dOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 91 – 100)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 15. September 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 100 / 16.09.12 / 17:00-20:00 Uhr
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Wann ist der Rand des Glockenklangs erreicht. Wieviele Schatten wirft ein Schmetterlingsflügel. Wohin wandern die Zypressen während der Nacht. Was denkt ein Whiskeyglas über eine Fliege. Und wie fotografiert man den Wind in einem leeren Raum.
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»Autodestruktive Kunst ist in erster Linie eine Form der Kunst im öffentlichen Raum für Industriegesellschaften.« (1959)
»Kein Interesse an Ruinen (dem Pittoresken).« (1960)
»Abends werden einige der schönsten heutzutage erzeugten Kunstwerke auf den Straßen von Soho weggeworfen.« (1960)
»Autodestruktive Kunst ist ein Angriff auf kapitalistische Werte und den Trieb zu nuklearer Vernichtung.« (1960)
»Eine Kunst äußersten Empfindungsvermögens und Bewußtseins. Wir holen die Kunst aus den Galerien und den Museen. Der Künstler muß Galerien zerstören. Kapitalistische Institutionen. Betrugskisten. (...) Ihr stinkenden, scheiß zigarrerauchenden Bastards und parfümierten Modeziegen, die ihr mit Kunst handelt.« (1962)
»Autodestruktive Kunst zielt auf die Schaffung von Kunstwerken, die an Umfang abnehmen bis zu ihrer Auflösung. Ein Werk kann für eine paar Augenblicke bestehen. Seine Lebensdauer sollte zwanzig Jahre nicht überschreiten. (...) Autodestruktive Kunst entsteht aus einer chaotischen, obszönen Gegenwart. (...) Autodestruktive Kunst ist als die letzte verzweifelte, subversive und politische Waffe in der Hand des Künstlers gedacht. Sie ist ein Angriff auf das kapitalistische System und die Waffenproduktion. Sie ist der nuklearen Abrüstung und dem Kampf der Menschen gegen den Krieg verpflichtet. Sie ist außerdem ein Angriff gegen Kunsthändler, die sich der modernen Kunst um des Profits willen bedienen.« (1962)
»Die Zivilisation hat destruktive Faktoren eingebaut, die sowohl in der Wissenschaft als auch in der Technologie zu finden sind. Wir wollen in der Lage sein zu erkennen, wie "unsere" Wissenschaft und Technik von den Störungen durch den menschlichen Körper und Geist durchdrungen wurde. (...) Wir sind jetzt mit der Notwendigkeit konfrontiert, einen der radikalsten Schritte in der Geschichte zu machen. Das bewußte Erarbeiten neuer Wege in Wissenschaft und Technologie, die bezüglich eingebauter destruktiver Elemente einigermaßen abgeklärt wurden. Alle denkbaren Methoden der Informationsverarbeitung, Methoden der Analyse und Kontrolle und andere Mittel werden bei diesen Aufgaben angewendet. Wir werden "Wissenschaft" mit Wissenschaft zerstören.« (1965)
»Ein Denker, Wissenschaftler, Künstler oder Architekt, der unbekümmert übernimmt, was Wissenschaft und Technologie ihm hier und heute anzubieten haben, der die Materialien und Ideen, mit denen er arbeitet, keiner eingehenden Untersuchung und radikalen Kritik unterzieht, macht sich schuldig, die Welt in ein Grab zu verwandeln.« (1966)
»Kunst entsteht aus dem Gefühl und dem Wissen, daß die Grenze zwischen schöpferischer und zerstörerischer Wirklichkeit hauchdünn ist.« (1996)
»Wollen wir die Macht der bestehenden Medien untergraben (und das bedeutet auch, die bestehende gesellschaftliche Ordnung zu untergraben), müssen wir dagegen arbeiten, indem wir unsere eigenen funktionierenden Archive zugänglich machen. Statt soviel zu quatschen, sollten die Leute fünfzehn Minuten am Tag aufbringen, um Ausschnitte in ihre Archive vor Ort zu bringen.« (1981)
»The transformation of material is at the very centre of this – material changing its form, shape, and meaning. You respond to each changing form, and to the interaction between changing forms, in a particular manner. At least you can respond if you are sensitive enough, if you are concerned enough. Because of time – either depending on days or weeks or years – there is the opportunity to react differently to the various transformative effects. This is at the centre of my concerns. That's what I meant by the enlargement of the scope of art. And that includes time. Time is involved in everything.« (1996)
»If I hadn't been in the political arena, I'd probably have been quite successful by now. Here, we can cite the example of Tinguely. I mean, he was an anarchist. But even though he had very strong critical views, he didn't go about writing manifestos or giving lectures. He went on with his work. In contrast, I've always stuck to this attack on society; and people don't like it. I would rather keep to my ideas and give up art than the other way round.« (1996)
»This is really what my work is about: offering people the chance to change through a work of art. In that sense, I'm fulfilling a responsibility I took upon myself when I first became an artist. What can I do as an artist to help society? Can I help prevent future wars? Can art do it instead of just politics? And I said to myself, 'Art can do it. Art must do it. And I must be one of the artists who do it.'« (1996)
»There's so much going on in this country now. Not only in London, but all over the country. There's a vast expansion of artistic activity, manifestations, performances, exhibitions – in places that spring up constantly. To judge all of this would be impossible for anybody, certainly for me. But a few general points: I do believe that there's quite a lot of weakness. When I go round the art school diploma exhibitions, I see a lot of weakness, and a lot of playfulness, which does not in the least correspond to the reality of life – neither in this country, nor worldwide. I find this worrying – extremely worrying. Taking the world lightly is just not adequate to this challenge.« (2006)
»Towards the end, I said that we artists can take over the art system, and the galleries can close. The public galleries should continue, and the private galleries can be moved out, can move themselves out of the system. When I speak of artists in this context, I mean art historians, curators, organisers, administrators – the whole machinery.« (2008)
»I actually believe that the idea of taking over the art system is something that can be realised in the coming years. We also need to try and phase out the crazy auction houses, where they think they can spiral up the prices endlessly. That should be attacked as part of this movement.« (2008)
»After these years of taking part, I now see the need to be the old Metzger, the aggressive Metzger.« (2008)
»Art needs this change, and not just because we're getting bored, but because there's a need to introduce seriousness and quality and adventure into art.« (2008)
»It's this concern of mine with changing, with decanting the art system. It's not a question of destroying it. We don't want to get rid of it, to stand and throw bricks. We want to decant it – take out its energy, the money that's involved, and then start again.« (2008)
Zitate aus: 1) Gustav Metzger – Manifeste, Schriften, Konzepte (Verlag Silke Schreiber, München 1997 / Deutsch)
2) Gustav Metzger / Hans Ulrich Obrist – The Conversation Series / Band 16 (Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008 / Englisch)
Mehr Metzger !!!
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Wer auf Wahrheiten aus ist, muss sich in zwei Bereiche begeben, die nicht immer erreichbar sind. Der eine liegt über +50° Empfindungsstemperatur, der andere unter –30° Bewusstseinstemperatur. Hier, in hitzig-explosiver Empörung gegen das Faktische und eiskalter Registrierung des Faktischen, entsteht die kompromisslose Erkenntnis / Gegen-Erkenntnis und die kompromisslose Kunst / Anti-Kunst – die in Unnachgiebigkeit. Die Temperaturen, die dazwischen liegen, taugen lediglich dazu, den Lebensunterhalt zu verdienen.
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Die letzten paar tausend Jahre waren das Zeitalter der Menschen, die an sich gearbeitet haben, um bessere Menschen zu werden. Gerade eben ist ein anderes angebrochen, das der Maschinen, die an sich arbeiten, um bessere Maschinen zu werden.
Das ergibt zwei Versionen von Zukunft auf dem Areal der Kunst: 1) Das Kunstwerk, das die Kraft hätte, eine Abrechnung mit dem Menschen vorzulegen, gibt es nicht und wird es nicht geben. 2) Das Kunstwerk, das mit dem Menschen abrechnet, gibt es noch nicht. Es wird wahrscheinlich von einer Rechenmaschine kommen, und seine Betrachter werden nicht mehr die abgerechneten Menschen sein sondern die anderen Rechenmaschinen.
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Tag 99 / 15.09.12 / 11:00-14:00 Uhr
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Notizen, die unbearbeitet bleiben: Ondáks 'Observations', die mathematische Ironie der Zusammenstellungen und Bildunterschriften, 'spreading': Durcheinander auf dem Schreibtisch, 'shelving': Ordnung im Regal, und ein Bild, das so tief hängt, dass man sich danach bücken muss: 'curious approach' / in 'Artaud's Cave' von Javier Téllez: die Puppen wie verdorbene Früchte überreich in den Ästen, in allen Stadien der Verwahrlosung und Verwitterung, eingedellte Gesichter, Schimmel, ausgestochene Augen, blinde Augen, einzeln aufgehängte Gliedmaßen, verdreckte Kleider, aus offenen Köpfen quellende Holzwolle, rührt an etwas Grundsätzliches: hat Téllez 'Street of Crocodiles' von den Brothers Quay gesehen? / die Poesie duldet Dinge, die die Philosophie verneint / die alten Ansichtskarten, Kassel vor dem Krieg (vor welchem?), und Tacita Deans Übermalungen mit dem, was sich seither geändert hat: der Vergangenheit den Stempel der Gegenwart aufgedrückt: Blumenkästen, Verkehrszeichen, moderne Haustüren, Briefkästen, Straßenlampen: Sichtbarmachung von Zerstörung, als Erneuerung getarnt / Mroués großäugige treuherzige Ernsthaftigkeit, mit der er von jener im 19. Jahrhunder von einem Professor namens Kühne entwickelten obskuren Theorie erzählt: das Bild des Mörders ablesbar in den toten Augen seines Opfers, Optogramm, und merkwüdigerweise (und nachdem der Begriff jahrelang unter vergessenem Gerümpel vor sich hinstaubte) wird die Optographie kurz darauf ein zweites Mal auf der documenta erwähnt: als Gerard Byrne sein Buch vom Monster von Loch Ness bei einem der sonntäglichen Paper Mornings vorstellt / das verfallende Hugenottenhaus, das von einer Philosophin der 'Was ist Denken'-Reihe hartnäckig als Hottentottenhaus gebrandmarkt wurde, seine "metaphorische Heilung" durch Theaster Gates und Gehilfen: alles Mumpitz, der Zustand des Verfalls: eingefroren, die Baufälligkeit: konserviert, die Teilzerstörung: zum Bestaunen hergerichtet und in Szene gesetzt, in 100 Tagen keine Verbesserung, komm und sieh und ergötze dich. Oder leide / das überaus Erheiternde an Erkki Kurenniemis "Gruppensexophon", vier Knöpfe sind da, vier Körper braucht's, die bei Berührung Laut geben, und Walt Whitmans 'I sing the body electric' / auf dem Weg von der Karlsaue zum Weinberg: im Boden des kleinen Tempels fehlt einer der Steine, ein Kind spielt in dem Sand, der in der Lücke aufquillt: die Eltern wussten um die kaputte Stelle: sie haben Eimer und Schaufel mitgebracht
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Dinh Q. Lê: 'Light and Belief / Voices and Sketches of Life from the Vietnam War'. Zitat aus dem d13 Katalog: »Seine Installation ist in Zusammenarbeit mit vietnamesischen Künstlern entstanden, die während des amerikanischen Vietnamkriegs als Vietcong im Kriegsgebiet eingesetzt waren, zu Propagandazwecken und um das Leben der Soldaten zu dokumentieren. Neben dem "offiziellen" Bildmaterial hatten sie auch private Zeichnungen angefertigt – intime Porträts von Soldaten bei banalen Alltagsbeschäftigungen und von Frauen, die nachts bei der Ausbesserung von Bahngleisen halfen, atmosphärische Landschaftsskizzen –, die eine andere, von der Sehnsucht nach Normalität geprägte Sicht auf den Krieg darstellen. Lê zeigt eine Auswahl dieser Originalzeichnungen zusammen mit einem Wandgemälde, das er aus Repliken der Arbeiten angefertigt hat, sowie einem Video, in dem er Interviews mit den Künstler-Soldaten mit Animationen ihrer Skizzen verwebt.«
Hinzuzufügen ist, dass in der Nr. 73 der Reihe der 100 Bücher ein Gespräch zwischen Carolyn Christov-Bakargiev mit Lê abgedruckt ist. Er hat ca. hundert dieser nicht offiziellen Aquarelle, Gouachen und Tuschezeichnungen der Vietcong-Künstler gesammelt. Zwei Zitate aus dem Gespräch: »Ich habe immer die zeichnerische Qualität und das technische Können bewundert, das bei ihnen sichtbar wird. Mich fasziniert aber auch, dass sie so idyllische Landschaften zeigen. Selbst wenn Menschen dargestellt werden, ist auf den Bildern keinerlei Gewalt zu sehen.« ––– »Als sich der Krieg immer länger hinzog, denn er nahm ihnen im Grunde ja ihr ganzes Leben als junge Erwachsene, wurde das in ihren Zeichnungen immer deutlicher sichtbar – diese Sehnsucht, dieser Hunger nach etwas.«
Was zur selben Zeit in den USA, dem Aggressor gegen Vietnam, als Gemisch aus Verweigerung, Antikriegspositionierungen und Zerstörungsphantasien zum Beipiel in den Gedichten der Beat-Poeten und ihrer stärker politisierten Nachfolger, aber vor allem laut und drastisch in den Texten der Underground Rockmusik ausgedrückt wurde, erscheint in den hier präsentierten vietnamesischen Zeichnungen aus einer völlig anderen Sicht, in Gang gesetzt von den persönlichen Motiven der Betroffenen: als Sehnsucht nach verlorengegangenem Innenleben, nach Beruhigung der zerrissenen Nerven, nach Erneuerung des Privatlebens in einer wiederhergestellten, von den Verheerungen des Krieges befreiten Natur. Die starke Opposition gegen den Vietnamkrieg in den Ländern des Westens hat sich damals mit mehr oder weniger scharf vorgetragener Kritik an der US-Regierung und den Haltungen ihrer Freundnationen zufriedengegeben. Niemand warf auch nur einen einzigen menschlichen Blick auf einen einzigen indentifizierbaren Vietnamesen. Vietnamesische Kunst und Künstler? So etwas gab es nicht im Europa und Amerika der 60er und 70er Jahre. Die USA waren der Angreifer, Kriegstreiber und zugleich der größte Lieferant von Ablehnung und Widerstand gegen den eigenen Krieg, genaugenommen sogar der einzige Lieferant. Die Vietnamesen kamen nicht vor, sie existierten nicht als einzelne Opfer, nur als anonyme und amorphe Opfermasse. Daran hat nicht einmal das berühmte Photo des von Napalm verbrannten, fliehenden Mädchens etwas geändert; es wurde nicht zum Auslöser für einen anderen Blick oder für Fragen nach dem emotionalen Zustand der Vietnamesen. Die Verwüstungen, die dieser Krieg in den Veteranen des Aggressors angerichtet hat, war das alles beherrschende Thema. Es gab den Vietnamkrieg, aber Vietnam und die Vietnamesen gab es nicht. Man könnte das die Verdopplung von Annullierung nennen.
Mit "unseren" westlichen Augen gesehen, ist dieses Haus aus Holz in der idyllischen Karlsaue, das für die Sammlung von Aquarellen, Gouachen und Tuschezeichnungen der Vietcong-Künstlern gebaut wurde, folglich auch heute noch eine Welt für sich. Nicht notwendigerweise unverständlich, aber unerwartet und unvergleichlich. Bilder zum und vom Abbau des Kriegstraumas. Diese Bilder sind gerade in ihrer Distanz zur Politik des Tages politisch, aber sie sind nicht machtideologisch oder autoritär, sie liefern keine Propaganda, weder für den nationalen Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich noch, nahtlos anschließend, für den Widerstandskrieg gegen die antikommunistischen Hegemonialansprüche der Weltmacht USA. Sie liegen außerhalb der Kriegsmaschine und ihrer Maschinisten. In Verborgenheit, Ungewissheit und Zufall entstanden, sind sie weder Ablenkungs-Kunst noch Unterwerfungs- oder Auftrags-Kunst sondern Einschübe von Kontemplation zwischen die Kampfhandlungen. So, wie in dem eingangs genannten Video-Film, der in dem Gartenhäuschen gezeigt wird und, was mich betrifft, sehr viel länger als die vorhandenen 37 Minuten hätte sein dürfen, wird hierzulande und auch sonst in den reichen Führungsnationen der Welt nicht (mehr) über Kunst gesprochen. Vielleicht auch bald nicht mehr im sich gerade stark verändernden Vietnam, das den Krieg vergessen möchte.
Würde man Gut und Böse auf Kriegszeiten definieren wollen, wäre das Böse das fast unaufhörliche Normale, das manchmal Ermüdungserscheinungen zeigt und Pausen einlegen muss. Das Böse, wenn es Pause macht, ergäbe sich als Definition des Guten. Die Vietcong-Künstler haben nicht nur während dieser Pausen gezeichnet, sie haben die Pausen selbst gezeichnet. Auf ihren Bildern kann gar nichts anderes erscheinen als das sehnlichst erwartete dauerhafte Gute.
Selbst nach unserer Vorstellung von Kunst als dem Antithetischen zur Realität sind diese Zeichnungen große Kunst. Aber bei den hier versammelten vietnamesischen Künstlern steht die Betonung eines ganz anderen Aspekts der Autonomie im Vordergrund: die Selbstversicherung einer besseren Zukunft. Gerade wegen deren Abwesenheit haben diese Künstler handfeste und überzeugende Gründe für ihre Kunstproduktion, die man von hier aus nicht anzweifeln kann, auch wenn sie hier nicht gelten. Wenn es je einen reinen Verteidigungskrieg gegeben hat, dann den in Vietnam, der genau in dem Augenblick beendet wurde, als der letzte Angreifer das Land verlassen hatte.
Mitten im Krieg: kein Bild vom Krieg. Verleugnet wird er nicht, er ist in jeder Zeichnung anwesend, aber er bleibt unsichtbar, wie der Vietcong selbst. Diese Bilder zeigen, was die Menschen, die ihr Land verteidigten, am nötigsten brauchten: Trost. Und Atempausen in der alles und jeden ruinierenden Gewalt, in der es keinen Trost gab. Und schließlich: das Ende der Kämpfe.
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Tag 98 / 14.09.12 / 10:00-16:00 Uhr
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Als die Schüsse krachen, im Wald, als die Bomben fallen, Kriegslärm hereinbricht über die ergriffen lauschenden Besucher, winkt die Frau aus Hanau ab, kenn ich, sagt sie, Guido Knopp, kannste jeden Abend im Fernsehen hören, sogar mit Bild, ich weiß nicht, warum man das jetzt auch auf der documenta zeigen muß, wirklich, jeden Abend, Guido Knopp, kennen die den alle nicht oder warum bleiben die hier ewig sitzen, als wär das was besonderes. Nein, sie kann über die Klanginstallation von Cardiff & Miller nur die Schultern zucken, die Frau aus Hanau, aber die beiden jungen Leute, die ineinander versunken unter den Bäumen hocken, als seien sie eins, dieser Anblick gefällt ihr, anrührend, sagt sie, das Beste an diesem Kunstwerk.
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"I don't know anything but I'm nice. " hat jemand ausgerechnet der TIME/BANK ins Video geschrieben, "(me too)", hat ein anderer darauf geantwortet. Wissen ist kein Kapital. Nettigkeit schon. Und Zeit spielt keine Rolle.
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"Ey, machs Handy aus, ich kann den Krieg nicht hören!" (Ein junger Zuschauer zu seinem Nachbarn in der Vorführung von 'Cabaret Crusades: The Horror Show File')
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Die hell und leicht wie Ascheflocken über einem Lagerfeuer wirbelnde Stimme des Sängers im Hugenottenhaus und der beglückende Geschmack der Kürbissuppe abends im Eberts: sinnliche Essenz eines langen Tages auf der documenta.
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Keine Documenta zuvor hat die Stadt Kassel sowohl mit ihrer Geschichte als auch in ihrem gegenwärtigen Stand so stark als Projektionfläche und Präsentationsfläche einbezogen wie diese. Deshalb gehört die in mehreren Varianten vorgestellte Gedenkstätte Breitenau unbedingt hierher, auch wenn nicht jede Variante als Kunstwerk deklariert werden kann. Besonders bemerkenswert in diesem Zusammenhang: 'Rushes / Muster' aus dem Jahre 2012, ein Filmprojekt, das sich auf drei Zeitebenen (1990, 1970, 1945) auf den Fernsehfilm 'Bambule' nach einem Drehbuch von Ulrike Meinhof bezieht. 'Muster' sind drei Filme (oder drei Akte eines Films) von Clemens von Wedemeyer, die im Nordflügel des alten Hauptbahnhofs gezeigt werden, und zwar gleichzeitig auf drei Leinwänden, die in einem Dreieck zueinander angeordnet sind. Das bedeutet: von den Seitenwänden der Raumes aus schaut man jeweils auf 1 Leinwand und 1 Film, hört aber die Tonspur von allen dreien zugleich. Zurückgelehnter Illusionskonsum wie im Kino und im Fernsehen funktioniert hier nicht.
Die Nr. 92 der 100 von der Documenta publizierten Begleitbroschüren ist Wedemeyers Filmprojekt zum Mädchenerziehungsheim Breitenau gewidmet, das 1973 geschlossen wurde und zuvor ein von den Nazis betriebenes Konzentrationslager (1933/34) und Arbeitserziehungslager (1940/45) war, und davor ein Benediktinerkloster. In seiner Einführung wählt er, in Anlehnung an Ulrike Meinhof, klare Worte, um die Funktion dieses Ortes zu beschreiben: »Unterdrückung, postfaschistische Erziehungsmethoden, Klassentrennung.« In dem dieser Broschüre angehängten Nachwort von Bettina Röhl, der Tochter von Ulrike Meinhof, hört sich das ganz anders an: »Die Zustände in vielen Heimen damals waren nach allem, was man weiß, zum Teil wenig menschenfreundlich. Jugendliche da herauszuholen, könnte eine gute Tat sein.«
»... zum Teil wenig menschenfreundlich« – mehr Relativierung geht nicht. Auf dieses Nachwort hätte man besser verzichtet.
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Gunnar Richter hat an der Universität Kassel diesen Ort / Unort Breitenau, der in Kassel und Umgebung für die Entmenschlichung des Menschen durch den Menschen steht, ein Forschungsprojekt durchgeführt. Das Ergebnis ist ein Buch, das 1993 im Kasseler Verlag Jenior & Pressler erschien, und eine Ton-Dia-Schau mit erläuternden Kommentaren, die in einem der Gartenhäuschen in der Karlsaue zu sehen ist. Der Forschungsprozeß ist Teil des Projekts, der Betrachter kann die Spurensicherung Schritt für Schritt mitvollziehen. Nicht zuletzt ging es Gunnar Richter, der heute Leiter der Gedenkstätte ist, darum, auch das System des Vergessens und Verdrängens solcher Einrichtungen im Nachkriegsdeutschland offenzulegen. So wurde das Projekt zugleich zur Aufforderung an andere Unuversitäten, andere Studenten und andere Regionen, ähnliche Forschungen / Spurensicherungen zu initiieren.
Der Breitenau-Komplex, wenn man das so sagen darf, und seine ebenso umfangreiche wie sensible Präsentation gehört zum Bedeutendsten, was diese Documenta geleistet hat.
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Zum Unbedeutendsten dagegen, was diese Documenta glaubt, sich leisten zu können, gehört die von Araya Rasdjarmrearnsook inszenierte Hunderettungsaktion in Thailand. Schon den gezeigten Videobildern sieht man an, daß hier kurz zuvor die Resignation gegenüber den Menschen eingezogen ist. Der lebensgeschichtliche Kitsch, den man vorgesetzt bekommt, ist die konsequente Folge der stark verbreiteten Attitüde: ist den Menschen nicht mehr zu helfen, so soll man doch wenigstens den Tieren sein Leben widmen. Solchem Auftreten ist ein propagandistischer Ton zugunsten einer konstruierten Innerlichkeit beigemischt, der sich über die konkrete Rettungstat erhebt. Unbestreitbar ist, daß das Verhältnis von Mensch und Tier eins der ganz großen vernachlässigten Themen im öffentlichen Diskurs darstellt, und es ist gewiß nichts Falsches daran, Hunde vor Verwahrlosung und Mißhandlung zu retten, aber die Menschlichkeit, die sich im Tierschutz engagiert, wird durch ihre Vorführung als Besichtigungsobjekt entwertet.
Mal abgesehen von der Frage, was man alles per Deklaration zum Kunstwerk bestimmen kann, bleibt eine unüberbrückbare Distanz zwischen der Darstellung dessen, was Menschen Menschen zufügen und was Menschen Tieren zufügen. Das eine Leid mit dem anderen gleichzusetzen, liegt jenseits alles Verhandelbaren. Die in Form von zwei Gartenhäuschen als Ausstellungsräume gesetzte Gleichbehandlung von mythisch überhöhter Tierrettung mit dem regional- und realgeschichtlichen Projekt zur Gedenkstätte Breitenau ist ein Mißgriff, der mit Theorien von anthropozentrischen und nicht-anthropozentrischen Weltbildern nicht mehr zu entschuldigen ist. Tut man es dennoch, kehrt sich die Sache gegen ihre eigene Intention. Bei Gunnar Richter wird das hehre Bild des Menschen von sich selbst zerkratzt, bei Araya Rasdjarmrearnsook wird es wieder aufpoliert: wenn schon nicht alle Menschen als Retter aller Tiere handeln, dann doch wenigstens ein Mensch als Retter eines Tieres. So kehrt, über den Umweg der Gefühligkeit, der Anthropozentrismus triumphierend zurück und macht zunichte, was zuvor die berechtigte anti-anthropozentrische These vorsichtig und leise auszusprechen wagte.
In beiden Holzhäuschen geht es um Menschlichkeit. Das steht außer Frage. Während der Bericht über Breitenau das Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit einer diskreten Dialektik von stark beteiligter Emotionalität und distanzierter Sachlichkeit darstellt, wirkt die thailändische Hunderettung, die sich der offenbar landestypischen Praxis der Indifferenz gegen das Leben der Tiere entgegensetzt, wie Reklame für die Menschlichkeit. Solange die Wahrheit, die in der Liebe zu den Tieren aufscheint, sich derart selbstbewertend aufführen zu müssen glaubt, wird es mit der Gleichberechtigung von Mensch und Tier nicht vorangehen.
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Es gibt noch eine Präsentation der d13 zum Thema Breitenau. Diese dritte Annäherung befindet sich in den Erdgeschossräumen der Handwerkskammer. In der offiziellen Pressemappe steckt eine Seite mit der Auflistung der Veranstaltungsorte. Auf diesem Blatt findet man einen einzigen Druckfehler, und der betrifft genau diesen Ort, dort steht: Hundwerkskammer.
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Tag 97 / 13.09.12 / 10:00-12:00 Uhr
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Kunst woanders. Dass in manchen Ländern des Orients ein Bild von Picasso nur unter Militärschutz gezeigt werden kann, und dass im großen Russland ein Auftritt gegen die Kirche und die Regierung mit sibirischem Arbeitslager bestraft wird – wir schauen uns das an und denken: na, die sind aber mächtig in der Zeit zurück, da müssen sie noch ganz schön ackern, um das aufzuholen. Niemand hier, kommt auf den Gedanken, dass dieser Blick nicht einer in die hinter uns gebrachte, abgeschlossene Vergangenheit ist, sondern in unsere Zukunft.
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Neben dem Zug liegt eine hingestreckte Leiche, ausgemergelt, nackt, Haut und Knochen, notdürftig bedeckt von einem irgendwie darübergeworfenen Laken, das hingefetzte Bündel ist unnatürlich lang, vielleicht sind es auch zwei Körper, oder der eine ist zerrissen, auseinandergezerrt: unter dem zerknäulten Tuch ist das nicht zu erkennen. Aufgenommen hat das Foto Lee Miller, womöglich am 30. April 1945, als sie im Konzentrationslager Dachau war. Die Fotos daneben jedenfalls sind vom 30. April 1945: sie zeigen Lee Miller, nackt und privat, die gerade ein Bad nimmt. In Hitlers Badewanne. Was bringt einen Menschen dazu, der vormittags das unvorstellbare von Hitler verursachte millionenfache Grauen zu Gesicht bekommen hat, sich nachmittags in dessen Badewanne zu legen und fotografieren zu lassen. Oder, verschieben wir die Frage ein wenig in Richtung Präsentation: was bringt eine Ausstellungsmacherin dazu, nicht nur diese beiden Fotos nebeneinander zu hängen, sondern darüber hinaus auch noch die von Lee Miller aus Hitlers Wohnung ergatterten Gegenstände ("eine Parfümflasche und eine Puderdose von Eva Braun und ein Badehandtuch mit Hitlers Initialen") wie Devotionalien zur Schau zu stellen.
Dazu zwei Dinge: in seiner Kolumne 'Klarer denken' berichtet Rolf Dobelli von einer Pariser Kriegskorrespondentin, die 2003 in Bagdad aus Saddam Husseins Privatgemächern sechs seiner vergoldeten Weingläser entwendet hat. Ihre Gäste, denen sie darin Wein serviert, erfahren (wenn überhaupt) erst hinterher, woraus sie da getrunken haben: nur wenige speien daraufhin Ekel und Wein und hysterischen Husten. Eine alberne Anstellerei angesichts der Tatsache, dass sie ihren Lungenflügeln mit jedem Atemzug, wie Dobelli süffisant bemerkt, ohnehin eine Milliarde jener Moleküle zuführen, die sich zuvor in Husseins Lunge getummelt haben. Und Sarah Kirsch, in ihren Gartentagebüchern, behandelt alles gleich: private Beschaulichkeit und brutales Weltgeschehen, ganz und gar unbefangen steht bei ihr, Satz an Satz, eins neben dem anderen: Pelikane neben Selbstmordattentätern, blaue Winden, die sich bis zur Wäscheleine ranken, neben israelischen Raketen, die in Gaza-Stadt neunzehn Menschen getötet haben. Unterschiedslos. Warum auch nicht: ist alles unsre Welt, Kinder, ist alles dieselbe Chose.
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Im Time/Bank-Gartenhäuschen läuft ein Film über Geld. Darin wird gesagt, dass der Kapitalismus immer, wenn es ihn krisenmäßig erwischt, die Kunst und die Dichtung befragt. Nicht gesagt wird, was Kunst und Dichtung dann machen. Helfen sie dem Kapitalismus aus der Klemme? Denn das ist es, wonach er fragt. Oder lassen sie ihn kaputt gehen? Helfen sie gar dabei, dass er kaputt geht? Worum er natürlich nicht gebeten hat. Die Antwort bleibt der Film schuldig.
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Nicht weit davon entfernt, im Sanatoriums-Gartenhäuschen, werden Politik und Gesellschaft nicht, wie es sonst üblich ist, aus dem Heilungsprozeß des allseits von Krankheiten belagerten Individuums verbannt. Deshalb werden hier, unter anderen, Aristoteles, Hannah Arendt und Noam Chomsky mit George Ivanovich Gurdjeff in Zitaten gleichgeschaltet. Verwunderlich ist das nicht. Es steht längst in der Zeitung, ganz ohne Bezug auf die Documenta, daß die Professoren sich über ihre Studenten beklagen: mangelndes Textverständnis, schwaches Faktenwissen, zunehmende Zerstreutheit. Das Wort Bildung wird da schon wohlweislich unter den Tisch fallen gelassen. Die Jungs und Mädels sind, in Adjektiven ausgedrückt: konfus, zappelig, orientierungslos, unaufmerksam, sprachverkrüppelt, vernetzungsgetrieben, googleversklavt – aber brillant in den "Techniken der Selbstdarstellung". Im Sinne der heutigen gesellschaftlichen Anforderungen an Uni-Absolventen sind sie also pumperlgesund. Das Internet ist die Rettung. Das weiß heute jedes Kind. Bis ins hohe Studentenalter hinein. Was gibt es da noch zu heilen?
Wir können die Anstalten für die Verwirrten dieser Welt getrost alle schließen. Spätestens in dem Moment, in dem jeder seinen Internetanschluss am Körper trägt. Das Sanatorium – insofern liegt die Documenta völlig richtig, hier eins auszustellen – repräsentiert eine beendeten Periode der Heilkunst. Es gehört zu den toten Dingen einer abgelebten Kultur, und damit ins Museum.
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Die von Jérôme Bel auf die Bühne gebrachte Tanz-Performance mit elf Behinderten und einem in äußerst angenehmer Zurückhaltung agierenden Conférencier hat das voll besetzte Kaskade-Kino, auf dessen Bühne sie stattfand, hellauf begeistert. Die Elf haben sich vorgestellt mit Namen, Alter, Beruf und Nennung ihrer Krankheit. Sie können nicht denken, oder nicht gut genug denken, und drei von den Elfen sagten, dass sie deswegen traurig seien. Sie haben sich sogar entschuldigt dafür. (Anzunehmen ist, dass die meisten von uns im Publikum dazu nicht in der Lage sind.) Dann führten die Elf ihre Tänze vor – und haben geradezu heldenhafte 100 Minuten durchgehalten.
Nach dieser tollen Vorstellung gingen wir zum Hugenotten-Haus, um den Veranstaltungsplan für diese letzte Documenta-Woche zu studieren. Dort ist ein aus Berlin stammendes, mit Musikern aus vier Ländern besetztes Quartett angekündigt. Sie spielen Free Jazz und improvisierte Musik. Das Programm heißt: Stop Thinking.
Ein Volltreffer mitten in das Dilemma dieser Documenta. Man kriegt permanent zwei Anweisungen entgegengeschleudert: Think! und Stop Thinking! Und es hilft nicht heraus, dass es als beabsichtigtes Dilemma hingestellt wird. Hin und her gerissen zwischen diesen einander ausschließenden Befehlen, kann man von Glück sagen, wenn man nach 100 Tagen noch immer keinen Wackelkontakt im Kopf hat.
Doch, wie immer: bei Kunst muss man auf der Hut sein. Vielleicht ist das Stop Thinking ja augenzwinkernd gemeint. Die Abschaltung des Verstandes gehört als Attitüde natürlicherweise in die Disco, wo das Massenpublikum ist, das Free Jazz und improvisierte Musik nicht haben und mit dieser Befehlsparodie wahrscheinlich nur satirisch abwerben wollen. Improvisierter Feinspott. Wir werden trotzdem nicht zum Auftritt des Quartetts gehen, irgendwas an diesem Stop Thinking ist doch zu dicht am Ernstgemeinten, zu dicht am Trend der Zeit. Da kann man gar nicht anders, als den eigenen, nicht zur Selbstaufgabe präparierten Verstand auszupacken. Aber wir werden ihn nicht einfach stur anwenden. In Analogie zum Angebot begleiten wir dessen Ablehnung ebenfalls mit einem mokanten Augenzwinkern. Unser Wegbleiben wird ein ironisches sein.
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Tag 96 / 12.09.12 / 11:00-12:30 Uhr
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Das Gelingen in der Kunst setzt Autorität. Selbst wenn man nicht immer die Mittel hat, jenes zu erkennen, so wird man doch diese spüren. Sie kommt auch aus der Souveränität des Künstlers und ist zugleich deren Widerspruch, denn Souveränität und Autorität sind unvereinbar. Aus diesem Widerspruch gibt es keinen Fluchtweg. Man muss das leben, also das nächste Kunstwerk in Arbeit nehmen, die nächste Documenta.
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»Und so weiter und so weiter und so weiter ... Sollte am Ende das die von Physikern gesuchte Weltformel sein?« (Albrecht Fabri)
Zu ergänzen wäre noch: ... aber der Motor, der das Undsoweiter am Laufen hält, wer oder was immer ihn gebaut und eingeschaltet hat, bleibt weiterhin unsichtbar.
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Sehr kurzes Gespräch unter sehr guten Bekannten – nach dem Besuch der phantastischen Vorführung von L'Étermité par les astres / Hypothèse astronomique (Louis-Auguste Blanqui) im Planetarium.
Beckett: Woher kommen wir?
Joyce: Aus dem All.
Beckett: Stimmt.
Joyce: Wohin gehen wir?
Beckett: Weiß nicht.
Joyce: Stimmt auch.
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Kunstwerke sind Zeit-Heiler, auch dann noch, wenn sie sich als Zeit-Zertrümmerer oder Zeit-Feinde gebärden. Diejenigen, die als Publikums-Heiler oder gar Welt-Heiler auftreten, sind die schwachen.
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Und immer noch und obwohl wir unermüdlich hingerannt sind, nicht unbedingt "rasselnd, klingend, rollend, verdreht", aber doch "rege" und einige Male aus guten Gründen "sehr frenetisch", immer noch können uns Freunde was von Nebelfängern erzählen, von Engeln, die sich beim Tanz auf der Nadelspitze nicht in die Quere kommen, von dem Interview mit einem guatemaltekischen Auftragsmörder, von einer aus nichts gefertigten Skulptur, von unter Naturklängen verborgenen Botschaften, von litauisch sprechenden Kakerlaken: und wir müssen hilflos die Hände heben, wir haben das, wovon sie reden, nicht gesehen. Werden wir, so kurz vor Toresschluss der documenta, auch nicht mehr: es gehört nach dem Ende zu dem, das uns entgangen sein wird.
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Tag 95 / 11.09.12 / 14:00 - 16:30 Uhr
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Elf leere Stühle, elf volle Flaschen Wasser, bevor elf behinderte Schauspieler die Bühne betreten, einzeln, und ins Publikum starren, einer nach dem anderen, jeweils eine Minute lang: woher wissen sie, wie lange sie da stehen müssen, woher wissen sie, wie lange eine Minute dauert: wenn für Graham Greene schon eine Sekunde nicht abschätzbar war: aber sie wissen es, die elf Darsteller von Jérôme Bels 'Disabled Theatre', jeder auf seine Weise: für eine umfasst die Minute elf langsame Atemzüge, für einen anderen ist sie im Körperumdrehen vorbei, für einen weiteren hört sie nicht eher auf, bis ihm gesagt wird, danke, Peter, du kannst jetzt gehen. Was ist Zeit, wenn der Tanz noch nicht begonnen hat.
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Wir, hier in Europa, sind mit der christlichen Propaganda zugunsten der Kreuzzüge und der Kreuzritter aufgewac hsen. Jetzt sind andere Zeiten angebrochen. Es kommt: die islamische Gegendarstellung.
Nirgendwo menschelt es so schwer wie in Marionettenfilmen, das gilt auch hier. Und wir sind natürlich alle ganz ergriffen. Diejenigen eingeschlossen, versteht sich, die weder mit der einen noch mit der anderen Version was anfangen können. Für Religionsabstinenzler gibt es leider kaum Material zum Thema, weil ihre Geschichte nie geschrieben wurde, und so bleibt ihnen nur, sich von dem ergreifen zu lassen, was es gibt, von der Religionstragik der Gläubigen.
Die monotheistischen Religionen sind die größten Gewalterzeuger der Menschengeschichte seit 2000 Jahren. Man muss sich das mühsam aus verstreuten Einzelquellen zusammen denken, denn die theologischen Gesamtschauen haben an dieser Stelle eine Lücke, die hinter dem dicken Nebel der Aufteilung der Welt in Täter und Opfer unsichtbar bleibt. Zudem gilt heute eine solche Diagnose gegen die Religionen als ungebührlich, wenn nicht blasphemisch, und man will uns stattdessen weismachen, es ginge in der Geschichte in Wahrheit doch immer bloß ums Ökonomische. Seltsam nur, wie oft die scharf gezogene Trennlinie zwischen den Krisengeschüttelten exakt mit der zwischen den Religionsgeschüttelten zusammenfällt, je weiter von Europa weg, desto schärfer. Dem Abendland sind die Christen die Opfer, dem Morgenland die Muslime. (Auch auf sich selbst bezogen behalten sie das Schema bei, sich selbst als Opfer der Anderen zu sehen. Schiiten gegen Sunniten und umgekehrt, Katholiken gegen Protestanten und umgekehrt, Orthodoxe gegen Weltliche und umgekehrt, undsoweiter undsofort.) Noch Elias Canetti, der sonst so kühle und neutrale Beobachter und Beschreiber von Massen und Meuten und deren Unterformationen stellt in seinem Buch 'Masse und Macht' (1960) den Islam als aktive »Kriegsreligion« vor und das Christentum als passive »Klagereligion« und lässt es dabei bewenden.
Die neueste Masse hatte Canetti bis zum Erscheinen seines Buchs im Jahr 1960 noch nicht genügend kennengelernt, die Massenmedien, die gefährlichste Masse von allen, keine von Personen sondern eine von betonierten Weltbildern. Heute, wo Politik und Kriege von den Massenmedien erzeugt werden, will alle Welt nicht als Opfer nur gesehen werden, sondern als solches Wertschätzung einheimsen und daraus Handlungsmaximen beziehen. Das anerkannte Opfer macht medial immer die bessere Figur. Niemand will bei der Tat gezeigt werden, da verscherzt man sich alle Sympathien. Täter sind stets die widerwärtigen Anderen. Das heutige Weltbild wird mehr und mehr auf Bedrohung hin uniformiert, der Bedrohte ist immer im Recht, alles kriegerische Handeln ist nur noch Verteidigungshandeln, so wird die Legitimation zur Notwehr aus dem tatsächlichen oder reklamierten oder in prophetischer Voraussicht ermittelten Opferdasein abgeleitet. Und wenn es schwierig wird mit der Notwehrlegitimation, geht man auf Geschichtsreise, auf die Suche nach der Ur-Bedrohung. Diese Geschichtsschreibung erfreut sich wachsender Beliebtheit. Die Frage, ob Religion bloßes Instrument von Gewalt ist oder deren Ursprung, schiebt sie anderen Wissenschaften zu, die das aber auch nicht klären möchten. Wer in den gerade zurückliegenden Jahrzehnten etwas genauer auf die Welt und die Bilder, die sie sich von sich selber macht, hingeschaut hat, der weiß, was es bedeutet, wenn ruhmhungrige Politiker, aufstrebende Demagogen, unterbeschäftigte Militärs, gelangweilte Massenmedien und irgendwann dann auch ambitionierte Künstler auf tausend Jahre alte Geschichte, oder noch ältere, zurückgreifen. Es bedeutet, dass Für-und-Wider-Identitäten konstruiert werden, und das zeigt an, daß Krieg bevorsteht. Noch mehr Kriege, noch größere und noch fundamentalere, als ohnehin schon laufen.
Was soll man also mit Wael Shawkys Marionettentheaterfilm 'Cabaret Crusades' anfangen? Was ist an solchen Erzählungen bemerkenswert, überliefernswert, verstehenswert, schlussfolgernswert ? Ist es Geschichts-Unterricht oder Kunst-Diskurs? Ist das Wort 'Cabaret' ein Hinweis darauf, dass es sich eigentlich um eine kabarettistisch wertvolle Parodie auf religiöses Unterhaltungsgedudel handelt? Geht's mal wieder um die Kontroverse zum modisch relevanten Re-Enactment? Und muss jetzt alle Religionshistorie neu verfilmt werden? Oder handelt es sich gar um einen orientalischen Subtext gegen die ausgetüftelte Fernseh-Ästhetik der Augsburger Puppenkiste? Das Schlechteste wär's nicht, wenn es sich einfach bloß als weiteres Allerwelts-Kunstwerk unter all die anderen einreihen würde, denn dann bräuchte man sich um das zuvor Gesagte keinen heißen Kopf machen.
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Tag 94 / 10.09.12 / 12:00 - 13:30 Uhr
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Auf dem Weg zum Postamt hören wir, wie die eine der vor uns gehenden Frauen zur anderen sagt: "Hast du deine Handtasche abgemessen", und wir wissen: sie sind auf dem Weg zur documenta.
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Er ist sich nicht sicher, der schwarzhaarige Texaner, der für zwei Tage nach Kassel zum Kunstgucken gekommen ist, wieviele von den vielen Dingen, die er gesehen hat, wirklich zur documenta gehören. Während die Frau aus Bad Mergentheim es nicht fassen kann, dass er aus Texas kommt, die sehn doch völlig anders aus, die Texaner, na, Sie wissen schon, J.R., Dallas und so, nein, damit kann er leider nicht dienen: und die Frau aus Bad Mergentheim tut's zum Übrigen, war eh nicht ihr Tag, sie hat zwar nicht so viel gesehen wie der Mann, der angeblich aus Texas kommt, aber auch das wenige würde sie nicht unbedingt Kunst nennen, na, sie geht dann mal, vielleicht findet sie ja noch was in der Aue, was eher nach ihrem Geschmack ist. Und dem Texaner, der nicht wie einer aussieht, kommt man mit Kinky Friedman, Texaner wie er und ebenfalls nicht die Spur von J.R., Dallas: aber, Leute, was für Songs, 'They don't make Jews like Jesus anymore' ist nur einer davon.
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Museen sind Aufbewahrungsorte. Was in alten Zeiten gemalt wurde, was einst stilbildend wirkte, was danach in Schulen, Perioden, Techniken, Geschichtsepochen eingeteilt und durchtheoretisiert wurde, all das landet im Museum der toten Dinge. Dinge, die man nicht wiederholen kann, und auch nicht wieder holen. Die Dinosaurier, weil sie weg sind, sind dort angekommen. Und wenn irgendwann dem Raben, dem Igel und der Heidelbeere ein Platz im Museum angewiesen wird, kann man sicher sein, dass es sie nicht mehr gibt, oder bald darauf nicht mehr geben wird.
Die Bewohner der West-Sahara sind von der Documenta eingeladen worden, ein Zelt aufzustellen. Im Verschwinden begriffen, für die Weltöffentlichkeit schon in Unsichtbarkeit getaucht, werden sie zum Ausstellungsstück und in die abgeschlossenen Sachen und Thematiken eingereiht. 'La Cooperativa Unidad Nacional Mujeres Saharauis / The National Union of Women from Western Sahara'. Sehr nette und gastfreundliche Frauen, die Spanisch sprechen und uns zu Tee und Couscous in ihr selbstgenähtes Zelt eingeladen haben. Wir sind der Einladung gerne gefolgt. Diese Menschen leben in einer nichtexistenten Nation, sie sind staatenlos, also rechtlos, ihr Lebensraum, die Westsahara, war einst eine Kolonie Spaniens und wurde inzwischen von Marokko annektiert. Zweihunderttausend, zur Unsichtbarkeit verurteilt, und das bedeutet nichts anderes als: zur Auslöschung freigegeben. Weil es ein Kochbuch gibt, 'Dining in Refugee Camps: The Art of Sahrawi Cooking' / Essen in Flüchtlingslagern: Die Kunst der sahrauischen Küche', sind sie und ihr Zelt zum Betrachtungsobjekt auf der Documenta geworden. Allein das kann einem den Appetit verderben.
Und als ob das nicht schon genug wäre, erscheint auch noch die Erdatmosphäre plötzlich im Museum (Fridericianum), mitsamt erklärender Schrift an der Wand und ausgestattet mit einer Solidaritäts-Postkarte, die man an die Politik senden soll, damit die Rettung doch noch gelingt. Die Postkarte geht an Herrn Minister Peter Altmaier im "Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit" in der Alexanderstr. 3 in 10178 Berlin und beginnt mit dem Satz: »Als Bürger Deutschlands fordere ich Sie auf, jetzt zu handeln, und die gemeinsame Anstrengung anzuführen, ein außerordentliches Nominierungsverfahren zur sofortigen Eintragung der Erdatmosphäre auf die UNESCO-Welterbeliste zu initiieren, in Übereinstimmung mit dem Zweck und den Zielen der Welterbekonvention ...«.
Wo es um Erbe geht, wurde vorher gestorben, daher wohl die Museumsplazierung dieses Aufrufs. Die Erdatmosphäre bekommt den Status einer sich verabschiedenden Epoche. Wer wird und will all das von der Welterbekonvention geschützte Kulturgut erben? Die kommenden Generationen? Und nach diesen – wer wird dann die Erde und ihre löchrige Atmosphäre erben? Gibt's dort draußen im All irgendjemanden, der als Erbe überhaupt in Frage käme, und wenn ja, wird dieser Jemand das Erbe auch antreten, oder doch eher ablehnen? Wer will so eine kaputte Kugel denn in seinen Besitz nehmen? Wie es aussieht, werden einige von uns den Museumstod sterben; einige andere, eine Klasse schlechter, den Wüstentod; alle zusammen, in die höchste Klasse eingestuft, den Weltkulturerbetod.
Museen, Weltkulturerbebüros und Überlebenszelte sind fatale Orte.
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Tag 93 / 09.09.12 / 10:30 - 15:30 Uhr
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Wer für ein Filmprojekt Geld akquirieren will und auf namedropping setzt, muss, zumindest in Deutschland, kein besonders ausgeprägtes Gespür für Namen haben. Hierzulande gibt es nur wenige mit bedeutungsschwangerem Reizwortcharakter. Das oberste Reizwort, bei dem man auf sofortige Reaktion rechnen kann, ist nach wie vor: Hitler. Das ist nicht schwer zu kapieren, deshalb spielt hierzulande jedes Kind dieses Spiel. Im Kunstfinanzierungsgeschäft reicht in der Regel ein einziger Name nicht, auch nicht der genannte. Es kommt also auf die Kombination an. Wählt man die richtigen Beschleunigungsnamen als Bezugsgrößen, lässt sich der Reizgasballon mächtig aufblähen ohne vorzeitig zu platzen. Hier ist es ein Namens-Trio: Hitler-Goethe-Fassbinder. Das haut rein. Dahinter vermutet jedes Finanzierungszentralkommitee, unabhängig von seiner Besetzung, den ganz großen Intellekt und prospektiv den ganz großen Wurf und streut dem kühnen Filmemacher die entsprechende Summe aus.
Der aus diesen Namen aufgebrezelte Film wird jeden Tag weitergedreht, ergänzt, verändert, neu zusammengebastelt und heisst 'Three Little Pigs', begleitet von lustiger Katalogbegründung, die wir hier aus tief empfundenem Mitgefühl für den überforderten Filmkünstler nicht wiedergeben. Die Version, die wir gesehen haben, lief am 9. September um 10:30 im Bahnhofskino. In der kamen allerdings nur zwei Schweinchen vor, was die Erstbegründung durch Unterlassung einer nachgelieferten Zweitbegründung dummerweise hinfällig machte. Es fehlte: Herr von Goethe.
Aber der Herr Hitler, der war da. Und ist wohl immer da, in allen Tages-Versionen, denn den kann man nicht einfach entfallen lassen, ohne gleich das ganze Projekt zu erledigen. Der Herr Hitler ist hier zu sehen als stunden- und tage- und nächte- und jahrelang einsam vor sich hin philosophierender Kulturdiagnostiker, der seinen Eroberungs- und Vernichtungspragmatismus wohlfeil und unwidersprochen in die Welt hinaus verlautet. In unserem Fall in einen leeren Kinosaal, der ein halbes Tausend Leute fassen kann, von denen aber nie mehr als sechs da waren. Die vier anderen wechselten während der zweieinhalbstündigen Vorführung mehrmals und zügig. Außer uns, die wir aus teils höflichem, teils unverständlichem Kunstrespektmasochismus die ganze Zeit geblieben sind, hat niemand sonst auch nur fünf Minuten ausgehalten. Dann waren wir wieder allein. Allein mit Herrn Hitler. Bis die nächsten vier kamen... und wieder gingen. Wir sahen etwa 130 Minuten Adolf und etwa 20 Minuten Rainer Werner. Der Film soll am Ende die Länge von 200 Stunden erreichen. Wo mit solcherart Kino-Unendlichkeit geprahlt und gedroht wird, lohnt es sich, das wohlbekannte Zitat des österreichischen Schriftstellers Ödön von Horváth auszugraben: »Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.«
Für monomane Großleistungen ist das einschlägige Biertrinkerrekordbuch zuständig, dem jetzt wohl ein Kunstschlürferrekordbuch zur Seite gestellt werden muss. Es handelt sich hier nicht um einen Rekord in der Disziplin ehrliche und anständige Dummheit, die eingeboren ist und daher nichts von sich weiß, weil ihr Ursprung einfach nur ein schwacher Verstand ist, ein mehr oder weniger schicksalhafter Mangel an Intelligenz, auch biologisch bedingte Pausbäckigkeit genannt, sondern um einen in der nicht wenig verbreiteten Disziplin künstlerische Dummheit, die aus dem kalkulierenden Verstand kommt, der seinen eigenen Berechnungen, Ideen und Intuitionen nicht gewachsen ist, sie aber dennoch und wider besseres Wissen nicht fallen läßt. Ein Defizit an Denkfähigkeit und zugleich eins an Aufrichtigkeit, das Missverhältnis von Stoff und Inszenierung, das sich zum profunden Missverständnis der Sache auswächst und an dieser verdirbt, was da nur zu verderben ist. Wer Gespenster inszeniert, sollte vorher herausgefunden haben, dass es außer den Inszenierten keine gibt. Soviel Verstand muss sein.
Gäbe es ein Buch mit dem Titel 'Über die Dummheit im Filmemachen', müsste man mit mehreren zehntausend Seiten rechnen, und doch würde 'Three Little Pigs' von Albert Serra gegen härteste Konkurrenz darin noch einen Ehrenplatz erobern. Trotz überaus zahlreicher Fehlgriffe dieser Documenta, die man leicht und gut begründet auch Dummheiten nennen darf und in diverse Spezialkategorien von Unterdummheiten einteilen könnte, an exponierter Stelle die euphorische Feier von Esoterik jeder Art, bekommt dieser Film von uns den 1. Preis im Wettbewerb um den Allesüberragenden Schwachsinn der d13.
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Weitaus interessanter ist es, über die Hilflosigkeit im Filmemachen zu forschen. Man würde zunächst mal trennen müssen zwischen der Hilflosigkeit des Filmers seinem Material und Sujet gegenüber und der Hilflosigkeit, die von Material und Sujet selbst erzeugt wird. Letzteres kann man an 'The Radiant' der Otolith Group sehen. Dieses Thema, der grundsätzliche und nicht wieder rückgängig zu machende Fehler, aus Atomkraft Alltags-Energie für Milliarden von Menschen abzuzapfen, ist so über-lebens-groß, dass wir den Katastrophen, die daraus automatisch resultieren, völlig hilflos gegenüberstehen, und damit auch dem Thema. Kein Film wird es schaffen, das adäquat auf die Leinwand zu bringen. 'The Radiant' zeigt das Scheitern exemplarisch, das jedoch nicht aus einem wie auch immer gearteten Versagen der Otolith Gruppe kommt. Den Versuch war es wert. Die Erforschung der Hilflosigkeit im Filmemachen hat noch nicht begonnen.
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Tag 92 / 08.09.12 / 13:00 - 16:00 Uhr
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Wie sehn die denn aus. Hast du die Gesichter von den Puppen gesehen, das sind doch Kamele. Und da: ein Schwein. Aber die sprechen doch, das sollen doch Menschen sein, oder? Ja, Armenier, die können die nicht leiden. Wer kann die nicht leiden? Na, die Türken, deswegen kloppen die sich doch. Aber den Film hat doch kein Türke gemacht, das war doch einer aus Ägypten. Vielleicht können die die auch nicht leiden. Die Armenier? Und die Christen, das waren doch Kreuzzüge, damals, darum geht's doch in dem Film. Ich dachte, das sollen Franzosen sein. Sind das keine Christen? Eher Atheisten. Damals nicht, und außerdem können die die erst recht nicht leiden. Aber guck doch, die da sehn doch auch aus wie Kamele. Und Schweine, oder was das für Tiere sein sollen. Hab ich doch gesagt: die können die nicht leiden. Aber das sind doch jetzt die Türken, wieso sehn die denn auch so komisch aus wie die, die sie nicht leiden können. Das kann man doch gar nicht auseinanderhalten. Wieso fragst du mich das, ich versteh schon lange nicht mehr, warum die jetzt die umbringen, mit denen sie vorher zusammen waren, um die anderen umzubringen, obwohl die auf ihrer Seite waren. Genau, wenn das so durcheinander geht, dass man nicht mehr mit kommt, kann man gar nichts lernen aus dem Film. Doch: dass die wie Tiere werden, wenn die Kriegslust mit ihnen durchgeht, und dass das Volk egal ist und die Religion und der Grund, die werden alle Tiere. Das würd' ich jetzt aber nicht so laut sagen, die wollte doch mit der documenta genau das Gegenteil zeigen: dass die Tiere die besseren Menschen sind. Dann hätten die das diesem Regisseur mal sagen sollen, bevor der seinen Film dreht. Aber eins muss man ihm lassen, oder, die Puppen, die hat er ganz toll hingekriegt, das war bestimmt eine Heidenarbeit. (Gedächtnisprotokoll einer mitgehörten Unterhaltung während und nach den Vorführungen des Marionetten-Films 'Cabaret Crusades: The Horror Show File' und des Marionetten-Musical-Films 'Cabaret Crusades: The Path to Cairo' von Wael Shawky).
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Dass zur Zeit alles zerstückelt und zersplittert ist in der Kunst, deutet auf ein Ende hin. Deshalb sehen die Dinge hässlich aus, und die Kunstwerke fallen hinter sich selbst zurück. Nach der Dekonstruktion ist Rekonstruktion nicht mehr möglich, vielleicht Neukonstruktion. Enden ist immer hässlich, nur Anfangen ist schön. Wenn die alten Apfelsorten tot sind, muss man neue züchten.
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Und heute von der Music-Box: nochmal Bob Dylan. Only A Pawn In Their Game ist aus dem Jahr 1967, von einer Platte die The Times They Are A-Changin' heißt. Fünfundvierzig Jahre – und ich hab' nichts ausgelassen. Heute morgen hab' ich uns die neueste geholt, Tempest.
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Tag 91 / 07.09.12 / 13:00 - 16:00 Uhr
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Meer, Reim, Palme, Alp, Leim, leer, Arm, Lima, real, Arie, Perle: das sind nur elf der vielen möglichen Anagramme, die sich aus dem Namen 'E. Palmeri' legen lassen. E. Palmeri steht auf dem kleinen Plastikröhrchen in meiner Hand. Das Platikröhrchen enthält 60.000 Gene (von E. Palmeri, nehme ich an), und war – zusammen mit 79.999 anderen Plastikröhrchen mit ebenfalls je 60.000 Genen anderer Menschen – Bestandteil einer Art Installation von Alexander Tarakhovsky. War: in einer anderthalbstündigen Aktion hat er die Plastikröhrchen an interessierte Besucher verschenkt ("Die 60.000 Gene in den Röhrchen sind Ihre. Nehmen Sie einfach ein Röhrchen und gehen Sie wieder"). Den Beschenkten ist die Sache nicht ganz geheuer, was, wenn es ausläuft, was, wenn es ansteckend ist, was, wenn es jemand aus Versehen trinkt, ach was, kipp es einfach an einem Tatort aus: dann sucht die Polizei den Falschen. Das Ding hat Potential. ("Sie sind der Erste in der menschlichen Geschichte, der menschliche Identität von einer Kunstausstellung mitbringt"). Jetzt besitze ich den winzigkleinen Bruchteil eines Kunstwerks der documenta (13), jetzt besitze ich 60.000 Gene eines Menschen namens E. Palmeri: was fange ich damit an?
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Im alten Tanzsaal des Hotel Hessenland wird gerade umgebaut. Die Decke und ein Teil der Wände sind offen, man kann das sonst geheime Innenleben sehen. Rohre, fehlende Rohre, Kabel, fehlende Kabel, Isolierungen, fehlende Isolierungen, Halterungen, fehlende Halterungen, Leitungen, fehlende Leitungen – was noch nicht da ist, erkennt der Fachmann sofort, alles andere bietet sich mehr oder weniger nackt dem Betrachter. So oft man hingeht, hier sind immer wenige, meistens keine.
Die auf den Bildflächen diskutierenden Surrealisten, dominiert von Breton, bieten eine andere Nacktheit. Auf dem Gebiet halten sie sich für Fachleute, und deshalb reden sie auch wie solche. Die Projektionsflächen stehen kreuz und quer zueinander und zeigen gesetzte junge Herren, die über körperliche Liebe streiten. Diese Herren sind die bekannten Obersurrealisten, dargestellt von Schauspielern in einem Fernsehstudio, das man als Studio vorgeführt bekommt, inklusive Kontrolltechnik. Historisches Ambiente, typischer Raum der 20er Jahre für gemischtes Personal, halb Bessergestellte, halb Bohème. Fernsehspiel für medientheoretisch interessierte Intellektuelle.
Man kann erkennen, wie gut die englische Sprache sich zum Diskutieren eignet. Sie ist scharf und präzise und sehr stark auf Tonfälle angewiesen. Nicht, wer den weitesten Horizont im Thema öffnen kann, sondern wer die Tonfälle beherrscht, kommandiert den Diskurs. Für das Thema Sexualität ist sie schlecht geeignet und korrespondiert in diesem Fernseh-Sprechspiel bruchlos mit dem, was die Künstler an Gehabe mitbringen, das ihrem Thema gänzlich unangemessen und nicht nur der ostentativen Abwesenheit von Frauen geschuldet ist. Sexualität wird hier nicht mit phantasiereicher dialogischer Intelligenz bedacht, sondern in einem schlagworthaften Vokabular verhandelt. Diese Sprache ist weit hinter der von Arthur Schnitzler und Karl Kraus zurück. Breton, der Sprecher des Schrift-Surrealismus, befehligt die Worterteilungen. Die englische Sprache klebt nicht an grammatischer Ordnung, sie ist einsilbig und deshalb geistesgegenwärtig. Diskussionsbeiträge und -ergebnisse kommen schnell und trocken. Die Zuordnung von Worten zu männlichem oder weiblichem Geschlecht ist unwichtig. Und sie ist die Sprache einer Klassengesellschaft, in der sich die Ober- und Universitätsschicht stark von allen darunter liegenden Schichten unterscheidet. Breton, der Sprecher des Schrift-Surrealismus, ist hier ganz Engländer, er befehligt die Wortmeldungen.
Ein Kunstwerk erzeugt das nächste, sagt Gerard Byrne, der diese Fernsehspiel-Installation gemacht hat, im Gespräch. Die Sprache der Surrealisten, darauf kommt es ihm nicht an, auf das, was sie und wie sie es sagen, auch nicht, das Copy-and-Paste Prinzip ist sein Zugang zum Material. Mehr weiß er selbst nicht über sein Fernsehspiel, es ist noch zu frisch, um mehr zu wissen.
Die angenehme und aus netteren Zeiten stammende Vorstellung von der Autonomieder Kunst und die daraus gefolgerte Idee, daß ein Kunstwerk das andere nach sich zieht und damit eine Werkkette in Gang setzt, die weit genug von allem entfernt ist, um auch weiterhin autonome Träume zu pflegen, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Solche Produktionsbedingungen haben aufgehört zu existieren, es sei denn als Selbstbetrug. Man muß als Künstler soviel von sich wegschieben, soviel ignorieren, daß nur etwas völlig Verbogenes oder Unfertiges daraus hervorgehen kann. Die direkte, in unbeschädigter Unschuld schwelgende Verbindung zwischen Intuition und Kunstwerk ist gekappt. Aus der einst progressiven Idee, das Medium, in dem man sich ausdrückt, in den Prozeß der künstlerischen Arbeit mit hinein zu nehmen und mit zu thematisieren, ist inzwischen etwas höchst Reaktionäres geworden: die Selbstreferenz des Mediums, die Vorführung der künstlerischen Mittel zum Zweck der Selbstdarstellung der Mittel. Das gespielte Spiel, das (Fernseh-)Spiel von der kompletten Ignoranz gegen jeden Inhalt. Die Surrealisten unterhalten sich gar nicht über Sexualität, sie unterhalten sich einfach. Im doppelten Sinne. Das Thema ist unerheblich und austauschbar, geredet wird zum Zeitvertreib. Nicht zuletzt zum Zeitvertreib des Künstlers, des Inszenators.
Aber da ist noch was. Dieser Tanzsaal ist einer der schönsten Räume der gesamten Ausstellung, ähnlich dem Bank-Raum mit den Kreidelandschaften von Tacita Dean. Ein Tanzsaal, zumal der 50er Jahre, verspricht in der freundlichsten Art falsche Intimität, deren Selbstbewußtheit mitgeliefert wird, Reste des 20. Jahrhunderts, die gerade aufgegeben werden. Jene Falschheit, die sich gegen ihren Gebrauch wie Mißbrauch zur Wehr setzt, indem sie ihre Versprechen aus der Zeit heraus nehmen und in den Raum versetzen, dessen Idealtyp der Tanzsaal ist. Der Tanz verspricht etwas, was er nicht halten kann, und jeder Tänzer, jede Tänzerin weiß das. Versprechen sind aber an Zeit gebunden. Wenn der Raum, in dem sie abgegeben werden, sie nicht halten kann, dann muß man sie auch nicht erfüllen. Tanz ist raumfüllend, aber zeitanullierend.
Dieser Raum ist allem voraus, was in ihm steht oder geschieht. Wenn er erst einmal fertig renoviert ist, wird er das nach simulierter Intimität schmachtende Publikum magnetisch anziehen. Wie schon Jahrzehnte zuvor. Aber zu diesem, trotz des Themas, jede Intimität, auch jede simulierte, zerstörende Fernsehspiel kommt kaum Publikum. Raum und Installation schließen einander aus.
Den gesamten Text des Documenta-Journals von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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dOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 81 – 90)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 6. September 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 90 / 06.09.12 / 15:00 - 18:00 Uhr
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Dass es nicht angeht, zwischen Kassel und Kabul unter der diffusen Thematik von 'Zusammenbruch und Wiederaufbau' eine gerade Linie zu ziehen, weil die Geschichte der Zerstörung Kassels nichts mit der Geschichte der Zerstörungen in Afghanistan zu tun hat, ist ein stichhaltiges Argument. Der Wiederaufbau hat die Zerstörung zur Vorgeschichte, das wird in vielen Facetten auf der Documenta gezeigt. Aber die Zerstörung hatte ebenfalls ihre Vorgeschichte, und die sieht man zu wenig bzw. gar nicht. Kassel ist nicht angegriffen worden, weil die Alliierten gerade Lust aufs Bombenabwerfen hatten, sondern weil es bestimmte Dinge zu treffen und auszuschalten galt. Der deutsche Wiederaufbau hatte seine Macken und Machenschaften, und wird nicht ohne Gründe Restauration genannt. Die Vorgeschichte zur Zerstörung Kabuls / Afghanistans ist zwar in Schlagworten und Schlagzeilen unterwegs, aber nicht mal ansatzweise geklärt. Schon an solchen groben Zügen der Jahre zwischen 1930 und 1960 in Deutschland und 1980 bis heute in Afghanistan kann man erkennen, dass die Parallelisierung von Kassel und Kabul weit hergeholt ist.
Dennoch gehört das, was im alten Elisabeth Hospital an Arbeiten aus Afghanistan ausgestellt ist, zum wichtigsten dieser Documenta. Es fängt damit an, dass man eine Zeitung – 40x57cm / 4 Seiten – auf einem Tisch findet. Diese Zeitung enthält einen feinen Exkurs von Chus Martínez zur Frage – Was ist eine Geste? – unter Hinweis auf Beiträge von Erwin Panofsky, Moshe Barash, Hannah Arendt und dem Oxford English Dictionary zu dieser Frage. An anderer Stelle steht ein Statement von Michael Rakowitz, das von seltener politischer Klarheit ist. Klarheit, die zu konkretem Handeln führte, hier einem Lehrgang zur Wiederbelebung der Steinmetzkunst auf dem Gelände der zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan und seiner Dokumentierung in einem Film.
Wir sind Opfer eines idiotischen Bildes von dem, was eine war zone ist. Diese Idiotie sieht die Kriegszone in Afghanistan und wird fast täglich mit bestätigenden Bildern gefüttert, aber die in verwandschaftlichem Verhältnis damit stehenden Kriegszonen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft sind ausgeblendet. Gated Communities der Reichen in London oder Los Angeles, die von hohen Mauern und bewaffnetem Privatmilitär gegen die nicht so Reichen abgeschirmt werden. Luxus-Restaurants überall auf der Welt, die ihre Mülltonnen gegen Obdachlose mit gefährlichen Gerätschaften verteidigen, die den nachts nach Essensresten Suchenden schwere Verletzungen zufügen. Die South Side von Chicago, wo Armut, Verfall und Schießereien an der Tagesordnung sind. Und hunderte von anderen Orten auf der Erde, die in den sich selbst feiernden Massenmedien niemals Kriegszonen genannt werden, weil das den schönen Schein des systemrelevanten Konsums zertrümmern würde.
Unser Bild von Afghanistan ist gefälscht und in dieser Falschheit außerdem so fiktiv, dass man nicht anders kann, als festzustellen: eine ernsthafte Verständigung mit dieser Region der Welt ist nie begonnen worden. Dazu hat die Documenta ein paar Gegenpositionen präsentiert. Dass Kunstaktivitäten etwas ändern können, hätte ich vor Beginn des Großereignisses rundheraus bezweifelt, da die westlichen Massenmedien und ihre Befehlsgeber keine Änderungen und keine anderen Zugänge zu diesem Gebiet als die der Abqualifizierung zulassen. Was die 4 Zeitungsseiten berichten, kratzt an meinem Zweifel. Zwar sind alle neun Artikel der Teilnehmer dieser von einer Kunstaustellung betriebenen Afghanistan-Expedition unter dem Druck geschrieben, sich selbst zu rechtfertigen, was einer Selbstbeschränkung gleichkommt, aber sie sind so geschrieben, dass eben diese Rechtfertigung der erste Schritt über sich selbst hinaus ist. Und die Ergebnisse sind teilweise staunenswert, der Film von Lida Abdul (What we have overlooked), der schon erwähnte Film von Michael Rakowitz (What dust will rise from one horseman?), der Film von Rahraw Omarzad (Gaining and Losing). Besonders verblüffend eine Collage / Montage / Aneinanderreihung aus alten Wochenschauen, Dokumentarfilmen und Spielfilmszenen zu einem Kompilationsfilm. Allein an der Art und Weise, wie Frauen in diesen Bildern vorkommen, wie sie auftauchen, wo sie auftauchen, wie sie gekleidet sind, was sie tun und zu anderen Zeiten lassen, wie sich die Kleidung ändert, und wie sie wieder aus den Bildern verschwinden, ist abzulesen, welche Extreme die afghanische Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat.
Vorläufig bleibt es dabei: von hier aus gesehen gibt es Afghanistan nicht, nur eine Chimäre gleichen Namens, die der Westen für sich selbst als Bestätigung seiner Ignoranz erfunden hat. Solche Selbstbestätigung hat nie etwas anderes zum Zweck als: Krieg. Vielleicht ist es das, was die diesjährige Documenta-Kunst hinterlassen wird, den überdeutlichen Hinweis, dass die Kunst dabei ist, sich radikal zu ändern. Und die 4 Seiten Zeitung besagen genau dies. Bisher war Kunst Antithese zum Realen. Das reicht nicht mehr. Angesichts des Zustands der Welt kann man das sagen, und angesichts der Zuspitzung dieses Zustands muss man es sagen. Die Kunst wird konkreter, fassbarer. Sie muss es werden, um zu überleben. Sie wird sich aus dem Allgemeinen verabschieden und sich benennbaren Zielen zuwenden. Für Afghanistan und zugleich alles, was Nicht-Afghanistan ist, bedeutet das wohl, dass sie Antithese zu allem Kriegerischen wird. Und das wäre sehr, sehr viel. Mehr als man zu hoffen wagt.
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Tag 89 / 05.09.12 / 11:30 - 13:00 Uhr
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Die Luftschutzbunker im Weinberg und die "Geographie des Ichs", das passt gut zusammen. Eine Stimme, die aus Lautsprechern kommt und Märchen erzählt.
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Und immer wieder: der Wind in den Räumen. Anlass für philosophische Überlegungen und poetische Betrachtungen. Aber auch für grobkarierte Beanstandungen. Zu kalt für die einen Quengler (warum zieht es hier so, muss das so sein, Scheiße, kann man das nicht abstellen, das ist doch nicht schön, diese Kälte), zu leer für die anderen. Das können sie nicht vertragen: dass es hier nichts zu sehen gibt, weiße Leere und Wind: schon falsch, sagt einer, der grad eins der 'Was ist Denken'-Seminare im Rücken hat, wo Leere ist, ist nichts sonst, auch kein Wind, und wenn Wind da ist, kann man nicht vom Nichts sprechen, der ist außerhalb vom Nichts, und das Nichts geht nicht über das Nichts hinaus, also auch nicht in den Wind hinein, du siehst also – nein, sagt der, der's nicht so mit der Sophisterei hat, ich seh nichts: und genau darum geht's hier: dass nichts zu sehen ist, warum soll ich mir einen leeren Raum anschauen, in dem es zieht? Das, denkt ein Spaßvogel, lässt sich ändern: und für ein paar Stunden ist der Raum nicht mehr leer: zwei Äpfel, ein vollständiger und ein angebissener, liegen, sorgsam auf Papiertaschentücher gebettet, nebeneinander auf dem Boden, sehr minimalistisch, kommentiert eine Besucherin das Ensemble, nein, sagt eine, die Bescheid weiß, das gehört nicht dazu, das ist keine Kunst, ach, aber die Äpfel im Stockwerk darüber schon? Die sind ja auch gemalt, die Stimme breit vor Belehrung, noch dazu von einem, der saß im KZ, ah, tatsächlich: und das macht sie zu besserer Kunst?
Kunst oder keine, jetzt ist der Raum wieder weiß, zugig und leer: aber sie waren da, die Äpfel im Wind: Marja hat sie gesehen.
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Soviel Natur auf der documenta, soviel Wachsendes, Wucherndes, über den Fluss Uferndes, ins Kraut Schießendes. Und Thoreau, der gesagt hat, die Wildheit garantiere die Erhaltung der Welt.
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Und heute von der Music-Box: What's the ugliest part of your body? (Frank Zappa & The Mothers of Invention) – Which side are you on? (Billy Bragg).
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Tag 88 / 04.09.12 / 10:00 - 15:00 Uhr
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Jetzt ist die Reihe 'Was ist Denken?' beendet. Schlecht war das nicht, jeden Montag Abend für 2 Stunden so unverzichtbaren Lehrern wie Adorno, Nietzsche, Heidegger, Descartes, Kant, Hegel, Derrida, Lacan etc. zu begegnen, aber so richtig gut war's auch nicht. Die Reihenfolge stimmte nicht; Klärungen von Grundbegriffen – Erkenntnistheorie, Ästhetik, Wahrnehmungsphänomenologie – standen am Ende statt am Anfang, und die gestellte Aufgabe – »Beziehung zwischen Kunst und Philosophie, sowie zwischen Denken und Wahrnehmen« – wurde abstrakt und materialentleert abgehandelt, und das im Umfeld einer Ausstellung, die alles bietet, um konkret, beispielbezogen, anschaulich und nicht zuletzt kontrovers zu argumentieren. Eine Ausnahme gab es: Alexander García Düttmann und seine Vorlesung 'Kein Denker versteht sich selbst'. Der beste Vortrag, weil darin eine sprachliche Klarheit herrschte, die selbst an den Grenzen des Denkens nicht versagte. Am Ende seines Seminars hatte man ein paar Leitmotive an der Hand, mit denen man auch ohne den Philosophen, der das angestoßen hat, weitermachen konnte. Der Lehrer ist dazu da, sich selbst abzuschaffen – die eingelöste Forderung Adornos.
Diese Documenta steht mitten in einem Dilemma, das sie vielleicht nicht in seinem ganzen Ausmaß erkannt hat, dass sie aber dennoch in sich austrägt. »Man steht also vor der Alternative, die Bedeutung des Unterschieds zwischen Kunstwerk, Kunstkritik und Kunsttheorie zu bestreiten, oder unter veränderten Bedingungen an einem kritisch-theoretischen Verhalten zu Kunstwerken, Kunstereignissen, Kunstgeschehen festzuhalten.« (Alexander Düttmann / Verwisch die Spuren)
Kein Kunstwerk versteht sich selbst, und keine Documenta versteht sich selbst.
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Das Kamel im Schnee wollte sie sehen, die Freundin aus Hamburg, unbedingt, das hat ihr im Katalog schon so gut gefallen, dieses Bild mit dem Kamel, das in einer Schneelandschaft steht, auf einer Straße am Waldrand, und das schaut dich an, sagt sie, ganz ruhig und so, als gehört es dahin. Und sie geht, ganz gezielt und gut vorbereitet, dorthin, wo auf dem Plan in der Karlsaue die Nr. 60 das Häuschen markiert, in dem der Film von Omer Fast gezeigt wird, 'Continuity', durcheinander gewürfelte Szenen, die immer wieder ein wenig anders zeigen, wie ein desolates Ehepaar (in einem Ort, der sich als PH auf dem Autokennzeichen niederschlägt) die Heimkehr des toten Sohnes aus Afghanistan mit bezahlten Handlangern durchspielt. Und das Kamel? Ja, hab ich gesehen, sagt die Freundin, das war da, ein Kamel im Schnee. Gut, gehen wir auch noch hin, irgendwann.
Wochen und Kunstwerke über Kunstwerke später überlegen wir an den Resten herum, da sind, so oft wir auch da waren, noch Dinge, unangeschaut, wir sind nicht nach Plan vorgegangen, eher nach Lust und Gelegenheit, haben Räume und Winkel und Hütten links liegen lassen, weil uns in jenen Augenblicken nach anderem war: auf die Art ist uns das Kamel im Schnee bisher entgangen. Diesmal nicht, diesmal gehen wir an seiner Hütte nicht mit Wichtigerem beschäftigt vorbei, diesmal gehen wir hinein, zumindest versuchen wir es: am Eingang ist Schluss, der Raum ist brechend voll, die Luft schlecht, die Hitze kaum auszuhalten, aber es gibt vereinzelt Gelächter, meist, wenn der sperrholzige Ehemann was Abwegiges sagt, es gibt Ausrufe des Ekels beim Anblick sich windender Maden auf dem Rosenkohlteller, und es gibt Lücken, wenn Leute, die mit beidem nichts anzufangen wissen, die Hütte verlassen. Aber es gibt kein Kamel. Wenigstens Platz, mittlerweile, und im Sitzen lässt sich das Warten auf das Gewollte etwas bequemer aushalten, allerdings tauchen Zweifel auf: immer wieder Variationen der Autofahrt, das Ehepaar auf dem Weg zu dem Kriegsheimkehrer, der jedesmal nicht der Sohn ist und dennoch als solcher in Empfang genommen wird: wie soll da ein Kamel im Schnee ins Bild passen? Wie lange dauert der Film eigentlich, an welchem Punkt der Geschichte befinden wir uns, und was würde es uns nützen, das zu wissen, wenn wir gleichzeitig nicht wissen, wann das Kamel sich zeigt, und ob überhaupt. Als es dann einfach da ist, unvermittelt, auf der Straße am Wald steht und guckt, nicken wir, endlich, wir sind nicht überrascht. Der Ehemann schon, "wo kommt das denn jetzt her", er hat den Katalog nicht vorher zu Rate gezogen und keine Freundin aus Hamburg, die ihn informiert hätte, aber hat sich was mit der Information: wo ist der Schnee, von dem sie uns erzählt hat, den wir auf dem Foto gesehen haben, das Kamel ist da, aber es steht nicht im Schnee: der halbe Zauber ist hin. Wir haben den Film, und dazu unter erschwerten Bedingungen, auf uns genommen, um das Kamel im Schnee zu sehen: und das haben wir nicht, das, sagt die Freundin am Telefon, sollte dir aber geläufig sein, etwas fehlt immer.
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Tag 87 / 03.09.12 / 12:30 - 14:00 Uhr
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Paul Ryan / 'Threeing' in der Sprache der Pressemitteilung: »Die Diskussionsreihe 'Das Selbst im Dialog mit der Ökonomie' beschäftigt sich damit, wie das Konzept des "dialogischen Selbst" (die Idee, dass "das Selbst" mit der Zeit durch Dialoge mit anderen geformt wird) alternative Blickwinkel auf das Leben im gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftssystem unterstützt. Identität wird häufig als einzigartig empfunden. Was aber würde es bedeuten, wenn "das Selbst" als sozial geformt wahrgenommen würde?«
Die Sprache des Katalogs setzt noch eins drauf: »... Strategien, die das Überleben der Menschheit sichern sollten. 'Threeing' schiebt der Dynamik des "Zwei gegen einen" einen Riegel vor und stabilisiert ein bisher nicht gekanntes Maß an Zusammenarbeit zwischen drei oder mehr Personen.«
Dass die Ausformung und Ausbildung des Selbst ein gesellschaftlicher Vorgang ist – wissen wir das nicht längst seit ein paar hundert Jahren? Soll das der neueste Stand des Sonder-Denkens der Kunst sein? Die Frage nach der krankmachenden Gesellschaft, die das Individuum als konsumierendes feiert aber als produzierendes entwertet und mit solchen das Selbst zerstörenden Vorgaben dessen Ausformung vornimmt, wird nicht gestellt. Stattdessen wird, mal wieder, das Gemüt als Ort der Heilungsbedürftigkeit ausgerufen. Das alles klingt sehr nach abgestandener Psychosuppe. Wenn man darüber die mechanistisch-esoterische Spezial-Methode des Künstlers stülpt, das "Threeing", und anschließend ein paar Tage verstreichen lässt, kriegt man mit ziemlicher Sicherheit auch noch eine wunderschöne, in bläulichen und grünlichen Farben schillernde Schimmelschicht auf die Kaltbrühe. Zu so etwas soll man, angespornt von Kunstinteresse, hingehen?
Wir sind trotzdem – das Wetter war schön, die Luft klar, die Gelegenheit für lange Spaziergänge optimal – hingegangen, und das war eine gute Idee, denn dieser Pavillon in der Karlsaue stellte sich, im Gegensatz zum Galgen von Sam Durant, als erstklassige Zimmermannsarbeit heraus. Saubere Schnitte, perfekte Holzverbindungen, selbst-bewußtes Handwerk. So eine Arbeit, wie diesen Pavillon in die Welt zu setzen, ist wie ein absichtslos gesetztes Kontra gegen die überdiagnostizierte Hilflosigkeit, weil sie Können, Verstehen, Nutzen und Sinn in sich vereint. Deshalb ist auch das Anschauen des Ergebnisses eine Lust.
Zimmerleute, und im Prinzip alle Handwerker, machen immerschon beides: selbständig, auf sich allein gestellt arbeiten, und im Team, wo und wann immer es vernünftig und erforderlich ist. Gesundes Selbstbewusstsein bildet sich im permanenten Hin und Her zwischen Solo und Ensemble, zwischen Unabhängigkeit und Zusammengehörigkeit. Das Handwerk hält einige der wesentlichen Grunderfahrungen, die das Leben zu bieten hat, bereit. Fassbare Substanz, die einen vor einer Menge jener psychischen Nonsense-Probleme der heutigen Entwertungs-Gesellschaft bewahrt. Die Leute, die diesen Pavillon gezimmert und aufgestellt haben, achten und wissen, was sie tun, und tun, was sie wissen und achten. Dazu gehört auch die Kombination aus durch Erprobung in der äußeren Realität erworbenem Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein fürs Kollektiv. Und das ganz ohne therapeutische Hintergedanken. Die Behauptung, nur in einer weisungsgebundenen Psycho-Konstellation könne »ein bisher nicht gekanntes Maß an Zusammenarbeit zwischen drei oder mehr Personen« erreicht werden, ist einfach lächerlich.
Anders gesagt: Nicht das Heilsversprechen und seine flotte, nur 2 Sonntagnachmittagsstunden dauernde Einlösung ist hier das Kunstwerk sondern der real existierende Pavillon, einschließlich seiner freiwillig dialogisierenden Bewunderer. Was unter der schönen Dachkonstruktion des offenen Hauses an krampfhaft ausgedachter Gymnastik durchexerziert wird, das geht einem gestandenen Zimmermann am ... Selbst ... vorbei. Und falls ich mich irren sollte in meiner Höherschätzung des Zimmererhandwerks gegenüber der Eso-Kunst: nobody is perfect ...
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Und heute von der Music-Box: Nobody knows you when you're down and out (Bessie Smith) – Clampdown (The Clash).
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Tag 86 / 02.09.12 / 11:30 - 13:00 Uhr
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Die Knochen, auf den Weinbergterrassen, die bizarren Formen, von denen keiner weiß, was sie darstellen, und hast du den Hirsch gesehen, das Geweih wie morsche graue Äste zwischen dem Gras, ach, und das Baby mit der Maske, alles porös, alles rissig. Schnellzement, sagt ein Besucher fachmännisch, der hält keinem Wetter lange stand. Das soll so sein, das soll alles in die Welt zurück verwittern, hast du nicht gelesen, 'Return the World' heißt das Werk, na, sagt der Fachmann, ein bisschen was anderes heißt das schon, aber egal, die Aussicht ist wunderbar, über die Stadt und ins Tal, die Aussicht, die bleibt, auch wenn's die Kunst längst zerbröselt hat. Hast du die Hände gesehen von diesen seltsamen Figuren, die machen alle was mit ihren Fingern, natürlich ist das nicht, aber bemerkenswert, und der Kerl, schau den Kerl da: da drunter liegt doch noch eine Figur, unter dem riesigen Kerl, da gucken doch kleine Beine raus und eine Brust an der Seite, das ist eine Aussage. Das ist eine Frau, ruft eine hellblond Gefärbte, ganz zerdrückt ist die, kennst du den Künstler, seine Mutter ist garantiert dominant, da hat er sie stellvertretend kurz mal untergebügelt. Hat er nicht, widerspricht ihre Freundin, guck doch, die hat ihren Kopf durch seine Schultern gestoßen, da wo sein Kopf sein sollte, ist ihrer, die hat ihn sich einverleibt, die ist nicht unterlegen, die triumphiert, na, sag ich doch, sagt die Blonde: dominante Mutter. Komm, da geht's noch höher, eine Treppe noch, und zwischen den vielen gesprungenen Betonglocken liegen Grabsteine, hingewürfelt: da hat der Tod einen Reibach gemacht, aber guck doch, das ist gar keine Kunst, die sind echt, da stehen doch Namen, Erich Golke steht da, und auf dem da hinten Anna Grauer oder so, geborene Vollmecke, die sind wirklich gestorben, 1954, nicht nur symbolisch, na bitte, das ist doch perfekt, ein Kunstwerk, das sich auf der Stelle einlöst, zurück zur Natur, und dann noch der herrliche Blick.
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Das Bild, das die Betrachter sich von den Kunstwerken machen, haben wir hier ununterbrochen behandelt. Wie sieht es eigentlich mit dem Bild aus, das die Kunstwerke sich von ihren Betrachtern machen? Wie schauen sie uns an? Und was entnehmen sie unserem Anblick? Sie werden uns wohl in zwei Gruppen einteilen. Die einen, die mit ihren beiden Augen zufrieden sind, ausgeruhte Zeitgenossen mit gutem Gedächtnis, und die anderen, die ein drittes Auge nutzen, weil sie den anderen beiden nicht trauen, hilfsbedürftige Zeitgenossen mit ausgelagertem Speicher. Die größere Gruppe ist eindeutig die mit dem mechanischen Zusatzauge, das erst funktioniert, wenn man auf einen bestimmten Knopf drückt.
Alles wird photographiert. Jedes Kunstwerk, jedes Detail (falls man darauf aus ist), jedes Gebäude, jedes Gartenhäuschen, jede Leinwand, jeder Selbstdarsteller, der die gute Gelegenheit für einen Ausflug zwischen die Kunstbegeisterten nutzt, um seine Extravaganz mit der bei den Kunstwerken vermuteten in Konkurrenz zu setzen. Auf dem Weinberg und in der Karlsaue wird auch noch jeder Strauch, jede Blume, jede Treppenstufe, jeder Wasserlauf geknipst. Wieviele Photos werden hier gemacht? Mit durchschnittlich 100, was eher niedrig angesetzt ist, pro Besucher landet man bei etwa 80 Millionen. Und mit jedem einzelnen davon wächst der Abstand zwischen eigenem und fremdem Gedächtnis, zwischen eingeborenem und ausgelagertem Speicherplatz.
Man möchte fast einen Dialog schreiben, in dem nicht mehr die Betrachter sich über die Kunstwerke das Maul zerreißen, sondern diese unter sich über ihre Betrachter. Ich weiß, daß sie es im Dalí-Museum von Figueres machen, jede Nacht. Und hier werden sie es sicher auch tun, nach Feierabend, wenn der Strom abgeschaltet und alle Belästigung von ihnen genommen ist und kein Unbefugter mithören kann.
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Tag 85 / 01.09.12 / 10:00 - 14:00 Uhr
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Manon de Boer: 'One, Two, Many'. Schon dem Gartenhäuschen sieht man von außen den Kunstwillen an. Dann, innen, sieht man auf zwei einander gegenüberliegenden Leinwänden drei Filme, von denen einer keiner ist. Diesem sieht man folglich am deutlichsten den Kunstwillen an. Die Künstler sind hier die abgefilmten Musiker, nicht die kunstwillige Filmerin. Aber unter deren Namen läuft das Kunstwerk in dem Gartenhäuschen, dem man schon von außen ...
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Er liest von der amerikanischen Kunstprofessorin, die schon seit Jahren wissenschaftliche Verfahren und Ästhetik miteinander in Einklang bringt: beispielsweise eine Videosequenz, in der ein Schmetterling vor MRT-Hirnaufnahmen mit seinen Flügeln schlägt, oder eine Wandinstallation, bei der der Blick durch ein bauchiges Glas Wasser auf Abbilder von Chromosomen fällt.
Er liest vom New Yorker New Museum, in dem eine Ausstellung die Verquickung von Technik und Kunst zum Besten gibt: Maschinen wie Wilhelm Reichs Orgonakkumulator oder den von Kafka in der 'Strafkolonie' beschriebenen und von Harald Szeemann nachgebauten Bestrafungsapparat oder auch Henrik Olesens Computercollagen über Leben und Werk von Alan Turing.
Er liest von der Konferenz 'Minding Animals' an der Universität Utrecht: sie befasst sich mit der von Biologen, Soziologen, Historikern und Philosophen erkannten »facettenreichen Gedanken-, Sozial- und Bedeutungswelt nichtmenschlicher Lebewesen«.
"Siehste", sagt er jedes Mal zu seiner Frau, "genau wie bei uns auf der documenta."
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'Continuity'. Kann man über das Trauma von Eltern, die ihren Sohn im Afghanistan-Krieg verloren haben, einen Kunst-Spiel-Film machen?
Und wenn man das tut, kann man dann in Kategorien wie »Manipulation«, »Logik linearer Narration« und »Dekonstruktion« über diesen Film diskutieren?
Und wenn man das tut, warum dann Afghanistan, warum nicht ein Dekonstruktions-Experiment über die Probleme von entlassenen Drogerie-Kassiererinnen?
Könnte es sein, dass es deswegen Afghanistan sein muss, weil das genau den richtigen Zündstoff enthält, um im Gespräch zu bleiben?
Im Kunst-Gespräch natürlich, in welchem sonst?
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Tag 84 / 31.08.12 / 16:00 - 18:00 Uhr
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liebe moni,
wenn du wirklich so knapp bei zeit bist, lass es lieber: das ist keine documenta für einen tag. viel zu viel, viel zu verstreut, und jetzt, wo's auf das ende zugeht: viel zu lange schlangen (das sind die leute, die anfangs gesagt haben: documenta, nein, diesmal nicht, aber so kurz vor schluss kriegen sie das flattern, und überlegen sich's anders, sie könnten ja vielleicht doch was verpassen). ganz abgesehen davon gibts paar werke, die willst du einfach mehrmals sehen, und paar werke, die hast du nicht gesehen, wenn du sie nur einmal siehst: weil sie sich beim nächsten mal verändert haben. weil zeit ein bestandteil ihrer aussage ist. die wandernden zypressen in der karlsaue gehören dazu, die sich ständig neu formieren und über die 100 tage langsam gegen die orangerie vorrücken. oder der raum mit den 360 gemälde von yan lei in der documenta-halle, von denen kriegst du tag für tag weniger zu gesicht: weil er eins nach dem andern überspritzen lässt: als würden erinnerungen gelöscht, stück für stück, farbfraß, und am ende ist alles bunt und nix mehr da. die kunst als verdauungsprozess. und es gibt veränderungen, die waren nicht geplant: die neun baktrischen prinzessinnen, auf die du so scharf warst, sind nicht mehr vollständig versammelt (wenn man der "zeitung" glauben darf), einer der leihgeber hat seine fünf offenbar so heftig vermisst, dass er sie noch vor ablauf der documenta zurück haben wollte. du siehst, einen gutteil hast du zu diesem späten zeitpunkt eh verpasst, aber wenn du einfach einen spaziergang durch die – noch – kunstdurchsetzte aue machen oder dich vor diversen eingängen in geduld üben willst, bist du natürlich willkommen.
ingrid
*
Liebe Ingrid,
ich glaube, ich überleg es mir noch. In fünf Jahren habe ich ja wieder eine Chance. Vielleicht habe ich dann mehr Zeit. Oder die Kunst bei der nächsten Documenta ist nicht so arbeitsintensiv. Wie du weißt, interessiere ich mich für Kunst ja auch nur so zum Vergnügen. Wenn ich es mir anders überlege, melde ich mich.
Herzliche Grüße
Moni
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Tag 83 / 30.08.12 / 16:00 - 19:30 Uhr
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Sie: Sag' mal, kommst du eigentlich klar mit diesem ganzen Kram hier?
Er: Ich seh' immerzu Kohlweißlinge und versuch' durch gesteigertes Hinschauen Zitronenfalter draus zu machen. Und ich seh' dauernd Schoßhündchen und versuch' den darin versteckten Wolf zu erkennen.
Sie: Du diffamierst das eine zugunsten eines anderen.
Er: Nicht beim Kohlweißling. Bei den Hündchen bin ich mir da nicht so sicher.
Sie: Jetzt wirst du unernst.
Er: Nur etwas übermetaphorisch.
Sie: Du meinst, du machst dich ernsthaft lustig?
Er: Wenn's irgend geht.
Sie: Du kommst also nicht klar?
Er: Doch, doch. Ich hab' nur einen anderen Humor als die meisten Sachen hier.
Sie: Humor muß man hierher mitbringen, das ist wahr.
Er: Kein Problem.
Sie: Aber ich hab' Probleme, ich seh' hier alle paar Meter Frauenesoterik.
Er: Und die unterscheidet sich wie von Männeresoterik?
Sie: Sowas gibt's doch gar nicht.
Er: Oh doch, die ist gerade im Kommen. Hier hast du die Avantgarde.
Sie: Aha.
Er: Klärst du mich auf?
Sie: Frauenesoterik erhebt die innere Verwirrung in den Stand der Heiligkeit.
Er: Das trifft sich gut, bei uns wird die äußere Ordnung in den Stand der Heiligkeit befördert.
Sie: Was soll daran gut sein?
Er: Daß es sich trifft.
Sie: Aber so richtig zusammenpassen tut's eher nicht.
Er: Wie gesagt, das kommt noch.
Sie: Wie kannst du jetzt schon wissen, daß es zusammenpassen wird?
Er: Na, hier passt es doch auch zusammen.
Sie: Findest du?
Er: Den Frauen die schwankenden Gefühle, den Männern die stabile Vernunft. Die Frauen retten die Tiere, die Männer retten die Frauen. Die Frauen das kleine Besondere, die Männer das große Ganze.
Sie: Das war Gestern.
Er: Wir sind von Gestern.
Sie: Wer? Wir beide?
Er: Wir beide und fast alle anderen auch, die Masse, das Normalpublikum.
Sie: Aber hier sind wir im Heute.
Er: Laut Katalog schon im Morgen.
Sie: Das behaupten alle Kataloge, die was verkaufen wollen.
Er: Fühlst du dich verkauft?
Sie: Eher verwirrt.
Er: Aber nicht esoterisch verwirrt?
Sie: Jedenfalls nicht von der Esoterik verwirrt, von der fühle ich mich verraten. Sozusagen als Frau verraten.
Er: Du bist eine Ausnahme, wie du weißt. Und Ausnahmen zählen nicht.
Sie: So eine Ausnahme scheine ich nun doch wieder nicht zu sein. In den Technik-, Computer-, Elektronik- und Altgeräte-Abteilungen hab' ich kaum Frauen gesehen. Auch mich interessiert wenig, was für tolle Sachen da schon seit 300 Jahren gebaut wurden. Wenn man die Technik nicht anbetet, muß das ja nicht heißen, daß man dann automatisch dem Esoterischen anheimfällt, oder?
Er: Wie wär's denn, als Einstieg, mit den Liebesbriefen aus den pubertierenden Computern der 50er?
Sie: Männer-Computer?
Er: Na klar, Frauen bauen keine Computer. Hinter Computern steht die Idee, daß man die Welt ausrechnen kann. Und mit den Ergebnissen das Leben beherrschen.
Sie: Das ist die Männeresoterik?
Er: Ja.
Sie: Mit Männern, die ihre Liebesbriefe vom Computer schreiben lassen, kann ich nichts anfangen.
Er: Ich auch nicht.
Sie: Sind das die neuen Männer?
Er: Kommt mir so vor.
Sie: Einen Fortschritt kann ich da nicht erkennen.
Er: Das meine ich. Die Frauengefühle entwirren sich, werden stabil, die Männer gehen den umgekehrten Weg, bringen Vernunft und Technik in Verruf.
Sie: Und an den Kreuzungen entsteht die neue Kunst?
Er: Das behaupten sie hier.
Sie: Und du nimmst ihnen das nicht ab?
Er: Die Avantgarde glaubt immer zu wissen, was sie tut, aber sie weiß nie, was aus ihr wird.
Sie: Die Kurzatmigkeit der Avantgarde.
Er: Sehr schöner Ausdruck. Dieser Spruch, das Leben ist kurz, die Kunst lang, der gilt nicht mehr. Es muß alles in der eigenen Lebenszeit passieren, Zukunft findet nicht statt. Was war, ist tot, was kommt, ist der eigene Tod. Es gibt kein anderes Leben als das im Kielwasser der Avantgarde. Das Fieber der totalen Gegenwart.
Sie: Aber das ist doch bloß Anthropologie, was soll daran avantgardistisch sein?
Er: Es gleicht sich an. Die Frauen machen beim Fühlen in Denken, die Männer beim Denken in Gefühl. Und alle müssen sich beeilen, weil die Zeit knapp ist.
Sie: Das ist immer noch Anthropologie, und außerdem hab' ich sowas hier nicht gesehen. Hier ist doch alles erstaunlich langsam. Oder wie man heute sagt: entschleunigt.
Er: Das ist nur ein kuratorischer Trick, um die Leute nicht zu beunruhigen, uns, das Publikum.
Sie: Mit Seelenruhe statt Panik auf die Katastrophen zugehen. So ein atmosphärisches Gefühlsdenken, kann man das auch sehen?
Er: Grad sind wir dran vorbeigekommen. Die mechanisch erzeugte Welle, auf der Suche nach höchster innerer Ausgeglichenheit. Sie rollt nicht hin und her, sie steht auf der Stelle. Und sie ist von einem Mann.
Sie: So richtig überzeugend war das aber nicht.
Er: Das liegt an der etwas mickrigen Ausführung. Man muß es sich halt größer denken.
Sie: Wie das Schoßhündchen.
Er: Jetzt bist du unernst.
Sie: Nur vorübergehend.
Er: Der Schwurbel entsteigt der Privatsphäre und wird weltläufig. Die Geschlechtergrenze überschreitet er ebenfalls. Derzeit bevorzugt als Filmchen und in blitzsauberer Technik. Haben wir alles heute schon gesehen.
Sie: Und das nennst du angleichen?
Er: Genau.
Sie: Und was ist mit den Gemeinschaftsarbeiten von Paaren?
Er: Sind selten.
Sie: Was ich meine, ist: einigen die sich eher auf Schwurbel oder auf Klärung?
Er: Sehr nettes Wortspiel.
Sie: Ich mag nun mal keine Esoterik.
Er: Mein Glück.
Sie: Da war so ein ironischer Unterton.
Er: Aber kein männeresoterischer.
Sie: Wieviel Apfelwein hast du schon intus?
Er: Für diese Kunst-Kirmes hier noch nicht genug.
Sie: Kirmes ist gut. So betrachtet ...
Er: ... haben wir jetzt eine schöne Kunstbetrachtungstheorie: Ironie plus Apfelwein.
Sie: Das ist auch nicht gerade avantgardistisch.
Er: Ich bin das Publikum, ich bin nie avantgardistisch. Geht ja gar nicht, und darf nicht gehen. Das würde die Künstler-Avantgarde beschämen.
Sie: Hast du wenigstens eine Kunstproduktionstheorie?
Er: Das ist vermintes Gelände.
Sie: Feigling.
Er: Hast du eine?
Sie: Ich bin eine Durchschnittsfrau von Gestern, Heute und Morgen. Ich mag keine Theorien.
Er: Dazu sag' ich lieber nix, das ist schon wieder vermintes Gelände. Anthropologisches.
Sie: An der Stelle kommen wir nicht weiter.
Er: Lohnt sich auch nicht.
Sie: Was ist nun mit den Paar-Künstlern?
Er: Die halbe Stunde Waldhörspiel haben eine Frau und ein Mann zusammen gemacht.
Sie: Das war keine Esoterik, das war einfach nur gut.
Er: Da schwanke ich noch.
Sie: Die Vermischung von Realität und Fiktion gefällt dir also nicht?
Er: Kommt auf die Fiktion an. Die Realität kenn' ich schon.
Sie: Die Leute sitzen andächtig im Wald, hören konzentriert zu. Sie machen genau das, was sie bei vielen anderen Kunstwerken nicht tun: sie vertrauen der Sache und zugleich ihrer Geduld mit der Sache.
Er: Nicht die Alten unter ihnen, die sind bei dem Kriegsgetöse abgehauen.
Sie: Dürfen sie das nicht?
Er: Deiner Entschleunigungs- und Geduldtheorie zufolge nicht.
Sie: Aber bis dahin haben sie ausgeharrt. Das ist die Stelle, an der die Kunst in ihre Erinnerungen eingreift, und das halten sie nicht aus. Die Jüngeren gehen darüber hinweg. Es sind nicht ihre Erinnerungen.
Er: Das Hörspiel spaltet das Publikum in Altersgruppen?
Sie: Nein, in Erinnerungsgruppen.
Er: Ich fand eher, daß es um Zeit geht. Nicht das Publikum wird gespalten, sondern die Zeit. In aufgeladene Abschnitte und in Leermomente. Die Kriegsgeräusche machen den Alten das klar. Sie sind dem Krieg entkommen und dem Tod entkommen. Ihnen wurde ein Zeitplus geschenkt, aber sie haben Jahrzehnte gebraucht, bis sie sich erinnerten, und jetzt ist das Plus verfallen. Vielleicht verursacht ihnen das Erlebnis im Wald deshalb ein mulmiges Gefühl. Die Kriegsgeräusche melden ihnen, daß sie das Geschenk nicht verdient haben, weder damals noch nachträglich. Die Alten schleppen unerledigte Geschichte mit sich. Die Jüngeren kennen keine unerledigte Geschichte, deshalb wissen sie auch nichts von der Existenz einer Zeitzugabe.
Sie: Die totale Gegenwart, da ist sie wieder. 'No past, no future' erzeugt aber kein Fieber, oder?
Er: Doch. Anpassungsfieber. Leider.
Sie: Das wäre die Botschaft des Hörspiels an die Jüngeren, aus der Geschichtslosigkeit herauszutreten, um ihr Zeitkonto aufzustocken?
Er: Wenn du so willst. Ich weiß es nicht. Vielleicht nicht Botschaft sondern die Beschaffenheit des Klangmaterials. Das wäre besser.
Sie: Du schwankst noch.
Er: Meine Worte.
Sie: Die meisten kommen eher skeptisch zu diesem Höspiel. Man kann das an ihrem Gang und ihrer Körperhaltung erkennen, wenn sie den Waldboden zwischen den Lautsprechern betreten und nach einem Sitzplatz suchen. Aber an dem Punkt hören sie schon was und sind sofort bereit, Zeit zu investieren. Deshalb wollen sie einen Sitzplatz.
Er: Das hab' ich auch so gesehen. Die Vorbehalte verlieren sich aus ihren Gesichtern und machen einer Konzentration Platz, die ganz auf die Sache selbst gerichtet ist.
Sie: Das fand ich gut. Sie lassen sich auf etwas ein, das in ihnen und zugleich außerhalb ist.
Er: Das scheint mir etwas zu hoch gegriffen.
Sie: Du mußt dem Publikum zutrauen, daß es unterscheiden kann.
Er: Als Einzelne ja, aber nicht als Masse.
Sie: In das Waldstück passen gar keine Massen. Mehr als eine Gruppe kommt nicht zustande.
Er: Die hab' ich mir eben auch größer gedacht.
Sie: Immer dieselbe Kunstbetrachtungstheorie.
Er: Eher eine Kunstbetrachterbeobachtungsempirie.
Sie: Das klingt aber jetzt schon nach einem ziemlich überdimensionierten Schoßhündchen.
Er: Mein Weltvertrauen ist mein Schoßhündchen, mein Haustierchen.
Sie: Du – und Weltvertrauen? Das ist mir neu.
Er: Mir auch. Wir sind aber von der Kunstschauleitung hier aufgefordert worden, dieses Zutrauen zu entwickeln. Ich gebe mir bloß Mühe.
Sie: Du hast ein Skepsisplus statt Weltvertrauen.
Er: Die Skepsis ist nicht zu schlagen, aber trotzdem sind alle Skeptiker Verlierer.
Sie: Warum?
Er: Weil sie nichts herstellen. Sie sind Zerstörer, das ist nicht gut für den Lebensunterhalt. Es braucht Getränkehersteller, dann Barkeeper und Mixer, dann Kellner und Konsumenten. Der Skeptiker sitzt vor seinem Cocktail und ist mißtrauisch. Am Ende verdurstet er.
Sie: Armer Kerl.
Er: Das gilt auch für dich und mich.
Sie: Jetzt sind wir aber sehr weit weg von Frauenesoterik und Männeresoterik.
Er: Umso besser. Philosophie ist das Größte.
Sie: Philosophie und Kunst.
Er: Die nur mit Apfelwein.
Sie: Hauptsache weg von der Esoterik. Die versimpelt die Gemüter.
Er: Das ist ihr Erfolgsgeheimnis.
Sie: Kein Geheimnis.
Er: Vielleicht gibt es doch Kunstwerke, wo sich das Nachdenken lohnt? Auch wenn man mit den Dingern nicht klarkommt.
Sie: Vielleicht gerade, weil das so ist?
Er: Du bist auch sehr großzügig heute.
Sie: Da ist er schon wieder, dieser Unterton.
Er: Und schon wieder fehlt der Apfelwein.
Sie: Na gut. Es ist bereits nach Sieben, wir könnten ja mal langsam ans Abendessen denken.
Er: Im Konjunktiv?
Sie: Wir bleiben gleich hier sitzen.
Er: Prima Idee. Hier gibt's Flammkuchen. Steht dort drüben auf der Tafel.
Sie: Beim Essen und Trinken hört die Kunst auf.
Er: Man muß Prioritäten setzen im Leben.
Sie: Und wenn das hier eine Kunst-Gastronomie ist, die auch nicht liefert, was sie verspricht?
Er: Dann werden wir verhungern und verdursten, mitten im Schlaraffenland der Artefakte.
Sie: Vielleicht ist es ja nicht ganz so schlimm, und die Köche und Kellner sind nur ein wenig entschleunigt.
Er: Damit komm' ich klar. Ein bißchen warten, das schaff' ich schon noch.
Sie: Wer wartet, vertreibt sich die Zeit mit Spielen. Du mit Skeptizismus und ich mit Suchrätseln. Man kann in dem Lokal hier so ein Spiel machen. Da soll eine Person sein, die ein Kunstwerk ist, und die man suchen muß, weil man sie als Kunstwerk nicht gleich erkennt. Es gibt nur dürftige Indizien, keine wirklichen Anhaltspunkte.
Er: Und was ist daran das Spiel?
Sie: Vielleicht, daß man Leute anspricht, die man sonst nie ansprechen würde.
Er: Das ist kein Spiel, das ist aufdringlich.
Sie: Du kannst ja auch deine Aufdringlichkeit nur spielen.
Er: Weil das so ein Männderding ist? Gespielte Anmache?
Sie: Kommt drauf an. Man weiß ja nicht, ob die Person ein Mann oder eine Frau ist.
Er: Da hast du's wieder, die Kunst bringt Angleichung, Austauschbarkeit.
Sie: So ein Spiel ist doch lustig. Keine Esoterik.
Er: Lustig ist ein Spiel von Gestern.
Sie: Ich werd's jetzt einfach mal versuchen. Hab' schon einen Kandidaten.
Er: Mann oder Frau?
Sie: Mann.
Er: Dann bin ich raus aus dem Spiel.
Sie: Eine deiner anthropologisch gesetzten Prioritäten?
Er: Vermintes Gelände. Wird's lange dauern?
Sie: Kommt auf den Kandidaten an.
Er: Der kein Mann sondern ein Kunstwerk ist.
Sie: Nur wenn man es schafft, ihn zu identifizieren.
Er: Und wenn er nicht mitspielt, gibt's ihn nicht.
Sie: Wenn wir nicht hinschauen, gibt's auch die anderen Kunstwerke nicht.
Er: Das war aber jetzt doch eine Kunsttheorie.
Sie: Das seh ich anders. Ich schau mir Sachen an, keine Theorien von Sachen.
Er: Hoffnungslos von Gestern. Heute muß man sich in Theorien auskennen.
Sie: Und Morgen kannst du dann alles selber machen.
Er: Muß man denn alles mitmachen, was die einem hier unterjubeln?
Sie: Ich dachte, du gibst dir Mühe? Ich bin sowieso immer großzügig, dazu brauche ich keine Kunst.
Er: Auf so welche wie dich haben sie hier, glaube ich, spekuliert.
Sie: Und warum komme ich dann nicht klar mit all dem?
Er: Aber die Kandidatensuche machst du doch gerne mit, oder?
Sie: Weil's Spaß macht, Behauptungen zu überprüfen.
Er: Fiktionen kann man nicht überprüfen.
Sie: Das Publikum kann alles.
Er: Es darf alles. Das Können gehört ins Fiktionskarussell.
Sie: Wie wär's denn mit dieser Realfiktion: wir organisieren eine Demonstration gegen die schlechte Kunst und malen Transparente, auf denen steht: WIR sind das Publikum!
Er: Die Demonstration gibt's doch schon, vor dem Museum, da steht geschrieben: WIR sind die 99%! WIR sind das Volk!
Sie: Das ist nicht dasselbe.
Er: Doch. Eine Fiktion jagt die nächste, bis eine Realität draus wird.
Sie: Das ist jetzt wieder wie mit den Schmetterlingen.
Er: Nur, daß es den Kohlweißling wirklich gibt. Der Zitronenfalter ist allerdings noch weit entfernt von seiner Materialisation. Zumindest hier.
Sie: Dann ist es wie mit dem Wind im Museum, da weiß man auch nicht, ob's Fiktion oder Realität ist.
Er: Bei Flaute Fiktion, bei Sturm real.
Sie: Du bist ein unverbesserlicher Vernunftfanatiker.
Er: Ein Vernunftler, kein Fanatiker. Und auch nicht unverbesserlich. Ein verbesserlicher Vernunftler mit gelegentlichen Ausflügen in diverse Kunstwelten. Zur Zeit gerade ein Vernunftler mit Hunger und Durst. Die Ausflüge zehren.
Sie: Ist übrigens derselbe Künstler, der sich das beides ausgedacht hat. Den Wind und die Such-mich-Kunst.
Er: Der Mann ist ein Doppelspieler, macht lauter Sachen, die man nicht sehen kann. Die Art Humor gefällt mir. Muss ich zugeben.
Sie: Jetzt bist du doch im Heute angekommen. Ich geh' dann mal auf die Suche.
Er: Hauptsache, der Apfelwein und der Flammkuchen, die wir hoffentlich bald bestellen, sind keine Fiktion und landen als Realität erstmal im Heute und dann auf unserem Tisch, damit wir das Morgen noch erleben.
Sie: Hast du schon mal in die Karte geguckt?
Er: Nein.
Sie: Hier gibt's keinen Apfelwein. Bis gleich.
Er: Mist! Die ganze Zeit hab' ich's schon geahnt, daß dieser Weltmeisterschaft hier was Existentielles fehlt. Ich hätt's wissen müssen!
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Tag 82 / 29.08.12 / 12:00 - 13:00 Uhr
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Dass du es nicht siehst, heißt nicht, daß es nicht da ist.
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Ich hab' mich lang genug mit feministisch-ökologisch-marxistischer Weltverbesserung befaßt, jetzt ist mal wieder die Realität an der Reihe.
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Woran erkennt man, unter den vielen Caféhausbesuchern, den einen Künstler?
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In dem Raum waren wir schon, der Teppich kommt mir bekannt vor.
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Ohne Englischkenntnisse kannste die Kunst hier vergessen.
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Die Dinge denken? Spinnst du? Meinst du, ein Sessel ist freiwillig so blöd, einen Furzer auf sich Platz nehmen zu lassen?
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Wenn man das erst großartig erklären muss, ist es ja schon wieder keine Kunst.
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Was hier fehlt, sind Engel.
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Ich muß die Installation doch nicht so verstehen, wie der Installateur sie gemeint hat.
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Von welcher Welt ist in diesem Zusammenhang eigentlich die Rede?
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Ganz egal, was die von dem Zeug am Ende ankaufen, ich bin sicher, ich hätte was anderes genommen.
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Tag 81 / 28.08.12 / 11:00 - 14:00 Uhr
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Und immer mal wieder zwischendrin: Llyn Foulkes. Wählerischer Wiederbelebungsarchäologe der halbverschütteten widerborstigen Musik der common people. Todfeind der Mickey Mouse – legitimiert von allen Menschen mit nicht zugeschmierten Sinnesorganen. Unterwanderer von Los Angeles. Amerikanisch-unamerikanisches Urwesen, dem es gelungen ist, den hirnzersetzenden Klebstoff der allgegenwärtigen Massenmedien zu überleben.
Wer ihn live gesehen hat, für den ist er immer live da, auch wenn er jetzt nur noch als Video vorhanden ist. Hier ist nicht das Medium die Botschaft sondern der Mann (78), der das Medium dominiert. A rare bird of his own kind.
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Was man (Kopfhörer auf, "das Kabel muss hinters linke Ohr", iPod an, "wollen Sie deutsch oder englisch?") vor Augen hat und in den Ohren, ist nicht die Wirklichkeit, wie sie jetzt ist, es ist die Wirklichkeit, wie sie war, als sie inszeniert und aufgezeichnet wurde, bearbeitete Wirklichkeit mit Ballettmädchen, Unfallopfer, aufspringenden Koffern, Bläserduo, Polizisten und anderen Randerscheinungen. 'Alter Bahnhof Video Walk' von Cardiff & Miller ist kein Film, den man von einer statischen Position aus betrachtet, im Sitzen oder Stehen, man geht: folgt genau dem Weg, den die Kamerafrau während der Aufnahme gegangen ist, Zickzackkurs durch den Bahnhof, hört, was sie zu sagen hat, hört, was sie gehört hat, sieht, was sie gesehen hat: sieht außerdem, was sich außerhalb des kleinen Bildschirms abspielt, jetzt, hier im Bahnhof. Es passt nicht zusammen. Das quengelnde Kind war gerade noch eine Frau im roten Mantel, so einen, sagt die Stimme, hatte meine Mutter auch, beim nächsten Blinzeln taucht er wieder auf, oben auf der verglasten Empore, ein kleiner roter Fleck, hat man sich das Kind nur eingebildet? Wie die Schwarzhaarige mit dem Silberohrring, die im Wartesaal in der Ecke saß, ihr Platz ist leer, zwischen welchen zwei Blicken ist sie gegangen, aber hat sie da wirklich gesessen, wo jetzt ein dicker Glatzkopf hockt: man sucht in der Wirklichkeit, was man als Fiktion vor Augen hat: wie schnell verspringen die Ebenen. Von rumpelnden Rädern erschreckt, weicht man einem Gepäckwagen aus, der gar nicht da ist, eine Taube fliegt durchs Bild: durch welches?: die Wahrnehmung verzwirbelt sich. So schnell kann man nicht abgleichen, auseinanderhalten, sortieren, wo ist Gegenwart, was vergangen, würde man, wäre man damals hier langgegangen, jetzt neben dem Unfallopfer stehen oder läge man da: an seiner Stelle? Und als ein Reisekoffer aufplatzt, verstreute Wäsche, die eingesammelt werden muss, flackert die eigene Erinnerung auf, die Kleine, die damals sah, was man jetzt sieht, warum, wollte sie wissen, packt denn der Mann seinen Koffer erst auf dem Bahnhof.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 71 – 80)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 27. August 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 80 / 27.08.12 / 17:00 - 20:30 Uhr
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Hin und wieder gibt es hier Stunden, da ist der Abstand zwischen Kunst und Realität fließend. Wie zwischen Dösen und Aufwachen. An den Übergängen muss man aufpassen, nicht aus dem Bett zu fallen.
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Geh hin, sag ich, und riech den Kreidestaub der kunstgewordenen Vergänglichkeit auf den Schiefertafeln im Treppenhaus des ehemaligen Finanzamtes in der Spohrstraße. Die modrigen Ausdünstungen von grauem Holz und Wasser im Schwanenhaus, in dem so viele Tiere zu Bild kommen. Die stillstehende Luft über dem Haufen ausgekippter Bücher zwischen den Regalen der Zentralbibliothek. Das Dunkle, die vergorene Mischung aus feuchten Windeln und Tannin im Hof des Hugenottenhauses. Was zettelt das an Erinnerungen an?
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Bei Adorno ist Kunst ein Tun, von dem der Tuende nicht weiß, was es ist. Moon Kyongwon & Jeon Joonho wissen zumindest, warum sie es tun. Sie präsentieren eine Zivilisation nach der Katastrophe, die mit unserer heutigen Lebenswelt kaum mehr etwas gemein haben wird. Was kommt nach dem Ende des Wissens, wie wir es kennen? Niemand hat eine verbindliche Vorstellung davon. Dieses andere Wissen wird aber lebensnotwendig sein. Um ein erstes Provisorium zu erhalten, muss man es sich phantasieren.
Die Marx'sche Diagnose, dass dem Reich der Notwendigkeit das Reich der Freiheit folgt, ist hier außer Kraft gesetzt. Es folgt das Reich noch strikterer Notwendigkeit, und wer sich dem nicht fügt, wird untergehen. Vielleicht ist das der neue Auftrag der Kunst (oder der Auftrag der neuen Kunst): die kalte Evokation von Zukunft. Das wäre eine Kunst, die doch etwas weiß: daß diese Zukunft schon jetzt den Belagerungszustand über uns verhängt hat.
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Mit der mathematischen Unendlichkeit gegen die religiöse vorzugehen, ist ein unterhaltsamer Gedanke. Gibt es auch eine Unendlichkeit der Kunst? Und wer ist ihr Gegner?
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Tag 79 / 26.08.12 / 11:00 - 13:30 Uhr
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"Die Hinweisschilder sind Scheiße. Ich mein, es ist Scheiße, dass die überall fehlen. Da stehste auf dem Bahnhof 'ne anderthalbe Stunde in der Schlange wegen der Eintrittskarte, und dann erfährste, dass du da auf den iPod für den 'Video Walk' gewartet hast. Den du ohne Karte gar nicht machen kannst, und Karten gibts sonstwo. Steht aber nicht da. Also suchste, und weil du nicht blöd bist, haste die richtige Stelle auch bald gefunden, was siehste als erstes: lange Schlangen. Der ganze Zirkus noch mal. Das frisst 'ne Menge Zeit, also machste, dass du zum Fridericianum kommst, willst ja schließlich noch was sehn, bevor die zumachen, aber nix Fridericianum: Schlange hinten. Ganz hinten. Also wartste wieder hinter hundert anderen, weisst ja inzwischen auswendig, wie's geht, denkst noch, Karte haste jetzt, kann dir ja nix mehr passieren, und wenn du dich endlich zum Eingang vorgewartet hast, sagt so'n grünbetuchtes Heimchen: mit der Tasche da aber nicht, und dann schicktse dich wieder woanders hin, wo du die abgeben musst, weil die nicht die richtigen Maße hat für die Kunst, und dafür geht die Anstellerei vor dem Taschen-Container von vorn los. Jetzt biste schon nicht mehr in der Laune für die ganze Kultur. Aber du hast bezahlt, also wird auch geguckt, und wenn's noch elf Jahre dauert. Zurück zum Fridericianum, zurück zur Schlange, dass du vorhin schon mal fast drin warst, interessiert keinen, der auch rein will: hinten anstellen, schrittweise vorrücken. Morgen ist auch noch ein Tag."
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Also Kunst und Kunsttheorie, das geht so: du gehst ins Kino, in eine dieser Schmonzetten, ganz ungeniert mitten aus dem mittelmäßgen Leben gegriffen, und dann geht was gründlich schief, und du fängst, in schönem Einverständnis mit den ganzen Figuren auf der Leinwand, an zu weinen. Das ist der Punkt, wo einer kommt, ein Theoretiker, und dir klarmacht, das ist ganz schlechte Kunst, all diese Ergriffenheit, Einfühlungsseligkeit und Sentimentalität, so geht das nicht, du sollst denken im Kino, du sollst deine reflexive Kritikfähigkeit in die Waagschale werfen. Da hörst du natürlich sofort wieder auf zu weinen und denkst: die da oben haben dich reingelegt, diese Filmemacher und Schauspieler, die haben eine Scheinwelt vor dir ausgebreitet, von der du dich hast verführen lassen, und deine echten Tränen sind die Strafe für deine Verführbarkeit. Das ist ja schon wieder ein Grund zum Weinen, denkst du, wie kannst du nur so blauäugig sein, und auf Simulationen reinfallen und dann obendrein auch noch so blauäugig, zu glauben, dass du es schaffst, auf Simulationen nicht reinzufallen. Siehst du, jetzt bist du mit deinem Kinolatein am Ende, jetzt musst du nochmal zurück in den gleichen Film, und dich testen, wie tief deine Blauäugigkeit wirklich sitzt. Und das ist der Punkt, wo die nächst höhere Theorie entsteht. Die macht dir klar, dass du in Wirklichkeit gar nicht weinst, weil der Schmonzes der Leinwand in dir gerührt hat, sondern weil dich deine Unfähigkeit, dem Schmonzes den Rührlöffel aus der Hand zu schlagen, dazu bringt zu weinen. Und das ist nun wirklich zum Weinen. In Wirklichkeit hast du nämlich gar nicht wegen des Getues auf der Leinwand geweint sondern wegen dir selber und über dich selbst. Jetzt hast du den Salat, den Gefühlssalat in deiner Glühbirne und den Denksalat in deinen Tränensäcken. Du kommst einfach nicht mehr raus aus der Nummer, entweder du weinst im Kino, weil du dich hast hinters Licht führen lassen, oder du weinst, weil du dich nicht hast hinters Licht führen lassen. Wie du es auch drehst und wendest, du hast im Kino schon immer geweint, und du wirst auch in Zukunft im Kino immer weinen. Und da soll noch einer sagen, die Kunst wäre irgendsowas abgehoben Ästhetisches und ganz raus dem Zweckmäßigen und Moralischen und hätte nichts mit dem Leben zu tun. Und ob sie das hat. Aber jetzt steckst du noch tiefer drin in dem ganzen Tränensee, denn all das Paradoxe und all das Unabänderliche, was da eingerührt ist, wär dir völlig entgangen, wenn du nicht einen auf Theorie gemacht hättest.
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Tag 78 / 25.08.12 / 16:00 - 18:30 Uhr
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Was die documeta-Wächter in der Aue lesen, während sie auf die Kunstwerke aufpassen und darauf warten, dass jemand vorbeischaut:
– Vor Jimmie Durhams 'The History of Europe': eine zerfledderte Penguinausgabe von George Orwells 'Animal Farm'.
– Vor dem roten Strip-Häuschen von Robbins & Vaughan: ein Buch über die Techno-Musik in Berlin vor und nach der Wende.
– Vor dem Gewächshaus, in dem Thea Djordjadze mit ihren an den Rand gedrängten, sparsamen Aufbauten vor allem Leerraum und Hitze zur Geltung bringt: einen Thriller von John Grisham.
(Das mit dem Lesen ist vorbei: das war mal, anfangs: als schlechtes Wetter und das übliche Erst-mal-abwarten-was-die-anderen-sagen die Besucherzahlen in Grenzen hielten. Inzwischen halten zu viele Besucher die möglichen Leser – allesamt waren übrigens männlich – von der Lektüre ab).
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Dass man mit Handys telefonieren kann, feine Sache. Dass man damit außerdem photographieren und filmen kann, auch das inzwischen normal. In Bürgerkriegen kann man sogar seinen eigenen Tod mit dem eigenen Handy filmen, und den Todesschützen gleich mit. Das ist der allerneueste Normal-Stand der täter-opfer-neutralen Kommunikationstechnik auf dem Weltmarkt. Die einen schießen, die anderen filmen oder photographieren das Erschossenwerden. Irgendwie kann man sich des Eindrucks einer Gleichschaltung zwischen den beiden Positionen, vor und hinter der Kamera, vor und hinter dem Gewehrlauf, nicht erwehren. Von dieser fatalen Zusammengehörigkeit handelt die Video-Vorlesung von Rabih Mroué. Zu sehen im Südflügel des Kulturbahnhofs, zweiter Eingang, Parterre links. Er hat dort zwei Räume zur Verfügung, im ersten hängen einige Vergrößerungen unscharfer Photos von Scharfschützen, die auf den Betrachter anlegen, rechts neben dem Eingang kann man ein sarkastisches Daumenkino (in mehrfachen Varianten) betätigen, an dessen Ende immer der Knall eines Todesschußes ertönt, und auf der den Photos gegenüberliegenden Wand läuft ein endloser Film mit einem alle paar Sekunden zusammenbrechenden Mann, der jeden einzelnen Documentatag tausend Tode stirbt. Der zweite Raum ist als Klein-Kino eingerichtet. Ein paar Bänke und vorne eine Leinwand, auf der Mroué per Video seine »nicht-akademische Vorlesung« hält. Es geht um die Beziehung zwischen Kamera-Auge und Schütze, der auf dieses Auge, von dem er gesehen, beobachtet und gefilmt wird, zielt und schießt. Warum läuft der durch das technische Auge Blickende nicht weg? Ist Schießen Realität? Und ist Erschossenwerden Fiktion? Was macht die Technik mit der Realität? Fiktionalisierung des Staunens der Opfer, ist das möglich? Und kann man die neben den Leichen zurückbleibenden Bilder tatsächlich später, nach dem Ende des Krieges, wenn die beteiligten Bürger wieder Tür an Tür wohnen, dazu nutzen, die Täter zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen?
'Pixelated Revolution', so heißt der Vortrag von Mroué. Er sagt: Kameras sind keine Kameras sondern Augen, die in Hände einmontiert sind. Das photographierende Telephon als Körperteil? Als allerneuester Körperteil, nicht von der Evolution gedeckt. Die zwischengeschaltete Apparatur sorgt dafür, dass das lebensrettende Programm der Todesangst an dieser Stelle nicht funktioniert. Gegen Mobiltelephonfilmer Kriege zu führen, ist das leichter als gegen Realisten, die noch mit den Evolutions-Augen sehen und deshalb abhauen, wenn es gefährlich wird, weil es zwischen Augen und Gehirn eine Nervenverbindung gibt, die es zwischen Apparatur und Gehirn nicht gibt. Die Filmer laufen nicht weg, sie glauben einfach nicht an Realitäten, weil die Fiktionen ihnen viel näher sind; und die an die Realität glauben, filmen nicht, jedenfalls keine Bürgerkriege. Sind nicht die ins Internet getragenen Kriege und die Revolutionen Fälschungen – allesamt, und von jetzt an für immer? Man könnte aus all dem beinahe schließen, besser keine solche realitätsfiktionalisierende Maschine bei sich zu tragen, das bewahrt einen davor, den Tod mit seinem Darsteller zu verwechseln.
Und trotzdem: diese beiden Räume sollte man nicht verpassen. Hier gibt es was zu erkennen und zu verstehen.
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Tag 77 / 24.08.12 / 14:00 - 17:00 Uhr
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Das 'Worldly House Archive' ist, wie es heißt: ein Archiv. Es geht hauptsächlich um Tiere. Die Filme, die man aus dem Archiv auf einen Bildschirm holen kann, stellen Tiere jeder Art in Zusammenhänge, menschliche Zusammenhänge, und dann passiert was, irgendwas. Manche Filme sind sehr lustig, andere sehr lang, wieder andere sehr ambitioniert, und sehr kurze gibt's auch usw. – und mit dem undsoweiter, kann man, wenn man will, einen ganzen Tag verbringen.
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... und bei all den Such-, Gesprächs- und Spaziergängen durch die Karlsaue immer wieder das Zusammentreffen mit der von Anri Sala errichteten perspektivischen Riesen-Uhr, die zwischen Zeit und Tempo unterscheiden kann und deshalb trotz der Verzerrung immer richtig geht.
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An den Wänden des Brüder Grimm-Museums steht soviel Text, daß man mit dem Lesen gar nicht erst anfängt: man kriegt auch so sehr schnell raus, was den Künstler Nedko Solakov umtreibt: Kinderträume. Seine eigenen: Ritter, Hubschrauber und Schlagzeug. Also sieht man: Ritterrüstungen, Fotos mit Rittern, Spielzeughubschrauber, ein Schlagzeug, Spielzeugritter. Videos mit Leuten, die Ritter spielen. Ein Video, in dem in einem Zimmer ein Computerspiel mit Rittern läuft, während zwei echte Katzen (die Mac und PC heißen) durchs Zimmer flitzen. Videos mit Nedko Solakov als Ritter. Ein Video mit Nedko Solakov, der sich in Ritterrüstung am Schlagzeug versucht. Ein Video mit Nedko Solakov in Ritterrüstung, der von seiner Schulter ein Spielflugzeug zu starten versucht. Kinderträume?
"Und? Hat dir das gefallen?" fragt ein Vater seinen vierjährigen Sohn auf dem Weg nach draußen. "Willst du später auch mal Ritter werden?" Der Sohn schweigt, dem Vater kommt ein Verdacht. "Hast du das alles überhaupt verstanden?" Der Sohn überlegt, dann nickt er. "Die Katze", strahlt er, "hab ich verstanden".
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Neue Galerie: Die Portrait-Photos aus der Serie 'Faces and Phases' von Zanele Muholi!!!!!!!!!!
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Tag 76 / 23.08.12 / 10:00 - 11:30 Uhr
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Sie kommen aus Osaka, Reno, Swakopmund oder Omsk und fotografieren alles, was ihnen hier in Kassel vors Korn gerät, ununterbrochen und überall, documenta oder nicht. Selbst Treppenstufen und Krawattenknoten und das Stück Bienenstich, das ihnen im Café von der Gabel gefallen ist. Es sieht, wenn man ihnen zusieht, wie Abwehr aus, wie Angst: die hochgerissene Kamera, die sie als ständigen Schutzschild zwischen sich und die Welt schieben, hinter der sie in Deckung gehen: hektische Versuche, die Realität in Schach zu halten. Sie stehen immer außerhalb des Bildes, das sie vor Augen haben. Gleichzeitig und absurderweise nehmen sie die Fotos als Belege: sie waren da. Wo sie in Wirklichkeit nie waren.
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... auf der anderen Seite sind die Untergangsängste inzwischen so groß, dass wir schon bereitwillig hinnehmen, jeden mit- und los- und alle durcheinanderreden zu lassen. Das ist eine der Schwierigkeiten auf dieser Documenta. Der Versuch, das Herrschafts- und Hierarchiemoment aus den vielfältigen Wortmeldungen herauszunehmen, ist ehrenwert, hilft aber nicht gegen Formelhaftigkeit und Konvention. Dem mit überkompetenten Expertentum zu begegnen, dupliziert bloß das Muster des Geplappers auf gehobenem Niveau und lässt so auch noch dieses klingen wie aus zweiter Hand. Nicht nur die Kunst, auch der Diskurs muss anders werden. Die neue Kunst liegt in der Obhut der neuen Künstler, und die sind jetzt hier in Aktion, aber wer kümmert sich um die neue Kommunikation? Und wann?
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Und heute von der Music-Box: Somos Mas Americanos (Los Tigres Del Norte) – Himno Zapatista (Flor Del Tango).
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Tag 75 / 22.08.12 / 18:00 - 20:00 Uhr
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Die Unterscheidung von dem Kino zugeordneten autonomen Bildern und dem Fernsehen zugeordneten nicht-autonomen Bildern ist schon lange nicht mehr aufrechtzuerhalten, da Kino- und Fernsehästhetik sich einander annähern, von beiden Seiten gleichermaßen zu einer Mitte hin, die nicht starr oder eng ist und Abweichungen zulässt. Was Kluge selbst Mitte der 60er Jahre als neue Bilder auf die Kinoleinwand gebracht hat, schüttelt das Fernsehen heute aus dem Ärmel, wenn ihm gerade danach ist. Und von der anderen Seite: so schnell können die Kinofilmemacher gar nicht in ihrer Bild-Ästhetik und Autoren-Autonomie avancieren wie das Fernsehen in seinem archivarischen Hunger beides verschlingt. Falls es doch hin und wieder eine gravierende Ausnahme gibt, wird sie als solche deklariert, und man entschuldigt sich in der Ansage dafür, dass die nun folgende Sendung ein Spezialfall ist und nicht so aussieht wie der durchschnittliche Fernsehfilm. Damit ist der Fall erledigt. Das Allesverwertungspotential ist die große Stärke des Fernsehens. Dass die Normalität des Fernsehens, zum Beispiel die als bebilderte Sprache konstruierten Nachrichtensendungen, ziemlich träge und abgeschottet ist, mag derzeit noch gelten, lässt sich aber durch Erhöhung des Unterhaltungswertes leicht ändern und wird dafür nicht allzulange brauchen. Auch Kluges Fernsehformat 'News & Stories' ist nicht die Alternative zur aufbereiteten Berichterstattung, lediglich das Indianer-Reservat mit Glücksspiel-Lizenz aber ohne eigenen Souveränitäts-Status. Fernsehen und Kino widersprechen einander nicht mehr. Die andere Nicht-Vereinbarkeit ist geblieben: die zwischen Fernsehen und Bühne (Tanz, Theater, Musik, Oper), auch wenn das die sich selbst Kultur-Sender nennenden Kanäle nicht wahrhaben wollen.
'Mein Jahrhundert. Mein Tier' (an Ossip Mandelstam angelehnter Titel) ist eine Kompilation aus Kino- und Fernseharbeiten. Man könnte das nennen: die private Geschichte des entpersönlichten 20. Jahrhunderts des Alexander Kluge, auch: die persönliche Geschichte des entprivatisierten 20. Jahrhunderts des Alexander Kluge. Schon gesagt wurde: ohne Adorno und ohne Godard kein Kluge. Aber diesen anderen Kinofilm, den die Namen versprechen, konnte ich in dem vorgeführten nicht erkennen. Es ist weder Autoren-Kino noch Autoren-Fernsehen, es ist eine Reise in einem Sonderzug, der gegen das Programm aller anderen Züge anfährt und nicht an den größten Bahnhöfen sondern an den kleinsten anhält, die schon geschlossen sind. Die Bilder haben kein Gewicht, mit dem sie sich in den Gedächtnisbrunnen hinunterlassen könnten, aber sie erzeugen eine Stimmung, die eine literarische Stimmung ist und lange trägt, über ihre konkreten Anlässe hinaus, als hätte das 20. Jahrhundert eine Zeitreserve entwickelt, wie schon das 18. sein Zeit-Depot angelegt hat, wenn auch von ganz anderer Art. Damals bildeten Kosmos und Revolution plötzlich ein gemeinsames Universum, das Louis-Auguste Blanqui im folgenden Jahrhundert in seinem Buch 'L'Eternité Par Les Astres' ausphantasierte. Das Depot wird unendlich, kosmisch. Die Zeitreserve des 20. Jahrhunderts dagegen verwandelt sich, Krieg auf Krieg, in eine privatisierte, und die dauert immer genau so lang wie der noch spricht, der gerade sein 20. Jahrhundert erzählt, sein Tier ausführt.
Im Privaten dominiert das Komische, das ein Privat-Komisches nicht mehr sein kann. Bei Alexander Kluge, natürlich, verlaufen Privat-Komisches und dessen Gegenstück, das im Chaos der Alltags-Kultur entsteht, das Lebenswelt-Komische, ineinander. Das erzeugt Idyllen auf Zeit. Auch Antiaufrüstungsdemonstranten müssen zwischendurch mal aufs Klo. Wie organisiert man das? Die Desorganisiertheit muss irgendwie bewältigt werden, am effektivsten so, wie der Portier eines Hotels es bewältigt, der sofort verstanden hat, dass man den Verkehr hin zu den Toiletten und weg von ihnen regeln muss wie ein Verkehrspolizist der 50er Jahre. Eine der lustigsten Stellen im Film, an der die überwiegenden Lacher im Kinosaal deutlich hörbar von den Frauen kamen. Der Tierfutterfabrikant, der erkannt hat, auf welch wackeligen Füßen seine unternehmerische Idee inzwischen steht. Er organisiert nicht nur seine Fabriken nach den Vorgaben des staatlichen und staatsübergreifenden Bürokratie-Dschungels, in dem er sich bestens auskennt, er organisiert auch eigenhändig die Sammelklagen gegen seinen Geschäftszweig, die früher oder später kommen werden. Eine der beiden Firmen wird überleben, und damit auch er. Falls sein Sauerstoffgerät ihn nicht ihm Stich lässt. Frauen und Männer lachen gleichgewichtet. Die sehr schlauen Spitzfindigkeiten, die ein Attentäter (Heinz Schubert) zur Rechtfertigung seiner Tat anbietet. Das war eindeutig eher was für die Männer. (Der Schauspieler Alfred Schubert – Ekel Alfred in der unvergessenen Fernseh-Serie und 'Der starke Ferdinand' in Alexanders Kluges Kinofilm – wurde 1951 von Brecht ins Berliner Ensemble geholt. Er war außerdem Photograph, mit einer Serie von Bildern auf der 6. Documenta im Jahr 1977. Das nur nebenbei.)
Was man sieht, ist, daß der Riss in der Geschichte – Auschwitz, Hiroshima und in gewissen Aspekten noch der amerikanische Krieg gegen Vietnam – hier nicht zu sehen ist. Schon die Klammer des Films, er beginnt und endet mit jeweils einer Oper (Parsifal / Norma), zeigt, dass zumindest die Kontinuität der Opernaufführungen auch im 20. Jahrhundert gewahrt wurde. Der Geschichtsbruch hat keine Folgen mehr, prägt nichts und niemanden mehr, wurde in die Enthistorisierung von Gegenwart und Zukunft hineingeschluckt. Kein Film-Essay, kein Essay-Film, sondern Episoden-Film.
Kluges Zugriff auf die Außen- und Innenleben ist von einem geschichts- und kulturbegeisterten Welthunger geprägt. Nicht auf Versöhnung ausgerichtet, aber ihr entgegenarbeitend. Seine ungebrochene Arbeitsmoral, er hat die 80 geschafft, ist selbst schon Versöhnungs-Arbeit. In den geschriebenen Texten kommt er dem immer näher, aber wie kriegt man das zuwege mit Bildern, überwiegend Fernseh-Format-Bildern? Wenn Godard und Rohmer als Erfinder des Sprechfilms gelten dürfen, dann Kluge als Erfinder des Schriftfilms. Das war es, was ich nach dem Film im Kopf hatte: er ist Schriftsteller, kein Filmemacher. Anders gesagt: der Film bleibt in seiner Bild- und Redekunst hinter den geschriebenen, zu lesenden Geschichten zurück. Es gibt keine Suche, kein Geheimnis, keine Fragezeichen, und vor lauter Trennungen zwischen den Bildern keinen Bruch des Kontinuums; die Bilder sind folgsam, sie führen ein ausgeleuchtetes Leben. Auch Zeit wird nicht strukturiert oder zerlegt oder angegriffen; statt die Zeit in Material zu verwandeln, ist der Film aus und in Blöcken montiert. Blöcken, zwischen denen keine Spannung aufkommt. Getreu dem Fernseh-Charakter.
Im Geschriebenen haben alle Geschichten und Erzählungen gleiches Existenzrecht, und ihre Reihenfolge ist zufällig, man darf um sie würfeln. In Büchern würfeln heisst blättern, und das tut jeder, hin und her. Vielleicht geht es darum, mit der letzten Geschichte die Regeln des Kosmos zu erkennen, um endlich nach diesen zu leben, nicht mehr bei, in und mit den Regeln der Zeit. Der Schritt aus der Zeit in den Raum, das war einmal der Schritt ins Kino, das uns als Raum aufnimmt und aus der Zeit herausnimmt. Aber im Kino kann man nicht blättern, das übernimmt die Montage, es wird für einen geblättert. So gesehen war das Kino ein Rückschritt gegenüber dem Geschriebenen. Die Erzeugung eines Zeit-Mangels. Retrospektiv durchwandert, sind alle Kluge-Kinofilme Idyllen, nicht intakte, aber auch nicht zerbrochene, nur gelegentlich verratene. Verrat ist nicht seine Sache, vielleicht ist es das, was er mit »mein Tier« meint: man soll nicht Verrat üben am eigenen Jahrhundert.
Wäre diese "Welturaufführung" ein Preview gewesen, ich hätte dafür plädiert, Auftakt und Schlussakt gegeneinander zu tauschen. Norma an den Anfang und Parsifal ans Ende, in 90 Sekunden, aber auch mit der auf 90 Sekunden beschleunigten kompletten Musik. Und ich glaube sogar, das ist mit Kluge gedacht, nicht gegen ihn.
Die letzte Geschichte in 'Die Lücke, die der Teufel lässt' heißt »Büßerschnee«. Schnee ist beides: Zeit- und Raum-Metapher. Die Zeitreserve des 20. Jahrhunderts ist von den schlagenden und geschlagenen Generationen vor uns angelegt worden, aber wir schöpfen sie gerade leer. Unverdientermaßen. Kluge, der sich 20 Jahre jünger fühlt als er ist, und deshalb zu diesem "wir" gehört, weiß das. Um das "unverdientermaßen" loszuwerden, haben wir (und gibt es) nur zwei Möglichkeiten: entweder zwischen den Menschen arbeiten bis zum Umfallen oder büßen an einem menschenlosen Ort. Zu Penitentes taugen wir nicht. »Begangen hat diese Fläche (...) niemand, kein Terrorist, kein Verfolger. Es handelt sich um ein Gebiet außerhalb des Menschengeschlechts.« Wer nicht Terrorist und nicht Verfolger ist, wird zwischen den beiden zerrieben. Das »Gebiet außerhalb des Menschengeschlechts« ist uns verwehrt. Dieses Gebiet liegt natürlich in Afghanistan, und Afghanistan, wie jeder weiß, gibt es nicht.
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Tag 74 / 21.08.12 / 18:00 - 19:00 Uhr
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Was an den Wänden im Nordflügel des Bahnhofs an Schrift auftaucht und vergeht, während Kentridges Ablehnung der Zeit ihr zaubrisches Schattenspiel treibt:
He that Fled his Fate
Give us Back our Sun
In Praise of Bad Clocks
Poems I Used to Know
The Fullstop Swallows The Sentence
the universal archive
The Pleasures of Selfdeception
Performances of Transformation
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Kunstwerke und ihre Künstler sind keine Tabu-Spezies, die Kunst ist kein geschützter Wildpark, in dem alles mit Heiligkeit bedacht wird, nur weil es existiert. Wo das Denken schlampig ist, ist es auch die Intuition. Und wo die Intuition schlampig ist, ist es auch das Denken. Sogar Verzweiflungen, aus denen viele Dummheiten kommen, sind keine unantastbare Masse.
***
Auch die Kunst, die in der Abwesenheit von Vernunft badet, muß hergestellt werden. Im Produktionsprozeß sind Handwerk, Denken und Intuition vereint, hier ist Vernunft anwesend. Kunst ist Arbeit: ihre Freiheiten können sich nicht zeigen ohne Arbeit an den Unfreiheiten.
Alle irrationale Kunst ist gewollt irrational. Ein Unding.
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Tag 73 / 20.08.12 / 15:00 - 16:00 Uhr
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– "Da, guck, da ist schon wieder einer: hier hat's Schmetterlinge wie blöd. Echt. Ich hab in Kassel noch nie so viele Schmetterlinge erlebt wie in diesem Sommer. Wo du hinguckst. Fast wie Unkraut."
– "Ich kann dir auch sagen, woher die kommen."
– "Weiß ich eh: Raupen, Larven. Das war die Stelle im Bio-Unterricht, wo ich aufgepasst hab."
– "Tja, aber das ist nicht der Anfang vom Lied."
– "Fang bloß nicht mit der Henne und dem Ei an."
– "Nicht in diesem Fall. Ich sag nur: documenta."
– "Ach geh, die muss jetzt aber nicht für alles herhalten."
– "Ehre, wem Ehre gebührt: die Schmetterlinge waren eine Absichtserklärung. Die sind in einer Installation geschlüpft. So, wie sie sollten. Jetzt sind sie überall. Wie die Waschbären."
– "Jetzt hörts aber auf! Das mit den Waschbären war der Hirnriss von so 'nem scheißbraunen Bonzen, das hat mit Kunst grad einen Dreck zu tun."
– "Gut, gut, beruhige dich. Sagen wir: wie der Wind. Auch so ein Kunstwerk. Erklärtermaßen."
– "Ja, ok. Der Wind und die Schmetterlinge. Poetisch, oder?"
– "Früher hätte man mit sowas Schlagerwettbewerbe gewonnen."
– "Ah ja? Ist das deine Art, Kritik zu üben?"
– "Und selbst? Ist das deine Art, mir zu unterstellen, ich hätte was gegen Schlager?"
– "Jedes Mal dasselbe. Mit dir kann man einfach nicht über Kunst reden."
– "Ich wusste gar nicht, dass wir das tun. Du hast von Schmetterlingen geredet, erinnerst du dich?"
– "Und du hast Kunst draus gemacht."
– "Im Gegenteil. Ich hab nur gesagt, an denen ist die documenta schuld. Kein Wort von wegen Kunst."
– "Und der Wind?"
– "Und die Waschbären?"
– "Ich geh jetzt die Wäsche aufhängen."
– "Ah, aber ich bin es, mit dem man nicht über Kunst reden kann!"
– "Genau. Und deshalb häng ich jetzt die Wäsche auf."
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Und heute von der Music-Box: We Are The Many (Makana) – Zog Nit Keynmol (Paul Robeson).
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Tag 72 / 19.08.12 / 11:00 - 15:00 Uhr
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»Das zwischen 1603 und 1606 als erstes feststehendes Theatergebäude in Deutschland errichtete Ottoneum diente im Laufe der Jahrhunderte als Soldatenkirche, Kanonengießerei, Aufbewahrungsort für die landgräfliche Kunstsammlung, Observatorium und anatomisches Theater. Seit 1885 beherbergt es das Naturkundemuseum.«
In diesem Menschengeschichte und Naturgeschichte vereinenden Ottoneum ist der Film 'The Sovereign Forest / The Scene of Crime" von Amar Kanwar zu sehen, der eine kurz vor ihrem Ausverkauf und ihrer Ausbeutung durch Industriekonzerne stehende Landschaft zeigt. Die Sache, um die es geht: Politik, Verbrechen, Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung. Zu sehen ist: eine Naturschnulze, Unberührtheitsgefühligkeit. Und als Beigabe: die sprachliche Verdoppelung der präinstallierten Unmittelbarkeit. Die Poetisierung führt zur Aufhebung der reflektiven Distanz zum Sujet. Bis hin zur Unverständlichkeit, die in der Kunst ihre (temporäre, provisorische) Legitimation hat, dem ökologischen Thema des Films aber schon hier und jetzt die Atemluft nimmt, die in der künftigen Realität der gezeigten Landschaft tatsächlich verschwinden wird, wenn die angekündigten dunklen Mächte in die idyllisierte Gegenwart eingreifen (natürlich von außerhalb), um die Zukunft zu ruinieren.
Utopie, das "es soll anders werden", wird in diesem fast menschenleeren Film auf das einfältige Maß von "warum kann es nicht so bleiben, wie es ist" reduziert. Die Menschenleere konstituiert die Idylle, die als menschenleere nicht konstituierbar ist. Im bloßen Abfilmen von Wasser, Gräsern, Bäumen werden die dunklen Mächte zur bloß geraunten Bedrohung, der Film verliert seine Bezugspunkte und damit jede Navigation. Er führt geradewegs in die Verleugnung seines eigenen Anliegens und etabliert etwas, was vorauseilende Nostalgie zu nennen wäre – mehr kann man die falsche Zukunft vorbereitende falsche Gegenwart nicht verklären. Die Ausführung der Idee zerstört ihre Intention, und etwas über beides Hinausgehendes ist nicht zu ermitteln. Zwischen Bild und Text findet keine Auseinandersetzung statt. Was dabei entsteht, ist glatter Goldschnittstil, eine geschlossene Ästhetik, die der geschlossenen Gesellschaft nichts entgegenzusetzen hat. Die abgefilmte Natur ist zum Requisit degradiert und wird so angeglichen an die Degradierung in der kommenden Unterwerfung unter die Verwertungsinteressen, gegen die der Film sich eigentlich ausprechen möchte. Wollte man ganz scharf argumentieren, muß man dem Film nachsagen, er diene der Einübung der Niederlage.
Von Richard Fleischer gibt es einen Spielfilm mit dem Titel "Soylent Green" (1973), einer der ersten Hollywoodfilme, in denen Ökologisches im Vordergrund thematisiert wird, in der Mischform eines Science-Fiction-Crime-Thrillers. Bis heute einer der radikalsten, weil hier gleich nach der Geburt des Genres eine seiner inhaltlichen Konstanten eingepflanzt wird: dass die Zerstörung des Planeten, die Zerstörung von Menschenrechten und die Zerstörung der verbindlichen Organisationsformen, die eine Gesellschaft sich gibt, nicht voneinander abtrennbar sind. Gegen Ende des Films stirbt eine der beiden Hauptfiguren (tieftraurig und verzweifelt: Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle) und darf sich für seine wenigen verbleibenden Lebensminuten in einer selbstgewählten Euthanasieklinik Filmbilder auf einer großformatigen Leinwand wünschen. Was dem alten, resignierten Mann vorgesetzt wird, sind abgefilmte Idyllen, der billigste Natur- und Tierkitsch, den man sich nur vorstellen kann – und er ist entzückt, geht völlig in diesen Bildern auf. Diese Stelle ist überwältigend und verkehrt sich genau deswegen sofort in ihr Gegenteil, die von lauter verlogenen Bildern erzeugte Erkenntnis von der »nichtexistenten Versöhntheit der Realität mit dem Subjekt« (Adorno). Die Wahrheit des Kitschs ist Indifferenz, die als letztes Wissen von sich selbst weiß, daß nach dem letzten Bild der bilderlose Tod kommt.
Die negative Utopie, das "so wird es nie wieder sein", wird in einem Moment (1973) formuliert, in dem sie noch zu verhindern ist, nicht durch Verklärung der Vergangenheit – die ist definitiv, so wird es gezeigt, beendet – sondern durch die Hinweise des Films auf die Selbstverschuldung dessen, was er für die nicht allzuferne Zukunft (2022) als Menetekel auf die Leinwand malt. Hinweise, die in die Konstruktion der Erzählung eingegangen sind und immer einen Unterton mitschwingen lassen: wenn es so weit gekommen ist, wie hier gezeigt, ist es zu spät. Das naive warum kann es nicht so bleiben, wie es ist, existiert nicht mehr, und so kehrt die alte Utopie des "es muss anders werden" zurück; und als negative, falls das misslingt. Die Szenen in der Euthanasieklinik sagen: Kitsch ist das, was nach der Resignation und unmittelbar vor dem Tod kommt. Der Kitsch besiegelt das Einverständnis mit der Niederlage.
"Soylent Green" ist trotz seiner angepassten Hollywoodästhetik den allermeisten heutigen öko-filmischen Mahnungen noch immer voraus: argumentativ und politisch. Schade, dass dieser Film im Documenta-Filmprogramm nicht gezeigt wird. Er wäre in Fragen des Zusammenhangs von nicht-anthropozentrischer Ökologie und ultra-anthropozentrischen Untergangsphantasien ein diskussionswürdiges Korrektiv zum manchmal doch allzu freigebig offerierten Bio-Optimismus der animistischen Naturverehrer, zugleich eins zur Esoterik spiritueller Selbstrettungsszenarien, die innerhalb dieser Documenta an vielen Stellen unter Auslassung jeglicher Kritik (oder gar Selbstkritik) zum Kunstbeitrag erhoben wird, und nicht minder eins zum gut gepolsterten Pessimismus, der im komfortablen, in den doppelverglasten Wintergarten gerückten Fernsehsessel sitzt, mit Blickrichtung ins öde Wohnzimmer, wo der Erlösungsramsch auf allen TV- und Internetkanälen flimmert, entweder als Naturseligkeits-Dokumentarfilm oder als Naturkatastrophen-Spielfilm. Das Bewusstsein kommt schon ohne Subjekt aus und schaut seinen eigenen Untergang an, als könne es diesen überleben.
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Tag 71 / 18.08.12 / 11:00 - 12:00 Uhr
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»Esoterismo significa cosi: articolazione di modalità di non-conoscenza.« (Furio Jesi)
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"Die machen mich noch ganz verrückt mit ihrer Empathie für alles Nichtmenschliche. Philosophierende Erdnusskerne, marxistische Holzfasern, dichtende Sojasprossen und was sonst noch alles. Ich kann jetzt nicht mal mehr in ein Stück Tilsiter beißen, ohne dass ich die Käseatome aufschreien höre."
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Zur Theorie der Kunst, die es nicht wissen will: »Jede Analyse tötet, zum Teufel mit der Philosophie! Es gibt nur die Eingebung, den Schwung, das Delirium, den "Tanz" – alles Dinge, die am Denken hindern, die über die Reflexion springen.« (E. M. Cioran)
Zur Theorie der Kunst, die es schon immer gewusst hat: »Metaphysische Großmäuligkeit.« (Günther Anders).
Zur Theorie der Kunst, die es nicht wissen kann: »Auch wenn alle das Gegenteil sagen und tun, wer sich einreiht in den Zeitgeist – praktiziert Selbstverstümmelung.« (Raoul Schwarzglaser)
Zur Theorie der Kunst, die es zu wissen glaubt: »Ich jedenfalls werde mir keine saubere Kontemplationskunst mehr anschauen.« (Einsame Stimme aus dem Publikum)
Zur Theorie der Kunst, die nicht mehr will: »Zuerst schmutzig, dann sauber machen.« (Samuel Beckett)
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Niemand muss alles ernst nehmen, was die Documenta-Leitung als Ernstzunehmendes vorgibt.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 61 – 70)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 17. August 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 70 / 17.08.12 / 14:00 - 18:30 Uhr
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"Das mit den Fliegen haben sie auch nicht kapiert, die Deppen, selbst die, die im Katalog nachlesen, kriegen oft nur die Hälfte mit: und dann fühlen sie sich genötigt, Pratchaya Phinthongs 'Sleeping Sickness', triefend vor Ironie, als einsamen Höhepunkt der Ausstellung zu preisen, zwei tote Tsetsefliegen unter Glas, ha, ha. Und andere heißen Silke Soundso und markieren im 'Monopol' die dicke Molly und monieren die Dürftigkeit und dass da Wahrheiten verbreitet würden, die zwar beklagenswert aber sattsam bekannt seien. Und das, worum's wirklich geht: hörste kein Wort von. Hat nix geschnallt, die Gute, aber dann hinrennen und großspurig mit ihrem Mangel an Wissen besserwisserische Kommentare in die Gegend posaunen. Kann man ihr nur raten: stell's Gebläse ab, Silke."
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Beim Anblick der Tiere stellt sie sich noch manchmal ein, die Beruhigung, daß es immer weiter geht. Trotz allem. Dieses Gefühl der Weltzuversicht, das heute kaum mehr aus der Selbstverständlichkeit kommt, daß die Menschen da sind, sondern aus der, mit der die Tiere noch da sind. Das kleine Tiermuseum von Fiona Hall macht Schluß mit diesem Gefühl.
Der Mensch ist das einzige Tier, daß jeden Ort auf der Erde bewohnen kann (einschließlich der Unterwasserwelt), während alle anderen an einen begrenzen Lebensraum gebunden sind. Deshalb ist er das Lebewesen, das sich am schnellsten vermehrt und so den gesamten Raum auch beansprucht. Das erste Opfer der Invasionen und Okkupationen ist jedesmal das, was nicht fliehen kann, zumindest nicht weit genug, alles wilde Leben. Übrig bleiben nur, die sich der Mensch in seine Nähe gezüchtet hat, die Haus- und Nutztiere. Wir haben aufgehört, allen Lebensraum allen Lebewesen zuzugestehen, und folgerichtig alle Flächen der Erde in ein endloses Reich der Ausrottung verwandelt.
In diesem kleinen Museum ist alles schockierend und dabei vollkommen klarsichtig: so ist es, und so wird es weitergehen, und wir sind nicht die Krone sondern der Henker der Schöpfung. Die Holzhütte ist vollgestopft mit Nachbildungen von gefährdeten Tieren, die aus zerschnittener oder zerrissener Militärkleidung gemacht sind. Ein Überreichtum von Details, von denen die Banknote die schärfste Zurückweisung dessen repräsentiert, was wir stolz Zivilisation nennen. Der Nippes-Hirsch aus Glas mit aufgemalter Zielscheibe bringt es auf den Begriff: die Grausamkeit der einen Spezies, die sich die ganze Welt zum Jagdgebiet gemacht hat, wird ungemildert vor Augen geführt. Man spürt in diesem engen Häuschen die Scham der Künstlerin, zu einer Menschheit zu gehören, die triumphierend über Leichen geht und trotzdem immer weiter von sich behauptet, denken und fühlen zu können. Eins der besten Kunstwerke auf der Documenta. Wer hier drin gewesen ist und genau hingeschaut hat, wird der Fähigkeit beraubt, diese Bilder aus dem Gedächtnis zu tilgen.
Der terroristische Umgang mit dem Tier ist eine der unkurierbaren Giftbeulen im Humanismus des Humanoiden.
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Tag 69 / 16.08.12 / 17:00 - 18:30 Uhr
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Die Welt aus einem andern Blickwinkel betrachten: eine der nicht wenigen Zielsetzungen dieser documenta. Eine andere: die Auseinandersetzung mit dem, was Rassenwahn an Greueltaten hervorbringt. Und dann fällt einem die Broschüre einer Klamottenfirma in die Hand, die mit dem Slogan 'from another point of view' wirbt: Aufnahmen aus Paris, Barcelona, New York. Und aus Berlin: zwischen den Stelen von Eisenmans Holocaust-Denkmal posiert, auf dem Boden liegend, ein Model: den Hinterkopf gegen die eine, die hoch gestreckten Beine gegen die andere Stele gelehnt, bietet die zurechtgemachte Frau, was sie am Körper trägt, feil. Nette Dinge, die sie sich in der Modebranche so einfallen lassen.
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Das Videobild besagt nichts mehr, seit es formbares Allerweltsmaterial geworden ist. Man kann das daran erkennen, dass die Filme sich in ihrer Präsentation wie Wiederholungsschleifen behandeln lassen. Es gibt keinen Anfang, kein Ende – wie noch bei einem Kinofilm oder einer Symphonie. Viele, zu viele Leute kommen im laufenden Film an, schauen ein paar Minuten zu, dann gehen sie wieder. Sie wissen nicht, wie lang der Film ist, wieviel sie davon gesehen haben, ob sie sich im ersten Drittel oder im letzten befinden usw. – und die Filme kommen ihnen entgegen in dieser Praxis, sie legen an Statik zu oder besser noch: drehen sich im Kreis. Auch wenn sie als Produkte einer dilettierenden Avantgarde vorläufig nicht massenkompatibel sind, passen sie sich doch der Fernsehästhetik vorauseilend an. Sie sind die Zukunft der Television: in sich verkapselte, unterbrechungslos abrufbare Bildarchive, von ihrer eigenen Endlosigkeit und Harmlosigkeit korrumpiert.
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Und heute von der Music-Box: Custer died for your sins (Floyd Westerman) – Dead Heart (Midnight Oil).
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Tag 68 / 15.08.12 / 15:00 - 16:00 Uhr
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Nachts, wenn es dunkel wird. – Dann kommt die Befreiung durch Lyrik. Vorausgesetzt, es ist Freitag und 23 Uhr und man befindet sich in Kassel im Offenen Kanal. In der offiziellen Sprachregelung liest sich das so: »Jeden Freitag um 23.00 Uhr eröffnet ein geladener Gast den Abend im Café des 'Offenen Kanals' mit einer Lesung ausgewählter Gedichte. Die Lyrik-Lesungen versuchen einen emanzipierten Sinn von Körpern herzustellen, in dem sie nachts – von den Klischees und Zwängen des Tages befreit – im Scheinwerferlicht eines ansonsten dunklen und intimen Raumes stattfinden. Im Anschluss an die Lesung werden die Zuhörenden zu Vortragenden, indem sie in einer Open-Mic-Session die Möglichkeit erhalten, eigene oder mitgebrachte Gedichte vorzutragen.«
Heisst das, tagsüber ist man Museumsdirektorin und nachts Poetin? Oder tags Uni-Professor und nachts Verseschmied? Ist dies das "Creative Writing", das an den Unis gelehrt wird? Wie macht man das, und welchen Tagesberuf muss man haben, um sich diesen 11-Uhr-Nachts-Umschalter antrainieren zu können. Jede und jeder wird Dichter?
Aber wieso ist dann so schwer, Gedichte zu schreiben, die mehr sind als Freizeitphantasien? Wieso kommen hier die Worte Ablagerung, Achtsamkeit, Anforderung, Anschauung, Anspannung, Anspruch, Anstrengung, Antrieb, Arbeit, Architektur, Arsenal, Ästhetik, Aufbau, Aufmerksamkeit, Aufwand, Ausarbeitung, Ausbruch, Ausdruck, Ausdruckskraft, Ausfeilung, Aussage, Ausschweifung, Auswertung, Aversion nicht vor? Und das sind nur die Probleme der Dichtung, die mit A anfangen.
Du bist, wie alle, banalitäten- und klischeegeplagt, klar, doch dann: knipst du das alles aus! Und zack – die Poesie bringt dich zum Leuchten! Die abgedroschenen Bilder, eingefahrenen Denkschablonen, verschlissenen Redewendungen – die brauchst du tagsüber, um den Lebensunterhalt zu verdienen, aber nachts, mein lieber Schwan, nachts fällt das alles mit einem Schlag von dir ab, und das Poetische sprudelt wie Quellwasser aus dir raus!
In der Antike mussten die Poeten Griechenlands und Roms zur Kastalischen Quelle bei Delphi pilgern und deren Wasser trinken, um dichterische Inspiration zu empfangen. Heute geht alles flotter, innerhalb eines einzigen Tages – erst Alltagsbezwungene, dann Feierabendlyrer – wir machen es uns wirklich leicht, oder?
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Die Aussicht auf den See mit der Insel Siebenbergen und dem grünbedachten kleinen Tempel ist von hier aus bezaubernd: deshalb besteigen viele der Besucher, die es nicht besser wissen, Sam Durants 'Scaffolds'. Klasse Idee, dieses Klettergerüst, und genau an der richtigen Stelle. Und dann schauen sie und genießen den tollen Blick, und irgendwann entdecken sie die Tafel. "Und dann liest du: das sind ineinander verschränkte Nachbauten von Galgen, auf denen du da herumläufst, und auf einem davon ist Saddam Hussein hingerichtet worden, und dann geht's dir nicht mehr so gut. Nee, im Ernst, ich fand's gruselig." Sie fühlen sich in die Falle gelockt. "Ich habe", sagt der barfüßige Student aus Freiburg, "auf dem Rand einer dieser Vertiefungen gesessen, die fand ich ganz praktisch, und hab' da mein Frikadellenbrötchen gegessen, und hinterher erfahr' ich, da fließt die Scheiße rein nach dem Ruck um den Hals von den Gehenkten."
Nicht weit von hier stand 1987 schon einmal ein Gedenkwerk an Hinrichtungen: für die documenta 8 hat Ian Hamilton Finlay unter dem Titel 'Ein Blick auf den Tempel' vier Guillotinen hintereinander aufgereiht. Die Stelle scheint beliebt bei den Kritikern staatlich sanktionierter Tötungen.
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Tag 67 / 14.08.12 / 10:00 - 13:00 Uhr
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Es gibt nicht wenige Kunstprofessoren und Kunstszeneprofis, die sich zu den Größten im Land zählen, möglicherweise hält sich sogar jeder einzelne für den Allergrößten. Viele von diesen sind nicht zur Teilnahme an der Documenta eingeladen worden, sehen sich also weder in beratender Funktion noch als Experten in den parellel zur Ausstellung laufenden Veranstaltungsreihen noch in der Bücherserie verewigt. Das nehmen sie der künstlerischen und der geschäftsführenden Leitung der Documenta übel. Manche schriftlich.
Um nicht in den Ruch von Trotz- und Rachetätern zu kommen, wartet man ein Weilchen und wechselt sich erst in der 2. Halbzeit des Spiels ein. Dann fährt man scheinbar objektivierte Argumente gegen das Erscheinungsbild der Documenta auf. Zum Beispiel das der generellen Unterwürfigkeit junger Künstler unter die Glanz und Gloria verabreichende künstlerische Leitung. Oder das Fehlen emanzipatorischer, systemsprengender Kunst, die immerschon und deshalb auch hier vom herrschenden Prinzip aus dem Kunstbetrieb ferngehalten wurde. Jeder, der seine Sinne einigermaßen beisammen hat, wird beide Vorwürfe als professorale Geistesabstürze abhaken. Es gibt genügend Gegenbeispiele, man muss sich nur auf die Suche begeben. Auch ist es grotesk zu behaupten, das Publikum der Documenta hätte lediglich die Wahl zwischen Minderwertigem und Geschmacklosem, zwischen Sinnlosem und Reaktionärem. Allein die begleitenden Vortrags- und Seminar-Veranstaltungen, so unterschiedlich sie auch sind, belegen das Gegenteil. Im Übrigen ist Kunst nicht nur das, was sie ist, und das, was aus ihr wird, und das, was sie programmatisch vorgibt zu sein und werden zu wollen, worüber man bei der ersten Begegnung bestenfalls Orakel absondern kann, sondern auch das, was sie im Publikum anstößt. Vom Publikum, übrigens, sprechen die Profis nie. Das ist unter ihrer Stellung. Wer aber Konkretes über diese Documenta in Erfahrung bringen will, muß nicht nur die Exponate anschauen sondern auch die Anschauer der Exponate.
Wenn man sich die Mühe macht, mindestens 20 Tage lang über die Ausstellung zu gehen, und das ist eine Mühe, der das Publikum sich nicht unterziehen muss, die der Experte sich aber nicht erparen darf, wird man feststellen, was man in jedem größeren Kunstereignis und natürlich auch in jeder früheren Documenta schon als Erfahrung machen konnte, dass immer nur Weniges der Rede wert ist, dass Vieles mehr oder minder scharfe Kritik verdient, und dass man über den Rest besser in Höflichkeit schweigt. Die weltweite Bedeutung eines Ereignisses ist noch nie eine Garantie für durchgehend einheitlich hohes Niveau gewesen; sonst könnte man auch die Olympischen Spiele abkanzeln, weil es dort in jeder Einzeldisziplin genauso viele letzte drei Plazierungen gibt wie erste, und das Mittelmaß dazwischen. Aus dem tatsächlich oder vermeintlich Danebengegangenen die fixe Idee einer Bausch-und-Bogen-Strafpredigt gegen die komplette Veranstaltung und ihre Organisatoren zu konstruieren, fällt auf die jeweiligen Prediger zurück. Ohnehin sind Züchtigungsphantasien im Professoren- und Kommentatorenmilieu immer ein unerquicklicher Hinweis auf die Selbstüberhebung der Sekundärzunft. Wenn überhaupt, steht Vermessenheit nur den Künstlern, Schriftstellern, Musikern selbst zu, und vielleicht noch den Philosophen, nicht deren Traktätchen produzierenden Anhängseln. Den Planeten, nicht den Trabanten.
Die ganz Chose in einen Sack stecken, dann draufhauen, es trifft immer einen, der's verdient hat – diese Methode, man merkt es bis ins Innerste der Sprache hinein, ist die des Konkurrenzgezänks, das sich demnächst, wie die Zankenden wissen, zur Schlacht ausweiten wird, da die Gelder gestrichen werden. Wir erleben gerade, und zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte, dass die Gläubiger von ihren Schuldnern zurückfordern, was ihnen gehört; das verursacht drastische Kürzungen in den öffentlichen Kulturetats. Und das wiederum bedeutet immer auch drastische Kürzungen bei der Ruhmverteilung. Um da noch zu reüssieren, muss man ganz Oben mitmischen. Von diesem Oben, zum Beispiel einer Documenta-Leitung, nicht berücksichtigt zu werden, ist für die genannten Größen und selbsternannten Mitmischer ein schwerer Rückschlag. Den müssen sie parieren, wozu sie kaum mehr in der Lage sind, denn die kleine Wahrheit der kleinen Enklave gilt auch über sie hinaus als große Wahrheit: das Maß aller Dinge im alleinherrschenden, auf die Spitze getriebenen Kapitalismus ist von jetzt an die Ökonomie. Das ist aus dem guten alten Anthropozentrismus geworden – unter seiner eigenen tatkräftigen Beteiligung. In der durchökonomisierten Kultur wird die Kunst als vergesellschaftetes Allgemeingut verschwinden und, zusammengestrichen, wieder auftauchen als Besitztum einer Elite, die früher Aristokratie hieß und heute aus den globalen Geldhändlern, Waffenhändlern, Konkursabwicklern und deren Vasallenclique sich rekrutiert. Statt den Kampf gegen das Privileg aufzunehmen, das hat man im bürgerlichen geld- und ideologiegesteuerten Kulturbetrieb nie gelernt, kehrt auf dessen untersten Rängen der Kampf ums nackte Überleben zurück. Deshalb ist der Aufschrei der "Ignorierten" der lauteste, ganz unabhängig von deren Position als rechts Angepasste oder links Liegengelassene.
Innerhalb dieses mit sich selbst im Krieg liegenden Kunstbetriebs geschehen wahrscheinlich täglich ganz schreckliche Tragödien, Existenzvernichtungen, Seelenerdolchungen und Salonrevolutionen inklusive -konterrevolutionen, von Außen betrachtet jedoch ist das Schlachtgetümmel nicht mehr als in bescheidenem Maße unterhaltsam. Die aufs Kleinformat des Kulturklüngels gebrachte, unter Wiederholungszwang stehende Reproduktion der Schlachten der wirklichen Welt als mäßig belustigende Farce.
Die Kunstzeitschriften überbieten einander in Selbstlob und Exaltiertheit, die Kunstverlage schnappen sich gegenseitig die vielversprechenden Buchprojekte weg, die Professorenstühle müssen gegen das Ansägen von allen Seiten erbittert verteidigt werden, die Universitäten und Kunsthochschulen treten gegeneinander an, um an Sonderstatus und Extrageld heranzukommen, die Redakteure gehen während der Arbeitszeit nicht mal mehr aufs Klo, damit ihnen die Passwörter zu den Gefilden, in denen sich ihre Karriere entscheidet, nicht gestohlen werden, die freischaffenden Lohnschreiber pinkeln sich gegenseitig auf die Tastaturen, und im Internet feiert die Selbstausbeutung, die von den Netz-Tifosi beharrlich mit Demokratisierung verwechselt wird, fröhliche Urstände – undsoweiter undsofort. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Konkurrenzkämpfe und deren Bösartigkeit anschwellen und die Nervenkrisen der getriebenen Selbstdarsteller (bevorzugt mit Portraitphoto) sich in den kommenden Wochen vermehren werden.
Ach, Leute – hochgeschätzte Wutprofessoren und Kunstkompetenzler – ihr seid wirklich zu bedauern, aber wir hätten trotz der angespannten Stimmungslage ein Anliegen: macht doch bitte etwas weniger Krach beim Verbrennen eures Treibstoffgemischs aus Hass, Arroganz, Verdrießlichkeit und Selbstmitleid. Ihr werdet immer mehr zu einer Belästigung mit euren knatternden Auspuffgeräuschen, merkt ihr das nicht?
Persönlicher Nachtrag: Wir beide – und dieses stressfreie, eingefleischte Außenseitertum ist ganz unseres, muss gegen nichts und niemanden verteidigt werden – wir können einfach so, absichtslos, ziellos, gefahrlos, konkurrenzlos und sogar faul, pflichtvergessen und unverzagt durch die Ausstellung stromern und uns freuen, verführen lassen, erregen, ärgern, zerstreuen, langweilen, streiten, erheitern, lustig machen, informieren, nicht informieren, einwickeln lassen, nicht einwickeln lassen, vergnügen, irren, amüsieren, ablenken lassen und wieder erfreuen. Alles, wie's gerade kommt.
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Tag 66 / 13.08.12 / 10:00 - 12:30 Uhr
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...und zum elften Mal William Kentridge, 'The Refusal of Time', der beatmete Raum, der durchmessene Raum. Der Raum, in dem Metronome den Pulsschlag vorgeben, dann drehen sie durch: und das Herz steht rasend still. Bücher fallen und steigen, ein Mann überquert einen Sessel, immer wieder, unentwegt: ist er es, der seinem Schicksal entflieht. Formeln, Verwehungen, Burlesken mit Tischtuch: wenn man es wegzieht, sind die Liebhaber, wie viele sich auch darunter verstecken, verschwunden. Licht und Geschwindigkeit, die Lobpreisung schlechter Uhren. Und here I am, während helle Lochstreifen in der Dunkelheit an den Wänden herunterrinnen wie mechanisierter Regen, wie von Wissen und Zeit aus der Form gezerrte Sterne. Maßnahmen und Rhythmus und Poems I Used to Know, in einem davon können selbst Hexen das nicht: Gärten ungeschehen machen, ungesagt, unerinnert, und die Musik in der Hand wird im Fortschreiten zur Last auf dem Rücken: die Welt entwickelt sich weiter, vernichtend, wunderbar.
Hier bin ich, verkündet die Stimme: und, ja, das ist so ein Raum: hier bist du: so sehr, dass du, wenn du gehst, dort zurückbleibst. Wie du nach manchen Nächten erwachst: unvollständig. Und mit dem Gefühl, etwas Entscheidendes geträumt zu haben, an das du dich nicht erinnern kannst. Hinter der Stirn der Verdacht, glücklich gewesen zu sein, in dem Raum, den du aufsuchen willst, immer wieder: du weißt, du bist dort und wartest auf dich.
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In der Karlsaue das Ensemble von Apichatpong Weerasethakul. Der Geist ist zu groß, um echt zu sein, sagt ein kleiner Junge zu mir, der sich in den unteren Falten seines Umhangs räkelt. Schade, dass man nicht innen drin hochklettern kann, sage ich zu ihm. Warum soll man denn in einem Geist hochklettern, fragt er? Dann könnte man aus seinen Nasenlöchern rausgucken, schlage ich ihm vor. Das geht nicht, meint er, aus Nasenlöchern kann man gar nicht gucken. Ein Geist kann das, widerspreche ich. Jetzt hat der Kleine genug, murmelt vor sich hin: der ist ja schon kaputt hier unten, und geht weg, zurück zu seinen Eltern.
Aber die Hängematten sind klasse, sage ich zu mir selbst, und lege mich ein Viertelstündchen in eine hinein.
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Die Schilderwanderung am 'Doing Nothing Garden' von Betreten Verboten nach Ernten Verboten zu Außer Betrieb scheint beendet. Jetzt kommt die Zeit der Schilderkorrekturen. An Betreten Verboten / Do Not Trespass hat jemand gekratzt. Jetzt steht dort: Beten Verboten / Do Not Spass.
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Tag 65 / 12.08.12 / 11:00 - 12:00 Uhr
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Die Unmöglichkeit des richtigen Lebens im falschen – vielleicht ist das gemeint mit der eisernen, in die Erde führende Falltür, die einen Spaltbreit offen steht und ein verlockend-blaues Licht freiläßt, ohne das Geheimnis preiszugeben. Ein Fenster zum ganz Anderen, aus dem der 'Tijuana Moods' Jazz von Charles Mingus (Los Mariachis / Ysabel's Table Dance) dringt, der aus einer Zeit in seinem Leben kommt, in der er fast nichts von dem finden konnte, was er brauchte oder wollte. Das 40er und 50er Jahre Tijuana: eine blaue Utopie. Bei Mingus Fluchtpunkt der extremen Phantasien eines kräftig gebauten, alles verschlingenden Kerls, der einen unersättlichen Appetit auf Frauen, Tequila und Männerfreundschaften hatte. Und vor allem auf Musik, Musik, Musik. Wilder Jazz, der eine vollständige Welt ist. Wer diese Platte nicht kennt, weiß nicht, was Jazz ist und was für ein Über-Leben man aus seinen Instrumenten herausholen kann.
Eine Utopie, die hier in der Karlsaue in den Boden versenkt ist, wie ein Sarg, nicht aus Holz sondern aus Beton und mit einem schweren Deckel aus Metall. Die 'Tijuana Moods', kleinlaut sind sie inzwischen geworden, so leise, dass man dicht heran muß mit den Ohren, um überhaupt noch was zu hören. Und diese Stelle ist auch schon kein Fenster mehr sondern ein 'Escape Hatch to Culturefield'. CULTUREFIELD in Großbuchstaben und fröhlichen Farben. Flucht in die Kultur, Rettung in der Kunst. Beides zusammen – ein Grab. Die Künstler können sich nicht mehr retten, aber manche ihrer Werke, auch wenn sie es nicht mehr herstellen können, träumen noch vom richtigen Leben und spielen dessen Melodien, ein letztes Mal. Ach, könnte es doch anders werden ... nur – aus diesen heutigen, harten, abweisenden Materialien Eisen und Beton, wie könnte man damit der Utopie noch eine Zuflucht bauen, in der sie ein wenig verweilen würde. Freiwillig.
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– "Und da merk' ich, daß ich die falsche Hose anhab'."
– "Wieso falsch? Zu kühl, oder was?"
– "Nee, aber die macht beim Gehen so Geräusche. Und hier gibt's Kunstwerke, da stört das die Betrachtung enorm."
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64 / 11.08.12 / 13:30 - 16:30 Uhr Tag
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Das begehbare Galgen-Monument von Sam Durant im Karlsaue Park. Die Idee: Bekenntnis gegen die Todesstrafe, Stellungnahme gegen das, was mit Hilfe dieser Holzkonstruktion und abstrusesten Begründungen Menschen angetan wurde und wird. Die Ausführung: miserable Zimmermannsarbeit, billig und im heute vorgeschriebenen Zeit-ist-Geld-Hauruckverfahren zusammengeschraubte Kanthölzer. Die Idee fordert menschliche Anteilnahme ein, die Ausführung drückt handwerkliche Gleichgültigkeit aus. Auch wenn man einwenden möchte, es sei kein besonders menschenfreundlicher Charakterzug, wenn ausgerechnet beim Galgen, der ein Zeugnis der Schande des Menschen vor sich selber ist, auf handwerkliche Sauberkeit Wert gelegt wird, macht das die schlechte Arbeit nicht zu einer Rechtfertigung ihrer selbst. Dies hier ist kein Galgen für den Gebrauch sondern ein Galgenkunstwerk gegen den Gebrauch. Insofern hätte hier erst recht auf gewissenhafte Arbeit geachtet werden müssen. Verantwortungslose Arbeit ist immer menschenfeindlich, das wäre in den Katalog humanen Handelns aufzunehmen. Wenn die eigenständige Kompetenz einer Arbeit nicht mit der Verwendung des herzustellenden Produkts in Einklang zu bringen ist, dann sollte man diese Arbeit sein lassen.
Und genau das ist es, was mir bei diesem »beißenden Anti-Denkmal« (Begleitbuch) fehlt: eine Liste der Zimmerleute in der Geschichte des Galgenbaus, die den Auftrag abgelehnt und sich geweigert haben, ihr handwerkliches Können einem Tötungsritual zur Verfügung zu stellen. So wie zum Beispiel der Schauspieler Oskar Werner sich geweigert hat, Nazis zu spielen, mit der Begründung, seine schauspielerische Intelligenz würde diesen Figuren eine Aufwertung zuteil werden lassen, die ihnen nicht zukommt.
Den Galgen und die Todesstrafe in dem hier präsentierten simplen Anti-Denkmal-Effekt als inhuman bloßzustellen, ist ein bisschen sehr unverbindlich in und für Zeiten, in denen Hinrichtungen immer weiter perfektioniert werden; Hinrichtungen, die allesamt eines gemeinsam haben: dass aus der Arbeit, die an der Anfertigung der Tötungsgerätschaften beteiligt ist, zuvor alle Ethik und das von ihr tradierte Verantwortungsbewusstsein gewaltsam entfernt wurden. Der übersehene Widerspruch zwischen Idee und Ausführung hängt dieses Werk an genau den Galgen, mit dem am dringlichsten Schluss zu machen wäre, den des jeweiligen Zeitgeistes. Der Effekt dieses Holzhaufens ist, dass er als Aussichtsplattform und Spielgerät genutzt wird. Eine andere Volksbelustigung zwar als zu den aktiven Zeiten des Galgens, aber nur harmloser, nicht besser. Eine Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk findet nicht statt, und das hat der Künstler sich selbst zuzuschreiben. Die Harmlosigkeit löst den geforderten Ernst in Wohlgefallen auf.
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Kaum einer, der von István Csákánys 'Sewing Room' nicht begeistert ist: Reihen aus Holz geschnitzter Nähmaschinen, minutiös bis in die Schrauben, da stimmt jedes Detail, "guck doch mal, hast du die Kabel gesehen", dieses Gewirr und Geschlängel, als wäre es echt, großartige Handwerkskunst. Zwischen all den Bewunderern immer mal wieder der eher kritische Besucher: wo bleibt, bei all der Schönheit, die Wahrheit: die unerträglichen Arbeitsbedingungen in den asiatischen Kleiderfabriken, in denen die Europäer nähen lassen für hundsmiserablen Lohn. "Ich war da, ich hab die Hallen gesehen, in Bangladesh, Hunderte von Arbeiterinnen in diesen riesigen Hallen, in diesem uneträglichen Krach, die Luft voller Staub, dass du fast erstickst, die Hitze, kaum auszuhalten, und dazu dieser Höllenlärm: das alles seh ich hier nicht." Ihm fehlt, wie gesagt, die Wahrheit in diesem Werk. Bloß: das ist ein Mißverständnis: seine Wahrheit ist nicht die von Csákány: der erzählt eine ganz andere Geschichte. Und die spielt nicht in der Gegenwart: sondern in der Vergangenheit, nicht in Asien: sondern in Europa. Und handelt vom Untergang: das solide alte Handwerk ist verschwunden und mit ihm der Stolz der Arbeiter auf ihre Fertigkeiten. Der 'Sewing Room' ist Trauerarbeit. Nostalgie, meinetwegen. Aber nicht, was ihm zur Last gelegt wird: das Unterschlagen oder Beschönigen harter Realität.
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Tag 63 / 10.08.12 / 14:00 - 17:00 Uhr
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Das eine und sein Gegenteil: gleichzeitig, unbedingt: Philosophie kommt ohne Paradoxien nicht aus. Und selbst mit ihnen nicht weit genug: es bleibt immer ein Ungedachtes, etwas, das nicht erklärbar ist, nicht ausleuchtbar: ein dunkler Rest. Den Rest aber, sag ich in Abwandlung eines Satzes von Hölderlin, stiften die Dichter.
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Man hat uns gesagt, angesichts der schönen neuen Welt des Internets und überhaupt angesichts des kommenden Digitalismus, der schon angebrochen ist, und angesichts der Verwandlung aller Maschinen in Rechenmaschinen sind wir allesamt Analphabeten und müssen noch viel lernen. Fragt sich nur, was das sein soll, das an den neuen Zeiten zu lernen wäre? Und wessen Alphabet ist es, das wir lernen sollen? Das der App-Weltverwaltung und des Facebook-Monopolismus? Das der Selbstverstümmelung aller Sprachen zu Email- und Twitter-Gestammel?
Solche Anpassungsnötigungen sind nun wirklich nichts Neues unter der Sonne. Angesichts der vergangenen 200 Jahre, in denen jede mögliche und tatsächliche Revolution verspielt wurde, jeder mögliche und tatsächliche Widerstand gegen die immer kleiner werdende und dabei immer dichter an Allmacht heranrückende Schar der Weltbeherrscher irgendwann den Geist aufgegeben hat, sind wir noch nie etwas anderes gewesen als Analphabeten.
Wer glaubt, wenn er die Einsen und Nullen seiner elektronischen Weltzugänge kapiert hat und sie mit Kompetenz bewältigen kann, wäre er souveräner Teilnehmer an der tollsten Transparenz der Welt und an der tollsten Demokratisierung der Welt aller Zeiten, und damit sei der Analphabetismus erledigt, der hat schon wieder verspielt und verloren.
In den Computer-Abteilungen der Documenta, von denen es nicht wenige gibt, kann man das nicht lernen. Diese "Kunstwerke" sind sowohl in ihrem Denken als auch in ihrer Intuition als auch in ihrer Materialbehandlung weder in der Jetztzeit noch bei sich selber angekommen. Sie schwelgen in ihrer Vergangenheit, ihrer Entwicklungsgeschichte. Nostalgischer Digitalismus. Wer hätte gedacht, daß es so etwas mal geben würde?
Der selbständig Musik produzierende Computer, daran haben wir uns schon gewöhnt. Der selbständig Liebesbriefe schreibende Computer, das ist, obwohl schon 60 Jahre alt, noch immer der aktuellste Stand der Dinge im tatsächlichen Analphabetismus. Nicht an dessen Abschaffung wird gearbeitet, sondern an seiner endgültigen Umwandlung in einen Kult. Wo bleibt die Love-Letter-App?
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"Aber lies erst mal die Unterschriften: dann geben die Bilder noch weniger Sinn."
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Und heute von der Music-Box: The Revolution will not be televised (Gil Scott-Heron) – Star Spangled Banner (Jimi Hendrix).
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Tag 62 / 09.08.12 / 17:30 - 19:30 Uhr
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Als die drei Freundinnen nach längerem Herumirren in der Karlsaue endlich Ryan Ganders 'Escape Hatch to Culturefield' hinter dem richtigen Gebüsch gefunden haben, sagt Rosi mit Grandezza und harscher Stimme: "Wenn ich gewußt hätte, wie das aussieht, hätte ich nicht danach gesucht."
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Die gekrümmte Röhre von Gabriel Lester im Stadtpark. Erstmal ein Durchgang im Katalog: »'Transition' fungiert als eine Art Satzzeichen oder eine Live-Überblendung von einer Szene zur nächsten. Gleichzeitig wirkt der gekrümmte Tunnel wie ein fotografischer Bildausschnittsucher: Indem man sich in ihm bewegt, zoomt man auf die sichtbare Außenwelt hin und wieder von ihr weg, während in der Mitte durch die 180-Grad-Kurve ein toter Winkel entsteht, eine schlagartige Verdunklung, in der man wie in einem schwarzen Loch verschwindet – oder wie ein Kaninchen im Zylinder. Indem man hindurchgeht, erfährt man im wörtlichen wie im übertragenen Sinn eine vorübergehende Unterbrechung von Raum und Zeit; womöglich, so scheint es, erlebt man eine Veränderung und wird in einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort wieder herauskommen.«
Also, ein bisschen anders ist es schon: Man geht auf der einen Seite rein, dann geht's um eine Kurve, wodurch es ein wenig dunkler wird, dann sieht man schon wieder Licht und geht auf der anderen Seite wieder raus. Kein Karnickel gesehen. Als nächstes die umgekehrte Version. Man geht auf der anderen Seite rein, das mit der Kurve bleibt dasselbe, erneut kein Karnickel, und auf der einen Seite wieder raus. Und noch eine Variante, reingehen bis zur Mitte, dann umdrehen und auf derselben Seite wieder raus. Dasselbe nochmal von der anderen Seite. Nirgendwo Karnickel. Schließlich die zündende Idee: einfach außen um die Röhre herumgehen, da war dann zwar auch kein Karnickel aber wenigstens eine Amsel, doch die ist abgehauen, als ich ihr zu nahe kam, hat mich aber aus unerfindlichen Gründen darauf gebracht, das Ganze nochmal durchzuexerzieren – diesmal mit Zigarette. Endlich ein Kunstwerk, in das man mit Zigarette eintreten darf! Solche Gelegenheiten werden heutzutage immer rarer. Leider war's wie ohne. Kein Karnickel, kein schwarzes Loch für Raucher, dem ich mit der schönen roten Glut gerne ein wenig ins Geheimnis hineingeleuchtet hätte. Nix war's. Keine Unterbrechung von Raum und Zeit, kein anderer Ankunftsort, ich war immer noch im selben Stadtpark. Das Zigarettenopfer hätt' ich mir sparen können.
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"Das ist doch toll, oder, dass bei der documenta die Stadt so voller Menschen ist, viel lebendiger als sonst, da fühlt man sich gleich mit der Welt verbunden, da weiß man erst, wozu man gehört."
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Und heute von der Music-Box: Root Hog And Die (Woody Guthrie) – The Bourgeois Blues (Leadbelly).
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Tag 61 / 08.08.12 / 16:00 - 17:30 Uhr
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"Guck mal, wie hübsch", sagt der Besucher mit dem roten Rucksack, und gleich darauf, "ach, die ist gar nicht echt", und zeigt auf die künstliche Ente im Kanal.
"Ein Erpel", stellt seine Begleiterin richtig, "männlich", und wendet sich an den Wächter von Christian Philipp Müllers Mangold-Fähre, "gehört der auch dazu?"
Das weiß der Wächter der Aue-Kunst nicht.
"Da ist noch eine, da, auf der anderen Seite", eine weibliche Ente, diesmal, auch sie nachgemacht.
"Das muss was mit der documenta zu tun haben", mischt sich eine weitere Besucherin ein, "ich wohn' nämlich gleich um die Ecke und bin fast jeden Tag hier, und vor der documenta gab's hier nur echte Enten in der Aue."
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"Wenn du glaubst, die Kunst ist dazu da, dass es dir hinterher besser geht: hast du nichts begriffen."
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Mal abgesehen von den Wutausbrüchen einiger Rabulisten ist zum Verhältnis von Schreiben und Kunst in der Selbstreklamezone noch zu sagen: Auch lässig hingeworfene Irrtümer sind der lässig hingeworfenen Irrelevanz nicht überlegen.
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Hatte da einer was von humorlos und ironiefrei gezetert? Wie wär's mit dem Kasseler-Dialekt-Tierstimmen-Imitations-Trampelpfad von Natascha Sadr Haghighian und, nur einen Katzensprung davon entfernt, dem Striptease-Haus von Ruth Robbins und Red Vaughan.
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Heute von der Music-Box: Only a pawn in their game (Bob Dylan) – Fight the Power (Public Enemy).
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 51 – 60)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 7. August 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 60 / 07.08.12 / 17:00 - 19:30 Uhr
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Der Vortrag von Maria Muhle über 'Reenactment / Re-Thinking Past Thought', mit ebenso freundlicher wie dezenter Unterstützung von Christoph Menke, hinterließ den starken Verdacht, daß hier der als überwunden geltenden Einfühlung nochmal das Wort geredet wurde. Es geht um Schauspielerei und um Wiederbelebung, wahlweise Verlebendigung oder entdistanzierende Einbildungskraft, geschichtlicher Ereignisse, bevorzugt welche, die nicht ganz geklärt oder einfach nur unangenehm sind. Waren wir mit unseren Entdeckungen bei Benjamin, Brecht und Kracauer nicht schon weiter? Aber vielleicht hängt der Früchtekorb des geschichtlichen Erkennens von vergangenem Denken, Fühlen und Handeln doch noch ein wenig höher als bei den Verfremdern und Errettern der äußeren Wirklichkeit?
Die Sache geht so: man versetze sich in den geistigen und emotionalen Zustand der Figur (oder der handelnden Figuren), halte sich dabei einigermaßen an die historischen Fakten, und aus der Spannung dazwischen schlage man die erhellenden Funken von erneuerter, vielleicht gar abweichender Erkenntniselektrizität. Das Wunschergebnis sollte dann erscheinen: die Hinüberrettung der Geschichte ins Heute für uns Heutige, die nicht gut zu sprechen sind auf Geschichte. Zuviel Vergangeheit behindert bloß das Fortschreiten der Gegenwart. Und wer soll sich all das Vergangene überhaupt noch merken, das zudem mit jedem vergehenden Tag sich vermehrt.
Die Einverleibung eines historischen Geschehens, wie macht man das? Man verschlingt es. Natürlich nicht aus banalem Hunger nach Geschichte, sondern um es in sich zu haben, unverlierbar. Das setzt voraus, dass man mit Bewusstsein verschlingt, auch ohne Hungergefühl. Bewusstsein bedeutet, Vorstellungskraft, Einbildungskraft zu haben für etwas (hier die historische Situation), ohne je in dieser Situation gewesen sein zu müssen. Das wiederum macht Bewusstsein zu dem geistigen Zustand, der den körperlichen überwindet. Man muß die Realität eben nicht verschlingen, um sie in sich zu haben, es genügt, ein Bewusstsein von ihr auszubilden. Dort drin ist sie womöglich besser aufgehoben als im Magen, der keine besonders geschulten Fähigkeiten im Denken besitzt.
An dieser Stelle ist daran zu erinnern, daß die Reihe, in der Frau Muhles Vortrag stattfand, einen Obertitel hat: 'Was ist Denken? Oder ein Geschmack, der gegen sich selbst reagiert'. Das Verhältnis von Denken und Wahrnehmung, das immer seltener ein inniges ist, soll geklärt werden. Ganz so einfach, wie es sich liest, ist es wohl doch nicht, aber ganz so kompliziert, wie der gegen sich selbst reagierende Geschmack nahelegt, vielleicht auch nicht. In der Adorno-Stelle, dem der Obertitel entlehnt ist, geht es jedoch gar nicht ums Denken sondern um die Kunst, die abstoßende, schockierende, die ungemildert grausame: »Geschmack ist der treueste Seismograph der historischen Erfahrung. Wie kaum ein anderes Vermögen ist er fähig, sogar das eigene Verhalten aufzuzeichnen. Er reagiert gegen sich selber und erkennt sich als geschmacklos. Künstler, die abstoßen, schockieren, Sprecher der ungemilderten Grausamkeit lassen in ihrer Idiosynkrasie vom Geschmack sich leiten (...). Gerade den ästhetisch avancierten Nerven ist das selbstgerecht Ästhetische unerträglich geworden.« (Minima Moralia / Dämpfer und Trommel)
Es lohnt sich vielleicht, an dieser Stelle mit der Tür ins Haus zu fallen. Wie fühlt man sich kunstvoll in eine historische Schlacht ein, in eine Revolution, in die Toten der Kriegs- und die Verhungerten der Nachkriegszeiten? Den überlebenden Mörder kann man im "Reenactment" vielleicht noch erfassen, die von ihm hinterlassenen Ermordeten gewiss nicht, seine "past thoughts" lassen sich vielleicht noch rekonstruieren, die seiner Opfer sind nur schwerlich wiederzubeleben. Da stimmt was nicht mit der Theorie des "Reenactment", es sei denn, man nimmt das Ganze für eine Theorie der Travestie, denn das ist es, was am Ende der auf die Geschichte angewendeten entdistanzierten Einbildungskraft erscheint: die Parodie der Geschichte. Deshalb war auch das einzig überzeugende, zur Illustration des Vortrags ausgewählte Beispiel das aus der Fernseh-Serie 'Twin Peaks' von David Lynch. Die Verkehrung einer tatsächlichen historischen Situation in ihr Gegenteil – nicht die Nordstaaten, die Südstaaten haben hier den amerikanischen Sezessionskrieg gewonnen – unterstützt von einer absichtlich plumpen Inszenierung dieser "gefälschten Geschichtsszene", zeigte nicht nur die Unernsthaftigkeit des "Reenactments" auf sondern vor allem die Automatismen des inszenierten Geschichtsrealismus, der gewaltsam versucht, seinen fiktionalen Charakter zu verbergen. Lynch übertreibt und verfremdet so stark, dass sogar die Sache selbst, der Sezessionskrieg, denunziert wird als Farce: ein Affront gegen die amerikanische Manie, sich noch heute über den Bürgerkrieg zu definieren. Diese provinztheatralisch ausstaffierte Stümperei aus Geschichte und Psychologie taugt in der Gegenwart (der Inszenierung) bestenfalls noch zur "Heilung" einer Psychose, die ebenfalls, und zu recht, von Lynch ins Lächerliche gezogen wird.
Die Wahl dieser Filmszene zur Unterstützung des Vortrags war ihrerseits eine Illustration zum klassischen Fehlgriff. Die zu beweisende These bricht unter ihrem eigenen Beispiel zusammen. Ein Geschmack, der gegen sich selbst reagiert.
Kleines Postscriptum (aus dem Gedächtnis) ––– Im Tagebuch von Hebbel findet sich dieser Eintrag: »Man sagte dem Wolf so oft, er habe nichts vom Lamm, daß er sich zuletzt entschloss, das Lamm aufzufressen, um alles vom Lamm zu haben.«
Ob der Wolf sich so ins einverleibte Lamm einfühlen kann, dass er auf einer Bühne oder vor einer Kamera ein Lamm überzeugend spielen kann? Und vielleicht gar die Gefühle des Lamms während des Vorgangs des Gefressenwerdens verlebendigen?
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Um einen ganz anderen Geschmack geht es beim Mangold, dem Christian Philipp Müller ein Documenta-Kunstwerk gewidmet hat: 'Mangold-Fähre'. Vor allem Kinder finden Geschmack daran, auf den schaukelnden Pontons über den schnurgeraden Karlsaue-Wasserstreifen zu wackeln. Aber Mangold essen, das überlassen die meisten lieber den Erwachsenen.
Bei Hans Blumenberg geht die Sorge über den Fluss, hier wächst der Mangold über den Kanal. Und wie er wächst! Seine Wucherungen sind denen der Kunst-Metaphern überlegen – die Fähre hat den Untertitel 'Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda', was immer das heißen soll.
Als der in München nicht gerade hungerleidende aber doch mit Exquisitem noch nicht wieder verwöhnte Thomas Mann ein Jahr nach Ende des 1. Weltkriegs von seinem Verleger Fischer an die Ostsee bei Glücksburg zu besserem Essen eingeladen wird, kommt er gerne. Dort gibt es »norddeutsches Rührei mit butterglänzenden Bratkartoffeln« (Blumenberg), und Herr Mann ist entzückt: »Es ist als wie im himmlischen Paradiese.«
Wer selbstgekleppertes Ei noch kennt, und vielleicht gar eingeweiht ist in das fast vergessene Landküchengeheimnis, das darin besteht, klein- und feingeschnittenen Mangold ins schon vorbereitete Ei unterzurühren, unter Beigabe von ein wenig geriebener Muskatnuss (statt Salz), der kann sich in das historisch durch Briefzitat verbürgte himmlische Geschmacks-Glücksgefühl des Erzählers bestimmt bei jedem Ma(h)l ganz lebendig einfühlen. Und das, zumindest auf dieser Documenta, in dem Bewusstsein, dass der Mangold (nicht nur als Kunstwerk) sich höchstwahrscheinlich was dabei gedacht hat, ein so schmackhaftes Gemüse aus sich zu machen. Ganz ohne den Beigeschmack von Selbstkritik.
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Tag 59 / 06.08.12 / 18:00 - 20:30 Uhr
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Das war eine schlechte Idee von Sanja Ivekovic: ein brisantes Zeitungsbild zu einer Spielzeugvitrine zu verarbeiten. Der Esel auf dem Foto, den die Nazis 1933 auf dem Kasseler Opernplatz hinter Stacheldraht sperrten (stellvertretend für jene unbelehrbaren Bürger, die nach wie vor bei jüdischen Händlern einkaufen gingen), findet sich in der Neuen Galerie verzigfacht hinter Glas wieder, als Stofftier in verschiedenen Ausführungen, dem die Namen von 'Disobedients' angehängt worden sind, Che Guevara, Hans und Sophie Scholl, der chinesische Student, der auf dem Tian'anmen-Platz einem Panzer trotzte. Dass diese sonderbare Ausführung dem Anlass nicht im mindesten gerecht wird, begreifen schon Kinder. Auf die Frage, wie ihm die Kunst hier gefalle, verzieht Tom das Gesicht: "Ach, das ist doch keine Kunst", sagt der Fünfjährige verachtungsvoll, "das sind doch nur Kuscheltiere."
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Betrachter zum Kunstwerk: Was willst du von mir?
Kunstwerk zum Betrachter: Nichts.
Betrachter zum Kunstwerk: Und du willst mich auch nicht ändern?
Kunstwerk zum Betrachter: Ich werde weder Zeit noch Lust noch Laune noch Interesse dafür locker machen, dich zu ändern. Und zwar deshalb nicht, weil ich nichts davon habe. Nur du hast etwas davon. Darum musst du es alleine machen.
Betrachter zum Kunstwerk: Ich will mich gar nicht ändern.
Kunstwerk zum Betrachter: Ich mich auch nicht.
Betrachter zum Kunstwerk: Aber in Ruhe lassen willst du mich trotzdem nicht?
Kunstwerk zum Betrachter: Warum bist du zu mir gekommen und schaust du mich an, wenn du in Ruhe gelassen werden willst?
Betrachter zum Kunstwerk: Hatte nichts besseres zu tun.
Kunstwerk zum Betrachter: Das könnte ich als Beleidigung auffassen.
Betrachter zum Kunstwerk: Du machst nicht den Eindruck, als würdest du das tun.
Kunstwerk zum Betrachter: Tu ich auch nicht.
Betrachter zum Kunstwerk: Da bin ich aber erleichtert.
Kunstwerk zum Betrachter: Was für einen Eindruck mache ich denn auf dich?
Betrachter zum Kunstwerk: Keinen. Und davon abgesehen – ich stelle hier die Fragen.
Kunstwerk zum Betrachter: Ist das ein Verhör?
Betrachter zum Kunstwerk: Sagte ich nicht gerade, daß ich hier die Fragen stelle?
Kunstwerk zum Betrachter: Siehst du, jetzt hab' ich ich doch aus der Ruhe gebracht.
Betrachter zum Kunstwerk: Das wird heute nichts mehr mit uns beiden.
Kunstwerk zum Betrachter: Das sehe ich auch so.
Betrachter zum Kunstwerk: Na, dann kann ich ja jetzt endlich weitergehen.
Kunstwerk zum Betrachter: Grüß' meine Kollegen von mir.
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Kunstprofessor zum Kunstwerk: Du gefällst mir nicht. Du bist ironiefrei und humorlos.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: In deinem Beruf hast du nicht viel zu lachen, nicht wahr?
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Das geht dich nichts an.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Stimmt. Du gehst mich nichts an.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Frechheit!
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Das ist mein Beruf. Und meiner macht wir Spaß.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Du hast keinen Beruf.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Du mußt es ja wissen.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Jedenfalls besser als du selber. Und außerdem – nicht nur ironiefrei und humorlos, du bist außerdem minderwertig und geschmacklos.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Lass mal gut sein, ich hab' ja schon kapiert, wie schwer du's im Leben hast.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Ich bin so wie ich bin.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Und ich bin Experte und hab' schon 10 Bücher geschrieben.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Das macht dich zum Experten fürs Bücherschreiben.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Du bist wirklich unverschämt.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Auch das ist meine Profession.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Von sowas hab' ich noch nie gehört.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Dann hast du schlechte Bücher geschrieben.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Und du bist ein schlechtes Kunstwerk.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Du wiederholst dich.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Und du weisst offenbar nicht, daß du erledigt bist, wenn du mir nicht gefällst.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Von sowas hab' ich noch nie gehört.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Unglaublich, diese Respektlosigkeit!
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Schon wieder einer meiner Berufe! Ich fühle mich durchschaut!
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Jetzt reicht's mir!
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Das wird heute wohl nichts mehr mit uns beiden.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Das sehe ich auch so.
Kunstwerk zum Kunstprofessor: Versuch's doch mal bei meinen Kollegen, vielleicht spielen die ja mit.
Kunstprofessor zum Kunstwerk: Dein Benehmen ist einfach schockierend! Das wird Folgen haben!
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Tag 58 / 05.08.12 / 14:00 - 16:00 Uhr
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... und unter den Gästen des Cafés noch immer nicht jene Person ausfindig gemacht, die in der Orangerie den Theaterautor in Ryan Ganders Kunstwerk/Installation/Performance 'I Had a Massage from the Curator' darzustellen hat. Schwierig, sowieso: es gibt mehrere, männliche, weibliche, die sich die Aufgabe teilen, je nach Tag und Stunde. Schreiben muß die Person, laut Vorgabe, und ein Buch über Improvisation lesen: das tut hier niemand: also ist das Kunstwerk gerade nicht anwesend? "Doch, da muss eigentlich immer jemand sein", eine Kellnerin sondiert mit geübtem Blick das Gelände, "ja genau, ich seh sie." Sie? Also heute eine Frau? Die Kellnerin nickt schnell und geht, sie hat schon zuviel verraten. Die einzige Frau, die etwas schreibt, hat graue Locken, aber kein Buch, in dem sie liest, lesen sollte. Danach gefragt, auf Englisch (immerhin ist Ryan Gander Engländer), zuckt sie hilflos die Schulter: Englisch versteht sie nicht: ist das – neben dem fehlenden Buch – ein Indiz, dass sie nicht ist, was man gemutmaßt hat? Von Ryan Gander hat sie noch nie was gehört, "aber der Rock, den Sie anhaben, ist sehr schön", ja, besten Dank, Ihnen auch noch einen netten Abend.
Nach acht, wenn die Kunstwerke abgeschaltet und der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sind, ist auch die Frau mit den grauen Locken verschwunden. "Ich hab gesehn", sagt die Kellnerin, "wie Sie sich mit der unterhalten haben, ich dachte mir gleich, dass Sie die richtige entdecken."
Das hätte man inzwischen wissen können: dass die Beschreibung im Katalog das eine ist und das Beschriebene in der Realität das andere.
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Seit den 60er Jahren müssen wir mit gefährlichen Sachen wie Atomkraftwerken fertig werden. Die wurden von Anfang an mit verharmlosender Sprache umhüllt. Das hilft uns beim Abwehren der Strahlung viel besser als die Umhüllung mit Beton, die ja ganz doof zerbrechlich ist, wie jedes Kind und jeder Kind gebliebene Erwachsene an einigen Zerbrechlichkeitsbeispielen leicht erkennen konnte. Jetzt zieht die Alternativ-Bewegung nach und macht es, alternativ eben, genau umgekehrt. Die gefährlichen Worte der 60er und 70er Jahre werden exhumiert und mit harmlosen Inhalten gefüllt. Wir machen in Guerilla-Gardening und Guerilla-Knitting. Weil wir den Autoverkehr ja doch nicht loswerden, da wir ihn nicht wirklich loswerden wollen, bewerfen wir die kommunalen Grün- und Brachflächen, die Verkehrsinseln und Mittelstreifen mit Bomben, die wir Samenbomben nennen, auf daß sie uns nicht in die Gedärme explodieren sondern ein paar Wochen später mit netten Blümchen und Kräuterchen in die nach Buntheit hungernden Augen. Damit ist der Sache Genüge getan. Feinstaub, das war gestern, und schon atmet es sich viel freier. Stricken und Gärtnern, einst höchst vergnügliche Freizeit- und Privatangelegenheiten, jetzt revolutionäre Aktionen. Aus Hausfrauen werden Rausfrauen. Dem unheiligen Grafen zuhören und nicht mehr dem heiligen Heino, ist das schon Guerilla-Listening? Nicht wenige der hier präsentierten Öko-Kunstwerke sind in ähnlich kindlicher Weltabwehr stehen geblieben. Das muss man sich leisten können. Ist das Guerilla-Arting?
Welches revolutionäre Feld wird wohl die nun auf den Weg gebrachte organisch-biologische Kunst besetzen? Man mag ein Guerilla-Kunstwerk wie 'The Refusal of Time', dem man Bedeutung zuspricht, gar nicht mehr als solches bezeichnen, wenn schon selbstgemischte Samentüten und bestrickend umhüllte Laternenpfähle subversiv sind. Infantil sollen wir wieder werden, damit das Leiden endlich verschwindet.
Wie schon einige Male angedeutet, sieht es nach einem Absterben der Kunst aus. Das hängt damit zusammen, dass wir zwar leicht in Empörung entflammen, aber politsch gesprochen in einer inaktiven Zeit leben. Das Demonstrative an der gesitteten Empörung ist Showbusiness und wird auch genau so wahrgenommen von den Massenmedien, die von Schowbusiness leben. Unsere Lebenswelt ist immer noch nett zu uns, wir dürfen also weiter regredieren. Auch das muss man sich leisten können.
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Tag 57 / 04.08.12 / 14:00 - 19:00 Uhr
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Das Theater des Antonin Artaud existiert jenseits des Mitteilbaren. Seine Wirkung, die fast vergessen ist, kam aus dem begleitend Geschriebenen, nicht dem Gespielten, dem Dargestellten, dem Vorgeführten und dem auf der Bühne Vorgelebten. Das versucht Javier Téllez aufzuheben, indem er seine Darsteller und Mitarbeiter, die Insassen und Betreuer einer mexikanischen psychiatrischen Klinik sind, sich selber mitteilen läßt. Der Film ist beinahe realistisch, auch da, wo die von Geschichte, Krieg und Klinik verursachten Grausamkeiten ausgetragen werden. Es mag gravierende Differenzen im Leben von psychiatrisch behandelten und unbehandelten Menschen geben, aber es gibt kein Unterscheiden zwischen Gesund und Krank.
Vor die Wahl gestellt zwischen Revolution und Clownerie, hat Artaud sich für das Verrücktsein entschieden. Es könnte sein, dass ich das sage, weil ich davon überzeugt bin, daß alle Clownerie und alle Verrücktheit aus versäumten Revolutionen kommt. Die Clowns und die Verrückten können das nicht wissen. In dem Augenblick, in dem sie es wissen, hören sie auf Clowns und Verrückte zu sein. Mit der Ausnahme: Antonin Artaud. Er stellt sein Verrücktsein selber her. Die Grausamkeit ist sein Idol.
»Das wahre Theater ist mir immer wie die Übung einer gefährlichen und schrecklichen Handlung erschienen, wo übrigens die Idee des Theaters und des Schauspiels ebenso verschwindet wie die jeder Wissenschaft, jeder Religion und jeder Kunst.« (Artaud)
»Es gibt Grade von Spannkraft, Zermalmung, opaker Undurchdringlichkeit, überkomprimierter Stauung eines Körpers, die jede Philosophie, jede Dialektik, jede Musik, jede Physik, jede Poesie, jede Magie weit hinter sich lassen.« (Artaud)
»Und in der Tat war das Theater das Martyrium von allem, was Menschlichkeit wagte, was Seinsgestalt annehmen wollte. Das war der Zustand, in dem man nicht existieren kann, wenn man nicht im voraus zugestimmt hat, wie ein der Definition und dem Wesen nach definitiver Geisteskranker zu werden.« (Artaud)
'Artaud's Cave' zeigt, daß es möglich ist, auf Artaud zurückzugehen, um sich mit ihm von ihm abzuwenden. Der Film von Javier Téllez tummelt sich nicht im Vorrationalen, wie es von den Verfechtern des größtmöglichen Abstands zum Analytischen gefordert wird.
Wenn man sich selbst nicht mehr äußern will, nimmt man Zuflucht zum Film, der dreigeteilt ist in Kamera, Montage, Projektion. Im Film äußern sich nicht nur "die Anderen" sondern auch "ein Anderes". Film ist das Medium der Willenlosigkeit, anders gesagt: der Abwesenheit eines Autors. 'Artaud's Cave' geht auf das erste Theaterstück zurück, das Artaud für sein 'Theater der Grausamkeit' geschrieben hat. Die Geister der Natur (Kamera), der Geschichte (Montage) und der Anstalt (Projektion) sprechen nicht gleichzeitig und durcheinander sondern nacheinander. Bei Artaud gibt es solche Höflichkeit nicht. Seine Erzählstränge interessieren sich nicht für ein Publikum. Téllez interessiert sich zumindest für den Kontakt zum Publikum. Aber das wird heutzutage schnell ungeduldig.
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Die traumgleichen elf Minuten von Nalini Malanis 'In Search of Vanished Blood': Gardinen, die an einem warmen Sommerabend ins Kinderzimmer wehen, und mit ihnen die Geister, die Tropengewitter, die Alpträume, der Tanz der Mythen. Wer weiß schon, was wirklich geschah, als sich die Welt noch in eine Spielkiste räumen ließ. Als die Ungeheuer zu bannnen waren, einfach, indem man gehorchte: aber wer tat das schon. Also erschienen die Drachen, nachts, wenn die Schlaflieder verklungen waren, und hielten mit dampfendem Atem Gericht und mit Krallen, denen kein noch so schneller Gedanke entkam. Aber das Licht, wenn es wiederkehrt, tilgt davon jede Spur: die Geschichte hat fern und ganz anders stattgefunden.
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Tag 56 / 03.08.12 / 11:00 - 16:00 Uhr
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"Hallo! Hallo! Sind Sie blind? Nicht über die weiße Linie!" Der Wärter bei Lara Favarettos überdimensionierter Schrottinstallation ist erbost, daß die Besucherin den Schritt über den Strich gewagt hat, gegen Grenzüberschreitung muss er einschreiten: das ist, glaubt er, sein Job.
"Die haben Angst", sagt die Besucherin aus Florenz grinsend zu ihrem Mann, "daß von dem Schrott da jemand was wegnimmt."
"Bei uns in Italien", sagt der, "hätten sie Angst, daß jemand was dazulegt."
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Im lateinischen musa (die Muse) sind Gesang, Dichtung, Kunst und Wissenschaft noch vereint. Das musium oder museum ist der Sitz der Musen. Das gegenseitige Anschweigen kam später, als die Künste und die Wissenschaften sich getrennt haben und anfingen, auf ihren jeweils eigenen Zugang zur Welt zu pochen. Die einen phantasieren die Welt, die anderen vermessen sie. Die Willensbekundungen dieser 13. Documenta laufen auf die Wiederzusammenführung hinaus. Natürlich werden sich die Wissenschaftler am heftigsten dagegen sperren, daß Künstler ihnen in die Profession hineinreden dürfen, aber sie sind zugleich stolz darauf, auf so einer Weltaustellung sich zeigen zu dürfen. Einmalige Chance, so ein Riesenpublikum abzukriegen. Natürlich haben wir auch Kunstvertreter getroffen, die sich vehement dagegen verwahren, daß Lichtpunkte auf dem Computerschirm eines Meßgeräts den Künsten zugerechnet werden. Bei ihnen kommt allerdings keine Begeisterung auf, sich die Bühne mit den Wissenschaften teilen zu müssen.
Eine Wiedervereinigung scheitert schon am Nichtvorhandensein einer gemeinsamen Sprache. Das Lateinische ist es nicht mehr, und es fällt schwer, sich eine neue vorzustellen. Überhaupt die Sprache. Auf der Documenta findet die Kommunikation der Künstler untereinander in Englisch statt und die zwischen Künstlern und Publikum, von wenigen Ausnahmegelegenheiten abgesehen, ebenfalls. Wir haben viele Situationen erlebt, in denen das zu einigem Unmut geführt hat. Das wahre Problem ist dabei noch gar nicht zur Sprache gekommen, daß Englisch in einem bestimmten Areal längst die neue Weltsprache ist, und zwar unangefochten: in der Reklame.
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Tag 55 / 02.08.12 / 15:00 - 17:30 Uhr
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lieber frank,
now the weariness begins to show. nach der neugier, den ersten informativen rundgängen, rundblicken, den blicken in alle möglichen ecken und etagen, den zufälligen entdeckungen, dem zielstrebig wiederholt angesteuerten, nach der mit den frühen tagen und entdeckungen wachsenden bewunderung für bakargievs enorme anstrengung, soviel zusammengedacht, zusammengebracht zu haben: tritt jetzt das talmi zutage, das mißratene, zu kurz gegriffene, kitschige, bloß gutgemeint, oberflächliche, prätentiöse, lächerliche, das, was einem die lust nimmt, sich einzulassen (die lust und die fähigkeit: man kann sich nicht ernsthaft mit den 'brüsten der weisheit' auseinandersetzen, oder? ich hör schon dein grinsendes "bah, warum nicht").
es fällt, bei dieser documenta, übrigens auffallend oft der begriff 'konzepkunst'. im katalog. im gespräch. dazu gefragt, hat einer der für vorträge und seminare angeheuerten philosophen gesagt, "die mag ich nicht." düttmann, merk dir den namen, er ist einer nach deinem geschmack, ein gegner des nur so und nebenher gemachten, einer, für den anstrengung unerläßlich ist: fürs denken, für die kunst. klar, hat er recht. sonst kann mans genausogut lassen. oder den massen überlassen (und da sind wir wieder bei dem blöden jeder-kann-kunst-kram, dem das netz mächtig auf die sprünge geholfen hat: da muß keiner was können: außer tasten drücken: und die befördern, wie eine klospülung, die ladung aus dem hirn in den abfluß. das netz als weltweite kanalisation.)
nachher gehen wir trotzdem wieder los.
herzlich
ingrid
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Liebe Ingrid,
Was ich hinzufügen wollte, ist dass Deine Berichte mich dazu ermuntern, über diese sogenannte Kunst nachzudenken. "Sogenannte" weil das Wort "Kunst", in allen Sprachen, irgendwie mit "Schwierigkeit" verbunden ist – also das Gegenteil vom "Das kann jeder". Vielleicht sind die Tätigkeiten, über die Du berichtest, an sich nicht verwerflich, aber ich würde sie anders nennen ...
Seit einigen Wochen korrespondiere ich mit einem Herrn Jean Clair, der das Musée Picasso geleitet hat, der Académie Française angehört, verschiedene grosse Ausstellungen in Paris zusammengestellt hat und ein guter Bekannter von Alexandra ist.
Er missbilligt so ziemlich alles, was nach Francis Bacon kommt, inbegriffen Beuys. Und da dachte ich an unseren gemeinsamen Besuch im Hamburger Bahnhof in Berlin, wo wir uns so rührend bemühten, etwas davon zu kapieren.
Aber gab es viel zu kapieren? Oder war es nicht ziemlich seicht – jedenfalls für den vielen Platz, den es einnahm? Und hat es unseren Einblick (oder Ausblick) irgendwie verändert? Und dabei würde ich, in einer Auseinandersetzung mit Jan Clair, für Beuys einstehen, er scheint mir wenigstens relativ aufrichtig, oder jedenfalls kein eindeutiger Clown, wie z.B. Andy Warhol.
Die wesentliche Frage scheint mir: was davon hilft uns, in unserer gegenwärtigen Umgebung zu überleben?
Während ich sagen würde, dass z.B. Deine Kaffeeblüten und meine Bilder, die Du dazu gewählt hast, einigen Leuten helfen könnten.
Frank
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Tag 54 / 01.08.12 / 16:00 - 18:30 Uhr
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"Aber du siehst doch, dass alles zu viel ist: Informationen, Anforderungen, das kriegen die Hirne nicht mehr hin: das alles zu bewältigen. Das kann man doch verstehen, dass da die Menschen anfällig werden für alle Arten von Wirklichkeitsflucht: Wahnsinn, Religion, Aberglauben, Drogen, Esoterik. Und Vermüllung: die ganzen Messies und so. Das ist nur Schutz, verstehst du, das Anhäufen von Müll und Sachen, die brauchen die ganzen Dinge, die sie um sich herum hochziehen: das sind Schutzwälle, hinter denen sie in Deckung gehen vor der Welt. Dinge sind alles für sie. Und schau, auf der anderen Seite verschwinden die Dinge immer mehr, das Geld, die Bücher, die Schallplatten, die Bilder: alles nur noch Daten, die hin- und hergeschoben werden, alles nicht mehr zum Anfassen, alles nicht mehr echt. Was ich mein: das Reale wird durch das Virtuelle ersetzt: und das ist doch ganz schön Scheiße für die Messies, oder, wenn ihnen die Bausteine genommen werden für ihre Schutzmauern, wohin sollen die sich dann noch vor der Realität zurückziehen? Und jetzt pass auf: jetzt kommt die documenta, bei der geht es genau wieder um die Dinge: »matter matters«, hat die Bakargiev sagen lassen. Die Dinge sind wichtig, die Dinge braucht man, um die Welt zu begreifen, ich mein: versuch mal, Nullen und Einsen anzufassen oder Pixel, mach das mal. Also, wenn die documenta die Welt retten will, muss sie die Dinge vor dem Verschwinden bewahren, und das heisst, sie unterstützt die Messies, verstehst du, was ich mein: sie rettet die Dinge, die sie für die Welt rettet, auch für die Messies, die sich dahinter vor der Welt verschanzen."
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»Die Bewohner aller früheren Zeiten haben sich gegenseitig geschändet. Wir, in unseren Zeiten, setzen diese Tradition fort. Einen Unterschied gibt es: wir schänden nebenbei auch noch den Planeten.« (Aus: Anachron Nr. 1)
Man muss sie den Ruin des Weltvertrauens nennen, die Kriegs- und Massenmord-Orgien des 20. Jahrhunderts. Sie sind nicht beendet, setzen sich fort, mit frisch gebackenen Rechtfertigungen und optimierter Maschinerie, bisher noch in etwas verkleinertem Ausmaß, um den Leichengestank, der die Welt im vergangenen Jahrhundert vollständig durchzogen hat, von jetzt an wenigstens von gut abgeschirmten privilegierten Orten fernzuhalten. Im 20. Jahrhundert hieß die Versuchsanordnung Weltherrschaft: Täter und Opfer waren klar unterschieden.
Die auf den höchsten Stand von Technik gehobene und industriell organisierte Schändung des Menschen durch den Menschen und die des Planeten durch den Menschen hat die Geschichts-Fraktur im Kontinuum verursacht, und dieser Bruch ist inzwischen im Kleinsten angekommen, im Privatesten. Verglichen mit dem 1. August 1912 kann man heute, am selben Tag des Jahres 2012, nicht einmal mehr ein Stück Brot und eine Tomate ohne berechtigtes Misstrauen essen. Im 21. Jahrhundert heisst die Versuchsanordnung Mensch: Täter und Opfer sind identisch.
Damit muss auch die Kunst fertigwerden. Ob sie will oder nicht. Das gesamte Lebensensemble der Erde (das reale, nicht das mystifizierte) wird nicht überleben, wenn der Mensch nicht überlebt, und der Mensch wird nicht überleben, wenn dieser Zusammenhang nicht überlebt. Man kann einige der öffentlichen Äußerungen von Carolyn Christov-Bakargiev dazu ("Erdbeeren und Hunde") lächerlich finden, und man kann zweifellos sagen: hier ist die Kunst überfordert. Aber die Selbstüberforderung der Kunst – ist das nicht eine ganz alte Bedingung von Kunst überhaupt?
Das anthropozentrische Weltbild hat versagt, soviel ist sicher, denn es hat uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind: in die Zerstörung unserer eigenen Lebensbedingungen. Wenn auch das nicht-anthropozentrische versagt, ist die Sache, die Planet Erde heißt, gelaufen. Angesichts der dargelegten Situation sich daran zu empören, dass mit dieser Documenta »das Existenzrecht der Kunst zur Disposition« gestellt würde, ist keine Antwort auf die mögliche Lächerlichkeit von "Erdbeeren und Hunden" sondern deren Steigerung. Anders gesagt, und besonders an die Adresse aller "Die-Kunst-geht-hier-zu-Ende-Befürchter" gerichtet: Wenn die Kunst sich an dem Versuch, diesen Planeten bewohnbar zu halten, beteiligt, dann ist das nur zu begrüßen. Und wenn sie dabei draufgeht, dann soll sie eben draufgehen. Sie hätte nichts anderes getan, als einer ihrer Ur-Bestimmungen zu folgen, um diese zu erfüllen: Rettung.
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Tag 53 / 31.07.12 / 12:00 - 17:00 Uhr
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Der Konzept-Kunst-Ritter Nedko Solakov im Grimm-Museum: Es ist LAUT hier. Die Rüstung des Ritters ist LAUT, die Statements des Ritters sind LAUT, das Schlagzeug des Ritters ist LAUT, die Hubschrauber des Ritters sind LAUT, einfach alles ist LAUT. (Nur die Katzen in einem der Videofilme sind leise.) Und wie passt das alles zueinander? Da hat sich einer das ganze Ensemble seiner Kinderphantasien wahrgemacht, nach und nach, und in voller LAUTstärke. Man kommt in den ersten Raum mit Exponaten, und es ist LAUT. Man geht hindurch in den zweiten Raum, und es ist noch LAUTER, weil nicht nur der Raum selbst LAUT ist, sondern weil man auch noch das LAUTE aus dem ersten Raum mitnimmt, und in den dritten nimmt man das des zweiten mit. Wohin man sich auch dreht und wendet, es ist und bleibt überall LAUT. Was Ton ist, ist LAUT, und auch, was Bild und Ding ist, ist LAUT, die Inhalte sind LAUT, die Farben sind LAUT, das Auftreten ist LAUT. Und weil das alles hier so LAUT ist, ist es AUFDRINGLICH. Und vielleicht ist das die LAUTE Botschaft dieser Videos, Skulpturen, Zeichnungen, Photographien, Installationen, daß die Natur des Menschen LAUT ist, was wahr ist, und daß die Natur des Menschen AUFDRINGLICH ist, was nicht minder wahr ist, und daß deshalb auch die Kunst des Menschen LAUT und AUFDRINGLICH ist, was zumindest für diese bombastische ICH-Kunst hier zutrifft.
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Auch ohne die Absicht, hier zwei Mentalitäten oder zwei Lebensentwürfe gegeneinander ausspielen zu wollen, kann man sagen, daß die Music-Box / Klanginstallation 'Die Gedanken sind frei' von Susan Hiller genau das Gegenteil von Ich-Kunst ist, das Gegenteil von Ich-Sagen und das Gegenteil von Ich-Inszenierung.
Wir- und Widerstands-Musik: Woody Guthrie, Leadbelly, Paul Robeson, Bob Dylan, Johnny Cash, Ry Cooder, The Klezmatics, Billie Holiday, Boris Vian, Johnny Hallyday, Bruce Springsteen, Tom Waits, Ahmad Kaabour, Marvin Gaye, Billy Bragg, Neville Brothers, Flor del Fango, Manu Chao, Public Enemy, Gil Scot-Heron ... eine ganz feine Auswahl, zeitgebunden und doch nicht alternd. Wer diese Musik nicht kennt, wird sich wohl wundern, was es alles einmal gab, und weiterhin gibt, von der offiziellen Kulturindustrie, die eine zeitlang sogar davon profitiert hat, inzwischen jedoch aussortiert wurde.
Die Music-Box mit 100 Titeln (für 100 Tage) findet sich in gleicher Ausführung an fünf Standorten: in der Neuen Galerie und in vier Gastronomiebetrieben in der Orangerie, in der Karlsaue, im Kulturbahnhof, am Rosenhang. Keine Orte des Ruhe, auch nicht der in der Neuen Galerie, aber welche der Sammlung und Versammlung. Das Publikum legt hier Pausen ein.
Woody Guthrie, der oben an erster Stelle genannt ist, hatte am 14. Juli seinen 100sten Geburtstag. Schöne Koinzidenz. Sein Folksong 'This land is your land' gilt als alternative Nationalhymne der USA. Man könnte, mit ein paar unbedeutenden Textergänzungen, die Hymne des Planeten Erde daraus machen.
Im Song von Ry Cooder wird die Folk-Music so charakterisiert: Three chords and the truth. Die mit dieser anderen Weltmusik aufgeladenen Wunder-Boxen sind nichts weniger als ein subversives Statement gegen das Vergessen und gegen das Aufgeben – und damit auch ein streitbarer, wenn man so will sogar kommunistischer Beitrag zur Selbstdefinition der Kunst. Diese Musik ist meine Musik, diese Musik ist eure Musik.
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Tag 52 / 30.07.12 / 10:00 - 16:30 Uhr
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In der überlieferten Kunst galt: der Betrachter prüft die Kunst. In der Moderne gilt: die Kunst prüft den Betrachter. Wir haben die Prüfungen noch nicht bestanden. Die Kunst ist weiter als ihr Publikum, und muß es auch sein, denn andernfalls gäbe es kein Publikum. Deshalb ärgert sich das Publikum der Moderne mehr über die Unverständlichkeit der Kunst als über die eigene Verständnislosigkeit. Der Abbau von Überforderung ist aber nicht Sache des Vorauseilenden sondern die des Nachzüglers.
Ein bisschen Unterricht und Training zwischen Kunst und Betrachter zu schieben, reicht nicht aus, die beiden auf gleiche Höhe zu bringen. Auch wenn es möglich sein sollte, das Publikum zu beschleunigen, kann die Kunst sich nicht darauf einlassen sich selbst zu verlangsamen. Der Abstand bleibt. Und die nicht zu bestehenden Prüfungen sind konstituierender Teil dieses Abstands. Insofern wird die Documenta auch in Zukunft ein Ärgernis bleiben.
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Irgendwo im Café der Orangerie sitzt er, der Mann, der den Theaterautor gibt in Ryan Ganders 'I Had a Massage from the Curator': wer von den Gästen ist es? "Ich darf's Ihnen nicht sagen", wehrt einer der Kellner die Frage ab, "den müssen Sie schon selber finden." 83 Gäste, 83 Möglichkeiten, wenn man die weiblichen dazu zählt: und das muß man, "an manchen Tagen ist es nämlich eine Frau", die in einem Buch über Improvisationen lesen und sich Notizen machen soll. Man kann sie ansprechen: dann wird sie, heißt es, über ein Bühnenstück sprechen, in dem ein Schauspieler sich selbst als von den Toten Auferstandenen darstellt. Na gut, warum nicht mal wieder eine Performance? Doch keiner der Männer, keine der Frauen, die hier sitzen und auf ihren Flammkuchen warten, auf ihren Pinot Grigio oder ihren Liebhaber, nein, keiner sieht aus, als hätte er was mit Theater zu tun. Das kann für oder gegen die Qualität der Darstellung sprechen: es hilft jedenfalls nicht bei der Suche nach dem Kunstobjekt. Vielleicht betrachtet man die Sache auch aus dem falschen Blickwinkel: vielleicht muß man, wie bei einem Vexierbild, die Szene zur Seite kippen oder auf den Kopf stellen: und das, was eben noch eine Serviette war, ist plötzlich ein Wink mit dem Zaunpfahl.
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»Der Begriff des Publikums ist ein Mißverständnis.« (Albrecht Fabri)
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Tag 51 / 29.07.12 / 10:00 - 16:30 Uhr
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Elf Aussagen über die documenta:
– Noch nie hat eine Ausstellung so viele Fragen in mir ausgelöst, ungeheuer beeindruckend.
– Es grenzt an großer Kunst, etwas, das keine Kunst ist, wie Kunst aussehen zu lassen.
– Die documenta ist überall, man kommt gar nicht hinterher, und das Ganze hat mich sowas von erschöpft, mein Kopf ist ganz grün und blau gesehn.
– Vor allem der Nordflügel, der Nordflügel.
– Wenn die Europäer besser vertreten wären, wenn es unten im Fridericianum nicht so säuisch gezogen hätte, wenn Hunde und Bäume nicht entgegen jeder Absichtserklärung auf so üble Art vermenschlicht worden wären, wenn es mehr Kunst und weniger Gags gegeben hätte, wenn nicht so getan worde wäre, als könnte die Kunst die Probleme der Welt lösen, und wenn ich wegen der endlos langen Schlangen überall nicht so viel Zeit verloren hätte: dann wäre ich rundum begeistert gewesen.
– Ich könnt' jetzt nicht mit ehrlichem Gewissen sagen, daß mir das was gesagt hat.
– Ich find's toll, endlich ein Kunstangebot für den Mann von der Straße.
– Kaum eine documenta wurde dermaßen geschätzt und gefeiert, noch während sie stattfand, und meine Befürchtung ist, daß danach der große Kater kommt.
– Wenig wirkliche Kunstwerke hier, ich meine, überragende Werke, die für sich sprechen. Das meiste ist für sich genommen nichtssagend und kommt erst im Zusammenspiel zur Geltung, und das heißt doch nichts anderes, als daß die Kuratorin sich für die eigentliche, weil sinnstiftende Künstlerin hält.
– Guernica war besser.
– Wissen Sie was, ich mocht' schon als Kind am liebsten die Wundertüten, und das ist die Karlsaue für mich, eine Wundertüte. In jedem Häuschen ist was andres drin, und man weiß vorher nie, ob's einem gefällt.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 41 – 50)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 28. Juli 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 50 / 28.07.12 / 11:00 - 12:00 Uhr
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Ihre kleinen bunten Bilder hängen noch in der documenta-Halle, sie selbst ist längst abgereist: Etel Adnan führt keine Autorengespräche mehr im 'Dschingis Khan'. Geblieben ist der schöne Satz aus ihrem neuen Buch. »Wenn die Dürre das Tal erreicht, ersetzen Geschichten den Fluß.« Ja, sie kann das, wenn sie gut ist, die Literatur: den Mängeln der Wirklichkeit den Reichtum der Illusion entgegensetzen. Die Löcher der Nacht mit hellen Sternen stopfen. Dem Schmerz und dem Verlust und der Zerstörung einen Sinn geben. Aber: die Geschichten, die den Fluß ersetzen: können sie auch das Gras bewässern?
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Eine Diskussion mit einem Occupy-Demonstranten brachte die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum in Kassel auf. Seine Argumentation lief darauf hinaus: der Staat (die Stadt) müsse das regeln. Die Alternativen zu dem vom Kapitalismus und seinen Profiteuren am Gängelband geführten Staat soll der Staat regeln? Keine Antwort. Die Sache wird sich schon drehen, wenn man den Herrschaften erstmal beigebracht hat, daß sie 99% der Bevölkerung gegen sich haben? Und warum ist es dann überhaupt erst zu dieser machtvollen Absonderung des 1 Prozents gekommen? Keine Antwort. Stattdessen fuhr der junge Mann mit seiner Beschwerdeführung fort. Wenn man sich beschwert, braucht man eine Beschwerde-Instanz, welche soll das sein? Schon wieder der Staat? Das mit der Instanz versteht er nicht. Ansonsten: keine Antwort. Stattdessen: weitere Beschwerden. Dies kriege ich nicht, jenes habe ich nicht und alles andere wird mir auch verweigert. Vorwürfe und Forderungen. Vorwürfe an wen genau? Forderungen an wen genau? Keine Antworten. Im Rücken des Beschwerdeführers ein paar schöngebügelte, reinweiße Tücher auf dem Rasen vor dem Fridericianum mit schwarz aufgedruckten Erneuerungen und Zusätzen zu den religionsgesteuerten 7 Todsünden. Ist das jetzt an das Gewissen von Privat-Menschen gerichtet oder auch wieder an irgendeine undeutliche Obrigkeits-Adresse? Geiz – wer ist damit gemeint? Und wird der Geizige, wenn man einen gefunden hat und ihm seinen Geiz vorhält, davon Abstand nehmen? An wen ist das Wort Boni gerichtet? An diejenigen, welche die Bonuszahlungen einstreichen? An Bankmanager also? Und die sollen auf das verzichten, was ihre Verträge ihnen zusichern? Zu wessen Gunsten sollen sie verzichten, zu Gunsten ihres Arbeitgebers, der Banken? Korruption – als Anschuldigung gegen wen und zu welchem Zweck? Um den Korrupten gut zuzureden, ihr unschönes Verhalten sein zu lassen? Oder ist das alles dazu da, gerade die Leute wachzurütteln, die ohnehin nicht an der großen Selbstbereicherung beteiligt sind – die Nichtgeizigen, die Nichtbonusbezahlten, die Nichtkorrupten? Ein Passant hat die todsündenhafte Verteufelung von Wollust fein kommentiert mit einem ans weiße Tuch geheften Fragezettel: Lust und Wollust, das heißt Ja-Sagen zum Leben, was soll daran schlecht sein?
Der Staat als menschenfreundlicher Helfer in der Not und Garant für die Besserung des Lebens der Bedürftigen? Und wenn die allereinfachsten minimalkritischen Fragen zu dieser realitätsfremden, dafür aber umso gesetzesgläubigeren Haltung kommen – Stummheit?
Eine Frau mit Anonymitätsmaske demonstrierte Anfang Juni vor der Stadthalle, in der gerade die große Eröffnungs-Pressekonferenz abgehalten wurde. Sie wirft der Documenta-Leitung diktatorisches Verhalten vor, weil sie eine Trittbrettfahrer-Veranstaltung der katholischen Kirche zu verhindern versucht hatte. Auf die Frage, ob sie tatsächlich meine, die katholische Kirche sei ein Hort der Kunstfreiheit oder irgend einer anderen Freiheit – keine Antwort. Auf die Zusatzfrage, um die Freiheitsfrage ein bißchen zu konkretisieren, ob sie schon mal versucht hätte, für sich eine Priesterstelle oder irgendeine Stelle im gehobenen Männerbereich ihrer Organisation zu reklamieren – keine Antwort. Gegen wen die Demonstration gerichtet ist, wir hatten es verstanden. Aber für wen oder was und in wessen Namen wird sie abgehalten? Keine Antwort. Die Maske blieb stumm. Eine andere Frau, die ohne Maske die ganze Zeit danebenstand, hatte ebenfalls nichts zu sagen und setzte, um das zu bekräftigen, ein minutenlanges (gelungenes) Grinsen auf. Sie war in der Verfeinerung ihres eingeübten Gesichtsausdrucks für unerwünschte Diskussionen schon weiter fortgeschritten, hatte keine Maske mehr nötig. Dann müssen ihre Gesichtsmuskeln vom penetranten Zerren wohl zu schmerzen begonnen haben, oder war es etwas anderes, das sie veranlaßte, bei der nächsten Frage einfach wegzugehen? Ohne Antwort, selbstverständlich.
Ist das alles, was an widerständigem Elan da ist? Von einem klar, deutlich und konkret sich äußernden Veränderungswillen wollen wir gar nicht anfangen zu reden. Die Documenta, eine Kunstschau für ein paar hunderttausend Besucher, ein gesellschaftsgefährdender und deshalb zu bekämpfender Feind? Und die Vatikanbank, um deren Machenschaften laut eigener Lehre das christliche Gewissen von 2 Milliarden Katholiken sich kümmern müßte, ist natürlich viel zu harmlos und unwichtig, um sie für gefährlich und bekämpfenswert zu halten? Jedenfalls war bisher in dieser Stadt von einer Demonstration gegen die noble Bank oder die sehr spezielle Behandlung von Frauen in der zur Bank gehörenden Kirche noch nichts zu sehen. Wahrscheinlich, weil das alles so seine Richtigkeit hat, oder?
Der Staat und die katholische Kirche – glaubt ihr wirklich, das sind eure Freunde, verehrte Freunde des freien Lebens und der freien Kunst?
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Tag 49 / 27.07.12 / 11:00 - 14:00 Uhr
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Man muß bei den bunten Scherenschnitten von Barmak Akram schon genau hinschauen, der ältere Herr hat das offensichtlich nicht getan, "ah, Pflanzen", sagt er zu seiner Frau.
"Na, wenn Sie meinen, das sind Pflanzen", sagt der Wächter, man ahnt die Herablassung, man spürt die Schadenfreude, warte, wenn du entdeckst, was das wirklich ist.
"Früchte", verbessert sich der Herr, er ist noch nicht so weit, die Frau ist schneller, "der Pfirsich ist ein nackter Hintern", sagt sie.
Der Wächter nickt zufrieden, sie hat's geschnallt. Alles entblößte Körperteile, weibliche, sorgfältig in Form von vegetativen Gebilden aus Hochglanzmagazinen ausgeschnitten, Brüste, Schamlippen, auch mal ein Auge, ein Gutteil Mösen, ein Stück Schulter oder doch noch ein Hintern. Zierliche florale Gebilde, Blätter, Früchte, Gewächse, kunstvoll mit der Schere gefertigt, eine Heidenarbeit, hübsch wie Spitzendeckchen.
"Wenn Sie nachlesen möchten", großzügig weist der Wächter auf das grüne Begleitbuch auf dem Stuhl, bereits an der richtigen Stelle aufgeschlagen, der Herr winkt ab, womöglich noch mehr Schweinkram, es ist heiß heute, ihm ist eher nach einem kühlen Bier.
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In Mika Taanilas 'The Most Electrified Town in Finland' betitelten Bildern zum Bau des Atomkraftwerks Olkiluoto 3 im Südwesten des Landes, die auf drei nebeneinandergestellten Projektionsflächen in der Orangerie ablaufen, ist die Gefährlichkeit des gigantischen Projekts nicht zu erkennen, nur die technische und bauliche Höchstleistung. Ausgeführt von polnischen Arbeitern. Das ist das neue Europa, man holt sich die Arbeit von dort, wo sie gerade unter Preis zu haben ist. Die Wanderarbeiter bringen die Bereitschaft mit, billiger zu sein als die Einheimischen, möchten aber Polen bleiben. Wie einig sich Ausbeuter und Ausgebeutete sind, das sieht man, indem man nichts davon sieht, denn Konflikte kommen in den drei Filmen nicht vor. Sie zeigen: stimmungsvolle Abendaufnahmen von der Barackensiedlung der Arbeiter, einen im idyllischen Wald in der Abenddämmerung aufgestellten Fleischgrill mit Arbeitern, den auf eine Barackenwand aufgemalten polnischen Patriotismus der Arbeiter. Auch Landschaft mit Seen, Wiesen mit Gräsern sieht man; dann kommt ein auf Alt getrimmter, verschrammter Schwarzweiß-Winter mit Rauhreif; dann wieder Abendrot mit Farbe; und nie die Baustelle aus dem Blick verlieren. Die Planer, Architekten, Ingenieure, Bürokraten, Technokraten, Auftraggeber, Geldgeber, Wissenschaftler, Presseverlautbarer, Sprachregler, Jubelpolitiker, kurz: die an, in und mit solchen Projekten sich etablierende Elite – sieht man nicht.
Die Beunruhigung, die wohl intendiert ist, die man aber auch nicht sehen kann, ist in die Tonspur verlegt. Dort läuft, mal mehr, mal weniger aufdringlich, sphärisch-elektronisch dramatisiertes Bedrohlichkeitsbrummen. Das übliche, inzwischen weltweit vereinheitlichte Computerschnittmuster.
Die Luft wird kontrolliert, das Gras wird kontrolliert. Auch sonst wird alles kontrolliert. Im Grunde lohnt sich das nicht. Die Angler angeln weiter. Die Flüsse fließen weiter, es sei denn, sie sind gerade zugefroren. Die Autos fahren weiter. Die Lastwagen fahren weiter. Die Nachtlichter, Straßenlaternen, Ampeln leuchten weiter. Die Touristen lassen sich in einer lustigen Bimmelbahn durchs Städtchen schaukeln. Wäre dieser Kulturfilm eine Co-Produktion mit dem bayerischen Fernsehen, hätten wir geduldigen Zuschauer gewiß auch noch kurz an einem Gottesdienst teilgenommen.
Wenn man in dieses schlauchartige, quergelegte Breitwand-Kino mit einer einzigen Sitzreihe die Skepsis, vielleicht gar Abneigung gegen Stromerzeugung durch Atomkraftwerke nicht schon mitbringen würde – und vorgefertigte Ansichten in Stellung bringen, sollte man gegenüber Kunstwerken ja eigentlich nicht – man könnte die drei gleichzeitig ablaufenden Filme glatt für Reklame halten.
"Ist das hier in 3-D?" Fragt der alte Mann, der zwischendrin durch den Eingang gekommen ist und noch im Licht des Vorraums steht. – "Das sind 3 Filme." Sagt die Kartenkontrolleurin hinter ihm. – "Das soll in 3-D sein, hab' ich gehört." Sagt der alte Mann, während er nun einen Blick um die Ecke in den Projektionsraum wirft. – "Das sind 3 Filme gleichzeitig." Sagt die Kartenkontrolleurin hinter ihm. – "Aha, also doch 3-D." Sagt der Mann, geht aber nicht weiter. – "Das sind 3 Filme nebeneinander." Sagt die Kartenkontrolleurin hinter ihm. – "Ja, ja, ich seh' schon, es ist 3-D." Sagt der alte Mann. Er geht zum Informationsschildchen und liest, wovon das Kunstwerk handelt. Jetzt schweigt er, dreht er sich um – und geht wieder hinaus.
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Tag 48 / 26.07.12 / 13:30 - 15:00 Uhr
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Nach der Zeit des Entdeckens, die eine Zeit des Staunens und Abenteuerns ist, verlieren Vielfalt und Abwechslungsreichtum an Anziehungskraft, es kommt die Zeit des Unterscheidens. Wohin geht man immer wieder – fast aufs Neue – und wo bleibt man fern.
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Mit dem Künstler aus Dakar hat sie sich was ins Nest gelegt, die Kuratorin, die verlautbaren ließ, man könne sich nicht an zwei Orten gleichzeitig befinden: Issa Samb kann. Sagen Nachbarn von ihm, Assistenten und Künstlerkollegen. Wie ein Geist, sagen sie, lachend, wie Mame Daour, hier, dort und überall. Von wegen: entweder, oder. Seine Abwesenheit schließt, entgegen Christov-Bakargievs Überzeugung, seine Anwesenheit nicht aus. Und Issa Samb, sowieso viel zu elegant und wendig für jede Fassbarkeit und Festlegung, gleitet lemurenhaft durch Dieter Reifarths & Viktoria Schmidt-Linsenhofs bunt blühenden und gleichzeitig wie ein Setzkasten bestückten Film 'Der Hof', der leider fehlt auf der documenta, nicht hier ist sondern sonstwo: und, anders als sein Hauptdarsteller, spürbar abwesend.
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Dokumenta-Halle
Oben: Das Grauen von Auschwitz und Hiroshima, dem keine Traditions-Kunst mehr gewachsen ist: Gustav Metzger. Resonanz der Vergangenheit.
Eine Etage tiefer: Das Grauen der Gegenwart, das die Kunst aus ihrem Weltvertrauen reißt: MOON Kyungwon + JEON Joonho. Vorgezogene Resonanz der Zukunft.
Wovon man nicht mehr wissen will, und wovon man noch nicht wissen will.
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Tag 47 / 25.07.12 / 14:30 - 19:30 Uhr
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Woher weiß man sofort: das ist eine Spinne: dieser verkrüppelte schwarze Klumpen Metall. Auswüchse in viele Richtungen, das können nicht alles Beine sein, knotige Stöcke, jedes Netz würden sie zerreißen, umstandslos. Plumpheit genausogut wie Gefahr: es wäre nicht klug, die dunkle Ruhe zu unterschätzen, das eingeschlossene Lauern. Hätte man es in der Tasche stecken statt der geballten Faust: Leut', seht euch vor. (In der Neuen Galerie: Maria Martins, Aranha. 1946. 6,5 x 17 x 13 cm)
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Der Gegensatz von Kunst und Philosophie ist ein Kleinkrieg, auf dem die Künstler beharren, weil sie das Undenkbare nicht verlieren wollen, das ihnen eine Abweichung von allem Analytischen garantiert, und doch zugeben müssen, daß sie an der kalten begrifflichen Konsequenz aller Philosophie einiges für sich abzweigen können; und auf dem die Philosophen beharren, weil sie ihrem Denkbaren so viel zutrauen, daß es auch für die Kunst reicht, obgleich sie dieser hin und wieder doch eine Eigenstellung einräumen und sie zähneknirschend dem ganz Anderen zurechnen. Wenn es stimmt, daß die neue und kommende Kunst die Metapher ablehnt, dann muß sie (genau wie die von der Metapher sich verabschiedende Philosophie) den realen Stoff, aus dem die Welt gemacht ist, bearbeiten. Tut sie das? Der auf dieser Documenta durchdeklinierten Nähe zwischen Kunst und Philosophie – der Kleinkrieg ist umgestülpte Verwandschaftsbeziehung – entspricht keinerlei Praxis.
Mark Dions Ergänzung zur Schildbach'schen Holzbibliothek (Xylothek) im Ottoneum Naturkundemuseum wahrt das Kontinuum der Aufklärungsphilosophie und zugleich das der Beteiligung der Hand an der Herstellung von Kunstwerken, ohne eine wie auch immer aufgestellte Hierarchie von Geist, Wort und Hand zu bedienen. Er verzichtet auf die Abwesenheit von Vernunft, die anderen Künstlern so wichtig ist, daß sie seitenlange Diskurse darüber verfassen, warum und wie man die künstlerische Sonderintuition vom Diskurs befreien muß und befreit. Anders als viele Werke dieser ersten ökologischen Kunstschau behandelt er die Vergangenheit, um ihr hier und heute in der Gegenwart eine Zukunft zu geben. Generell kommt Gegenwart in vielen Exponaten als undurchschaute vor, bevorzugt als willkürlicher Prospekt des Kommenden, vor dem man Furcht empfindet, was noch letzten Elan bezeugt, häufiger aber resigniert. Prospektoren waren mal optimistische Pioniere, die nach Schätzen geschürft haben. Das ist schon wieder Vergangenheit.
Die 'News from Nowhere'-Gesamtinstallation von Moon Kyungwon und Jeon Joonho richtet den Blick direkt und übergangslos in die Zukunft, die so verheerend aussieht, wie sie von der Gegenwart vorprogrammiert wird. Ihr Bezug und ihre Grundidee gehen auf ein Buch von William Morris aus dem Jahr 1896 zurück (News from Nowhere), das aus England stammt, dem damals industriell fortgeschrittensten Land. Man hätte vieles wissen können in den vergangenen 120 Jahren, und man hat es gewußt, aber aus diesem meist als Mahnung und Warnung vorgetragenen Wissensstrang ist im Unterschied zum bewußtlos (weiter)technifizierten nichts geworden. Der Mahnungscharakter ist nicht überwunden, heutige Vorausschau aufs Morgen und Übermorgen hat sich zwar intensiviert, aber nur, weil das, was bisher Sprache leisten mußte und nur unzulänglich konnte, jetzt Bildern aufgetragen wird, deren technische Perfektionierung den Zusammenbruch anschaulicher vorsetzt, während diesselbe Perfektionierung auf anderen Feldern genau diese Anschaulichkeit (und damit die Warnung) wieder aushebelt und zu einem Gewöhnungsprozeß degradiert. Kein Bild ändert die Sache: die Zukunft setzt sich in Negativität.
Die Xylothek, so schön sie ist, wirkt heute wie eine künstliche Konservierung dessen, was verschwinden wird. Und Mark Dions Zugabe ist schon in dem Moment gefährdet, in dem sie sich der vorhandenen Reihe aus aufklärerischen Zeiten bewundernd anschließt.
In einem echten, aus Bäumen gemachten Papier-Buch, der großen Arbeit von André Leroi-Gourhan, 'Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst', das nicht in diesem Baumbücherschrank steht, kann man nachlesen, wohin die Reise geht: »Wir müssen also einen völlig transponierten homo sapiens ins Auge fassen, und es scheint, als stünden wir heute vor den letzten freien Beziehungen, die der Mensch mit seiner natürlichen Umwelt unterhält. Befreit von seinen Werkzeugen, seinen Gesten und Muskeln, von der Programmierung seiner Handlungen und seines Gedächtnisses, befreit von der Phantasie, an deren Stelle die Perfektion des Fernsehens getreten ist, befreit auch von der Tier- und Pflanzenwelt, vom Wind, von der Kälte, den Mikroben und dem Unbekannten der Gebirge und Meere, steht homo sapiens wahrscheinlich am Ende seiner Laufbahn.«
So gesehen gibt es noch keine Kunst, die den Stand der Dinge anders denkt, imaginiert, materialisiert. Und diese Documenta ist in ihrem Zutrauen zu Mensch, Pflanze, Tier und Technik so im Hintertreffen, wie die Kunst selbst in ihrem Zutrauen zur Bewahrbarkeit der Welt es immer schon war.
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Tag 46 / 24.07.12 / 18:00 - 20:00 Uhr
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Tarek Atoui betreibt nicht das, wovor die meisten Angst haben: den Menschen in eine Maschine verwandeln. Er arbeitet daran, die Maschine zu vermenschlichen. Beides klammert die tatsächliche Entwicklung aus: daß die von Menschen gemachten Maschinen so lange weiterentwickelt werden, bis sie sich eines Tages selber machen und den Menschen nicht mehr brauchen. Sie werden sich nicht darum bemühen, ihn zu ersetzen. Warum auch? Was sollten sie von einer Feindschaft zum Menschen haben? Sie müssen sich nicht mal davor in Acht nehmen, daß vielleicht eine neue Maschinenstürmerei anhebt, da sie dann längst auch die Organisierung von Revolten kontrollieren und zudem den Menschen an Zahl überlegen sein werden. (Bisherige Aufstände dieser Art waren darin begründet, daß eine Maschine viele Menschen aussortierte, also hatten die Zerstörer den Vorteil, in der Überzahl zu sein – und haben dennoch auch diese Vorkämpfe schon verloren.) In der Zukunft der elektronisch-digitalen Maschinen wird es Menschen noch geben oder nicht mehr geben. Wen kümmert's?
Elektronische Soundinstallationen, welcher Art auch immer, liefern die Tonspur zu etwas, was nicht zu Ende gedacht ist. Anders ausgedrückt: es gibt auf dieser Documenta Künstler und Kunstwerke, die sind ihren eigenen Ideen und ihrem eigenen Material nicht gewachsen. Sie verkennen die dem Material eingeschriebenen Gesetzmäßigkeiten.
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Ab und an werfen wir einen Blick in das Gästebuch, das bei den weißen militärähnlichen Kunstklamotten (deren Innenfutter zudem aus jenem Material besteht, mit dem Banken ihre Briefumschläge gegen Durchleuchtung sichern) von Seth Price im SinnLeffers ausliegt und auf Kommentare von documenta- und Kaufhausbesuchern wartet. Einer der letzten Einträge lautet wie folgt: »Es ist wie das ein Bösermann die Erde beherrscht, der dumm ist! Das ist kein Leben! Sondern Dunkel!«
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Tag 45 / 23.07.12 / 11:00 - 15:00 Uhr
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Wer von den Künstlern wußte, als er sein Werk begann, an welcher Stelle der documenta dieses Werk zu sehen sein wird? In welchem Umfeld? Bezugssystem? Kräfteverhältnis? Wie die Werke der Künstler in direkter Nachbarschaft aussehen werden? Wollte er es wissen? Immerhin: möglicherweise könnte durch die angrenzenden Arbeiten der anderen die Aussage des eigenen Werkes relativiert, lächerlich gemacht, verstärkt, falsch betont, in Frage oder gar auf den Kopf gestellt werden. Und: hat oder hätte dieses Wissen einen Einfluß gehabt auf seine Arbeit? Wäre sein Werk dadurch ein anderes geworden?
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Im Astronomisch-Physikalischen Kabinett in der Orangerie gibt es ein Foucault'sches Pendel zu bestaunen. Hier wird die Frage ausgependelt: Warum dreht sich die Welt um Kassel? Die Antwort kann man auf einer Tafel an der Wand nachlesen. Die Documenta ist dort nicht als Grund genannt.
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Sie: Zwanzig Euro pro Tag, und auch noch mal zwei, ganz schön happig.
Er: Du warst diejenige, die unbedingt hierher wollte. Aber wo du schon happig sagst, wir können ja stattdessen echte nordhessische Ahle Worscht kaufen.
Sie: Du weißt doch, daß du abnehmen sollst. Dein Kardiologe ist nicht dein Feind.
Er: Ja ja, ist ja schon gut. Wir haben jetzt 11 und könnten es doch so machen: wir latschen ein paar Stunden durch die Karlsaue, da soll viel rumstehen und nichts kosten, und wenn es uns gefällt, kaufen wir die Eintrittskarten für die Museen. Ab 17 Uhr wollen sie nur noch den halben Preis, und ...
Sie: Und wenn sie heute eine Bombe finden? Dann sind wir aufgeschmissen.
Er: Wie kommst du denn jetzt auf eine Bombe!?!
Sie: Das passiert hier doch öfters, bei der Geschichte der Stadt ist das ja auch nicht verwunderlich.
Er: Das hast du wohl aus dem neuen Merian?
Sie: In den alten von früher stand das auch schon drin. Könntest du selber wissen, wenn du mehr lesen würdest.
Er: Das blüht mir sowieso, wenn ich mich doch noch mit diesen Kardiologen und seinem Schonungsgerede anfreunde. Und warum sollen sie denn ausgerechnet heute auf eine Bombe stoßen.
Sie: Weißt du's? Aber vielleicht sind sie hier ja daran gewöhnt und machen nicht viel Aufhebens von so ein paar Überbleibseln aus dem Krieg.
Er: Ich glaube nicht an Bomben. Und du glaubst auch mehr an die Kunst als an Bomben.
Sie: Komischer Vergleich.
Er: Ich mein' ja bloß. Und außerdem nicht komischer als deine Befürchtung.
Sie: Und was machen wir jetzt?
Er: Wir tun einfach so, als würden sie heute keine Bombe finden.
Sie: Blödmann!
Er: Soll ich mich jetzt schonen, oder laufen wir rum?
Sie: Wir laufen.
Er: Gut ... aber wenn wir jetzt stundenlang rumlaufen, werd ich bestimmt abnehmen, und dann wird's auch noch billiger. Da können wir ja heut abend, bevor wir nach Hause fahren, zur Belohnung doch noch die Würste mitnehmen.
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Tag 44 / 22.07.12 / 14:00 - 18:00 Uhr
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Sie tragen es um den Hals geschlungen, ins Haar gebunden, ums Handgelenk gewickelt, als Schärpe quer über der Brust, als Gürtel, als Schleife, einem hängt es als schlapper Schwanzersatz aus der hinteren Hosentasche: das waldgrüne Seidentuch weist die Wächter der Kunstwerke als documenta-Personal aus. Fünfzig Euro, hieß es in der hiesigen "Zeitung", hätten sie als Pfand dafür hinterlegen müssen. Die Tuchträgerin vor dem Kaskade-Kino tut das als Unsinn ab. "Ich habe nichts hinterlegt." Der Wächter vor der Time/Bank-Hütte wendet sich auf die Frage nach den angeblichen fünfzig Euro wortlos ab, er hat dazu nichts zu sagen. Die junge Frau, die die Leiter von Natascha Sadr Haghighian bewacht, sagt wenigstens, daß sie dazu nichts sagt: "Ich sag dazu nichts. Wenn das schon in der Presse stand, bin ich extrem vorsichtig." Der Junge vor Lea Porsagers 'Anationalem Kongress der vielbrüstigen Monstrosität' trägt erst gar kein grünes Tuch: "Ich sag mal so: die sind noch nicht auf mich zugekommen, aber ich könnt' mir vorstellen, daß man dann dafür was hinterlegen muß." Warum so viel Geheimnis und Durcheinander. Die Sache ist klar und einfach, wenn man den richtigen fragt: der steht in diesem Fall vor der documenta-Halle. "Nein, wir mußten nichts hinterlegen. Aber wenn wir das Tuch verlieren oder beschädigen oder wenn es sonstwie verschwindet, wird es uns vom Lohn abgezogen."
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Ida Applebroog: »All stories are one story; only the telling differs.« Vielleicht gibt es doch 3 Arten von Geschichten (zumindest für uns von der christlichen Seefahrt geprägten Selbstbespiegler): die eine bestätigt die Verbindlichkeit der zehn Gebote, die befolgt werden müssen, einfach deshalb, weil sie da sind, die andere widerspricht den zehn Geboten, weil es menschenunmöglich ist, sie zu befolgen, und die dritte schreibt alle Versionen von Verrücktheit auf, die sich angesammelt haben, weil man aus dem Dilemma der zehn Gebote nicht rauskommt. »To find a form that accommodates the shit in my head.« Was in Menschen geschieht, ist nicht das, was zwischen ihnen geschieht. Aus intellektuellen Kurzschlüssen sprühen Funken, aus emotionalen entstehen Schwelbrände. Die Blitze des Denkens schlagen ins Gefühl ein, die Blitze des Traums in die Vernunft. »I'll kick down theirs walls / I'll burn down their supermarkets / I'll ban churches / I'll assimilate all their shit / I'll find it amusing / I'll be a nobody from the Bronx who made it«.
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Tag 43 / 21.07.12 / 14:00 - 17:00 Uhr
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Kindliche Phantasien. Hoffnungen. Hirngespinste. Befürchtungen. Entrücktheiten. Märchen. Visionen. Beschwichtigungen. Rituale. Träume. Fauler Zauber. Verheißungen. Ängste. Utopien. Aberglauben. Illusionen. Verbrämungen. Passionen. Magisches Denken. Bestürzungen. Phantasmen. Nostalgien. Unsicherheiten. Fiktionen. Beschwörungen. Wahnvorstellungen. Phobien. Seligkeiten. Imaginationen. Trugbilder. Sehnsüchte. Schrecken. Mystifikationen.
Glauben die Künstler hier, wider besseres Wissen, an die Möglichkeit einer besseren Welt?
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Die 'Leaves of Grass' von Geoffrey Farmer in der Neuen Galerie sind etwa 30 Meter lang, die Besucherreihe, die sich jeden Tag vor dem Zugang bildet, wächst mitunter bis zur selben Länge an ... und ein paar Räume weiter gibt es eine Wand, die in Blau anfängt und nach der Ecke in Rot endet. Vor dieser Wand wartet keine Menschenschlange, man braucht nur zwei Blicke und hat's erfasst, bei 'Leaves of Grass' braucht man zwanzigtausend, und das dauert. In dieser monumentalen Bilderinflation haust ein anderer Tod als der im Rechten Winkel des Farbsprungs.
Die 30 Meter haben ihren Sinn in der Gesamtkonstruktion: so leicht wird man das 20. Jahrhundert nicht los, dass auch 2 Meter gereicht hätten. Hier ist alle Innerlichkeit zerschlagen, und die einst mit ihr verschwisterte Geborgenheit geht unter in der Flut der Massen-Bilder, die nichts mehr transportiert als die Leichen des Mythos vom besseren Leben als dem eigenen. Glanzvolle Leere des Massendaseins. Nichts ist so lebensfremd wie das prall sich ausstellende highlife der Illustrierten 'Life'. Die, dem Surrealismus geschuldete, gigantische Montage wirkt wie eine endlos hingezogene Schlachtbank in den lärmenden Industriehallen einer Tierfleisch verarbeitenden Fabrik. Bild für Bild, ausgeschnitten, aufgeklebt, zusammengesetzt, erscheint die Arbeit als kaum ermeßbare Anstrengung, letzte Ehrerbietung ans sterbende Handwerk des Künstlers, das hier kein Kunsthandwerk ist, denn das Ergebnis löscht folgerichtig die Einzelbilder aus. Auch aus dem Gedächtnis. Am Dschungel erinnert man nur die Masse der Pflanzen, durch die man (s)einen Weg bahnen mußte, nicht jeden Stengel, jedes Blatt, jede Blüte, die man beiseite geschoben oder gekappt hat, für sich. 'Leaves of Grass' ist noch der Dschungel, halb-nostalgischer Abschied (ohne Distanzierung) eines mit Illustrierten Erzogenen vom gefälschten Leben. Der Mythos des 20. Jahrhunderts versinkt in seiner eigenen Ikonodulie, und keine Machete weit und breit, die das noch lichten könnte.
Im Internet ist aus der Flut, die im oberen Teil der Ströme geschieht, eine Überschwemmung geworden, die das gesamte Delta erfasst und alles unter sich begräbt, was noch an Restleben sichtbar, aber nicht abbildbar war. Es hat für das inzwischen angebrochene 21. Jahrhundert eine andere Losung parat: Geschichte einfach vergessen und so verfahren, als hätte man gerade neu angefangen – in jenem legendären "Boot", in dem angeblich "alle sitzen", und man braucht nur eine zwar technisch optimierte, aber inhaltsleere Navigation, um den rechten Weg zu finden. Es bleibt ein bewußtloses Weitermachen,was sich überdeutlich offenbart in dem trotzig vorgetragenen Glaubensbekenntnis, das Internet sei das neue Naturgesetz, das alle vorherigen erledigt. Das gleichgeschaltete Weltwissen verbreitet das nichtig gewordene Einzelbild wie Inflations-Banknoten, auf denen Beträge erscheinen, die mit unzählbaren Nullen sich zu ungeheuren Besitztümern hochfälschen und dadurch nichts anderes bezeugen als ihre eigene Wertlosigkeit. Das, was man in verlorengegangener Lebenserfahrung "über seine Verhältnisse leben" nannte.
Die Bilder des 20. Jahrhundert haben über ihre Verhältnisse gelebt, aber sie hatten hin und wieder das, zumeist unverdiente, Glück, auf ernsthafte Adressaten / Betrachter zu treffen, das ist am Kunstwerk von Geoffrey Farmer zu erkennen. Die des 21. fließen in einem algorithmisierten verbraucherfreundlichen Sonderangebot zusammen, das unterschiedlos alle zum Adressaten macht und deshalb keinen ernsthaften Einzelbetrachter mehr braucht. Ein wenig vielleicht erklärt das die offenbar starke Anziehungskraft dieses Bilder-Urwalds auf das geduldig sich in die Wartereihe eingliedernde Publikum. So einen Wald mit Ur-Bildern vom Wildwuchs des Lebens wird es nie wieder geben.
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Tag 42 / 20.07.12 / 17:00 - 18:30 Uhr
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Die Leiter war schon auf einem Foto zu sehen: die Leiter gehört also dazu. Sie ist der Anfang eines steilen Pfades den Rosenhang (der an dieser Stelle offiziell schon Schöne Aussicht heißt) hinunter in die Aue. Oder das Ende: man kann (falls man die Lücke im Dickicht findet) auch unten in der Aue beginnen und sich nach oben durcharbeiten. Begleitet von menschlichen Stimmen, die rings aus den Gebüschen kommen und Tiergeräusche nachahmen. Ziegen, Katzen, Hühner, Hunde, bei einigen Geräuschen bleibt das Viech ein Rätsel. Das klingt dann wie ein im Hals steckengebliebenes Hustenbonbon, das doch noch heraus soll. Oder nach "koitaler Ekstase" (ein Ausdruck, den T.C.Boyle in 'Zähne und Klauen' verwendet). Vielleicht ist da der Dialekt doch zu dick aufgetragen: die Tierlaute werden nämlich »in den vielen in Kassel gesprochenen Sprachen« wiedergegeben. Heißt es. Nur: wer kann die schon identifizieren. Welcher Besucher (er muß gar nicht aus Leicester sein oder aus Savigno. Oder Cotignac) kann ein Rothenditmolder Miau von einem Harleshäuser Miau unterscheiden? Darüberhinaus ist an der ganzen Sache was faul. Oder kräht ein Hahn aus Wahlershausen etwa anders als ein Hahn aus Wehlheiden? Doch ein Mensch aus Wahlershausen macht unter Umständen einen Hahn anders nach als ein Mensch aus Wehlheiden das tun würde.
"Was soll ich gehört haben?" sagt ein Mann nach der Kraxelei oben an der Leiter ungnädig, nachdem ihm das Kunstwerk erklärt worden ist: er hat die Tierstimmen und erst recht die Dialekte gar nicht mitgekriegt, er war zu sehr damit beschäftigt, auf dem abschüssigen Pfad nicht auf die Schnauze zu fallen. "Soll das ein Gag sein?" Gut möglich.
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Die aus den Regalen gewischten, auf den Boden gepurzelten Bücher in der Stadtbücherei gehören den Abteilungen Wirtschaft und Jura an. Das glaubten wir, weil es so aussah. Aber falsch lagen wir, die Bücher sind gar nicht aus diesen Regal sondern irgendwoher und einfach dort abgeladen. Die Titel, die Stelle, die Zahl – alles Zufall. Und die flächige und räumliche Struktur der gefallenen Bücher als unstrukturierter Haufen von rechteckigen Objekten, sozusagen? Auch das sei vom Zufall gemacht, sagen die Büchereiangestellten, habe der Matias Faldbakken gesagt.
Kann man dem Zufall ein "machen" zugestehen? Und wenn das, was der Zufall hier gemacht hat, verändert wird, was ist es dann? Es wurde verändert, als vor wenigen Wochen ein paar Kinder unbemerkt angefangen haben, die herumliegenden Bücher zu Stapeln zu ordnen, und danach irgendwer die Stapel wieder umgeschmissen hat, nicht der Künstler, der war nicht mehr da, also umschmeißen mußte im Sinne des Künstler. Und ist diesem "irgendwer" eine Zufall eigen, der sich vom ursprünglichen Zufall des Künstlers unterscheidet? Fragen über Fragen.
Da springt dich die ganze komplizierte Welt der Zufalls-Philosophie an, und es sind doch bloß ein paar auf den Boden gewürfelte Bücher, ein wirrer Haufen, was dir, ärgerlicherweise, schon oft genug als Mißgeschick beim Wohnungswechsel passiert ist. Mit der Nase drauf stoßen, aufs Leben, das tut sie, aber erleichtern tut sie es einem nicht, die Kunst.
Wenn man es anders haben will, kann man auch eine, erlernbare, Kunstsprache in sie hineintreiben, sehr weit und tief, wie einen Stollen in einen Wörterberg, an dessen Ende die Versprechen des Sprachgolds eingelöst werden. Zum Beispiel so: »... indem er die Bestandteile einer kategorisierten Bibliothek als Zeichen einer Abwesenheit in räumliche Unordnung versetzt, die einen breiteren und schlau verschlüsselten Diskurs über Verlust und Katastrophen ankündigt. Faldbakken dient diese gewaltsame Neuordnung dazu, ein Feld des Nichtseins und, das ist wesentlich, des Ohne-Arbeit-Seins einzurichten, wodurch das Buch über sich hinaus- und einer anderen Bedeutung entgegenwächst, die als verständliche und lesbare noch der Zukunft angehört.« Diese Sprache ist ausbaufähig und abbaufähig, und mit dem Anschwellen der Goldadern nimmt immer auch die Beflissenheit der Tiefschürferei zu. Wenn lange Artikel in Ausstellungskatalogen und Kunstzeitschriften daraus werden und endlich irgendwann auch mal ein Buch, oder zwei, beginnt manchmal ein Umkehrprozeß. Die eingesetzte Begrifflichkeit möchte sich bändigen und sucht lange und gründlich nach der treffenden Metapher. Dann werden die begleitenden Texte wieder kürzer. Alles steuert nun auf Einfachheit zu: drei, vier ebenso klare wie kurze Aussagesätze. Wenn es da angekommen ist, kann man vollkommen sicher sein: der, dem solche Sätze zuteil werden, ist garantiert ein ganz Großer, einer von denen, die es mit den Geistern des Rationalen wie des Irrationalen gleichermaßen aufnehmen.
Zwei Amerikanerinnen, die den Bücherhaufen great fanden, wollten wissen, was auf den beiden Schildern steht, zwischen denen der Lesestoff wie ein papierner Abklatsch des Schrotthaufens hinterm Bahnhof hingerichtet lag; wir haben's ihnen verraten: economy and law. Jetzt fanden sie es noch greater und waren endgültig überzeugt, daß hier ein echtes Kunstwerk vor ihnen (und uns) auf dem Boden verstreut lag. Das Zufalls-Gespräch, das wir anschließend mit den hinter den Kategorisierungs-Computern sitzenden städtischen Bediensteten führten, haben sie schon nicht mehr mitgekriegt. Sie hatten das Beste gesehen, das Kunstwerk, warum hätten sie sich auch noch das Zweitbeste, das Gerede, das mit great ja schon erledigt war, übersetzen lassen sollen. Sie trauen dem Zufall ohnehin nicht, Zufälle gibt es nicht in der durchorganisierten neuen Welt, außer in der noch immer wilden Natur zwischen den zahllosen Millionenstädten, deren Bewohner sich vor den Zufallsgewalten fürchten, in denen die Natur das Sagen hat, während in der Kunst der Mensch das Sagen hat, außer bei dem alten Navajo im Monument Valley, den sie in einer Künstlerporträt-Serie im Fernsehen gesehen haben und der den Geistern wohl Achtung und Gaben entbietet, aber trotzdem nicht vor ihnen sicher ist. In der undurchsichtigen alten Welt dagegen wimmelt es nur so von Zufällen, bezeichnenderweise vor allem zwischen den undurchsichtigen Menschen, deshalb hat es hier auch so viel mehr Kunst als zuhause, und dann auch noch in so kleinen Städten. Great experience.
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Tag 41 / 19.07.12 / 17:00 - 18:30 Uhr
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"Passen Sie auf", sagt der Wächter, bevor man die Holzhütte Nr. 22 betritt, "da, auf dem Boden, daß Sie nicht stolpern." Nicht stolpern: über die 18 silbernen Kegel, die auf den Dielen befestigt sind, oder die 3 Holzeier oder das Gelege spitz zulaufender Holzovale: und wenn man um das alles erfolgreich herumbalanciert ist, liegt da immer noch ein Bündel Metallstangen.
"Sie wissen auch nichts darüber, oder?" wollen zwei ratlose Besucherinnen von dem Wächter wissen.
"Nee", wehrt der ab, panisch fast, ohne sie anzusehen: das 'Anatta Experiment' bereitet ihm sichtlich Unbehagen, er würde lieber auf die Dali-Uhr aufpassen, auch wenn die niemanden zum Aufpassen braucht. Aber das hier, stark weiblich mit all diesen Eiformen, mit Wörtern wie Thought and Fire Elementals an der Wand, Sozialutopie und Seelenreform und, am schlimmsten von allem, die Brüste der Weisheit. Die kann man dann, etwas weiter rechts von den Begriffen, in Aktion erleben: in einem stummen Video glitschen gut eingeölte nackte Frauenkörper wie Seehunde übereinander. Angestarrt von einem ältlichen Besucher (dem einzigen Mann in der Hütte, der Wächter bleibt, trotz des Nieselregens, lieber draußen), er steht steif an der Wand, die Hände in den Hosentaschen: daß sich zwei Besucherinnen neben ihn stellen, das mag er nicht. Aber was soll er machen: so unverdächtig kommt er so schnell nicht wieder zu einem so einschlägigen Filmchen, und ach, die Frauen im Video glitschen so schön. Zum Glück bleiben die Besucherinnen neben ihm nur kurz, "hast du", fragt die eine im Weggehn, "gesehn, ob der womöglich vorn in der Hose 'ne Beule hatte", "weiß nicht", sagt die andre, "aber ich hab ihn atmen gehört."
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"Geht's hier zu der Hütte, wo Segelboote in den Bäumen hängen?" – "Sie stehen davor." – "Aber hier hängen doch gar keine Segler, bloß ein schäbiges Ruderboot ist da oben!" – "Sie stehen trotzdem davor." – "Da bin ich wohl desinformiert worden."
In der Hütte von Shinro Ohtake ist von dem für Kassel imaginierten Tsunami alles durcheinandergerümpelt. Aber die elektrische Gitarre, alle Lämpchen und alle Bildschirme, besonders die Miniaturversionen funktionieren noch. Überleben gesichert.
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So lautet die Schrift an der Wand: »Die Quantentheorie ist von unglaublicher mathematischer Schönheit. Und sie ist unglaublich präzise und korrekt. Sie ist zentral für die moderne Hochtechnologie. Ihre Anwendungen treffen wir überall: Mobiltelefon, TV, Automobil, Kassen im Supermarkt, Augenoperationen ... «.
Bei soviel Unglaublichkeit in den Apparaturen von Anton Zeilinger sind es natürlich die drei Pünktchen, die besonderes Interesse wecken. Hat die Mathematik drei Pünktchen als Zeichen für etwas Funktionales in ihren Gleichungen? Vielleicht für die Anwendungen, die nicht wir treffen, sondern die uns treffen?
Es gibt kein Gift, keinen Waffenlärm, kein Blutvergießen in der Mathematik. Das macht sie zur reinsten aller Wissenschaften und damit zur nutzbarsten, anfälligsten für Anwendungen, an deren Ende umso mehr Gift, Waffenlärm und Blutvergießen steht.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 31 – 40)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 18. Juli 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 40 / 18.07.12 / 17:00 - 19:00 Uhr
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Die Einführung der Naturwissenschaften in den Kunstbereich, wie es diese Documenta beabsichtigt, könnte sich als fatal erweisen, fatal für die Kunst. Wenn man sich nur ein wenig um die Verantwortlichkeit dieser Naturwissenschaften für den Zustand der heutigen Welt kümmert, genauer gesagt: um die Zurückweisung bzw. Vernebelung dieser Verantwortung für die Folgen der Anwendung ihrer Ergebnisse / Zwischenergebnisse, dann ist es nicht weit zu der Schlußfolgerung, daß jede Kunst inzwischen harmlos geworden ist, da ihr utopisches Moment in der sie umgebenden Realität in Beliebigkeit versinkt.
Die derzeitigen Kriege, zum Beispiel die im nordafrikanischen, arabischen und vorderasiatischen Raum, sind nicht nur auf die Zufuhr von technologischen Neuerungen aus den Naturwissenschaften angewiesen, sie sind längst zugleich Testgebiete / Arbeitslabore für diese Wissenschaften geworden. Die von den Massenmedien vermittelte schöne heile Welt der Entdeckung des Higgs-Boson am idyllischen Genfer See singt die Hymne der Physik mit dem Refrain "Wir suchen die Bausteine des Mikrokosmos, und wir finden sie ...". In Enzensbergers Lied auf die fahndenden Detektoren ist aus dem Baustein ein »Phantom« geworden, das »die Welt (im Innersten) zusammenhält«. Phantome gehören schon beiden Welten an, der der Kunst und der der Physik. Auf die Verantwortungslosigkeit der Politik kann man noch mit Kunst antworten, auf die der Naturwissenschaften schon nicht mehr. Der Zusammenhalt im Innersten steht kurz vor seinem Ende. Da hilft es auch nicht, die Naturwissenschaften selbst zu einer "anderen" Kunst zu erheben.
Bisher haben Künstler (Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker etc.) auf den Errungenschaften ihrer Vorgänger aufgebaut und diese weiterentwickelt. Ganz anders die Wissenschaften, die seit je davon leben, die Ergebnisse ihrer Vorgänger zu widerlegen, zu annullieren. Jetzt übernimmt auch die Kunst diese Methode, die ein Moment der Trennung mit sich führt, das den heutigen Wissenschaften quasi natürlich ist, den Künsten eher nicht.
Das vorherige Weltwissen konnte sich auf die Kontinuität von Ursache und Wirkung und auf die Dialektik von Mythos und Wissenschaft verlassen. Bei Schelling kam die Kunst noch vor dem Wissen, sie ist da, wo das Wissen nicht hinreicht, und die Wissenschaft muß die Kunst erst einholen, um dorthin zu kommen, wo diese schon ist. Das heutige Weltwissen ist kanalisiert und arbeitet an der Fusion von dilettantischem Engagement und fachlicher Kompetenz, eine Fusion, die eine neue Philologie begründet. Die alte Aura der Kunst (die Aura der alten Kunst) war die Garantie für die Distanz zum Zweckmäßigen, die neue Kunst kennt den Unterschied von Autonomie und Praxis nicht mehr. Sie ist – in ihrer Aufhebung der Hierarchie zwischen Künstler und Publikum – demokratische Attitüde: wir sind genau so frei, wie wir wollen, das nehmen beide für sich in Anspruch. Was Gustav Metzger Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre in Manifesten noch als »Angriff auf kapitalistische Werte« fordern mußte, ist inzwischen zum Automatismus der Sache selbst geworden. Die Veränderung der Welt mit dem fusionierten Instrumentarium von Wissenschaften und Künsten hat die Weltveränderer längst überrundet. Aber die undurchschauten Zusammenhänge werden noch immer nicht angetastet. Außer bei Mark Lombardi, vielleicht. Der globalisierte Globus hat offenbar eine neue Weltreligion nötig, was demnächst sicher dazu führen wird, daß alle Beteiligten fieberhaft nach einem neuen Erlösungskonzept suchen. In der Kunst glaubt man zumindest das Konzept schon gefunden zu haben, aber die anvisierte Erlösung dürfte, wie schon zuvor, am Versuch der Integration von Geld, Polizei, Militär und anderen realen Phantomen der trügerischen Realität scheitern. Wahrscheinlich wird deshalb die privatisierte, in Sammlungsbewegungen sich entäußernde Obsession das Rennen machen.
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"Du, hat die da ihre Bluse nicht verkehrt 'rum an?"
"Wer weiß, wie sie heut früh aufgewacht ist. Oder wo. Und im Eifer des Gefechts kann das schon mal passieren."
"Du meinst, das war 'n Versehen? Auf der documenta? Glaub ich kaum. Das war Absicht. Das ist 'ne Aussage."
"Was soll denn 'ne verkehrt herume Bluse für 'ne Aussage sein?"
"Was weiß ich? Ich hab ja nicht mal 'ne Bluse."
"Aber überall gleich Manifeste wittern!"
"Auf der documenta ist nicht überall. Da hat selbst das Niesen 'ne Bedeutung."
"So, wie du 'ne Meise hast."
"Aber meine Meise steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden."
"Glaubst du:"
"Weiß ich!"
"Dann hast du auf der documenta nix verloren. Die will nämlich vom Wissen nix wissen. Die sagt: ist alles Meinung und Irrtum. Die sagt: guck anders hin."
"Ganz schön schlau. Dann hätt' ich, wenn ich das getan hätte, ihr die verkehrt herume Bluse richtig 'rum auf den Leib geguckt."
"Und dieses Gespräch hätte nicht stattgefunden."
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Und in ihrem Roman 'Crash' schreibt Lorraine Adams: »Irgendetwas war irgendwo in irgendeinem Winkel irgendeiner Unendlichkeit verborgen.«
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Tag 39 / 17.07.12 / 17:30 - 2o:00 Uhr
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Auf Karteikarten hat Mark Lombardi die Zitate notiert, jetzt kann man sie nachlesen: in einem Raum im ersten Stock des Fridericianum, in dem auch Korbinian Aigners gezeichnete Äpfel hängen, postkartengroß, in einem Raum, in dem sich, außer dem Wächter, nur 15 Personen gleichzeitig aufhalten dürfen, in einem Raum, in dem das Kapital ein dichtes Muster feinster Spinnwebbögen über die gesamte Erde spannt. Sätze unter Glas, einer von Nikita Chruschtschow: »Politicians are always promising bridges, even when there are no rivers.« Einer, rudimentär, von Herbert Marcuse: »Philosophers are tools of ruling class.« Einer von Michel Leiris: »Nothing seems to me so like a whorehouse as a museum.«
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Und nochmal die in sich versunkene Stimme von Tammy Wynette und nebenan der umherrauschende Wind. Und noch immer derselbe Vorgang. Die Leute flüchten. Zu hören und zu fühlen gibt es hier, aber nichts zu betrachten. Kein Tiefsinn. Nur einige wenige Männer halten kurz Ausschau nach der Technik, die sich in beiden Räumen nicht zeigen will. Und weg sind sie. Die eine oder andere Frau gibt sich der Stimme für eine Weile hin, dem Wind schon nicht mehr. Einer der Männer zückt im Windraum seinen Photoapparat. Was wird er hier wohl photographieren? Man kommt schnell auf die Antwort, aber er ist schneller: er knipst seine Frau. Noch bevor sie sich aus ihrer Pose löst, ist er schon auf dem Weg hinaus.
... till I get it right ... so I'll just keep on ... till I get it right ... so I'll just keep on ... till I get it right ... Der Wind hat es besser als Tammy, er kann es übertreiben, aber falsch machen kann er es nicht. Er wird uns überleben. Natürlich nicht dieser Kunstwind hier, den macht eine Maschine, und der wird abends die Stromzufuhr abgedreht. Genau wie der Stimme.
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Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Woran erkennt man den Kunstwerkcharakter der technischen Apparaturen von Anton Zeilinger?
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Tag 38 / 16.07.12 / 17:30 - 20:00 Uhr
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Die Frau schiebt ihre im Rollstuhl sitzende behinderte Schwester vor die Wand, auf die Kader Attia neben sichtbar reparierten Objekten auch malträtierte Gesichter projizieren läßt: durch schwere Verletzungen, Operationen, Verstümmelungen und Mißbildungen vielfältig entstellte Geichter. Kaum hat die Frau begriffen, was sie da sieht, tritt sie hastig den Rückzug an. "Komm", sagt sie und treibt den Rollstuhl wie eine Waffe durch die Menge der Besucher, "wir gehen. Das ist nichts für dich."
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"Die Frage ist doch", gibt zwischen Bayrles betenden Motoren in der documenta-Halle ein Kunstliebhaber seiner offenkundigen Freundin zu bedenken, " wo wir jetzt noch Leberkäse herkriegen."
Nicht, daß es etwas damit zu tun hätte: aber Kurt Raab hat in einem von Fassbinders frühen Filmen ('Rio das Mortes'?), in dem er sowohl Schauspieler als auch für die Ausstattung verantwortlich war, wiederholt ausgerufen: "Wo soll ich denn jetzt noch Putten herkriegen!"
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Erstaunlich ist, wie Kunst die Kontakt- und Kommunikationsfreudigkeit der Leute befördert. Man kennt die Normalität der Museen, alle gehen stumm und unnahbar umher, auf das konzentriert, für dessen Anblick sie Eintritt bezahlt haben.Ganz anders auf dieser Documenta. Man kann sehen, wie viele körperlich auf das reagieren, was ihnen hier präsentiert wird. Drinnen und draußen. Gesichtsausdruck und Gestik ändern sich innerhalb von Zehntelsekunden, und die Bereitschaft, sich mitzuteilen, ist davon nicht abgekoppelt.
Das hat damit zu tun, daß man diesmal nicht mit Kunst überschüttet wird, bis man zugeschüttet ist, lebendig begraben unter einem Berg von Dingen, die man, eben weil sie einen begraben, als tote Dinge nur noch wahrnimmt. Die einzelnen Teile stehen für sich und fügen sich trotzdem zu etwas Kohärentem zusammen. Es gibt Brüche in dieser Kohärenz, aber keine Löcher, in die man hineinfallen könnte, ohne Chance, wieder hinaus zu finden. Es ist die Zusammenstellung, die eine andere Atmosphäre schafft. Diese d13 ist anders gedacht und anders gemacht, zum Vorteil des Publikums, ohne daß dies den Werken schadet. Das hier sind keine Angebote an Kunst sondern Auftritte der Kunst. Nicht alles bewirkt etwas in jedem Betrachter, nicht alles ist gegen Bedeutungslosigkeit gefeit, nicht alles ist ideologiebefreit, wie sollte es auch, aber es erzeugt in hohem Maße die Empfindung: das hier geht mich was an. Die Kunst wandert in die verborgenen Gelenke und Fugen der Wahrnehmung, wo sie die Beweglichkeit und Großzügigkeit eben dieser Wahrnehmung befördert.
Und diese veränderte Atmosphäre hat sogar konkrete Auswirkungen auf äußerliche Dinge, die von den Austrahlungen des von der Kunst ausgehenden Zaubers der temporär außer Kraft gesetzten Gleichgültigkeit profitieren. Nicht nur das Stadt-Bild lebt auf, befreit sich an vielen Stellen vom Immergleichen, es kommt auch ein anderer Ton durch. Die Stadt-Melodie akkumuliert Lebendigkeit und bildet täglich wechselnde Variationen.
Unbedarftheit, Neugier und Profitum sind noch immer getrennt, stehen einander aber nicht mehr feindlich gegenüber. Die Sachverständigen mögen die besseren Gesprächsteilnehmer sein, die Dilettanten sorgen dafür, daß sowohl die einheimische als auch die mitgebrachte Muffigkeit (Unlust gepaart mit den Reflexen der Überforderung), die in früheren Jahren dichter und schwerer in der Luft hing, sich diesmal verflüchtigt.
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Tag 37 / 15.07.12 / 16:00 - 18:00 Uhr
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Never-Mosque / Nie Realisierte Moschee. Unten ideale Räume von und für Walid Raad. Im Stockwerk darüber ein 16-mm-Stummfilm von 13 Minuten Länge in SchwarzWeiß, der als Endlosschleife mit einem ratternden Projektor vorgeführt wird. Was der Film mit den »vier zentralen Positionen, die vier möglichen Bedingungen entsprechen, unter denen Menschen, und insbesondere Künstler und Denker, heute agieren« zu tun hat – auf der Bühne / unter Belagerung / im Zustand der Hoffnung / auf dem Rückzug – wir müssen eingestehen, daß es uns entgangen ist.
Im Raum nebenan (man muß aus dem erste Gebäudeteil wieder raus und zum übernächsten Tor wieder rein und dort nochmal die Entrittskarte vorzeigen) die Notizbücher von Ayreen Anastas und Rene Gabri in verschlungener winziger Schrift und mit verschlungen endlosen Wortkaskaden, von denen was (?) ... bleibt (?). Der Anblick der Notizbücher (unter Glas) erzeugt Bewunderung. Was darin geschrieben steht: wer soll das alles entziffern?
Dokumente des Aufbruchs von Künstlern nach Jahrzehnte andauernden Katastrophen und ihr Widerstand gegen deren Folgen. Ayreen Anastas, Rene Gabri, Walid Raad, Akram Zaatari. Geboren in der orientalischen Welt – verzogen ins nicht mal mehr okzidentale New York (außer Z.). Und: wieder ein Videofilm, der die Verbindung zu den Aufbrüchen der 60er Jahre herstellt.
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Dass Kunst zum Zeitvertreib für die Kunstkäufer geworden ist und inzwischen schon wie eine moralische Entlastung der anderswo gemachten Vermögen funktioniert, läßt sich nicht wegdiskutieren. Das Gegenargument lautet: Kunstgeschichte und Kunstmarktaktivitäten sind nicht dasselbe. Das mag so sein, aber warum muss man dann diesen Abstand so betonen? Der Kunstmarkt kennt (und nutzt) die Kunstgeschichte, die Kunstgeschichte nimmt keine Kenntnis vom Kunstmarkt. Das verbindet sie auf höchst seltsame Weise. Der Markt kommt in den Seminaren und Publikationen der Kunsthistoriker nicht vor. Man könnte den Akademikern daraus einen Strick drehen, ihre Ignoranz gegenüber dem Markt verschleiert den Markt. Aber was ist dieser Markt? Ist es tatsächlich nur ein Kunstmarkt? Der Spielzeugladen der Reichen und Superreichen der Erde? Oder ist der neue Kunstmarkt eine Investitionsstrategie, um globale Netzwerke per Internet aufzubauen, die auf Monopolisierung ausgerichtet sind? Woher kommt das Geld, vom dem dieser Markt lebt? Wer kontrolliert diesen Markt, oder besser: wer will diesen Markt in Zukunft kontrollieren? Und warum? Kunstmarkt ist, ganz unabhängig von der gehandelten Ware, Ökonomie – unterliegt den derzeit gültigen und allerorten praktizierten Gesetzen der Ökonomie. Man hat herausgefunden, daß die Welt in den Besitz einer immer kleiner werdenden Zahl von Firmen übergeht. Gibt es folglich auf dem Kunstmarkt dieselbe Tendenz?
Was auf dem Kunstmarkt derzeit läuft und wie dieser Markt in die Kunstproduktion eingreift, ist nicht nur aus der Gegenwartsgeschichtsschreibung der Kunst eliminiert, sondern wird auch von Künstlern kaum je thematisiert. Walid Raad ist eine große Aussnahme. Er hat dazu eine riesige Wand gestaltet und seine Erläuterungen, die er in einigen Führungen in der 'Never-Mosque' vor einem auf jeweils 50 Personen begrenzten Publikum gibt, sind mehr als nur aufschlussreich. Was ist "APT" (Artist Pension Trust)? Und wer oder was steht hinter der auf den britischen Virgin Islands registrierten Firma "MutualArt"? Was haben technologische Neuerungen auf dem Gebiet der Statistik, was haben Risikomanagementkonzepte im globalen Finanzwesen, was haben Überlegungen zur Etablierung alternativer Vermögenswerte, was hat der Kulturtourismus als Motor ökonomischen Wachstums, was haben Datengewinnungsalgorithmen und Gesichtserkennungsalgorithmen und was haben High-Tech-Firmen für die Bereitstellung von Geheimdienst- und Militärtechnologie mit der Produktion, Ansammlung und Distribution von Kunstwerken zu tun? Der mündliche Vortrag von Walid Raad – zumindest zwei der sechs Teilabschnitte – zu seiner Gesamt-Installation mit dem Titel 'An Dingen kratzen, die ich leugnen könnte' ist eine der größten Sensationen dieser Documenta. Die ersten persönlichen Führungen sind vorbei und werden nur an einigen Tagen im September nochmal wiederholt.
Die den globalen Künsten und Kulturen gewidmete, zu Abu Dhabi gehörende Insel Saadiyat steht kurz vor ihrem Aufstieg zu Weltrang. Foster & Partners bauen ein Nationalmuseum, Frank Gehry baut ein Guggenheim, Zaha Hadid ein Performing Arts Centre und Jean Nouvel ein Kunstmuseum in Kooperation mit dem Louvre. Was in kürzlich vergangenen Jahrzehnten im arabischen Raum an Kunstmarktaktivität begonnen hat und sich in den kommenden Jahrzehnten zu einer gigantischen Aneignungs- und Propaganda-Maschinerie ausweiten wird, ist den traditionell westlichen Kunstgeschichtlern völlig unbekannt. Das alte, sich immer wieder erneuernde Geld der Kunst sitzt in New York und London. Das neue Geld vermutet man in China bzw. Russland. Das ganz neue Geld der Kunst wird in den Vereinigten Arabischen Emiraten seine Heimat haben und für große Überraschungen sorgen.
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"Ich glaub' nicht, daß das Kunst ist, weil: ich versteh's doch."
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Tag 36 / 14.07.12 / 14:00 - 18:00 Uhr
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"Nee, hier geht's nicht rein, das ist das Klo."
"Ich glaub, das soll aber der Eingang zur Ausstellung sein."
"Hast du nicht gesehn, daß da grad einer rausgekommen ist, der hat sich am Reißverschluß rumgemacht?"
"Aber hier hinten geht's nicht weiter, da ist nur ein Hof. Und sonst gibt's keine Tür. Das Klo muß der Eingang sein."
"Hier, na bitte, was ich gesagt hab: ein Klo."
"Und das ist trotzdem der Eingang."
Kein Widerspruch auf der documenta.
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... und dann finden sich selbst in Büchern, die meilenweit von der documenta entfernt sind, Hinweise auf Werke, die sich perfekt in die documenta eingefügt hätten. In Paul Austers Roman 'Sunset Park' gibt es einen Entrümpler, der in meist zwangsgeräumten Häusern das fotografiert, was die Menschen zurückgelassen haben: aufgegebene Dinge. »Bücher, Schuhe und Ölgemälde, Klaviere und Toaster, Puppen, Teegeschirr und schmutzige Socken, Fernseher und Brettspiele, Partykleider und Tennisschläger, Sofas, Seidendessous, Fugenspritzen, Reißzwecken, Plastikmonster, Lippenstifte, Gewehre, ausgebleichte Matratzen, Messer und Gabeln, eine Briefmarkensammlung und ein toter Kanarienvogel am Boden seines Käfigs.« Gäbe es doch auf dieser (an Fotos im übrigen sehr armen) Kunstschau eine zusätzliche Hütte in der Karlsaue, eine verwohnte Hütte, vielleicht, verdreckt, verwahrlost, ramponiert: und an den Wänden solche Bilder, wie Paul Austers Entrümpler sie aufgenommen hat.
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Ein neues Wort, das wir hier gelernt haben. Es bezieht sich auf Recherchen im Internet, die ja stets mit "to google" beginnen. Wenn man loslegt mit dem "googeln" und immer tiefer sich ins Netz der Allwissenheits-Spinne verstrickt, bis man schließlich mitten in den Schrecken der Welt gelandet ist und immer anfälliger wird für Verschwörungstheorien, Horrorszenarien und Weltuntergangsphantasien, wenn man also richtig aus dem Vollen schöpft in der großen world wide paranoia, dann ist einem das zugestoßen, was ein Amerikaner mit selbstironischen Anwandlungen und in Hörweite zu uns so ausdrückte: "Maybe I overgoogled the whole thing."
Vielleicht sagt demnächst ein deutscher Student, der entweder mit leeren Händen oder mit einem 500-Seiten-Packen als Seminararbeit vor seinen Professor tritt: "Mir ist da was passiert, ich fürchte, ich habe die ganze Sache totgegoogelt."
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Tag 35 / 13.07.12 / 14:30 - 15:30 Uhr
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Was der Kunsttheoretiker tut: er macht aus dem Kunstwerk einen Fall. Wäre es autonom, wäre es nicht zu (er)fassen. Der Theoretiker grenzt es ein, macht es zu einem Fall von Kunst.
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Nach 20 Uhr werden sie abgeschaltet, die Kunstwerke, die unter Strom stehen: Massimo Bartolinis Welle kommt zum Erliegen, William Kentridges Elephant hört auf zu atmen, Ryan Ganders Wind weht nicht mehr, Ceal Floyers hypnotische Musikschleife: weiterzumachen, bis man's richtig hinkriegt, verstummt genauso wie die lebenssprühende Atmosphäre in der roten Hütte, und in einem anderen Pavillon in der Aue wird der Kreis nicht länger von Attila Csörgö quadriert. Alles unendlich schade. Es wäre soviel großartiger, würden die Installationen weiterlaufen: ungesehen, ungehört, von keiner Menschenseele behelligt, nur vor sich hin und ganz für sich. Über jeden Zweck erhaben.
Für Tristanoil, den 2400 Stunden langen Film von Nanni Balestrini im Kulturbahnhof gilt das nicht, im Gegenteil: er muß laufen, ununterbrochen, Tag und Nacht, die ganzen 100 Tage hindurch: sonst schafft er es nicht, bis die documenta zuende ist, fertig zu sein.
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Dass Freud dem Traum die Freiheit nahm, schreibt Durs Grünbein (im 65. Band der documenta-Reihe '100 Notizen - 100 Gedanken'): soweit einverstanden. Aber: »die Freiheit der von nichts und niemanden (auch nicht von dem in sein Begehren verstrickten Ich) abhängigen Imagination«? Wie entsteht Imagination im blutleeren Raum? Im geistleeren? Und wer kann schon die Träume eines anderen träumen?
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Den Künstler bringt Leidenschaft, Überwältigung zum Arbeiten, der Betrachter kann es höchstens zur Begeisterung schaffen. Das ist ein schweres Problem, nicht aus der Welt zu schaffen. Es gibt keine Nähe zwischen dem kreativen Akt und dem Beifall, der ihm gewährt wird und den er selbst erzeugt. Es sei denn, das Kunstwerk ist im Willen zur Kunst steckengeblieben. Durch seine Unzulänglichkeit macht es den Betrachter zum Kritiker, und der Kritiker mit Hang zur Kunst ist dem Kreativen mit Kunstwillen meistens überlegen.
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Tag 34 / 12.07.12 / 11:00 - 15:30 Uhr
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Es gibt einen Sonder-Bus-Service der Documenta, damit man vom Vorplatz des alten Hauptbahnhofs die weit auseinanderliegenden Standorte schneller erreichen kann. Wir benutzen den Bus sehr oft. Auf einer der Fahrten haben wir ein Spiel gestartet: wieviele Bratwurstbuden (oder sonstige Schnellimbissvarianten) liegen am Weg? An manchen Teilstrecken schafft man es nicht, sie zu zählen, es sind zu viele, und der Bus fährt einfach zu schnell. Einen Namen, der eigentlich naheliegt, haben wir nicht entdeckt – und mußten ihn erfinden: BRATART.
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Zur Theorie der sich verkaufenden Kunst ––– Im Bekleidungskaufhaus SinnLeffers (direkt neben dem Fridericianum) kann man die heutigen Soldatenuniformen nachgearbeitete Kollektion von Seth Price & Tim Hamilton kaufen und sich dabei von documentainstallierter Musik berieseln lassen. Ein Gästebuch liegt aus, in dem jeder, der möchte, seinen Kommentar abliefern darf. Ein Eintrag darin lautet: "Wenn ich's mir nur leisten könnte!" Der neueste jetzt: "Endlich gibt es Sinn bei Leffers." Nachdem der Regen draußen aufgehört hatte und wir keinen weiteren Zeitvertreib mehr brauchten, sind wir gegangen.
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Zur Theorie der unsichtbaren Kunst ––– »Wie gerne hätte ich noch einen aufgeplatzten, grau verwitterten Tennisball gefunden. Doch leider war mir dieses Glück nicht beschieden.« (Remco Campert)
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Zur Theorie der im eigenen Saft schmorenden Kunst ––– »Ich kenne welche, die das Bratwürstchen nur als Vorwand nehmen, um Senf zu essen, und ich gehöre manchmal dazu. Man kann sagen, irgend etwas ist an solchen Leuten daneben gegangen. An mir zum Beispiel, daß ich derartige Neigungen – während guter Tage zumindest und mit extrascharfem Senf – für philosophische Denkfiguren nehme. Denken ist mir so kreatürlich wie essen. Und die offensichtlich unvermeidbaren, sich immer wieder aufs Neue einstellenden unverdaulichen Reste? Einfach in die Ecke scheißen! Andererseits: es gibt so oft so viele miese Bratwürste und so miese Gedanken, dass man die eigenen und die fremden Senfe als Rettung dringend benötigt.« (Möchte anonym bleiben)
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Tag 33 / 11.07.12 / 14:00 - 15:30 Uhr
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Hier sind so viele Menschen, da geht die Kunst völlig unter.
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Die Zeit steht auf einer anderen Uhr.
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Das gehört nicht zur documenta, das stand schon immer da.
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Mit den Sternen hab ich erst Probleme gekriegt, als ich mehr über Astrologie gelernt hab.
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Meinst du, ich muß jetzt auch vor Hundescheiße Respekt haben?
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Geh mal zu dem Nordafrikaner auf dem Königsplatz, da kriegste drei echt handbemalte Schüsseln für zehn Euro.
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Was ich seh, und was die wollen, daß ich seh, ist ganz selten dasselbe.
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Gibt es nichts Wichtigeres, als sich über die Bedeutung von Traubenkernen Gedanken zu machen?
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Ich könnte elf Eintrittskarten kaufen, so toll find ich die Ausstellung.
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Soll das jetzt schon der Porno von dieser Inderin sein?
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Ich glaube, das darf man nicht berühren.
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Tag 32 / 10.07.12 / 16:00 - 18:30 Uhr
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Zum Verständnis für das Unverständnis gegenüber der Kunst: Wir, die Menschen, sind stolz, laut und rücksichtslos, deshalb verstecken sich die Tiere vor uns – und viele Kunstwerke ebenso.
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Bei der planlos und munter vor sich hin sprießenden Vegetation auf Song Dongs Erdhügel schwirren weitaus mehr Schmetterlinge herum als bei der Garteninstallation von Kristina Buch, deren Pflanzen eben nach diesem Kriterium ausgesucht worden sind: Schmetterlinge anzulocken.
Und belegt das nicht die These: daß die Natur sich ihre eigenen Kunstwerke überzeugender zu schaffen vermag als der Mensch (der möglicherweise ein sehr mangelhaftes Produkt dieser Natur ist: alles glückt ihr halt auch nicht).
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Dieses Jahr ist eine in diesen Breitengraden mehr als ungewöhnliche Riesen-Variante des Löwenzahns aus dem Boden geschossen, mit Blättern, die einen halben Meter lang werden: wo kommen die so plötzlich her? In Marburg zuckt ein Biologe hilflos die Schultern. In Frankfurt sagt ein Rundfunkreporter fragend, Fukushima? In Hamburg gibt eine Fotografin die unbeherrschbaren Folgen von Gentechnologie zu bedenken. In Mannheim belehrt ein Gemüsehändler, es würden doch alleweil fremde Arten eingeschleppt.
»Respektieren Sie die Pflanzen«, stand überall auf Schildern im Park von Funchal, als Paul Bowles 1960 auf Madeira war.
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Er sagt, er sei zu langsam, und er sagt, seine Behinderung sei auch als Down Syndrom bekannt, und er sagt, außerdem würde sie als Trisomie 21 bezeichnet, was heißt, sagt er, daß er ein Chromosom mehr hätte als das Publikum. Und dann ist die Musik da und er legt los: und seine Unmittelbarkeit und Ausdruckskraft und Lebenslust dort oben auf der Leinwand des Kaskade-Kinos sind eine flammende Aufforderung zum Tanz.
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Und du glaubst, wegen dem bisschen Kunst hier fangen die Leute an, bessere Menschen zu werden.
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Tag 31 / 09.07.12 / 15:00 - 17:30 Uhr
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Am Rosenhang, der einen Panorama-Blick auf den Kasseler Zentralpark bietet, stehen zwei Holzhäuser. Nicht weit voneinander, außer Sichtweite zueinander. Der Rosenhang ist so etwas wie die Andeutung von Dschungel, einer mit Pfaden. In dem einen Haus wohnen Hexen und Jahrmarktsattraktionen, und eine Feministin ergeht sich in ihrem Haß auf Hegel. Warum Hegel, warum nicht Moses oder Mohammed? – wird nicht geklärt. 'Ich spucke auf Hegel'. Wer rein will, ins Hexenhäuschen, muß die Schuhe entweder ausziehen oder einen Schuhpräservativ überstreifen. Netter Hinweis auf Reinheitsphantasien, die bestens florieren in einer Epoche, in der so viel Müll, Trümmer und Unreinheit produziert werden wie in keiner zuvor. Dann noch, schnell hingeworfen, der Hinweis auf die Brüder Grimm, von denen zwei nur wenige Meter von hier ihre Wohnung hatten, in einer Zeit, die zwar auch Geschichts-Trümmer aufhäufte, aber (noch) keinen Ewigkeits-Müll.
Ein paar Meter weiter das andere Holzhaus – hellrot und größer als das erste – mit dem Nachlaß einer Stripperin. Um hier einzutreten, wird man mit keiner Vorschrift belästigt, man darf die Kleidung anbehalten. Ein weltlicher Schrein, mit Accessoires, stark orientalisiert, deren kunstvoll verzierte Vorderseiten sich dem ungeliebten, schnöden Außenleben zum glitzernden Anblick bieten, um es zu verschönern, deren Rückseiten aber weltabgewandt sind und bleiben, verwöhnt von dem Privileg, nie etwas anderes sehen, fühlen, berühren zu müssen als die besten Stellen der Haut von Ricci Cortez – die auch unter jedem anderen Namen auftreten könnte und aufgetreten ist. Jennie Lee, Kitty Lyons, Midnight, Kitten Natividad, Virginia O'Dare. Alles begleitet von der etwas rumpelhaften, aber fröhlich stimmenden Musik, die zum Strip üblicherweise geboten wird und die jeder Strip braucht, um sich vom bloßen Ausziehen in einen »wilden, frenetischen, rasselnden, verdrehten Tanz« zu verwandeln. Das Häuschen heißt 'Subject of Desire: Relics of Resistance'. Hier wird man (Mann) nicht nur vor der Hexenwelt gerettet sondern gleich vor der ganzen Welt. Zumindest für die Dauer der Darbietung. Am Ende des Gangs die Urne mit der Asche der Darbieterin und ihr gültiges Portrait als Gemälde.
Die Weiber sind schlau, zwischen die eindimensionalen Projektionen der Kerle von Heiliger und Hure haben sie die aggressive, aufstampfende Hexe eingeführt, die mehr weiß als Hure und Heilige und auf das Wissen der Herren des Wissens spuckt – und eben auch die biegsame, nicht verfügbare Stripperin, die sich weder an Projektionen noch an Wissenskonkurrenzen beteiligt, sondern beides zusammentanzt: das Verführerische und das Unnahbare. Der Striptease kommt aus aristokratischen Gesellschaftsstrukturen und ist heute ins Proletarische übergewechselt, verbannt allerdings von der immer noch herrschenden Bürgermoral in abgedunkelte Räume, in denen natürlich auch die Moralbürger sitzen. Die Stripteasetänzerin, klassenlos, bietet sich jedem dar, aber nach dem Tanz geht sie intakt von der Bühne. Sie ist die Künstlerin und das Kunstwerk. In ihrem Notizbuch stehen die "Goals of achievement" für das Jahr 1966: »1) Acting - 2) Writing - 3) Art - 4) Night Club Act«.
Und nach dem Anblick der Urne kehrt man schnell noch mal durch den Schrein zurück zum Anfang des Gangs, zu dem kleinen Stück Pappe, auf dem ein Mann etwas hilflos und ungelenk seine Verehrung ausdrückt. Die Schreibfläche ist klein, mit einem Knick in der Mitte, und in zwei verschiedenen Farben beschrieben, da scheint dem Überwältigten unterwegs die Tinte ausgegangen zu sein. Liebeserklärungen – sowas kriegen die Stripperinnen, Hexen gehen leer aus. Tragisch ist das nicht, nur konsequent. Hexen sind Märchenfiguren und dazu da, Liebesgeschichten zu verhindern, wobei sie natürlich scheitern. Märchen handeln nicht von anrührenden Liebesbriefen sondern von handfesten Liebesbeweisen, die man (Mann) unter Lebensgefahr erbringen muß. In der äußeren Wirklichkeit geht es noch gefährlicher zu: Liebeserklärungen, die länger sind als das, was auf die Innenseite eines Streichholzheftchens passt, werden nicht ernstgenommen.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 21 – 30)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 8. Juli 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 30 / 08.07.12 / 12:00 - 14:00 Uhr
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Jedesmal, wenn man sich den fragilen Kreidegemälden auf den schwarzen Schiefertafeln nähert, wird das Wachpersonal unruhig und ist zur Stelle, mahnt zur Vorsicht: es muß, besonders in diesem Fall, ein Abstand da sein zwischen Mensch und Kunst: sonst wird sie beschädigt, verwischt. Ausgelöscht womöglich wie der ihr zugrundeliegende Film, dessen hochgradige Zerstörung ("flash flood - everything erased in moments") dieses Kreidekunstwerk überhaupt erst hervorgebracht hat. Was für ein Kreislauf ist da in Gang gesetzt worden.
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Er: Komm, wir gehen weiter, das hier überzeugt mich nicht.
Sie: Mich auch nicht, aber vielleicht liegt das an uns?
Er: Und ... ändert das was?
Sie: Nein. Aber ein bißchen mehr Zeit hilft manchmal.
Er: Du meinst, wenn wir hier noch länger bleiben, ändert sich dieses Ding da? Oder wir?
Sie: Vielleicht.
Er: Von mir glaub ich das eher nicht.
Sie: Siehst du, das ist der Unterschied zwischen uns, du hast keine Geduld mit dir selber.
Er: Aber ich hab Geduld mit dir, und deshalb bleiben wir, solange du willst.
Sie: Man müßte sich sowas zuhause hinstellen, dann hätte man mehr Zeit, darüber nachzudenken.
Er: Du kannst hier nichts kaufen.
Sie: Das weiß ich, und das will ich auch gar nicht. Ich meinte bloß, zuhause hat man eher Zeit zum Nachdenken.
Er: Ich kann überall nachdenken.
Sie: Und warum dann nicht hier?
Er: Ich sagte doch, wir bleiben, solange du willst.
Sie: Das lohnt sich nicht, im Moment fällt mir hierzu nichts ein.
Er: Soll ich ein Foto machen, dann kannst du zuhause darüber nachdenken.
Sie: Ich soll zuhause über ein Foto nachdenken?
Er: Du sollst gar nichts. Nur entscheiden, ob wir jetzt weitergehen oder nicht?
Sie: Ich soll entscheiden, damit ich mich nachher nicht beschweren darf, daß wir immer so schnell weitergehen, das meinst du doch?
Er: Das käme mir sehr entgegen.
Sie: Ich verstehe das Ding hier zwar nicht, aber eins hat es schon mal bewirkt - es macht uns schlechte Laune.
Er: Ein Grund mehr, hier wegzukommen.
Sie: Von mir aus können wir gehen.
Fremder: Haben Sie sowas schon mal gesehen?
Beide: Nein.
Fremder: Sowas Verrücktes, was hat der sich bloß dabei gedacht?
Beide: Keine Ahnung.
Er: Das geht uns dauernd so.
Fremder: Was – daß Sie keine Ahnung haben, oder daß Sie etwas nicht verstehen?
Er: Ein Witzbold.
Sie: Ja, ein Witzbold.
Fremder: So war das nicht gemeint.
Er: Wir verstehen vieles nicht.
Fremder: Deshalb bin ich hier.
Sie: Wegen uns?
Fremder: Jetzt übernehmen Sie das Witzemachen.
Er: Sie verstehen also auch nur wenig?
Fremder: Ja, deshalb bin ich hier.
Beide: Aha.
Fremder: Ich weiß ja vorher nicht, was mich erwartet. Da kann sowas schon mal passieren.
Beide: Das geht uns genauso.
Fremder: Jeden Tag dasselbe Spiel. Da weiß man immer alles. Alles Routine.
Er: Und deshalb sind Sie hier?
Fremder: Hier ist alles anders.
Er: Das kann man wohl sagen.
Sie: Finde ich nicht.
Er: Wieso nicht?
Sie: Wir streiten uns – wie immer.
Er: Streit würde ich das nicht nennen. Wir sind uns doch einig, daß uns dieses Ding hier nicht überzeugt.
Sie: Das ist wahr.
Fremder: Also, ich geh dann mal weiter. Es kann ja nur besser werden.
Er: Das glauben Sie wirklich?
Fremder: Sonst wäre ich nicht hier. Auf Wiedersehen.
Beide: Auf Wiedersehen.
Er: Der schaut sich Kunst an, die er nicht versteht, um aus seinem Alltag rauszukommen, der ihn langweilt?
Sie: Seltsamer Kerl. Jetzt müssen wir aber auch weiter, ich will noch ein bißchen was anderes sehen.
Er: Und er hatte nichtmal einen Fotoapparat dabei.
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Tag 29 / 07.07.12 / 14:00 - 17:00 Uhr
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Wenn man sich durch die Abteilungen Naturkunde und Technikgeschichte bewegt, lernt man zuallererst dies: Holz ist anarchisches Material, steht für Bewegung, Unordnung, Erregbarkeit; es hört nicht mal dann auf, sich zu verändern, nachdem es fixiert wurde. Metall ist hochmütiges Material, steht für Präzision, Ordnung, Reglementierung; einmal in feste Form gebracht, bleibt es so. Fäulnis ist meistens ein Verlust, Rost manchmal eine Befreiung.
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Die Baumgruppe von Issa Samb, so offen und weltzugewandt sie sich präsentiert, ist ein Versteck. Wer hineingeht, wird aus der Welt herausgenommen. Wie im 'Spiegel aus Tinte': »Der grausige Charakter der Szenen war ein weiterer Grund unserer Ermüdung.« In diesem Versteck – Atelier der Erinnerungen an das zerstörte Kollektiv – wohnt der Tod und tanzt in den hundert Nächten mit dem Staub der Zeit. Es heißt: »Samb verfügt weder über einen E-Mail-Account noch über ein Bankkonto oder über ein Mobiltelefon, er schaut weder fern noch läßt er sich auf den Wahnsinn des modernen Lebens und die ständige Jagd nach Reichtum und Anerkennung ein.« Das Internet erzeugt Faulheit, das Bankkonto Gier, das Mobiltelefon Servilität, das Fernsehen Kälte, der Reichtum Lärm, die Anerkennung Monologe. Das erste Opfer der Summe dieser Eingriffe in die Atemzüge ist das Fühlen.
In diesem Park ist Joe Ouakam nicht anwesend. Das hier ist nicht sein "Hof". Es gibt kein Dach, keine Kontinuität, das Laboratoire Agit-Art ist außer Funktion, der forschende Blick auf die Welt schaut mit müden Augen, die Bücher gehen schneller kaputt als alles andere. Zwischen diesen Bäumen ist das Labor, in dem Kunst und Aktion zu einer Einheit werden, nicht zu Hause, das kann man der Versuchsanordnung ansehen.
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Zwischen den Bäumen: die vielen Baumstümpfen, die nicht an dieser Stelle der Karlsaue gewachsen sind, sondern hergeholt wurden von anderswo, um den Besuchern Platz zu bieten: damit sie hören können: Choräle von Arvo Pärt, Schritte, Rufe, ein Hämmern an der Tür, Kinderlachen, Wind, ein Stöhnen, verzerrte Kommandos, Vogelstimmen, Schüsse, Einschläge, ein wieherndes Pferd. Das meiste dringt aus den rundum in verschiedenen Höhen angebrachten Lautsprechern, aber wenn man eine Amsel hört: singt die jetzt? oder ist sie ebenfalls ein aufgezeichnetes Mosaiksteinchen der Klanginstallation von Cardiff & Miller. Das Ohr kann hier unter den echten Bäumen die künstlichen von den natürlichen Geräuschen nicht immer trennen, im Kopf greift eins ins andere: Wirklichkeit mengt sich mit Imagination, Geschichten drehen sich aus dem Halbdunkel des Waldes. Ein Hund, von seiner Besitzerin vorsoglich an der kurzen Leine gehalten, hat vor allem mit den Tierlauten seine Schwierigkeit: er ist irritiert, hebt die Nase und schnüffelt, versucht das zu riechen, was er hört, aber nicht sieht: wird er von Geisterrappen träumen? Als die Glocken zu läuten beginnen, gehören auch sie dazu, eher zufällig: das Läuten entsteht gerade erst jetzt, es ist 6 Uhr, und der Kirchturm, von dem es herrührt, ist nah. Die Besucher, die von auswärts kommen, wissen das nicht: sie halten die Glocken für Kunst.
Eins für die Ohren, eins für die Augen: etwas Ähnliches wie die Audiokomposition in der Aue haben Cardiff & Miller im Bahnhof gemacht: einen Video Walk. Einen inszenierten Gang durch die Bahnhofshalle, den man sich als Film mittels Smartphone vor Augen führen kann, den man nachgehen soll, mit dem eigenen Leib erleben: die Innenwelt, die Außenwelt sind dabei nur um Details verschoben. Das haben wir noch vor uns: wir sind gespannt.
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Tag 28 / 06.07.12 / 10:00 - 13:00 Uhr
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Zuerst verändert sich, kaum merklich, das Licht in den Räumen, in die man blickt, es tauchen, geisterhaft, andere Strukturen auf, andere Türen an anderen Stellen, andere Farben, andere Wände, zeichnen sich deutlicher ab, die ursprünglichen Umrisse verlieren an Entschiedenheit, verblassen, an ihre Stelle tritt das, was als Spuk begann: und man schaut in andere Räume, in denen ein anderes Parkett auf den Böden liegt, schaut, und wieder beginnt das Licht seinen schwebenden Tanz. Und wieder beginnt man unter den herrschenden Konturen neue zu erwarten, zu ahnen, zu sehen, während die alten zurückweichen: was ist das Auftauchende, was das Verschwindende. Wände, Türen, Decken und Böden in langsamen Überlagerungen, man gleitet durch wechselnde Zimmerfluchten, alle stehen leer, stehen bereit, bieten sich an und entziehen sich wieder: wann stellt man fest, daß man dabei ist, sich aufzulösen in ihnen.
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In der 'Never-Mosque'. Große Lagerhalle mitten im Stadtzentrum, wo man so eine Leer-Fläche nicht mehr vermuten würde. Alle Wände und die Decke: schwarz. Ausstellungsstücke von Ayreen Anastas, Rene Gabri, Walid Raad, Akram Zaatari. Die traditionelle und die neue Kunst des arabischen Raums. Hier scheint etwas unwiederbringlich verloren zu gehen in den seit Jahrzehnten ausgeführten Zerstörungen. Zugleich Dokumente des Widerstand gegen deren Folgen. Fast alle genannten Künstler leben schon in New York.
Bei uns: Fremdheit, gepaart mit Unwissenheit – wir müssen auf den Rundgang mit Walid Raad warten, der in ein paar Tagen wieder stattfinden soll.
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Im alten, abgeschalteten Finanzamt in der Spohrstraße: Wunderwerke an Akribie und Hingabe ans ganz große Format von der in Canterbury geborenen Tacita Dean, die jetzt in Berlin lebt und arbeitet. Ein schöner, offener, zweistöckiger Raum mit einer Treppe in der Mitte. Nicht mehr existierende kleine Bank, ganz früher, sagt man uns. An den Wänden 2,30 Meter hohe, bis zu 11 Meter langgestreckte, schwarze Schiefertafeln mit weißen Kreidezeichnungen – 'Fatigues'. Keine Farbe. Die Kreide ist hier reines Licht. Afghanische Natur, der Natur nachgezeichnet: Regen, Sturzflut, Bergmassiv und Wasser aus der Schneeschmelze – in Cinemascope.
Zusammen mit einem anderen Beeindruckten befürchten wir, daß dies alles im September einfach abgewischt wird wie die Lehrplan-Konstrukte, die man uns im Kunstunterricht beizubringen versucht hat, aber die nette Dame von der Documenta beruhigt uns: es gibt schon Interessenten. Hoffentlich nicht, denken wir, eine von den existierenden, eingeschalteten Groß-Banken, die schon lauern auf Afghanistan.
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An einem der ersten 3 Tage, als die d13 noch für die Medien reserviert war, trat im Fridericianum ein freies Musik-Trio auf. Eins der drei Instrumente war ein elektronisch präpariertes Klavier, im mechanischen Jahrhundert sagte man dazu Pianola, heute heißt es Disklavier – und die beiden anderen?, ein Cello?, eine Posaune? – so schnell verschwinden sie aus der Erinnerung, die von Menschen zum Klingen zu bringenden Instrumente. Das Gedächtnis wird schwarz. Wie die nichtbekreideten Restflächen des Schiefers hier.
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Tag 27 / 05.07.12 / 10:00 - 12:00 Uhr
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Der 'Doing Nothing Garden' von Song Dong aus Peking – unübersehbar, auf der Karlswiese, einer weiten, kurzgeschorenen Grasfläche genau vor der Orangerie. Ein aufgetürmter Haufen aus Abfall, Bauschutt, Erde und Pflanzen – der unkultivierten Eigendynamik überlassen. Das sieht prächtig aus inmitten all der hyperfürsorglichen Großkultur-Vergangenheitspflege der Stadt, und ist inzwischen zu einem beliebten Versammlungsplatz der Doc-Besucher geworden, alt und jung, mit und ohne Kinder. Da es seit Wochen warm und feucht ist, wächst alles wie toll auf diesem kleinen anarchistischen Berg. Tropisches Klima und tropische Wildwuchslust fürs einheimische Kraut und Unkraut. Und der Schilderwald wächst mit: Don't walk on the hill - Betreten verboten – No trespassing - Nicht ernten ... und zwischendurch hatte ein listiger Spaßkopf mit durchtriebenem Kunstsinn auch mal das Schild Außer Betrieb von der nicht weit entfernten philosophischen Bartolini-Welle entwendet und hier dazu gepflanzt.
Der Name des Hügels ist einfach so genial, daß er den Leuten in den Verstand hinein wuchert.
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Wenn ich das alles seh, sagt die Frau mit dem kaum wahrnehmbaren schweizer Akzent, diese ganze Kunst hier, oder, dann krieg ich selber so schöne Ideen. Zum Beispiel, stell dir mal einen Stein vor, sollte aber schon ein größerer sein, oder, und den schneidest du durch: und innen, in den Hälften, da siehst du keinen Stein, das wär ja keine Kunst. Die Kunst ist, daß du einen Stein halbierst und innen dann plötzlich die Jahresringe von so ganz großen Bäumen siehst, Redwood oder so, verstehst du: ein Stein gibt, wenn du ihn öffnest, das Innenleben eines Baumes preis. Aber ich kann das ja nicht machen, oder, das müßte schon ein Künstler tun, aber ich, ich hätte wenigstens die Idee gehabt, oder, für die nächste documenta.
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Tag 26 / 04.07.12 / 11:00 - 15:00 Uhr
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Kunst kommt von Künstlichkeit – Eigenart, Abweichung vom Normierten, Abweichung vom Natürlichen (ars, arte, artifiziell, artefakt). Man kann auch das Gegenteil anvisieren: Kunst kommt von Können und Könnerschaft. Im Mittelhochdeutschen meinte künstlich ursprünglich: klug, geschickt – und bezog sich auf Arbeit. Kunstfertigkeit. Der Ethymologie-Kluge (Friedrich) gibt eine sehr raffinierte Wendung: Kunst zielt auf das Wissen im Können. Wenn man dann noch alle Neben- und Zusatzbedeutungen in Betracht zieht, kommt man zu dem Ergebnis: Kunst entzieht sich der Definition, Wissen ist fragwürdig geworden, weil es seinen einstigen Zusammenhang aufgegeben hat und sich in Fragmentisierung und Spezialisierung verliert, und Können ist einem Verabsolutierungsdiktat unterworfen, blind gegen die Folgen seiner Produktion.
Der heutigen Kunst könnte man sich nähern, indem man sagt: Die Realität, also all unser zusammengenommenes Können, ist schamlos, die Kunst ist der wiederkehrende Versuch, den Schritt hinaus zu tun, sowohl aus unserem Können als auch aus dessen Schamlosigkeit.
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"Wenn man hier weiter lang geht: kommt dann noch mehr von der documenta?"
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Diese gigantische, überwältigende Ansammlung von Schrott, die Lara Favaretto auf den Platz hat hieven lassen: und auf dem Weg daneben die winzige kreisrunde schwarze Metallscheibe in einer der Spalten zwischen den Pflastersteinen: gewohnt, das Glück auf der Straße zu finden, heb' ich sie auf. Beim Umdrehen schimmert Kupfer durch, stellenweise: die Rückseite ist nicht ganz so schwarz. Sie ist eigentlich die Vorderseite, wenn man davon ausgeht, daß da, wo 1 Pfennig steht, vorne ist. Auch aus der Schwärze hinten läßt sich noch eine Jahreszahl herauslesen, 1984. Hübsches Symbol, etwas aus der Vergangenheit in der Hand zu halten, das, als Romantitel, auf die verheerende Überwachungstechnologie der Zukunft verwies, die heute herrscht. Der Pfennig lag außerhalb der weißen um Favarettos Installation gezogenen Linie: er gehörte nicht mehr dazu. Aber man weiß ja nie. Ich hoffe, ich habe mit seiner Wegnahme nicht ein Kunstwerk zerstört.
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Liebe Kunsthistoriker und Kunstwissenschaftler, warum tretet ihr eigentlich so auf, als ob es die Kunst nur deshalb gäbe, damit ihr eine Wissenschaft daraus anfertigen könnt? Auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt, die Kunst wird nicht für euch gemacht, ihr werdet von der Kunst gemacht, die Künstler leben nicht von euch, ihr lebt von den Künstlern.
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Tag 25 / 03.07.12 / 11:00 - 13:00 Uhr
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Tarek Atoui. Die Sache wird als »kritische Befragung der Begriffe von Instrument und Performance« präsentiert. Es geht also um Klangerzeugung. Womöglich gar Musik?
Wahrscheinlich hat T.A. einfach einen anderen Hörsinn als wir. Er kann schon heute die Klänge erzeugen, die einst im 3. Jahrtausend in irgendeiner Disco im Weltall gespielt werden, und wir kleinen Erdlinge haben dafür die Ohren noch nicht. In diese Installation kann man nicht eintauchen, man bleibt für immer draußen: Opfer, Vertriebener. Man steht da und hört auf, die Welt verstehen zu wollen. Die Welt der neuen Musik? Die Musik der neuen Welt? Ist das hier ein Perpetuum-Sound-Mobile? Nein, da bewegt sich nichts, außer unsichtbaren Schallwellen. Ein sich selbst mit Sound-Nonsense fütternder Computer? Vielleicht. Musik-ohne-Mensch? Zu sehen ist jedenfalls keiner, die Apparatur läuft endlos vor sich hin, zumindest bis abends um acht der Strom abgeschaltet wird. Ein ungutes Gefühl, das Gefühl hier unerwünscht zu sein, und das eben Gehörte war der Soundtrack zur Vertreibung. Sieg der ausgeklügelten Sound-Installation, Niederlage der Nerven des elektroakustischen Analphabeten, der sich bis dahin für einen neugierigen, auf Musik versessenen Besucher gehalten hat. Und weil nach den strapazierten Nerven dann auch noch die Ohren zu schmerzen beginnen – nix wie raus aus dem kracherschütterten Häuschen.
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Kein Wunder, daß kaum einer das Werk mit dem blauen Lichtspalt von Ryan Gander entdeckt: es entspricht nicht der Beschreibung im Katalog. »...fernab der markierten Wege der Karlsaue steht eine eiserne Falltür einen Spaltbreit offen. Helles blaues Licht dringt aus ihr hervor ...«. Das löst weitaus poetischere Vorstellungen aus, als die Wirklichkeit einzulösen bereit ist. Enttäuschte Erwartung? Viel eher: grobe Täuschung. Denn wie großzügig auch immer man den Begriff Falltür auslegt: der häßliche quadratische Betonkasten mit der draufgeschraubten Metallplatte, auf den wir dann endlich stoßen, fällt in eine andere Kategorie. Die Platte steht auch nicht »einen Spaltbreit offen«: sie liegt an allen vier Seiten fest auf. Und es ist einigermaßen vermessen, für das kaum daumennagelgroße ovale Loch in der Platte das Wort Spalt zu bemühen. »Wir dürfen«, heißt es weiter, »einen Blick hineinwerfen ...«. Wozu wir uns hinabbeugen und unser Auge ziemlich dicht über das Loch halten müssen: um uns von der hellen Lampe auf dem Betonboden, deren Licht aufwärts gerichtet ist, blenden zu lassen.
Das Bild, allerdings, gefällt mir nach wie vor: die einen Spalt offenstehende Falltür, das blaue Licht, das daraus hervorbricht, und die Unmöglichkeit, hineinzugelangen.
Die pure Idee eines Werkes ist manchmal wirkungsvoller und weitreichender als seine Realisation.
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Aber dann der kleine Aufbau (ebenfalls in einem eigenen Häuschen in der Karslaue) von Attila Csörgö – das ist wahrhaftig die 'Quadratur des Kreises'! Und du kannst und willst es nicht glauben. Du kannst auf den Kniescheiben herumrutschen, um drunter durch zu schauen, du kannst die Lichtquelle abdecken, weil du hoffst, das würde irgendwas enthüllen, du kannst das ganze Ding quadratzentimeterweise absuchen, um den eingebauten Trick zu entdecken, du kannst sogar den Eintrittkartenkontrolleur zu Rate ziehen, der dieses verflixte Rätsel vielleicht schon dreißigmal von allen Seiten untersucht hat und der Sache auf die Spur gekommen ist – ist er aber nicht. Du kannst reden, soviel du willst, du kannst in stummes Grübeln verfallen. Nichts hilft, du kriegst es einfach nicht raus. Da hat es tatsächlich einer geschafft, nur mit einer simplen Anordnung von runden Scheiben und einem Lämpchen dazwischen einen quadratischen Schatten auf dem Fußboden zu erzeugen! Dann gehst du raus – und verstehst die Welt nicht mehr. Aber hier freust du dich darüber, du lachst – dieser Filou versteht sie besser als du, er hat dich mit einem ganz unspektakulären Ding in einem Holzhäuschen entweder hinters Licht geführt oder einfach tatsächlich besiegt. Fröhliche Wissenschaft, fröhliche Niederlage eines vollkommen Verblüfften, der vor sich hin grinsend nachhause geht.
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Tag 24 / 02.07.12 / 13:00 - 16:30 Uhr
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... und der hübsche graue documenta-Schirm: zweimal Wetter, und er ist hinüber, Flügel gebrochen: Ryan Ganders Wind in den Räumen hätte der Knirps wohl nicht mal zwei Stunden lang standgehalten. Vielleicht war Grau auch die falsche Farbe, vielleicht hätten wir ihn in Gelb nehmen sollen: das hätte die Böen erschreckt, und sie wären ihm »sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht« und endlos tanzend ausgewichen.
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Der Abwesenheit, eins der großen Themen dieser documenta, begegnet man immer wieder. Auch in nicht-künstlerischer Form. Die blaue Hütte am Rosenhang, in der Lori Waxman mit ihren ad-hoc Kunstexpertisen den "normalerweise vor der Öffentlichkeit verborgenen Prozess des Nachdenkens, Nachforschens, Schreibens und Überarbeitens" offenlegen will, diese Hütte ist verschlossen: die Kritikerin macht Urlaub. Die Pflanze, die man durchs Fenster auf einem der beiden Tische sieht, befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, kurz vor dem Kollaps: bis Waxmann wieder da ist, wird sie vertrocknet sein. Auch im Dschinghis Khan in der Karlsaue, dem chinesischen Lokal, in dem eine abgetrennte Ecke als Writers' Residency fungiert, trifft man, statt auf den jeweiligen Schriftsteller, weitaus häufiger auf das ihn vertretende Schild, 'Bin gleich zurück'. Und, was unendlich schade ist: der großartige Maler und Musiker Llyn Foulkes, der an seiner 'Machine' vom Koreakrieg sang und vom Lone Ranger und pony auf macaroni reimte, ist im Fridericianum seit dem 22. Juni nicht mehr leibhaftig sondern nur noch auf dem Video zu haben.
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Das von Gareth Moore aus Abfällen und Ausgesondertem in die Karlsaue gebaute 'Dorf' verweist auf Utopisches, Rettendes. Daran führt kein realer und kein theoretischer Weg vorbei. Aber die Konstruktion hat ihre Preise, auch wieder: real und theoretisch. Telefone und Photoapparate sind an der Kasse abzugeben, eine Münze muß man auch noch opfern. Es wimmelt von Vorschriften in der Idylle, angefangen bei genau jenen markierten Gehwegen, die man nicht verlassen darf. Bewegungsfreiheit im Wiederverwerteten, Befreiten: nicht erwünscht. Zuviel Nähe zum Kunstwerk: nicht erlaubt. Hunde, die schnüffelnden Abweicher von den eingezäunten Wegen: verboten. Die Häuschen: verschlossen. Tabu-Orte. Geöffnet dagegen der Tante Emma Laden, mit einer Amerikanisch sprechenden Verkäuferin, die unseren gut gelaunten Erklärungsversuchen zur Kulturgeschichte von Tante Emma nichts abgewinnen konnte. Die 1-Euro-Dose Harissa kostet hier 5, ein Paar Socken 100 Euro. Echtes Geld, kein utopisches. Im integrierten Wäldchen liegt, außer Funktion, ein von innen beleuchter alter Zimmerofen, und nicht weit entfernt steht ein funktionierender Fernseher. Die Stromquelle für beides ist versteckt. Eine der auffälligsten Folgen der undurchsichtigen Verbieterei: die Besucher laufen orientierungslos (!) umher, zwängen sich aneinander vorbei – und bleiben stumm. Dorf der Sprachlosen. Das rettende Gelände Dorf lehrt den Besucher zuerst schlechte Laune, dann das Fürchten. Come in and find out. Und nachdem wir wieder rausgefunden hatten, standen dort zwei sehr nette, sehr schüchterne Studenten aus Frankfurt an der Oder, die uns befragten, was wir davon halten. Aufhebung der Sprachlosigkeit.
Man könnte einige Lehren aus diesem Nachmittag konstruieren: Aufs Fernsehgerät kann nicht verzichtet werden. Der Weg zurück zur Natur durch Kunst ist teuer, den Reichen vorbehalten, und mit Verboten gepflastert, damit auch was Gleichmacherisches dabei ist. Man darf sich fürchten, muß sich aber keine Sorgen machen. Solange die Künstler und die Kunststudenten sich weiterhin mit Kunst beschäftigen, ist es noch nicht so weit.
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Tag 23 / 01.07.12 / 12:00 - 16:00 Uhr
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Erst verbrennt man sich den Mund an dem sehr heißen Pfefferminzaufguß, den AND AND AND vor dem Ottoneum ausschenken, dann den Daumen an den Brennesseln der Pflanzeninstallation von Kristina Buch.
Kunst ist nicht ungefährlich, sie hinterläßt Spuren.
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Im Südflügel des Bahnhofs: sehr viel Kunst, die auf Kunst verweist. Und damit man das auch mitkriegt, wurden Namen wie Frieda Kahlo und Rebecca Horn per Hand auf eine Wand geschrieben. Dazu Videofilme zwischen Naturmystik und Pornographie (Menschenmystik), Tanz eines Balletts auf dem Müllberg (ganz traditionell modern als Ausdruckstanz inklusive Kostümchen). Oder auch eine Soundcollage ('Chimärisation' / Florian Hecker), in der Technik auf Technik verweist und in dieser innertechnischen Selbstreferenz so hochkompliziert ist, daß es im Katalog erklärt werden muß, eine Erklärung, die mit den Worten endet: »... erzeugt ... ein Gefühl, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, in einem grenzenlosen Nirgendwo verloren zu sein.« – hat aber den Effekt, nicht aushaltbar zu sein. »Diesen Chimären aus Stimmen und Klang zuzuhören, ist eine Herausforderung an unsere Hörgewohnheiten.« – so die andere euphemistische Umschreibung im Katalog. Akustische Folter, das ist hörbar-unüberhörbar-unhörbar. Vielleicht hat der Hausmeister, der jeden Morgen die Geräte einschaltet, diese einfach nur zu laut eingestellt, wer weiß das schon. Das Resultat war deutlich sichtbar: fast niemand blieb auch nur 1 Minute im Raum. Sogar ein Junge, vielleicht 12 Jahre alt, der von diesem monströsen Getöse offenbar unwiderstehlich angezogen durch die Tür kam und sich eilig auf den einen noch freien Stuhl neben uns zwischen die mitten im Raum hängenden Lautsprecher setzte, stand nach wenigen Sekunden wieder auf, in die Flucht geschlagen. Und noch ein Film, der die Kunst selbst zum Thema hat, als Kritik an der Verherrlichungsskulptur gemeint: eine Satire über die Kunstvorstellungen von Machthabern, die sich eine passende Selbstinszenierung aus dem reichhaltigen Angebot an Selbstherrlichkeit, Monumentalismus und Geschichtsfälschung aussuchen müssen, um schließlich ihre Bestellung beim Bildhauer abgeben zu können.
Zumindest die beiden Räume von Rabih Mroué in diesem Südflügel sind von einer anderen Ernsthaftigkeit und verdienen eine andere Aufmerksamkeit. Davon wird noch die Rede sein. Hier ist soviel Material und soviel Diskussionsstoff, dass man dem mit nur einem Besuch nicht gerecht werden kann.
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Der Mann vor der Videoinstallation, der aussieht, als sei er in irgendeinem Kirchenvorstand, will den Kopfhörer nicht aufsetzen, der ihm den Ton zum Bild liefern würde.
"Den haben mit Sicherheit schon Hunderte vor mir benutzt, da holt man sich ja Keime ins Ohr."
Wäre er doch bloß einer jener Marokkaner aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, über die Paul Bowles schrieb. »Der Marokkaner«, heißt es in seinem Reisebericht über Fès, »ganz gleich, ob gebildet oder nicht, glaubt schlichtweg nicht an die Existenz von Keimen.« Folglich können sie ihm auch nichts anhaben, sie schaden nur jenen, die von ihrer Existenz überzeugt sind. Für den Marokkaner dagegen »gibt es nur den Willen Allahs.«
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Tag 22 / 30.06.12 / 12:00 - 14:00 Uhr
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"Nur, weil die", sagt die Dame ohne Hündchen, die den 'Dog Run' von Brian Jungen in der Karlsaue nicht betreten darf, eben weil sie kein Hündchen hat, "nur, weil die", und meint damit die Leiterin der documenta, "nur, weil die einen Hund hat, ist das jetzt eine Spielwiese für Hunde. Wenn die eine Katze hätte, wäre es für die Katz', oder, wenn sie einen Vogel hätte, eine Volière für Vögel."
"Sie hat aber keinen Vogel", sagt ihr Begleiter, "und guck mal wie brav die Hunde das tun, was die Menschen von ihnen wollen. Das kriegst du mit Katzen nie hin. Oder mit Vögeln."
"Also meinst du, sie hat sich das richtige Tier ausgesucht."
"Weiß ich nicht. Die Leute in dem Gehege sehen jedenfalls glücklich aus."
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Noch mal Thomas Bayrle. Was die zum großen Bild eines Flugzeugs zusammengesetzten kleinen Bilder desselben Flugzeugs sollen, was die in unterschiedlichen Sprachen betenden, aus ihrem einstigen Zweckzusammenhang herausisolierten Motoren und Scheibenwischer sagen und singen, was die von einem Computerspiel ausgehende schallschluckende Riesenwand beabsichtigt, was die alles dominierende Farbe Grau bedeutet – all das wird durch die anwesenden Kunstbetrachter und die von den Rändern hereinbrechenden Geschäftigkeiten aufgehoben. Von verhaltenem Rauschen, von in sich gekehrtem Singsang, von summender und murmelnder Mechanik, gar von Verstummen – ist da nichts. Die gesamte Inszenierung geht durch die lärmende Präsenz des geräuschvoll umherlaufenden und unaufhörlich sprechenden Publikums, zuzüglich der aus angrenzenden Räumen hereinströmenden Konkurrenzklänge anderer Installationen, zuzüglich der klirrenden und polternden benachbarten Gastronomie in einer undurchdinglichen Krachkulisse unter, die alle sich hier vermischenden Laute und Töne zu ununterscheidbaren Nebengeräuschen degradiert. Sound der Belästigung. Der Raum müßte selbst isoliert sein, geschlossen, um in ihn eindringen zu können. Kein Paradox. Einen oder zwei Betrachter / Zuhörer verträgt er, mehr nicht. Hier versagen die allgegenwärtigen Begriffe von Postmodernismus, Synchronizität und Virtuosität. Die Präsentation anulliert die Aufführung.
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An der Ampel am Ständeplatz warten zwei Leute darauf, daß es grün wird. Die beiden, das sieht man, gehören nicht zusammen, haben nichts miteinander zu tun, nichts gemein: außer der Haltung. Seite an Seite stehen beide breitbeinig da, haben beide die linke Hand in der Hosentasche versenkt, drücken beide mit der rechten ein Mobilfon an ihr Ohr: einander fremd und in schönem Gleichklang. Ein Bild, nicht für die Götter, aber für den Künstler Frank Horvat: er macht solche Fotos. Alltag, zugespitzt auf wesentliche Momente: und man sieht ein Stück Struktur der Welt entschlüsselt.
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Tag 21 / 29.06.12 / 13:00 - 15:30 Uhr
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Über die Werke von Massimo Bartolini stehen sehr schöne Sätze im Katalog, die eine Versöhnung zwischen Mensch und Natur andeuten: »Bartolini (...) schafft höchst sinnliche räumliche Interventionen, die dem Betrachter eine individuelle Erfahrung verschaffen wollen, eine manchmal besinnliche, manchmal subtil unsere Wahrnehmung verunsichernde Empfindung. In der Verbindung von Natur und Mechanik betreiben die Arbeiten eine philosophische Reflexion unseres Verhältnisses zu unserer natürlichen und künstlichen Umgebung.« Und weiter: »... körperliche Raumerfahrung ... reine Erfahrung von Körperlichkeit ... Herausforderung der Sinneswahrnehmung ... mit einer Geste der Vertraulichkeit und einem vielsagenden Lächeln ... einen Augenblick beinahe intimer Interaktion ...«.
In der Karlsaue befindet sich seine Installation 'Ohne Titel (Wave)', die folgendermaßen beschrieben wird: »Sie besteht aus einem in den Boden eingelassenen rechteckigen Teich, in dem eine Welle in gleichmäßigem Rhythmus hin- und herschwappt. Ihre endlose Wanderung, eine in sich bewegte Form, symbolisiert ewige Verwandlung und läßt uns sogleich innehalten – die Welle wandert nirgendwohin, läuft niemals aus. In ihrer minimalen Ästhetik und ihrer meditativen Qualität erinnert die Arbeit an einen Zen-Garten; die innere, in sich geschlossene Bewegung des Wassers, fließend und doch in sich zurückgewendet , steht für den endlosen Kreislauf des Lebens.«
Als wir zum ersten Mal zur Welle gingen, gleich am Eröffnungstag, lief sie. Beim zweiten Mal stand das Wasser im Becken still, nun war sie doch ausgelaufen, die Welle. Ein Schild teilte uns mit: Außer Betrieb. Beim dritten Mal – dasselbe Spiel: kein Wellenspiel. Und heute, bei unserem vierten Besuch läuft sie wieder – (läuft?) – die Welle, rollt sanft hin und her.
Wir setzen uns ins Gras und schauen der Welle zu, und sie wogt sehr schön. Besinnlichkeit will sich nicht einstellen, zuviele lärmende Kunstbetrachter, denen man nicht entkommt, verhindern das. Aber nachts, wenn alle weg sind und die Empfindungen anrollen könnten, ist die Kunst abgeschaltet. Sie dauert täglich von 10 bis 20 Uhr. Danach ist sie außer Betrieb, auch ohne Hinweisschilder. Wenn die Welle außer Betrieb ist, heißt das nicht, daß sie stillsteht, sondern daß sie nichtist. Das ist ihre minimalste Ästhetik. Ohne Motor keine innere, in sich geschlossene Bewegung. Ohne Motor kein Zen, keine Meditation.
Wir, die endlos zur Welle wandernden Subjekte, wurden also nicht immer mit Besinnlichkeiten und Empfindungen für unsere wiederholte Rückkehr zum Objekt belohnt. Auch an anderen Stellen, mit anderen Objekten, begegnete uns das Schild "Außer Betrieb" immer wieder. Im Englischen artikuliert es sich noch deutlicher: "Out of Order". Vielleicht hat es sich freigesetzt, emanzipiert und stellt sich selber auf, mal hier mal da. Die Rückkehr zur Ordnung zwischen Natur und Technik ist nur temporär suspendiert, das Versprechen auf Wiederinbetriebnahme, auf Wiederherstellung der Ordung nicht außer Kraft gesetzt. Die Störung des Betriebs und der Ordnung wird zur immanenten Idee von Betrieb und Ordnung: Versöhnung von Zeit und Auszeit, und das Schild, das dies anzeigt, erobert sich die Autonomie eines eigenständigen Kunstwerks.
'Die Notizen', das Hauptwerk von Ludwig Hohl, trägt den Untertitel 'Von der unvoreiligen Versöhnung'. Der erste Satz darin lautet lapidar: »Der Mensch lebt nur kurze Zeit.« Und einer der letzten enthält die Wendung: »... Vertrauen zu der Welt haben.«
Die Welle hat uns milde gestimmt.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 11 – 20)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 28. Juni 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 20 / 28.06.12 / 16:30 - 20:00 Uhr
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Gestern standen sie ganz anders da, die Zypressen: in einer majestätischen Diagonale: man erkennt noch die kreisrunden Abdrücke, die ihre großen orangefarbenen Töpfe auf dem Rasen hinterlassen haben. Morgen werden sie sich in einer wiederum neuen Anordnung zeigen, in einer Doppelreihe, einem Malteserkreuz, einem Zirkelschluss, wer weiß. Welche Absichten verbergen sich hinter ihrer wechselnden Formation. Mädchen verstecken sich kreischend zwischen ihnen: sie werden das langsame Vorrücken hin zur Orangerie nicht aufhalten. Doch gelingt es ihnen vielleicht, das 'einem Kaiser gewidmete Werk' in ein Kinderspiel zu verwandeln.
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Anders denken lernen, um anders handeln zu können. Das ist der Urschritt, mit dem alle Utopien beginnen, noch die lächerlichsten, esoterischsten, totalitärsten (falls es diese Superlative gibt). Dann kommt der zweite Schritt, der nächste, der übernächste ... undsoweiter, ein Schritt nach dem anderen, ein Gedanke nach dem anderen.
Albrecht Fabri war es, falls mein Gedächtnis mich nicht trügt, der vermutete, Müdigkeit sei der Ursprung aller Utopien. Das war zu einer Zeit, nachdem alle bisherigen Utopien in Auschwitz und Hiroshima untergegangen waren und die Kriegsmüdigkeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch einiges in Schach halten konnte. Dies alles ist inzwischen einem Wissenschafts- und Produktionsfuror gewichen, wie es noch keinen zuvor gegeben hat.
Auf einem, inzwischen aus unerfindlichen Gründen entfernten, Zelt vor dem Fridericianum stand der Satz: »Emergency will replace the contemporary.« Eine Untertreibung. Der eingetretene Notfall wird alles bisherige Denken wegwischen und durch panisches Handeln ersetzen, da dieser Notfall mit der bisherigen Notfallroutine nicht mehr zu bewältigen sein wird. Eine andere gibt es aber nicht, da sie nicht entwickelt wurde, nicht entwickelt werden kann, ohne den Notfall zu kennen. Die ersten Opfer neuartiger, nie gekannter Notfälle sind nicht zu retten. Bleibt nur, den Notfall zu verhindern, und das setzt jenes geforderte andere Denken voraus.
In der 'Einbahnstraße' von Walter Benjamin steht eine feine Definition für die »menschliche Anwendung des Intellekts«: Voraussicht. Bei den Tieren leistet das der Instinkt. Aber unsere Instinkte funtionieren nicht mehr, sie sind ins / zum Denken übergegangen. Weder das sich selbst analytisch nennende Denken noch überhaupt ein Zuviel an Denken rückt den Zusammenbruch näher sondern das Zuwenig. Anderes Denken, auch das von Tieren, Pflanzen und Steinen behauptete, kann deshalb nicht mehr ignoriert werden. Vielleicht ist da ja was, das hilft, die Utopien wiederherzustellen. Nicht zurückholen, das ist vorbei. Man kann nicht zweimal in denselben Wissensfluß steigen, es muß ein anderer gefunden werden, in den man zum ersten Mal steigt.
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Die Ascona / Monte Verità Installation 'Anatta Experiment' (»auch Anationaler Kongress der vielbrüstigen Monstrosität genannt«) von Lea Porsager ist nicht mehr auf der Suche nach neuem Denken, sondern möchte das Denken lieber gleich ganz loswerden. Das Experiment ist gründlich gelungen. Alle ekstatischen Utopien münden in verordnetem Okkultismus.
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Tag 19 / 27.06.12 / 11:00 - 14:00 Uhr
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Im diffusen Halbdunkel des Nordflügels: keine Aussicht hinter der Vielzahl schwarzer Jalousien. Kein Tag wird dahinter heraufdämmern, kein Nachtfalter verlangen, nach draußen zu entkommen: es wird, zwischen den Lamellen, kein unbeherrschtes Flattern geben, kein hektisches Gekritzel: und keinen Versuch, zwischen den Zeilen zu lesen.
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Die Fenster der Holzhütte sind kreuz und quer mit schmalen Latten verbarrikadiert: sieht schon mal sehr symbolisch aus. Im Gras liegt eine neue lange Schraube, die hebt jemand auf, läßt sich vielleicht verwenden, irgendwann. Ein Blick durch die Scheibe: das Innere sieht ikeahell aus mit ein wenig sauber inszenierter Unordnung auf den Dielen, und man muss, bevor man Chiara Fumais »feministische Antwort auf das Hexenhaus der Brüder Grimm« betritt, die Schuhe ausziehen. 'Wir spucken auf Hegel' verkündet ein Schild, Bücher mit seinem Namen liegen auf dem Boden herum und silberne Splitter wie Spiegelscherben. Um das ganze Kunstwerk zu erfahren, muß man zu bestimmten Zeiten wiederkommen: dann gibts Veranstaltungen, auf denen Fanbriefe an ein Medium vorgelesen werden und die »dämonische Besessenheit der Zalumma Agra« in Erscheinung tritt.
Hübsch, dass das benachbarte Auehäuschen ganz rot ist, herzrot, blutrot, rot wie die Liebe, die Fleischeslust: und aus dem Eingang schlägt, einmal mehr, Dunkelheit. Dazu etwas, das wie Musik aus einer Geisterbahn klingt. Es ist aber, hört man beim Eindringen, eher Nachtclubmusik, vermischt mit der johlenden Begeisterung, die das Fallen eines weiteren weiblichen Kleidungsstücks begleitet. Und in den schummrig erleuchteten Schaukästen funkeln die Insignien von Stripperinnen, straßbesetzte G-Strings, glitzernde High Heels, Nippel Pasties und Porzellansterne mit vielversprechenden Namen: Busty Brown, Candy Barr, Mitzi St. Clair, Sherry Champagne ... Die für diese Installation verwendeten Materialien sind unter anderem: Sterne, Staub, Seide, Schimmel, Nadelkissen und Pantoffeln. Und: verbrannte Überreste. Die zeigt die letzte Vitrine: neben einem großen Bild eine Urne mit der Aufschrift: Ricci Cortez / November 3 1924 – September 3 2008.
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... außerdem weiss man eh nicht mehr, wo die documenta aufhört und Kassel anfängt.
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Tag 18 / 26.06.12 / 17:00 - 19:30 Uhr
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Was wir lernen müssen, ist Abschied nehmen vom Bedürfnis nach Weltanschauungen, nach Mythen, nach Ganzheitsbegründungen. Das braucht Zeit. Philosophen sind in ihrem Spezialistentum auf Langsamkeit angewiesen. Die Vorlesungsreihe 'Was ist Denken?' handelt, eher unterschwellig, von dieser Langsamkeit. Angesichts des aktuellen und akuten Zustands dieser angeschauten, vermytheten und mit Begründungen überzogenen Welt, ist der Einwand, Langsamkeit sei ein Luxus, den man sich leisten können muss, nicht abzuweisen. Dem ersten Referenten habe ich »akademische Genügsamkeit« zum Vorwurf gemacht, der zweite, der mit dem Thema 'Warum man das Undenkbare denken muss. Eine materialistische Antwort' angetreten ist, muss sich einen ähnlichen gefallen lassen. Wer sich im Zusammenhang des Undenkbaren mit Adorno auseinandersetzt, kann Themenfelder wie Utopie oder Traum (nicht im Sinne von Deutung latenter Verdrängungen, sondern in dem eines Reservoirs unreglementierter Erfahrung) nicht einfach beiseite lassen. Dort könnte ein begehbarer Weg zum Undenkbaren gefunden werden, der zumindest die Möglichkeit bietet, die Enge des selbst angelegten Irrgartens mit der innerphilosophischen Laube im Zentrum zu verlassen. Wieder zu verlassen, müsste es genauer heißen, denn dort wohnte die Philosophie nicht immer, erst seit ihrer »Verwandlung in Methode« (Adorno / 'Minima Moralia'). Die methodische, sinnspruchhafte Herleitung des Undenkbaren aus dem Denkbaren, die der Vortrag mit pochender Berufung auf Descartes geboten hat, addiert Logomachie zur schon genannten Genügsamkeit. Ein Widerspruch in sich, »möchte man meinen«. Nicht unter heutigen und gestrigen Philosophen.
Materialistisch bearbeitet ist und bleibt das Undenkbare undenkbar. Man könnte auch sagen unnahbar. Es befindet sich im unzugänglichen Besitz der Metaphysiker. Ob es ein Verlust ist, das Undenkbare dort zu lassen, wo es ist, und es auch dabei zu belassen, dass niemand benennen kann, wie es ist – diese Entscheidung ist vorläufig nicht zu treffen. Wer das Undenkbare ins Denkbare hineinziehen möchte, hat sich schon entschieden, das Unterlassen als Verlust zu sehen. Hebt das die Unnahbarkeit auf? Durch einen einfachen Willensakt?
Vielleicht ist die Philosophie fähig, Glücksbringer hervorzubringen wie die Phantasie der Menschen und die der Pflanzen – Hufeisen, Pfennige, vierblättrige Kleeblätter. Das Glück, das diese versprechen, hat eine unabdingbare Vorgabe: die Zufälligkeit ihres Findens. Man kann nicht das beim Flohmarkthändler erstandene Hufeisen, den im Supermarkt als Wechselgeld erhaltenen Pfennig oder die im Souvenirladen gekaufte Postkarte mit aufgedrucktem Kleeblatt diesem Glücksversprechen zuordnen. Vielleicht muss man, die Besitzansprüche der Metaphysik ignorierend, auch das Undenkbare, damit es zum Glücksfall wird, als Zufallsfund denken. Es dem Denkbaren anzuhängen, kommt dem Wechselgeldtrick gleich.
Wer sich dem Undenkbaren nähern will, muss sich bei Walter Benjamin umschauen. Die Zufallsfunde liegen zu hunderten überall verstreut im Werk, das keins eines Philosophen ist und deshalb auch keins eines Metaphysikers. 'Einbahnstraße / Chinawaren':
»Ein Kind, im Nachthemd, ist nicht zu bewegen, einen eintretenden Besuch zu begrüßen. Die Anwesenden, vom höheren sittlichen Standpunkt aus, reden ihm, um seine Prüderie zu bezwingen, vergeblich zu. Wenige Minuten später zeigt es sich, diesmal splitternackt, dem Besucher. Es hatte sich inzwischen gewaschen.«
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Tag 17 / 25.06.12 / 18:00 - 20:00 Uhr
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Wer in dem Begleitbuch, in dem alle an der d(13) teilnehmenden Künstler mit ihren Werken verzeichnet sind, etwas über die Performance (Dunkelheit voller umherwandernder Stimmen und Bewegungen) von Tino Sehgal nachlesen will, wird leer ausgehen. Sehgal ist – unter der Nummer 159 zwischen Schaber und Serra – zwar alphabetisch vorhanden, es gibt auch zwei Seitenverweise (408, 438: von denen der erste, auf den Ort seiner Darbietung, tatsächlich zum Ziel führt), aber nach der Seite 438 (auf der Hinweise zu seiner Person als auch zu seinem documenta-Beitrages stehen sollen), sucht man vergeblich. Überblättert, denkt man, nachdem auf die Seite 437 die Seite 440 gefolgt ist. Verdruckt, denkt man, nachdem man festgestellt hat, dass es wirklich kein Blatt dazwischen gibt. Fehlerhaftes Exemplar, denkt man, nachdem die vermisste Seite auch an keiner anderen Stelle aufgetaucht ist. Das haben sie versemmelt, denkt man, nachdem man mit den Katalogen von Freunden dieselbe Nummer durchexerziert hat. Nichts davon stimmt: Sehgal wollte das so. Unauffindbar sein, nichtexistent. Und die betreffenden Seiten sind gleich mit verschwunden. Es hätte nicht genügt, sie einfach weiß zu lassen: das hätte Sehgals Abwesenheit sichtbar gemacht.
Selbst die Fehler sind keine: sondern Absicht auf dieser documenta.
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Ein Raum voller kleinformatiger abstrakter Bilder. Alle von Etel Adnan, alle unsigniert. Natürlich kommt sofort jemand auf die kaberettistische Frage: Woher wissen die denn, wierum diese Dinger aufgehängt gehören? Anders gefragt: Ist das ein zufälliges Versäumnis, eine Nachlässigkeit oder eine bewußte Entscheidung? Geste, die vom Ego hinausführt in eine Welt, die sich die Malerin ohne Egos als bessere vorstellt? Dann tritt man, rückwärts, um auf Abstand zu den Wänden zu gehen, beinahe auf einen Teppich mit eingewebtem Motiv, das den anderen gleicht. Der wäre von allen Seiten begehbar, falls für den Gebrauch gemacht, man bräuchte kein Zeichen, an dem zu erkennen wäre, ob er "richtigrum" liegt. Aber der Bodenbelag ist signiert.
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Obwohl: von wegen Fehler: es gibt sie doch. Beispielsweise im Raum mit den Versuchsanordnungen aus der Quantenmechanik. Das Doppelspaltenexperiment soll etwas veranschaulichen, was es nicht tut: statt dessen wird eine manipulierte Lightshow veranstaltet. Sagt der Mathematiker Dennis Couzin, der auch auf dem Gebiet der Quantenmechanik beschlagen ist, und der diesen Fehler bei seinem Besuch am 19. Juni entdeckt hat. Soviel ich verstanden habe, geht es dabei um den leuchtend roten Laserstrahl: er darf, schreibt Dennis, nicht zu sehen sein, bevor er durch den Doppelspalt geht: weil das bedeutet, daß die Photonen unlauter verstärkt werden. Statt dessen müßte eine Abschwächung stattfinden: und diese »slow rate of photon arrivals must logically come before the interference, not after«. Sonst ist das Experiment als Beweis für den Quanteneffekt untauglich. Ein schmutziger Trick anstelle des physikalischen Wunders. »Documenta opened 9 June«, schreibt Dennis weiter, »and no one had noticed this flaw before 19 June. The display served no purpose. I hope they fix it (as promised) and visitors then have appropriate aperçus. Likewise I hope your writing about Documenta helps Documenta. It needs it.«
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Tag 16 / 24.06.12 / 10:30 - 15:30 Uhr
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... allein die vielen Reiskörner, sagt sie, im Ottoneum, geh da mal hin und schau dir die Menge Reiskörner an, alles unterschiedliche Sorten, wahrscheinlich hunderte. Und die sind nur aus einer Region in Indien. Jetzt rechne das mal hoch. Diese gigantische Menge an verschiedenen Sorten. Und dem gegenüber das eine Reiskorn von Monsanto, das der ganzen Welt aufgedrückt werden soll, und all die vielen hundert anderen Sorten sollen verschwinden, ausgelöscht werden. Das überleg dir mal. Das geht doch über Kunst weit hinaus. Das geht doch uns alle an.
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Belanglos ist die Spitzenleistung der Technik geblieben, die zunächst eine Hündin und einen Mann in eine Erdumlaufbahn gebracht hat, dann zwei Männer auf den Mond. Belanglos für den Planeten Erde, auf dem sich dadurch nichts geändert hat.
Die Technik der Menschen gibt sich nicht in ihren Konstruktionen und deren Brauchbarkeit zu erkennen, sondern im Müll, den sie hinterläßt. Einen Riesenberg mit aus dem Produktionsprozeß ausgeschiedenem, rostendem Metall aufzutürmen, ist eine Fleißarbeit. Das kann jeder einigermaßen geschäftstüchtige Alteisensammler. Was dem Berg fehlt, ist ein Addressaufkleber. Das erst würde ihn zum sprechenden Kunstwerk machen. Vorstellbar wäre, den Haufen auf den Mond zu schaffen, als erste oder zumindest eine der ersten konkreten Handlungen seiner Kolonisierung. Empfänger: Mare Crisium.
In vielen Bildern, vielen Filmen dieser Documenta ist Kriegsmüll zu sehen. Die Kriegführenden nehmen das, was im Detail ihre Niederlage bezeugt, zerstörte Waffen, zerstörte Fahrzeuge, zerstörtes Eroberungsgerät, nicht mit nach Hause. Man könnte auch sagen, sie lassen es liegen, um es aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Aber das geht nicht so leicht. Den ortsansässigen Künstlern wird vom technischen Gerät das Gedächtnis aktiviert, sie geben es dem der Abgezogenen in Form von Bildern, Objekten, Artefakten zurück, und sei es in Kunstausstellungen, wo sich das Aufsehenerregende der Rückgabe in Grenzen hält.
Aber, kann man einwenden, auf dem Mond gibt es keine Künstler, keine Rückgeber. Der ideale Ort fürs Vergessen. Die Entgegnung darauf lautet: nur solange es keinen Müll gibt.
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Bei ihrem Auftritt mit Buchpräsentation erklärte Etel Adnan, man sollte die Zeitrechnung, die sich mit vor und nach an Jesus orientiert, beenden, da dies eine Zumutung für die anderen Religionen sei, die einen Jesus nicht kennen. Wobei noch die Zumutung für alle Nichtreligiösen der Erde anzufügen wäre, die Frau Adnan unerwähnt ließ. Stattdessen sollte man eine neue Zeitrechnung einführen, die mit Gagarin oder der Mondlandung beginnen müßte, denn dies seien für alle Menschen verbindliche Daten, der Beginn der Möglichkeit, die Erde hinter sich zu lassen. Am Ende der Veranstaltung fragte eine alte Dame aus dem Publikum, möglicherweise so alt wie die 1925 geborene Künstlerin, was sie für sich als Heimat benennen würde. Die Antwort, für sich selbst, lautete: Ich bin in Beirut geboren, der Geburtsort ist der erste Ort von Heimat für jeden, aber dann beginnt ein mehr oder weniger nomadisches Dasein. Mein Leben, das ist meine Heimat. Und zu der anderen alten Dame: Ihr Leben, das ist Ihre Heimat. Tief aufgewühlt, und zugleich überglücklich, raffte die alte Dame ihre Sachen zusammen, stand auf und eilte aus dem Raum. Mit der Antwort hatte sie offensichtlich nicht gerechnet, es war die größte Versöhnung mit ihrem eigenen Leben, die ihr jemals angeboten worden ist. Das war deutlich ablesbar an ihrem Gesicht, ihrer Körperhaltung, ihren Gesten, ihrem Gang.
Das Verlassen der Erde ist der Schritt in eine andere Dimension des nomadischen Daseins, die Dimension mit der weitesten Ausdehnung, aber bisher wollte noch kein Mensch im Weltraum bleiben. Die Rückkehr ist das unantastbare Ende jeder Reise ins All. Heimat, das ist Leben auf der Erde, organisches wie anorganisches, und die Frage nach der Zeitrechnung ist die nach dem ersten Tag des Erdenlebens, die niemand beantworten kann. Abschaffung aller Kalender. Refusal of Time.
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Tag 15 / 23.06.12 / 10:00 - 14:00 Uhr
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Private Aufzeichnungen, jahrzehntelang bei Ida Appelbroog unter Verschluss, werden mit einem Mal öffentlich und hängen zur Besichtigung an den Wänden eines Raums im Fridericianum, liegen, hundertfach, tausendfach vervielfältigt, in hohen Stapeln herum: bitte zugreifen: Botschaften aus dem Irrenhaus. Über hübsche blaue Eier, nutzlose Beine, einen Berg voller Koffer. Und auf dem Boden der Handtasche: keine Schlaftabletten, keine Rasierklingen, kein Glas, kein Messer, keine Pistole. Nur eine ausreichend große Plastiktüte, mit der läßt sich der Job auch erledigen. Wie wichtig war ihr das grüne Kleid, das grüne Kleid, das grüne Kleid: die wiederholten Worte schlagen ein Echo an: da ist dieses alte Gedicht mit demselben Titel, »Das grüne Kleid // liegt im Sessel«, heißt es da, »leer schweigen die Stühle, // bereit. // Um diese Zeit // bist du sonst immer gekommen«. Und in einem anderen, das von Frauen in fremden Städten handelt: »das Licht ist zu weiß, und nie fehlt // die Handtasche mit der Pillendose«.
Wie oft schon war man verrückt, ohne es wahrzunehmen.
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»... es kann dich forttragen, ohne dich irgendwohin zu führen.« Lida Abdul in ihrer Videoinstallation 'What We Have Overlooked'.
»Ich weiß nicht, wohin ich gehe, aber ich will sehr schnell dort sein.« Etel Adnan in einem der 'Paper Morning'-Gespräche.
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'This Variation' (Tno Sehgal), durch den Torgang des halbverfallenen Hugenottenhauses hindurch, zum verwilderten Hinterhof, eine verblüffende Oase, mitten in der sonst stur durchkommerzialisierten Innenstadt, plötzliche Stille (relativ), dann nach links in einen dunkler werdenen Gang, keins der üblichen Schilder ("hier Kunst"), keine Vorwarnung also, keine Einstimmung auf das, was kommt. Der Raum ist stockdunkel, man kann seine Größe nicht mal erahnen, und der erste Gedanke: wer hier drin ist, verhilft Taschendieben mit Röntgenaugen zu leichter Beute. Dann: rhythmisierte Artikulationen, Gesang, Getrampel, die Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit, die Ausdehnung des Raumes wird erkennbar, Lichtquellen in den Winkeln, an denen Wände und Decken zusammenstoßen, wird doch noch erlaubt, einen schwachen Schein zu werfen, ohne die Dunkelheit zu vertreiben, der Auftritt wird »frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend«, mehr als zehn, weniger als zwanzig sind es, vielleicht ein Chor, der tanzen kann, oder Tänzer, die singen können, und schon verlassen einige Besucher fluchtartig den Raum, das hier ist ihnen unheimlich. Am Ende eine weibliche Stimme, Englisch sprechend (amerikanisiert), die erzählt, dass sie nichts für sich behalten kann, alles daherredet, die banalsten Alltagsdinge, die innersten Empfindungen, und auch ausplappert, dass sie damit alles entwertet, was sie von sich gibt, Preisgabe der Privatheit. Und genau am Ende der im Dunkel vorgetragenen Selbstbezichtigungen klingelt das Mob-Telefon eines Besuchers, der daraufhin den Raum sofort verlässt. Am Klang seiner Schritte kann man erkennen, wie peinlich ihm der persönlichen Kontakt mit der Welt versprechende Klingelton in seiner Jackentasche ist. Plötzlich Teil der Performance geworden zu sein, das hat ihn vertrieben. Hierher wird er nie wieder zurückkehren.
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Tag 14 / 22.06.12 / 11:00 - 14:00 Uhr
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Keiner, den wir bis jetzt gefragt haben, hat es gefunden: das blaue Licht, das aus dem Spalt einer in den Boden eingelassenen Falltür dringt. Ein weiteres Werk von Ryan Gander, der dem Wind im Fridericianum eine Zimmerflucht überlassen hat. Irgendwo in der Karlsaue, abseits der ausgetretenen Pfade, sollte man darauf stoßen, im Dickicht: da ist nichts, sagen sie, keine Falltür, kein Spalt, kein blaues Licht. Man könnte, stünde man davor, eh nicht hinein: das Versprechen wird nicht eingelöst, das Verlangen bleibt unerfüllt. Die ergebnislose Suche nach dem 'Escape Hatch to Culturefield' wird zum unbedingten Bestandteil des Bildes. Wie war das mit der Suche nach der Blauen Blume der Romantik?
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In der Friedrichstraße 28, nahe dem Brüder Grimm Platz, ein großer Raum, nebst kleinem Nebenraum, mit mehreren hundert aufgeklappten, bemalten, übermalten und beklebten Bucheinbänden, die alle Wandflächen einnehmen, vom Fußboden bis zur Decke.
Encyclopedia of World Art – U2 by U2 – Augen der Weisheit – Madonna – Great Cathedrals – I Remember Distinctly ... »Ich zerrte die Seiten aus der Bindung und zerriß die losen Blätter. (...) Ich fing an, an den Wochenenden weitere Bücher zu zerstören, um auf ihnen zu malen. (...) Ich malte drei Berge (...). In der Nähe meines Ateliers gibt es keine Berge, und meine Internetverbindung funktionierte nicht, so daß ich aus dem Gedächtnis malen mußte. (...) Nie las ich die Bücher, die ich zerriss.«
Die von Paul Chan bearbeiteten Bucheinbände sind geblieben, als Tapete für leere Räume, damit das in-der-Welt-sein der bürgerlichen und nachbürgerlichen Bildung nicht ganz unsichtbar wird, aber die Innenteile, die bedruckten Seiten sind verschwunden. Verschwunden als handgreiflicher, komprimierter Geist einiger vom Buchdruck geprägten Jahrhunderte. Nicht verschwunden als reiner Geist, der gerade auf die andere Seite des Wissensflusses transportiert wird, vom dem Heraklit sagt, man könne nicht zweimal in denselben steigen, aufs Internetufer, dem neuen Weltgeist, der den Hegels ablöst.
Dieser Raum evoziert tatsächlich ein Gefühl »intensiver und ekstatischer Einsamkeit«, aber nicht im Sinne des Katalogs, in dem diese Worte stehen. Das hier ist die Einsamkeit derer, die kommende Einsamkeit aller, die keine Bücher mehr haben, und vor Computern sitzen, deren Internetverbindung nicht funktioniert, und warten... bis sie wieder funktioniert, um dann festzustellen, daß der Fluss, den sie überquert haben, vertrocknet ist, weil die Quellen nicht mehr funktionieren, vorausgesetzt, sie können sich noch erinnern, was eine Quelle war und wozu Erinnerungen taugten, und dass es feste und flüssige Dinge mit festen und flüssigen Zuordnungen mal gegeben hat, mit denen man sich verständigen konnte, über alle Einsamkeiten hinweg.
Wir hängen oder kleben unsere Erinnerungen an unsere Wände. Dort halten sie sich, solange die Aufhängungen und der Klebstoff halten. Die Bücher halten sich an eine andere Zeitrechnung, die endet, wenn ihr Zeitalter endet.
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Die deformierten Gefäße in der Vitrine: zerdrückte Schalen, arg zugerichtete Teller, durch Schnitte zerstörte Becher: aber lädiert nicht durch den ständigen Gebrauch, durch das Leben, die tägliche Benutzung: sondern beschädigt geschaffen. Eine wunderbar türkis leuchtende kleine Schüssel hat es besonders übel erwischt: Nägel ragen mit den Spitzen rundum ins Innere, bereit, das, was an Essen in die Schüssel gefüllt wird, zu durchbohren. Dient es dem Verständnis: zu wissen, daß es Afghanen waren, die sie gefertigt haben?
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Tag 13 / 21.06.12 / 14:00 - 19:00 Uhr
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Man muß, bevor man die kalten Katakomben im Weinberg betritt, einen Helm aufsetzen: der schützt den Kopf nur von außen: nicht gegen das, was man von jenen Bildern weiß, die sich in der Dunkelheit der Höhle abspielen. Man sieht: eine Flöte, einen Vogel. Eine Frau, die der Flöte angestrengt Töne entkämpft, man hört mehr ihr schartiges Keuchen und Schnaufen, kaum mal etwas, das mit Musik Ähnlichkeit hätte, manchmal klingt es, als würden kleine Kinder in ihren heißen Kakao blasen, um ihn trinken zu können. Der Vogel hält nicht nur den Kopf, er hält den ganzen Hals gesenkt, die Augen teilweise geschlossen, lauscht er den Tönen? Manchmal schaut er auf, schaut, als sei Hoffnung etwas für andere Geschöpfe. Die Frau schnauft und pfeift, irgendwann schüttelt der Vogel sein Gefieder, spreizt seine mächtigen Flügel. Eine Flöte, ein Vogel. Ja, und? Aber: die Flöte ist das "älteste je gefundene Musikinstrument", vor 35.000 Jahren geschnitzt aus dem Speichenknochen des Flügels eines Gänsegeiers: der Vogel ist ein Gänsegeier. Schon klar, was die Künstler damit wollten, das steht zum Nachlesen auf dem Schild: die vor Jahrtausenden hergestellte Vogelknochenflöte wird einem der heutigen Nachfahren dieses Vogels vorgespielt. Die Zeit, kurzgeschlossen. Das ist aber nicht der Aspekt, der mich interessiert. Viel wesentlicher ist: ein Lebewesen wird mit einem Gegenstand konfrontiert, der aus einem Körperteil eines seiner Artverwandten gefertigt wurde. In Wolf Wondratscheks Roman 'Mara', wurde mir gesagt, gäbe es eine Stelle, da zieht ein Musiker den Bogen über ein mit Katzendärmen bespanntes Stradivari-Cello: die anwesende Katze verläßt fluchtartig den Raum. Und was ist mit aus Menschenknochen produzierter Seife? Wer weiß schon, womit wir uns die Hände in Unschuld waschen.
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... und dann findet man in der Karlsaue mehrfach Schilder mit der Aufschrift "Wegen Wartungsarbeiten geschlossen". An Stellen, wo Naturvorgänge "bearbeitet" werden, Stellen, die keine verschließbaren Türen oder Zäune haben. Wie kann man einen Erdhügel, auf dem alles durcheinander wächst, "schließen"? Können die Gräser, Büsche, Käfer, Würmer und Schmetterlinge lesen? Und wenn, werden sie den Anweisungen bzw. Zurückweisungen auch so brav gehorchen wie die Menschen?
Die Natur ist wegen Wartungsarbeiten zur Zeit geschlosssen. Ist das gemeint?
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Selbstbezichtigung und Selbstanklage in Kunst und Gesellschaft – einen Aufsatz mit diesem Titel würden wir gerne mal lesen. Gibt es den? Zum Thema 'Zerstörung und Wiederaufbau' würde das passen. Und zu dem Geier, der vom Kunst- und Gesellschaftswesen Mensch gezwungen, mit den Füßen an einen Holzblock gefesselt, seinem eigenen Knochen zuhören muss, ebenfalls.
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Ein Feuilletonist verdächtigt die Windräume von Ryan Gander, Ayurveda- und Wellness- und Entspannungsangebot zu sein. Dass dies keineswegs so funktioniert, verrät einem die zugegebenermaßen seltene Eigenschaft der Selbstbeobachtung in Verbindung mit der sehr zu empfehlenden Besucherbeobachtung in Verbindung mit Geduld. Fast niemand hält den Wind mehrere Minuten lang aus, die meisten flüchten schon nach Sekunden. Da scheint die Wellness-Option sich doch eher in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Konfrontation mit sich selbst ist noch nicht Weltwahrnehmung, könnte aber ein erster Schritt dorthin sein, ein offenbar schwerer Schritt, vergleichbar mit dem Laufenlernen des Kindes, das man einmal war, und das die Voraussetzung dafür ist, eines Tages das Wellness-Nest und seine Obstruktionen zu verlassen.
Man muss sich überwinden, mal eine Viertelstunde oder noch länger in einem dieser Räume zu bleiben. Was man da zu sehen und zu hören bekommt, wiegt das bisschen Frösteln auf. Kann aber auch leicht zu einem noch lange andauernden anderen Frösteln führen, dem im sonst so mechanisch heißlaufenden Kopf.
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Tag 12 / 20.06.12 / 13:00 - 15:00 Uhr
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( ... )
oh, aber frank, damit keine mißverständnisse aufkommen: wir sind erboste gegner dieser 'jeder kann kunst' -bewegung. die ist lächerlich. und – auch – schuld daran, daß die welt minderwertig wird. 'jedes gedicht von rang muß schwierig sein', hat benn, in etwa, gesagt.
heißt: das mädchen darf die pizzaschachtel auf dem papierkorb gern für kunst halten. wir tun das nicht. aber wir schreiben darüber. wie über anderes, was wir auf und abseits der documenta sehen. das, was erstmal einfach da ist. und stellen dieses gesehene, diese haltungen, ansichten, tatsachen, auslegungen (wie gelungen oder mißraten auch immer) zur disposition. was im übrigen auch die christov-bakargiev tut. ganz provozierend. in der hoffnung, daß dann anders hingeguckt wird (auf kunst, auf schiere welt). und neu darüber nachgedacht.
prozesse.
alles liebe
ingrid
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Liebe Ingrid,
Ich denke über Euer Unternehmen betr. Dokumenta nach, und finde es wirklich interessant. Weil es wirklich wichtig ist, sich über den jetzigen Sinn der Kunst Gedanken zu machen. Oder besser: wichtig dass gerade jemand wie Du sich darüber Gedanken macht.
Und dann frage ich mich: kann man wirklich behaupten, dass Kunst für die Grottenmaler von Lascaux etwas anderes war als z.B. Deine Gedichte für Dich?
Ja natürlich betrachteten sie sich wahrscheinlich nicht als “Künstler”, wurden nicht bezahlt (Du ja auch nicht...) und machten sich keine Sorgen um ihr Copyright.
Aber auch für sie ging es darum, die Dinge die für sie wichtig waren - also die Büffel und die Tiger - zu begreifen, also irgendwie zu ergreifen. Um mit ihnen dann, bei der nächsten Jagd, besser fertig zu werden.
Und das ist mit der Welt, die uns heute umgibt, sicher nicht einfacher geworden. Und daher brauchen wir diese Vorstellungen umso mehr.
Die Art und Weise, in der Du die Menschen, die Wege, die Wahrnehmungen, etc. beschreibst, hilft mir (möglicherweise) dabei, sie zu begreifen – und also auf sie zu reagieren.
Nur darum geht es – und das hat sich seit Lascaux nicht geändert.
Frank
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Tag 11 / 19.06.12 / 17:00 - 18:00 Uhr
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Ich habe den ganzen Tag lang draußen nachgeschaut und genau aufgepaßt: auch heute ist wieder kein Meister vom Himmel gefallen.
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Die Wegweiser fühlen sich unterbewertet.
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Darüber hab ich nichts im Katalog gefunden.
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Warum muß sie sich anziehen wie eine Operndiva?
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Bitte heute keine Überwältigungen mehr.
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Ich hätte aber lieber den Eiffelturm gesehen.
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Vielleicht soll das gar kein Hund sein.
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Kann Wind auch rückwärts wehen?
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Manchmal muß man die Augen schließen, damit es Kunst wird.
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Der Geist muß raus aus der Wunderlampe, damit er Wünsche erfüllen kann.
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Und dieses ist der elfte Satz.
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exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann
SharedOCUMENTA (13): Reise um die Kunst in 100 Tagen (Tag 1 – 10)
von Felix Hofmann+ und Ingrid Mylo+ in dOCUMENTA (13) am 18. Juni 2012
Das Documenta-Journal
von Ingrid Mylo & Felix Hofmann
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Tag 10 / 18.06.12 / 10:00 - 13:00 Uhr
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Geh hin, sag ich, und hör dir das gewaltsame Donnern des Meeres an im Südflügel des Hauptbahnhofs. Die Sirene, die sich in der Rotunde des Fridericianum dem Tahrir-Platz nähert, auf dem der Künstler Ahmed Basiony von ägyptischen Polizeikräften mit fünf Schüssen niedergestreckt wurde. Die Schreie der Teilnehmer der 'Anger Workshops', die aus dem geschlossenen Raum der Neuen Galerie dringen. Was richtet das an zwischen deinen Augen?
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Ein paar Stunden Kunst: und der Blick auf die Welt ist ein anderer, man kann der Bedeutungsauslese nicht mehr entkommen. Eine zerdrückte Bierdose neben einem Büschel Klatschmohn an der Außenwand der Turnhalle in der Samuel Beckett-Anlage macht mit einem Mal was her. Ein vergessenes Sandkastenförmchen dicht an einem Hundehaufen. Eine Haarnadel und eine Handvoll abgeschnittener Fingernägel im Aschenbecher auf einem der Tische vor dem Café Eberts.
In dem Buch 'Das Treppenhaus und andere Landschaften' steht unter dem Titel 'Szenenwechsel':
»Irgendwo unterwegs lehnt ein großer Splitter Fensterglas an einem Laternenpfahl, kunstvoll, als hätte sich einer was dabei gedacht. Und plötzlich, als springe die Wahrnehmung um wie die Bühnenbeleuchtung bei einem Szenewechsel, wird jedes Detail, jeder Papierfetzen, jedes umgefallene Fahrrad, jeder Blumentopf auf einer Fensterbank dekorativer Bestandteil einer Inszenierung, alles ist Absicht und Arrangement, selbst die eigenen Bewegungen wirken geplant: und man verliert jeden Glauben an Unmittelbarkeit.«
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»Dem Dritten Reich ist kein Kunstwerk, kein gedankliches Gebilde gelungen, das auch nur der armseligen liberalistischen Forderung nach "Niveau" hätte Genüge tun können. Der Abbau der Humanität und die Konservierung des Geistesgüter waren so wenig vereinbar wie Luftschutzkeller und Storchennest, und die kämpferisch erneuerte Kultur sah schon am ersten Tag aus wie die Städte an ihrem letzten, ein Schutthaufen.« (Theodor W. Adorno / Minima Moralia)
Auch wenn man sagen kann, das Dritte Reich ist tot, so geht doch der »Abbau der Humanität« weiter. Eine Unzahl von Filmen, zum Beispiel, die hier gezeigt werden, handelt davon. Die Zerstörung von Menschen und ihren Lebenswelten durch Übergeordnetes aus den Herrschaftsbereichen. Die Anonymisierung der Zerstörenden und ihrer Befehlsgeber / Arbeitgeber ist Sache der "Blödmaschinen" (Seeßlen / Metz). Diesen muß man hier und heute und zuallererst eines entgegensetzen: Denken lernen. Andere Aufgabenstellungen gehen ins Leere. Denken lernen, um Handeln zu lernen. Das Internet ist keineswegs, wie manche glauben und propagieren, die Alternative zu den Blödmaschinen Presse und Fernsehen, gar die wahrhaft demokratische, sondern deren Fortsetzung und Erweiterung mit noch effektiveren totalitären Mitteln. Vollends technifiziertes Dasein geworden, addiert die globale Vernetzung der Lebenswelten zur Unübersichtlichkeit statt sie aufzuheben.
Leider gibt es auf der Documenta keine Vortragsreihe ' Denken lernen, um Handeln zu lernen', nur eine mit dem Titel 'Was ist Denken?'. Was wir im Vortrag vom 18. Juni zu hören bekamen, war eine Darstellung von / Auseinandersetzung mit Wahrnehmungstheorien, beginnend mit Aristoteles, über Kant bis zu Maurice Merleau-Ponty und seinem Buch 'Phänomenologie der Wahrnehmung'. Ohne Aristoteles, Kant und Merlau-Ponty zu diskreditieren (ganz im Gegenteil), aber das ist Futter für Philosophen, verharrt im inneren Kreis und dringt nicht mal zu den Überschneidungsfeldern von Denken und Handeln vor. Angesichts dessen, was täglich auf dem Globus an Zerstörung des Denkens und Unterbindung von Nochnicht-Gedachtem praktiziert wird – eine (weitere) Übung in akademischer Genügsamkeit. Polemisch ausgedrückt: das sich selbst umkreisende philosophische Denken findet in den Storchennestern statt und weigert sich noch immer, die Luftschutzkeller zur Kenntnis zu nehmen.
Dem Film von Willie Doherty, "Secretion", der in der teilweise vergifteten Umgebung von Kassel gedreht wurde, im sogenannten Märchenwald, einem Teil des Reinhardswaldes, ist eine Erzählung unterlegt, die stark an den Erzählton von Kafka erinnert und an dessen Grundmotiv des sich (hier auch körperlich) auflösenden Subjekts unter dem Zugriff nicht (mehr) identifizierbarer Verursacher- und Verurteilungsinstanzen.
Begriffe wie 'Occupy' und 'Attac' signalisieren Aggressivität und Entschlossenheit zum Handeln, aber die Bewegungen hinter den Begriffen befinden sich noch im Stadium der Demonstration und des Schildermalens. Sammlungsbewegungen auf der Suche nach dem Beitritt der Massen ("Jezt mitmachen!"). Das Leitmotiv dieser Documenta, Zerstörung und Wiederaufbau, kann solange nicht eingelöst werden, wie unverstanden bleibt, daß selbst die Attackierung und Eroberung des Zerstörungssystems das System noch reproduziert. Stumpfe, krankmachende Duldung, stummes, krankmachendes Leiden und das trotzig darauf reagierende "macht kaputt, was euch kaputt macht", weiter sind wir noch nicht gekommen. Daher die Rückkehr der 60er Jahre auf so vielen Feldern dieser Documenta. Es gibt nach wie vor keine Strategie, dem Abbau der Humanität ein Ende zu machen. Das Zeitalter der Ernsthaftigkeit muß erst noch beginnen. Oder nicht pathetisch: der gewollten Unübersichtlichkeit muß eine gewollte Übersichtlichkeit vorgesetzt werden. Die Gruppe 'And And And' scheint in diese Richtung zu gehen. Als wir sie vor ein paar Tagen mal wieder besuchen wollten, war die Tür verschlossen.
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Tag 9 / 17.06.12 / 10:00 - 13:00 Uhr
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Das hast du woanders schon einmal gehört, dieses Geräusch, das die Brotschneidemaschine macht, während du darauf wartest, an der Reihe zu sein: beim Bäcker Becker ist sonntags die Schlange lang. Vor dir stehen noch elf, und wieder ist einer dran, der will sein Brot geschnitten, und wieder dieses Geräusch, das die Maschine macht, wenn sie schneidet, ein hohes gleichmäßig fiepsendes Zerlegen von Zeit, unter dem ein tiefer Ton rhythmisch rumort: das kennst du, erst kürzlich hast du dem zugehört, lange, ausführlich: vitales, dunkles Pulsieren, das aus dem Tritt kommt, hin und wieder, stolperndes Herz in Cevdet Ereks 'Raum der Rhythmen', und sonntags beim Bäcker pulst es, ohne zu stolpern erneut, Echo der Kunst.
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Dort, wo auf dem Bahnsteig zu Gleis 11 die letzte Bank steht, irren einzelne Geigentöne in der Gegend herum: auf der Suche nach sich, auf der Suche nach einander, auf der Suche nach Sinn.
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Eine digitale Laufschrift auf einer riesigen Tafel, die man nicht im Innenraum lesen kann, nur außen, unten von der Fußgängerzone aus. Cevdet Erek: LAST DECADE A DOCUMENTA CHANGED MY LIFE. In seiner Rauminstallation,'Room of Rhythms / International Style', liegt ein Lineal auf einem Tisch, herausgeschnitten aus einem "Weihnachtsbaum", nicht mit einer Zentimetereinteilung sondern mit Jahresstrichen einer anderen Zeitrechnung. An einer Wand ein Schild mit der Aufschrift: 'Chronokratie'. An einer weit davon erntfernden Stelle, in die Außenwelt und einen Betonkasten verlegt, ein Pflanzenbeet: 'Garten'. Die andere Zeitrechnung hebt bestimmte Jahre hervor, die Documentajahre. Seit wir die Zeit in genaue Zähl- und Maßeinheiten gezwängt haben, rächt sie sich an uns durch ihr unaufhaltsames Fortschreiten. Die Uhr auf dem Bahnsteig, der zur Musikinstallation von Susan Philipsz führt, ist stehengeblieben. Auf der Vorderseite (Hinweg) zeigt sie zehn vor Zwölf. Am Ende des Bahnsteigs, von dem aus in den Jahren 1941 und 1942 die noch verbliebenen jüdischen Familien aus dem Bezirk Kassel zur Erschießung in die Wälder des Baltikums transportiert wurden, erklingt aus sieben weit auseinanderliegenden Lautsprechern die in Einzelinstrumente zerlegte Komposition 'Studie für Streichorchester', die der Musiker Pavel Haas 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt komponierte. Er wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Auf dem Rückweg steht die anderen Seite der Uhr, mit allen drei Zeigern, auf Zwölf.
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Es gibt zwei Sachen, bisher, die wir fast permanent besuchen, und absichtlich, nicht nur, wenn wir zufällig in der Nähe sind. Die Wind-Räume und die Kentridge-Halle.
Was man in der Film-Halle von William Kentridge wahrnimmt, ist nicht analysierbar, nicht kritisierbar, nicht interpretierbar. Es ist das, was es ist, und so, wie es ist. 'The Refusal of Time.' Fünf Projektionsflächen, vorgefundene Wände einer nicht mehr genutzen Lagerhalle, für 5 Filme, die einander überschneiden, aber nicht gleichen. Vielleicht 5 Fassungen desselben Films. Die Zurückweisung der Eindeutigkeit. Und doch als Ganzes ein klassisches Kunstwerk: identifizierbar und unwiederholbar. Hier ist eine der Vorgaben dieser Documenta vollkommen eingelöst – die Wiederzusammenführung der Künste und der Wissenschaften. Um möglichst viel davon aufnehmen zu können, muß man mehrmals hingehen, besser noch: sooft man kann, wenn's geht: fast täglich. 'Die Zurückweisung der Zeit.'
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In der Innenstadt verkauft jemand Gartenbänke mit buntgemalten, wellig geschnittenen Sitzflächen und Rückenlehnen. Eine ist darunter mit dem aufgesetzten Spruch: »Kunst wischt den Staub des Alltags von der Seele.« Der soll von Pablo Picasso stammen. Wir bevorzugen seine Taten, seine Kunst – die hat zu ihrer Zeit den Staub der Seele aus dem Alltag entfernt.
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Tag 8 / 16.06.12 / 15:00 - 18:30 Uhr
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Zwischendurch ein Vortrag, den die Samuel Beckett Gesellschaft von Kassel veranstaltet. Er war zwischen 1928 und 1932 hier einige Male zu Besuch, eine Liebesgeschichte natürlich, und deshalb gibt es diese Gesellschaft. Im Vortrag ging es jedoch um James Joyce und seine Verwendung musikalischer Formen und Inhalte im 'Ulysses'. Liebe Joyce-Philologen, bitte in Zukunft ein bißchen mehr Aufmerksamkeit für die schöne derbe Vermischung von Hochkultur und Popkultur im 'Ulysses', die schon einer Verpanschung gleichkommt, und nicht bloß die Popkultur kurz erwähnen und schnell wieder fallenlassen, um dann doch wieder nur die Hochkultur zu beworteln und zu beschreibseln, und nicht bloß verständnisvoll schmunzelnd darauf hinweisen, daß Joyce ja nun auch die Schnulzen der Hochkultur geliebt hat, sondern mal richtig hingucken und hinlangen und herausholen, was da wirklich passiert. Warum lesen wir denn genau diesen Roman aus dem Jahr 1922 noch heute mit Begeisterung - und fast all die anderen Roman gewordenen Gemütszustände jener Zeit nicht mehr? Weil da Töne anklingen, die den Ewigkeitsansprüchen der Hochkultur weit überlegen sind. Töne von Rebellion und Chuzpe, von Schmarotzeranarchismus und Säuferintelligenz, von listigen Verführungstechniken mit anschließenden handgreiflichen Körpereroberungen, und das alles nicht nur in Wort, Klang und Gesang, sondern mit Wort, Klang und Gesang als Mittel zum Zweck. Daß Joyce jede Menge Opern- und Operetten-Arien kannte, wir wissen es. Daß er die Notationsformen und Vortragsformen von Fuge und Kanon auf die Struktur und den Rhythmus seiner Sprache übertragen hat, das wußten wir zwar nicht, aber was sollen wir damit anfangen? Daß er aber die im Volk (zumal im irischen) verankerten Erzählungen und Geschichten der Gassenhauer und Kneipengesänge zum Grundakkord seines kosmischen Tages gemacht hat, daß er die Erzählungen und Geschichten der Weiberhelden und Thekenrevolutionäre, der Verbrecher und Möchtegernverbrecher nicht nur liebt sondern ins Zentrum dieses All-Tags setzt, daß er sich über die unglücklich verliebten Dichter und die vor sich hin bröselnden Nobelbürger, die beide gleichermaßen zu blöd sind für handfeste Abenteuer, lustig macht, das entgeht euch leider, weil ihr immer noch nicht gelernt habt, daß die Literatur das Leben nicht abbildet sondern Voraussetzung (und manchmal sogar, wenn nötig, Anleitung) zum Leben ist, jenem anderen, erstrebenswerten, das sich der verordneten Normalität entzieht. Die Popkultur (auch die irische) ist heute nicht mehr wie die am Bloomsday des Jahres 1904, gewiß, aber der Zugriff auf die Lebenswelten der Menschen hat sich nie gelockert. Deshalb gibt es tausende von Bezügen und Assoziationen zwischen dem Ulysses auch noch in unserer heutigen von Trivialität und Belanglosigkeiten überzuckerten Welt, und die Popmusik ist wahrscheinlich die ergiebigste Verbindung von allen. Deshalb, verehrte Vertreter der Philologenzunft, in Zukunft bitte mehr Leben in die Bude bringen!
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Wie im richtigen Leben und anders als im Internet ist auf der documenta nicht immer alles sofort verfügbar. Die Filme, die Videos, die Perfomances beginnen nicht unbedingt in dem Moment, in dem man dort vorbeischneit. Man muß schon gezielt hingehen, warten oder wiederkommen.
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Auf einem unserer Hinwege zu den Ausstellungsorten kommen wir regelmäßig an einer Zahnarztpraxis vorbei. Davor das Schild: Medizinische Zahnbehandlung und Implantologie.
Philosophen werden bald vielleicht auch so genannt: Ideen-Implantologen, Ideen-System-Implantologen. Gedanken-Implantologen, Gedanken-System-Implantologen. Im Englischen heißt Kraftwerk: power plant. Und die Kraftwerkstypen: steam power plant, thermal power plant, tidal power plant, updraft powerplant, nuclear power plant, water power plant, wave power plant, wind power plant, coal-fired powerplant, gas-fired power plant, waste-fired power plant, solar power plant. Alle Energieerzeugung ist ein Pflanzen und Ernten. Was die Kunst pflanzt, ist klar: Fragen, Irritationen, Hypothesen, Provisorien und Verwandlungen. Was sie erntet, ist nicht so klar. Eher keine Antworten, Gewißheiten, Beweise, Orientierungen und Ewigkeiten, in die man einfach einen Stecker reinschiebt, und schon läuft die Maschine am anderen Ende des Kabels. Aber vielleicht eine andere Elektrizität, eine andere Energie, eine Serie von Stimmungen, die genau am "Schnittpunkt von Gefühl und Verstand" (Hans Ulrich Gumbrecht) entstehen. Die Stimmungsschwankungen, in die man vor, während und nach einer zahnärztlichen Behandlung gerät, inbegriffen. Die Vorahnungen sind von Abneigung geprägt, dann kommt die Behandlung, die tatsächlich mehr oder weniger fürchterlich ausfällt (kommt darauf an, was man aushält oder auszuhalten bereit ist), aber am Ende ist man etwas gesünder, zumindest an dieser einen, kleinen Stelle des Körpers, wo das Implantat sitzt.
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Tag 7 / 15.06.12 / 14:00 - 18:00 Uhr
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Kann man sagen, daß die Revolutionäre der 60er Jahre in den 70ern angefangen haben, sich im Kulturbetrieb festzusetzen, die meisten schreibend bzw. filmend, und kann man das als Teilresignation auffassen, mit Blick auf die Jahrzehnte danach, in denen sie sich immer weiter auf ein sich immer mehr entpolitisierendes Künstler-Ich zurückgezogen haben, bis heute, wo die Politik ganz offen in die Kunst zurückkehrt, aber ein erweitertes Politik-Verständnis fordert und praktiziert, eben jenes Bündnis »zwischen dem fortschrittlichen sozialen Denken (...) und dem aktuellen Vermächtnis ökologischer Perspektiven«, und kann man deshalb von einer Rückkehr der 60er mit erweiterten (oder auch spezialisierten) Mitteln sprechen?
Aus den direkten Zugriffen auf die politischen Aktualitäten der 60er und 70er Jahre (allem übergeordnet damals, und zu recht, der Krieg des Westens gegen Vietnam) ist eine Kritik der Vermittlungen geworden, Medienkritik. Und diese durchaus fundamental, aber noch lange nicht radikal genug. Harun Farocki hat sich in seinen Filmen mehrmals mit dem Vietnamkrieg auseinandergesetzt, auf der letzten Documenta gab es von ihm eine äußerst aufschlußreiche Installation zur Vermittlung von Fußball im Fernsehen. Hartmut Bitomsky hat in den 80er Jahren 3 Filme zur deutschen Geschichte gemacht, "Deutschlandbilder" / "Reichsautobahn" / "Der VW-Komplex", und zuletzt, 2007, einen Film über ein universelles Thema: "Staub". Alles Meisterwerke. Und sehr weit von den Anfängen in den 60er Jahren entfernt. Die beiden sind im Laufe der Zeit aus dem Fernsehen herausgefallen.
In seinen ersten konkurrenzlosen Jahrzehnten brauchte das Fernsehen noch andere Blicke als den eigenen und andere Schnitte zwischen den Blicken als die eigenen, wollte und mußte die Fähigkeiten der Intellektuellen und Künstler zur eigenen Weiterentwicklung nutzen, denn nur sie konnten diese Weiterentwicklung garantieren, schob dann aber die Arbeit und die Arbeiten dieser Gruppen ins Spartenprogramm ab, um sie langsam (vielleicht sogar ein wenig mitfühlend) an ihre Obsoleszenz zu gewöhnen , und akzeptiert sie heute gar nicht mehr (die Zeiten vornehmer Zurückhaltung sind vorbei), sondern schließt sie nun gänzlich von allen Sendeplätzen aus, weil das, was einst Avantgarde war, inzwischen als Fundamentalstörung gilt.
Alexander Kluge, produktiv wie eh und je, ist aus dem Kino verschwunden, im Fernsehen (noch) mittendrin. Gesichert durch einen Vertrag, mit dem der gelernte Jurist vor einem Vierteljahrhundert durchgekommen ist, heute aber nur mitleidig belächelt und nach Hause geschickt würde. Er ist im Filmprogramm dieser Documenta vertreten, im August, mit der Weltpremiere 'Mein Jahrhundert, mein Tier!' – und wir freuen uns schon drauf. Mal sehen, wie lange der Film sich danach im Kino halten kann.
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Sie war der Zeit um genau eine documenta voraus, die kleine Gruppe europäischer Intellektueller, die sich die 'Desituationistische Internationale' nennt und im Sommer vor fünf Jahren über Nacht eine weiße Linie durch die Straßen von Kassel gezogen hatte, über die Bürgersteige, die Anhöhen rauf und runter, kilometerlang. Als dummer Scherz wurde die Aktion von der Vor-Ort-"Zeitung" abgetan, als Kunst, was sonst, betrachten es viele Passanten, begleitet von nachlässigem Schulterzucken: schließlich lief die bedeutenste Ausstellung zeitgenössischer Kunst gerade auf vollen Touren, zum zwölften Mal. Von der documenta-Leitung war damals nichts zu erfahren, sie tappte im Dunkeln: eigenmächtig und unvermittelt hatte die DI ihr Werk mit dem Titel 'Eine Linie ist eine Linie ist keine Linie ist?' in die Welt gesetzt, das mit seinen zwölf Kilometern dieselbe Länge aufwies und denselben Umriss wie die 2007 um den G8-Gipfel in Heiligendamm errichtete Sperrmauer, die das gemeine Volk draußen halten sollte: und die Grenze, die in Kassel die Fulda zieht, zieht bei Rostock das Meer.
"Also doch Kunst", äußerte sich eine documenta-Besucherin an der Dönerbude vor dem Kulturbahnhof zufrieden, als sie erfuhr, was es mit dem endlosen weißen Strich auf sich hatte. "Ich hab doch gewußt, das ist kein Scherz, das hat was zu bedeuten."
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Einfälle, Zusammenhänge, Überzeugungen, Darlegungen, Widersprüche, Erwartungen, Querverweise, Verwirrungen, Annahmen, Assoziationen, Klarheiten, Ausblicke, Verwandlungen, Bezugspunkte, Hinterfragungen, Illustrationen, Urteile, Sichtweisen, Zerstörungen, Erläuterungen, Rätsel, Herleitungen, Verwerfungen, Variationen, Meinungen, Korrekturen, Begründungen, Verdachtsmomente, Auslegungen, Irreführungen, Echos, Interpretationen, Neuanfänge.
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Auf der großen Presse-Party der Documenta im Kulturbahnhof (am Vorabend der offiziellen Eröffnung) lief ein Video der Londoner Künstlergruppe 'Dubmorphology', offensichtlich Filmmaterial aus der amerikanischen Black Power Bewegung (möglicherweise von einem Kongreß des SNCC), neu zusammengeschnitten und mit einer unsäglichen Sphären- und Computermusik zugeschmiert. Keiner von den Knöpfchendrückern und Reglerschiebern am Soundboard wußte auch nur das Geringste über dieses Video, und niemand der Anwesenden im KuBa hat sich für diesen Film interessiert. Die Projektion des Videos war auch offensichtlich nicht als etwas gemeint, wofür man sich interessieren sollte. Black Power als Gratis-Draufgabe für erdbeeren-, äpfel- und schinkenbrotessende, wein-, bier- und wassertrinkende Medienvertreter. Der Film lief einfach als Hintergrundgeflimmer und Hintergrundgedudel der Party. Aber er hatte einen Effekt: im Umkreis von 20 Metern vor der Leindwand war alles leergefegt, sogar die Biergartenbänke und -tische blieben unbesetzt. Die Bilder-und-Sound-Abspulung ist noch den paar Figuren, die sich dazu durchringen konnten, wenigstens mal versuchsweise hinzuschauen, dermaßen auf die Nerven gegangen, daß sie sich spätestens nach 1 Minute wieder verkrümelt haben. Und heißt das, auch das Video-Format ist jetzt auf dem Abstellgleis? Und Künstler-Videos sind hoffnungslos veraltet, noch bevor sie in Artshows gezeigt werden? Oder gerade deswegen dort landen? Und die privatistische Massenprostitution auf 'YouTube' ist die neue Avantgarde?
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Tag 6 / 14.06.12 / 16:00 - 17:00 Uhr
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Zwei der Ausstellungsorte sind dem (alten) Hauptbahnhof zugeordnet, der heute Kulturbahnhof (KuBa) heißt, Südflügel und Nordflügel. Wenn man am Südflügel vorbeigeht, immer weiter und weiter, kommt man an allerlei Verfall vorüber, den die Deutsche Bahn hier herumstehen und herumliegen läßt, dann an einem einsam stehenden Verwaltungsgebäude (?) aus grünem Glas, könnte zur Zeit seines Baus als Avantgarde-Architektur gemeint gewesen sein. Sofort setzt sich das Wort deplaziert im Hirn fest. Dann noch weiter. Es kommt ein Raum, in dem drei alte Strom-/Telegrafenmasten auf dem Boden liegen. Kommunikation und Elektrizität über große Entfernungen. Ohne sie keine Modernisierung, keine Geschäfte. Die Masten stinken nach Teer. Und noch mal weiter. Erst fast am Ende des Asphalts kommt man zu einem Raum der Künstlerinitiative AND AND AND. Dort steht ein Tisch mit einem Riesenstapel einer großformatigen Zeitung (29x38 cm): ANTIUNIVERSITY of LONDON - Music / Art / Poetry / Black Power / Madness / Revolution – Opens 12th February 1968 – 49 Rivington Street / Shoreditch EC2 – Membership £8 – No Formal Requirements. Darin eine ganzseitige Ankündigung: International Congress / DIALECTICS OF LIBERATION – A unique gathering to demystify human violence in all its forms, the social systems from which it emanates, and to explore new forms of action – Ronald D. Laing / Gregory Bateson / Stokely Carmichael / Jules Henry / Erving Goffman / Paul Sweezy / Ernest Mandel / Paul Goodman / Lucien Goldmann / John Gerassi / Herbert Marcuse / David Cooper / Allen Ginsberg.
1968 ist weg. Oder doch nicht weg, wie man angesichts dieser Zeitung denken könnte (oder glauben soll?). Die Documenta 1968 war die erste, die ich mir angeschaut habe, einfach abgehauen für eine halbe Woche aus meiner 130 Kilometer entfernten Schule. Schon seit Tagen jetzt - der Stapel wird nicht kleiner. Oder wird er, von den unberechenbaren Leprechauns der Revolution, Nacht für Nacht wieder aufgefüllt?
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Die vielen Bücher in den vorderen Räumen des Nordflügels vom Kulturbahnhof, darunter das eine: voller leerer Seiten: Micromegas was here.
(Micromegas: Titel und gleichnamiger Held einer Erzählung von Voltaire, ein allwissender Bewohner des Sternes Sirius, der neben anderen Planeten auch der Erde einen Besuch abstattet und zuletzt den Menschen ein "schönes wissenschaftliches" Buch überreicht, aus dem sie "den Endzweck aller Dinge" erfahren soll. Als die Gelehrten das Buch nach Micromegas' Abreise aufschlagen, finden sie nichts als leere Blätter).
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Tag 5 / 13.06.12 / 14:00 - 17:30 Uhr
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Aus dem programmatischen Essay von Carolyn Christov-Bakargiev: »Die dOCUMENTA (13) wird (...) von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt teilt und respektiert. Es wird der Versuch unternommen, das menschliche Denken nicht hierarchisch über die Fähigkeiten anderer Spezies und Dinge zu stellen, zu denken oder Wissen zu produzieren. Das heißt nicht, daß wir immer in der Lage sind, Zugang zu diesem anderen Wissen zu erlangen, auch wenn Wissenschaftler, und insbesondere Quantenphysiker, dies durchaus versuchen - beispielsweise, wie Photonen zusammen tanzen und denken; doch es gibt dem Blick auf unser eigenes Denken eine besondere Perspektive. Es macht uns demütiger; es ermöglicht uns, das Partielle der menschlichen Handlungsmacht zu erkennen, und ermutigt uns, einen weniger anthropozentrischen Standpunkt einzunehmen. Es ist heute wichtig, ein Bündnis zu schmieden zwischen dem fortschrittlichen sozialen Denken, das aufgrund seiner Beschäftigung mit sozialer und ökonomischer Ungerechtigkeit in menschlichen Gemeinschaften traditionell anthropozentristisch ist, und dem aktuellen Vermächtnis ökologischer Perspektiven. Es ist wichtig, damit das gegenwärtige ökologische Nachdenken über Fragen von Autonomie und Nachhaltigkeit nicht mißverstanden wird oder riskiert, in die Falle nationalistischer und traditionalistischer Lokalpatriotismen zu geraten.«
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Der Tiger, die Forelle und die Blaubeere ziehen ihre Lebensenergie aus anderen Lebewesen, aus dem Wasser, aus Boden, Luft und Sonne. Sie produzieren Leben, und sie zerstören, rauben, verarbeiten anderes Leben, um ihr eigenes immer weiter zu reproduzieren. Sie können, unter bestimmten Umständen, durchaus Teile ihrer spezifischen Lebenswelten zerstören, und doch sind sie ein schöner (oder unschöner) Anblick, graziöse (oder plumpe) Bewohner des Planeten Erde. Genau wie jedes andere Leben. Gefährdung und Tod inbegriffen. Genau wie bei jedem anderen Leben. Aber sie können nicht den Planeten zerstören, dazu fehlen ihnen die Mittel. Den Planeten als Ganzes aufs Spiel setzen, kann nur ein einziges Lebewesen: der Mensch. Wir haben das Wissen dazu angehäuft, dann die Techniken zu diesem Wissen entwickelt, und schließlich einiges davon schon ausprobiert, angewendet. Wir können den Tiger, die Forelle und die Blaubeere ausrotten. Und alles andere auf diesem Globus gleich mit. Der Tiger, die Forelle und die Blaubeere können uns nicht ausrotten. Wenn man das als Beweis dafür auslegt, daß wir allen anderen Lebewesen überlegen sind, dann muß man auch bereit sein, die Verantwortung für alle anderen Lebewesen zu übernehmen, also die Überlegenheit wieder zurückzunehmen, nicht rücksichtslos zu praktizieren. Die oberste Voraussetzung für diese Verantwortung ist: Respekt. Aber wir weigern uns, diese Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen den Ertrag, den Profit, die Ernte, den Spaß und die daraus resultierende immer bessere Lebensqualität, unsere Lebensqualität, aber von den Folgen für alle anderen Lebensqualitäten wollen wir nichts wissen.
Es ist dringend an der Zeit, über solche Zusammenhänge nachzudenken. Man kann das wissenschaftlich tun, künstlerisch, philosophisch, religiös. Das sind verschiedene Arten des Denkens oder Nichtdenkens, verschiedene Arten des Handelns oder Nichthandelns, verschiedene Arten der Selbsterhaltung oder Selbstzerstörung. Nicht mehr und nicht weniger. Die Künstler denken, handeln, erhalten und zerstören auf ihre besondere Art, genau wie alle anderen auf ihre Weise. So viel wie möglich von all dem zusammenzuführen – unter der Vorgabe von Verantwortung und Respekt – das ist der Themenkomplex der diesjährigen Documenta. So etwas ist, soweit wir das überblicken können, bisher von keiner Kunstschau versucht worden, und deshalb kann es durchaus sein, daß nicht alles gelingen wird, was hier präsentiert wird und werden soll, und es kann durchaus passieren, daß sich die Documenta an dieser selbst gesetzten Aufgabe übernommen hat, daß sie daran scheitert. Wir werden es sehen, und wenn wir alles gesehen haben, vielleicht ein bißchen vorangekommen sein. Die Frage, ob etwas Kunst ist oder nicht, wird nach Kriterien und Kategorien entschieden, die längst selber fraglich geworden sind. Die Attitüde "das kann ich auch" ist denen vorbehalten, die alles können, aber nichts machen. Die generelle Abneigung gegen Experimente einerseits und Kompliziertheit andererseits ist von dem Drang nach Rudelbildung geleitet, nicht von dem nach Erkennen und Verstehen.
Wieviele gescheiterte Versuche hat es gegeben, bevor wir einen Flugapparat entwickelt haben, der tatsächlich fliegen konnte? Wieviele Fehlversuche hat es gegeben, bevor wir hunderte von Apfelsorten hingekriegt haben, die man alle mit Genuß und Lust essen kann? Wieviel Unsinn ist in der Philosophie verzapft worden, bis wir herausgefunden haben, welches die zehn oder hundert oder zweihundert relevanten Gedankengänge für uns sind? Und wir sind immer noch nicht am Ende der Vorläufigkeiten, Behelfsmäßigkeiten, Abwegigkeiten angekommen. Wieviel Resourcen und unwiederbringliche Bodenschätze sind im Laufe unserer Technikgeschichte verbraucht, verschwendet und vernichtet worden, bis wir uns die Elektrizität angeeignet, die Dampfmaschine konstruiert, den Verbrennungsmotor genehmigt, die Kernspaltung erzwungen haben, um nun, im 21. Jahrhundert, langsam (sehr sehr langsam) darauf zu kommen, daß einiges davon wahrscheinlich Irrwege waren und sind, mit so fatalen Folgen, daß man sich von diesen Errungenschaften vielleicht doch besser wieder trennen sollte? Wieviel abgebrochene oder fehlgegangene Laborforschung ist aufgewendet worden, bis wir endlich wirksame oder halbwegs wirksame Medikamente gegen Pest und Cholera, gegen Krebs und Keuchhusten, gegen Aids und Stirnhöhlenvereiterungen, gegen Ekzeme und Schwindsucht gefunden haben?
Die Kunst ist von all dem Scheitern und all den Unsinnigkeiten nicht ausgeschlossen. Auch davon handelt diese 13. Documenta, und genaugenommen auch schon die 12 vorangegangenen, und selbstverständlich, unterschwellig, alle Kunstpräsentation überall auf der Welt ebenso. Das Konzept, Anthropozentrismus und holistische Ökologie zusammenzudenken / zusammenzubringen, ist nicht neu, aber in einer Kunstschau bisher noch nicht angegangen worden. Das können wir hier und heute erleben. Was wir daraus machen – wer will behaupten, das schon zu wissen? Wir sind gerade mal am Anfang des Experimentierens, mit offenem Ausgang, und diese Documenta wird möglicherweise als erste Manifestation / Dokumentation dieses Experimentierstadiums in die Geschichte eingehen. Auch hier gilt: Scheitern inbegriffen.
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Die Standorte der Kunst liegen weit auseinander: wer viel sehen will, muß viel laufen. Wer viel läuft, braucht gute Schuhe. Oder keine: die Stufen zur Orangerie steigt einer in Strümpfen hoch, in unvollständigen Strümpfen: vorne schauen die Zehen raus: es sieht aus, als hätten sie Spaß daran. Im Flur der Documenta-Halle sitzt eine Besucherin zusammengesunken auf der Bank, ihre hochhackigen Schuhe stehen säuberlich neben ihren daraus befreiten Füßen. Eine andere Besucherin humpelt auf der Suche nach den Apfelbildern durch den ersten Stock im Fridericianum, einen Schuh am Fuß, den anderen in der Hand.
"Und was ist mit dem Schuh,"
heißt es in dem Gedicht 'Die sonnige Fratze des Wasserspeiers',
"der viel öfter als früher
vereinzelt am Straßenrand liegt?
In der Torausfahrt? Unter der Brücke?"
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Tag 4 / 12.06.12 / 10:00 - 11:00 Uhr
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Liebe Ingrid,
zu unserem Gespräch heute morgen: "Der Mensch ist nicht unbedingt das Mass und der Mittelpunkt, etc."
Tja, sicher.
Vor einigen Tagen habe ich irgendwo gelesen, die Tomate hätte eine höhere Anzahl Chromosomen als der Mensch.
Und andererseits stimmt es sicher, dass die Grottenmaler von Lascaux sich nicht als Künstler, in unserem Sinn, betrachteten.
Schön. Und die DNA der Tomate ist möglicherweise ein genaus so grosses Wunder wie die Grottenmalereii von Lascaux, Bachs Goldberg Variationen oder Deine Gedichte.
Aber trotzdem: es will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen, dass die Dinge irgendwie ein Ziel haben, oder wenigstens sich in einer Richtung bewegen, wer weiss wieso und warum.
Von weniger Komplexität zu mehr Komplexität. Oder von Materie (d.h. Energie) zu Abstraktion. Oder von einem ersten Grad zu einem zweiten, dritten, etc.
Und in dieser Richtung sind wir – d.h. die Grottenmaler von Lascaux, der J.S. Bach und Du und ich mit meinen Fotos, den Tomaten und den Sandkörnern voran.
Tschüss
Frank
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lieber frank,
(...)
ach, und von wegen tomaten: vielleicht haben die eine art weiterentwicklung und kommunikation, die wir nicht raffen mit unserem hirn: weil wir "logozentrisch" vorgehen und von anderen arten der verständigung notgedrungen nicht die leiseste vorstellung haben: das überfordert unser beschränktes denkvermögen.
vielleicht haben die tomaten (oder die zaunlatten oder die hechte) etwas entsprechenedes wie die kantaten von bach - und unsere sinne kriegen es nicht mit: weil ihre filter zu grob sind? ich sage nicht, daß es so ist oder auch nur wahrscheinlich - aber es macht mir vergnügen, diese art der weltsicht mit in meine überlegungen einzubeziehen - auch, wenn ich sie hinterher wieder verwerfe.
ganz herzlich
ingrid
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Tag 3 / 11.06.12 / 11:00 - 13:00 Uhr
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– Das da in der Ecke, sagt sie und zeigt auf eins von Etel Adnans kleinen bunten Bildern, heißt Feierabend.
– Steht das da, fragt er, ich hab nichts gesehen.
– Das sieht man doch, sagt sie, eine Bloody Mary und die rote Sonne, die hinter der Theke versinkt.
– Das sollen aber Landschaften sein, sagt er.
– Du kannst ja dem Katalog glauben, sagt sie, ich glaub meiner Phantasie.
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Was haben die selbsternannten Kunstrichter auf Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin, im Vorfeld der Documenta eingeprügelt! Die neidischen Museums-Direktoren in anderen Städten, die Ex- oder Noch-Kunstprofessoren, die zum letzten Mal vor Jahrzehnten um ihre Mitarbeit gefragt worden sind und seitdem auf jede ohne sie stattfindende Documenta schimpfen, die Zeitungs- und Radio-Verlautbarer, die Skandale erschnüffeln, was das Zeug hält, damit ihr Name mal wieder die Runde macht.
Ihnen allen ist gemeinsam: der Geifer der Mißgunst, die Brachialrhetorik der Übergangenen und Eingeschnappten, das Geprahle der Angeber. Und noch etwas verbindet sie: obwohl sie gar nichts gesehen haben, gar nichts wissen, noch gar nichts verstehen können, erklären sie die Arbeit der Chefin und damit die ganze Veranstaltung schon im Vorhinein für gescheitert, Wochen und Monate vor dem Eröffnungstag ("CCB kann Kunst nicht von belanglosem Kunsthandwerk unterscheiden", "CCB tritt dumm und arrogant auf", "CCB ist wie so viele dieser jungen, allzuforschen Neulinge unfähig", "das Konzept von CCB ist in die Hose gegangen" .... etc. ). Echte Bescheidwisser. Und echte Zukunftswisser. Leute mit einer erstaunlichen Begabung: sie können die Exkremente schon riechen, bevor noch die Mahlzeit auf dem Tisch steht.
Neid, Konkurrenzgebalze, Wichtigtuerei und miese Laune – ist das der Zustand des Kunstdiskurses in Deutschland?
Jetzt verfliegt das alles, denn es stellt sich nach und nach heraus, daß diese Documenta einiges zu bieten hat und ihre Eigenständigkeit gegenüber allen anderen Kunstereignissen behaupten wird. Wir haben uns zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung einen ersten Überblick verschafft und sind ziemlich schnell drauf gekommen, daß es hier richtig spannend und überraschend und nachdenklich zugleich zugeht. Wäre das nicht unser Eindruck gewesen, hätten wir nicht kurzentschlossen die Idee und den Plan zu einem Journal entwickelt. Man kann nicht 100 Tage lang müdes Kunstgewerkel kommentieren oder beschreiben, ohne irgendwann selbst zur Beute der Langeweile zu werden. Daß es immer mal wieder Mißlungenes oder Albernheiten gibt – geschenkt. Das ist so bei solchen Großveranstaltungen. Und einiges von diesen Ausfällen wird auch den Weg in unser Journal finden. Polemik macht Spaß. Oh yeah.
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Geh hin, sag ich, und schau dir den 'Tanz der Krähen' an auf der hellen Gardine in der Neuen Galerie. Den tausendfachen Lidschlag der schwarzen Jalousien im Nordflügel des Kulturbahnhofs. Die Abwesenheit der 38 Schmetterlingsarten über dem Pflanzendickicht vor der Documenta-Halle. Was machst du daraus?
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Die Automotoren von Thomas Bayrle. Sie sind in der Mitte aufgetrennt, man kann ihr Innerstes sehen, die Eingeweide. Und die bewegen sich noch. Angetrieben nicht mehr, wie in ihren aktiven Zeiten, von Benzin oder Diesel, sondern von Elektromotoren. Sie werden sterben, die alten Verbrennungsmotoren, und wie manche Menschen sind sie nach einem gänzlich unreligiösen Leben auf ihre alten Tage offenbar doch noch fromm geworden und beten und flehen um Gnade. Natürlich mechanisch, es sind ja Motoren, Fetzen aus dem Ave Maria: "Bitt für uns ... bitt für uns ... bitt für uns ...".
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Vom Wandel der hinduistischen Anbetung der Kuh erzählt Paul Bowles in seinen Reiseberichten 'Taufe der Einsamkeit', und daß im Indien der Fünfziger Jahre ein Anwärter auf ein öffentliches Amt einen auf englisch verfaßten Text vorlegen mußte, der seine Fähigkeiten zu belegen hatte. Wie folgender: "Kuh ist einmal wundervolles Tier, auch ist er vierbeinig, und weil er weiblich ist, gibt er Milch. (...) Aber er hat vier zusammenhängende Beine. Zwei sind davor, und zwei sind danach. (...) Er ist das einzige Tier, das seine Fütterung nach dem Essen wieder befreit. (...) Er hat Haare am Ende der anderen Seite. Das geschieht, um die Fliegen zu verscheuchen, die auf seinem gesamten Leib absteigen und ihn unablässig züchtigt, woraufhin er Schlag mit ihm ausführt."
Hat dieser Bewerber, fragt man sich, den Job gekriegt?
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Tag 2 / 10.06.12 / 13:00 - 17:00 Uhr
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Painting has pain in it. Music is the healing force of the universe.
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Zum zweiten Mal in einem Raum im Erdgeschoß des Fridericianum. Der Raum ist klein und leer, bis auf die Lautsprecher in allen Ecken. Es läuft ein kurzer Ausschnitt aus einem Lied von Tammy Wynette, von Ceal Floyer verändert und zu einer Endlosschleife geschnitten. Akustische Instrumente, ein Anklang von American Folk und im Vordergrund eine einschmeichelnde, weiche Stimme. Intimität von der viel zu seltenen Art: ohne Kitsch und ohne Prätention. Eingängige Töne, die sofort ihren Weg ins Melodiengedächtnis finden, wo sie von all den anderen, die dort schon zusammenleben, erwartet und willkommen geheißen werden. Wahlverwandschaft von Gefühlen und immerwährende Wiederholung. Verführung und Erbarmungslosigkeit ... 'til I get it right, I'll just keep on, 'til I get it right ...
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Die beiden identisch aussehenden großen weißen Steine von Giuseppe Penone: und dann steht da: der eine ist ein Flußstein, der andere seine aus Carrara-Marmor gefertigte Nachbildung. Ununterscheidbar. Und im Gedächtnis taucht die Episode auf von der Frau, die auf einem Parkweg einen kleinen ovalen Stein entdeckt. Geradezu entzückt von seiner täuschenden Ähnlichkeit mit einem Vogelei bückt sie sich danach. Als sie beim Aufheben realisiert, daß es tatsächlich ein Vogelei ist, schmeißt sie es angewidert von sich.
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Im obersten Stockwerk, ziemlich versteckt, ein Raum für und von Llyn Foulkes, aufgeteilt in zwei Abteilungen für je ein Bild, davon abgetrennt eine größere Fläche mit einer kleinen Bühne. Auf der steht ein Wunder-Ding, "The Machine" genannt. Es ist noch eine jener Maschinen, das erkennt man auf den ersten Blick, die stumm und unproduktiv bleiben, wenn nicht ein Mensch sie bearbeitet ("bedient" wäre hier das falscheste Wort). Ein selbstgebautes Musikinstrument aus analogen Zeiten (ohne stand-by Schalter, ohne digitale Automatismen), zusammengesetzt aus Kuhglocken, Trommeln, Xylophon, uralten Fahrradhupen, kaum jüngeren Autohupen und am Boden eine waagrecht gespannte Bass-Saite. Wer genauer hinschaut, entdeckt noch einiges mehr, zum Beispiel ein Bügeleisen von der Sorte, die man zunächst auf der Herdplatte erwärmen mußte, bevor man sie gebrauchen konnte. Beim Anblick dieser Maschine erwartet man natürlich einen Spaßmacher. Und das, so wird es sich zeigen, ist er auch, aber ein Spaßmacher, der es ernst meint. Er ist ein Geschichtenerzähler – in der besten Tradition der intelligenten und subversiven Popmusik, die in einigen Stadtteilen von L.A. (man hört es deutlich bei Ry Cooder und Los Lobos) noch überlebt. Und musikalisch ist er etwas, was es nicht gibt: ein Naturereignis, eine Naturgewalt, die weiß, was sie tut. Von jenen Tschingderassabumm-Einmann-Kapellen, die man kennt, so meilenweit entfernt, daß alle dahin zielenden Assoziationen sofort zusammenbrechen. Die Anordnung der einzelnen Teile ist wie bei einem konventionellen Schlagzeug, mit dem Percussionisten in der Mitte. Für ungeübte Augen ein Gewirr, ein Ungetüm, aber unter den Händen und Füßen des Musikers, auch das wird sich bald zeigen, ein Instrument von euphorisierender Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit.
Llyn Foulkes ist 78 Jahre alt und erzählt eine spannende Kurzfassung seiner Lebensgeschichte. An bestimmten Stellen, fast unmerklich, beginnt eine leichte Rhythmisierung der Erzählung, die Zeilenenden fangen an, sich zu reimen, die Musikmaschine unterstützt den Takt, die Bass-Saite wird kräftiger in der Lautstärke und bildet eine Tonfolge aus, der Erzählfluß geht in Gesang über. Was dann folgt ist eine lange Improvisation (keine Notenblätter, keine Textblätter), in der Foulkes seine Kindheit im 40er-Jahre Los Angeles verarbeitet, Swing und alte Filme, Gene Kripa und Stan Kenton, die Stars und das mondäne Leben, die Verwechslung von Leinwandträumen und sozialen Realitäten, der West Coast Jazz und Bebop der 50er Jahre, die Anfänge der Rockmusik in den 60ern, immer wieder die Wandlungen Hollywoods. Heavy Metal, Heavy Shit. Und weiter bis zum heutigen Los Angeles. Smog-City. Oder "City of Fear", wie Mike Davis die Stadt genannt hat. Not everybody who lives in Hollywood is rich and famous. Die Stimme, manchmal aus Seide wie die von Sinatra in seinen sentimentalischen Songs, manchmal rauh und bösartig wie in den bedrohlichen Stücken von Tom Waits, manchmal überdreht und quietschig wie in den Gefühlsüberschwang simulierenden Musicals. Painting is my torment and music is my joy. Was für ein Auftritt! Zu dem Mann, dann auch zu seinen beiden Bildern, werden wir garantiert nochmal zurückkommen.
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Alle fünf Jahre hat man, wenn man in Kassel wohnt und ein Bett erübrigen kann, einen Sommer lang ganz viele Freunde.
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Tag 1 / 09.06.12 / 16:00 - 20:00 Uhr
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Die präsidiale Eröffnung am Vormittag haben wir ausgelassen.
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Schon nach den ersten beiden Stunden wird klar, daß man sich diese Documenta erarbeiten muß. Das läuft nicht übers Knöpfchendrücken auf Tastaturen, die einen ins Netz befördern, wo man dann, stillgestellt vor dem Computer, alles erfährt, was das Internet so preiszugeben hat. Hier ist alles physisch präsent. Es gibt klare Verbindungen zwischen den Ausstellungsstücken, die bereits in der ersten Wahrnehmung zu erkennen sind, aber es gibt auch undeutliche, die sich nur langsam zur Klärung hin erschließen. Man muß laufen, schauen, riechen, hören, denken – und weiterlaufen. Die ganze Körpermotorik ist gefragt, diese Documenta beginnt sozusagen in den Beinen, steigt im Körper hoch, oder durchwandert ihn bis hinauf in die Nase, die Augen und Ohren, fordert die ganze Wahrnehmungsmotorik und setzt schließlich das Gehirn in Gang. Hopefully.
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Auf der Treppenstraße, die zum Friedrichsplatz führt, zieht ein Mädchen eine leere Pizzaschachtel aus einer Plastiktüte, geht zu einem Papierkorb und legt die Pizzaschachtel wie einen Deckel darauf. Tritt zurück und fotografiert ihren Einfall. Die Freundin des Mädchens tippt sich an die Stirn. Das ist auch Kunst, sagt das Mädchen herausfordernd. Nimmt die Pizzaschachtel vom Papierkorb und verstaut sie wieder in ihrer Plastiktüte. Sie hat noch Verwendung dafür.
Weiter unten auf der Treppenstraße sagt ein Staatsbeamter im Ruhestand zu einem ehemaligen Kollegen, ich hab sie alle gesehen, und die letzte war Scheiße. Was ich bisher von dieser gesehen habe, war schön.
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Kunst vermittelt sich und die Welt durch das fertige Werk. Hier wird eher wenig Vertrauen in diese Vermittlung gesetzt, stattdessen sind Kunst und Realität oft kaum unterscheidbar. Das hebelt natürlich einige frühere Kunstbegriffe aus. Diese Documenta macht sich genau diese Vermittlung zu einem ihrer Themen. Die Kunst greift direkt in die Realität ein, die Realität direkt in die Kunst. Man findet häufig Notizbücher, Zeichenblätter, Vorbereitungsarbeiten, wildes Durcheinander. Der Arbeits- und Ideenprozeß zum fertigen Werk ist ein Dokument (!) der Sache selbst. Scheitern inklusive. Auch: Verweigerung und Rückzug inklusive.
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Auf der vorigen Documenta hatte Ai Weiwei aus alten chinesischen Holztüren und -fenstern eine robuste und mit starkem Selbstbewußtsein auftretende Konstruktion (Template) errichtet, die wenige Tage nach Ausstellungseröffnung von einem Unwetter zum Einsturz gebracht wurde. Daraufhin hat er sich nicht "händeringend und den Tränen nahe" vor sein demoliertes Werk gestellt und mit dem Schicksal gehadert, sondern meinte beim Anblick des Trümmerhaufens, so gefalle es ihm eigentlich noch besser, deshalb werde er die Konstruktion nicht wieder aufbauen. Die Skulptur hat man als Kunst akzeptiert, und nach dem alten Kunstbegriff hätte man den Trümmerhaufen wegräumen müssen. Der erweiterte Kunstbegriff sagt: dies ist nur eine andere Form, eine andere Formgebung derselben Sache, eine Formgebung, die nicht vom Menschen kommt.
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Der Raum mit dem eingesperrten Wind im Erdgeschoß des Fridericianum: nichts zu sehen, aber das, was man spürt, löst Lachen und Wunder und Meere von Bildern aus. Und am Eröffnungstag bläst es heftig durch Kassel, Papier wirbelt durch die Straßen, Kleider flattern, Bäume rauschen: der Wind hat sich aus dem Zimmer im Erdgeschoß losgerissen und tanzt wie toll durch die ganze Stadt.
exklusiv für getidan
© Ingrid Mylo & Felix Hofmann












































































