<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Lesen was klüger macht &#187; Gesellschaft</title>
	<atom:link href="http://www.getidan.de/category/gesellschaft/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.getidan.de</link>
	<description>getidan:</description>
	<lastBuildDate>Sat, 04 Feb 2012 11:24:27 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.2.1</generator>
		<item>
		<title>Red-Bull-Kapitalismus</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/41323/red-bull-kapitalismus</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/41323/red-bull-kapitalismus#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 11:40:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41323</guid>
		<description><![CDATA[Red Bull ist mehr als ein Getränk, ein Energiespender, ein Lebensgefühl. Ja, es ist mehr als nur ein Produkt. Es verkörpert die aktuellste Form des Kapitalismus
Getränke eignen sich als Prophezeiungen des jeweils neuesten Stadiums des Kapitalismus besonders gut. In ihnen sind die Aspekte von Lebens- und Genussmittel, Differenz und Mainstreaming, Image und Illusion besonders ausgeprägt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Red Bull ist mehr als ein Getränk, ein Energiespender, ein Lebensgefühl. Ja, es ist mehr als nur ein Produkt. Es verkörpert die aktuellste Form des Kapitalismus</span></p>
<p>Getränke eignen sich als Prophezeiungen des jeweils neuesten Stadiums des Kapitalismus besonders gut. In ihnen sind die Aspekte von Lebens- und Genussmittel, Differenz und Mainstreaming, Image und Illusion besonders ausgeprägt – und das umso mehr, als sich die Welt gerade das Rauchen abgewöhnt. Die meisten von ihnen kokettieren damit, mehr als ein Getränk zu sein, Lifestyle und Lebensfreude auszudrücken oder auch einen besonderen Status zu haben: die legale Droge. Wenn im Folgenden also vom verflüssigten Kapitalismus im weiteren Sinne und den Red-Bull-Kapitalismus im engeren Sinne die Rede ist, dann um zu beschreiben, wie die Macht vom Produzenten auf den Distribuenten übergegangen ist.<span id="more-41323"></span></p>
<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">1. Die neue Ware ist zu großen Teilen virtuell</span></p>
<p>Wer vom Kapitalismus spricht, muss von Konstanten und Variablen reden, möglicherweise auch von Transformationen. Denn was wir „Krise“ nennen oder doch plural „Krisen“ – wir haben sie geordnet in Immobilienkrisen, Bankenkrisen, Schuldenkrisen und so weiter – ist ja vielleicht nichts anderes als ein Symptom der Veränderung. Der Produktionskapitalismus spaltet sich nach dem Ende seiner Produktivität offensichtlich in einen Finanzkapitalismus, wie er sich derzeit so heftig zeigt, und in einen Distributionskapitalismus, vor dem nicht allein die wirklichen Produzenten, die Bauern zum Beispiel, sondern auch das Produzierte zittern muss. An der stets noch zunehmenden Macht von Lebensmittel- und Pharmakonzernen, Discountern und globalen Playern der Grundversorgung ist abzusehen, dass sich die „neuen“ Waren nicht in sozialen Diskursen verwirklichen, sondern als soziale Diskurse. Die neuen Waren erfüllen nicht mehr allein die Wünsche nach Ess- und Trinkbarem, nach tragbarer Kleidung und zuträglicher beziehungsweise erträglicher Medizin, sie definieren bereits, was essbar und trinkbar, was Gesundheit und Krankheit, was be- oder verkleidet ist. Die neue Ware will das Leben selbst sein, und sie kann das vor allem, weil sie zu großen Teilen virtuell ist.</p>
<p>Wo die Ware indes weitgehend virtuell geworden ist, erhalten womöglich auch die Produktionsmittel einen völlig neuen Charakter. Zunächst begannen sie ihren nomadischen Zug durch die Welt, immer auf der Suche nach billigen Arbeitskräften und günstigen Standortbedingungen wie schwache und korrupte oder komplizenhafte Regierungen, steuerliche Begünstigungen, preiswerte Infrastruktur und so weiter. Doch die Beutezüge des nomadischen Produzierens kommen an ihre Grenzen. Ist der Kapitalismus einmal um die Welt gezogen, sind auch die Differenzen eingeebnet, die für die Dynamik ausschlaggebend waren. Deshalb bietet sich im Medienkapitalismus eine neue Art des Produzierens an, die an die reale Existenz der Ware gar nicht mehr gebunden ist. Je virtueller die Waren, je fiktiver, politischer oder taktischer die Preise, desto mehr wird die Macht der Distribuenten gestärkt und die der eigentlichen Produzenten beschränkt. Nicht wer etwas herstellen kann, erzielt den größten Profit, sondern wer die Hände in der Verteilung hat. Wie in der Finanzwirtschaft wächst auch in der sogenannten Realwirtschaft der Handel mit Dingen, die man gar nicht hat, oder auch mit Dingen, die es gar nicht gibt. Man handelt also mit Versprechungen, mit sozialen Identifikationen, mit Zeichen und Mythen, in denen die wirkliche Ware nur noch letzte haptische Verwirrung der Sinne ist.</p>
<p>Die Ware selber besteht im verflüssigten Kapitalismus nun nicht mehr in einem bestimmten Ding, sondern in einem Komplettangebot aus „Rezeptur“, Marken-Image, Vermarktungsstrategie und der Verknüpfung mit sozialen Events. Coca-Cola hat diese Strategie des verflüssigten Kapitalismus einst vorgemacht, und nicht zufällig gelang diesem einst kokain-, nun nur noch koffein-haltigen Getränk, der größte Sprung nach vorn durch einen Krieg, den Zweiten Weltkrieg. Jeder amerikanische Soldat hatte das Recht auf eine Flasche Coca-Cola, wo immer er auch war, und Coca-Cola, eins, zwei, drei, war das erste große Geschenk an die Befreiten. Die Ware war indes nicht eine in alle Welt verkaufte braune Brühe, es waren die Ware und ihre furchtbar geheime Rezeptur. So entstand die Marke.</p>
<p>Bis heute hat sich selbst diese Übereinstimmung aufgelöst. Während Coca-Cola überall auf der Welt annähernd gleich schmecken sollte, enthält eine Dose Bier, auf der die Marke „Löwenbräu“ prangt, je nach Konsumort sehr, sehr unterschiedliche Flüssigkeiten. Das weiß jeder, der in den USA einmal zu einem „original“ Löwenbräu eingeladen wurde. Mit der Bionade entwickelte man vor einigen Jahren in Deutschland ein Getränk, das Gegenwärtigkeit und sogar Dominanz innerhalb von sozialen Bewegungen und Jugendkulturen erringen konnte. Auch hier wurde der mythische Zusammenhang zwischen Produktion (ein „Familienbetrieb“ jenseits der Konzerne) und Produkt rasch aufgelöst. Auf drei sehr unterschiedliche Arten gelangen diese drei Getränke zum gleichen Ziel, nämlich in bestimmten gesellschaftlichen Situationen, die Dominanz der Diskurse zu begleiten: kein Pop-Konzert ohne Coca-Cola, keine bavarian gemutlichkeit ohne Löwenbräu, kein Klönschnack unter Alternativen ohne Bionade.</p>
<p><span style="color: #800000; font-size: medium;">2. Taurin ist das Kokain des kleinen Mannes</span></p>
<p>Die Entwicklung von Coca-Cola zur Bionade besteht nicht zuletzt darin, dass man von der Begleitung von Diskurs und Spektakel zur Beteiligung übergegangen ist. Die nächste Phase besteht zwangsläufig darin, dass die flüssige Ware Diskurs und Spektakel selbst erzeugt. Ein Beispiel bietet Red Bull, was ursprünglich eine Art von Brauselimonade mit irgendeinem Energie-Zusatz von Koffein und Vitamin und einem mehr oder weniger geheimnisvollen Zusatzmittel namens Taurin war, das in einer eigenwilligen Werbekampagne einen neuen Markt-Auswuchs bildete. Aufschlussreich schon die Entstehungsgeschichte der Marke: Taurin als Wirkstoff in einem Getränk entstammt, wiederum nicht zufällig, nehmen wir an, einer Entwicklung des Krieges: Im Zweiten Weltkrieg wurden die japanischen Piloten damit versorgt, weil man glaubte, dadurch Leistung und Einsatzbereitschaft zu erhöhen.</p>
<p>Der Slogan „Red Bull verleiht Flügel“ bekommt hier eine makabre Nebenbedeutung. Und auch der Stier im Namen hat nicht nur eine symbolische Bedeutung von Kraft: Die Substanz, die seit dem Jahr 1824 bekannt ist, wurde aus Ochsengalle gewonnen und erhielt mittels einer Ableitung vom griechischen „tauros“ (= Stier) ihren Namen. Einerseits: Würg! Andererseits: eine ungeheure mythische Aufladung eines Brausegetränks bis in die Tiefen der Konstruktion von männlicher Kraft und gar „übermenschlichen“ Fähigkeiten.</p>
<p>Mittlerweile wird das Taurin in den Energy Drinks natürlich synthetisch hergestellt und kann auch pur bezogen werden, 100 Gramm kosten etwa acht Euro. Laut Anbieter Energize Your Life möchte das weiße Pulver durchaus ein wenig wie das Kokain des kleinen Mannes wirken (das Sprachzentrum scheint schon mal angegriffen): „Ähnlich wie Koffein hat Taurin dieselben Auswirkungen auf den Körper. Jedoch steigert und beschleunigt Taurin die Wirkung von Koffein. Müdigkeit wird überdeckt, Konzentrationsfähigkeit gesteigert. Leichte Kopfschmerzen können verschwinden. Die Wirkungen sind unter anderem abhängig von der Dosis, den Gewöhnungseffekten, Stoffwechselfunktionen sowie vom psychischen Zustand des Menschen. Unter anderem wird Taurin für die Fettverdauung, die Aufnahme fettlöslicher Vitamine, die Regulierung des Blutcholesterinspiegels gebraucht. Ebenso kann der Körper bei übermäßigem Alkoholkonsum Taurin nicht mehr richtig verwerten und sollte daher ergänzt werden.“ Mit anderen Worten: Man kann mehr fressen, ficken und saufen und schläft auch beim Fernsehen nicht mehr so schnell ein, während man von Disco-Queens und Extremsport träumt.</p>
<p>Tatsächlich scheint es das Werbeziel bei etlichen Anbietern von Energy Drinks zu sein, immer jüngere Zielgruppen zu erreichen, etwa indem Verpackung und Design besonders „kindgerecht“ gewählt werden. Dem Aspekt der legalen Droge wird immerhin so weit Rechnung getragen, als auf einer Red-Bull-Dose der Hinweis zu lesen ist: „Nicht empfohlen für Kinder, Schwangere und koffeinempfindliche Personen. In moderaten Mengen konsumieren.“</p>
<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">3. Was zählt, ist die Distribution</span></p>
<p>Auch die Back-Story liefert ihren Beitrag zum Wert der flüssigen Ware: Der „Erfinder“ von Red Bull, Dietrich Mateschitz, brachte die Idee 1982 von einem Besuch in Thailand mit, wo ein Getränk namens „Krating Daeng“ angeboten wird, unter anderem, um die Folgen des Jetlag zu überwinden. 1987 wurde Red Bull zunächst auf dem österreichischen Markt getestet und fand schnell Anklang insbesondere unter Jugendlichen, in deren Szenen man durch einen Mix aus Werbung, PR, Image-Produktion und „Guerilla Marketing“ einen nachhaltigen Effekt auslöste. Red Bull wurde zu einem Bestandteil der Techno- und Snowboarding-Szene, immer unter dem Versprechen, Ausdauer, Energie und „Spaß“ zu befördern.</p>
<p>Der „Red Bull Energy Drink“, meist auch nur Red Bull genannt, besteht hauptsächlich aus Wasser, Zucker (Saccharose, Glucose), Glucuronolacton, Koffein (im Maß etwa einer Tasse Kaffee) und besagtem Taurin sowie zugesetzten Vitaminen. Gegenüber dem thailändischen Krating Daeng wurde die Rezeptur moderat verwestlicht. Das Angebot wurde außerdem um eine zuckerfreie Variante erweitert, neben der 250ml-Dose existieren auch größere Behältnisse wie etwa seit 2008 die 330ml-PET-Flaschen für die Discounter. „Special Editions“ bieten Geschmacksverbindungen etwa mit Heidelbeere und Limette. In der Szene wird der Energy Drink unter dem Namen „Flügerl“ mit Wodka gemischt, manchmal heißt der Longdrink auch „Vodka Energy“ oder „Ferrari“ (mit rotem Wodka).</p>
<p>Im Jahr 2010 hatte Red Bull trotz Nachahmungen nach eigenen Angaben noch einen Anteil von 90 Prozent bei den Energy-Getränken in der Gastronomie. Es gilt als eines der erfolgreichsten neu eingeführten Markenprodukte des neuen Jahrhunderts. Ob es eine Leistungssteigerung auch nur für Augenblicke gibt oder nicht, ist umstritten; immerhin scheinen einige Versuche, eine anaerobe Leistungssteigerung nicht auszuschließen. Da das Getränk bei der Einführung in verschiedenen Ländern auf gewisse Beschränkungen – in Frankreich gar auf ein Verbot (bis im Jahr 2008 wurde dort das Taurin durch Arginin ersetzt; später wurde aber auch das taurinhaltige Getränk zugelassen), umweht immer ein Hauch von „Droge“ das Getränk, was allen Warnungen zum Trotz (in Ländern wie Kanada sogar auf den Dosen angebracht) insbesondere in Verbindung mit Alkohol (gegen Müdigkeit) Red Bull zum idealen Event- und Partygetränk machte.</p>
<p>Red Bull ist gewiss ein überteuertes Produkt, durch seine Werbekampagnen, Sponsor-und Event-Aktivität bleibt es gleichwohl ungebremst erfolgreich. Neben klassischen Sponsor-Auftritten entstanden ganz eigene Events wie das „Red Bull X-Fighters“ (Freestyle Motocross Rennen) oder die „Red Bull Air Race Series“. In der Formel 1 ist man mit Red Bull Racing und Scuderia Toro Rosso gleich mit zwei Teams vertreten. Die von Red Bull initiierten Extremsportarten forderten im Jahr 2009 bei den „Basejumpern“ zwei Todesopfer, was zu einer Abmilderung der Strategie führte und unter anderem zum Sponsoring klassischer Sportarten wie Fußball, darunter beim RB Leipzig und dem FC Red Bull Salzburg.</p>
<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">4. Es geht um die Red-Bullisierung der Kultur</span></p>
<p>Es gibt im Grunde keine Red-Bull-Fabrikationsstätte; die Limonade wird bei mehreren Getränkefirmen erzeugt. Was zählt, ist nicht mehr der Besitz der Produktionsmittel, die man im globalen Spiel auch ohne Weiteres von einem Wirtschafts- und Rechtsraum in den anderen verlagern kann. Was zählt, sind „Marken“, Copyrights und Kampagnen, was zählt, ist eine wie auch immer erzeugte Dominanz in der Distribution.</p>
<p>Der entscheidende Impuls für eine Distributionsdominanz in Postdemokratie und Neoliberalismus ist die Verknüpfung eines (mehr oder weniger virtuellen) Produkts mit den Sphären der Freizeit und der Medien, aber auch mit anderen kontrollierbaren und übernehmbaren „Events“ und Institutionen wie Kunst, Pop und sogar Medizin, Politik und Bildung – kurz gesagt: die Blödmaschinen. Die Dominanz kann sich auf dem Freizeit- und Kulturmarkt realisieren, weil sie zu Blödmaschinen geworden sind, und umgekehrt werden Medien, Spektakel und „kulturelle“ Institutionen zu Blödmaschinen, weil sie sich für die Herstellung und Festigung der Distributionsdominanz oligarchischer Interessen zu Beihelfern machen lassen. Die Medien sind nicht einfach „Opfer“ von Ökonomisierung und Privatisierung, sondern sie sind Teil der Wandlung des Produktions- in den Distributionskapitalismus. Daher geht es eben nicht allein um die „Kultivierung“ einer Marke wie „Red Bull“, sondern vielmehr um die Red-Bullisierung kultureller Institutionen. Kreativität wird nicht nur auf eine Weise von den Marken-Kampagnen benutzt, um positive Konnotationen zu schaffen wie in der klassischen Werbung, sondern direkt der Marke unterworfen, so wie künstlerische Kreativität, körperliche Leistung et cetera einstmals „der Ehre Gottes“ (oder doch der Macht der Kirche) unterworfen wurden. Und aus dem Zeichen der dominanten Marke wird ein Dominanzzeichen, wozu sich natürlich das Bild eines roten Stieres besonders gut eignet, da es ja zu keinem anderen Zweck erfunden wurde, als Dominanz auszudrücken.</p>
<p>Der rote Stier zeigt sich nicht nur als Sinnbild gebündelter Energie – unübersehbar immer wieder die Blut-Metapher in diesem rot, sondern vor allem auch als Wesen der massiven Konkurrenz. Man hält länger durch als die anderen, gleichgültig, ob es sich dabei um Sport, Tanz, Sex oder soziale Performance handelt. Dafür ist man nicht nur bereit, einen höheren Preis zu zahlen, sondern auch dazu, sein Leben unter das Zeichen des roten Stieres zu stellen, und das schließt, wie erste zaghafte medizinische Einwände (und hier und dort Warnhinweise, von dem Stoff nicht zu viel zu sich zu nehmen und eine Vermischung mit Alkohol zu unterlassen, was natürlich einer Aufforderung zu eben diesem gleich kommt) meinen, den Raubbau an der eigenen Gesundheit mit ein.</p>
<p>So wird der rote Stier zum Sinnbild der Rücksichtslosigkeit gegenüber den anderen und sich selbst, freilich nicht in der Sphäre der Produktion, der Karriere und der sozialen Auseinandersetzung, die sorgfältig ausgeblendet werden, sondern in der Sphäre des bedeutungslosen Genusses, der stets neu erfundenen „Extremsportarten“, der „depolitisierten“ Variante von Musik und Street Art, des unverbindlichen Miteinanders der Klassen, Rassen und Geschlechter, wenn auch mit einer strikten Betonung der Jugendlichkeit. Red Bull ist die Marke des Spektakels im Neoliberalismus – und als solche im Wesentlichen nichts anderes als ein käuflicher Wirklichkeitsrest. Der Eintritt in eine virtuelle Welt, einen Kult-Raum der angestrengten Nichtigkeiten. Während ich mit Coca-Cola in die Welt kam, mir Bionade ein gutes Trinkgewissen verschaffte, und Löwenbräu-Bier erlaubte Regression signalisiert, ist Red Bull eine Welt für sich, ein legal high des positiven Denkens.</p>
<p><span style="color: #800000; font-size: medium;">5. Die Ware bezeichnet keinen Sinn. Sie ist der Sinn</span></p>
<p>Die kulturelle Dominanz-Sphäre, die Red Bull schafft – eine synthetische „Subkultur“ unter anderem – ist nie wirklich unpolitisch. In ihr modellieren sich nicht nur soziale Strategien und Abhängigkeitsverhältnisse, sondern es wird Dominanz als Wesensform gesellschaftlicher Aktivität konstruiert. Diese vernetzte Dominanz ist die neue Form von Herrschaft. Weder sichtbare Macht noch Kontrolle, stattdessen Dominanz als Gegenwärtigkeit, als Korruption von Sprache und Code, als Anschlussfähigkeit der Subdominanten. Auch die großen Konzern-Discounter „herrschen“ nicht, sondern sind „nur“ dominant, indem sie kulinarische, modische, technische und soziale Diskurse bestimmen, nicht in Befehls-, sondern in Verlaufsform.</p>
<p>Doch während die „realen“ Distribuenten noch Gebäude besetzen und Menschen anziehen müssen, ist ein virtueller Distribuent wie Red Bull, der Idee, Haltung oder Strategie verkauft, an der die Ware noch hängen muss, darauf nicht mehr angewiesen. Er vermag die Menschen zu dominieren, wo sie sind.</p>
<p>Haben wir je in einem Lidl-Geschäft ein politisches Gespräch gehört? Wohl aber haben wir erstaunt zur Kenntnis genommen, dass dies ein Ort ist, an dem man gern und keinesfalls allzu leise Details aus seiner sexuellen, medizinischen und beruflichen Biografie kommuniziert. Diese Sphäre ist auch in dieser Hinsicht mit einer neuen Kirche verwandt (so wie jedes Red Bull-Event eine Art Feldgottesdienst darstellt). Es ist ein direktes Andocken der „biografischen Einheit“ an einen semantisch mit Dominanz-Zeichen ausstaffierten sozialen Raum. Die Vielfalt der Waren täuscht hier so wenig über die Dominanz, wie in einer der alten Kirchen die Vielfalt von Heiligen über die Dominanz des Meta-Zeichens hinwegtäuschen wollte. So wird die virtuelle Ware à la Red Bull zum Transformationsmittel zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, dem Sozialen und dem Körperlichen, kurz zur Nachfolge dessen, wofür einst Religion und dann Kultur zuständig war.</p>
<p>Darüber hinaus entstehen neue Formen der Dominanz. Red Bull und seine Distribution ist ein Beispiel dafür, wie eine Ware andere Güter infiziert, um über die Kette von Nutzwert, Tauschwert, Sozialwert und Sinnwert noch hinauszugelangen: Man besetzt in gewissem Sinne ganze Lebenssphären beziehungsweise erfindet eine Form von „Lebensqualität“. Es entsteht also neben der Dominanz einer Person, einer Firma, eines Zeichens (wie Coca-Cola) die Dominanz eines Lebenskonzepts inklusive aller vorherigen Elemente der Dominanz: Red Bull bezeichnet keinen Sinn, sondern ist ein Sinn; er drückt nicht ein „Lebensgefühl“ aus, sondern tritt an seine Stelle.</p>
<p>Wenn Coca-Cola die Brause war, die sich den Stars lustvoll unterwarf, so ist Red Bull die Ware, die selber zum Star geworden ist und die sich die Stars lustvoll unterwirft. Anders gesagt: Red Bull ist die Marke, die die „Stars von Morgen“ macht. Eine einzige gewaltige Casting Show, in der Red Bull das Brandzeichen des Erfolges darstellt.</p>
<p><em>Georg Seeßlen</em></p>
<p><em>erschienen in FREITAG (19.01.2012)</em></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/02/red-bull_680.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-41328" title="red bull_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/02/red-bull_680.jpg" alt="" width="680" height="339" /></a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/41323/red-bull-kapitalismus/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kleinigkeiten aus dem Georg Seesslen Blog</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/41295/kleinigkeiten-aus-dem-georg-seesslen-blog</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/41295/kleinigkeiten-aus-dem-georg-seesslen-blog#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 18:37:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41295</guid>
		<description><![CDATA[Jede Hoffnung auf Aufklärung basiert auf der Annahme, dass die Ordnung einer Gesellschaft nicht identisch ist mit der Ordnung des Denkens (in ihr). Man mag das umkehren: Um Aufklärung zu verhindern muss die Ordnung der Gesellschaft mit der Ordnung des Denkens gleichgesetzt werden. Wie man in der Science Fiction weiß: Das beste Mittel, eine solche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/costa300.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-41296" title="costa300" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/costa300.jpg" alt="" width="300" height="402" /></a>Jede Hoffnung auf Aufklärung basiert auf der Annahme, dass die Ordnung einer Gesellschaft nicht identisch ist mit der Ordnung des Denkens (in ihr). Man mag das umkehren: Um Aufklärung zu verhindern muss die Ordnung der Gesellschaft mit der Ordnung des Denkens gleichgesetzt werden. Wie man in der Science Fiction weiß: Das beste Mittel, eine solche Übereinstimmung zu erzielen, ist die Virtualisierung der gesellschaftlichen Prozesse, bis zu jenem Grad, wo zwischen dem Symbol und der Handlung kein Unterschied gemacht wird. Die Praxis der sozialen Übereinstimmung ist nicht nur wichtiger, sondern vor allem „wirklicher“ als die Wirklichkeit, die man mit einem Akt des einfachen Denkens erkennen könnte. Die Maschinen zur Rechtfertigung sind mächtiger als das zu Rechtfertigende erscheint, und so kehrt sich um, was Bronislav Malinovski einst zum Mythos schrieb, nämlich dass er ins Spiel gebracht werden, „wenn Ritus, Zeremonie oder eine soziale oder moralische Regel Rechtfertigung verlangt“.</p>
<p>Nach dem Unglück des Kreuzfahrtschiffs vor der italienischen Küste beobachten wir vor allem eins: eine ungeheure Zunahme von Reklame für Kreuzfahrten. Das könnte man zunächst als hysterische, ökonomische Reaktion der Branche abtun, als propagandistische Übertünchung des Unglücks und der damit verbundenen Kritik an den Unternehmungen selber. Aber es handelt sich offenbar um mehr: Die symbolische Ordnung wird wieder hergestellt, die durch das Bild des umgekippten Schiffes gestörte Ornamentik einer Welt-Erfahrung buchstäblich wieder aufgerichtet. Natürlich verzichtet man auch nicht auf die „Traumschiff“-Phantasien des Fernsehens. Kurzum: die Traumschiffe sind wichtiger als reale Havarien. So wie die Jury des Dschungelcamps „entscheidender“ ist  als das Parlament.</p>
<p>Es wird also nicht mehr „gerechtfertigt“.  Vielmehr geht es um die Besetzung der Wahrnehmungsfelder. Sie macht, dass es zwischen der Ordnung des Denkens und der Ordnung der Gesellschaft einen Bereich gibt, der von Aufklärung nicht mehr zu durchqueren ist. Traumschiffe kentern nicht. Es gibt keine Klimakatastrophe und keinen Oil Peek, indes Lust und Zwang, den Traum zu „verwirklichen“. Hatte man einst den Mythos, die Wirklichkeit zu erklären, so nun eine Wirklichkeit, den Traum zu rechtfertigen. Die beiden Aspekte des Mythos, die in den unterschiedlichsten Theorien immer wieder aufeinander treffen, der Mythos als Wunscherfüllung (das Traumschiff) und der Mythos als (apokalyptisches) Abbild der Welt (der Untergang), vereinen sich („Titanic“ als globalen industriellen Mythos hatten wir ja schon); ist der reale Untergang eine Episode des „Traumschiff“-Mythos, oder ist das Traumschiff eine Episode des Mythos vom Untergang? Nichts jedenfalls deutet darauf hin, dass wir der Traumschiffhaftigkeit unserer Ordnung von Welt und Gesellschaft derzeit etwas entgegen zu setzen beabsichtigen.</p>
<p><em>Georg Seeßlen</em></p>
<p><em>Bild: Costa Kreuzfahrten Mittelmeer Kundenmagazin Abenteuer und Reisen via <a href="http://www.horizont.net/kreation/magazine/pages/protected/show-380107.html" target="_blank">horizont.net</a></em></p>
<p><em>Weitere Kleinigkeiten im Georg Seeßlen Blog DAS SCHÖNSTE AN DEUTSCHLAND IST DIE AUTOBAHN <a href="http://www.seesslen-blog.de/2012/01/31/kleinigkeiten-15/" target="_blank">mehr lesen </a></em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/41295/kleinigkeiten-aus-dem-georg-seesslen-blog/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Stan Back – aus seinem Nachlass (III)</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/stefan_roemer/41252/stan-back-%e2%80%93-aus-seinem-nachlass-iii</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/stefan_roemer/41252/stan-back-%e2%80%93-aus-seinem-nachlass-iii#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 10:29:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Römer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41252</guid>
		<description><![CDATA[
Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.
&#160;
In der Hölle sonnen (Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006)
(Episode aus: Schriften aus der Hölle)
Die Personen:
- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)
- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)
- Stanley Back (der ideale, weil tote [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><span style="font-size: small; color: #000000;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/StanBAck.making-faces680.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-40342" title="StanBAck.making faces680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/StanBAck.making-faces680.jpg" alt="" width="680" height="453" /></a></span></p>
<p>Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">In der Hölle sonnen (Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006)</span></p>
<p>(Episode aus: Schriften aus der Hölle)</p>
<p><em>Die Personen:</em></p>
<p><em>- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)</em></p>
<p><em>- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)</em></p>
<p><em>- Stanley Back (der ideale, weil tote Künstler)</em></p>
<p><em>- gelegentliche Einspielungen von Radiohack und Diktiergerät</em></p>
<p>Abstract:</p>
<p>Ein aktueller Witz über den Eintritt eines Gestorbenen in die Hölle dient als Einstiegsanekdote. Stanley Back und Heiner Müller erfahren über Radio Hellsound, dass Christoph Schlingensief gestorben ist; sofort setzen sie sich dafür ein, dass er in den atheistischen Teil der Hölle kommt.</p>
<p>Die Drei sitzen nun an einer Theke in der Hölle und sprechen über die falsche Kunst für das falsche Publikum in einer falschen Welt.</p>
<p><strong>1. Ankunft – der Witz</strong></p>
<p>Ziemlich guter Empfang hier unten. Gerade meldet Radio Hellsound den Tod des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Elfriede Jelinek wird zitiert: »Er war der größte Künstler aller Zeiten.«</p>
<p>Den werden sie auf glühenden Kohlen schmoren, meint Heiner Müller mit einem tiefen Zug an seiner Zigarre, und bläst eine riesige Wolke aus, in die sich die Worte schmunzelnd einnisten.</p>
<p>Aber wir können was unternehmen, wirft Stanley Back schon zum Höllentor losgehend ein.</p>
<p>Gerade rechtzeitig am Höllenportal: Der Wächter liest Schlingensief seine Vergehen vor, und es gibt keine Hoffnung, dem christlichen Gericht zu entkommen: denn fortgesetzte Gotteslästerung – und das auch noch auf der Theaterbühne und mit Multimedia in alle Welt reproduziert – hat zweifellos ewige Höllenqualen zur Folge. Richtig, der arme Theatermann völlig geknickt, mit angeklatschten Haaren und von tiefen Kummerfalten entstellt, soll auf glühenden Kohlen schmoren.</p>
<p>Mit erstickter Stimme versucht Schlingensief sich gerade zu verteidigen, dass er schließlich mit den elend langen Leiden des Krebstodes schon genug bestraft sei. Noch bevor der Wächter ihn jedoch mit einem Tritt in das höllenheiße Portal befördern kann, intervenieren Müller und Back. Sie nehmen ihn zwischen sich mit in IHREN Teil der Hölle: Willkommen im Club der Höllen-Dichter.</p>
<p>Geblendet von gleißendem Licht, glaubt Schlingensief auf eine Bühne zu treten; doch er kann es nicht fassen: Ein weißer Strand liegt vor ihm, Menschen aus aller Herren Länder sonnen sich, spielen Beachvolleyball, tanzen johlend, schwimmen oder sitzen, Caipis schlürfend, in Strandbars und lesen sich gegenseitig vor. Überwältigt von diesem Kunstfreizeitidyll geht Schlingensief plötzlich völlig befreit von den Erdenqualen zum glasklaren Wasser, schwimmt einige Runden und schlendert den Strand auf und ab. Später trifft er – nun wieder mit hoch toupierten Haaren – auf Müller und Back in einer Strandbar.</p>
<p>CS: Das ist ja unbeschreiblich hier, wenn ich das früher gewusst hätte… wie eine grandiose Kombination von endloser Theateraufführung und Gelage. Ich war so erschrocken, als ich starb: nichts gab es mehr, nur Schwarz. Bis ihr mich geholt habt.</p>
<p>SB: Du bist hier in der Kultur-Hölle gelandet. Alles, was du siehst, ist reine Projektion. Nur Vorstellung. Jede/r erlebt etwas anders, und doch sind wir im gleichen Stadium des Nichts.</p>
<p>Man plaudert über die letzten Jahre, resümiert die politischen Ereignisse, bis Schlingensief sich irgendwann traut zu fragen:</p>
<p>CS: Habt ihr das gesehen? Was ist denn da hinter dieser großen Düne? Da werden Menschen auf Rosten gegrillt und mit glühenden Eisenstangen gequält. Kommen wir da später auch hin?</p>
<p>(HM) Ach das, meint Müller, sich mit einem notorischen Zug an der Zigarre umwendend, nö, das ist nur für die Christen, die wollen das so – bis in alle Ewigkeit werden sie gequält. Wenn wir dich nicht abgefangen hätten, wärst du auch da gelandet. Das hast du deinen kläglichen Inszenierungen »Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« und »Mea culpa« zu verdanken. Du musst nicht denken, dass die hier nicht deine Stücke kennen. Das war nichts als Gotteslästerung, weil du einen Gottesdienst für dich selbst gehalten hast.</p>
<p>CS: Dann habt ihr mich davor gerettet, in der Hölle zu schmoren?</p>
<p>HM: Ja, obwohl du dich selbst auf der Bühne als Jesus-Christus mit allem Brimborium inszeniert hast, haben wir dich rüber geholt.</p>
<p>CS: Ich habe es als Beleidigung empfunden, dass da plötzlich klammheimlich der Krebs versuchte, mich abzuschalten. Ich dachte immer, ich bin eigentlich eine liebenswürdige Person.</p>
<p>HM: Ja, aber in deine Ministrantenzeit zu regredieren, komm schon. Wenn das Ziel des Künstlers ist, von allen geliebt zu werden, dann hast du das ja geschafft. Aber was kam dann?</p>
<p>CS: Vielleicht war ich vom Humor des Größenwahns befallen? Ja, und ich wollte mein Scheitern vorführen. <a href="http://stan-back.tumblr.com/" target="_blank">weiterlesen</a></p>
<p><em>Stan Back, <strong>©</strong> Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner</em></p>
<p><em>Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht:    <a href="http://stan-back.tumblr.com/" target="_blank">stan-back.tumblr.com</a></em></p>
<p><em>Freier download des pre-release des Stücks: “2nd Class Life” auf   <a href="http://soundcloud.com/stan-back%20%20" target="_blank">soundcloud.com</a></em></p>
<p><em>Stan Back auf <a href="http://www.facebook.com/pages/Stan-Back/270542366305324" target="_blank">facebook</a></em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/stefan_roemer/41252/stan-back-%e2%80%93-aus-seinem-nachlass-iii/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Fiji (Reisewelten)</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_scholten/41211/fiji-reisewelten</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_scholten/41211/fiji-reisewelten#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 20:18:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Scholten</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41211</guid>
		<description><![CDATA[Samstag, 29. September 2007
Fiji
Wir landen auf dem internationalen Flughafen von Nadi. Obgleich „Nadi“ geschrieben, wird der Städtename „Nandi“ ausgesprochen. Am Ende der Gangway spielen bunt gekleidete Fijianer Ukulele und schmettern den Besuchern ein kräftiges „Bula“ entgegen. Bastian Pastewka hat vor Jahren mal in einem Interview erzählt, dass „Bula“ auf Fiji sowohl „Willkommen“ als auch „Hallo“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #888888;">Samstag, 29. September 2007</span></p>
<p><strong>Fiji</strong></p>
<p>Wir landen auf dem internationalen Flughafen von Nadi. Obgleich „Nadi“ geschrieben, wird der Städtename „Nandi“ ausgesprochen. Am Ende der Gangway spielen bunt gekleidete Fijianer Ukulele und schmettern den Besuchern ein kräftiges „Bula“ entgegen. Bastian Pastewka hat vor Jahren mal in einem Interview erzählt, dass „Bula“ auf Fiji sowohl „Willkommen“ als auch „Hallo“ als auch „Bitte fahren Sie Ihren Wagen in Parkbucht Nummer 17“ heißen kann. Und damit hat er vollkommen Recht. Denn in den kommenden fünf Tagen höre und sage ich jede Stunde mindestens fünfzig Mal „Bula“.</p>
<div id="attachment_41216" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji001_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41216" title="Fiji001_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji001_680.jpg" alt="Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren.</p></div>
<p style="text-align: left;">Zum Glück muss ich mich im Urlaubsparadies der 330 tropischen Inseln um gar nichts kümmern, weil ich schon in Neuseeland das „Awsome Adventure“-Paket mit allen Transfers, Hotels, Mahlzeiten und Fährverbindungen gebucht habe. Kostenpunkt: 832 Neuseeland Dollar für fünf Tage und vier Nächte. Das sind rund 430 Euro. Mein Shuttlebus bringt mich zum Aquarius Fiji Hotel.</p>
<div id="attachment_41217" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji002_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41217" title="Fiji002_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji002_680.jpg" alt="Ankunft mit Air New Zealand auf dem Flughafen von Nadi. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Ankunft mit Air New Zealand auf dem Flughafen von Nadi.</p></div>
<p style="text-align: left;">Von hier soll jede Stunde ein Bus Richtung Stadtzentrum fahren. Schon auf dem Fahrplan steht ausdrücklich, dass er mal zehn Minuten früher, aber auch durchaus zehn Minuten später eintreffen kann. Man soll sich entsprechend auf diese „Fiji Time“ einstellen. Mit acht Minuten Verspätung tuckert das alte fensterlose Gefährt um die Kurve. Ich lasse mich in die verschlissenen Polster fallen. Nach 15 Minuten Fahrt durch grüne Wiesen, vorbei an Zuckerrohrfeldern und einem McDonald’s-Drive-In, der an der Einfahrt mit „Bula“ grüßt, erreiche ich die halbwegs moderne Innenstadt. Hier reihen sich nicht nur die Shops und Supermärkte aneinander, hier müssen Touristen auch erdulden, alle fünf Sekunden mit Verkaufsabsichten angequatscht zu werden. Dieser Spießroutenlauf nervt mich schnell.</p>
<div id="attachment_41218" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji003_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41218" title="Fiji003_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji003_680.jpg" alt="Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln.</p></div>
<p style="text-align: left;">Ich will mich am Ende der Hauptstraße in den kunterbunten Hindu-Tempel retten. Doch der begrüßt einen am Eingang mit dem handgeschriebenen Hinweis, dass man ihn nur mit Tourguide und zum Preis von 35 Dollar besuchen darf. Fotos vom Zaun aus seien außerdem verboten. Diese offenkundige Touristenabzocke veranlasst mich dazu, den Tempelbesuch zu streichen. Weil keiner guckt, mache ich schnell meine Fotos. Vom Zaun aus.<span id="more-41211"></span></p>
<div id="attachment_41219" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji004_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41219" title="Fiji004_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji004_680.jpg" alt="Hinduismus trifft auf Geschäftssinn: Nur wer den überteuerten Reiseleiter anheuert, darf den Tempel fotografieren." width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Hinduismus trifft auf Geschäftssinn: Nur wer den überteuerten Reiseleiter anheuert, darf den Tempel fotografieren.</p></div>
<p style="text-align: left;">Obwohl Nadi nach der Hauptstadt Suva die zweitgrößte Stadt auf der Insel Viti Levu ist, bietet sie nicht viel Sehenswertes. Ich laufe am Busbahnhof vorbei zum Prince Charles Park und werde neugierig, weil vor dem Sportstadion eine große Menschenmenge wartet. In diesem Moment fährt der Bus mit dem Rugby-Team von Nadi vor. Ich habe zwar keine Ahnung von Fijis Sportart Nummer eins, aber weil die Tickets für das Spiel nur zwei Dollar kosten, kaufe ich mir eines. Als einziger Europäer im Stadion wecke ich das Interesse vieler Zuschauer und Sportler. Selbst der Kapitän des Teams kommt vor dem Spiel auf mich zu und fragt höflich, ob ich ein Foto von ihm und seiner Mannschaft machen will. Ich will.</p>
<div id="attachment_41220" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji005_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41220" title="Fiji005_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji005_680.jpg" alt="Rugby gehört zu den beliebtesten Sportarten des Inselstaates. Im Stadion von Nadi sprechen sich die Mosi Steelers gegenseitig Mut zu. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Rugby gehört zu den beliebtesten Sportarten des Inselstaates. Im Stadion von Nadi sprechen sich die Mosi Steelers gegenseitig Mut zu.</p></div>
<div id="attachment_41221" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji006_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41221" title="Fiji006_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji006_680.jpg" alt="Einige Rugby-Spieler aus Nadi posieren kurz vor dem Anpfiff ihres Heimspiels vor der Kamera." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Einige Rugby-Spieler aus Nadi posieren kurz vor dem Anpfiff ihres Heimspiels vor der Kamera.</p></div>
<p style="text-align: left;">Nachdem das Spiel Nadi gegen Mosi gerade mal 15 Minuten läuft, verlasse ich das Stadion, weil ich unbedingt noch ins Kino Galaxy möchte. Das ist fest in der Hand von Bollywood-Filmen. Zu meiner großen Überraschung sind nämlich 46 Prozent der 800.000 Fijianer indischer Herkunft, was nicht nur den Hindu-Tempel und die vielen indischen Shops erklärt, sondern eben auch die vielen indischen Filme im Kino. Für 3,50 Dollar, rund 1,60 Euro, kaufe ich ein Ticket für den Thriller „Darling“. Dessen Handlung ist genauso schlicht wie die Klappstühle in dem Filmpalast, dessen einstige Pracht etliche Jahrzehnte zurückliegt.</p>
<div id="attachment_41224" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji007_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41224" title="Fiji007_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji007_680.jpg" alt="Ein junger Rugby-Fan im Stadion von Nadi. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Ein junger Rugby-Fan im Stadion von Nadi.</p></div>
<div id="attachment_41222" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji008_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41222" title="Fiji008_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji008_680.jpg" alt="Sponsoren spielen auch in Fijis Sportwelt eine dominierende Rolle." width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Sponsoren spielen auch in Fijis Sportwelt eine dominierende Rolle.</p></div>
<p style="text-align: left;">Als ich das Kino verlasse, ist der letzte öffentliche Bus zu meinem Hotel längst abgefahren. Der Taxifahrer verlangt überteuerte acht Dollar für den 15-minütigen Transfer zu meinem Nachtlager. Dort sorgt abends eine lokale Tanzgruppe für Bula und Stimmung, doch ich höre die Rhythmen nur vom Zimmer aus. Ich liege längst im Bett und bin reif für die Insel. Die heißt Kuata und ist mein morgiges Ziel.</p>
<div id="attachment_41223" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji009_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41223" title="Fiji009_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji009_680.jpg" alt="Das Kino des Inselstaates setzt vor allem auf Massenware aus Bollywood." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Das Kino des Inselstaates setzt vor allem auf Massenware aus Bollywood.</p></div>
<p style="text-align: left;"><span class="Apple-style-span" style="color: #888888;">Sonntag, 30. September 2007</span></p>
<p><strong>Kuata Island</strong></p>
<p>Tourist für Tourist steigt in den großen Reisebus, der am frühen Morgen die einzelnen Hotels in Nadi abklappert und die Schar der Sonnenhungrigen zur Halbinsel Denarau bringt. Dort liegt der Hafen, von dem aus die vielen großen und kleinen Inseln der Region angesteuert werden. Auf unsere Gruppe wartet ein großer Katamaran, der täglich eine Strecke von 90 Kilometern fährt. Zuerst vorbei an den Mamanuca Islands, dann weiter zur Inselkette Yasawa. Jede Insel, jedes Resort, jeder Ferienclub entsendet jeweils ein kleines Boot und holt die Gäste vom Katamaran ab: „Bula everybody!“</p>
<div id="attachment_41225" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji010_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41225" title="Fiji010_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji010_680.jpg" alt="„Bula“ ist die Standardbegrüßung auf allen Inseln Fijis. Auch McDonald’s begrüßt seine Gäste in der Landessprache." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">„Bula“ ist die Standardbegrüßung auf allen Inseln Fijis. Auch McDonald’s begrüßt seine Gäste in der Landessprache.</p></div>
<p style="text-align: left;">Nach gut anderthalb Stunden wird Kuata Island ausgerufen. Eine Südafrikanerin, ebenfalls auf Weltreise, und ich besteigen ein kleines Boot und werden zum nahe gelegenen Strand gebracht. Kuata ist winzig klein und bietet neben dem Resort nur ein paar Berge vulkanischen Ursprungs, einige Strände und viel Wald. Von Kuata aus werden zwar Halbtagestouren zu einem Dorf auf der Nachbarinsel durchgeführt, doch weil heute Sonntag ist, entfällt dieses Angebot.</p>
<div id="attachment_41226" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji011_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41226" title="Fiji011_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji011_680.jpg" alt="Die Katamaran-Fähre klappert täglich alle bewohnten Inseln ab und bringt die Touristen zu ihren Feriendomizilen. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die Katamaran-Fähre klappert täglich alle bewohnten Inseln ab und bringt die Touristen zu ihren Feriendomizilen.</p></div>
<p style="text-align: left;">Ich starte meine Erkundung des kleinen Eilands und komme unterwegs mit einem australischen Touristen ins Gespräch. Chris ist Lehrer in Brisbane und hat mit seiner Freundin, die ebenfalls Lehrerin ist, ein paar Tage auf Kuata verbracht. Wir werden zum Mittagessen gerufen und ich lerne die anderen Gäste auf der Insel kennen. Zwei Schwedinnen, eine Kanadierin und eben die Südafrikanerin Lesley, mit der ich auf die Insel gebracht wurde. Außerdem ist hier noch die Italienerin Francesca. Sie hat vor zwei Monaten Urlaub auf Kuata gemacht und sich dabei in einen der wenigen Inselbewohner verliebt. Einen Monat will sie noch hier bleiben, dann werden beide gemeinsam nach Rom ziehen. Tja, ich drücke die Daumen.</p>
<div id="attachment_41227" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji012_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41227" title="Fiji012_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji012_680.jpg" alt="Der Inselstaat Fiji besteht aus einem Archipel von 332 Inseln unterschiedlicher Größe im Südpazifik. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Der Inselstaat Fiji besteht aus einem Archipel von 332 Inseln unterschiedlicher Größe im Südpazifik.</p></div>
<p style="text-align: left;">An Wochentagen wird für zehn Fiji Dollar eine geführte Tour auf den höchsten Felsen von Kuata angeboten, der eine prächtige Aussicht auf die Inselkette ermöglicht. Am heutigen Sonntag ruht leider auch diese Tour, doch das australische Paar erklärt mir, wie ich auf eigene Faust dorthin komme. Ich steige den gut erkennbaren Pfad hoch, teste eine vermeintliche Abkürzung und verlaufe mich im dichten Gehölz. Irgendwann bin ich dann doch ganz oben, genieße den Ausblick und verewige meinen geglückten Aufstieg, indem ich einen großen Steinhaufen um einen weiteren kleinen Stein erhöhe. Der Rückweg ist beschwerlich, weil es steil bergab geht. Die Zehen meines linken Fußes beißen sich dermaßen in den Schuh fest, dass hinterher zwei Pflaster fällig sind, um die Blasen und Schürfwunden zu kurieren.</p>
<div id="attachment_41228" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji013_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41228" title="Fiji013_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji013_680.jpg" alt="Ein „Chauffeur“ bringt die Gäste von der Fähre nach Kuata Island. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Ein „Chauffeur“ bringt die Gäste von der Fähre nach Kuata Island.</p></div>
<p style="text-align: left;">Unerwartete Verletzungsgefahr birgt auch die Hängematte, die verlockend vor meinem schlichten Ferienhaus schaukelt. Als ich mich in sie hineinwerfe, dauert es keine zwei Sekunden, bis ich nach einer kräftigen Umdrehung wie ein Stein zu Boden plumpse. Keine Ahnung, warum das Teil dermaßen straff zwischen zwei Bäumen gespannt sein muss. Ans sichere Hinlegen ist auf diesem geflochtenen Brett auf jeden Fall nicht zu denken.</p>
<div id="attachment_41229" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji014_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41229" title="Fiji014_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji014_680.jpg" alt="Typischer Wohnbungalow auf Kuata Island. Die Türen haben keine Schlösser, weil auf der nahezu unbewohnten Insel keine Kriminalität droht. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Typischer Wohnbungalow auf Kuata Island. Die Türen haben keine Schlösser, weil auf der nahezu unbewohnten Insel keine Kriminalität droht.</p></div>
<p style="text-align: left;">Das Abendessen ist fertig. Weil die Australier und Schwedinnen am Nachmittag die Insel verlassen haben, sind wir jetzt nur noch drei Gäste auf Kuata. Kelly, eine Kanadierin, die zurzeit als Lehrerin in Auckland unterrichtet, möchte morgen bei Sonnenaufgang ihren Gutschein für die Besteigung des Inselberges einlösen, doch leider findet sich kein Tourguide, der um fünf Uhr in der Frühe aufstehen will. Ich biete mich als Ersatzführer an und nehme gern in Kauf, dass dieser Frühsport meinen Zehen den Rest geben wird.</p>
<div id="attachment_41230" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji015_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41230" title="Fiji015_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji015_680.jpg" alt="Sonnenuntergang über dem Pazifik, betrachtet vom Strand von Kuata Island. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Sonnenuntergang über dem Pazifik, betrachtet vom Strand von Kuata Island.</p></div>
<p style="text-align: left;">Am Abend begegnet mir in meinem Haus die erste Kakerlake meiner Weltreise. Sie klettert mir aus meinem Rucksack entgegen, lässt sich aber nicht erwischen, sodass ich kurzerhand den Rucksack samt Inhalt vor die Tür werfe. Hier auf Kuata kommt eh nichts weg. Deshalb haben die Türen der Ferienhäuser auch kein Schloss.</p>
<div id="attachment_41231" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji016_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41231" title="Fiji016_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji016_680.jpg" alt="Sonnenaufgang über dem Pazifik, betrachtet vom höchsten Hügel auf Kuata Island." width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Sonnenaufgang über dem Pazifik, betrachtet vom höchsten Hügel auf Kuata Island.</p></div>
<p style="text-align: left;"><span class="Apple-style-span" style="color: #888888;">Montag, 1. Oktober 2007</span></p>
<p><strong>Kuata und Naviti Island</strong></p>
<p>Der Wecker klingelt um 4.45 Uhr. Der Stromgenerator auf der Insel läuft um diese Zeit leider noch nicht, sodass ich mich in meinem Haus in völliger Dunkelheit orientieren muss. Irgendwo im Koffer müsste die kleine Taschenlampe liegen, doch die ist ohne Taschenlampe schwer zu finden. Mit Hilfe des leuchtenden Handydisplays ist die Suche aber doch erfolgreich.</p>
<div id="attachment_41232" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji017_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41232" title="Fiji017_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji017_680.jpg" alt="Gleich geht’s ins Wasser zu den Riffhaien. Ein Mitarbeiter der Tauch- und Schnorchelfirma schaut erstmal nach, in welcher Stimmung die Tiere heute sind. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Gleich geht’s ins Wasser zu den Riffhaien. Ein Mitarbeiter der Tauch- und Schnorchelfirma schaut erstmal nach, in welcher Stimmung die Tiere heute sind.</p></div>
<p style="text-align: left;">Kelly kommt um fünf Uhr an meinem Haus vorbei. Wir gehen zunächst wieder über den gut erkennbaren Pfad. Diesmal will ich eine andere Abkürzung zum Gipfel des Berges nutzen, die sich aber als noch steiler erweist als die gestrige. Weil die Sonne schon am Horizont zu erkennen ist, kippen wir unseren Plan, den Berg bis zum Gipfel zu erklimmen, und betrachten den Sonnenaufgang von einem baumfreien Berghang aus.</p>
<div id="attachment_41233" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji018_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41233" title="Fiji018_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji018_680.jpg" alt="Autor Michael Scholten trägt die Taucherbrille Probe, bevor er ins Boot und später zu den Riffhaien ins Wasser steigt. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Autor Michael Scholten trägt die Taucherbrille Probe, bevor er ins Boot und später zu den Riffhaien ins Wasser steigt.</p></div>
<p style="text-align: left;">Nach dem Frühstück folgt das nächste Abenteuer: Schnorcheln mit den Riffhaien. Hätte mir 24 Stunden vorher einer gesagt, dass ich an dieser Unternehmung teilnehmen werde, hätte ich ihm vermutlich einen Vogel gezeigt. Aber jetzt sitze ich mit zwei Einheimischen und Kelly in einem Holzboot und lasse mich vom Benzinmotor eine halbe Stunde lang zum Riff rausfahren. Lesley ist lieber auf der Insel geblieben. Als Südafrikanerin hat sie von zu vielen Haiattacken auf Menschen gehört.</p>
<p>Maske auf, Schnorchel in den Mund, rein ins Wasser. Die Korallenwelt, die ich in dem 30 Meter tiefen Wasser erblicke, raubt mir den Atem. Es dauert keine zwei Minuten, bis die ersten Riffhaie auftauchen. In der Theorie hatte ich es so verstanden, dass ich die Haie aus sicherer Entfernung von der Wasseroberfläche aus beobachte, während ein mutiger Fijianer 20 Meter unter mir die Tiere mit frisch harpunierten Fischen füttert. In der Praxis erkenne ich jetzt aber, dass die Haie bis auf einen Meter Entfernung lustig auf mich zu schwimmen. Mir geht ein wenig die Muffe, aber letztlich bin ich von dieser Begegnung sehr fasziniert. Die Haie sind zwischen einem und anderthalb Metern lang. Aber vermutlich werden sie künftig immer größer, je öfter ich die Geschichte erzähle.</p>
<div id="attachment_41234" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji019_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41234" title="Fiji019_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji019_680.jpg" alt="Bootstransfer auf kristallklarem Wasser zum Korovou Eco Tour Resort auf Naviti Island." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Bootstransfer auf kristallklarem Wasser zum Korovou Eco Tour Resort auf Naviti Island.</p></div>
<p style="text-align: left;">Nach 30 Minuten im Riff müssen wir zurück nach Kuata. Am Ufer steigt Kelly aus dem Boot und Lesley hinein. Auch mein Koffer wird in den kleinen Holzkahn getragen. In der Ferne ist schon der Katamaran zu sehen, der pünktlich um 10.30 Uhr vor Kuata hält und uns an Bord nimmt. Das nächste Ziel: Naviti Island, wo ich zwei Nächte im Korovou Eco Tour Resort verbringen werde. Gegen 12 Uhr sind wir dort. Lesley ist ebenfalls für das Resort gebucht, außerdem nimmt eine Lehrerin aus London in unserem kleinen Transferboot Platz. Sie ist seit acht Monaten auf Weltreise.</p>
<p>Das Personal des Resorts trägt farbenfrohe Hemden und singt zu Gitarrenklängen ein Begrüßungslied: „Bula everybody!“ Auch zwei süße Mädchen von zwei und drei Jahren begrüßen die neuen Gäste. Die zweijährige Polay ist dank ihrer von der Sonne blond gebleichten Haare der Star der Insel und posiert für jedes Foto. Selten habe ich ein so sonniges Gemüt und Energiebündel erlebt.</p>
<div id="attachment_41235" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji020_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41235" title="Fiji020_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji020_680.jpg" alt="Schon wieder Bula! " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Schon wieder Bula!</p></div>
<p style="text-align: left;">Beim Mittagessen lerne ich die anderen Gäste im Resort kennen. Darunter ein Schreiner aus Irland, der mit seiner Freundin ein Jahr Ozeanien und Asien bereist und unterwegs immer mal wieder Jobs annimmt, um die nächste Etappe zu finanzieren. Und eine Versicherungsmaklerin aus London, die sich für ihre Weltreise hat beurlauben lassen. Einmal mehr bin ich überrascht, wie viele Weltreisende es gibt, die – wie ich – freiwillig auf Zeit oder für immer ihre alte Existenz aufgeben und nun in anderen Ländern auf Gleichgesinnte treffen.</p>
<div id="attachment_41236" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji021_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41236" title="Fiji021_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji021_680.jpg" alt="Die zweijährige Polay ist dank ihrer von der Sonne gebleichten Haare der Star der Insel Naviti und posiert gern für Fotos. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Die zweijährige Polay ist dank ihrer von der Sonne gebleichten Haare der Star der Insel Naviti und posiert gern für Fotos.</p></div>
<p style="text-align: left;">Im Gegensatz zu Kuata ist Naviti eine große Insel. Zu groß, um sie komplett zu Fuß zu erkunden. Die Kanadierin Nora, die ebenfalls auf Weltreise ist und zwei Monate lang im Korovou Eco Ressort als Masseuse jobbt, gibt mir den Tipp, dass der Honeymoon Beach einen Besuch wert sei. Dafür muss ich über einen kleinen Hügel klettern und auf der anderen Seite zwei Dollar in eine Spendenbox werfen. Ich fische einen Geldschein aus meiner Tasche und amüsiere mich darüber, dass Königin Elisabeth II., die auf allen Geldscheinen abgebildet ist, stets lachend ihre Zähne zeigt. Auf britischem Geld wäre das undenkbar, aber die gute Laune der Fijianer macht offenbar auch vor königlichen Porträts nicht Halt. Bula!</p>
<div id="attachment_41237" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji022_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41237" title="Fiji022_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji022_680.jpg" alt="Gute Laune ist ansteckend. Auf den Fiji-Dollar-Banknoten zeigt sogar Queen Elizabeth II. Zähne. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Gute Laune ist ansteckend. Auf den Fiji-Dollar-Banknoten zeigt sogar Queen Elizabeth II. Zähne.</p></div>
<p style="text-align: left;">Der Honeymoon Beach ist malerisch und einsam, allerdings muss man vermutlich wirklich auf Honeymoon, also in den Flitterwochen sein, um die Vorzüge dieses Strandes schätzen zu lernen. Mein Plan, ein faules Sonnenbad am Strand zu nehmen, wird von einem kleinen Wetterumschwung durchkreuzt. Kaum liege ich zwei Minuten am Boden, ziehen Wolken vor die Sonne und schütten kräftigen, aber immerhin warmen Regen aus. Egal. Wenig später wird eh das Abendessen serviert. Nachdem ich vier Wochen lang in Neuseeland abends allein im Hotelzimmer gehockt habe, genieße ich den Austausch mit anderen Weltreisenden sehr. Ich bin zurück im Leben und lade meine Akkus für die nächsten Reiseetappen auf.</p>
<div id="attachment_41238" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji023_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41238" title="Fiji023_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji023_680.jpg" alt="Eine hiesige Inselschönheit trägt exotische Blüten im Haar. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Eine hiesige Inselschönheit trägt exotische Blüten im Haar.</p></div>
<p style="text-align: left;">Es folgt ein Bula-Begrüßungstanz, den die männlichen Resort-Angestellten für uns drei Neuankömmlinge aufführen. Wer will, kann mittanzen. Ich will nicht.</p>
<p><span style="color: #888888;">Dienstag, 2. Oktober 2007</span></p>
<p><strong>Naviti Island</strong></p>
<p>Um neun Uhr beginnt die Village Tour für 25 Dollar. Lesley aus Südafrika, drei Londonerinnen und ich besteigen das motorisierte Holzboot. Nach 15 Minuten erreichen wir Gaunavou. Die Frauen des Dorfes breiten schnell ihre selbst gemachten Schmuckstücke und andere Souvenirs für die Touristen aus, die Männer bereiten alles für die Kava-Zeremonie vor. Kava ist ein flüssiges Rauschmittel, das aus der Wurzel einer Pfefferpflanze gewonnen wird. Als einziger Mann und zugleich noch Ältester in unserer kleinen Reisegruppe gebührt mir die Ehre, als erstes Versuchskaninchen die braune Plörre aus einer halben Kokosschale zu trinken. Sie schmeckt zum Glück nicht so schrecklich wie erwartet, wird aber trotzdem nie mein Lieblingsgetränk werden. Erst später erfahre ich, dass der Gährungsprozess in Gang gesetzt wurde, indem die Männer alle mal in die Schüssel gespuckt haben.</p>
<div id="attachment_41239" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji024_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41239" title="Fiji024_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji024_680.jpg" alt="Der Chef der berauschenden Kava-Zeremonie ist zu allem entschlossen." width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Der Chef der berauschenden Kava-Zeremonie ist zu allem entschlossen.</p></div>
<p style="text-align: left;">Wir besuchen die Grundschule von Gaunavou. 130 Kinder in blau-weißen Uniformen reihen sich im Schatten der großen Bäume auf und singen für uns die Nationalhymne von Fiji. Es folgen weitere Lieder und Tänze. Die Kinder lernen an ihrer Schule Englisch, sprechen auf ihren nahe gelegenen Heimatinseln aber vorwiegend einen der vielen Fiji-Dialekte. Bei den Besuchen der ausländischen Touristen nutzen sie mit großer Freude die Gelegenheit, ihre neu gelernten Vokabeln anzuwenden. Mit noch größerer Freude lassen sie sich fotografieren. Wann immer ich die Kamera zücke, versammeln sich erst zehn, dann 20, dann 30 Kinder auf engstem Raum. Solche Begegnungen liebe ich.</p>
<div id="attachment_41240" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji025_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41240" title="Fiji025_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji025_680.jpg" alt="Ein Schüler der Grunavou Primary School führt lokale Tänze auf. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Schüler der Grunavou Primary School führt lokale Tänze auf.</p></div>
<p style="text-align: left;">Nach dem Mittagessen lade ich die frischen Fotos auf mein Notebook. Das weckt sofort das Interesse der Fijianer. Wir unterhalten uns ausgiebig. Samson, ein 17-jähriger Angestellter im Resort, bietet mir eine Tour hinter den Kulissen der Anlage an. Erst besuchen wir seine Großeltern, die mich mit großer Gastfreundschaft in ihrem kleinen Haus empfangen, dann streifen wir durch Bananen- und Kokosplantagen bis ans Ende des Strandes, wo wir die Schweine füttern. Auf dem Heimweg legen wir einen Fotostopp bei drei Frauen ein, die aus Bananenblättern Körbe flechten, und in der kleinen Waschküche von Rachel, die heute für gerade mal zehn Fiji Dollar einen Großteil meiner Klamotten reinigt.</p>
<div id="attachment_41241" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji026_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41241" title="Fiji026_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji026_680.jpg" alt="Samson macht die Fütterung der Schweine zu einem Highlight der privaten Inselführung." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Samson macht die Fütterung der Schweine zu einem Highlight der privaten Inselführung.</p></div>
<p style="text-align: left;">Am Ende des Tages weiß ich: Naviti Island gefällt mir sehr, sehr gut. Hier regiert nicht der Kommerz wie auf vielen anderen Inseln oder in Nadi. Hier haben die Besucher und die wunderbaren Einheimischen gemeinsam eine angenehme Zeit, lernen voneinander und respektieren sich. Hinzu kommt, dass sich hier nicht die Partymeute versammelt, wie sie zum Beispiel auf Beachcomber Island zu finden ist. Auch die heutigen Neuankömmlinge aus Neuseeland und Kanada erweisen sich beim Abendessen als interessante Gesprächspartner. Hier könnte ich es länger aushalten, doch leider werde ich Fiji morgen verlassen.</p>
<p><span style="color: #888888;">Mittwoch, 3. Oktober 2007</span></p>
<p><strong>Naviti Island und Nadi</strong></p>
<div id="attachment_41242" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji027_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41242" title="Fiji027_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji027_680.jpg" alt="Autor Michael Scholten erforscht das südpazifische Schönheitsideal. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Autor Michael Scholten erforscht das südpazifische Schönheitsideal.</p></div>
<p style="text-align: left;">Eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg. Den großen Familienbetrieb vom Korovou Eco Tour Resort auf Naviti habe ich innerhalb nur eines Tages regelrecht ins Herz geschlossen. Was offenbar auf Gegenseitigkeit beruht. Den ganzen Vormittag über werde ich freundlich mit Namen gegrüßt und ständig kommen Besucher auf meine kleine Veranda, um sich die gestern gemachten Fotos auf meinem Notebook anzuschauen. Ich brenne die Fotos auf CD und schenke sie Samson. Stellvertretend für alle Bewohner der Insel, sodass sie sich die Bilder auf den durchaus modernen Computern im kleinen Internetcafé des Resorts anschauen können.</p>
<div id="attachment_41243" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji028_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41243" title="Fiji028_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji028_680.jpg" alt="Im Schatten der Kokospalmen flechten die Frauen Körbe aus Bananenblättern. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Im Schatten der Kokospalmen flechten die Frauen Körbe aus Bananenblättern.</p></div>
<p style="text-align: left;">Um 14.20 Uhr erscheint der große Katamaran wieder am Horizont. Ein kleines Holzboot fährt uns rüber. Es beginnt die dreistündige Heimfahrt nach Nadi. Von dort aus nehme ich den kostenlosen Shuttle zum Internationalen Flughafen. Vor mir liegt die längste Flugreise meines Lebens: Mit drei Mal Umsteigen werde ich insgesamt 40 Stunden unterwegs sein, um via Los Angeles, Guatamala City und Panama City schließlich in Santiago de Chile zu landen.</p>
<div id="attachment_41244" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji029_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41244" title="Fiji029_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji029_680.jpg" alt="Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?!" width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?!</p></div>
<div id="attachment_41245" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji030_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41245" title="Fiji030_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji030_680.jpg" alt="Im Hafen der Halbinsel Denarau starten und enden die täglichen Fährfahrten zu den Touristeninseln. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Im Hafen der Halbinsel Denarau starten und enden die täglichen Fährfahrten zu den Touristeninseln.</p></div>
<p style="text-align: left;">Der Flughafen von Nadi erweist sich als sehr modern, sodass ich dort gut die dreistündige Wartezeit rumkriege. Eigentlich will ich meine letzten 69 Fiji Dollar gegen US Dollar umtauschen, doch dann entdecke ich im Duty-Free-Shop Nike-Sportschuhe, die auf exakt 69 Fiji Dollar runtergesetzt worden sind. Weil meine in Tokyo gekauften Schuhe bald auseinanderfallen werden, lege ich mir die neuen Treter zu.</p>
<div id="attachment_41246" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji031_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41246" title="Fiji031_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Fiji031_680.jpg" alt="Die erste von zwei Bordmahlzeiten auf dem zehneinhalbstündigen Flug von Nadi nach Los Angeles, der über die Datumsgrenze führt.    " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die erste von zwei Bordmahlzeiten auf dem zehneinhalbstündigen Flug von Nadi nach Los Angeles, der über die Datumsgrenze führt.</p></div>
<p style="text-align: left;">Das Flugzeug von Air New Zealand startet pünktlich um 22.30 Uhr. Zum Glück ist es nur zu einem Drittel besetzt. Deshalb zieht der alte, muffelige Mann, den mir die Airline auch diesmal wieder an die Seite gesetzt hat, schon nach wenigen Minuten in eine der hinteren Sitzreihen um. Dort kann er sich komplett hinlegen. Ich mache es mir auf meinem Doppelsitz bequem und schlafe auch direkt nach dem Abendessen ein. Als ich wieder wach werde, läuft bereits der dritte Bordfilm. Der zehneinhalbstündige Flug nach Los Angeles ist weitgehend geschafft.</p>
<p><span style="color: #888888;">Noch einmal: Mittwoch, 3. Oktober 2007</span></p>
<p><strong>Los Angeles</strong></p>
<p>Dieser 3. Oktober wird mir in ewiger Erinnerung bleiben: als längster Tag in meinem Leben. Weil der Flug von Fiji nach Los Angeles über die Datumsgrenze geht, profitiere ich von einem kuriosen Phänomen. Obwohl ich am 3. Oktober erst um 22.30 Uhr in Nadi abgeflogen bin, komme ich ebenfalls am 3. Oktober schon um 14 Uhr in Los Angeles an. So gesehen, habe ich im Flug einen Reisetag geschenkt bekommen.</p>
<p><em>Michael Scholten</em></p>
<p><span style="color: #888888;"><a href="http://www.michaelscholten.com/reisebuch.htm" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-41213" title="013_Buchtitel1" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/013_Buchtitel11.jpg" alt="" width="220" height="312" /></a>Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist <strong>Michael Scholten</strong> (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin, Spiegel Online) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine längste Reise, die ihn innerhalb von 413 Tagen in 40 Länder führte, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” erschienen. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter <a href="http://www.michaelscholten.com/" target="_blank"><span style="color: #888888;">www.michaelscholten.com</span></a> zu haben.</span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_scholten/41211/fiji-reisewelten/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Hitler im Vogelkäfig sorgt für Debatte</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/henryk_goldberg/41120/hitler-im-vogelkafig-sorgt-fur-debatte-braune-vogel</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/henryk_goldberg/41120/hitler-im-vogelkafig-sorgt-fur-debatte-braune-vogel#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 27 Jan 2012 08:15:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henryk Goldberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41120</guid>
		<description><![CDATA[MELDUNG Ein kleiner Adolf Hitler in Uniform, der grüßend in einem Vogelkäfig eingesperrt ist. Die provokante Plastik des Weimarer Bauhaus-Studenten Sebastian Hertrich werden die Gäste der Ausstellungseröffnung am Donnerstag auf dem Fraktionsflur der Grünen im Landtag nicht gleich sehen. Das Kunstwerk steht in einem Beratungsraum. (Kai Mudra, Thüringer Allgemeine,  26.01.12)
&#160;
KOMMENTAR von Henryk Goldberg: Braune  Vögel
Natürlich, streiten kann man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_41121" class="wp-caption aligncenter" style="width: 523px"><a href="http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Hitler-im-Vogelkaefig-sorgt-fuer-Debatte-1554495768" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41121  " title="Hitlerkäfig513" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Hitlerkäfig513.jpg" alt="" width="513" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Nur in einem Zimmer darf Sebastian Hertrich sein Kunstprojekt &quot;Your Brown Cage&quot; - einen Käfig mit Hitlerfigur - im Landtag zeigen. Foto: Sascha Fromm </p></div>
<p><span style="color: #ff0000;">MELDUNG</span> Ein kleiner Adolf Hitler in Uniform, der grüßend in einem Vogelkäfig eingesperrt ist. Die provokante Plastik des Weimarer Bauhaus-Studenten Sebastian Hertrich werden die Gäste der Ausstellungseröffnung am Donnerstag auf dem Fraktionsflur der Grünen im Landtag nicht gleich sehen. Das Kunstwerk steht in einem Beratungsraum. (<a href="http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Hitler-im-Vogelkaefig-sorgt-fuer-Debatte-1554495768" target="_blank">Kai Mudra, Thüringer Allgemeine,  26.01.12</a>)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #ff0000;">KOMMENTAR </span>von Henryk Goldberg: <span style="font-size: medium; color: #800000;">Braune  Vögel</span></p>
<p>Natürlich, streiten kann man immer. Ob das Kunst ist? Der kleine Hitler im Vogelkäfig, wir stellten ihn gestern vor. Aber im Grunde ist das die falsche Frage, denn was Kunst ist, das kann niemand dekretieren. Die Frage heißt allenfalls, wie überzeugend diese Kunst ist.<br />
Aber darum geht es nicht. Es geht darum, ob man so etwas in einem sensiblen politischen Raum zeigen darf. Die Präsidentin des Thüringer Landtages entschied: nein. Und so darf das Objekt nicht in einem Korridor des Parlamentes gezeigt werden, sondern nur hinter einer verschlosssenen Tür, hinter der die grüne Fraktion einen Raum hat.<br />
Wieso?<br />
Die grundlegende Haltung hinter diesem Kunstobjekt ist vollkommen unmissverständlich. Und wenn der Betrachter assoziiert, es liege an ihm, an jedem Betrachter, „Your Brown Cage“ geschlossen zu halten, es liege an ihm, wie er das braune Gezwitscher empfindet, dann ist das nicht falsch.<br />
Diese Entscheidung steht für die große Unsicherheit der regierenden Politik, gerade im atmosphärischen Umfeld der Nazi-Terror-Szene. Nur nicht provozieren. Indessen, ich mindestens sehe in einem Hitler-Käfig keine Provokation. Was ist daran falsch?<br />
Eine Provokation ist jetzt die Beobachtung der Linkspolitiker. Exakt durch jenen Dienst, dem es nicht gelang, die kleinen Hitlers einzusperren.</p>
<p><em>Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 27.01.2012</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/henryk_goldberg/41120/hitler-im-vogelkafig-sorgt-fur-debatte-braune-vogel/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kunstaktion der Berlin Biennale (II)</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/41038/kunstler-wie-journalisten</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/41038/kunstler-wie-journalisten#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 19:38:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41038</guid>
		<description><![CDATA[Die Berlin Biennale übt eine neue Semantik, und Chantal Mouffe verteidigt Sarrazin-Sammelstelle
Künstler wie Journalisten
Abgabepunkte. Die neutrale Vokabel, mit der die Berlin Biennale zwischenzeitlich das Wort „Sammelstelle“ ersetzt hat, zeigt: Der Vorwurf, die Kunstaktion „Deutschland schafft es ab“ des tschechischen Künstlers Martin Zet für die 7. Ausgabe der Biennale erinnere an die „Bücherverbrennung“ der Nazis, hat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #888888;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/800px-Sarrazin_book_pres_a4_3201.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-41040" title="800px-Sarrazin_book_pres_a4_320" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/800px-Sarrazin_book_pres_a4_3201.jpg" alt="" width="320" height="209" /></a><span style="color: #800000; font-size: medium;">Die Berlin Biennale übt eine neue Semantik, und Chantal Mouffe verteidigt Sarrazin-Sammelstelle</span></span></p>
<p><span style="color: #888888;">Künstler wie Journalisten</span></p>
<p>Abgabepunkte. Die neutrale Vokabel, mit der die Berlin Biennale zwischenzeitlich das Wort „Sammelstelle“ ersetzt hat, zeigt: Der Vorwurf, die Kunstaktion „Deutschland schafft es ab“ des tschechischen Künstlers Martin Zet für die 7. Ausgabe der Biennale erinnere an die „Bücherverbrennung“ der Nazis, hat sie doch stärker getroffen. Attraktiver hat die neue Semantik das Projekt aber nicht gemacht.</p>
<p>Thilo Sarrazins umstrittenen Bestseller massenhaft zum Altpapiercontainer zu tragen wie ein abgelaufenes Telefonbuch, formuliert nämlich keine Antwort auf den selbst ernannten Rassentheoretiker, die über formale Ablehnung hinausginge. Da ist es ein wenig schleierhaft, warum Chantal Mouffe diese lahme Geste zur „visuellen“ Reaktion einer „kritischen Kunstpraxis“ nobilitiert. So hat die belgische Politologin dieser Tage das Projekt auf der Biennale-Website verteidigt. Artur Zmijewski, ihr gleichfalls in die Schusslinie geratener Kurator, musste sich offenbar intellektuelle Schützenhilfe organisieren.</p>
<p>Die wird er brauchen können: Der Arbeit seines Gastes gebricht es nämlich deutlich an Fantasie. Mit Musik, Malerei, Performance, Theater, Video oder Film Sarrazins krude Mixtur aus Rassismus und Eugenik zu konterkarieren, könnte eine der spannendsten ästhetischen Herausforderungen unserer Zeit sein. Doch Zet entledigt sich ihrer mit Hilfe des Komposthaufens.<span id="more-41038"></span></p>
<p>Auch die „radikale und provokative Institutionenkritik“, als die manche Häuser Zets Aktion sehen, pumpt das Paradebeispiel eines hilflosen Antirassismus zu unverdienter Größe auf. Verglichen mit dem Pissoir, mit dem Marcel Duchamp die Institution Museum hinterfragte, wird die intellektuelle Fallhöhe deutlich. Seine Epigonen haben die Frage, was Kunst-Institutionen zulassen dürfen, ebenso zum Kleingeld des internationalen Kunstbetriebs entwertet wie Zmijewskis erklärter Versuch, „Kunst und Kultur zu politisieren“.</p>
<p>Walter Benjamins schöne Idee mutierte in den letzten 15 Jahren auf den meisten Biennalen zum Fiebertraum einer Politkunst, die so schmissig ist wie die „Randale“ der Petersburger Kunstaktivisten von „Woina“, die Zmijewski zu Co-Kuratoren der Berlin Biennale gemacht hat. Die fackeln gern mal eine Polizeiwanne ab. Und dass ein Künstler als Kurator eines Tages „Politisierung“ so definieren würde, dass „Künstler sich wie Journalisten einmischen können“ (Zmijewski), hätte sich der Passagen-Mann sicher auch nicht träumen lassen.</p>
<p><em>Ingo Arend</em></p>
<p><em>Bild: Thilo Sarrazin, bei der Vorstellung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ <a href="http://de.creativecommons.org/">CC</a> by Richard Hebstreit from Berlin, Germany</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/41038/kunstler-wie-journalisten/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kunstaktion der Berlin Biennale (I)</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/41004/kunstaktion-der-berlin-biennale</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/41004/kunstaktion-der-berlin-biennale#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 16:21:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41004</guid>
		<description><![CDATA[So unterkomplex wie Sarrazin
An verschiedenen Orten in Deutschland werden Depots für die Abgabe des Buches „Deutschland schafft sich ab“ eingerichtet. Es handelt sich um ein Kunstprojekt.
„Deutschland schafft sich ab“. 1,3 Millionen Exemplare hat Thilo Sarrazin von seinem umstrittenen Bestseller verkauft. Angesichts dieses sensationellen Erfolgs quält viele die Frage, welches Kraut gegen dieses antimuslimische Dossier eigentlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #808080;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/800px-Sarrazin_book_pres_a4_320.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-41007" title="800px-Sarrazin_book_pres_a4_320" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/800px-Sarrazin_book_pres_a4_320.jpg" alt="" width="320" height="209" /></a><span style="color: #800000; font-size: medium;">So unterkomplex wie Sarrazin</span></span></p>
<p><span style="color: #808080;">An verschiedenen Orten in Deutschland werden Depots für die Abgabe des Buches „Deutschland schafft sich ab“ eingerichtet. Es handelt sich um ein Kunstprojekt.</span></p>
<p>„Deutschland schafft sich ab“. 1,3 Millionen Exemplare hat Thilo Sarrazin von seinem umstrittenen Bestseller verkauft. Angesichts dieses sensationellen Erfolgs quält viele die Frage, welches Kraut gegen dieses antimuslimische Dossier eigentlich gewachsen ist.</p>
<p>Der Berlin Biennale dürfen wir zumindest für die Erkenntnis dankbar sein, wie dieser Geisteshaltung auf keinen Fall zu begegnen ist. „Deutschland schafft es ab“ heißt die „raumgreifende Installation“, mit der sich der Bildhauer und Videokünstler Martin Zet an der 7. Ausgabe der Schau beteiligen will, die die Kunst-Werke in der Hauptstadt im April veranstalten.</p>
<p>An unterschiedlichen Orten in Berlin und in ganz Deutschland werden in den nächsten Tagen Depots für die Abgabe des Buches eingerichtet. Aus den gesammelten Exemplaren will der 1959 in Tschechien geborene Künstler eine Installation bauen, wenn die Biennale eröffnet. Wenn sie endet, sollen die Bücher recycelt werden.<span id="more-41004"></span></p>
<p style="text-align: left;">Dass die Aktion einem aktionistischen Missverständnis von politischer Kunst folgt, ließe sich noch verschmerzen. Artur Zmijewski, der provokationssüchtige Kurator der Biennale, hat es seiner Schau vorgegeben. Wenn Zets verquere Idee von dem „Buch als aktivem Werkzeug, das es den Menschen ermöglicht, ihre eigene Position zu bekunden“, nicht so zielstrebig an der Aufgabe vorbeiginge, Sarrazin mit Argumenten zu bekämpfen, statt bloß das Corpus Delicti aus der Welt zu schaffen. Verschwindet der Alltagsrassismus aus den Köpfen der Deutschen, wenn es 60.000 Sarrazin-Bücher weniger gibt? 5 Prozent der Gesamtauflage des Schmökers will der Künstler entsorgen.</p>
<p>Zet manövriert sich auch ohne Not in die Nähe einer heiklen Symbolik. Zwar ruft der Tscheche nicht zur Bücherverbrennung auf. Doch der Hinweis auf die Ästhetik des Recyclings überzeugt nicht. Denn das Wort „Sammelstelle“, mit der der Künstler die Orte bezeichnet, an denen Teilnahmewillige ihr Sarrazin-Buch loswerden können, ist zumindest doppeldeutig. Zusammen mit der Vokabel „Entgiftungsaktion“ weckt das ungute Assoziationen an Volkshygiene und Deportation.</p>
<p>Es ist ein Zeichen falsch verstandener Solidarität, dass so viele renommierte Kultur-Institutionen bei dieser unterkomplexen Aktion mitmachen. Am Ende dürfte Sarrazin endgültig als der Märtyrer dastehen, zu dem er sich jetzt schon stilisiert. Während die Kunst-Werke Gefahr laufen, sich selbst abzuschaffen – indem sie schlechter Kunst eine Plattform bieten.</p>
<p><em>Ingo Arend</em></p>
<p><em>erschienen in taz (13.1.2012)</em></p>
<p><em>Bild: Thilo Sarrazin, bei der Vorstellung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ <a href="http://de.creativecommons.org/" target="_blank">CC</a> by Richard Hebstreit from Berlin, Germany</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/41004/kunstaktion-der-berlin-biennale/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zur Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/mario_scalla/41014/zur-ausstellung-%e2%80%9edemonstrationen-%e2%80%93-vom-werden-normativer-ordnungen%e2%80%9c</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/mario_scalla/41014/zur-ausstellung-%e2%80%9edemonstrationen-%e2%80%93-vom-werden-normativer-ordnungen%e2%80%9c#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 15:19:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mario Scalla</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=41014</guid>
		<description><![CDATA[
Ordnung und Unordnung
Ein Risiko bleibt
Die Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“ im Frankfurter Kunstverein thematisiert Formen von Macht und Protest
Schleichend hat sich hierzulande die Meinung eingebürgert, Demonstrationen seien etwas Gutes. In der Abkürzung ‚Demo‘ liegt der ganze Charme einer gelegentlichen Verrichtung, der immer noch die Aura der Renitenz anhaftet. Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Elliot_Paulskirche_12a_mail_680.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-41015" title="Innere Ansicht der Paulskirche" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Elliot_Paulskirche_12a_mail_680.jpg" alt="" width="680" height="479" /></a></p>
<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Ordnung und Unordnung</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Ein Risiko bleibt</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Die Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“ im Frankfurter Kunstverein thematisiert Formen von Macht und Protest</span></p>
<p>Schleichend hat sich hierzulande die Meinung eingebürgert, Demonstrationen seien etwas Gutes. In der Abkürzung ‚Demo‘ liegt der ganze Charme einer gelegentlichen Verrichtung, der immer noch die Aura der Renitenz anhaftet. Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein bricht sehr schnell mit dieser Konvention, die die Demo zum Teil des gewöhnlichen Alltags macht. Denn sie zeigt zum einen Demonstrationen der Macht. Sie bietet aber auch bewegte Bilder aus dem arabischen Frühling, auf denen leblose Körper auf der Straße liegen, die wie Müllsäcke von Polizisten beiseite geschleift werden.</p>
<p>Um zu erkennen, was genau eine Demonstration ausmacht, werden in der von Britta Peters, Fanti Baum und Sabine Witt kuratierten Ausstellung zuerst die Formen dargestellt, die sie im Verlauf der Geschichte annahmen: Von Prozessionen, Aufmärschen, über Blockaden und Online-Demos bis hin zu Flash-Mobs. Das Ganze auf drei Stockwerken, bunt gemischt von der Malerei über Video bis zur Installation.</p>
<div id="attachment_41016" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Maloberti_Ants-Struggle_1_30a_mail_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41016 " title="FKV_Maloberti_Ants Struggle_1_30a_mail_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Maloberti_Ants-Struggle_1_30a_mail_680.jpg" alt="MARCELLO MALOBERTI „The Ants Struggle on the Snow“ Performance, Performa, New York (US), 2009 Foto/ Photo: Gisella Sorrentino Courtesy of the artist and Performa 2009, New York" width="680" height="453" /></a><p class="wp-caption-text">MARCELLO MALOBERTI „The Ants Struggle on the Snow“ Performance, Performa, New York (US), 2009 Foto/ Photo: Gisella Sorrentino Courtesy of the artist and Performa 2009, New York</p></div>
<p>Ordnung und Unordnung sind das entscheidende Begriffspaar, um eine Struktur in die Vielzahl der Exponate zu bringen. Auf Zeichnungen und Gemälden der Französischen Revolution, des Hambacher Festes und der Revolution von 1848 ist es meist eine enthusiasmierte Bürgermenge, die – von heute aus betrachtet – einen recht ordentlichen demokratischen Zug unternimmt. Oder es herrscht zwar ein chaotisches Treiben unter den Barrikadenkämpfern wie in der Darstellung der Kämpfe 1848 am Köllnischen Rathaus in Berlin oder am Alexanderplatz. Innerhalb des Bildes ist aber alles an seinem Platze – unten das angreifende Militär, in der Bildmitte die Barrikadenkämpfer und oben die Paläste der Macht. Ohne Probleme kommt hier das Ganze in den Blick.<span id="more-41014"></span></p>
<div id="attachment_41018" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Vitali_pic-nic.47a_mail_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41018" title="FKV_Vitali_pic-nic.47a_mail_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Vitali_pic-nic.47a_mail_680.jpg" alt="MASSIMO VITALI „Pic-nic Allée“, 2000 C-Print Courtesy the artist " width="680" height="538" /></a><p class="wp-caption-text">MASSIMO VITALI „Pic-nic Allée“, 2000 C-Print Courtesy the artist</p></div>
<p>Hundertfünfzig Jahre später sieht es anders aus. In der Fotoserie „The Summits“ von Julian Röder hat die Macht keinen festen Ort mehr. Die Herrscher verkrümeln sich während ihrer Gipfeltreffen irgendwo aufs Land, nahe bei Thessaloniki, Hokkaido oder Heiligendamm. Polizeitrupps errichten im Grünen massive Absperrungen, vor denen eine bunte, hilflose Menge zum Stehen kommt – wenn sie nicht gar, wie in Hokkaido, wie eine bedauernswerte Gruppe von Pfadfindern aussieht, die vom Regen überrascht wurde.</p>
<div id="attachment_41017" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Schäfer_Demonstration_38c_mail_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41017" title="FKV_Schäfer_Demonstration_38c_mail_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Schäfer_Demonstration_38c_mail_680.jpg" alt="SANDRA SCHÄFER „The Making of a Demonstration“, 2004 Filmstill © VG Bild-Kunst, Bonn 2011 Courtesy the artist " width="680" height="554" /></a><p class="wp-caption-text">SANDRA SCHÄFER „The Making of a Demonstration“, 2004 Filmstill © VG Bild-Kunst, Bonn 2011 Courtesy the artist</p></div>
<p>Künstlerische Darstellungen von Demonstrationen werden ab Ende des 21. Jahrhunderts natürlich auch selbstreflexiver und rücken vor allem die Rolle der Medien in den Fokus. In einer Videoinstallation von Sandra Schäfer über die iranische Revolution Ende der siebziger Jahre werden Filmausschnitte, Beiträge in Rundfunk und Fernsehen collagiert. Man sieht zum Beispiel blau gekleidete, demonstrierende Frauen, die mit Transparenten irgendwo in einer Stadt einen Hügel hinaufziehen.</p>
<p>Der Ausschnitt erinnert den Betrachter daran, dass er nur einen Teil sieht, der mit anderen in anderen Medien kombiniert werden muss, um zu verstehen, warum ein vitaler demokratischer Aufbruch zur ehernen Macht der Mullahs führte. Kunst wird wieder zur Trauerarbeit; ‚History is what hurts‘, wie es der amerikanische Literaturkritiker Fredric Jameson formulierte.</p>
<p>Aber im Frankfurter Kunstverein wird nicht nur historische Erfahrung gesammelt, um gegenwärtige Formen des Demonstrierens besser einordnen zu können. Die Ausstellung gewinnt vor allem Qualität, indem sie gegenwärtige Demonstrationsarten nebeneinander stellt. Heute wird gern von Online-Demos gesprochen. Doch wer an Bildern prügelnder Cops vorbei geht, die in Kairo wild auf Demonstranten eindreschen, muss diese Vorstellung als lächerlich empfinden.</p>
<p>Die Gruppe, die auf die Straße geht, will zu einem kollektiven Körper werden. Aber das Interesse der Staatsmacht besteht eindeutig darin, die Demonstranten wieder zu individualisieren und sie das durchaus auch schmerzhaft spüren zu lassen. Aktivitäten im Internet können das reale Geschehen koordinieren und verstärken, nicht aber ersetzen. Letztlich ist die Herausforderung der Macht immer konkret und damit ortsgebunden.</p>
<div id="attachment_41020" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_sapountzis_percormancemusac_37a_mail_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41020" title="FKV_sapountzis_percormancemusac_37a_mail_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_sapountzis_percormancemusac_37a_mail_680.jpg" alt="YORGOS SAPOUNTZIS „The Plinth and the View“ Performance, MUSAC, León (ESP), 2010 Courtesy of the artist, Freymond-Guth Fine Arts, Zürich and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin " width="680" height="453" /></a><p class="wp-caption-text">YORGOS SAPOUNTZIS „The Plinth and the View“ Performance, MUSAC, León (ESP), 2010 Courtesy of the artist, Freymond-Guth Fine Arts, Zürich and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin</p></div>
<p>Das Selbstreflexive, das Darstellungen von Demonstrationen heute besitzen, ermöglicht in der Ausstellung den Vergleich alles dessen, was aktuell eine Demo sein möchte. So gibt es inzwischen kaum noch eine öffentlich wahrgenommene Lebensäußerung, die nicht von einer Performance begleitet wird. Der Grieche Jorgos Sapountzis etwa lief im Rahmenprogramm zur Ausstellung mit Decken und wehenden Fahnen durch das Frankfurter Stadtgebiet.</p>
<p>Marcello Maloberti wird Ende März mit „diversen Alltagsskulpturen“ und einer „verfremdeten Flagge“ durch das Bahnhofsviertel ziehen. Diese Demo-Performance soll garantiert, so die Ankündigung, keine politische Botschaft enthalten. Im besten Falle wird sie das staunende Publikum zu einer verschärften Reflexion darüber anleiten, was eine Demonstration, in der eine reale Herausforderung der Macht stattfindet, von begleitendem Klamauk unterscheidet.</p>
<p>Vor allem jedoch könnten die Künstler das wissenschaftliche Rahmenprogramm und den Untertitel in Frage stellen: „Vom Werden normativer Ordnungen“. Auf Demonstrationen finde auch, so die Veranstalter, eine „kommunikative Auseinandersetzung um normative Ordnungen“ statt. Früher ging es dort um Macht. Oder um Demokratie. Oder Revolution. Heute geht es leider nur noch um etwas so denkbar Diffuses wie Normen.</p>
<div id="attachment_41021" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Yilmaz_Nation-is-born_48c_mail_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-41021" title="FKV_Yilmaz_Nation is born_48c_mail_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/FKV_Yilmaz_Nation-is-born_48c_mail_680.jpg" alt="NAZIM ÜNAL YILMAZ „Nation is born“, 2010 Foto/ Photo: Nazim Unal Yilmaz " width="680" height="778" /></a><p class="wp-caption-text">NAZIM ÜNAL YILMAZ „Nation is born“, 2010 Foto/ Photo: Nazim Unal Yilmaz</p></div>
<p>Axel Honneth hat mit seinem jüngsten Buch „Das Recht der Freiheit“ die Stichworte dazu und der Ausstellung das Label „normativ“ geliefert. Ein von ihm geleitetes Exzellenzcluster der Frankfurter Uni steckt das wissenschaftliche Begleitprogramm ab. Der Sozialphilosoph versucht, in den gesellschaftlichen Normen die Demokratie zu finden – weil sie ja hierzulande sonst nirgendwo mehr zu stecken scheint.</p>
<p>Aber glücklicherweise unterläuft die Kunst den Diskurs. Wer die Ausstellungsräume betritt, sieht sofort die Installation des Videobloggers Aalam Wassef aus Kairo. Die dortigen Demonstrationen, die in Bild-Text-Kombinationen auf einem Split-Screen dargestellt und zusammengesetzt werden, dokumentieren, dass an anderen Orten der Einsatz höher ist und der Gewinn im günstigen Fall auch.</p>
<p>Demonstrationen, so ließe sich die interessante Ausstellung resümieren, teilen sich derzeit in solche, in denen der inszenatorische Gehalt hoch ist und künstlerische Performances aller Art integriert werden, und in jene, wo die Demokratie gewonnen werden soll und das Risiko körperlichen Schadens ständig präsent ist. Aus künstlerischer Sicht ist es sicherlich bedauerlich, dass es nicht umgekehrt ist. Aber das ist eine Machtfrage.</p>
<p><strong><span style="color: #808080;">Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen.<br />
Ausstellung im Frankfurter Kunstverein.<br />
20.1. bis 25.3.2012<br />
<a href="http://www.fkv.de/frontend/startseite.php" target="_blank">www.fkv.de</a></span></strong></p>
<p><em>Text für Getidan: Mario Scalla</em></p>
<p><em>Bild oben: LUDWIG VON ELLIOT „Innere Ansicht der Paulskirche während der Deutschen Nationalversammlung“, 1848/1849</em><br />
<em>Lithografie / lithography © historisches museum frankfurt</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3869842881/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3869842881" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-41023" title="Katalog" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="252" height="306" /></a></p>
<p>Katalog 480 Seiten<br />
Verlag für moderne Kunst<br />
38,00 €</p>
<p><em>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3869842881/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3869842881" target="_blank">amazon</a> kaufen</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/mario_scalla/41014/zur-ausstellung-%e2%80%9edemonstrationen-%e2%80%93-vom-werden-normativer-ordnungen%e2%80%9c/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Daniel Erk: So viel Hitler war selten</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_andre/40974/daniel-erk-so-viel-hitler-war-selten</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_andre/40974/daniel-erk-so-viel-hitler-war-selten#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 15:45:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael André</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=40974</guid>
		<description><![CDATA[Hitler – der populärste Tote der Postmoderne
Daniel Erks unterhaltsames Aufklärungsbuch über den ewigen Frühling des Führers  
Nein, den marktreißerischen Superlativ im Titel haben sie klugerweise vermieden.  Zwar heißt es im Klappentext des Random House-Ablegers Heyne über Daniel Erks Hitler-Aufklärungsbuch raunend: „Der Umgang mit dem ‚Führer’ wird immer sorgloser.“ Doch der Titel selbst ist eher zurückhaltend: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/AH300.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-40978" title="AH300" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/AH300.jpg" alt="" width="300" height="316" /></a>Hitler – der populärste Tote der Postmoderne</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Daniel Erks unterhaltsames Aufklärungsbuch über den ewigen Frühling des Führers  </span></p>
<p>Nein, den marktreißerischen Superlativ im Titel haben sie klugerweise vermieden.  Zwar heißt es im Klappentext des Random House-Ablegers Heyne über Daniel Erks Hitler-Aufklärungsbuch raunend: „Der Umgang mit dem ‚Führer’ wird immer sorgloser.“ Doch der Titel selbst ist eher zurückhaltend: „So viel Hitler war selten.“ Hier schwingt wohl die Ahnung mit, dass „Springtime for Hitler“, um den legendären Refrain von Mel Brooks’ Filmklassiker „The Producers“ zu zitieren, nunmehr seit Jahrzehnten  währt. Zu allen Jahreszeiten, bei jeder Gelegenheit begegnen uns Hitler und die Seinen. Der Mann aus Braunau ist  zum populärsten wie prominentesten Untoten der Postmoderne geworden. Ein mächtiges Gespenst in einem vorgeblich säkularen Zeitalter. Mit der modernen Medien-Figur Hitler verbindet sich ein unablässiger Strom von Humor, Witzen, Persiflagen, und Parodien.</p>
<p>Die bloße Feststellung einer grassierenden Hitler-Mania birgt also keinen großen Erkenntniswert &#8211; und doch ist Daniel Erks Buch verdienstvoll. Erk, der unter dem Dach der<em> taz</em> seit Jahren das <em><a href="http://blogs.taz.de/hitlerblog/" target="_blank">Hitlerblog</a></em> betreibt, listet in „So viel Hitler war selten“ mit  Eifer und Geduld auf, wie sich die Kulturindustrie Hitlers und seinem Gedenken angenommen hat und zu welch verbalen Entgleisungen die Analogien mit Hitler und dem Nationalsozialismus zuweilen geführt haben. Die Medienskandale von gestern und vorgestern ziehen im Zeitraffertempo vorbei. Etwa Philipp Jenningers unbeholfene Rede vom „Faszinosum des Nationalsozialismus“, Hertha Däubler-Gmelins im Wahlkampf geäußerter Vergleich von George W. Bush mit „Adolf Nazi“, der Auftritt von DJ Tomekk im RTL-Dschungelcamp mit Hitler-Gruss und erster Strophe des Deutschlandlieds. Bizarre Funde kommen auch zutage, wenn sich Erk der Werbeindustrie annimmt,<span id="more-40974"></span> die – bloß um Aufmerksamkeit zu generieren – vor keinem Hitler-Bezug zurückschreckt. Wenn um die tödliche Gefahr von Zigaretten, den Schutz von Pelztieren, den Verzicht auf Fleischverzehr geht: Immer muss Hitler herhalten.  In leichter Abweichung von Hannah Arendts Diktum über Eichmann und „Der Banalität des Bösen“ spricht Erk deshalb auch von einer zunehmenden „Banalisierung des Bösen“.</p>
<p>Wie der tote Hitler nachträglich über die Deutschen (und die Welt) gekommen ist, versucht Erk in vier gut nachvollziehbare chronologische Stufen zu fassen: In den späten vierziger Jahren war der Hitler-Humor ein „antifaschistisches Bekenntnis“, ab Ende der Sechziger ein „Reinigungsprozess“ gegen das in der Adenauer-Zeit konservierte Erbe der Nazi-Zeit, in den Achtzigern bekam er eine „verbiestert aufklärerische Intention“ und seit den neunziger Jahren ist er zu einer „Abwehrschlacht gegen die zunehmend banale mediale Vermarktung des Dritten Reichs“ geworden. Die Frage wäre, ob dieser Kampf nicht auch ein Teil der großen Wiederaufbereitungsmaschine ist?</p>
<p>Erk macht eine Verfallskurve bei der Beschäftigung mit Hitler und der Zeit des Dritten Reichs aus. Als ein abschreckendes Beispiel für diese Entwicklung gilt ihm Bernd Eichingers „Untergang“. Ein Film, der die Privatisierung und Verharmlosung des Diktators zu einem kauzigen Einzelgänger auf die Spitze treibt. Den Gegenpol markiert Harald Schmidt, der das Spiel mit den Meta-Ebenen (an guten Tagen) wie kein anderer beherrscht und der den verkrampften, aufgeregten Umgang der Deutschen mit dem „Führer“ karikieren kann wie kaum ein anderer.</p>
<p>Leider bleibt die Gegenwartsebene trotz des Bezugs auf Quentins Tarantinos „Inglorious Basterds“ und die „Harry Potter“-Filme etwas unausgeführt. In Wirklichkeit ist es doch so: In deutschen Historienfilmen, wo die Genregesetze von Katastrophenfilm und Melodrama  unerbittlich herrschen, werden die Skandale von gestern in kreuzbraver Form abgehandelt.  Da bleibt kein Raum für Brechung, Reflexion und Irritation. Hier bleibt Erk arg pauschal und begnügt sich mit einem – zugegebenermaßen schönen – Zitat – Don DeLillos: „Hitler, natürlich. Er ist gestern Nacht schon wieder aufgetaucht. Er taucht immer wieder auf. Unser Fernsehen würde ohne ihn nicht existieren.“</p>
<p>Erk beschränkt sich in seiner Hitler-Rundschau auf dessen andauernde Präsenz in den Unterhaltungsmedien. Er zitiert zwar die deutsche Historiker-Debatte, er referiert Susan Sontags Verdikt vom „Fascinating Fascism“ und Michel Foucaults  nachhaltige Irritation über die Welle der Sadiconazista-Filme. Er zitiert Georg Seeßlen und Markus Stiglegger als filmtheoretische Referenzen. Aber die Sphäre der aktuellen sozialwissenschaftlichen, psychologischen, historiographischen Beschäftigung mit der NS-Zeit und den bis heute  nachwirkenden Traumata dieser Zeit betritt er trotzdem nicht. Dabei ließe sich mit einigem Recht auch hier sagen: So viel Hitler war selten. Erinnert sei nur an „Das Amt“, den umstrittenen Bericht der unabhängigen Historikerkommission zur NS-Verstrickung des Auswärtigen Amts oder die vom Verbot bedrohte TV-Dokumentation über die Industriellendynastie der Quandts und deren Rolle in der NS-Zeit oder die diversen aufsehenerregenden Werke des britischen Historikers Ian Kershaw über Hitler und die Jahre des Zweiten Weltkriegs.  Die sogenannte Nibelungentreue der Deutschen, die ihrem Führer bis zuletzt folgten, wird hier auf ihre zwiespältigen Motive untersucht.</p>
<p>Hier klafft die Schere auseinander zwischen einem Comic-Hitler, der als wohlfeile Unterhaltungsfigur zur moralischen Entlastung der Nachgeborenen taugt und einem Diskurs-Hitler, der zunehmend seziert wird. Oder fällt der Befund trüber aus? Dass nämlich auch in den Wissenschaften die großen, bahnbrechenden Einsichten fehlen und dass der eine Autor einfallslos den anderen zitiert (oder gar abschreibt)? Herrschen inzwischen auch hier die Verwertungsgesetze des Trash  vor?</p>
<p><strong><br /><img src="http://www.getidan.de/images/springtime500.jpg" alt="media" /><br />
</strong></p>
<p><span style="color: #888888;">&#8220;Springtime for Hitler&#8221; (gesehen bei Youtube)</span></p>
<p>Schließlich: Nur in Spurenelementen ist bei Erk zu entdecken, dass Hitler auch fast 67 Jahre nach seinem Selbstmord in der Reichskanzlei beunruhigend viele Anhänger hat. Nicht nur in einer entlegenen Region wie der Mongolei, wo sich die extremistischen Anhänger einer Organisation namens „Weißes Hakenkreuz“ ausgerechnet auf Hitler und dessen arische Rassereinheitsgebote berufen.  Auch hierzulande steht der Nazismus plötzlich wieder auf der Tagesordnung. Eine politische Gruppierung, der unsere Politiker und Verfassungsschützer lange Zeit jede Relevanz absprachen, wird seit der späten Entdeckung der Zwickauer Terrorzelle und deren Mordtaten als reale politische Gefahr wahrgenommen. Es ist nur logisch bei den Mechanismen unserer Empörungsdemokratie, dass das Pendel jetzt zur anderen Seite auszuschlagen droht.  Gestern ignoriert, heute hypostasiert. Und als Comic-Vorbild haben sich die Zwickauer Aktivisten nicht etwa den despotischen Adolf Hitler sondern den anarchistischen Pink Panther genommen. Doch diese überraschenden Inkongruenzen in der Dialektik zwischen medialem Abbildern und politischen Vorbildern bleiben bei Erk unerörtert.</p>
<p>Kein Marketing-Stratege hätte sich übrigens besser ausdenken können, was sich pünktlich zum Start  von Erks Buch um ein anderes, verschwundenes Buch abspielt. Da will ein britischer Verleger Auszüge aus Hitlers <em>Mein Kampf</em> an den Kiosk bringen und kleidet dieses  Projekt in ein zweifelhaftes, aufklärerisches Vokabular.  Der Freistaat Bayern als Urheberrechtsinhaber will diese Veröffentlichung unbedingt verhindern und an einem Runden Tisch seinerseits über eine mögliche Publikationsform nachdenken. Mit einigem Recht lässt sich  sagen: So viel Aufregung um Hitler war  selten.</p>
<p><em> © Michael André für getidan</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3453601785/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3453601785" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-40983" title="Daniel Erk: So viel Hitler war selten" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/41fxsGhgzwL._BO2204203200_PIsitb-sticker-arrow-clickTopRight35-76_AA300_SH20_OU03_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a><strong><em>So viel Hitler war selten –</em></strong><em><strong>Die Banalisierung des Bösen</strong><br />
ODER Warum der Mann mit dem kleinen Bart nicht totzukriegen ist</em></p>
<p><em>Daniel Erk. Taschenbuch. 238 Seiten<br />
9,99 €, Heyne-Verlag München 2012</em></p>
<p><em>Buchinfo &amp; Reinlesen via <a href="http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/So-viel-Hitler-war-selten/Daniel-Erk/e356397.rhd%20" target="_blank">randomhouse.de</a></em><br />
<em>Bild:</em><em> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de" target="_blank">CC-BY-SA</a><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de" target="_blank"> </a> Bundesarchiv, Bild 146-1990-048-29, Adolf Hitler in Zivilkleidung auf Schreibtisch sitzend (Porträt)</em></p>
<p><em>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3453601785/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3453601785" target="_blank">amazon</a> kaufen </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_andre/40974/daniel-erk-so-viel-hitler-war-selten/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
	<enclosure url="http://www.getidan.de/videos/springtime.flv" length="1" type="video/x-flv"/>
	</item>
		<item>
		<title>Bundespräsident Christian Wulff auf der Bühne des &#8216;Berliner Ensembles&#8217;:„Typisch deutsch?“</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/40963/bundesprasident-christian-wulff-auf-der-buhne-des-berliner-ensembles%e2%80%9etypisch-deutsch%e2%80%9c</link>
		<comments>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/40963/bundesprasident-christian-wulff-auf-der-buhne-des-berliner-ensembles%e2%80%9etypisch-deutsch%e2%80%9c#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 10:35:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.getidan.de/?p=40963</guid>
		<description><![CDATA[Ein Mann von stupender Monochromie
Bundespräsident Christian Wulff folgte der Gesprächseinladung des ZEIT-Herausgebers Josef Joffe. Seine klare Botschaft: Er hat sich fürs Durchhalten entschieden.
Lügner. Das Wort stand unsichtbar im Raum. Manchmal sah man am Sonntagmorgen ängstlich in den Schnürboden des Berliner Ensembles, ob es in Form einer Guillotine herniedersausen würde. Seit Stefan Wenzel, der Fraktionsvorsitzende der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/©-Presse-und-Informationsamt-der-Bundesregierung.3001.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-40966" title="BundesprÃ¤sident Christian Wulff und Bettina Wulff / Offizielles PortrÃ¤t 2010 und 2011" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/01/©-Presse-und-Informationsamt-der-Bundesregierung.3001.jpg" alt="" width="300" height="451" /></a>Ein Mann von stupender Monochromie</span></p>
<p><span style="color: #808080; font-size: small;">Bundespräsident Christian Wulff folgte der Gesprächseinladung des ZEIT-Herausgebers Josef Joffe. Seine klare Botschaft: Er hat sich fürs Durchhalten entschieden.</span></p>
<p>Lügner. Das Wort stand unsichtbar im Raum. Manchmal sah man am Sonntagmorgen ängstlich in den Schnürboden des Berliner Ensembles, ob es in Form einer Guillotine herniedersausen würde. Seit Stefan Wenzel, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag, Bundespräsident Christian Wulff mit dieser gezielten Provokation herausgefordert hatte, hängt es wie ein Schatten über dem Präsidenten.</p>
<p>Kann ein mutmaßlicher Lügner die Wahrheit über Deutschland sagen? Auf diese Frage lief das Gespräch hinaus, zu dem sich Wulff vor sechs Wochen hatte überreden lassen. „Typisch deutsch?“ war die Matinee betitelt, zu der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe ihn ins Haus am Schiffbauerdamm geladen hatte.</p>
<p>Die Zuhörer im voll besetzten Saal erlebten keinen Arturo Ui oder eine der Brecht-Figuren, die die Lüge rechtfertigen, weil anders kein Fortkommen ist im System. Sondern die bekannte Mischung aus unauffällig und pseudogravitätisch. Ein Mann von solch stupender Monochromie, dass man sich fragt, wie der auf die Idee mit der &#8220;bunten Republik&#8221; kommen konnte. Ein angegrauter Schülersprecher im dunkelblauen Anzug, der mitunter etwas belegt redet, damit seine Banalitäten bedeutsam klingen: &#8220;Ich denke, die Menschen sind zufrieden mit der parlamentarischen Demokratie.&#8221;<span id="more-40963"></span></p>
<p>An dieser Quersumme deutschen Biedersinns prallte die Frage nach Wahrheit und Lüge ab wie an einem aufgespannten Regenschirm. Darunter steht trockenen Fußes der Präsident, der das Publikum mit schillernden Vokabeln wie &#8220;Einheit in der Vielfalt&#8221;, &#8220;Denkfabrik Bellevue&#8221; oder &#8220;Generation Facebook&#8221; von seiner Modernität und Unabkömmlichkeit zu überzeugen versucht.</p>
<p>Der Hannoveraner Regierungschef, der das Parlament damals belog, als er behauptete, es sei kein Steuergeld für den &#8220;Nord-Süd-Dialog&#8221; geflossen, muss ein – abwesender – Dritter gewesen sein. Wulffs Botschaft war klar: Er hat sich fürs Durchhalten entschieden.</p>
<p>Das Problem, das der Präsidentendarsteller der namentlich nicht genannten &#8220;Regierungschefin&#8221; in Bezug auf die globale Finanzkrise attestierte, traf vor allem auf ihn zu. Die &#8220;intellektuelle Herausforderung&#8221;, formulierte er ungewohnt präzise, laute: Vorausgehen und alle dabei mitnehmen.</p>
<p>Dass das Staatsoberhaupt sie in eigener Sache besteht, ist angesichts seines dramatischen Vertrauensverlustes schwer vorstellbar. Doch nach dieser sonntäglichen Performance von demonstrativer Gelassenheit zu behaupten, Christian Wulff habe womöglich schon aufgegeben, wäre glatt gelogen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Ingo Arend, taz 23.01.2012</em></p>
<p><em>Bild: © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/40963/bundesprasident-christian-wulff-auf-der-buhne-des-berliner-ensembles%e2%80%9etypisch-deutsch%e2%80%9c/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

