Peter Claus über aktuelle Kinostarts






Glück (ab 23. Februar)

Hure mit Herz und Loser mit Seele – sie finden sich und kämpfen um die gemeinsame Zukunft. Eine alte Geschichte. Die Protagonisten sind diesmal: Irina (Alba Rohrwacher) und Kalle (Vinzenz Kiefer). Sie ist vor dem Krieg im einstigen Jugoslawien nach Berlin geflohen und schlägt sich mühsam durch, schafft an. Er: ein Niemand aus dem Nirgendwo. Die Zwei stammen aus einer der Geschichten, die Starjurist Ferdinand von Schirach in seinem Erzähldebüt „Verbrechen“ veröffentlicht hat. Seine lakonische Sprache macht die Story zum Genuss. Die hauchdünne Membran, die Recht von Unrecht trennt, ist da greifbar. Bei Doris Dörrie ist nichts greifbar. Es legt sich eine bleierne Mattigkeit über Alles. Zuviel Süßes erstickt nun einmal alle Lebendigkeit. Und Doris Dörrie wirft geradezu mit Zuckerbomben um sich. Womit sie den Stil der Vorlage und damit auch die Figuren an schnöden Kitsch verrät. Da hilft es auch nicht, dass sie die wunderbare Alba Rohrwacher aus Italien als Hauptdarstellerin verpflichtet hat. Die schöne Schlichtheit von deren Darstellung kommt gegen den triefenden Seelenschmalz, der rundum alles verklebt, nicht an.

Doris Dörrie hat öffentlich ihren Unmut zum Ausdruck gebracht, dass ihr neuer Film nicht in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde, auch nicht in die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis gelangte. Dafür kann man der Auswahl-Jury der Filmfestspiele und denen, die die Kandidaten für den Deutschen Filmpreis bestimmen, nur danken!

Peter Claus

Glück, von Doris Dörrie (Deutschland 2012)

Bilder: Constantin Film

Young Adult (ab 23. Februar)

Nein, ich bin kein Fan von Charlize Theron. Zweifellos: sie sieht gut aus, und sie kann was. Aber mir drängte sich bisher fast immer der Eindruck einer gewissen Gekünsteltheit auf. Diesmal spielt sie ein richtiges Aas – und das macht sie so großartig, so, dass man hingerissen sein muss. Charlize Theron spielt Mavis Gary, Autorin von Jugendbüchern. Die Enddreißigerin beschließt eines Tages, das Kaff, aus dem sie stammt, heimzusuchen. „Heimzusuchen“ ist der genau richtige Ausdruck. Sie führt Böses im Schilde. Buddy Slade (Patrick Wilson), die Jugendliebe, will sie erobern. Dafür muss Mavis nur mal kurzerhand dessen Auserkorene (Elizabeth Reaser) und das gemeinsame Baby der Beiden ausstechen. Der Weg dorthin führt über einen anderen Schulkameraden (Patton Oswalt). In ihm findet Mavis den passenden Saufkumpan. Es wird getrunken, gesponnen und zum Angriff gerüstet. Der Ausgang dieser Geschichte ist absolut ungewiss.

Regisseur Jason Reitman hat schon mit „Thank You for Smoking“ und mit „Juno“ sein Gespür fürs Außergewöhnliche bewiesen. Immer überrascht er mit besonderen Einfällen. Diesmal ist es der, dass Mavis eine ihrer Jugendbuchfiguren gleichsam entgegengesetzt wird, ein Sonnenscheinchen. Die Schriftstellerin hingegen ist ein Wrack. Das Tolle an der Story: Das fiese Verhalten der Frau wird nicht verurteilt und nicht beschönigt – und eine rosarote Läuterung am Ende findet auch nicht statt. Ja, man möchte Mavis eigentlich schnurstracks den Hals umdrehen. Doch da kommt nun Charlize Theron ins Spiel. Sie stattet die „Hexe“ nämlich auch mit Verletzlichkeit aus, Dünnhäutigkeit, lässt ahnen, warum sie wurde, wie sie ist. Von einem exzellenten Ensemble umgeben, fährt die Hauptdarstellerin zu Hochform auf. So kommt es dazu, dass man die Begegnung mit dem Monster in Menschengestalt als bereichernd empfindet. Denn man grübelt plötzlich über das Dunkle in sich selbst nach. Die Balance aus leiser Ironie und Melancholie, die die Inszenierung auszeichnet, tut ein Übriges. Fazit: Ein schöner schwarzer Film über die dunklen Seiten des Lebens. Sehr erhellend!

Peter Claus

Young Adult, von Jason Reitman (USA 2011)

Bilder: Paramount

¡Vivan las Antipodas! (ab 23. Februar)

Beliebte Kinderfrage: Wo lande ich, wenn ich an der Stelle, an der ich grad bin, in die Erde bohre, einmal ganz durch, ganz geradlinig, bis ich wieder rauskomme? Victor Kossakovsky nimmt die Frage ernst und gibt Antworten in seiner Dokumentation. Als erstes lernen wir, dass wir meist im Wasser landen. Weil der größte Teil des blauen Planeten von Wasser bedeckt ist, gibt es gar nicht viele geografische Antipoden auf Festland. Aber einige existieren schon. Acht davon hat der Regisseur für seinen Film aufgesucht – und zeigt sie in traumwandlerisch schönen Tableaus.

Manche Gegensätze sind überaus reizvoll: Entre Rìos hier, Shanghai da, Landleben in Lateinamerika contra Stadtgewusel in einer der Metropolen Asiens. Die Gegensätze sind augenfällig. Der Film leistet über deren vordergründige Bebilderung jedoch kaum etwas hinaus. Das ist bei den anderen Beispielen nicht anders. Und so ermüdet die Doku erstaunlich schnell. Einmal ärgert sie sogar: die Sequenzen über die Ödnis in den Weiten von Botswana kommen gefährlich in die Nähe von Gutmenschen-Kitsch: da guckt einer mit großen staunenden Augen, wie pittoresk Armut doch wirken kann – und will deren Schrecken möglichst nicht wahr haben.

Hinreißend hingegen: manche Bildfolge von wirklich beeindruckenden Naturschauspielen. Die Nebelbänke über dem Baikalsee beispielsweise, die verfolgt werden, wird wohl niemand jemals vergessen können. Weil mit Gespür für Wirkung eingefangen, bleibt hier auch jeder Anflug von Postkarten-Idylle aus. Und das ist auch mehrdeutig. Kossakovsky gelingt es hier, wie auch an anderer Stelle, das Gefährliche im Schönen aufblitzen zu lassen. Da bekommt sein Film dann gelegentlich die faszinierende Kraft eines düsteren Poems.

Peter Claus

¡Vivan las Antipodas!, von Victor Kossakovsky (Deutschland, Argentinien, Niederlande, Chile 2011)

Bilder: farbfilm (Barnsteiner)

Hugo Cabret (ab 16. Februar)

Grad erst hat „The Artist“ alle Filmverrückten in Verzückung geraten lassen. Und nun „Hugo Cabret“. Auch Martin Scorsese beschwört die Kraft des Kinos von einst. Allerdings auf sehr, sehr anderem Weg, und das nicht nur, weil der Regie-Star auf 3D-Technik setzt.

Martin Scorsese, bekennender Kino-Narr, setzt Georges Méliès, einem der Pioniere des Kintopp, der zwischen 1896 und 1912 mehr als fünfhundert Filme gedreht haben soll, ein Denkmal. Méliès, der 1902 mit der Jules Verne-Verfilmung „Die Reise zum Mond“ das Science-Fiction Genre begründete, war ein Mann, der schon zu seinen Lebzeiten lange vergessen wurde, ein klägliches Leben fristete, und erst in den letzten Jahren, nachdem sein Werk wiederentdeckt worden war, ein wenig zur Ruhe kam.

Die irrwitzige, verrückte Handlung spielt im Winter 1931 in einem Pariser Bahnhof und drumherum. Kern des Märchens: der 12-jährige Hugo Cabret (Asa Butterfield) lüftet nach einigen Abenteuern das Lebensgeheimnis des betagten Spielzeughändlers Georges (Ben Kingsley) – und führt das Publikum so in die Wunderwelt des frühen Kinos.

Martin Scorsese nimmt sich wunderbar viel Zeit, um die Zuschauer in die Welt seines Märchens das viele Bezüge zur Realität hat zu geleiten. Manchmal grüßen da „Die fabelhafte Welt der Amelie“, der Rausch des Musicals „Can-Can“ und der Charme von Colettes „Gigi“. Die 3D-Technik ermöglicht – fern von krachender Effekthascherei – wirklich magische Tableaus, vor allem der Szenerie des Bahnhofs. Hier macht die Technik mal wieder, selten genug kommt’s vor, wirklich Sinn. Diese Bilder, die Kostüme, der Musikeinsatz, das Schauspiel – kurz: alles – ergeben ein berauschend schönes Kino-Kunstwerk – dessen Finale wohl alle, die die siebte Kunst wirklich lieben, zu Tränen rührt.

Das exzellente Schauspielteam wird vom 13-jährigen Asa Butterfield in der Titelrolle angeführt. Ebenso bravourös: Chloe Moretz, Ben Kingsley und Jude Law. Sie spielen mit ihm und ihm zu. Der Clou: Sacha Baron Cohen. Der Mann, der mit „Borat“ und „Brüno“ wohl einige verschreckt hat, darf auf die Pauke hauen, Slapstick vom Feinsten hinlegen und – Überraschung – völlig unerwartet auch auf der Klaviatur der Gefühle spielen, und das sehr fein. Rundum also ein Vergnügen – für alle, die’s märchenhaft schön mögen, und die einem Schlüsselsatz des Films gern misstrauen: „Ein Happy End gibt’s nur im Kino.“

Peter Claus

Hugo Cabret, von Martin Scorsese (USA 2011)

Bilder: Paramount

Sommer auf dem Land (ab 16. Februar)

Klingt durchgedreht: Ein Witwer entdeckt in einer Kuh die Seele seiner verstorbenen Frau. – Ist auch durchgedreht – auf schönste Art.

Trauer nicht in Schwarz, sondern in grellbunt. – So ließe sich diese herrliche Farce überschreiben. Die Geschichte des Pianisten Bogdan, der auf dem Land nur mühsam über den Tod seiner Frau hinwegkommt, bis er dann mit einer Kuh eine höchst merkwürdige „Lovestory“ erlebt, überrascht nicht nur durch das, was erzählt wird, sondern auch dadurch, wie. Der Ton der Erzählung trumpft nämlich klugerweise nicht mit „Verrücktem“ auf, sondern mit fast konventioneller Schlichtheit. Und genau deshalb, nimmt man den Film im Handumdrehen an.

Der polnische Regisseur Radek Wegrzyn, der an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg studiert hat, verbindet Elemente des Dramas, des Schwanks, der Komödie und Satire zu einer wirklich originellen Anleitung, wie man selbst in schwersten Momenten dem Leben Gutes abgewinnen kann. Da wird’s auch mal derb und deftig, bleibt jedoch durchweg hintergründig.

Mich hat der Film an turbulente Dorf- und Sitten-Komödien aus dem Italien der 1950er Jahre erinnert. Wie in ihnen, wird hier unbekümmert, auch mal frech, immer mit Liebe zum Menschlich-Allzumenschlichen die Lust am Leben gefeiert. Das haut die Filmgeschichte nicht um. Aber diese Lust überträgt sich eins-zu-eins auf den Zuschauer. Ein Geschenk in diesen wahrlich nicht sehr lustigen Zeiten!

Peter Claus

Sommer auf dem Land, von Radek Wegrzyn (Deutschland, Polen, Finnland 2011)

Bilder: Farbfilm (24 Bilder)

Die Thomaner (ab 16. Februar)

Seit 800 Jahren gibt es die Thomasschule und den Chor dazu, die Thomaner. Das Jubiläum, klar, wird kräftig gefeiert, auch mit diesem Film. Pure Lobhudelei also? Nein, erfreulicherweise nicht. Paul Smaczny und Günter Atteln, die den Chor ein Jahr lang begleitet haben, gelingt es, in ihrer Dokumentation bei aller spürbaren Zuneigung zum Objekt ihrer Betrachtung auch Momente kritischer Distanz zu bieten.

Das Hauptthema: die Förderung der Individualität von rund einhundert Jungen und jungen Männern, die ihre Kunst aber allein im Team entfalten können. Wobei von Anfang an klar wird: Individualität ist bei den Thomanern vor allem auf die Gesangskunst ausgerichtet, nicht unbedingt auf alle Aspekte der Persönlichkeit. Sensible Naturen haben es äußerst schwer, mit dem Internatsleben, den Hierarchien, dem sich Ein- und Unterordnen-Müssen. Chorleiter Georg Christoph Biller etwa räumt das vor Kamera und Mikrofon offen ein.

Wie sich das Leben unter solcher Prämisse gestaltet, wird anhand eines Schuljahres versucht zu erkunden. Als Nicht-Thomaner kriegt man da gelegentlich Schweißausbrüche, wenn man nur die Härte der Proben mitbekommt. Fußballspiel und Kissenschlacht muten einem als Außenstehenden nicht sehr aufbauend an. Andererseits: da ist dann die Musik, Bach natürlich vor allem, deren Schönheit. Wenn dann, etwa auf Tournee, die Begeisterung der Sänger und der Zuhörer eingefangen wird, relativiert sich der Preis, der für diese Schönheit gezahlt werden muss.

Trotzdem bleibt am Ende ein Nachgeschmack: Ein Thomaner, so der Einruck, hat nur eine Familie, den Chor. Doch aus dem muss er nach dem Abitur gehen. Was dann? Was hat das für Folgen für die Persönlichkeit? Wie geht es weiter? – Die Fragen werden nicht wirklich beantwortet. Damit bleibt eine Beunruhigung – und die Musik Bachs klingt einem plötzlich auch bedrohlich im Ohr.

Peter Claus

Die Thomaner, Paul Smaczny und Günter Atteln (Deutschland 2011)

Bilder: NFP (Filmwelt)

Black Gold (ab 09. Februar)

Die Werbung spricht vom „Neuen ‚Lawrence von Arabien’“ – und verhebt sich damit kräftig. Die Klasse des vor einem Vierteljahrhundert herausgekommenen „Wüstenepos“ von Regisseur David Lean erreicht Jean-Jacques Annaud mit seinem Film nicht. Aber: Fans von saftigen Abenteuerschinken bietet er pralle Unterhaltung. Und das ist ja auch was.

Die Story blickt auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Auf der Arabischen Halbinsel herrschen noch fast ausschließlich die archaischen Regeln kriegerischer Stammesgesellschaften. Doch der Kapitalismus hält Einkehr: Erdöl wird entdeckt – und verändert die Welt. Ein Politdrama also? I wo! Es geht um Liebe, Träume, Hass: Prinz und Prinzessin und der Sturm ihrer Gefühle sind das A und O. Alles andere ist nur Zutat.

Vorlage des Films ist der 1957 erschienene Roman „Der schwarze Durst“ von Hans Ruesch. Das Buch wurde sicher auch deshalb ein ziemlicher Erfolg, weil der Schweizer Autor als Rennfahrer einige Popularität genoss. Er jedoch hatte durchaus einen klaren Blick auf soziale Fragen und spiegelte die in seiner Erzählung. Im Film spielen sie kaum eine Rolle. Hier geht es mehr um ein wohliges „1000 und eine Nacht“-Flair. Die Botschaft von der Notwendigkeit des Zusammenkommens verschiedener Kulturen wirkt lediglich als Zutat.

Der Unterhaltungswert ist aber, wenn man den Film als Märchen betrachtet, nicht klein. Was auch prominenten Schauspielern zu danken ist, vor allem Antonio Banderas und Mark Strong in den (Neben-)Rollen zweier Widersacher. Freida Pinto hingegen, die in „Slumdog Millionaire“ begeisterte, hat als Prinzessin zu wenig Spielraum, um wirklich mehr denn Schönheit zu entfalten. Tahar Rahim, der in „Ein Prophet“ begeisterte, hat als Prinz schon mehr Möglichkeiten. Doch auch seine Figur bleibt mehr Typ als dass sie zum Charakter reifen könnte. Große Ansprüche also werden nicht bedient. Der nach gefälliger Traumfabrik jedoch mit ziemlichem Geschick.

Peter Claus

Black Gold, von Jean-Jacques Annaud (Frankreich, Katar 2011)

Bilder: Universal Pictures

Der Junge mit dem Fahrrad (ab 09. Februar)

Der Gewinner des Großen Jurypreis’ von Cannes ist nicht immer ein großer Publikumsfilm. Dieser schon!

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne blicken erneut auf Menschen am Abgrund. Wieder gelingt dem belgischen Regie-Duo damit eine Milieustudie fern von Kitsch. Die Geschichte des halbwüchsigen Cyril (Thomas Doret), der mit seinen elf Jahren nichts wie weg will aus dem Kinderheim, zurück zum Vater (Jérémie Renier) ist von satter Dramatik, rührt einen an, balanciert aber geschickt an allen Untiefen drohender Sentimentalität vorbei. Die Spannung erwächst weniger aus der Frage, ob es dem Kind gelingt, den Vater zu finden, als daraus, ob er es verkraften kann, wenn er einsehen muss, dass dieser Vater nichts mit dem erträumten Ideal gemein hat. Mehr sei hier zur Handlung, die wirklich originell ist und mit viel Herzenswärme packt, auch mit Witz und Dramatik, nicht verraten.

Luc und Jean-Pierre Dardenne, die vielen Szenen wieder eine dokumentarische Anmutung verliehen haben, arbeiten das schwere Thema „Schuld und Sühne“ verblüffend leicht auf. Cyril ist dabei keineswegs ein unentwegt liebes Kind, sondern ein höchst schwieriger, eigenwilliger, kaum zu bändigender Querkopf. Man staunt, was der Schüler Thomas Doret alles in seinem Gesicht, vor allem den Augen, spiegelt. Wobei, ganz klar: kluge Kameraführung und sensible Inszenierung tragen dabei viel.

Interessant: die Brüder Dardenne setzen, das ist nicht üblich bei ihnen, stark auf Hoffnung. Dafür gibt es die Figur der Samantha, eine Frau, die so etwas wie der rettende Engel für Cyril wird. Cécile De France bewahrt auch diesen Charakter vor falschen Tönen, trägt so wesentlich zur Glaubwürdigkeit bei. Und sie ist so etwas wie eine Lichtgestalt in der doch recht düsteren Ballade von der Einsamkeit der Verlorenen. Mancher im Publikum wird sich wohl wünschen, so hingebungsvoll für das Gute eintreten zu können, wie Samantha. Ohne Träume kommt halt niemand aus.

Peter Claus

Der Junge mit dem Fahrrad, von Luc und Jean-Pierre Dardenne (Belgien, Frankreich, Italien 2011)

Bilder: Alamode

Die Unsichtbare (ab 09. Februar)

Regisseur Christian Schwochow hat 2008 mit seinem Debüt „Novemberkind“ nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Da ist das Interesse an seinem neuen Film groß, beim Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken vor gut zwei Wochen etwa war der Andrang der Zuschauer enorm, das Echo überaus positiv.

Dabei lockt das vermeintliche Thema, die Identifikationssuche einer jungen Schauspielerin, erst einmal vielleicht nicht sonderlich. Die Stichworte lassen einen egozentrischen Seelentrip vermuten. Aber so, wie die Stichworte nicht wirklich den Film treffen, werden entsprechende Befürchtungen auch nicht erfüllt.

Der Ausgangspunkt der Erzählung liegt im Theater: Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) will das Stücks „Camille“ mit Schauspielstudenten inszenieren. Für die Hauptrolle wählt er die scheue Fine Lorenz (Stine Fischer Christensen). Sie wirkt zunächst blass, geradezu uninteressiert. Gerade das scheint Kaspar zu reizen. Er will mit (psychischer) Gewalt, das Tier in Fine aufwecken, ihre Lust am Sex, am Frausein. Fine begreift zunächst gar nicht, was der Mann von ihr will. Doch je mehr sie sich ergibt, umso stärker wird sie scheinbar – und zugleich zerbrechlicher. Bald sieht es so aus, als würde sie ernsthaft seelischen Schaden nehmen. Es stellt sich die Frage, ob eine Katastrophe unausweichlich ist, oder ob es die Beteiligten schaffen, wirklich zu sich selbst und damit zu einem guten Leben zu finden.

Der Plot ist nicht neu. Robert Aldrichs „Große Lüge Lylah Clare“ hat ihn 1968 auf die Spitze getrieben. Christian Schwochows Film wirkt dagegen leise, zurückhaltend, angenehm verhalten. Das trifft auch zu, wenn der von vielen Kritikern bemühte Vergleich zu Darren Aronofskys „Black Swan“ angestellt wird. Wie dort, so wird auch hier der Zusammenhang von Körper und Seele ins Visier genommen. Doch in diesem Film so, dass auch Menschen, die nichts mit Theater, Film oder dem Showgeschäft an sich zu tun haben, sich einklinken können. Für Theaterfans freilich sind die Szenen um die Mühen der Arbeit an einer Inszenierung sicherlich Highlights.

Das ist in großem Maß der aus Dänemark stammenden Hauptdarstellerin Stine Fischer Christensen zu danken. Sie wirkt – und das ist in diesem Fall positiv gemeint – absolut durchschnittlich. Sie entfacht die vielen Facetten der Geschichte und von Fines Persönlichkeit mit einer sehr für die Figur einnehmenden Ruhe, fast Gelassenheit – und mit einer großen Wandlungsfähigkeit. Besonders spannend ist das, wenn sich die Persönlichkeiten Fines und Camilles „mischen“.

Christian Schwochows stimmige Inszenierung lädt jeden Zuschauer ein, eigene Fragen an die Figuren und damit an sich selbst zu stellen. Das ist von großem Reiz. Denn es gibt wohl niemanden, dem sich nicht schon einmal die Frage aufgedrängt hat, „Wer bin ich eigentlich?“

Peter Claus

Die Unsichtbare, von Christian Schwochow (Deutschland, Frankreich 2011)

Bilder: Falcom

Dame, König, As, Spion (ab 02. Februar)

Seit Jahrzehnten gehört John le Carré zu den Erfolgsautoren im Genre-Thriller. Sein Hauptthema: der Kalte Krieg. Doch der ist aus. Bedeutet dies auch das „Aus“ für die Romane? Mitnichten. Das beweist die Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“, ein meisterliches Bild Europas der 1970er Jahre, das auch Schlaglichter auf die Gegenwart wirft.

Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson hat sein US-Debüt mit der Präzision eines altmodischen schweizer Uhrwerks inszeniert. Sämtliche Szenen sind in sich klug arrangiert und genauso klug miteinander verwoben. Das damit geschaffene Gespinst aus Lüge und Verrat bekommt so eine wahrlich mörderische Dichte. Kameraführung, Ausstattung und Musik unterstützen das prächtig. Die sepia-getönten Tableaus in schönstem Breitwandformat werden vom üppigen Soundtrack geradezu umschmeichelt. Der Zeitgeist von vor etwa vierzig Jahren feiert auf geradezu unheimliche Art seine Wiederauferstehung.

Ost und West in Konkurrenz: Spione hier, Agenten da, von den eigenen Leuten jeweils als Helden gefeiert, von den anderen verteufelt. Der Kalte Krieg kannte keine Gnade. Aber er kannte Schlupflöcher für die Demokratie. Da passt die hier erzählte Geschichte von der verzweifelten Suche nach einem Doppelagenten wie die Faust aufs Auge. Tomas Alfredson folgt der Vorlage von John le Carré, wenn er sein Augenmerk auf den Ungeist richtet, der alles Tun der Protagonisten bestimmt. Moralische Wertungen bleiben dabei aus. Was den Gänsehauteffekt noch verstärkt. Je mehr die Handlung voranschreitet, umso mehr beschleicht einen das ungute Gefühl, auch heutigentags ist nichts sicher, was uns die politischen Hüter von Staatsräson und -ordnung als sicher anpreisen, nichts ist wirklich weiß, was uns weiß gemacht wird.

Die Erzählung begeistert neben aller Spannung, die aus der Suche nach dem „Bösewicht“ resultiert, insbesondere durch die vielen Szenen, in denen der Kampf der Anti-Helden wie ein Ballett der Blicke und ein Gemetzel der Gesten wirkt. Lautstarke Action haben die Männer an den unsichtbaren Fronten der rivalisierenden Geheimdienste immer vermieden, und der Film vermeidet sie also auch. Selten gab es einen Thriller, in dem das lauernde Misstrauen von jedem gegen jeden derart intensiv zu spüren war, ohne dass es erklärender Worte oder ausufernder Materialschlachten bedarf. Auch das lässt einen Gruseln: Hört und sieht man das, fragt man sich sofort, ob die letzte Beurteilung, die man bekommen hat, nicht doch mit heimlichen, von einem selbst nicht zu entschlüsselnden Informationen Gespickt war.

Der jugendlich wirkende Benedict Cumberbatch als Peter Gilliam und der gestandene Gary Oldman in der Rolle des George Smiley führen das mit aufregender Gelassenheit agierende Schauspielensemble an. Populäre Akteure wie Colin Firth und Ciarán Hinds unterstützen sie mit nicht unbedingt großen, aber äußerst wirkungsvollen Auftritten. Sie lassen einen frösteln, wenn sie ganz locker und nebenbei beweisen, wie tödlich ein charmantes Lächeln sein kann. Und sie zeigen, dass der Kalte Krieg keine Angelegenheit war, die allein „die da oben“ betraf, sondern eine politische Katastrophe, die das Leben unzähliger so genannter kleiner Leute auf oft dramatische Weise geprägt hat.

Die Verfilmung des 1974 veröffentlichten Romans beginnt übrigens mit einem inszenatorischen Coup: John Hurt, zweifellos ein Weltstar, spielt den Chef von „Circus“, wie der geheimste innere Verbund der britischen Spionage heißt. Er setzt das Geschehen in Gang. Und schon tritt er ab. Die Figur stirbt. Damit ist im Handumdrehen die Spannung angeheizt. Denn keiner im Parkett mag so recht glauben, dass ein Schauspieler vom Format eines John Hurt wirklich nur einen derartig kurzen Auftritt absolviert. Jeder rechnet damit, dass hier die erste Finte gelegt wurde, und der populäre Akteur irgendwann noch einmal mit sardonischem Lächeln auf der Spielfläche erscheint. Ob diese Erwartung erfüllt wird, sei hier selbstverständlich nicht verraten. Aber deutlich gesagt sei, dass dies nicht die einzige trickreiche Überraschung der exzellenten Literaturverfilmung ist!

Peter Claus

Dame, König, As, Spion, von Tomas Alfredson (Frankreich, England, Deutschland 2011)

Bilder: Studiocanal

Die Summe meiner einzelnen Teile (ab 02. Februar)

Der Autor und Regisseur Hans Weingartner, der vor elf Jahren mit „Das weiße Rauschen“ bekannt wurde, der Physik und Neurowissenschaften studiert hat, erzählt in expressiven Bildern vom Mathematiker Martin (Peter Schneider), den ein Burn out umhaut. Nach einer Zeit in einer psychiatrischen Klinik will er wieder „normal“ leben. Doch die Umstände, die sind nicht so. Erst die Freundschaft mit einem kleinen Jungen (Timur Massold), der nur russisch spricht, bringt ihn wieder auf die Beine – aber nicht unbedingt in die normierte gutbürgerliche Gesellschaft zurück.

Der Zusammenhang und das Wechselspiel von Einzelschicksal und Gesellschaft wird höchst spannend beleuchtet. Der Film zeigt sehr genau, tatsächlich schmerzlich, wie schwer es der Einzelne heutzutage im Bannstrahl eiskalten globalen Profitstrebens hat. Die kluge Erzählung bietet einige Überraschungen, was die Spannung zusätzlich anheizt. Das Entscheidende: Weingartner fühlt sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Da haben falsche Töne, hat pure Effekthascherei, keine Chance.

Hauptdarsteller Peter Schneider konnte während des Drehens viel improvisieren, ausprobieren, die Dialoge mit gestalten. Das trägt natürlich wesentlich zum Eindruck von großer Authentizität bei. Was aber auch verstörend wirkt. Man gewinnt manchmal fast den Eindruck, eine Dokumentation zu sehen.

Hans Weingartner schließt mit diesem Film an „Das weiße Rauschen“ an, stilistisch und inhaltlich. Mit dem Finale (das hier nicht verraten werden kann) provoziert der Film viele Fragen, die einen dazu bringen, über die eigene Konstitution nachzudenken. Was wiederum den Mut anheizt, sich gegen die allgemeine Uniformität des Lebens zur Wehr zu setzen. Bravo!

Peter Claus

Die Summe meiner einzelnen Teile, von Hans Weingartner (Deutschland 2011)

Bilder: Wild Bunch

The Artist (ab 26. Januar)

Die „Oscar“-Verleihung steht an – und alle reden über einen französischen Film, erwarten dass er der große Abräumer werden wird: „The Artist“. Bei der Vergabe der „Golden Globe“ kam er schon sehr gut weg – und das heizt die Spekulationen an, gelten die „Golden Globe“ doch als Barometer für die „Oscar“. Wir werden sehen. In jedem Fall: Das ist ein großartiger Film!

Schwärmen ist angesagt: eine mit vielen Überraschungen gespickte Story voller Gefühl. Bezwingend schöne Bilder, einschmeichelnde Musik und tolle Schauspielerleistungen prägen die romantische Liebeserklärung an die Filmkunst.

Die Geschichte spielt Ende der 1920er Jahre: George Valentin ist ein Star. Die Premiere seines jüngsten Films ist für den Charmeur ein Riesenerfolg. Die Frauen himmeln ihn an, stehen Schlange am roten Teppich, auch Peppy Miller. Zufällig entsteht ein Foto von ihr und George. Das landet in der Zeitung und macht einen Produzenten auf die Unbekannte aufmerksam. Peppy sieht nicht nur gut aus, sie hat auch Talent, und wird zum neuen Stern am Himmel der Traumfabrik aufgebaut. George hingegen fällt tief. Die Einführung des Tonfilms markiert das Ende der Karriere auch dieses Stummfilmidols. Das Publikum, das ihm eben noch zu Füßen lag, vergisst ihn. Peppy aber vergisst George nicht. Und inzwischen weiß sie ja ziemlich gut, wie man geschickt ein Happy End bastelt.

Regisseur Michel Hazanavicius sprudelt nur so vor Einfällen. Die erlesen schönen Bilder bieten jede Menge zu entdecken. Doch die optische Opulenz dominiert nicht. Sie illustriert die Geschichte, die das A und O ist, bestens. Fans alter Filme können vielen Anspielungen auf unvergessliche Momente des Kinos der 1920er und 1930er Jahre entdecken: Chaplin, Laurel & Hardy, der Filmhund Rin-Tin-Tin und die Garbo grüßen, Szenen zitieren Klassiker wie „A Star is Born“, „Sunrise“ und „Metropolis“. Kintopp-Romantik pur.

Das Spiel der Akteure folgt dem Schlüsselsatz aus Billy Wilders Filmdrama „Boulevard der Dämmerung“, der berühmten, Ende der 1940er Jahre herausgekommenen, tiefschwarzen Auseinandersetzung mit Licht und Schatten der Traumfabrik, die inzwischen erfolgreich als Musical für die Bühne adaptiert wurde. Da sagt die gestürzte Stummfilm-Diva Norma Desmond (im Film gespielt von der damals nicht mehr sehr bekannten Gloria Swanson) über die Ära der Stummfilmstars: „Wir brauchten keine Worte, wir hatten Gesichter“. – Was Jean Dujardin als George und Bérénice Bejo als Peppy befolgen. Sie sagen mit ihren Gesichtern alles. Ganz dem uns heutzutage überlebensgroß anmutenden Stil des Stummfilms entsprechend, spiegeln sie in Blicken, Lächeln, Schmollen – aber ohne Worte – nahezu die gesamte Skala menschlicher Empfindungen.

Michel Hazanavicius bringt die Bilder elegant, raffiniert, charmant zum Sprechen. Eine Wonne. In einer Szenenfolge geht es um die Ängste des Stummfilmstars vor der neuen Technik. Da kommt augenzwinkernd auch der Tonfilm zu seinem Recht. Und im Publikum dürfte mancher Schneuzer zu hören sein. Das Schmunzeln aber überwiegt – und eine wunderbare Leichtigkeit, die einen schließlich beinahe tanzend aus dem Kino entlässt.

Peter Claus

The Artist, von Michel Hazanavicius (Frankreich 2011)

Bilder: Delphi

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (ab 26. Januar)

Alexander Payne hat sich mit „About Schmidt“ als kluger Beobachter US-amerikanischer Spießermentalität erwiesen. Vorschnelles Verurteilen ist seine Sache nicht. Diesmal ist er gnadenloser. Doch die Liebe zu den Figuren behält die Oberhand.

Hauptfigur ist der Anwalt Matt King (George Clooney). Ein Sunny Boy. Doch der Schein trügt. Hawaii ist für ihn und seine Frau Elizabeth (Patricia Hastie) und die zwei Töchter Alex (Shailene Woodley) und Scottie (Amara Miller) kein Paradies. Matt steht dauernd unter Druck, ist nicht wirklich für die Seinen da. Stress bringt auch ein wertvolles Stück Land, das der Familie seit ewigen Zeiten gehört. Die Erbengemeinschaft drängt Matt, als Treuhänder, auf Verkauf. Er wehrt ab. Unentwegt. Dabei merkt er gar nicht, wie ihn das in Schach hält. Zum Innehalten kommt er erst durch ein Unglück: Elizabeth hat einen Unfall und fällt ins Koma. Sein Leben verändert sich dadurch radikal. Was noch verstärkt wird, weil er herausfindet, dass seine Frau eine Affäre mit einem jüngeren Mann (Matthew Lillard) hat und für sie die Ehe nur noch auf dem Papier bestand. Matt muss raus. Zusammen mit den Töchtern und dem Freund der einen (Nick Krause) tritt er eine Reise an, die einiges klären soll – was den Landverkauf angeht, die Ehe, Matts Lebensplanung. Der Ausgang ist absolut ungewiss.

Endlich mal wieder eine Story, die nicht schon in den ersten Szenen das Ende ahnen lässt. Spannung ist angesagt, und die hält den ganzen Film über an. Der musikalisch ausgefeilte Rhythmus der Erzählung, die sensible Inszenierung und das großartige Spiel der Akteure geben der Tragikomödie einiges an Gewicht – und Attraktivität. Wenn es hier zur Sache geht, dann richtig: die tragischen Momente, in denen mitunter geradezu ein Höllenfeuer emotionaler Verwirrung entfacht wird, gehen einem unter die Haut. Die schönen Landschaften und Interieurs, in denen sich das abspielt, betonen die Brutalität des Geschehens enorm.

George Clooney bietet wieder eine facettenreiche Charakterstudie. Der Mann ist einfach gut. Das menschliche Drama, in das der von ihm verkörperte Matt gestürzt wird, verlangt aber auch einen Schauspieler der Spitzenklasse. Ein falscher Ton, und nichts ginge mehr. Bei Clooney aber sitzt jeder Ton, stimmt jede Geste. Einerseits immer vom Glamour Hollywoods umweht, hat er andererseits die Ausstrahlung des Kumpels von nebenan. Wenn er die geistige  und emotionale Beschränktheit der Figur, die überall als hochintelligent durchgeht, aufscheinen lässt, ohne den Mann zu denunzieren, ist das schlichtweg grandios. Freilich: Da wird’s dann auch Kino, wenn Matt schließlich über sich hinauswächst. Aber: Ein dämliches Happy End in rosarot gibt es nicht!

Ein Rührstück, das nie rührselig ist, weil Regie und Schauspiel die Geschichte mit genauem Blick auf die Realität servieren. Paynes genialer Trick: Die Sozialsatire ist scharf, aber mit einer so raffinierten Mischung aus Tragik und Komik gewürzt, dass man die bitteren Pillen über die ganz durchschnittliche Dummheit von uns allen mit Genuss schluckt. Später, wenn das Aufstoßen kommt, entdeckt man, wie viel einem hier zum Nachdenken über das eigene Leben angeboten wird.

Peter Claus

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten, von Alexander Payne (USA 2011)

Bilder: Fox

Michael (ab 26. Januar)

Kindesmisshandlung – eines der Stichwörter des Schreckens nun schon seit ein paar Jahren. Immer wieder wird in den Medien über grausame Fälle berichtet. Regisseur Markus Schleinzer nähert sich dem schwierigen Thema in seinem gerade beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken erfolgreichen Debütfilm mit kühlem Realismus, der alles Spekulative vermeidet. Gut so. Dadurch rutscht der Film nie ins Schmuddelige ab.

Michael (Michael Fuith) ist ein Durchschnittstyp. Der Angestellte einer Versicherung führt scheinbar ein ganz unauffälliges Leben. Doch der Mittdreißiger hält im Keller einen Jungen, Wolfgang (David Rauchenberger), als Gefangenen. Das Kind kann das düstere Versteck nur verlassen, wenn er zum Essen in den von der Außenwelt blickdicht abgeschotteten Raum geholt wird. Gesprochen wird kaum. Der Peiniger und sein Opfer haben eine fast nonverbale Kommunikation entwickelt. Schockierend sind jene Szenen, in denen alles nach üblichem Familienleben aussieht: der Zehnjährige legt ein Puzzle zusammen mit Michael, die Beiden schmücken einen Weihnachtsbaum… Fast sieht es so aus, als habe sich der Halbwüchsige mit seiner Situation abgefunden. Die Hölle sieht nicht anders aus als Tausende Wohnhöhlen braver Bürger. Ist ein Entrinnen möglich?

Markus Schleinzer zeigt den Ablauf fast eines halben Jahres. Die äußere Gelassenheit, mit der er das umsetzt, schnürt einem fast den Atem ab. Horrorbilder, etwa von sexuellen Akten, braucht es da nicht. Die Position von Schleinzer ist eindeutig: Er zeigt, wie Michael die Abhängigkeit seines Opfers genießt, und möchte doch nichts als „normal“ wirken. Die Intensität, mit der Inszenierung und Spiel des Hauptdarstellers das vermitteln, ist beängstigend.

Das Psychogramm eines Täters und eines Opfers werden nicht gegeneinander ausgespielt. Eine griffige Aburteilung, schnelles Moral-Verteilen, Punktevergaben bleiben aus. Das provoziert. Als Zuschauer ist man gezwungen, auch wenn es einen noch so schmerzt, über Möglichkeiten und Grenzen der Gesellschaft zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch nachzudenken und einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Angeregt zum Film wurde Markus Schleinzer durch ein Projekt der Berliner Charité, in dem Menschen, die in sich eine sexuelle Sehnsucht nach Minderjährigen verspüren, dieser aber nicht nachgegangen sind, Hilfe angeboten wurde. Dies wissend, drängt sich natürlich die Frage auf, wie eine solche Hilfe aussehen kann. Dadurch, dass Michael nicht als Monster gezeigt wird, empfindet man die Suche nach Lösungen als besonders dringlich.

Peter Claus

Michael, von Michael (Österreich 2011)

Bilder: Fugu

J. Edgar (ab 19. Januar)

Das Porträt des Bösen? Ja, das bietet dieser Film. Und sonst?

J. Edgar Hoover (1895 – 1972), hat fast ein halbes Jahrhundert, 48 Jahre, der US-amerikanischen Bundespolizei FBI, vorgestanden. Sein enormer Kommunistenhass ist berühmt-berüchtigt. Auch seine Skrupellosigkeit. Er soll selbst US-Präsidenten bespitzelt, Dokumente gnadenlos für seine Vorhaben gefälscht, engste Freunde ans Messer geliefert haben. Die Geheimakten, die er über die angeblichen Feinde der Demokratie anlegen ließ, und die er, wenn es ihm nutzte, eiskalt mit Erfundenem ausschmückte, füllen riesige Archive. Sein persönliches Leben aber ist nahezu unbekannt. Gerüchte gibt es, ansonsten fast nichts. Regisseur Clint Eastwood und Autor Dustin Lance Black , der für sein Drehbuch zu „Milk“ einen „Oscar“ bekam, hatten also alle Freiheit im Erzählen. Die nutzen sie klug, verlieren sich jedoch nicht in reißerischen Spekulationen.

Der Film beginnt in den 1960er Jahren: J. Edgar (Leonardo DiCaprio) diktiert Erinnerungen. Seine Erinnerungen, ganz subjektiv. 1919, noch vor Gründung des FBI, hebt er an. Hier weht ein Hauch Abenteurertum. Der wird bald von Karrieresucht abgelöst. Der Mann will immer nach oben und am liebsten noch höher.

Der Film heißt „J. Edgar“ und nicht „Hoover“, weil der Mann, der im 20. Jahrhundert lange Zeit einer der mächtigsten der USA ist, bis zu deren Tod mit seiner Mutter (Judy Dench) zusammen lebt und nie aus ihrem Schatten heraus kommt. Der folgsame Junge aus bigottem Hause hat nie die Chance, wirklich selbständig zu werden. Neben der dominanten Mutter sind die lebenslange Assistentin Helen (Naomi Watts) und der Vertraute Clyde (Armie Hammer) die wichtigsten Begleiter. Zu ihr gibt es einmal den Versuch einer Annäherung, mit ihm teilt J. Edgar über viele, viele Jahre das Privatleben. Ob es je eine körperliche Beziehung, zu wem auch immer, gab, ist nicht bekannt. Im Film gibt es einmal ein „Ich liebe Dich“. Das Echo darauf wird nicht gezeigt.

Schon sehr bald nach Filmbeginn interessiert nicht mehr, was der Mann nun für eine Sexualität hatte, falls überhaupt. Entscheidender ist eine Frage, die im Verlauf des Geschehens einmal gestellt wird: Was ist wichtiger, der gute Ruf eines Mannes oder der einer Institution? – Hoovers Diktate, die jeweils Anlass für lange Rückblenden sind, geben seine eindeutige Antwort. Eastwood und Co. halten sich zurück. Das ist der Schwachpunkt des Films: Er bezieht keine Position, mit der man mitgehen oder an der man sich reiben könnte. Damit vergibt sich „J. Edgar“ die Möglichkeit, den Lebenslauf J. Edgar Hoovers als Spiegel des von den Herrschenden geförderten öffentlichen Denkens in den USA zu nutzen. Somit gerät der Film über eine der berüchtigten politischen Figuren der westlichen Welt im vorigen Jahrhundert nebulös unpolitisch. Das hinterlässt einen leicht bitteren Nachgeschmack.

Das psychologische fein ziselierte Porträt, das allen voran Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio mit feinnervigem Spiel entwirft, zeigt ein Muttersöhnchen im Rampenlicht. Das ist packend. In manchen Szenen meint man im Kino J. Edgars Angstschweiß zu riechen. Kriechernatur einerseits und Machtmensch andererseits – das zu sehen ist spannend. Ein kluger dramaturgischer Trick, der hier nicht verraten sei, bringt den Zuschauer schließlich dazu, Mitleid, Verachtung und Respekt für J. Edgar Hoover zu empfinden. Er wird sowohl als tragische Figur wie als Monster erkennbar. Das kommt der historischen Wahrheit sicherlich nahe. Alle, die sich für vertrackte Lebensmuster interessieren, werden mit Spannung bedient. Wer aber ein – gerade auch mit Blick auf die Gegenwart – erhellendes Kunstwerk über das Mit- und gegeneinander von Individualität und Gesellschaft erwartet, dürfte das Kino doch etwas enttäuscht verlassen.

Peter Claus

J. Edgar, von Clint Eastwood (USA 2011)

Bilder: Warner

Kriegerin (ab 19. Januar)

Was tun gegen rechte Gewalt? Die Frage steht seit Jahren hierzulande an. Nicht erst die Untaten der rechtsextremistischen Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), in den Medien oft kurz „Zwickauer Zelle“ genannt, haben dieser Frage Gewicht gegeben.

Autor und Regisseur David F. Wnendt hat seinen Film lange vor dem öffentlichen Bekanntwerden der so genannten „Zwickauer Zelle“ konzipiert. Da verwundert es, dass dieser Film derzeit gern in manchen Medien so gehandelt wird, als sei er ein Kommentar zu den Ereignissen. Was auch Angst macht: Schaut, hier haben wir doch einen aufklärerischen Film, wir tun doch was, so die unterschwellige Botschaft manchen Berichts, der damit eine falsche Beruhigung suggeriert.

Der Film selbst taucht mit oft dokumentarisch anmutendem Gestus in die rechte Szene in einer deutschen Kleinstadt: Marisa (Alina Levshin), Supermarktkassiererin, hasst Ausländer, Andersfarbige, Juden, Politiker, Gesetzeshüter. Wenn sie kann, schlägt sie zu. Am wohlsten fühlt sie sich in einer Clique saufender und prügelnder Nazis. Zu Filmbeginn sehen wir sie, wie sie Reisende in einem Zug terrorisieren. Der Anführer, Marisas Sexpartner, wird verhaftet, verurteilt und hinter Gittern verwahrt. Aber nur kurz. Schon bald darf er wieder raus. Zusammen mit Marisa und den anderen lässt er sich unter anderem mit Propagandamaterial aus der Zeit des deutschen Faschismus „schulen“. An einem See tauchen zwei Jugendliche auf, fremd aussehend, Jamil (Najebullah Ahmadi) und Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat). Sie können fliehen. Aber Marisa setzt sich ans Steuer ihres Autos und lässt ihren blindwütigen Hass an den zwei jungen Männern aus: Sie steuert den Wagen gezielt gegen die Beiden, die auf einem Moped fahren. Es kracht. Die Jungen landen im Straßengraben.

Die ausführlichen Recherchen von David Wnendt machen sich bis hierhin bezahlt. Der Film besticht als kühle und kühne Milieustudie. Unterhaltsam ist das nicht, will es auch nicht sein. Aber: Was will der Film? Es gibt nicht einen Moment, in dem die Nazi-Szenerie attraktiv wirkt. Dumpfer, alkoholgeschwängerter Mief und abstoßende Brutalität prägen die Bilder. Doch nach Marisas Gewalttat wird die Story zum Krimi und zum Psychodrama. In der Nazi-Clique bekommt die 20-jährige Marisa in der 15-jährigen Svenja (Jella Haase) erst eine Konkurrentin, dann eine Begleiterin. Und nun, ausgelöst auch durch eine Begegnung mit einem der zwei ausländischen Jungs vom Badesee, beginnt Marisa die Welt mit anderen Augen zu sehen, will gar aussteigen. Wirklich glaubwürdig ist das nicht.

David Wnendt ist der erste hierzulande, der eine Frau ins Zentrum eines Films zum Thema Nazis heute in Deutschland stellt. Das ist interessant, geht aber über bereits Bekanntes nicht hinaus. Beweggründe und Motive dieser Figur werden nicht sichtbar. Und die eingangs gestellte Frage, die gerät völlig ins Aus. Sie kommt gar nicht vor. Einzig ein paar küchentischpsychologische Wahrheiten über die unheilvollen schwierigen Kindheiten kommen ins Spiel. Das ist etwas zu wenig, um mit diesem Film ein weiterführendes Nachdenken über das momentane Erschrecken hinaus zu bewirken.

Peter Claus

Kriegerin, von David Wnendt (Deutschland 2011)

Bilder: Ascot Elite

Mein liebster Alptraum (ab 19. Januar)

Isabelle Huppert darf Clown sein. Oft wurde ihr das noch nicht gewährt. Am erfolgreichsten bisher in François Ozons „8 Frauen“. Das ist nun aber auch schon ein paar Jahre her. In der Regel tritt die Star-Schauspielerin in Dramen und Tragödien auf, oft dem Bösen verlockend Gestalt verleihend.

Böse sein darf Isabelle Huppert in dieser Komödie auch. Sie spielt eine Frau aus besseren Kreisen, Agathe, eine erfolgreiche Galeristin. Madame ist überaus gebildet und bildet sich darauf jede Menge ein. Da ist es an sich schon urkomisch, dass ausgerechnet sie sich in den trinkfesten Proleten Patrick verguckt. Eine Elternsprechstunde in der Schule bringt beide zusammen. Was Agathes Gefährten François ins Abseits und Patrick in den Mittelpunkt ihres Lebens rückt. Chaos also muss kommen.

Regisseurin Anne Fontain setzt auf den Reiz von Gegensätzen, die sich anziehen. Dabei gibt sie dem Hauptdarsteller-Trio viele Chancen, verbal und körperlich mit kraftvoller Komik zu brillieren. Die drei Stars nutzen das effektvoll aus, allen voran Isabelle Huppert. Man liegt schon flach vor Lachen, wenn man nur beobachtet, was sie alles mit ihren Augen anstellt. Darin spiegelt sich Sehnsucht und Zärtlichkeit, Zorn und Arroganz, Furcht und Intelligenz. In vielen überdrehten Momente des turbulenten Geschehens, erzählt die Huppert mit abschätzigen, strahlenden, angstvollen, genervten oder auch mal schlicht kuh-blöden Blicken mehr als viele Dialoge. Wobei der Sprachwitz des Films über weite Strecken ebenfalls beträchtlich ist. Jedenfalls im Original.

Fans der dramatischen Aktrice Isabelle Huppert werden wohl staunen, mit welcher Lust sie hier Klamauk serviert. Da ist einem der Fortgang der überschaubaren Story recht bald ziemlich egal. Man lacht, man schmunzelt, man amüsiert sich, nicht mehr und nicht weniger.

Peter Claus

Mein liebster Alptraum, von Anne Fontain (Frankreich/ Belgien 2011)

Bilder: Concorde

Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen (ab 12. Januar)

„Das Leben der Anderen“ hat das Thema Stasi & Co ja schon „Oscar“-reif zur Schmonzette verarbeitet. Können wir abhaken. Muss nicht mehr im Kino reflektiert werden. Jedenfalls nicht so, wie in der wabernd-pseudoreligiösen Schnulze. Wenn, wie jetzt, in „Das System – Alles verstehen, heißt, alles verzeihen“, dann allerdings sehr wohl! Denn der Film blickt tatsächlich nicht aufs Gestern, sondern aufs Heute, zeigt dabei freilich sehr genau, was die Gegenwart aus ihren Wurzeln in der Vergangenheit Prägendes zieht.

Mike (Jacob Matschenz), der Anti-Held der Story, ist so um die 20. Ein Kleinkrimineller aus einer Plattenbausiedlung. Zusammen mit Kumpel Dustin (Florian Renner) klaut er hier und da und dort und schlägt sich so durch. Das ändert sich durch die Bekanntschaft mit dem wesentlich älteren Konrad (Bernhard Schütz). Der wird zum Freund und damit zum Ersatz für den Vater, den Mike nie hatte. Konrad mischt erfolgreich in der Baubranche mit und verhilft Mike zu wichtigen Erkenntnissen. Und die führen zu Mikes Erzeuger – und damit ins Geflecht noch heute existierender Stasi-Verbände. Mike will mehr und mehr herausbekommen und bringt sich damit in große Gefahr. Spannungssteigerung ist also garantiert.

Das Autoren-Duo Dörte Franke und Khyana El Bitar hat eine starke Story entwickelt, in der Privates geschickt das Politische spiegelt. Solides Schauspiel und eine gekonnte Bildgestaltung, die kühl alle Leere in den Seelen der Protagonisten spiegelt, packen. Mancher Dialog ist überflüssig, illustriert mehr als dass er erhellt. Aber dies ist ein Debütfilm, da hört man über kleine Stolperer gern hinweg. Beeindruckend ist die Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit, mit der hier deutsch-deutsche Geschichte und Gegenwart erhellt werden – sehr viel ehrlicher und genauer als je zuvor in einem deutschen Kinofilm, der nach 1990 gedreht wurde!

Peter Claus

Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen, von Marc Bauder (Deutschland 2011)

Bilder: Filmlichter

Verblendung (ab 12. Januar)

Hollywood setzt gern auf Nummer sicher. Da fallen Novitäten gern hinten runter. Fortsetzungen von Hits oder Neuverfilmung von Erfolgen versprechen in der Regel gut gefüllte Kassen. Und nur die zählen. Dass da oft die Kunst keine Chance hat, interessiert die Produzenten nicht. Die US-amerikanische Version von „Verblendung“ verblüfft vor diesem Hintergrund. Der Krimi ist selbst jenen zu empfehlen, die bereits die vor zwei Jahren herausgekommene europäische Erstverfilmung des Bestellers genossen haben. Regisseur David Fincher hat den weltweit verschlungenen Roman des Schweden Stieg Larsson stilvoll, raffiniert und selbst für Kenner der Geschichte überraschend adaptiert. Fincher-Fans wundert das nicht. Seit seinem furiosen Schocker „Sieben“ (1995) gilt er als Meister apokalyptischer Schreckensvisionen von außerordentlichem Unterhaltungswert. Bei der Story haben sich David Fincher und sein Drehbuchautor Steven Zaillian, der seit der Arbeit für Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993) zu den bestbezahlten Schreibern Hollywoods gehört, ziemlich genau an die Vorlage gehalten: Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wird zum Buh-Mann, weil er einer bei einem Enthüllungsreport Fehlinformationen auf den Leim gegangen ist und nicht ausreichend recherchiert hat. Weil dadurch nicht nur um den guten Ruf gebracht, sondern auch finanziell ruiniert, greift er zu, als ihm ein reicher Geschäftsmann (Christopher Plummer) einen lukrativen Auftrag als Detektiv anbietet: Mikael soll den Fall von dessen vor Jahrzehnten verschwundener, vermutlich ermordeter Nichte aufklären. Der Ex-Journalist versuchts. Gemeinsam mit der Punkerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) macht er sich auf in die Schattenwelt der Vergangenheit und landet geradewegs auf der Straße ins Jenseits. Wer nicht weiß, wie’s weiter geht, glaubt fast bis zum letzten Bild, dass Lisbeth und Mikael niemals lebend aus dem Schlamassel herauskommen können. Aber auch wer um den Fortgang des Geschehens weiß, wird schon von den ersten Filmszenen völlig gefangen genommen und gerät in den Sog der wahrlich mörderischen Spannung.

Das ist als erstes der exzellenten Inszenierung Finchers zu danken, die unter anderem auf gehörigem Respekt vor der Romanvorlage fußt. So hat der Regisseur darauf bestanden, die Handlung nicht, wie in Hollywood üblich, in die USA zu verlagern, sondern, entsprechend dem Roman, in Schweden zu belassen. Und dieses Schweden zeigt er mit einer fast schon sadistisch anmutenden Lust des gewieften Erzählers als Hort des Bösen. Zum Rest des Beitrags »

Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten (ab 05. Januar)

Nachgeliefert: Regisseur Guy Ritchie, Schauspielstar Robert Downey Jr. und Jude Law erwiesen sich vor zwei Jahren mit ihrer ersten Holmes-Hommage als Dreamteam. Glaubt man vielen KritikerInnen, präsentieren sie sich mit ihrem zweiten gemeinsamen Ausflug in die Krimiwelt als Alptraumtrio. Ich hab’ mich bestens amüsiert. Popcorn-Kino. Zwischendurch ist das einfach schmackhaft.

Die Story ist dabei völlig uninteressant. Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und Dr. Watson (Jude Law) jagen das Böse. Das sich für Sherlock schon in Watsons Gattin Mary Morstan (Kelly Reilly) personifiziert. Weshalb er sie ziemlich schnell aus der Bahn und dem Geschehen wirft. Anschließend haben die beiden Kerle freie Bahn – und die Zuschauer das Vergnügen. Das resultiert aus einem geschickten Mix. Action, Humor und Spannung sind wohlig miteinander vermischt. Das Ermittler-Duo wirkt wie clevere Vorfahren von James Bond. Allerdings: 007, der Agent Ihrer Majestät, im Fummel? Unvorstellbar! Holmes kann das. Und Robert Downey Jr. erst recht. Überraschung: Der Film offeriert doch tatsächlich so etwas wie eine Lovestory zwischen Holmes und Watson – komisch und anrührend.

Aber, Achtung: die deutsche Synchronversion ist mal wieder, ich muss so deutlich werden, „unter aller Sau“. Da wird auf grobe Gags gesetzt, dass es unentwegt kracht. Sehr bedauerlich, ein Ärgernis. Vielleicht hat das die erstaunlich hohe Zahl an Negativ-Rezensionen bewirkt? Wer kann, wer etwas davon hat, weil sicher im Englischen, gehe in die Originalfassung.

Peter Claus

Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten, von Guy Richie (USA 2011)

Bilder: Warner