal des Jammers allmählich auf musik- und sprachkünstlerische Höhen führt.<span id="more-31798"></span></p>
<p>Da war ich längst nicht mehr unter den Lesenden, denn ich bin mitten im Nacktbadekapitel ausgestiegen. Dabei gebe ich zu bedenken, dass ich – trotz nackter Fakten – nicht nur ständig mit dem Einschlafen zu kämpfen, sondern auch die Neckereien satt hatte, die ihren Höhepunkt auf einer kleinen Hamburg-Reise erreichten, auf der ich das Buch offen und ungenant mit mir herumtrug.</p>
<p>Die wohlkalkulierte Dickleibigkeit, die abgefeimte Verpackung: alles deute darauf hin, dass beim Aufklappen des Buchdeckels eine Likörflasche zum Vorschein komme – dieser Verdacht wurde nicht nur einmal geäußert, ich hörte ihn immer wieder. Doch ich kann’s beschwören: Statt auf hochprozentiges Wasser stieß ich zwischen den Deckeln auf annähernd eine Million – in Ziffern: 1.000.000 – Buchstaben. Buchstaben, die sich endlos und trocken aneinanderreihten, wie die Perlen eines verflixten Rosenkranzes.</p>
<p>Auch wenn die „wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige himmlische Frau“ eine tragende Rolle spielt (womit Ortheil eins der schönsten Marien- und Liebeslieder überhaupt ins Spiel bringt: In meiner persönlichen Hitparade rangiert es zwischen „Herzen haben keine Fenster“ und „Honolulu Baby“): Das transusige Erzähltempo will selbst in den Andachtsszenen keine rechte Stimmung aufkommen lassen, jedenfalls in den mir bekannten 16 Kapiteln. Und auch die Träume des Helden, die ihn bis zum Papa Pontifex nach Rom katapultieren, muten allzu wundermild und rentnerhaft an.</p>
<p>By the way: Wer in Sachen Gottesmutter die volle Dröhnung braucht, der lese, sofern er’s nicht längst getan hat, Franz Werfels <em>Lied von Bernadette </em>– eine prickelnd schnulzige und doch fesselnde Hagiographie, die in fünf Reihen à zehn Kapiteln nach dem Ideal des Rosenkranzes gebaut ist. Am besten dreimal hintereinander, nur so kann sich die Wirkung des fulminanten Romanwerks entfalten, wie ja auch ein Rosenkranzgebet, um wirken zu können, drei Kränzchen à 50 Ave Maria benötigt.</p>
<p>So ist das Buch – wir sind wieder bei der <em>Erfindung des Lebens</em> –, das man trotz des futuristisch angehauchten Titels nicht mit Jules Vernes <em>Erfindung des Verderbens</em> verwechseln darf, wohl am ehesten älteren, alleinstehenden Damen zu empfehlen, die, wenn das Stopfei ruht und die Stunde der Pralinenschachtel schlägt, gern noch ein Stündchen ins Land der Kindheit reisen. Am liebsten, wenn der Weg dorthin mit viel Weh und Ach gepflastert ist.</p>
<p><em>Text: Wenzel Storch</em></p>
<p><em>Erschienen in „konkret“ 5/2011</em></p>
<p><span style="font-family: Verdana, Arial, Helvetica, Sans, FreeSans, Jamrul, Garuda, Kalimati; line-height: 19px; color: #808080; font-size: 14px;">Fortsetzung folgt:</span></p>
<h6><span style="font-weight: normal;"><span style="color: #808080;">Fäkalischer Barock: Heinz Strunk</span></span></h6>
<h6><span style="font-weight: normal;"><span style="color: #808080;"><span style="font-weight: normal;"><span style="color: #808080;">Dschingerle reloaded: Wolfgang Herrndorfs Tschick</span></span></span></span></h6>
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/2f7936efefd8436e9b885c27556e44fe" width="1" height="1" alt="" />]]></content:encoded>
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		<title>Bei den Kikki-Männern (Teil 1)</title>
		<link>http://www.getidan.de/kolumne/labyrinth/wenzel_storch/31510/bei-den-kikki-mannern-teil-1</link>
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		<pubDate>Wed, 25 May 2011 19:31:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Der neue deutsche Kindheitsroman befasst sich unter anderem mit „verflossenen Zehen“ und „einstigen Fersen“. 
 Teil 1 einer Reise ins Reich der Buddelkästen
Ich wurde in einem Land von Riesen geboren und habe darin gelebt; Riesen haben mich an den Handgelenken gepackt und herumgezerrt, seit ich aus meiner Mutter kroch – und diese Riesen sind: die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">Der neue deutsche Kindheitsroman befasst sich unter anderem mit „verflossenen Zehen“ und „einstigen Fersen“. <br />
 Teil 1 einer Reise ins Reich der Buddelkästen</span></span></h5>
<p><em><span style="color: #808080;">Ich wurde in einem Land von Riesen geboren und habe darin gelebt; Riesen haben mich an den Handgelenken gepackt und herumgezerrt, seit ich aus meiner Mutter kroch – und diese Riesen sind: die Verhältnisse.<br />
 </span></em><em><span style="color: #808080;">Robert Louis Stevenson: „Markheim“</span></em></p>
<p>Mit Literatur aus der Neuzeit kann man mich normalerweise jagen. Ich mag es nun mal, wenn die Damen in Reifröcken einhergehen und die Herren in Kutschen transportiert werden und wenn der Held nicht einfach an der Tür klingelt, sondern seine Ankunft mit Hilfe reizender Billets zu feiern gedenkt.<span id="more-31510"></span></p>
<p>Wenn die Gasthäuser Des Teufels Zahnbürste oder Zum Grauen Laubfrosch heißen. Wo man, bevor die Nacht in ihre Rechte tritt, dem leckeren Schmaus volle Gerechtigkeit widerfahren läßt – als das Jahrhundert noch Säkulum und das Jahrfünft noch Lustrum hieß. Und sich die Dichter noch nicht Hanns-Josef, sondern Johann Nepomuk oder Adelbert nannten.</p>
<p>Auf pittoreske Schauplätze, auf Traumreiche wie Apapurincasiquinitschchiquisaqua, Nester wie Lollenfinken und Bächlein wie Pluderbach muss, wer neue Literatur liest, natürlich verzichten. Trotzdem habe ich mich, angelockt von einer Fülle moderner Kindheits- und Jugendromane, zu einem Selbstversuch entschlossen und mich zu einer vorösterlichen Fastenzeit „verortheilt“ (Jörg Schröder).</p>
<div id="attachment_31519" class="wp-caption aligncenter" style="width: 698px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/Bild-4XX.jpg"><img class="size-full wp-image-31519" title="Der Autor mit zehn" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/Bild-4XX.jpg" alt="" width="688" height="822" /></a><p class="wp-caption-text">Im Reich der kurzen Lederhose: Der Autor mit zehn</p></div>
<p>Denn soviel Kindheit war nie. Ein Schwall von Bildungsromanen ergießt sich in die Haushalte, und auf den Nacht- und Spülkästen türmen sich die Schertenleibs, Wawerzineks und Wysockis. Doch was ist`s mit der neuen Welle? Ich habe versucht, mich einzulesen und mir prompt – am ersten, preisgekrönten Werk – eine blutige Nase geholt. Beim dritten Versuch hatte ich mehr Glück. Aber der Reihe nach &#8230;</p>
<p><strong>„Piepmatz-Hirnchen“ und „Schleimgesichtchen“</strong></p>
<p>Gleich vorn auf Seite sieben, unmittelbar nach einem erhebenden Kleist-Zitat, setzt ein, was der Autor „den Anhub des Missgeschicks“ nennt. Irgendwas wird „aufgefleischt“, und „unter der Saugglocke des Schocks“ läuft dem „Älteren Bruder“ „eine Wabe seiner Seele aus“. Und schon sind wir im „Sog einer großen Lektüre“ („Deutschlandradio Kultur“).</p>
<p>„Wer seine Nase in die Falten des geblümten Kleides drückt und sich dann wie ein Tier, wie Hund, Katz, Marder oder Bär, dem Schnüffeln überläßt, darf riechen, daß der Schicken Sibylle unter dem festen Kleinmädchenspeck nichts Geringeres als ein Busen schwillt.“ Mit diesem Versprechen entläßt uns das erste Kapitel. <em>Roman unserer Kindheit</em> hat Georg Klein in schwarz-roter Warnfarbe auf den Schutzumschlag schreiben lassen, und sich als Ich-Erzähler „ein schlimmes Früchtchen“ ausgedacht. „Ein ganz besonderes Leibesfrüchtchen ist das“, wie die „Welt am Sonntag“ erläutert, eins, „das mit allen Fruchtwassern der Literaturtheorie gewaschen wurde“.</p>
<div id="attachment_31520" class="wp-caption aligncenter" style="width: 698px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/Bild-6XX.jpg"><img class="size-full wp-image-31520" title="Druckwelle einer Ohnmacht" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/Bild-6XX.jpg" alt="" width="688" height="394" /></a><p class="wp-caption-text">„Druckwelle einer Ohnmacht“: Filzstiftstudie von Wenzel Storch</p></div>
<p>Dieses weibliche, irgendwie amorphe und kaum nagetiergroße Früchtchen ist nicht zu beneiden: Hier rollt ein Witz „über die Schienen einer Handlung geradewegs auf ein Gelächter“ zu, dort wird „das Kerzenlicht der Einsicht von der Druckwelle einer Ohnmacht ausgeblasen“. Immer wieder zerreißen Kollerlaute die Luft, bei deren Niederschrift sich der Halssack des Dichters gewaltig gebläht haben dürfte: Von „Püßt üüf, sünst üst üünür vün üüch büld tüt!“ bis „Dubu blöbödeber Blubuteberl“ reicht die Palette der Klangfarben, über die der Träger des Leipziger Buchpreises gebietet.</p>
<p>Auch wenn die Kapitel bescheiden mit „Regen-“ und „Sonnentag“ überschrieben sind, auf der Klaviatur der Gefühle zieht Klein von Dur („’Dü! Dü! Dü!’, jodelt der Kikki-Mann“) bis Moll („Ernstlich besorgt will sich der Fehlharmoniker noch einmal über Wischmann-Waschmann beugen“) alle Register.</p>
<p>Keine Frage, hier stülpt uns jemand eine „Wundertüte der Erzählkunst“ (Judith von Sternburg) über den Kopf. Verbitterte Fersen und Schienbeinknochen, Stopf- und Hühnereier hat er wie ein scharmanter Schlachter mit hineingepackt, wobei die Eier, zusammen mit entstielten Äpfeln, für den Schließmuskel eines Verseuchten bestimmt sind. Genauer: für „das Rosettenmäulchen“ seines Bandwurms, das in den Fieberträumen des „Älteren Bruders“ – Schuld daran trägt ein Arztwitz, der die Seiten 103 bis 109 füllt – sein Unwesen treibt.</p>
<p>Der große Bruder ist, wie sein Erfinder, ein Faselhans: „Wer wäre nicht gleich seinen verflossenen Zehen, seinen einstigen Fersen, seinen Waden und Schienbeinknochen auf ewig verbittert, wenn er von einem bösen Moment auf den anderen nicht mehr mit dem lebenslustigen Rest, mit Bauch, Brust, Nase und Haar durch Sonne, Luft und Wind über die Planken der Tage stapfen dürfte“, sinniert er über die Perspektiven, die sich amputierten Seeräubern bieten, in denen Klein die lyrischen Ahnherren unserer guten alten Kriegsheimkehrer sieht.</p>
<p>Durch den Roman tappt, umgaukelt von „Piepmatz-Hirnchen“ und „Schleimgesichtchen“, eine Armee von Versehrten. Darunter ein ausgewachsener Bär, der sich am Ende als Gummibär entpuppt. Das hat dem Verfasser Vergleiche mit Enyd Blyton, Thomas Mann und Günter Grass eingebracht. Während Grass-Lesen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ 2006 ermittelte, „dem Lutschen von Brühwürfeln“ gleicht, geht Klein-Lesen in Richtung Klostein.</p>
<div id="attachment_31524" class="wp-caption aligncenter" style="width: 698px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/Bild-12XX.jpg"><img class="size-full wp-image-31524" title="Heimkehrer bei der Gartenarbeit" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/05/Bild-12XX.jpg" alt="" width="688" height="860" /></a><p class="wp-caption-text">Heimkehrer bei der Gartenarbeit (Motiv für eine Kinderzimmertapete)</p></div>
<p>Die Sonne „suppt“ durch Vorhänge, das Gaswerk bläht sich „selbstgewiss wie eine große Kröte“, und um die „erbsengrünen“ und „knochenbleichen“ Neubauten sammeln sich – wie die Fliegen um die Haufen – die verstümmelten Männer: der blinde Quetschkommoden-Mann, der taubstumme Kikki-Mann, der Mann ohne Gesicht und der hirntote Panzerführer. Am Ende kommen noch der kleine und der große Imker hinzu – reichlich spät, denn die Seelen-Wabe ist schon vorne, im zweiten Satz, ausgelaufen.</p>
<p>„So, wie es sich für eine gute Geschichte gehört, hat das Ganze wieder auf dem Fundament des Anfangs Fuß gefasst.“ Klein liebt es, über die Geheimnisse seiner Kunst in blitzenden Bonmots Auskunft zu geben. Wer wissen will, wie der Dichter es schafft, sich „den Zungenschlägen meines Sommers anzuverwandeln“, wird im fünften „Sonnentag“ fündig. Dort teilt das „schlimme Früchtchen“ alles Nötige über die Kunst des elastischen, vorgeburtlichen Lauschens mit, während im Hintergrund – ich freu mich schon auf die Verfilmung – ein Neger in einem „Buddelkasten“ liegt und singt.</p>
<p>Unablässig in sich selbst und seinen amputierten Männern, seinen Bären und Panzerfahrern herumwurmisierend, nähert sich der Autor nach 445 Seiten dem Höhepunkt. Der war für empfindsame Naturen schon immer ein kleiner Tod. Im letzten Satz zupft er sich „höchstselbst die Stummelglieder lang“ und badet, bevor ihn ein „Blutkerl“ mit einer Gummikugel beschießt, „mit langem, nachtblondem Haar und milchig nackt in einem schwarzen See“.</p>
<p>Darauf einen Dujardin. Wobei das Schlusstableau, aus dem wildromantisch „der süße Rauch“ der Lakritzpfeifen aufsteigt, wohl nur zufällig an die „Todesfuge“ erinnert. Oder an deren kürzlich entdeckte Lightversion, die mit „Schwarze H-Milch der Frühe“ anfängt und die der Nürnberger Forscher Klaus Hammerlindl im Nachlass einer irren Amateurdichterin gefunden haben soll.</p>
<p><em><span style="color: #808080;">Fortsetzung Teil 2 folgt.</span></em></p>
<p><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p><em>Erschienen in „konkret“ 5/2011</em></p>
<p><em>Bildquelle: Bilder soweit nicht anders angegeben: Archiv Storch</em></p>
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		<title>Das Bumstier bumst wieder</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Mar 2011 22:59:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Kenner lecken sich bereits die Lippen: In Ravensburg erscheint die historisch-kritische Petzi-Ausgabe
Für Arno Schmidt war er „das Totemtier der Deutschen“: Petzi. Obwohl in Dänemark als Rasmus Klump geboren, machte er im sogenannten Nachkriegsdeutschland schnell Karriere. Sowohl das „Hamburger Abendblatt“ als auch der „Berliner Telegraf“ druckten täglich seine Abenteuer, und es dauerte nicht lange und das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="font-style: normal;"><span style="color: #800000;">Kenner lecken sich bereits die Lippen: In Ravensburg erscheint die historisch-kritische Petzi-Ausgabe</span></span></h5>
<h5><span style="font-style: normal;"></span><span style="font-family: Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif; font-style: normal; line-height: 18px; text-transform: none; font-size: 13px;">Für Arno Schmidt war er „das Totemtier der Deutschen“: Petzi. Obwohl in Dänemark als Rasmus Klump geboren, machte er im sogenannten Nachkriegsdeutschland schnell Karriere. Sowohl das „Hamburger Abendblatt“ als auch der „Berliner Telegraf“ druckten täglich seine Abenteuer, und es dauerte nicht lange und das nordische Wundertier hielt – gemeinsam mit <em>Jim Knopf und dem Kleinen Wassermann</em> – Einzug in die westdeutschen Kinderzimmer.</span></h5>
<p><span id="more-28156"></span>Die Häuser Milupa und Bärenmarke haben sich nun zusammengetan, um vereint mit dem  Zwiebackriesen Brandt ein Unternehmen zu stemmen, das einzig in der europäischen Verlagslandschaft dastehen dürfte: <em>Die Abenteuer von Petzi, Pelle, Pingo und Seebär</em> sollen als Loseblattsammlung unter dem Patrozinium der eigens für dieses Unternehmen gegründeten Rasmus-Klump-Stiftung ediert werden. Jetzt wartet die Ravensburger Stiftung nur noch darauf, dass Jan Philipp Reemtsma sein Füllhorn über ihren Kassen ausschüttet, schließlich soll die Edition mit Goldschnitt vom Band rollen.</p>
<p>Kenner lecken sich bereits die Lippen. Denn es steht zu erwarten, dass der sogenannte Bumstier-Zyklus in seiner Urfassung erscheint. Der Hamburger Carlsen-Verlag hatte das „Bumstier“ vor Jahrzehnten in „Klopfschwein“ umgetauft und damit die Handlung arg verwässert. Thomas Mann, der den Zyklus noch in der Urfassung gelesen hat, erinnert sich in <em>Meerfahrt mit Petzi</em> nicht ohne Rührung an die erste Begegnung: „Aber als dann die Stunde der Bereitschaft gekommen war – es war auf dem Lande, in warmen, heiteren Sommertagen, die ich nicht vergesse–, da kannte mein Behagen, mein glückseliges Einverständnis, kannten Entzücken und Dankbarkeit keine Grenzen.“</p>
<p>Auch <em>Petzi und Paffhans</em> soll wieder in der Erstübersetzung zugänglich gemacht werden. Der Paffhans war ins Gerede geraten, als NPD-Politiker Freiexemplare des Werkes, das eigentlich in die Hände von Studienräten gehört, an ostzonalen Grundschulen verteilten. Der Vorwurf: <em>Petzi und Paffhans</em> verleite den Leser zum Mitläufertum. Dabei ging es vor allem um einen Satz, den Pingo seinem Freund Petzi zuruft, als sie versuchen, für Paffhans` „Paff-Zug“ einen Schienenstrang zu legen: „Los, wir tun einfach alles, was er sagt, sonst wird er traurig!“ „Gemeint ist natürlich Paffhans und nicht Hitler“, erläutert der erste Sekretär der Gesellschaft der Petzi-Leser (GPEL), der in seiner Freizeit – „nur so, zum Vergnügen“ – das Lesartenverzeichnis betreut.</p>
<p>So wird es auch bald ein Wiedersehen mit der Schindmähre „Adolf“ geben, die der Carlsen-Verlag in „Adalbert“ umgetauft hatte. Auch hier – in <em>Petzi bei der Ernte</em> – folgt die historisch-kritische Ausgabe zeichengetreu der herrlichen Erstübersetzung.</p>
<p>Und auf noch etwas dürfen wir uns freuen: Die HKPA (Historisch-kritische Petzi-Ausgabe) wird den ungekürzten Briefwechsel mit Sursulapitschi enthalten. Was zunächst verblüfft, da die Echtheit der Texte mehr als fraglich ist, aber hier steht wohl das bei einem Unternehmen dieser Größenordnung legitime Interesse am pikanten Detail im Vordergrund. Außerdem wird zur Zeit die Korrespondenz mit Kröterich und Snoopy gesichtet. Und auch der politische Petzi soll nicht zu kurz kommen. Erstmals dürfte somit Licht auf Petzis Verhältnis zu Putzi Hanfstaengl fallen. (Und natürlich zu Putzis Frau Patsy Brimmer, der aus der Fernsehserie „Die Waltons&#8221; bekannten Flossie-Brimmer-Tochter.)</p>
<p>Flankierend, und für Neulinge wunderbar als Einstieg geeignet, soll Hans Wollschlägers  nachgelassene Petzi-Biographie auf lesefreundlichem, mattgelben Dünndruckpapier vorgelegt werden. <em>Tiere sehen dich an</em>, so der verspielte Titel. In vielem zwar noch Skizze – Wollschläger hat seine Mater Dolorosa bekanntlich nicht mehr vollenden können – ist die Monographie des <em>Ulysses</em>-Übersetzers den bisherigen biographischen Versuchen – man denke nur an <em>Petzis Wien</em> von Brigitte Hamann – weit überlegen.</p>
<p>Erstmals wird das gespannte Verhältnis zu Yogi- und Bussi-Bär, zu Pu und Konsorten mit sorgfältig geputztem psychoanalytischen Besteck seziert, und auch das traurige Ende des dänischen „Problembären“, der bis ins hohe Alter immer Kind blieb – Petzi starb 1975 völlig verarmt in einem Kopenhagener Altersheim – vermag Wollschläger anrührend zu schildern.</p>
<p>Bleibt zu hoffen, dass der Verlag bei seinem ambitionierten Unterfangen, immerhin die erste Loseblattsammlung auf Bütten, nicht auf halbem Wege stecken bleibt, denn der Editionsplan sieht 185 Ordner mit Lesebändchen aus kochfestem Frottee vor. Damit man schon bald, frei nach Wilhelm Busch, rufen kann: „Jahrzehnte war das Bumstier krank! Jetzt bumst es wieder. Gott sei Dank!“</p>
<p><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p><em>Erschienen in „konkret“ 3/201</em>1</p>
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		<title>Sechste und letzte Verbeugung vor dem Kinderbuchkaplan Berthold Lutz</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Jan 2011 22:11:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Geheimnis von Kalvaria
Was bisher geschah: Nach der Währungsreform ernennt der Verleger Georg Popp den  Jugendkaplan Berthold Lutz zum Schriftleiter der Bubenzeitschrift „Unser Guckloch“: ein dünnes, holzhaltiges Heft, das besonders durch seine Ministranten-Pin-ups erfreut.
Silvester 1960 scheidet Berthold Lutz – die Pflichten drohen ihn inzwischen aufzufressen – aus der Schriftleitung aus. Nicht nur, dass er in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="color: #800000;"><span style="font-style: normal;">Das Geheimnis von Kalvaria</span></span></h5>
<p><strong>Was bisher geschah: Nach der Währungsreform ernennt der Verleger Georg Popp den  Jugendkaplan Berthold Lutz zum Schriftleiter der Bubenzeitschrift „Unser Guckloch“: ein dünnes, holzhaltiges Heft, das besonders durch seine Ministranten-Pin-ups erfreut.</strong></p>
<p>Silvester 1960 scheidet Berthold Lutz – die Pflichten drohen ihn inzwischen aufzufressen – aus der Schriftleitung aus. Nicht nur, dass er in zehn „Guckloch“-Jahren fast 20 Kinderbücher verfasst hat, zwischen 1957 und 1959 stampft er auch noch, sozusagen im Vorbeigehen, 260 Pfarrbüchereien aus dem Boden. Von denen im Jahre 2005 noch über 200 in Betrieb sind – so steht´s im „Würzburger Katholischen Sonntagsblatt“ vom 2. Oktober 2006.<span id="more-22270"></span></p>
<p>Lutzens Nachfolger wird Barthold Strätling, der das Traditionsheft bis 1968 leitet. Jenes Jahr, in dem, wie das November-Editorial mitteilt, „endlich auch der katholische Sauerteig aufgewacht“ ist und „in sich zu gären“ beginnt. Wie problematisch es für das Gemeinwesen ist, wenn der Teig erwacht, hatten die Brüder Grimm in <em>Der süße Brei</em> erzählt – eine Warnung, die an Barthold Strätling vorbeigegangen sein dürfte: Der lässt 1968 seine Thesensammlung <em>Geschlechtserziehung</em> als <em>Auftrag der Schule</em> erscheinen, zum Druck befördert vom pallottinereigenen Lahn-Verlag, denn der März-Verlag, der zuständig gewesen wäre, existiert noch nicht.</p>
<p>Unter Strätling, der das mittlerweile 52-seitige Magazin mit wehenden Fahnen der neuen Zeit und damit dem Untergang entgegenführt, müssen über Nacht nicht nur der fröhliche Name, sondern auch die Pin-ups weichen. (Die schöne Sitte des Ministranten-Pin-ups sollte Mitte der siebziger Jahre im Fachblatt „Leuchtfeuer Ministrant“ eine späte, heftige Blüte erleben, dank Pater Diethard Zils, einem Dominikaner, der mit seinen Mannen noch heute im Kölner Raum ohrenbetäubende Beatmessen feiert.)</p>
<p>Aus „Unser Guckloch“ wird „Das neue Guckloch“, eine „moderne Jugendzeitschrift“, die sich in ihrer Fortschritts- und Technikgläubigkeit kaum vom Schund der Konkurrenz unterscheidet – mochte dieser sich „Mücke“, „Stafette“ oder, wie das Blatt, in dem Ulrich Wickert sich die Sporen verdient, „Rasselbande“ schimpfen. Der Ära Strätling folgt ein Lustrum des Niedergangs, und im März 1973 darf die Lackaffenkapelle Ekseption eines der letzten trostlosen Cover zieren.</p>
<p>Wen wundert´s, dass Strätling heute als eine Art Gorbatschow der katholischen Kinder- und Jugendpublizistik gilt? Woran, will man Gerüchten aus längst geschlossenen Verlags- und Redaktionsstuben glauben, eine persönliche Note Mitschuld tragen dürfte, die ihn, zumindest äußerlich, in die Nähe des Grammy-* und Nobelpreisträgers  rückt. Angeblich ziert Strätlings Kopfhaut das Feuermal. Eine Folge des Satanskusses, den er 1968 empfangen hat?</p>
<p>Als Lohn für die Zertrümmerung jenes Bubenreiches, das Lutz und Popp einst aus Frohsinn, Herzblut und holzhaltigem Papier errichtet hatten, mit nichts als einer Schere, einem Leimtopf und einer Schubkarre voller Hirn- und Muskelschmalz, wie die Festschrift zum Zehnjährigen <em>Guckloch feiert Geburtstag</em> sich stolz erinnert?</p>
<p><strong>Zwei alte Kinderbuchhasen</strong></p>
<p style="text-align: left;">In der Blütezeit des Magazins sind sogar die Anzeigen handverlesen. Schließlich, so Lutz,  „wollen wir Dir dadurch solche Firmen vorstellen, die unser Vertrauen besitzen und von denen Du immer besonders gut bedient sein wirst“. Treueste Kundin ist, ab ihrer Gründung, die Bundeswehr. Häufig werden auch das „Fahrtenrundzelt <em>Jörg</em>“ und die hauseigenen Sammelmappen angeboten, in die man seine Hefte „bombensicher und stramm“ einheften kann. Dazwischen tummeln sich im Jammerton gehaltene Anzeigen der Herz-Mariä-Missionare, die Spätberufene für ihr heruntergekommenes Apostolat suchen, und Annoncen der Firma Colex, deren ärztlich erprobte „Gehirn-Nahrung“ dem stieseligen Pennäler auf die Sprünge hilft. Auch Produkte aus dem Hause Erika Klopp werden annonciert, denn Popp und Klopp gesellt sich gern.</p>
<p>Gesuche nach Spätberufenen sind im Bruderblatt „Leuchtturm“ gleichwohl besser aufgehoben, einem Fachblatt für Oberschüler und Studierende, das Lutz sporadisch mit infantilen Gastbeiträgen bestückt und das ebenfalls im Arena-Verlag erscheint. Zum Redaktionsstab zählen alte Kinderbuchhasen wie Dr. Franz Mahr und Erich Rommerskirch.</p>
<p>Dr. Franz Mahr, der nachmalige Stadtpfarrer von Hammelburg, hatte 1939 mit <em>Aufbruch ins Leben</em> einen in Nachkriegsauflagen um acht abwaschbare Kunstdrucktafeln optimierten „Führer für 14- bis 18-jährige Jungen aus der Reifezeit ins Mannestum“ vorgelegt. Der Zeitpunkt war glücklich gewählt, denn mit dem Tausendjährigen Reich war die Ära der Parteitags-, Pilz- usw. Führer angebrochen. 1941 gelang Mahr in seinem zweiten Jungenbuch <em>Wenn du doch erkenntest &#8230;</em> der Nachweis, „daß der Nazismus schlimmer sei als das Judentum &#8230; Aber die Nazis konnten das begreiflicherweise nicht ertragen“, klagt im Januar 1955 der „Leuchtturm“, worauf das Werk beschlagnahmt und eingestampft worden sei. „Wohl dem, der noch ein Exemplar gerettet hat.“</p>
<p><em> </em></p>
<p>Zu dem vielseitigen Sachbuchautor, der ab 1951, inzwischen umschwärmter Religionslehrer im Unterfränkischen, der Neudeutschen Jungengemeinschaft und damit einer Gliedgemeinschaft des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend<em> </em>vorsteht, gesellt sich bei Redaktionskonferenzen ein wind- und wetterfester Soldat Christi: Erich Rommerskirch hat in der „SS des Papstes“, wie sein Mitbruder Johannes Leppich die Gesellschaft Jesu auf Vortragsreisen nennt, von der Pieke auf gedient und tut das dort erworbene Wissen, kindgerecht verpackt, im Nürnberger Sebaldus-Verlag kund. Einem Unternehmen, das die buntscheckigste Prosa (<em>Hitler und Rom, Notpeterle und das Zauberrädchen</em>), aber auch Jugendzeitschriften wie „Liliput“ im Angebot hat. Letzteres ein „Guckloch“ für Laxe, das von der „Funktionsweise eines Kachelofens“ oder vom „Kartoffelkäfer als Feind der Menschheit“ viel, vom lieben Gott wenig zu erzählen weiß.</p>
<p>Dieser Befund trifft leider auch auf das Journal „Jugendlust“ zu, das von Ahnungslosen gern mit „Sonnenfreunde“ oder „Jung und Frei“ verwechselt wird. („Jung und Frei“ wurde 1996 indiziert und bald darauf eingestellt, ein Schicksal, das der Namensvetterin „Junge Freiheit“  erspart blieb.) Die angeblich „älteste Jugendzeitschrift der Welt“ wird, nachdem sie vom Sebaldus- zum Domino-Verlag gewandert ist, in „Flohkiste/floh!“ umgetauft; unter diesem unappetitlichen Titel erscheint das Organ noch heute.</p>
<p>Doch zurück zu Rommerskirch. Sein Erstling <em>Jungen im Gottesreich</em> handelt, wie das Geleitwort ankündigt, „von den spannendsten und atemberaubendsten Dingen, die es gibt“. Der Verdacht, hier wildere einer in Lutzens Revier, ist abwegig. Das Imprimatur wurde am 30. Januar 1950 gewährt, da lag das Debüt des Würzburgers (Druckerlaubnis: 10. Oktober) noch in den Windeln. Und so darf<em> Jungen im Gottesreich</em> als – wenn auch düsteres – Seitenstück zur <em>Leuchtenden Straße</em> gelten.</p>
<p><strong>Wenn die Weihrauchkessel tanzen</strong></p>
<p style="text-align: left;">Das schmale Bändchen („Schlag auf! Fang an!“) beginnt rasant wie <em>Tom Sawyer</em>. „Das Bettgestell kracht“, und mit einem Satz steht ein Bub an der Waschschüssel. „Heil dem jungen Tag!“ Laut prustend wird der Kopf untergetunkt, und ein paar Rumpfbeugen später ist bereits das Morgengebet verrichtet, die erste Audienz des Tages. „Ist das schon die Mutter, die mit den Kaffeetassen klappert? Was habe ich doch für eine feine Mutter!“ freut sich der Bub und steckt den Finger ins Becken. „Von der Stirn zum Herzen, von Schulter zu Schulter! Wie ein Krieger Rüstung und Helm anlegt“, so betupft er sich mit dem duftenden Zeichen des Kreuzes.</p>
<p>„Lege auch du diese Rüstung an“, rät Rommerskirch dem schulpflichtigen Leser, „und wenn du dich mit dem Kreuzzeichen zeichnest, denke daran, daß es das Zeichen des Opfers ist!“ Und schon stürmt der Junge – „quellfrisch“ wie Huck Finn und „wurzelecht“ wie Heini Völker – durchs Schultor. Die Angst, daß die ärztlich erprobte Gehirnnahrung nicht anschlagen könnte, kennt er nicht. Warum auch? „Das wahre Zeugnis schreibt mein Vater im Himmel.“ Und das bedeutet, daß die blauen Briefe am Jüngsten Tag eintreffen, dann, wenn alle Briefträger tot sind.</p>
<p>„Aber wißt ihr auch, daß ihr durch viele Tore gehen werdet? Tore, die sich langsam auftun werden mit lockendem Geheimnis? Oder die jäh und schreckhaft aufspringen. Aus deren Öffnung geheimnisvolles Leuchten kommt oder eine undurchdringliche Finsternis lauert.“ Das klingt heiter und verspielt, bis hinein in die kleinen Rätsel des Satzbaus – eben wie guter alter Lutz. Doch ab Seite 40 schlägt Rommerskirch andere Töne an. Nachdem er uns eingeseift hat, stößt er uns in ein düsteres Loch. Die Tore des Xantener Doms schlagen hinter uns zu, und das harmlose Jungenbuch entpuppt sich als Bubenstück.</p>
<p>Im Schrein des Hochaltars, unter dessen Aureole sich, wenn die Weihrauchnebel steigen, das „Geheimnis von Kalvaria“ vollzieht, modern die Gebeine der Blutzeugen. „Ihr Blut ist der Mörtel, der diese gewaltigen Steine verbindet“, schwärmt Rommerskirch und weidet sich,<em> </em>als hätte Dracula persönlich die Fugen verputzt, an der Bausubstanz: „Die Freude des Christen trägt die Züge eines alten, adligen Bluterbes.“</p>
<p>Aus dem bluttriefenden <em>Gottesreich</em> – drei Jahre später schrieb Erich Rommerskirch den Fantasyschocker <em>Todesstrahlen und Lebenszeichen</em> – zurück auf die leuchtende Straße, in das heimliche Königreich mit seinen Saugrüsseln, Kolbenfressern und Freiluftpredigten. Aus der schönsten sei zum Schluß noch einmal zitiert. Während die Buben „sich fast gleichzeitig mit ihm ins Gras“ werfen, feiert der junge Priester den „Wunderbau“ ihres Leibes: „wie die Schulterblätter unter der seidigen Haut des Rückens hin und her spielen und wie das Rückgrat sanft und allmählich in die gedoppelte blühende Wölbung der üppigen Gesäßbacken ausschwingt und wie das großartige Astwerk der Adern und Nerven über die Achseln hin bis in die äußersten Fingerspitzen sich verzweigt“ – pardon, jetzt bin ich in den <em>Zauberberg </em>geraten, an dessen „Walpurgisnacht“-Kapitel die „Wunderbau“-Predigt erinnert.</p>
<p>Wie das fleißige Herz („kaum faustgroß“) täglich 12.000 Liter Blut pumpt, wie das wackere  Auge jedes Bild naturgetreu in all seinen Farben aufnimmt, kein Über- und Unterbelichten, geschweige Verwackeln kennt („da kann die teuerste Leica nicht dran tippen!“), wie das ausgeklügeltste Telephonnetz eine Stümperei bleibt gegen unser Nervensystem – das alles könnte ein guter Geist aus dem <em>Zauberberg</em> in <em>Die Leuchtende Straße</em> hineingezaubert haben, wären die Sätze unterwegs nicht kürzer und dabei kunstloser geworden. Auch in Sachen Namensgebung reicht der Würzburger nicht an den Lübecker heran. Was sind Emil Knatterblech, der große Rennfahrer, Prokurist Scheuerlein und Direx Kreidekloß gegen Konrad Knöterich, Lobgott Piepsam und Meta Nackedey? Gegen Doktorin Gnadebusch und all die Klöterjahns, Mindernickels und von Lichterlohs?</p>
<p>Ob Zauberei oder nicht, im Sommer 1987 leistete mir das „Wunderbau“-Kapitel wertvolle Dienste. Als ich mir über Nacht eine Predigt ausdenken mußte, um den wichtigsten Splattereffekt meines Films „Der Glanz dieser Tage“ (vgl. Teil 1) einzuleiten bzw. zu beglaubigen, griff ich anstandslos zur <em>Leuchtende Straße</em>. Während der Prediger davon schwärmt, was es Großartiges sei „um das  Spiel der Gelenke: wie die Finger in die Hand übergehen, wie die Hand mit dem Arm verbunden ist, wie der Arm schließlich freibeweglich im Schultergelenk sitzt“, schneidet er sich mit einem Küchenmesser frohgemut die linke Hand ab. Eine Verbeugung vor Resl von Konnersreuth, dem Hardcorestar der zwanziger – die dreißiger und vierziger darf man in Sachen Hardcore kaum rechnen – bis sechziger Jahre.</p>
<p>Als der Film 1989 in die Lichtspielhäuser kam, hatte ich mich ausführlich bei Berthold Lutz bedient. Dreimal habe ich ihn zitiert, am Anfang, in der Mitte und am Schluß. Niemand hat`s gemerkt, und dem Film hat’s gewiß nicht geschadet. Schon die Begrüßungsformel – „Kehre um, wenn der Film nicht so ist, daß Deine Mutter dabei sein dürfte!“ – war lupenreiner Lutz, und so ist diese Plauderei über alteFrechdachs- und Wirbelwind-Bände auch eine Verbeugung vor einem großen Gedankengeber, Textschenker und Anfeuerer.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<div id="attachment_22295" class="wp-caption aligncenter" style="width: 700px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/Bild-16_.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-22295 " title="Bild 16_" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/Bild-16_.jpg" alt="" width="690" height="511" /></a><p class="wp-caption-text">„Vom Wunderbau Eures Leibes“: Storyboard von 1987 Wenzel Storch: Der Bulldozer Gottes. (Ventil Verlag)</p></div>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Was aber bleibet?</strong></p>
<p>Heute ist das Werk des wirkungsmächtigen Kinderbuchkaplans unhebbar versunken. Die Geschichten von Waldi, dem „Jagdhund Gottes“, die Grashüpfergedichte („Oh weh, kleiner Reiter, zirpzirp!“), die Blütenträume der <em>Leuchtenden Straße</em>:<em> </em>vergriffen oder in alten „Guckloch“-Heften begraben. Keine Frechdachs-, schon gar keine Lutz-Statue schmückt den Würzburger Markplatz. Vergessen sind Mann und Werk, von den surrealen Anfängen (<em>Dein Gesicht gehört Dir nicht! </em>heißt eine frühe Meditation über das Fratzenschneiden) über neusachliche Schockdichtung (<em>Kreuzspinne rammt uns</em>, <em>U-ZET hat einen blinden Passagier an Bord</em>) bis zu den späten, abseitigen Basteltipps, in denen Hirten und Kamele aus Ytong gefertigt werden, einem Stein, den man mit einem alten Löffel und Sandpapier leicht bearbeiten kann.</p>
<p style="text-align: left;">In über zwanzig Aufklärung- und Anstandsfibeln hatte der 87-Jährige, von dessen linker Brust das Bundesverdienstkreuz lacht, den Charakterpanzer gefeiert, ohne freilich das hochtrabende Wort in den Mund zu nehmen. Als sein Stern zu sinken begann, traten neue Männer auf den Plan, Männer wie Otto Muehl, die den besagten Panzer nicht hegen und pflegen, sondern knacken wollten.</p>
<p>Muehls Panzerknacker trugen zwar keine Larven im Gesicht, aber sie hatten es auch nicht auf Onkel Dagoberts Geldspeicher abgesehen (in puncto Haarputz orientierten sie sich am Redaktionsmaskottchen der Fernsehzeitschrift „Hör Zu“). Auch die Vorträge, die Otto Muehl, zumeist mit heruntergelassener Hose, vor seinen Getreuen hielt, waren weit vom Wortwitz eines Carl Barks entfernt. Doch wer weiß? Vielleicht geht auch dieser Lutz-Epigone, dessen Werke derzeit im Wiener Leopold-Museum ausgestellt sind, einst in den Schoß Gottes ein? Zu wünschen wäre es ihm, denn die von ihm erfundene „Watschenanalyse“ könnte alten „Guckloch“-Heften entlehnt sein.</p>
<p>Was Muehl, heute 85, nicht ahnen kann: Sobald das Lebensschiff in den Glückshafen einfährt, geht es noch einmal richtig ab. „Gott schafft den Menschenleib neu: schöner, verklärt, fähig, eine Ewigkeit teilzunehmen an dem jauchzenden Leben der Liebe und Freude in Gott“, heißt es in „Eine Jahreszahl mit mehr als tausend Nullen“, dem anspruchvollsten Kapitel der <em>Leuchtenden Straße</em>, das einen Ausflug in die futuristische Eschatologie unternimmt.</p>
<p>Wie das funktioniert? „In den verklärten Leibern ist die tote Schöpfung mitverklärt. Der Stoff jauchzt auf“, malt Lutz ein leichtverständliches Bild elysäischer Dialektik. „Das Leben hat seine höchste Vollendung erfahren, weil es nun kein Sterben mehr gibt! Leben, Leben, Leben – trunken vor Freude fallen wir Gott zu Füßen: Du hast alles gut gemacht, Herr!“</p>
<p style="text-align: left;"><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p><em>Erschienen in „konkret“ 12/2010</em></p>
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		<title>Marquis (Topors Tierleben)</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Jan 2011 08:16:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Filmspiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Was ein Cocker Spaniel mit der Geburt der Freiheit zu tun hat, erklärt uns ein belgischer Tierfilm. “Marquis” von 1989 ist nun erstmals auf DVD erschienen
Es waren einmal zwei Igel
 Die hatten einander so lieb
 Da fuhren sie in den Urlaub
 Mit ihrem Jeep
 Hans Paetsch, “Sommer der Liebe”
Der Gouverneur der Bastille, Gaëtan de Preaubois, ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was ein Cocker Spaniel mit der Geburt der Freiheit zu tun hat, erklärt uns ein belgischer Tierfilm. “Marquis” von 1989 ist nun erstmals auf DVD erschienen</strong></p>
<p><em>Es waren einmal zwei Igel<br />
 Die hatten einander so lieb<br />
 Da fuhren sie in den Urlaub<br />
 Mit ihrem Jeep</em><br />
 <span style="font-size: x-small;">Hans Paetsch, “Sommer der Liebe”</span></p>
<p>Der Gouverneur der Bastille, Gaëtan de Preaubois, ist das, was man ein Sackgesicht nennt. Vielleicht liegt&#8217;s an den ausgeprägten Kehllappen, an denen er gelegentlich zurrt wie an den Zapfen einer Kuckucksuhr &#8211; namentlich dann, wenn er sich, laut krähend, in den Schlund der resoluten Juliette ergießt. Die Szene, nicht unbedingt eine der schönsten des Films, hat mich frappant an meine Schulzeit erinnert.</p>
<p><span id="more-3665"></span></p>
<p>Wer zum Frühstück regelmäßig seinen Haferschleim verzehrt hat &#8211; Mädchen mit Milch und Zucker, Jungs mit Kaba, dem Plantagentrank -, der hatte, wir schreiben die Jahre 1967 ff., bald einen kostbaren Schatz angehäuft. Wie ich löffelten sich Abertausende durch ihre Kindheit, dem großen Glück entgegen. Jenem Tag, an dem der Köllnflocken-Bilderdienst die neuen Haferflockenbilder ins Haus brachte, im Tausch für eifrig ausgeschnittene Sammelpunkte.</p>
<p>Die Grützmühle des Peter Kölln produzierte Millionen von Sammelbildern, von denen es mir Serie 22, &#8220;Balduin und Gockel&#8221;, besonders angetan hatte. Auf den 96 Minibildern schauten mich Hasen mit Lorgnetten, Kröten mit bodenlangen Tabakspfeifen und Dackeldamen in Reifröcken an, und eine besondere Rolle spielte ein männliches Huhn mit Schifferklavier, das dem Gouverneur in Henri Xhonneux&#8217; Historienspiel &#8220;Marquis&#8221; wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ausgedacht hatte sich diese Schnurralien der einstige Kapp-Putschist und SS-Mann Wilhelm Petersen, der ab 1953 zu bundesweiter Beliebtheit gelangte: als Schöpfer jener Kinderbücher, die Mecki, den &#8220;Hörzu&#8221;-Igel, auf prächtigen Tableaus verherrlichten und ihn auf seinen Reisen zum Mond, ins Schlaraffenland oder zu den Negerlein zeigten. Die verquaste Federviehgroteske &#8220;Balduin und Gockel&#8221; war vergleichsweise erfolglos und blieb, nicht anders als &#8220;Bi-Ba-Butzemann&#8221; (Serie 9), ein Seitenstück des faunophilen Illustrators.</p>
<p>Das Libretto zu &#8220;Marquis&#8221; wiederum hat sich Roland Topor († 1997) ausgedacht, auch er ein gefeierter Zeichenkünstler, nebenbei noch Stückeschreiber, Romancier (Der Mieter) und Genußmensch, der uns auf Fotos meist pfeife- und zigarrerauchend entgegentrat und ein Spezi jenes Meisterkochs gewesen sein soll, den die Fachwelt den &#8220;Mark Twain der Küche&#8221; bzw. &#8220;Adorno mit dem Schneebesen&#8221; nennt.</p>
<div id="attachment_32345" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/bild-51.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-32345" title="bild-51" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/bild-51.jpg" alt="" width="680" height="474" /></a><p class="wp-caption-text">Theodor Wiesengrund Adorno erläutert den berühmten Verblendungszusammenhang: Filzstiftzeichnung von Wenzel Storch, Winter 1986</p></div>
<p style="text-align: left;">In &#8220;Marquis&#8221; erzählt Topor die Geschichte eines Cocker Spaniels, der, was Geist und Gesittung angeht, einem Aristokraten nachgebildet ist, dem die Dialektik der Aufklärung ihr drittes Kapitel widmet: Donatien Alphonse François de Sade. Der verrufene Freidenker &#8211; dem Grafen eignet, mit Horst Tomayer zu sprechen, &#8220;der präzise Piß, der klare Schiß&#8221; &#8211; hat mal wieder ein Kruzifix entweiht und schmachtet nun, trotz Filmriß, in der Bastille. &#8220;Soll ich mich an alle Kreuze erinnern, auf die ich geschissen habe?&#8221; schüttelt der weggesperrte Jagdhund betrübt den Kopf, doch längst ist ihm &#8211; so rasch wie lautlos &#8211; Trost aus der Hose gewachsen: Colin, der eigentliche Hauptdarsteller der Komödie, meldet sich zur Stelle.</p>
<p>Colin ist morphologisch betrachtet das, was Ballermann-Urlauber ihr &#8220;bestes Stück&#8221; nennen, nur etwas majestätischer und, vielleicht deshalb, gebildeter. Der sprechende Schwanz des Marquis de Sade ist, rein äußerlich, ein Ahnherr des mythischen Organs, das den berühmten Long Dong Silver schmückte und läßt an das altpreußische Infanterieregiment<strong> </strong>No. 6 denken: an die Langen Kerls der Potsdamer Riesengarde bzw. an die Blechbüchsenarmee des Bockwurstfabrikanten Dörffler.</p>
<p>Da es ihm wie ein Ofenrohr aus der Hose ragt, kann sich das &#8220;Glied&#8221; mit dem Schlappohr in Augenhöhe unterhalten. Und worum geht&#8217;s in den Disputen? Nun, worum wohl: In der Regel kreisen die Wortgefechte um das Eine, bis sich die Angelegenheit &#8211; ein Genregesetz beim Puppenfilm &#8211; gefährlich zuspitzt.</p>
<div id="attachment_32340" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-3-Marquis.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-32340" title="BILD 3 Marquis" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-3-Marquis.jpg" alt="" width="680" height="444" /></a><p class="wp-caption-text">Dramatische Aktion im Puppenspiel (Schlüsselszene aus Wenzel Storchs Spielfilm „Der Glanz dieser Tage“, 1989)</p></div>
<p style="text-align: left;">Der Marquis plant, dem Piesacken des Schließers &#8211; die Ratte Ambert lechzt seit Einlieferung des Grafen nach einer Privataudienz und will vor katzbuckelnder Erregung fast vergehen &#8211; stattzugeben. Der Grund: Ein paar Mauern weiter wird ein Ausbruch vorbereitet, was mit Geräusch verbunden ist, das es zu überstöhnen gilt. Sollte die Sache klappen, will man die Fackel der Freiheit durchs ganze Land tragen und die große französische Revolution vom Zaun brechen. Doch Colin möchte um keinen Preis in den Lustkanal des &#8220;Scheißefressers&#8221; einfahren, schon gar nicht aus politischen Gründen. Es hilft aber alles nichts, sein Herrchen bleibt unbarmherzig. Und so erbittet sich der Kleine, quasi zur Einstimmung, eine Gunst: ein Schäferstündchen mit einer Spalte, die er in der Mauer entdeckt und auf die er schon lange heimlich ein Auge geworfen hat.</p>
<p>Vorhang auf für den Koitus mit der Kerkerwand. Aber ach! Es kommt, wie&#8217;s kommen muß. Während der Marquis widerstrebend mit dem feuchten Gemäuer kopuliert &#8211; übrigens, ganz Edelmann, fast solange, bis die Wand &#8220;entlädt&#8221;, wie ein gern benutzter Terminus in alten Sade-Übersetzungen lautet: jedenfalls schlägt sie am Ende groß die Augen auf, und die Steine, im Chor, hecheln dazu -, stößt sich Colin böse den Kopf.</p>
<p>Kaum kuriert, gerät der &#8220;Schelm&#8221;, wie de Sade seinen Compagnon verständnisvoll nennt, erneut in Gefahr. Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her: in diesem Falle in Gestalt der patenten Kuh Justine. Der scheintote Schwanz wird zur Ader gelassen und &#8211; ein alter Krankenschwesterntrick &#8211; mittels Fellatio verarztet.</p>
<p>Diesem drolligen Intermezzo folgt das Tête-à-tête mit dem Schließer. Die Ratte springt dem kultivierten Cocker Spaniel mit zappelndem Gesäß ins Gesicht, doch Colin (&#8220;Ich will wieder in meine Hose!&#8221;) weigert sich, ins Kabinett des Kerkermeisters einzukehren. Der Graf, gewußt wie, greift nach einer Languste, und eine nicht nur farblich schöne Szene nimmt ihren Lauf.</p>
<p>Der Schließer mit dem Krustentier im Steiß: Dieser Einfall – so schwulen- und rattenfeindlich er ist – dürfte den Grimme-Preisträger Jo Baier (&#8220;Stauffenberg&#8221;, &#8220;Hölleisengretl&#8221;) zu einer Schlüsselszene in seinem Sedlmayr-Schwank &#8220;Wambo&#8221; inspiriert haben, den man seines Titels wegen leicht mit John Fords &#8220;Mogambo&#8221; oder mit Disneys &#8220;Dumbo&#8221; verwechseln kann. (Komischerweise heißt Walter Sedlmayr in der TV-Produktion Herbert Stieglmeier: etymologisch wohl eine Kreuzung aus Herbert Grönemeyer und Herbert Schmalstieg.)</p>
<p>Jedenfalls greift er den Gedanken dort auf eine derart blumige Weise auf, daß &#8220;Der Spiegel&#8221; sich im Mai 2001 genötigt sah, ihn ausdrücklich dafür zu belobigen: &#8220;Selbst Erotikrituale wie das, als der unter seiner Küchenschürze splitternackte Stieglmeier seinen Gespiel (Alexander Lutz) bittet, ihm in eine Körperöffnung eine dornige Rose zu stecken, inszeniert Baier dezent. &#8216;Wambo&#8217; wagt, eine zerrissene Persönlichkeit zerrissen zu zeigen&#8221;, freute sich das Nachrichtenmagazin. Wobei &#8220;eine Körperöffnung&#8221; den Eingang zu jener Örtlichkeit meint, die sich, nach Maßgabe des Schöpfers, zwischen zwei Arschbacken verbirgt. Eine Örtlichkeit, aus der es freilich nur bei Volksschauspielern, hämorrhoidenrot und grimmepreiswürdig, hervorleuchtet.</p>
<p>Resp. -duftet. Doch zurück in die Bastille. Auch wenn er nicht auf Rosen gebettet ist, der galante Cocker Spaniel versteht es, sich auf seiner Pritsche Genuß zu verschaffen. Zu diesem Zwecke breitet er sich gerne einen Klappaltar über die Lenden, der &#8211; nicht vergessen: wir befinden uns in einem Puppenfilm – die Gestalt einer Kasperlbühne hat. Womit wir bei Peter Hacks wären.</p>
<p>Hacks (&#8220;Die Welt ist so lieblich, so pieplich / Zur Weihnachtszeit, / Tirili.&#8221;) zählte das Puppenspiel zu den kindischsten und überflüssigsten Erzeugungen, unmittelbar nach dem Töpfern. So steht&#8217;s in seinen ökonomischen Schriften (<em>Schöne Wirtschaft</em>, vorletzte Seite). In seinen <em>Bestimmungen</em> (<em>Was ist ein Drama, was ist ein Kind?</em>)<em> </em>spricht der Dichter, der freiwillig im Lande Pittis, Schnattis und Brummels wohnte und auf Lichtbildern gelegentlich selbst &#8220;kasperlartige Züge&#8221; aufwies (G. Fülberth, kurz vor Weihnachten 08, im &#8220;Freitag&#8221;), äußerst streng vom Kasperltheater: &#8220;Es ist zu allem fähig, nur zu einem nicht: zur großen Form.&#8221;</p>
<div id="attachment_32341" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-4-Marquis.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-32341" title="BILD 4 Marquis" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-4-Marquis.jpg" alt="" width="680" height="374" /></a><p class="wp-caption-text">Don Popelino und Donna Popeletta, zwei Popelschmuggler auf dem Weg zum Heiligen Stuhl</p></div>
<p style="text-align: left;">Wer den Puppenfilm &#8220;Marquis&#8221; gesehen hat (und damit auch das Spiel im Spiel: das Ein-Mann-Stück aus dem Hosenlatz, von dem später noch kurz die Rede sein soll), wird finden: Das kann nicht stimmen. Und wer den römisch-katholischen Monumentalfilm &#8220;Der Glanz dieser Tage&#8221; kennt, in dem mittels Handpuppenspiel die Schleier von der größten Popelsammlung der Welt gezogen werden (ein feuchtglänzendes und angenehm klebriges Gebirge, irgendwo in den Katakomben von Sankt Peter, bewacht von einem Königstiger und umdümpelt von speziellen Popeldampfern), kann über Hacks&#8217; &#8220;Bestimmung&#8221; nur den Kopf schütteln.</p>
<div id="attachment_32342" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-5-Marquis.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-32342" title="BILD 5 Marquis" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-5-Marquis.jpg" alt="" width="680" height="444" /></a><p class="wp-caption-text">„Deshalb müßt ihr euch immer gründlich dort oben waschen“: Der Papst tröstet  Augenphimose-Patienten (aus: „Der Glanz dieser Tage“)</p></div>
<p>Außerdem: Kann es wirklich sein, daß ausgerechnet der Erfinder von Hü und Schnauf, von Edelpöck und Feuerschnief – um nur vier Märchenfiguren aus dem Hacks-Kosmos zu nennen &#8211; sie alle nicht gekannt haben will? Seele-Fant und Scheppertonne, Totokatapi und Tutulla, Uschaurischuum und Don Miko de la Maukando? Doch weg von Hacks und zurück zu Sade und seinem Klappaltar. In der selbstgezimmerten Kasperbude führt der Cocker Spaniel eigene Lustspiele auf; bekanntlich hat der wahre Marquis hinter Gitter zahllose Ungeheuerlichkeiten, darunter 17 Theaterstücke, zu Papier gebracht. Als Held steht, wenn auch widerstrebend, Colin zu Diensten. Die sonderbare Gliedpuppe, die nicht eben einfach zu führen ist, trägt auf der Bühne Kunsthaar, dazu passend ein hochgeschlossenes Cape. Nichts von moderner Nacktschauspielerei &#8211; im Gegenteil: Wenn man ein Auge zukneift, erinnert Colin an Lemmi, den Bücherwurm. (Lemmi war eine braune, bebrillte Socke, die 1973 im ARD-Kinderfernsehen auftauchte und wie Ratz und Rübe zur Familie der Klappmaulpuppen gehörte.)</p>
<p>Der Hundeschwanz wirkt freilich feinsinniger als der Strickstrumpf, was daran liegt, daß seine Mimik &#8211; wie ja überhaupt seine ganze Existenz: aber damit wären wir bereits beim Happy End &#8211; ferngesteuert ist. Das mit der Mimik gilt für alle Figuren in &#8220;Marquis&#8221;: für das Kamel Dom Pompero wie für Lupino, den Wolf, oder Pigonou, das Schwein mit dem Holzbein. Obwohl sich unter den Masken leibhaftige Menschen verbergen, können alle mit den Augen klimpern und auf Kommando Maul und Schnabel aufreißen.</p>
<p>Das hat natürlich einen Grund, und als ich vor wenigen Wochen – vier Jahre nach Fertigstellung meines (Semi-)Tierfilms &#8220;Die Reise ins Glück&#8221; &#8211; das Puppenspiel &#8220;Marquis&#8221; zum erstenmal sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Schmerzlich wurde mir bewußt, was ich bei &#8220;Die Reise ins Glück&#8221; vergessen hatte. Ich hatte einfach nicht daran gedacht, die Tierköpfe mit Mikroelektronik aus Japan auszustatten. Die Zuschauer in den Programmkinos mußten es ausbaden: Im Winter 2005 stromerten &#8211; neben ein paar echten Bären und Fröschen &#8211; allerhand Menschen mit Hirsch-, Kuh- oder Schweineköpfen auf den Leinwänden herum, verzogen dabei aber keine Miene.</p>
<div id="attachment_32343" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-6-Marquis.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-32343" title="BILD 6 Marquis" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2011/01/BILD-6-Marquis.jpg" alt="" width="680" height="444" /></a><p class="wp-caption-text">Reagan, Adenauer und Breschnew (v.l.n.r.): Drei Tierdarsteller aus „Die Reise ins Glück“</p></div>
<p style="text-align: left;">Und wirkten folglich nur halb so kregel wie der Schwanz des Grafen. Sooft der seinem Herrn aus der Hose fährt (und das geschieht oft in den 79 Minuten), immer tritt Colin  ausgesprochen elegant auf, und keineswegs wie ein Springteufel. Welches Getriebe genau im Spiel ist, läßt das Making Off offen. Man könnte auf eine Art doppeltwirkenden Hydraulikzylinder tippen, denn Colin läßt sich &#8211; deutlich schneller als der Balg einer Quetschkommode – in Sekundenschnelle zusammenschieben.</p>
<p>Darüber hinaus ist Colin vorzüglich synchronisiert; und es muß auch niemand befürchten, daß das &#8220;Organ&#8221; – bei Filmen mit sprechenden Geschlechtswerkzeugen nicht unüblich – plötzlich anfängt zu singen. In &#8220;Chatterbox&#8221; (1977) stürmt eine schnatternde Möse, neben der selbst die deutsche &#8220;Lady Schnatterly&#8221; alt aussehen würde, die amerikanischen Charts; und in der Eichinger-Produktion &#8220;Ich und Er&#8221; (1988) dringt die Stimme von Heiner Lauterbach aus einem Hosenstall. Daß sich die Regisseurin Doris Dörrie bei der Herstellung dieses 6 Millionen Dollar teuren Films, der dank seiner Kalauer (&#8220;Judas Penischariot&#8221;) mit der Goldenen Leinwand ausgezeichnet wurde, nicht in Grund und Boden geschämt hat, ist eigentlich unbegreiflich.</p>
<p>Wie gesittet und gediegen geht es dagegen in &#8220;Marquis&#8221; zu: Wenn der Graf mit seinem Schwanz parliert, fühlt man sich in Plauderkabinette wie &#8220;Das Philosophische Quartett&#8221; oder das &#8220;ZDF-Nachtstudio&#8221; versetzt &#8211; und mit Fliege oder Krawatte dürfte Colin, ohnehin &#8220;nett und sauber in seiner ganzen Erscheinung&#8221; (wie Karl May einmal in <em>Winnetou III</em> seinen &#8220;rothen Gentleman&#8221; charakterisiert), sogar zwischen Sloterdijk und Safranski bzw. vis-à-vis von Volker Panzer, eine gute Figur machen.</p>
<p>Wobei die Dispute in der Zwingburg natürlich vergnüglicher sind. Als sich Colin kurz vor Schluß, die Bastille ist bereits gestürmt, verknallt, entläßt ihn der Marquis, der Debatten (&#8220;Ich will ficken, du drückst dich! Ich will mich verdrücken, du willst ficken!&#8221;) müde, in die Freiheit. Das läßt sich der &#8220;Kleine&#8221;, der es bei seinem Marquis immer gut hatte, nicht zweimal sagen. Und voller Optimismus macht sich der Schwanz &#8211; der, wie wir wissen, selbst &#8220;kein übler Schelm&#8221; ist &#8211; auf die Wanderschaft.</p>
<p>Vor ihm liegt ein Leben als &#8220;freier Wüstling&#8221;, denn Colin hält es, wie sein einstiger Herr, mit Frau Baronin von Snatterlöw (Fontane-Lesern als &#8220;eine hochbusige Dame von neunundvierzig&#8221; bekannt): &#8220;Ein freier Sinn ist das allein Dienliche wie das allein Ziemliche&#8221;, deklamiert die adlernasige Amazone in <em>Cécile</em>, &#8220;Servilismus und niedrige Gesinnung sind in meinen Augen unwürdig und hassenswert.&#8221;</p>
<p>Mit Colin ziehen die besten Wünsche der Zuschauer. Möge er nicht unter die Fallbeile der Wohlfahrtsauschüsse geraten, immerhin ist er von edlem Geblüt: Auf daß ihm das Schicksal jenes lindwurmartigen &#8220;Enterhakens&#8221; erspart bleibe, der dem Piraten mit dem Schnauzbart in S. Clay Wilsons &#8220;Head First&#8221; aus dem Hosenlatz schaut. Kaum hat der stolze Seeräuber das prächtige Organ auf den Kombüsentisch geknallt, schon verschwindet der angeblich schmackhafteste Teil im Magen seines Kameraden.</p>
<p>Dem Marquis war vergönnt, mit seinem Werk die Jahrhunderte zu überdauern und &#8211; höchstes der Gefühle: zumal für ein Hundeleben &#8211; einer sexuellen Disziplin seinen Namen zu schenken. Was aus Colin geworden ist, wissen wir nicht. Dabei verdanken sich die quälgeisterhaften und blutigen Ausschweifungen in Romanen wie <em>Die 120 Tage von Sodom</em>, die de Sade in aller Welt bekannt gemacht haben, möglicherweise der Cockerwut. Einer Erbkrankheit, unter der nicht nur Cocker Spaniel, sondern auch Berner Sennenhunde und Golden Retriever leiden.</p>
<p><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p><em>Text veröffentlicht in konkret 3/2009</em></p>
<p><strong>&#8220;Marquis&#8221;</strong> von Henri Xhonneux und Roland Topor (Belgien 1989) ist bei Bildstörung (<a href="http://www.bildstoerung.tv">www.bildstoerung.tv</a>) als DVD erschienen (79 Minuten plus 50 Min. Bonusmaterial).</p>
<p>Wenzel Storchs Film <strong>&#8220;Die Reise ins Glück&#8221;</strong> ist bei Cinema Surreal als  Doppel-DVD mit Booklet, Poster und 4 Stunden Bonusmaterial erschienen. Bezug nur über <a href="http://www.cinemasurreal.com">www.cinemasurreal.com</a></p>
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		<title>5. Teil einer Pilgerreise in die wunderbare Welt des Prälaten Berthold Lutz: Ziborium und Sutanelle</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Dec 2010 11:00:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Was bisher geschah: Der Würzburger Kaplan Berthold Lutz schuf Aufklärungs- und Benimmbücher mit Titeln wie Peter legt die Latte höher. Außerdem stampfte er, nahezu im Alleingang, die beste Knabenzeitschrift der fünfziger Jahre aus dem Boden: „Unser Guckloch“. Bloß schade, dass fast alle Nummern dieses Magazins heute verschollen sind.
Ein lieber Freund versuchte mir weiszumachen, die „Guckloch“-Bestände [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was bisher geschah: Der Würzburger Kaplan Berthold Lutz schuf Aufklärungs- und Benimmbücher mit Titeln wie <em>Peter legt die Latte höher</em>. Außerdem stampfte er, nahezu im Alleingang, die beste Knabenzeitschrift der fünfziger Jahre aus dem Boden: „Unser Guckloch“. Bloß schade, dass fast alle Nummern dieses Magazins heute verschollen sind.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Ein lieber Freund versuchte mir weiszumachen, die „Guckloch“-Bestände seien längst geschreddert. Schließlich handele es sich um brisantes Material, vergleichbar den Stasi-Unterlagen. Er rief mir die Vorfälle rund um das Priesterseminar St. Pölten in Erinnerung;  und außerdem, jetzt, wo der Tittmoninger Papst sei, dessen Bruder in der Regensburger  Domspatzenszene &#8230; Den Rest könne ich mir denken.<span id="more-19519"></span></p>
<p style="text-align: left;">Das war im Herbst 2008. Heute, zwei Jahre später, verblüffen uns beinahe täglich die sonderbarsten Meldungen aus Klöstern und Eliteinternaten<em> </em>– und, seltsam, fast immer sind Örtlichkeiten mit sprechenden Namen wie Oggelsbeuren, Großkrotzenburg oder St. Blasien im Spiel. Die Kommentare der zuständigen Seelenhirten sind nicht minder originell, etwa die  des ehemaligen Militärbischofs, der die Parole ausgab: Nicht der prügelnde oder piesackende Priester sei pervers, sondern die Situation, in der er lebe. Doch dies nur am Rande, und damit zurück ins Jahr 2008.</p>
<p>Ich hatte die Hoffnung fast aufgegeben, da gelang es dem Sakropopforscher Frank Apunkt Schneider, eine Kiste mit „Gucklöchern“ aus den Beständen des Bamberger Priesterseminars zu bergen –<em> </em>offenbar eine regelrechte Schatzkammer. Wer wie ich die besten Jahre seines Lebens kniend verbracht hat und sich im Hause des Herrn bis heute die Gelenke erfrischt, kann nachfühlen, was in mir vorging, als der Postbote die Treppe hochstieg und mir die Kiste aushändigte.</p>
<p style="text-align: left;">Den Karton aufreißen und in den heißersehnten Heften wühlen war eins. Was beim Stöbern zunächst ins Auge fällt, sind die vielen Pin-ups. Meßbuben von vorn, Meßbuben von hinten. Zu zweit, zu dritt, zu viert. Auf der Altarinsel mit Wein- und Wasserkännchen, beim Rumalbern im Kreuzgang, unter ziehenden Wolken beim Prozessieren. Kurz, in allen nur denkbaren Posen. Dazwischen anonyme Jungs in Bade- und Turnhose, beim Bockspringen, Grashüpferstreicheln, Fahrradaufpumpen.</p>
<p style="text-align: left;">Und neben den Tafeln allerlei Kleinformatiges, wie geschaffen für Autospiegelanhänger und Portemonnaie. Damals trugen Seelsorger, die auf sich hielten, noch das Bildnis ihres Lieblingsministranten in der Geldbörse (oder versteckt im Herrenmedaillon).</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Wenn der Stubenvogel Schnupfen hat</strong></p>
<p>Kenner der katholischen Kinder- und Jugendpublizistik dürften spätestens hier mit den Augen plinkern. Gilt „Unser Guckloch“ doch als schamlose Kopie der Bubenzeitschrift „Am Scheidewege“ – ein verdientes Monatsblatt, das, im Ersten Weltkrieg gegründet, in den Sechzigern trotz des hohen Pin-up-Anteils sein Erscheinen einstellen mußte, wahrscheinlich auf Grund der harten „Guckloch“-Konkurrenz.</p>
<p>„Hallo, komm her, unser neues Heft ist da!“ Mit diesem Ausruf beginnt eine Debatte auf der Rückseite des „Scheidewegs“ vom November 1937, die sich zwischen fünf Streunern wie folgt entwickelt: „Junge, ist das wieder in Ordnung! Sieh dir nur das erste Blatt an! – Halt, laß mich das Bild genauer sehen: St. Martin! Das Foto hat mir noch in meiner Bude gefehlt! – Was stehen diesmal für Geschichten drin? Die muß ich zu Hause lesen. Die vorigen waren ganz groß.“ Darunter prangt die Losung: „Sie alle lesen froh den Scheideweg“.</p>
<p style="text-align: left;">Momentchen. Wie kann man froh eine Zeitschrift lesen, die „Am Scheidewege“ heißt? Klingt das nicht nach saurem Apfel? Nach Mädchenkram und Frauenarzt? „Unserm Guckloch“ hingegen, der Schrift aus dem Arena-Verlag, sieht man, wie der Chefredakteur richtig schreibt, schon am Titel an, „dass sie lustig ist“. Denn zwischen den Pin-ups tobt das Lumen Christi: Sachen zum Lachen über das Geheimnis des Glaubens und das Wort, das Fleisch geworden ist!</p>
<p style="text-align: left;">In Gestalt von Rätseln und Liedern, als „fröhliche Lagergeschichte“, in der sich traute Stunden im Zelt mit komischer „Gabelspießaktion am Bach“ abwechseln, aber auch als „superharter Guckloch-Krimi“, als Gespenster- und Science-Fiction-Geschichte („Wenn Du Dir einmal das Bild ausmalen würdest, dass es keine Priester mehr auf der Welt geben würde, es würde Dich schaudern!“). Mit einem Wort, jede Menge Spaß und Abenteuer, angesiedelt zwischen Sakristei und Opfertisch.</p>
<p style="text-align: left;">Hier „wogen die Glocken, dröhnen die Klöppel“ (Th. Mann) – und das schönste, die Geschichten sind, bei aller Spannung, immer bildend. Geschichten wie die, in der sich „Toni und Franzl, zwei echte Ministrantenspitzbuben“, mit Lehrer Rumpel und Direx Kreidekloß über den größten Zungenbrecher aller Zeiten in die Wolle kriegen. Ist es das Confiteor, wie Toni und Franzl meinen? Oder das Suscipiat, wie Lehrer Rumpel und der Direx behaupten? Wem bei Suscipiat und Confiteor der Kopf qualmt, keine Bange. Einfach ein paar Seiten weiterblättern und im „Ministranten-ABC“ nachschlagen. Dort werden Monat für Monat die schönsten Fachbegriffe erklärt. Das Purificatorium <sup>1</sup> etwa, oder das zur Inzensation <sup>2 </sup>unerläßliche Thuribulum <sup>3</sup>, das Sekret <sup>4</sup>, die Sutanelle <sup>5</sup>, das Ziborium <sup>6</sup>.</p>
<p style="text-align: left;">Nicht nur die Wissenschaft vom lebendigen Gott, auch das Neueste aus Forschung und Technik („In Gangula-na-Bodio, am Ufer des Dunga-Flusses, steht die erste Hochschule für Elefanten &#8230;“) füllt die wertvollen Seiten. „Habt ihr stets einen V.W. zu Verfügung?“ neckt Lutz seine kleinen Leser, die natürlich wissen, daß V.W. „Vorsatz der Woche“ heißt. Schon das bloße Durchblättern bereitet Freude. „P.P. Arnold – Negerin im warmen Pelz“, „Wenn der Stubenvogel Schnupfen hat“ oder „Hammer und Sichel – Die Geschichte eines Emblems“ lauten typische Schlagzeilen, allerdings aus der – deutlich schwächeren – Spätphase des Magazins. Da war Lutz längst ausgeschieden, wenn auch vereinzelte Beiträge – „Affen vertragen keine Rockmusik“ zum Beispiel, oder „Haben Tiere ein Verhältnis zur Wagenfarbe?“ – immer noch seinen Geist atmen.</p>
<p style="text-align: left;">„Gucklochleser wissen, dass jedes Heft auf lange Sicht hin geplant wird und jeder einzelne Beitrag oft unter zwanzig und dreißig anderen ausgesucht ist und dass dann immer noch daran herumgefeilt wird, bis er auch den letzten Anforderungen genügt“, teilt Lutz 1954 wortgewaltig in einem Rechenschaftsbericht mit. Zu diesem Zeitpunkt lässt er sich längst dicke episkopalische Extrawürste schmecken. Julius Döpfner, der gelegentlich selbst im „Guckloch“ publiziert, hat den zehn Jahre Jüngeren, den er am 2. Advent 1949 im Würzburger Kiliansdom zum Priester schlagen durfte, „für literarische Aufgaben“ freigestellt: Dem überlasteten Kaplan drohten die „rund dreitausend Stunden Arbeit, die monatlich nur für das Guckloch geleistet werden“, über den Kopf zu wachsen.</p>
<p style="text-align: left;">Arbeitsstunden, die vor allem im Schleifchenbinden und Briefmarkenanlecken bestanden haben dürften, denn die Buben werden von der Schriftleitung notorisch beschenkt. Schon in Heft sieben vom Juli 1948 wartet Lutz mit dem ersten Preisausschreiben auf, und als Hauptgewinn winkt, zwei Wochen nach der Währungsreform, ein Säckchen mit 40 Reichsmark. (Noch 25 Jahre später kann man wertvolle Preise abstauben: elektrische Rasierapparate, Markenfüllfederhalter oder – die hätte ich auch gern! – zehn Spiele „Aktenzeichen XY &#8230; ungelöst“). Kein Wunder, dass die Antworten waschkorbweise eintreffen, auch dann, wenn die Fragen knifflig sind.</p>
<p>„Bist Du dafür, dass ein Junge, der sich in der Kirche ungezogen benommen hat, vom Kirchenvogt während der heiligen Messe geschlagen wird?“ Oje, schwer zu sagen. Auch Fragen wie jene, was Gott wohl lieber mag: wenn man ihn mit gefalteten oder verschlungenen Händen anruft, sind nicht leicht zu beantworten. So schreibt Rudolf aus Ulm in einem „feinen Brieflein“, das könne man halten wie ein Dachdecker. „Das erste bedeutet doch schließlich das Anstreben der Seele gen Himmel, während das zweite unser enges Verbundensein mit Gott bezeichnet“, begründet er seine interessante Auffassung, kann damit aber keinen Blumentopf gewinnen.</p>
<p style="text-align: left;">Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass Rudolfs Antwort – wie jede zweite, die zum Abdruck gelangt – im typischen Lutz-Sound verfasst ist, nicht anders als die meisten Leserbriefe. Exakt 9.856 sollen es 1951 gewesen sein. „Man hat hier nicht mehr den Eindruck einer Zeitschrift mit Massenauflage“, schreibt inkognito ein „ausländischer Journalist“, sondern „eines köstlichen Filmes, der eigens für einen Freund gedreht worden ist“. Und ein Pfarrvikar Berger, der alle vier Wochen die frischen „Gucklöcher“ an seine Jungschar ausgibt, ächzt: „Die Buben haben mir fast die Haut heruntergetan. Selbst die Eltern können es nicht erwarten.“ „Schau, schau“, heißt es im Mai 1968, als eine parfümierte Karte im Briefschlitz steckt, „sogar ein Mädchen liest das Guckloch“. Ein Mädchen, das, wie Interessierte der  Rubrik „Die letzte Spalte“ entnehmen, Maria Blumenstingl heißt.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Wenn der Sauerteig erwacht</strong></p>
<p>Das Treibhaus, in dem das schwüle Blatt, das nicht nur Bubenherzen höher schlagen lässt, aus einem dünnen „Jungschar-Rundbrief“ erblüht und bald prächtig gedeiht – rechtzeitig zur Währungsreform stellt man von acht auf zwölf, wenig später auf 32 Seiten um –, steht im Obstgarten der Familie Popp. Als Redaktionsstube dient ein alter Gartenschuppen.</p>
<p>Der Sohn des Hauses wird vom Würzburger Vormundschaftsgericht vorzeitig für volljährig erklärt. Nur so kann der Buch- und Zeitschriftenvertrieb Georg Popp das kleine Schiffchen, zu dessen Kapitän der Popp-Freund Lutz ernannt wird, heil über die Klippen der Währungsreform bugsieren. Keine zwölf Monate später prüft Popp junior bereits – unterm Pult, während der Vorlesungen an der Universität – die Fahnen für <em>Die Leuchtende Straße</em>.</p>
<p style="text-align: left;">Lutzens Leitfaden „für Jungen vom Geheimnis des Lebens“ wird das erste Buch des neu gegründeten Arena-Verlages – und dessen erster Bestseller, dem mit den beliebten  <em>Frechdachs</em>-Büchern rasch weitere folgen. 1972 kann Georg Popp sogar den Deutschen Jugendbuchpreis in Empfang nehmen: für <em>Krabat</em>, ein philosophisches Pamphlet des <em>Räuber Hotzenplotz</em>-Dichters Otfried Preußler, der sich noch 15 Jahre vorher (in <em>Die kleine Hexe</em>) zwar nicht für die Hexen-, aber für die Bücherverbrennung starkgemacht hatte.</p>
<p><sup>1</sup> Kelchtuch</p>
<p><sup>2</sup> Beräucherung</p>
<p><sup>3</sup> Rauchfass</p>
<p><sup>4</sup> Stillgebet</p>
<p><sup>5</sup> halblanger Priesterrock, auch Priesterzivil</p>
<p><sup>6</sup> Kelch</p>
<p><em>Autor: Wenzel Storch</em></p>
<p>Erschienen in „konkret“ 11/2010</p>
<p><span style="color: #808080;">Fortsetzung folgt: Verpassen Sie nicht das große Finale: Ende des „Gucklochs“, Bilanz und Ausblick</span></p>
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		<title>Weihnachten mit dem Bundespräsidenten: „Alle Jahre wieder“</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Dec 2010 19:23:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wenzel Storch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[ ZDF, 24. Dezember 2010, 17 Uhr
Als Höhepunkt des Fernsehjahres gilt in Deutschland die Weihnachtsfeier des Bundespräsidenten, seit 15 Jahren ausgerichtet vom Zweiten Deutschen Fernsehen. Nach dem schimpflichen Ende Horst Köhlers schien zunächst unklar, wie es mit der schönen Sendung weitergehen würde, doch ein Blick in die Fernsehzeitschriften beweist: Auch der neue Präsident wird am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><span style="font-size: small;"><span style="font-weight: normal;"><span style="font-style: normal;"><span style="color: #800000;"><img class="size-full wp-image-19577 alignleft" title="wenzel.ZDF" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/12/wenzel.ZDF_.jpg" alt="" width="115" height="134" /> ZDF, 24. Dezember 2010, 17 Uhr</span></span></span></span></h5>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: small;">Als Höhepunkt des Fernsehjahres gilt in Deutschland die Weihnachtsfeier des Bundespräsidenten, seit 15 Jahren ausgerichtet vom Zweiten Deutschen Fernsehen. Nach dem schimpflichen Ende Horst Köhlers schien zunächst unklar, wie es mit der schönen Sendung weitergehen würde, doch ein Blick in die Fernsehzeitschriften beweist: Auch der neue Präsident wird am Heiligen Abend, pünktlich 17 Uhr, im ZDF Bescherung feiern.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: small;">Ort der Handlung ist dieses Mal die Berliner Nicolaikirche. Damit alles seine Richtigkeit hat, wird ein Mann den Regiestab führen, der schon das Vertrauen Horst Köhlers besaß: Kai von Kotze, Kennern als Regisseur von „Aktenzeichen XY &#8230; ungelöst“ ein Begriff.</span><span id="more-19563"></span></p>
<p><span style="font-size: small;">2002 schenkte uns v. Kotze „eine Brandenburgische Weihnacht mit dem Bundespräsidenten“, meines Wissens sein Einstand und eine Sternstunde des Fernsehens, der er – im noblen Jahresrhythmus – sieben weitere folgen ließ, die nicht nur Anhängern der Parlamentarischen Demokratie viel Spaß und Freude bereiteten: 2003 „eine  Nordrhein-Westfälische“, dann  „eine Saarländische“, „eine Sachsen-Anhaltinische“, „eine Rheinland-Pfälzische“, „eine Hamburgische“, „eine Niedersächsische“ und schließlich „eine Bremische Weihnacht mit dem Bundespräsidenten“.</span></p>
<p><span style="font-size: small;">Die von Spöttern bereits prophezeite Trennung von Kotze, Kirche und Staat steht bis auf weiteres nicht ins Haus, wenn auch unklar ist, ob Christian Wulff das Weihnachtsevangelium nach Lukas – wie sein Vorgänger das tat – persönlich vortragen wird. Zweifel sind erlaubt, denn Jan Josef Liefers hat sich angekündigt, um eine Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Dabei könnte es sich um eins der drei Weihnachtsevangelien handeln, wahrscheinlich steckt aber nur der übliche Ramsch von Lagerlöf, Lindgren und Co. dahinter. Es könnte trotzdem schön werden, denn vielleicht hat Liefers seine Frau Anna Loos dabei. Die hatte bei der letzten  Bambi-Verleihung einen hübschen Auftritt, und wer weiß, vielleicht trägt sie ja auch in der Nikolaikirche eine Kleinigkeit vor?</span></p>
<p>
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</p>
<h2><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;"><em>„Hallolollöchenhallo“: Anna Loos als Laudatorin</em></span></span></h2>
<p><span style="font-size: small;"><span style="color: #808080;"><em><br />
 </em></span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: small;">Liefers &amp; Loos, kürzlich zum <a href="http://www.gala.de/stars/news/103571/Anna-Loos-und-Jan-Josef-Liefers-Sie-sind-das-Couple-of-the-Year.html" target="_blank">„Couple of the Year“</a> gekürt, gelten in der Branche als untrennbar, hauptsächlich, weil sich ihre Liaison einer gemeinsamen Leidenschaft verdankt: der unverbrüchlichen Liebe zum Ostrock.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: small;">Unter Ostrock verstehen Fachleute die niedrigste Lebensform elektrisch verstärkter Musik. Doch auch diese Musik hat ihre Meriten: 1986 erschien „Intim“, vorgetragen von dem bekannten Puhdys-Führer und Womanizer Dieter Birr, den seine weiblichen Fans „Maschine“ nennen. „Intim“ von Dieter „Maschine“ Birr wäre heute vergessen, hätte der einzige Solohit des charismatischen Sängers es nicht zu einer kleinen Renaissance gebracht: Völlig unerwartet feierte er in Pfarrstuben und Klosterkellern fröhliche Urständ.</span></p>
<p>
<object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="640" height="385" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/O5YlCzV-F4M?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;rel=0&amp;color1=0x3a3a3a&amp;color2=0x999999" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="640" height="385" src="http://www.youtube-nocookie.com/v/O5YlCzV-F4M?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;rel=0&amp;color1=0x3a3a3a&amp;color2=0x999999" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object>
</p>
<p><!--StartFragment--></p>
<h2><span style="font-size: x-small;"><em><span style="font-size: small;"><span style="color: #888888;">Heimlicher Hit in Pfarrstuben und Klosterkellern: „Intim“ von Dieter „Maschine“ Birr</span></span></em></span></h2>
<p><span style="font-size: x-small;"><em><span style="font-size: small;"><span style="color: #888888;"><br />
 </span></span></em></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: small;">„Intim“ wurde zum heimlichen Hit in westdeutschen Priesterseminaren, und wäre nicht die sogenannte Mißbrauchsdebatte dazwischengekommen, magische Zeilen wie „Wir sind intim yeah!“ dürften noch heute bunte Abende in Pfarrheimen und Eliteinternaten beschallen.</span></p>
<p><em>Wenzel Storch für getidan.de, dezember 2010</em></p>
<p><em><span style="color: #800000;"><strong>Alle Jahre wieder </strong></span></em><em><span style="color: #800000;"><strong>– </strong></span></em><em><span style="color: #800000;"><strong>Eine Berliner Weihnacht mit dem Bundespräsidenten Christian Wulff</strong></span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Moderation: Carmen Nebel</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Gast: J. J. Liefers</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">Buch und Regie: Kai von Kotze</span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;"> </span></em></p>
<p><em><span style="color: #800000;">ZDF, 24. Dezember 2010, 17 Uhr</span></em></p>
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