Christopher Columbus – Der Entdecker
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
Wie soll ein Film über eine Gestalt aussehen, mit der Elend, Völkermord und Unterdrückung für einen Kontinent begann? Dieser Columbus, der koloniale Ur-Held, gefeiert noch in Schulbüchern und Kinderliedern, war, nach allem, was wir wissen, kein unschuldiger Wegbereiter für den Terror um Gold und Seelen, sondern sein erster Vertreter. Filme, die nun, mehr oder minder pünktlich zum fragwürdigen Jubiläum entstehen, müssen als erste Strategie sich aus der Klemme ziehen: Einen naiven Helden können sie uns nicht zurückgeben, aber auch die sanfte Entmythologisierung, wie sie meinethalben Richard Lester seinem Robin Hood angedeihen ließ, lässt sich gegen die historischen Fakten nicht durchsetzen. Zum Rest des Beitrags »
ShareBasic Instinct
von Henryk Goldberg in Film, Kritik 1992
Heiß
Es gibt in diesem Film eine wirkliche Provokation, eine wirklich laszive Szene – und die überlebt seit 1992 als Legende
Sharon Stone in einem kahlen Keller, vor ihr die Polizisten. Nachdem sie die beiden erst intellektuell vorgeführt hat, führt sie sich vor und gibt ihnen den Rest. Die Blonde schlägt langsam die Beine übereinander, ganz langsam, ganz souverän. Die Herren erstarren, denn die Dame trägt keinen Slip. Das ist eine wirklich erotische Szene, eine Provokation auch für den Zuschauer.
Nicht weil ein Unterleib zum Vorschein kommt: Weil er zum Vorschein kommt in einer Situation, die dafür nicht vorgesehen ist. Da kommt das Knistern, wie im richtigen Leben, aus der Situation, nicht aus dem bloßen Anblick von Haut & Haar. Diese Szene bleibt, weil sie eine atemverschlagende Situation erzählt. Der Rest des Filmes von Paul Verhoeven ist immer noch gut gemachte Unterhaltung mit Erotik-Faktor.
Die schöne und kluge Schriftstellerin ist vielleicht eine kalte Mörderin, aber ganz gewiss die Frau, die den Polizisten (Michael Douglas als Rückenakt) heiß macht. Der lässt es darauf ankommen, Liebe ist heißer als der Tod. Und die eine Szene heißer als der Film.
Text: Henryk Goldberg
ShareToys
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
Noch ein Weihnachtsmärchen. Und schon wieder geht es um einen Angriff des militärisch-wirtschaftlichen Komplexes auf die Welt des Spielzeugs, das im amerikanischen Kino so langsam den Rang von Reliquien einer imaginären Religion der ewigen Unschuld eingenommen hat. Aber diesmal kommt es zu einer bizarren Begegnung von Nonsense, Kitsch und Kunst. Zum Rest des Beitrags »
ShareTom und Jerry – Der Film
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
Tom, der Kater, und Jerry, die Maus, gehören zu den heftigen, materiellen Gestalten des amerikanischen Zeichentrickfilms. Als ihre Schöpfer werden gemeinhin Joseph Hanna und William Barbera bezeichnet, was nicht ganz richtig und nicht ganz falsch ist. 1934 begannen Hugh Harman und Rudolf Ising mit ihrer Trickfilmarbeit für MGM, die seit 1929 eine eigene Animationsabteilung unter der Leitung von Fred Quimby unterhielt. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Papagei
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
Was hätte das für ein Film werden können, nein: Was hätte es für einer werden müssen! Ein Film zur Zeit und gegen ihren politischen Geist, eine Kampfansage gegen das Nazi-Geschwerl und seine Helfershelfer. Oder eine Studie über Verführbarkeit, über Zivilcourage, über eine bestimmte Art der informellen Macht in Deutschland. Aber geworden ist es nur ein biederer Fernsehfilm, der am Ende auch noch alle politischen Angriffsziele in einer obskuren Verschwörungsfabel verschwinden lässt. Zum Rest des Beitrags »
ShareNaked Lunch
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
Der Autor als Monster
Der Film hat ein neues Monster entdeckt: den Autor. Er ist es, der die Grenzen zwischen den Bildern und der Wirklichkeit verwischt, er hat die Türen zu den verborgenen Leidenschaften geöffnet, und von Zeit zu Zeit pflegt ihm der Schädel zu platzen, und die Ausgeburten seiner Phantasie ergießen sich daraus über den Alltag. Und bei alledem ist er auch anmaßend, selbstsüchtig und manchmal sogar strohdumm. Zum Rest des Beitrags »
ShareMy New Gun
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
In der ersten Szene des Films schickt ein Mann mit gewöhnlicher Arroganz eine Frau in die Küche des wohlausgestatteten Mittelstandsheims, damit sie die nassen Scherben eines Martiniglases beseitige, das er gerade hat fallen lassen. In der letzten Szene verlangt dieselbe Frau von einem anderen Mann die Autoschlüssel und setzt sich energisch ans Steuer. Zum Rest des Beitrags »
ShareLola
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1992
Fassbinder revisited
Fassbinders LOLA ist der vielleicht heimtückischste seiner „BRD”-Filme. Als dritter Teil einer Geschichte der deutschen Nachkriegsgesellschaft setzt er die Suche nach dem Vater, nach der Frau, nach dem Ursprung fort. Aber es ist nun eine Komödie, das heißt, neben der Zärtlichkeit und der Gewalt ist auch die Verachtung und die Vergebung möglich. Anders als DIE EHE DER MARIA BRAUN oder LILI MARLEEN gibt sich LOLA grell und parodistisch; Zum Rest des Beitrags »
ShareLe Comiche
von Georg Seeßlen in Film, Kino, Kritik am 6. März 1992
Die Sehnsucht des Drachens nach dem Ritter
Drei neue Filme aus Italien:
II Portaborse, Pensavo fosse amore invece era un calesse, Le Comiche
Wie funktioniert Demokratie? Gewiss nicht so, wie sie zu funktionieren vorgibt. Vielleicht ist sie nur die Vermischung von Elementen der Diktatur und solchen der Anarchie. Jedenfalls scheint die Demokratie in Italien so zu funktionieren. Sie wäre nicht auszuhalten, geschähe nicht gelegentlich ein Wunder. Und geschieht es nicht, so muss es eben vollbracht werden — oder erfunden. Zum Rest des Beitrags »
Pensavo fosse amore invece era un calesse
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 6. März 1992
Die Sehnsucht des Drachens nach dem Ritter
Drei neue Filme aus Italien:
II Portaborse, Pensavo fosse amore invece era un calesse, Le Comiche
Wie funktioniert Demokratie? Gewiss nicht so, wie sie zu funktionieren vorgibt. Vielleicht ist sie nur die Vermischung von Elementen der Diktatur und solchen der Anarchie. Jedenfalls scheint die Demokratie in Italien so zu funktionieren. Sie wäre nicht auszuhalten, geschähe nicht gelegentlich ein Wunder. Und geschieht es nicht, so muss es eben vollbracht werden — oder erfunden. Zum Rest des Beitrags »
Il Portaborse
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 6. März 1992
Die Sehnsucht des Drachens nach dem Ritter
Drei neue Filme aus Italien:
II Portaborse, Pensavo fosse amore invece era un calesse, Le Comiche
Wie funktioniert Demokratie? Gewiss nicht so, wie sie zu funktionieren vorgibt. Vielleicht ist sie nur die Vermischung von Elementen der Diktatur und solchen der Anarchie. Jedenfalls scheint die Demokratie in Italien so zu funktionieren. Sie wäre nicht auszuhalten, geschähe nicht gelegentlich ein Wunder. Und geschieht es nicht, so muss es eben vollbracht werden — oder erfunden. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1991
Der Neorealismus, der eigentlich eine bestimmte Art sozialer Metaphorik war und den es in „reiner” Form höchstens in den Büchern gibt, wurde durch die Entwicklung der Filmindustrie und -technik zersetzt, aber nicht vollständig aufgelöst. Es ist eine Methode oder eine Haltung, die verloren, vielleicht auch verraten wurde und die doch unsterblich ist, wie ein Gespenst dazu verdammt, in immer neuen Formen wieder aufzutauchen. Zum Rest des Beitrags »
ShareNicht ohne meine Tochter
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1991
Das Buch von Betty Mahmoody „Nicht ohne meine Tochter” ist mehr als ein Bestseller: es ist von einer unangenehmen Allgegenwärtigkeit. Man kann sich nicht die Zutaten zu einem Irish Stew zusammenkaufen, ohne in der einen oder anderen Weise damit in Berührung zu geraten. Nun gibt es den fälligen Film dazu, und Senator-Film hat raffinierterweise keine Pressevorführungen zugelassen, so daß unsere allseits erwarteten Verrisse nur noch beleidigtes Nachmaulen zu einem ebenso allseits erwarteten Publikumserfolg sein werden. Zum Rest des Beitrags »
ShareMalina
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1991
Das ist schon eine eigenartige Konstellation: Da ist Ingeborg Bachmanns (einziger) Roman, ein trotziges Dokument zur Absurdität der Weiblichkeit in unserer Welt, dargestellt in einem langen, quälenden Prozeß der buchstäblich entflammenden Folge von Tod und Wiedergeburt bis zur endgültigen Selbstauflösung. Da ist Elfriede Jelineks Drehbuch, der Autorin von „Lust”: „Ich glaube, dass Frauen Kunstproduktion buchstäblich mit ihrem Leben bezahlen”. Zum Rest des Beitrags »
ShareFire Syndrome
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1990
Seit POLTERGEIST macht Tobe Hooper Filme, in denen das Grandiose direkt neben dem Lächerlichen steht, inszenatorische Glanzleistungen und schlampigen Blödsinn. In FIRE SYNDROME ist das so auf die Spitze getrieben, daß man den ganzen Film hin- und hergerissen wird zwischen: „Donnerwetter, jetzt zeigt er’s uns aber wieder” und „Das darf doch nicht wahr sein”. Dazwischen liegt meistens nur ein Schnitt; nicht einmal eine Sequenz bleibt ganz im Grandiosen oder im Lächerlichen. Aber auch in der Anlage der Story, in den Charakteren, in den Details und nicht zuletzt in den Special Effects wiederholt sich das. Auf eine gute Idee folgt unweigerlich etwas Danebengegangenes. Zum Rest des Beitrags »
ShareWie spät ist es?
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1990
Ettore Scola, der poetische Rationalist des italienischen Kinos, gehört zu den „kleinen Meistern”, deren Filme zwar geschätzt, manchmal, wie im Fall UNA GIORNATA PARTICOLARE sogar überschätzt werden, deren Arbeit aber kaum im Zusammenhang von Leben, Werk und Methode dargestellt sind. Nicht einmal in Italien selbst lässt sich reichhaltigeres monografisches Material zu einem Regisseur und Autor finden, dessen Themen, immer wieder etwa die Identitätskrisen von älteren Männern, welche die sozialen Anforderungen nur zu gut und die emotionalen nur zu schlecht erfüllt haben, und dessen Methode, Zum Rest des Beitrags »
ShareVincent und Theo
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1990
Welcome to Europe, Mr. Altman
Notiz zu einer Station der Reise eines Mannes mit der Erlaubnis, eine Vielzahl von Gedanken zu haben
Christa Maerker hat Altman in einem Interview gefragt: „Es könnte sich fast um zwei Regisseure handeln, so unterschiedlich sind die Ansätze. Wo treffen sie sich?” Der Regisseur hat geantwortet: „Ich finde, wir sollten hier großzügig sein und mir die Erlaubnis erteilen, eine Vielzahl von Gedanken zu haben.” Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Stimme des Mondes
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1990
Einmal mehr spricht Fellini in LA VOCE DELLA LUNA von den Verrückten, von den Frauen, von den Kindern, einmal mehr beschreibt er kreisende Bewegungen seiner Hauptfiguren durch verschiedene Räume des „Öffentlichen” und des „Privaten”, und einmal mehr behandelt er, was Anna Maria Mori „unsere grundlegende Identität” nennt. Damit meint sie in erster Linie die italienische Identität, aber gewiss geht es um eine noch darunter liegende Suche nach Individuation. Fellini ist zugleich das philosophierende Kind, das fragt: „Was ist der Mensch?”, und der alte Spötter, der sagt: „Na was schon!” Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Rosenkrieg (Danny DeVito)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 1990
Ist denn gar nichts mehr heilig?
Herr und Frau Rose machen ihr Haus kaputt, oder Karriere und sexuelle Ökonomie in der tertiären Kultur – Danny de Vitos Film »Der Rosen-Krieg«
Seine Methode (jedenfalls eine von dreien) erklärt der Film von Danny de Vito schon im Vorspann; während wir unter anderem erfahren, dass Michael Douglas, Kathleen Turner, Danny de Vito und Marianne Sägebrecht die Hauptrollen spielen, das Drehbuch von Michael Leeson stammt, der einen Roman von Warren Adler bearbeitete, und dass Stephen H. Burum, A.S.C. für die Kamera und David Newman für die Musik verantwortlich sind, Zum Rest des Beitrags »
ShareBlue Steel
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im Mai 1990
BLUE STEEL ist ein Polizistinnenfilm. Es geht also nicht um einen Polizisten, der „zufällig” eine Frau ist, wie andere Polizisten schwarz, alkoholkrank oder glatzköpfig sind. Es geht auch nicht um eine Frau, die sich hinter einer Uniform neutralisieren will und erst nach Dienstschluß den Menschen wieder zum Vorschein bringt, wenn sie mit dem netten Kollegen, der ihr gerade das Leben gerettet hat, über ihre Probleme spricht. Es geht vielmehr um einen Menschen, der als Frau Polizist ist. Sie liebt die Schußwaffe, die Uniformknöpfe, Leder und Stahl, den Drill, die Gewalt, das kalte Blau einer zenturionischen Macht nicht wie ein Mann, sondern wie eine Frau. Mit dieser Ungeheuerlichkeit beginnt Kathryn Bigelows Film, in dem Jamie Lee Curtis eine junge Polizistin spielt: Während sie sich langsam und rituell in die Uniform kleidet und die Kamera hautnah an ihrem Körper wie an ihren stählernen Insignien bleibt, beginnt schon eine Geschichte über Sexualität und Gewalt. Zum Rest des Beitrags »
Share



