Red-Bull-Kapitalismus
von Georg Seeßlen in Gesellschaft, Leben am 3. Februar 2012
Red Bull ist mehr als ein Getränk, ein Energiespender, ein Lebensgefühl. Ja, es ist mehr als nur ein Produkt. Es verkörpert die aktuellste Form des Kapitalismus
Getränke eignen sich als Prophezeiungen des jeweils neuesten Stadiums des Kapitalismus besonders gut. In ihnen sind die Aspekte von Lebens- und Genussmittel, Differenz und Mainstreaming, Image und Illusion besonders ausgeprägt – und das umso mehr, als sich die Welt gerade das Rauchen abgewöhnt. Die meisten von ihnen kokettieren damit, mehr als ein Getränk zu sein, Lifestyle und Lebensfreude auszudrücken oder auch einen besonderen Status zu haben: die legale Droge. Wenn im Folgenden also vom verflüssigten Kapitalismus im weiteren Sinne und den Red-Bull-Kapitalismus im engeren Sinne die Rede ist, dann um zu beschreiben, wie die Macht vom Produzenten auf den Distribuenten übergegangen ist. Zum Rest des Beitrags »
Stan Back – aus seinem Nachlass (III)
von Stefan Römer in Gesellschaft, Leben am 30. Januar 2012
Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.
In der Hölle sonnen (Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006)
(Episode aus: Schriften aus der Hölle)
Die Personen:
- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)
- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)
- Stanley Back (der ideale, weil tote Künstler)
- gelegentliche Einspielungen von Radiohack und Diktiergerät
Abstract:
Ein aktueller Witz über den Eintritt eines Gestorbenen in die Hölle dient als Einstiegsanekdote. Stanley Back und Heiner Müller erfahren über Radio Hellsound, dass Christoph Schlingensief gestorben ist; sofort setzen sie sich dafür ein, dass er in den atheistischen Teil der Hölle kommt.
Die Drei sitzen nun an einer Theke in der Hölle und sprechen über die falsche Kunst für das falsche Publikum in einer falschen Welt.
1. Ankunft – der Witz
Ziemlich guter Empfang hier unten. Gerade meldet Radio Hellsound den Tod des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Elfriede Jelinek wird zitiert: »Er war der größte Künstler aller Zeiten.«
Den werden sie auf glühenden Kohlen schmoren, meint Heiner Müller mit einem tiefen Zug an seiner Zigarre, und bläst eine riesige Wolke aus, in die sich die Worte schmunzelnd einnisten.
Aber wir können was unternehmen, wirft Stanley Back schon zum Höllentor losgehend ein.
Gerade rechtzeitig am Höllenportal: Der Wächter liest Schlingensief seine Vergehen vor, und es gibt keine Hoffnung, dem christlichen Gericht zu entkommen: denn fortgesetzte Gotteslästerung – und das auch noch auf der Theaterbühne und mit Multimedia in alle Welt reproduziert – hat zweifellos ewige Höllenqualen zur Folge. Richtig, der arme Theatermann völlig geknickt, mit angeklatschten Haaren und von tiefen Kummerfalten entstellt, soll auf glühenden Kohlen schmoren.
Mit erstickter Stimme versucht Schlingensief sich gerade zu verteidigen, dass er schließlich mit den elend langen Leiden des Krebstodes schon genug bestraft sei. Noch bevor der Wächter ihn jedoch mit einem Tritt in das höllenheiße Portal befördern kann, intervenieren Müller und Back. Sie nehmen ihn zwischen sich mit in IHREN Teil der Hölle: Willkommen im Club der Höllen-Dichter.
Geblendet von gleißendem Licht, glaubt Schlingensief auf eine Bühne zu treten; doch er kann es nicht fassen: Ein weißer Strand liegt vor ihm, Menschen aus aller Herren Länder sonnen sich, spielen Beachvolleyball, tanzen johlend, schwimmen oder sitzen, Caipis schlürfend, in Strandbars und lesen sich gegenseitig vor. Überwältigt von diesem Kunstfreizeitidyll geht Schlingensief plötzlich völlig befreit von den Erdenqualen zum glasklaren Wasser, schwimmt einige Runden und schlendert den Strand auf und ab. Später trifft er – nun wieder mit hoch toupierten Haaren – auf Müller und Back in einer Strandbar.
CS: Das ist ja unbeschreiblich hier, wenn ich das früher gewusst hätte… wie eine grandiose Kombination von endloser Theateraufführung und Gelage. Ich war so erschrocken, als ich starb: nichts gab es mehr, nur Schwarz. Bis ihr mich geholt habt.
SB: Du bist hier in der Kultur-Hölle gelandet. Alles, was du siehst, ist reine Projektion. Nur Vorstellung. Jede/r erlebt etwas anders, und doch sind wir im gleichen Stadium des Nichts.
Man plaudert über die letzten Jahre, resümiert die politischen Ereignisse, bis Schlingensief sich irgendwann traut zu fragen:
CS: Habt ihr das gesehen? Was ist denn da hinter dieser großen Düne? Da werden Menschen auf Rosten gegrillt und mit glühenden Eisenstangen gequält. Kommen wir da später auch hin?
(HM) Ach das, meint Müller, sich mit einem notorischen Zug an der Zigarre umwendend, nö, das ist nur für die Christen, die wollen das so – bis in alle Ewigkeit werden sie gequält. Wenn wir dich nicht abgefangen hätten, wärst du auch da gelandet. Das hast du deinen kläglichen Inszenierungen »Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« und »Mea culpa« zu verdanken. Du musst nicht denken, dass die hier nicht deine Stücke kennen. Das war nichts als Gotteslästerung, weil du einen Gottesdienst für dich selbst gehalten hast.
CS: Dann habt ihr mich davor gerettet, in der Hölle zu schmoren?
HM: Ja, obwohl du dich selbst auf der Bühne als Jesus-Christus mit allem Brimborium inszeniert hast, haben wir dich rüber geholt.
CS: Ich habe es als Beleidigung empfunden, dass da plötzlich klammheimlich der Krebs versuchte, mich abzuschalten. Ich dachte immer, ich bin eigentlich eine liebenswürdige Person.
HM: Ja, aber in deine Ministrantenzeit zu regredieren, komm schon. Wenn das Ziel des Künstlers ist, von allen geliebt zu werden, dann hast du das ja geschafft. Aber was kam dann?
CS: Vielleicht war ich vom Humor des Größenwahns befallen? Ja, und ich wollte mein Scheitern vorführen. weiterlesen
Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner
Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht: stan-back.tumblr.com
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Fiji (Reisewelten)
von Michael Scholten in Gesellschaft, Leben am 29. Januar 2012
Samstag, 29. September 2007
Fiji
Wir landen auf dem internationalen Flughafen von Nadi. Obgleich „Nadi“ geschrieben, wird der Städtename „Nandi“ ausgesprochen. Am Ende der Gangway spielen bunt gekleidete Fijianer Ukulele und schmettern den Besuchern ein kräftiges „Bula“ entgegen. Bastian Pastewka hat vor Jahren mal in einem Interview erzählt, dass „Bula“ auf Fiji sowohl „Willkommen“ als auch „Hallo“ als auch „Bitte fahren Sie Ihren Wagen in Parkbucht Nummer 17“ heißen kann. Und damit hat er vollkommen Recht. Denn in den kommenden fünf Tagen höre und sage ich jede Stunde mindestens fünfzig Mal „Bula“.

Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren.
Zum Glück muss ich mich im Urlaubsparadies der 330 tropischen Inseln um gar nichts kümmern, weil ich schon in Neuseeland das „Awsome Adventure“-Paket mit allen Transfers, Hotels, Mahlzeiten und Fährverbindungen gebucht habe. Kostenpunkt: 832 Neuseeland Dollar für fünf Tage und vier Nächte. Das sind rund 430 Euro. Mein Shuttlebus bringt mich zum Aquarius Fiji Hotel.
Von hier soll jede Stunde ein Bus Richtung Stadtzentrum fahren. Schon auf dem Fahrplan steht ausdrücklich, dass er mal zehn Minuten früher, aber auch durchaus zehn Minuten später eintreffen kann. Man soll sich entsprechend auf diese „Fiji Time“ einstellen. Mit acht Minuten Verspätung tuckert das alte fensterlose Gefährt um die Kurve. Ich lasse mich in die verschlissenen Polster fallen. Nach 15 Minuten Fahrt durch grüne Wiesen, vorbei an Zuckerrohrfeldern und einem McDonald’s-Drive-In, der an der Einfahrt mit „Bula“ grüßt, erreiche ich die halbwegs moderne Innenstadt. Hier reihen sich nicht nur die Shops und Supermärkte aneinander, hier müssen Touristen auch erdulden, alle fünf Sekunden mit Verkaufsabsichten angequatscht zu werden. Dieser Spießroutenlauf nervt mich schnell.

Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln.
Ich will mich am Ende der Hauptstraße in den kunterbunten Hindu-Tempel retten. Doch der begrüßt einen am Eingang mit dem handgeschriebenen Hinweis, dass man ihn nur mit Tourguide und zum Preis von 35 Dollar besuchen darf. Fotos vom Zaun aus seien außerdem verboten. Diese offenkundige Touristenabzocke veranlasst mich dazu, den Tempelbesuch zu streichen. Weil keiner guckt, mache ich schnell meine Fotos. Vom Zaun aus. Zum Rest des Beitrags »
Stan Back – aus seinem Nachlass (II)
von Stefan Römer in Gesellschaft, Leben am 20. Januar 2012
Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.
Die neue Mitte (Stan Back, Paris ca. 2002)
Plot:
Dies ist eine Geschichte über die neue leere Mitte. Aus einem indischen Restaurant auf der Berliner Oranienburger Straße heraus beobachtet der Ich-Erzähler vorübergehende Menschen: E-Business-Leute, die von der Arbeit kommen, die Künstlerbohème, die bei der Arbeit ist, Huren, die zur Arbeit gehen, und Menschen, die hier schon immer leben. Dabei liest der Erzähler in einem Buch, das er zuvor auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft hat, und lauscht seinen Tischnachbarn. Dieses Zentrum schneller urbanistischer und ökonomischer Entwicklung bei den Hackeschen Höfen, wo er seit der so genannten Wiedervereinigung gewohnt hatte, dient ihm zur Lokalisierung einer Leere: Die neue leere Mitte.
(Die Lesung wird mit einem Videoloop, der einen kleinen Rundgang von der Rosenthalerstraße in die Oranienburgerstraße und zurück projiziert, und Dias von Berlin-Mitte hintermalt, die einzeln vom Leuchttisch genommen und eingelegt werden.)
Gerade war ich in einem indischen Restaurant angekommen. Ich setze mich an einen Tisch unmittelbar an den aufgeschobenen Türen der Straßenfront, neben dieses Pärchen, das irgendwie aussieht als wären beide separat vor einem Jahr aus Kreuzberg nach Mitte gezogen. Mein Platz erlaubt mir mit dem Restaurant im Rücken, die Oranienburgerstraße panoptisch zu betrachten. Alle vier Minuten rumpelt eine Straßenbahn in Richtung Friedrichstraße vorbei. Von rechts nach links. Menschen gehen in beide Richtungen. Hier warte ich bei einem Essen auf eine Freundin, die mich später abholen wird.
Ich bin übers Wochenende in Berlin, um meine Fotoausstellung in der Galerie Kapinos zu eröffnen. Meine Bilder zeigen meist einfache Dinge. Dinge, die man schon zu kennen glaubt, aber mit einem anderen Blick. Vor drei Jahren war ich von Köln nach Paris gezogen, um aus der Bedrängnis des neuen deutschen Zentralismus rauszukommen. Dieses paranoische System, dieses sich gegenseitige Taxieren, ob man nun nach Berlin geht oder sich dagegen entscheidet. Und überhaupt, alles was damit zusammenhängt. Was gab es da noch zu entscheiden? Ich habe meine Assistentenstelle an der Kunsthochschule gekündigt und mich in Paris mehr auf Fotografie konzentriert.
Das Restaurant heißt Tagore. Die Speisekarte zeigt das bärtige Porträt des indischen Künstlers Rabindranath Tagore in einem ovalen Mandala, das durch seine Verzierungen wie ein plattgedrückter Kronkorken aussieht. Rabindranath Tagore war ein früher Popmodernisierer des indischen Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde erst spät zum Poeten, Maler und Bildhauer – das ganze Programm. Er gründete ein Künstlerdorf in der Nähe von Kalkutta, wo er die durch die Kolonisation unterdrückte indische Musik und den traditionellen Tanz wiederbelebte.
In diesem, wie ich finde, libertär gestimmten Restaurant, ziehe ich ein Taschenbuch aus der Jacke, das ich morgens für eine Mark auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft habe.
Nur dunkel erinnere ich mich noch an den Philosophieunterricht in der Schule. Machiavelli, der hatte etwas Abstoßendes in meiner Erinnerung hinterlassen. Deshalb hatte ich mich vermutlich für das Buch entschieden: »Bücher des Wissens. Macchiavelli [sic]. Auswahl und Einleitung: Carlo Schmid« – ein harter Gegensatz zum modernistischen Tagore.
Nachdem ich bei einer jungen deutschen Bedienung ein rund gewürztes Thali bestellt habe, sehe ich schemenhaft Passanten vorbeigehen und schlage das Kapitel »Was ist der Mensch?« auf:
»31] Die Menschen sind immer schlecht, wenn sie nicht durch den Zwang der Notwendigkeit gut gemacht werden.«
Ich muss lachen. Ja, eine solche Menschenverachtung fehlt mir gerade noch. Mein Blick schweift über die Straße.
Ein junger Schnösel geht auf das gegenüberliegende Schaufenster eines Optikers zu, scannt es mit interesselosem Blick und dreht sich soweit um, dass er mich sieht, geht langsam auf das Restaurant zu, um dann abzubiegen. Einige Sekunden blicken wir uns in die Augen. Wie kann er nur so direkt sein, meinen Blick so erwidern. Habe ich ihn angestarrt? weiterlesen
Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner
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Neuseeland (Reisewelten)
von Michael Scholten in Gesellschaft, Leben am 11. Januar 2012
Samstag, 8. September 2007
Auckland und Rotorua
Wo, bitte, geht’s zum Highway Richtung Süden? Ich verlasse das Parkhaus in Auckland, ohne vorher auf die Straßenkarte zu schauen. Immerhin weiß ich noch aus der letzten Woche, wo der Highway Nummer 1 Richtung Norden beginnt. Und dort, denke ich, muss er ja ebenfalls in die Gegenrichtung führen. Das tut er auch, allerdings kann ich partout keine Auffahrt finden. Ich fahre erst einmal nach Norden. Das hat den Vorteil, dass ich erneut die Harbour Bridge überqueren muss und am anderen Ufer die Skyline Aucklands fotografieren kann. Eine großartige Aussicht, die von dem 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.
Meine Theorie geht auf: Nach kurzer Kurverei entdecke ich die Auffahrt Richtung Süden und folge den Schildern nach Rotorua. Der Ort ist bekannt für seine heißen Thermalquellen. Rund 35 Prozent der 68.000 Einwohner sind Maori, die den Ort zu ihrem Kunst- und Kulturzentrum erhoben haben. Schon von Weitem sehe ich weiße Rauchschwaden aus der Stadt steigen. Was aussieht wie ein Großbrand, ist ein Beleg dafür, dass Rotorua mitten im Vulkangebiet liegt. Überall dampft es aus der Erde, überall blubbert der Schlamm, überall stinkt es nach Schwefel und Sulfat.
Ich parke meinen Wagen gegenüber der Touristeninformation und buche für den nächsten Tag eine organisierte Tour durch Te Puia, die bekannteste Thermalregion der Stadt. Mein Hotel Kingsgate liegt nur einen Steinwurf davon entfernt. Ich spaziere die Fenton Road zum Stadtzentrum entlang. Unglaublich, wie viele Hotels, Motels und Privatunterkünfte es hier gibt. Wie an einer Perlenkette aufgereiht locken sie Touristen mit Leuchtreklamen. Fast alle bieten Bademöglichkeiten mit Wasser aus den heißen Quellen als besonderes Extra an.
Die neue Aufklärung aus dem Osten (Interview mit dem türkischen Soziologen Ali Akay)
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 10. Januar 2012
Religion und Prosperität – Über den Aufstieg der Türkei, die Angst von Erdogan und das neue Bagdad
Herr Akay, seit kurzem hängt der Türkei das Etikett „Turbostaat“ an. Wie erklären Sie sich den Aufstieg der Türkei zur Lokomotive der Weltwirtschaft?
Ali Akay: Er begann in den neunziger Jahren. Nach dem Fall der Mauer und dem Untergang der Sowjetunion kam die neue Bourgeoisie aus dem Osten nach Istanbul. 1992 wurde erstmals ein Satellit für privates Fernsehen und Radio in Betrieb genommen. Das Land öffnete sich, Istanbul wurde zum neuen Zentrum für die Länder des Balkans, des Mittleren Ostens und am Kaukasus. Die Stadt wurde eine Megalopole und ein ökonomisches Zentrum. Mit ihrer geopolitischen Lage wurde sie interessant für die neue Bourgeoisie, die sich in den Ländern des kommunistischen Blocks herauszubilden begann, und ein Knotenpunkt für die transnationalen Kapitalströme, die ihnen folgten.
Was bedeutete das für das geistige Klima?
Damals entstand ein Block gegen die traditionellen Kräfte des Staates. Der Diskurs damals war die Zivilgesellschaft. Und ihre Institutionen wurden zum Motor der Politik und der Wirtschaft. Der Erfolg von Erdogans AK-Partei erklärt sich auch daraus, dass sie diese Energien auf die Wirtschaft lenken konnte.
Die Kehrseite der sich selbst überschlagenden Prosperität ist die zunehmende Unfreiheit. Das prominenteste Beispiel ist die Verhaftung der beiden Journalisten Ragip Zarakolu und Ahmet Sik. Fast 70 Journalisten und Intellektuelle sitzen im Gefängnis. Orientiert sich die Türkei jetzt am chinesischen Modell?
Nein. Wer so argumentiert, müsste auch in den Kategorien der asiatischen Produktionsweise denken: ein starker Staat, der etwas Wohlfahrt gewährt. Es gibt keine wirklich große Ähnlichkeit zwischen China und der Türkei. Es gibt hier mehr als eine Partei. Und wir haben demokratische Wahlen.
Wie erklären Sie sich dann die anhaltende Repressionswelle?
Bis zum Sommer dachten die Intellektuellen in der Türkei, das kurdische Problem stehe kurz vor der Lösung. Es gab Gespräche zwischen der Regierung und dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan. Auch die liberalen Intellektuellen hielten enge Beziehungen zu Premier Erdogan, Präsident Gül und zur AKP. Über die Zeitungen tauschte man Ideen für eine neue Politik in der Türkei aus: gegen die Armee, gegen den starken Staat, über die Liberalisierung der Wirtschaft, die Lösung der kurdischen Frage. Liberale Zeitungen wie Taraf änderten dann aber ihre Position, die Kritik wurde wieder schärfer. Sie warfen Erdogan vor, sich wie ein Sultan zu benehmen. Nach den jüngsten Verhaftungen schieden sich die Wege endgültig. Zum Rest des Beitrags »
Kleine Fische
von Henryk Goldberg in Gesellschaft, Leben am 5. Januar 2012
Henryk Goldberg freut sich über korrektes Angeln
Das musste mal sein. Nun zeigt die deutsche Justiz Härte und Konsequenz. Bisher, das waren nur kleine Fische.
Sido zum Beispiel. Der Name stand ursprünglich für „Scheiße im Ohr“, was von dem Künstler korrigiert wurde in „Super-intelligentes Drogenopfer“, woran man erkennt, es handelt sich um einen Rapper. Der Mann hatte, unter anderem, einmal einen Prozess am Hals wegen Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung. Das Verfahren wurde eingestellt gegen 14.000 Euro.
Bushido zum Beispiel. Der Name kommt aus dem Japanischen und bedeutet „Weg des Krieges“, ohne Zweifel, auch ein Rapper. Der hatte auch mal einen Prozess, es ging auch um Körperverletzung, es wurde auch eingestellt, gegen 20.000 Euro.
Und jetzt waren die beiden Jungs gemeinsam angeln. Zwei Künstler, von denen der eine sagt „Ihr Österreicher habt uns da mal einen rübergeschickt, der uns Ordnung beigebracht hat!“ und der andere singt „Salutiert, steht stramm, ich bin ein Leader wie A.“ finden schon irgendwie einen Draht zueinander. Der „Kulturspiegel“ war dabei, ein Interview. Und Sido sagte, er gehe in Deutschland, ehe er saufen geht, manchmal angeln, ohne Angelschein. Und jetzt hat er eine Untersuchung am Hals, Fischwilderei. Zum Rest des Beitrags »
Stan Back – aus seinem Nachlass (I)
von Stefan Römer in Gesellschaft, Leben am 4. Januar 2012
Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.
Erklärung der Nachlassverwalterin Jules Beauregard
»Fast zu verglühen drohend, ganz nahe am Magma des kreativen Kerns, wenn es denn einen solchen gäbe. Diese Aufzeichnungen sind Fühler, die ganz tief, vielleicht zu tief in die Institution hinein tasten, in die Psyche und die sozialen Beziehungen, die selbst nichts anderes als die Institution konstituieren.« (Stan Back, im Kapitel: »Ich ist ein sensibler Fühler«)
Nur wenige Tage hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, mit dem Künstler Stan Back zusammenleben zu dürfen. Ich habe ihn auf einer Fähre in Costa Rica getroffen. Daraus entwickelte sich eine persönliche Beziehung. So kurz unsere Bekanntschaft war, so intensiv waren die in einem einsamen Stranddorf verlebten Tage. An einem Tag mit sehr hohen Wellen kam er nicht vom Surfen zurück. Da ich mit ihm das Hotelzimmer teilte, übernahm ich seine Habseligkeiten. Darunter befand sich auch sein Laptop, auf dem ich die hier veröffentlichten Dokumente fand – Texte, Fotografien, Videos, Zeichnungen und Musikaufnahmen. Offensichtlich war vieles von ihm für eine Publikation in einem Buch vorgesehen, denn sie waren mit editorischen Hinweisen versehen; allerdings handelt es sich insgesamt um ein Konvolut von etwa achthundert Seiten. Mir erscheint Stan Backs Nachlass wertvoll, weil er eine hohe Relevanz für die zeitgenössische Kunstdiskussion hat. Auf eine ganz spezielle Weise überwindet er die Grenze zwischen fiktiver Belletristik und theoretischem Sachtext in einer Art Selbst-Ethnographie. Nicht sein Ego stellt er dabei in den Mittelpunkt, wie es so oft in der Popliteratur geschieht, sondern die Sprache der menschlichen Beziehungen und deren Echos. In aufgezeichneten Gesprächen mit Freunden finden sich detaillierte Beschreibungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs und in seinen Ängsten und seinen Interessen spiegelt sich die affektierte Deregulation des künstlerischen Lebens. Sein Selbst wird – so romantisch es klingt – zu einer existenzialistischen Raumsonde im Niemandsland künstlerischen Wettbewerbs. Zum Rest des Beitrags »
Zum 100. Geburtstag von Louise Bourgeois
von Carmela Thiele in Gesellschaft, Leben am 2. Januar 2012
Nicht für den Markt arbeiten!
Ihr Werk ist weiterhin aktuell: Auf der Art Basel Miami Beach Anfang Dezember widmete die Fondation Beyeler Louise Bourgeois eine Sonderpräsentation. Und dies ist nur ein letzter Ausläufer einer Vielzahl von Ehrungen, die der erst 2010 verstorbenen Bildhauerin zu Teil geworden sind. Ihre Bedeutung steht außer Frage. Wie sie jedoch durch eine immer größere Konzentration auf sich selbst zu einem einzigartigen Werk fand, erstaunt ihre Kritiker und Kritikerinnen bis heute. Ein Schlüssel liegt in der Tatsache, dass sie immer offen für Veränderung war. Die Frau, die am 25. Dezember ihren 100. Geburtstag feiern würde, durchlief erstaunliche Häutungen. So erscheint das Leben als Mutter dreier Söhne und Ehefrau eines bekannten Kunsthistorikers in New York der 1940er- und 1950er Jahre gänzlich unvereinbar mit ihren feministischen Performances in den 1970er Jahren oder mit ihrer steilen Karriere im hohen Alter.
Mag jedes dieser Leben seine Bedeutung für das vielgestaltige Werk gehabt haben, das die Tate Modern 2007 in London mit einer großen Retrospektive feierte, nichts nährte ihre Arbeit mehr als die Erlebnisse ihrer Kindheit. Louise Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, wuchs aber in Choisy-le-Roi an der Bièvre auf. Die Erinnerungen an die idyllische Flusslandschaft und die Werkstatt ihrer Eltern bewahrte sie sich bis ins hohe Alter. Die Schülerin half der Mutter früh bei der Restaurierung von Tapisserien, indem sie fehlende Teile zeichnete.
Diese Prägung wird am deutlichsten in ihren „Spinnen“, zum Teil gigantisch große Skulpturen, aus Stahl und Bronze, neben denen der Mensch klein und unbedeutend wirkt. Für die Künstlerin war die Spinne eine Metapher für ihre Mutter, die gelernte Weberin, die Bourgeois für ihre stoische Haltung bewunderte. Zum Rest des Beitrags »
Johannes Heesters († 24.12.2011)
von Henryk Goldberg in Gesellschaft, Leben am 25. Dezember 2011
Zum Tod von Johannes Heesters, der mit 108 Jahren starb
Der Mantel der Geschichte ist eine Tracht, die zu tragen nur wenigen Menschen vergönnt ist, die Glücklicheren werden einmal gestreift davon. Und höchst sonderbar scheint, wenn diese Tracht so ausschaut, wie der Umhang des Operetten-Grafen Danilo.
Johannes Heesters wird am 5.Dezember 1903 geboren, einige Wochen, ehe Tschechows “Kirschgarten” in Moskau uraufgeführt wird. Und beinahe 100 Jahre später wird er eine Rolle in diesem Stück spielen. Wer geboren wurde, als Heesters erstmals den Grafen Danilo sang, der ist heute jenseits der 70. Franz Lehar hielt ihn für den besten Danilo aller Zeiten und Adolf Hitler auch. Und wenigstens juristisch ungeklärt ist die Frage, ob er gelegentlich einer verordneten Besichtigung des KZ Dachau dort auch vor den Wachmannschaften gesungen hat. Das entscheidende Urteil darüber hat kein Gericht gesprochen: Es war das Publikum. Und in der Tat, gesungen oder nicht, Heesters hat, anders als Leni Riefenstahl, öffentlich seine Scham bekannt und er hat, anders als diese, Hitler nicht durch eine exzellente Kunstsausübung vergöttlicht.
Johannes Heesters auf der Bühne, das war, wer es erlebte in den letzten Jahren, ein merkwürdiges Erlebnis. Der alte Mann läuft wie auf Glas, ohne Schuhe. Vorsichtig tastend lehnt er sich an den Flügel, zu den sie ihn führen, legt die Hände auf das Instrument. Das ist sein Quell und das ist sein Ort. Hier benötigt er niemanden, der ihn stützt. Hier hat er, wenn sie ihn die ersten Zeilen einsagen, den Text und den Ton. Zum Rest des Beitrags »
Bergkarabach (Reisewelten)
von Michael Scholten in Gesellschaft, Leben am 9. Dezember 2011
Freitag, 13. Juni 2008
Bergkarabach
Es steht Aussage gegen Aussage: Mein Reisebuch sagt, ich bekomme das Visum für Bergkarabach direkt in der Hauptstadt Stepanakert, sobald ich dort eintreffe. Die stetig schlecht gelaunte Frau von der Touristeninformation in Eriwan sagte gestern aber, ich müsse das Visum schon vorher in Armenien bei der ständigen Vertretung des nie offiziell anerkannten Staates beschaffen. Ich gehe optimistisch das Risiko ein, am Grenzübergang abgewiesen zu werden.
Per Taxi fahre ich zum Busbahnhof außerhalb des Zentrums von Eriwan. Hier bricht täglich für 5000 Dram pro Fahrgast ein Minibus nach Stepanakert auf. Mein Koffer kommt aufs Dach, mein Hintern auf einen der unbequemen Sitze. Weil deren Zahl knapp ist, steige ich schon um 6.45 Uhr ein, um mir einen Sitzplatz mit Rückenlehne zu sichern. Wer zu spät kommt, muss auf lehnenlosen Notsitzen hocken. Und das geschlagene sieben bis acht Stunden lang.

Außerhalb des Zentrums von Eriwan wartet der Minibus. Die Fahrt von Armeniens Hauptstadt zur Hauptstadt des nicht anerkannten Staates Bergkarabach, Stepanakert, dauert etwas mehr als sechs Stunden.
Obwohl wir schon um kurz vor sieben mehr als vollzählig sind, fährt der Bus erst um 7.45 Uhr los. Über anfangs gute, später mittelprächtige Straßen mit vielen Schlaglöchern und noch mehr Viehherden, fahren wir durch eine atemberaubende Berglandschaft und nähern uns der Grenze zu meinem nächsten Reiseziel. Bergkarabach. Zum Rest des Beitrags »
Solidaritätslesung aus dem Blog von Ai Weiwei in Berlin und die Kurve der öffentlichen Erregung
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Leben, Rundgang am 5. Dezember 2011
Schärfe und Ironie
Medienfigur – Sein Leben ist auf den Kopf gestellt: eine Solidaritätslesung aus dem Blog von Ai Weiwei in Berlin und die Kurve der öffentlichen Erregung
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Auf kaum einen Menschen scheint der berühmte Satz aus Ludwig Wittgensteins „Tractatus Philosophicus“ derzeit besser zu passen als auf den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Die 81 Tage Haft in diesem Sommer dürften ihm die eigene Existenz zumindest zeitweilig so fremd gemacht haben, dass es auch schwierig geworden ist, sie in Worte zu fassen. Und dann ist da noch das Redeverbot, das ihm die Machthaber im Reich der Mitte nach seiner Entlassung verordnet haben.
Das heißt nun nicht, dass gar keine Kommunikation in eigener Sache mehr möglich wäre. Für die Süddeutsche Zeitung verfiel Ai kürzlich auf eine ungewöhnliche Idee. Auf deren Frage: „Wie ist Ihre Stimmung?“ antwortete er mit einem Foto, auf dem man ihn beim Handstand an einer Mauer seines Pekinger Ateliers sah, von zwei Freunden assistiert. Die Bilderserie sagte mehr über Ais auf den Kopf gestelltes Leben als tausend Worte: So kann man das Schweigegebot natürlich auch umgehen.
Das Verspielte, Fantasievolle, Burleske, mit der der bedrohte Künstler immer wieder auf seine Lage aufmerksam macht, lässt das Drama um ihn oft wie ein lustiges Räuber-und-Gendarm-Spiel aussehen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es immer noch um Leben und Tod geht. Schon weil seine 78-jährige, schwer kranke Mutter im Spiel ist. Von der Ai sagt, dass seine Haft sie an den Rand des Todes gebracht habe.
Der Wechsel zwischen Anklage und Performance, die Mischung aus Schärfe und Ironie, die er in dem täglichen Tauziehen mit den Staatsorganen seit seiner Freilassung dennoch immer wieder demonstriert, erklärt aber vielleicht auch, warum die Solidaritätsaktionen, mit denen sein Fall hierzulande begleitet wird, immer etwas bemüht aussehen.
Das Ritual einer Politisierung
Gegenüber Ais jüngsten Kapriolen hatte die Solidaritätslesung aus seinem Blog, die der Galiani-Verlag vergangenen Freitagabend im Berliner Martin-Gropius-Bau veranstaltete, etwas von einem steifen Ritual. Bei dem die Zuhörer zwar erneut Zeuge einer beeindruckenden Politisierung werden konnten. Eva Menasse, Elke Schmitter und Alain Claude Sulzer, die Autorinnen, die diesmal die Rolle der Lesenden aus Ais Blog „Macht Euch keine Illusionen über mich“ übernommen hatten, vermochten es, seinen Lebensweg vor dem inneren Auge erstehen zu lassen: von dem ahnungslosen Jungen, der mit seiner Familie zu Zeiten der Kulturrevolution in einem Erdloch in der chinesischen Provinz hausen musste, zum entschiedenen Herausforderer der größten Partei der Welt. Zum Rest des Beitrags »
Der Künstler Olafur Eliasson
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 4. Dezember 2011
Politikern ein Stipendium anbieten
Schwere Quader aus Stein. Der Künstler Olafur Eliasson hatte den Weg in seine große Ausstellung „Innen Stadt Außen“ vergangenes Frühjahr im Martin-Gropius-Bau nicht ohne Grund mit Gehwegplatten gepflastert. Mit der Installation wollte er an das aufregende Leben im Berlin der Nachwendezeit erinnern. Die politischen und kulturellen Räume, die sich damals öffneten, hatten den 1967 geborenen Dänen künstlerisch mehr geprägt als seine Ausbildung an der Kunstakademie Kopenhagen. 1994 zog er an die Spree.
Irgendeine Idee von Öffnung muss auch hinter Eliassons jüngstem Vorschlag stehen. Pünktlich zum Start des neuen Berliner Senats hat der Künstler ein „Stipendium“ ausgeschrieben – für Politiker der Hauptstadt. Damit will er „eine direkte Auseinandersetzung zwischen politischer und künstlerischer Praxis“ anschieben, erläuterte er am Donnerstag seine ungewöhnliche Idee.
Der Stipendiat soll sechs Monate in Eliassons „Institut für Raumexperimente“ mitarbeiten. Das von dem Künstler an der Universität der Künste betriebene Studio ist kein Workshop für Stadtplaner. Sondern in erster Linie eine „Schule der Fragen, der Unsicherheit und des Zweifels“. Eine Schule also wie gemacht für Klaus Wowereit.
Die meisten erleben Politik so wie Eliasson: „dogmatisch, starr, unflexibel und populistisch“. Kreativität ist das eine, was Kunst der Politik voraushat. Aber auch die Fähigkeit, einer Idee eine Form zu geben. Wer sich an die diversen Allianzen zwischen Ästhetik und Politik im 20. Jahrhundert erinnert, wird einem gewissen Sicherheitsabstand zwischen beiden freilich auch etwas abgewinnen.
Wenn die Politik von der Kunst etwas lernen kann, dann vom Prinzip Aufklärung durch Selbstaufklärung: „Ich glaube, das Potential von Kunst ist es, unsere Selbstreflexivität oder Selbstkritikalität zu verschärfen“, verteidigt Eliasson sein Stipendium. Wer wollte bestreiten, dass nicht nur die Berliner Politik hier einen gewissen Nachholbedarf hat.
Ingo Arend
erschienen in taz 02.12.2011
Bild: Danish-Icelandic artist Olafur Eliasson. Still image from the 2010 documentary „The Future of Art“ by Erik Niedling and Ingo Niermann. CC SA by Christian Görmer
Christa Wolf († 01.12.2011)
von Henryk Goldberg in Gesellschaft, Leben am 2. Dezember 2011
Die Schriftstellerin Christa Wolf ist tot. Sie starb am 1. Dezember im Alter von 82 Jahren in Berlin.
Unterm ungeteilten Himmel
So fangen ihre Bücher an: Hier war es. Da stand sie. Und: Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Und: Die arge Spur, in der die Zeit von uns wegläuft.
Wem die wirkliche Zeit sich derart in die literarische Fiktion drängt, wer seinen Ich-Ort, seine Ich-Zeit derart verschwimmen lässt mit Figuren-Ort und Figuren-Zeit, der bekennt so unauflösliches Verbundensein mit seiner Zeit. Und wer, wie Christa Wolf, um offene Formen rang, offen für Partikel des Wirklichen, den musste es irgendwann ins Tagebuch treiben. Und so veröffentlichte sie 2003 „Ein Tag im Jahr“.
„Mir fällt ein“, notiert Christa Wolf unter dem Datum des 27. September 1979, „dass dieser ganze beobachtete Tag unter das Heisenbergsche Gesetz von der Unschärferelation fällt: Er wird deformiert durch meinen unausgesetzten Blick auf ihn.“ In gewisser, wenn auch schwer zu fassender Weise mag das auch für die öffentliche Wahrnehmung der Person Christa Wolf gelten.
Hat auch sie sich – und wenn: wie? – durch den unausgesetzten Blick einer teils kultisch verehrenden, teils hämisch desavouierenden Öffentlichkeit verändert? Vermutlich ist das so. Und vermutlich ist kein deutscher Schriftsteller nach Heinrich Böll so sehr als öffentliche Instanz wahrgenommen worden wie Christa Wolf. In dieser Hinsicht nahm sie im Osten eine Stellung ein, wie sie im Westen einst eben Heinrich Böll bekleidet hat – und für das ganze, ungeteilte Deutschland niemand. Ein Umstand, der vermutlich damit zu tun hat, dass es keinen Schriftsteller gibt, der als Person und Autor über eine moralische Strahlkraft verfügt, die aus der Sicht östlicher wie westlicher Lebensentwürfe eine beide integrierende Maßstäblichkeit gewinnt. Zum Rest des Beitrags »
Verleihung des Günter-Rohrbach-Filmpreises in Neunkirchen
von Michael André in Film, Gesellschaft, Kritik, Leben am 1. Dezember 2011
Meldung: Bei einer feierlichen Gala hat die Kreisstadt Neunkirchen den 1. „Günther Rohrbach Filmpreis“ verliehen. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ging an die WDR-Produktion „Unter dir die Stadt“ (Regie: Christoph Hochhäusler) mit Nicolette Krebitz in der Hauptrolle.
Dazu ein Essay von Michael André:
Tote Stadt und untote Banker
In der alten saarländischen Hüttenstadt Neunkirchen wird erstmals der Günter-Rohrbach-Filmpreis verliehen –Doppelsieg für Hochhäuslers Film aus der Endzeit des Kapitalismus – Wenn Film zum Glamourfaktor für die Provinz wird und Festivals an die Stelle der alten Film-Clubs treten
Die Einladung zum ersten Günter-Rohrbach-Filmpreis in Neunkirchen kam spät und löste ambivalente Gefühle aus. Freude, weil durchgesickert war, dass im Saarland einer der eigenen Filme aussichtsreich auf einen Preis war; Verwunderung, weil die Welle der Neugründungen an Filmfestivals und Auslobungen von Filmpreisen nun auch schon Kleinstädte erreicht, die auf der cinematographischen Landkarte Deutschlands bislang blinde Flecken waren. Doch wer suchet, der auch findet. So hat ein wendiger Oberbürgermeister sich erinnert, dass der mittlerweile 83jährige Günter Rohrbach, vom Lokalblatt Saarbrücker Zeitung auf einer Sonderseite als „Lichtgestalt des deutschen Films“ gefeiert, ein Sohn Neunkirchens war. Spielt es da eine Rolle, dass Rohrbach mehr die Rolle des verlorenen denn des alle Zeit heimatverbundenen Sohns erfüllt? Keine. Jedenfalls nicht, wenn es um das Image einer nahezu vergessenen Stadt geht. Rohrbach, früher Fernsehspielleiter beim WDR und danach Chef der Bavaria-Filmstudios, zeigte sich nach anfänglichem Zögern aufgeschlossen für die Idee, einen auf seinen Namen getauften Filmpreis ins Leben zu rufen und ging zusammen mit Senta Berger und drei Lokal-Prominenten auch in die Jury. Man muss Stifter wie Patron zu Ehren halten, dass sie einen thematisch originellen Aufhänger gefunden haben, um ihren Newcomer-Event in der deutschen Filmlandschaft zu platzieren. Filme, die sich schwerpunktmäßig mit „Arbeitswelt und Gesellschaft“ beschäftigen, sollten eingereicht werden. Was in Zeiten der ausgehenden Arbeit in einer post-industriellen Gesellschaft ein spannendes Unterfangen sein kann. Denn die Ära der heroisch-tragischen Arbeiterfilme, wie sie ein letztes Mal die 68er Filmemacher feierten, ist endgültig vorbei. Statt der chronisch wiederkehrenden Zyklen von Konjunktur und Depression ist die Krise zum prekären Dauerzustand geworden. Sie löst Angst, Hysterie wie auch Apathie aus. Die alten Formen des Streik-Protests und offenen Widerstands erweisen sich als weitgehend stumpfe Waffen. Im Leben wie im Film.
Interessant nimmt sich Christoph Hochhäuslers Film „Unter dir die Stadt“ dieser Aufgabe an. Er erzählt von spekulativen Transaktionen in der Bankenwelt und abgründigen Liebschaften. In seiner Verrätselung ist der Film auf seinem Feld in Deutschland eine Rarität, doch bei der Kino-Auswertung ist er wenig geliebt bei Publikum wie Filmkritik geblieben. Die Rezeption bei der Weltpremiere in Cannes war eher lau, die deutschen Kritiker verhielten sich weitgehend verständnislos. Sie erblickten in Hochhäuslers drittem Spielfilm „nicht mehr als eine Finanz-Milieu-Studie“, im Stil „anteilnahmslos wie der Bericht einer Unternehmensberatung.“ Und sie verargten ihm, nicht genügend „mitreißend“ (Der Spiegel) zu sein. Zum Rest des Beitrags »
Wilhelm Genazino: Istanbul, „sterbende Schöne“ zwischen Orient und Okzident
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Leben, Literatur am 30. November 2011
Wo Teejungen und Transvestiten hausten
Megalopole am Bosporus: Im siebten Band der Corsofolio-Städtereihe gehen die Autoren auf Spurensuche in einem untergehenden Istanbul
„Aus der Ferne glich Istanbul der sagenhaften orientalischen Metropole, die wir hatten besuchen wollen. Minarette, Kuppeln, Türme schimmerten wie mit Gold übergossen“. So wie der Steinbildhauer Albin Kranz in Christoph Peters Roman „Das Tuch aus Nacht“ aus dem Jahr 2003 blicken heute viele Menschen immer noch auf die Stadt am Bosporus. Istanbul ist zwar längst kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht mehr. Zieht aber immer noch dieselben Projektionen auf sich.
Dass ein neuer Band der Corso-Städtereihe ausgerechnet das hippe Istanbul als „sterbende Schöne zwischen Orient und Okzident“ sieht, wirkt wie die elegische Variante dieser Obsession. Doch der „Schwebezustand zwischen Sehnsucht und Versagung“, den der Schriftsteller Wilhelm Genazino, „Gastgeber“ bei seinen Spaziergängen durch die Viertel der kleinen Händler und armen Leute zu spüren meint, ist kein süßlicher Neoorientalismus. Schließlich hatte schon Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hüzün, das Gefühl einer unbestimmten Trauer, zur mentalen Konstituante seiner Heimatstadt gemacht. Und tatsächlich meint man, einen Schimmer dieser flüchtigen Substanz auf den Gesichtern ganz normaler Menschen zu entdecken, denen die Fotografin Janet Riedel auf den Fähren, in den Basaren oder am Hafen begegnet ist.
Die Schriftsteller, Journalisten und Künstler, die in Corso Istanbul zu Wort kommen, belassen es zum Glück nicht bei Sightseeing-Tipps für Touristen. Ob man Karl-Markus Gauss in das Istanbul der osteuropäischen Migranten im Tashan-Basar hinter der Istanbuler Universität folgt. Ob man Özlem Topcu in das Atelier der jungen muslimischen Modemacherin Rabia Yalcin in den Sex-and-the-City-Stadtteil Nisantasi folgt. Hier öffnet sich die Tür zu einer Welt jenseits der Panorama-Tapeten in den Reisebüros. Und wer mit Ulli Kulke einen Geschichtsausflug zur Galata-Brücke unternimmt, erfährt, dass Istanbul immer ein europäisches und ein orientalisches Gesicht hatte.
Doch dieser Mikrokosmos verschwindet. Die Reportagen von Michael Thumann und Cornelia Tomerius lassen erahnen, welche Veränderungen einer Stadt bevorstehenden, deren Land in den nächsten zehn Jahren unter die Top Ten der Weltwirtschaft aufrücken will. Sie beschreiben wie die alten Stadtteile Tarlabasi und Sulukule, bis vor kurzem Zufluchtsort von Prostituierten, Teejungen und Musikern der eine, Quartier der Roma der andere, mit nahezu kriminellen Methoden für Stadtvillen und Firmensitze aufgekauft und planiert wurden. Die Soziologin Pinar Selek hält ihre Heimatstadt immer noch für eine Ruine, „die ihre Stimme verloren hat“. Doch „Istanbul, die „sterbende Schöne“, meint den Albtraum der Globalisierung, in deren Schwerkraft sie längst geraten ist. Eines nicht allzu fernen Tages werden vielleicht nur noch die Schwarzweiß-Bilder Ara Gülers an das Istanbul der sechziger Jahre erinnern. Resigniert seufzt der legendäre türkische Stadtfotograf, der im europäischen Stadtteil Beyoglu ein berühmtes Cafe betreibt: „Istanbul wird vernichtet, zerstört. Eines Tages wird es soweit sein, dass wir an einem Ort leben werden, an dem steht ein Ortsschild ‚Istanbul‘. Es wird aber nicht mehr Istanbul sein“.
Die Corso-Reihe ist eine wirklich geglückte Kreuzung aus Buch und Magazin. Sie vereint den schwelgerischen Genuss des coffee-table-books mit dem kritischen Geist des Sachbuchs. Ob man der düsteren Prognose des Malers Bedri Baykam zustimmt, ein schriller Hardcore-Kemalist, für den der Türkei mit Premier Erdogan ein „großer autoritärer Albtraum“ droht, oder ob man dem soignierten Unternehmer Bülent Eczasibasi glaubt, der unbeirrt an den Fortschritt in der Türkei glaubt. Jeder Beitrag dieses bemerkenswert problembewussten Stadtführers macht klar, dass die Stadt nicht wegen der schimmernden Paläste und irgendeiner Exotik so fasziniert, sondern, weil hier alle Widersprüche einer umbrechenden Welt gleichsam hautnah aufeinander treffen.
Text für Getidan: Ingo Arend
Istanbul, „sterbende Schöne“ zwischen Orient und Okzident
Gastgeber: Wilhelm Genazino. Corsofolio 7,
Corso Hamburg 2011, 160 S., 26, 95
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Panama (Reisewelten)
von Michael Scholten in Gesellschaft, Leben am 22. November 2011
Mittwoch, 21. November 2007
Panama City
„Bienvenidos a Panama! Welcome to Panama!“ Dieser Willkommensgruß ist mit schwarzen Plastikbuchstaben an die Grenzstation Costa Rica/Panama geklebt und vermutlich herzlich gemeint, doch der mittelamerikanische Staat macht auch keinen Hehl daraus, dass der Besucher nach einer gewissen Zeit wieder abhauen soll. Jeder Einreisende muss durch Flug-, Bus- oder Schifftickets beweisen, dass er Panama in naher Zukunft zu verlassen gedenkt. Ich lege mein Ticket für den Flug von Panama City nach Miami vor, andere Passagiere aus meinem Reisebus haben keine vergleichbaren Dokumente. Sie müssen am Schalter des Busunternehmens Tica ein Rückfahrtticket nach San José in Costa Rica kaufen, ohne dieses jemals nutzen zu werden. Den Kaufpreis von 25 Dollar können sie sich später in Panama City, abzüglich einer Gebühr von vier Dollar, erstatten lassen. Das ist totaler Bürokraten-Blödsinn, aber so sind nun mal die Gesetze.
Im nächsten Schritt wird geprüft, ob der Reisende auch genug Geld dabei hat, um es in Panama auszugeben. Der Zollbeamte fordert allen Ernstes, dass ich ihm mein gesamtes Barvermögen vor ihm ausbreite. Meine Kreditkarte allein reicht ihm nicht als Beweis für meinen westlichen Reichtum. So ziehe ich – mit 50 Augenzeugen in der Warteschlange hinter mir – Geldschein für Geldschein aus allen Taschen, bis er davon überzeugt ist, dass ich ein paar Tage überleben kann. Einen meiner Fünf-Euro-Scheine möchte er als „Souvenir“ für seine Sammlung behalten. Das ist vermutlich eine nette Einladung zur Bestechung. Doch ich packe das Geld wortlos wieder ein und darf trotzdem passieren. Nach zwei endlos erscheinenden Stunden im Grenzbereich setzt der Reisebus seine insgesamt 16-stündige Fahrt zwischen San José und Panama City endlich fort.
Donnerstag 22. November 2007
Panama City
Als um 5.10 Uhr die Deckenlichter des Busses aufleuchten, werde ich aus dem Halbschlaf gerissen. Wir sind in Panama City. Der Bus-Terminal ist Teil einer einfallslos gestalteten Shopping Mall. Schlaftrunken ziehe ich meinen Koffer aus der Ladefläche des Busses. Was jetzt? Zulys Backpackers Hostel hat leider nie auf meine Anfrage geantwortet, die ich vor zwei Tagen per Mail aus San José abgeschickt habe. Ich beschließe, dort dennoch mein Glück zu versuchen, und zeige einem Taxifahrer das Flugblatt. Er schickt einen Jungen, der bereits auf dem Beifahrersitz hockt, auf die Rückbank zu seiner Mutter und seiner Schwester. Das Trio ist die Hälfte einer Großfamilie, die ebenfalls in meinem Bus saß. Jetzt fährt der Clan, auf zwei Taxis verteilt, zum Hotel Acapulco in Panama City. Für fünf Dollar Zugewinn nimmt mich der Taxifahrer auch noch mit. Auf dem Beifahrersitz bin ich nun allen 14 Aromabäumchen, die mit der Duftnote Erdbeer am Rückspiegel des Taxis baumeln, hilflos ausgesetzt.
Der Fahrer bringt die halbe Familie zum Hotel und schenkt seine gesammelten Fahrkünste fortan allein mir. Aus unerklärlichen Gründen merkt er nie, dass immer dann ein Auto von rechts angerast kommt, wenn er gerade mal wieder ein Stoppschild überfährt. Kurz vor jedem Beinah-Zusammenstoß ruft er laut „Ooops!“, reist das Steuer rum und fährt weiter. Bis zum nächsten Stoppschild, das er missachtet. Bei Sonnenaufgang erreichen wir Zulys Backpackers Hostel.
„It is full“, sagt der Fahrer und zeigt auf eine mollige schwarze Dame, die oben auf einem Balkon steht und ihm inzwischen leise und auf Spanisch mitgeteilt hat, dass es in diesem Haus kein freies Bett gibt. Ich rufe ihr entgegen, dass sie mir das schon gestern auch gern per Mail hätte mitteilen können, aber ich will mich um diese frühe Zeit nicht aufregen. Der Taxifahrer weiß Rat. Er bringt mich drei Blocks weiter zum Voyager Backpacker Hotel. Ich entscheide mich für ein Einzelzimmer zum Preis von 22 Dollar, falle ungewaschen und voll bekleidet auf die verdreckte Matratze und schlafe bis 12.30 Uhr durch. Zum Rest des Beitrags »
Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (†21.11.1811)
von Henryk Goldberg in Gesellschaft, Leben am 20. November 2011
Am 21. November vor 200 Jahren löste der Dichter Heinrich von Kleist sein Lebensproblem, indem er sich in Berlin erschoss. Und Goethe verdarb drei Jahre zuvor in Weimar die Uraufführung eines des besten deutschen Lustspiele
„Können Sie sich einen Menschen vorstellen, Doktor“, so lässt die Dichterin Christa Wolf den Dichter Heinrich von Kleist sprechen, „der hautlos unter die Leute muß; den jeder Laut quält, jeder Schimmer blendet, dem die leiseste Berührung der Luft weh tut. So ist mir Doktor. Ich übertreibe nicht. Das müssen Sie mir glauben“.
Und man kann Christa Wolf diesen Kleist glauben, so wie sie ihn in der wunderbaren Novelle „Kein Ort. Nirgends“ entwarf. Dieses Buch handelt unmittelbar von der hoffnungslosen Verzweiflung des Dichters und es handelt mittelbar von seiner anhaltenden Wirkung auf die Nachgeborenen.
Es ist dieses Gefühl des Verlassenseins, der Vergeblichkeit, das Kleist hinterließ und das er beglaubigte, als er am 21. November 1811 am Wannsee mit derem Einverständnis erst die krebskranke Henriette Vogel erschoss und dann sich selbst. Ehe sie in den Tod gehen, bestellt Kleist im Wirtshaus Zimmer und ein Abendessen für die beiden Männer, die am Abend aus Berlin kommen werden der beiden Leichen wegen.
Diese heitere, gelöste Feier des Todes ist eine der bleibenden, prägenden Szenen der Literaturgeschichte. Dieses unbehauste Leben, diese hautlose, ungeschützte Seele eines großen Dichters haben die spätere Kleistrezeption nicht weniger geprägt als die Werke, vor allem die Dramen, selbst. Zum Rest des Beitrags »
Wolf Biermann (*15.11.1936)
von Henryk Goldberg in Leben am 16. November 2011
Ein Talent und ein Charakter
Henryk Goldberg gratuliert Wolf Biermann zum 75.
Mein erster Satz über Wolf Biermann geht so: Ich mag ihn nicht. Und der zweite: Ich muss ihn nicht mögen, nur weil er wichtig ist und talentiert. Und der dritte: Dass ich nichts mehr müssen muss, ist auch Leuten wie ihm zu danken.
Es ist diese Mein-Name-ist-Heinrich-Villon-und-ich-liebe-Weiber-und-Moral-Großmäuligkeit .
Es ist dieser Ton.
Es ist dieses Mythologisieren des hochbegabten ICH. Es ist dieser Umgang, den der wichtigste deutsche Polit-Barde mit seiner größten Schöpfung pflegt, mit sich. Zum Rest des Beitrags »
Deutschland, deine Völker – Hans Haackes Kunstwerk „Der Bevölkerung“
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Leben, Rundgang am 11. November 2011
Elf Jahre steht Hans Haackes Kunstwerk im Deutschen Bundestag. Die Bilanz über seine Wirkung fällt gemischt aus.
Blut und Boden? Unübersehbar stand die Frage im Raum, als Hans Haacke 1999 sein Kunstwerk „Der Bevölkerung“ vorschlug. Dass ausgerechnet der kritischste der deutschen Polit-Künstler deutsche Erde im Reichstag aufschütten lassen wollte, um klarzumachen, dass die Deutschen mehr als nur ein Volk seien, befremdete viele. Haackes von innen beleuchteter Schriftzug konterkarierte zwar das pathetische „Dem Deutschen Volke“ am Frontgiebel des Parlaments. Aber warum, um Himmels willen, wollte er den Teufel Nation unbedingt mit dem Beelzebub Mythos austreiben? Man versteht es bis heute nicht.
Seit elf Jahren wächst nun Haackes Hügelgrab im Hohen Haus. Und der positiven Bilanz, die eine Runde von Politikern, Kunsthistorikern und dem Künstler selbst, der im August 75 Jahre alt geworden ist, in dieser Woche bei einer Diskussion im Hamburger Bahnhof zog, kann man einiges abgewinnen. Ganz so blutbodenmäßig, wie manche es befürchtet hatten, ist es denn doch nicht gekommen.
Die heftige Debatte um sein 2000 mit der knappen Mehrheit von zwei Stimmen gebilligtes Projekt hatte zumindest sichtbar gemacht, wie viel nationalistische Untertöne bei der Selbst-Definition der Deutschen noch immer mitschwingen. Und einer Erkenntnis den Weg bereitet, die Konservativen heute noch weh tut: Deutschland – das sind viele Völker. Zum Rest des Beitrags »
















