Der proletarische Ödipus (Jean Gabin)
von Georg Seeßlen in Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Leben am 12. Juli 2004
Die Französische Filmwoche in Berlin widmet Jean Gabin zum 100. Geburtstag eine Hommage. Hymne auf einen mürrischen Star
In den Jahren nach dem Krieg, als Jean Gabin nach Frankreich zurückkehrte, das er in der Zeit der deutschen Besatzung verlassen hatte, pflegte man dort das Kino mit Enthusiasmus zu behandeln. Surrealisten und Existentialisten schrieben über Filme und Schauspieler, in Jean Gabin erkannten sie den Ödipus der Pariser Vorstädte. Einen proletarischen Helden, den sein Zorn gegen das Schicksal zu den furchtbarsten Taten treibt. Dem seine Stärke nichts nutzt, der schon wissen muss, dass er verloren hat, bevor er etwas anfängt. Und der es trotzdem tut. Zum Rest des Beitrags »
ShareChrista Wolf (*18.03.1929)
von Henryk Goldberg in Leben im März 2004
Der ungeteilte Himmel
Heute wird die große Schriftstellerin Christa Wolf 75 Jahre
Mir fällt ein, notiert Christa Wolf unter dem Datum des 27. September 1979, dass dieser ganze beobachtete Tag unter das Heisenbergsche Gesetz von der Unschärferelation fällt: Er wird deformiert durch meinen unausgesetzen Blick auf ihn. In gewisser, wenn auch schwer zu fassender Weise, mag das auch für die öffentliche Wahrnehmung der Person Christa Wolf gelten.
Hat auch sie sich und wenn: wie? , durch den unausgesetzten Blick einer teils kultisch verehrenden, teils hämisch desavouierenden Öffentlichkeit verändert? Vermutlich ist das so. Und vermutlich ist kein deutscher Schriftsteller nach Heinrich Böll so sehr als öffentliche Instanz wahr genommen worden wie Christa Wolf. In dieser Hinsicht nahm sie im Osten eine Stellung ein, wie sie im Westen einst eben Heinrich Böll bekleidet hat und für das ganze, ungeteilte Deutschland niemand. Ein Umstand, der vermutlich damit zu tun hat, dass es keinen Schriftsteller gibt, der als Person und Autor über eine moralische Strahlkraft verfügt, die aus der Sicht östlicher wie westlicher Lebensentwürfe eine beide integrierende Maßstäblichkeit gewinnt. Im Übrigen neigt der Zeitgeist dazu, nach dem Zusammenbruch der ideologischen Gewissheiten, auch jede Erscheinung von sich in Menschen institutionalisierender Moral für etwas Komisches zu halten.
Aus genau diesem Grunde begann der gesamtdeutsche, also westliche, Literaturbetrieb, seinen womöglich unbewussten Trieben zu folgen und Christa Wolf als eine Art trauernde Priesterin der geknechteten ostdeutschen Seele zu ironisieren was sie in gewisser Weise ja auch tatsächlich war. Zum Rest des Beitrags »
ShareChrista Wolf (18.03.1929)
von Henryk Goldberg in Leben am 18. März 2004
Der ungeteilte Himmel
Mir fällt ein, notiert Christa Wolf unter dem Datum des 27. September 1979, dass dieser ganze beobachtete Tag unter das Heisenbergsche Gesetz von der Unschärferelation fällt: Er wird deformiert durch meinen unausgesetzen Blick auf ihn. In gewisser, wenn auch schwer zu fassender Weise, mag das auch für die öffentliche Wahrnehmung der Person Christa Wolf gelten.
Hat auch sie sich und wenn: wie?, durch den unausgesetzten Blick einer teils kultisch verehrenden, teils hämisch desavouierenden Öffentlichkeit verändert? Vermutlich ist das so. Und vermutlich ist kein deutscher Schriftsteller nach Heinrich Böll so sehr als öffentliche Instanz wahr genommen worden wie Christa Wolf. In dieser Hinsicht nahm sie im Osten eine Stellung ein, wie sie im Westen einst eben Heinrich Böll bekleidet hat und für das ganze, ungeteilte Deutschland niemand. Ein Umstand, der vermutlich damit zu tun hat, dass es keinen Schriftsteller gibt, der als Person und Autor über eine moralische Strahlkraft verfügt, die aus der Sicht östlicher wie westlicher Lebensentwürfe eine beide integrierende Maßstäblichkeit gewinnt. Im Übrigen neigt der Zeitgeist dazu, nach dem Zusammenbruch der ideologischen Gewissheiten, auch jede Erscheinung von sich in Menschen institutionalisierender Moral für etwas Komisches zu halten. Zum Rest des Beitrags »
ShareEinar Schleef (*17.01.1944)
von Henryk Goldberg in Leben im Januar 2004
Der Gegenangriff
Heute wäre Einar Schleef 60 Jahre alt geworden
Er kam wie aus dem Nichts und er brach über Frankfurt herein. Dieser Mann hatte keine Vorgänger und er wird keine Nachfolger haben. Er war einfach da und er verschwand einfach. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wütende Kraft.
Als sich im Februar des Jahres 1986 die Premiere Mütter, nach Texten des Euripides in Frankfurt über die Bühne wälzt, ist Einar Schleef ein weithin unbekannter Name. Gewiss, ein preisdekorierter Schriftsteller, Autor unter anderem des monumentalen Werkes Gertrud, doch ist er als Autor ein Mann mit einer sehr kleinen Gemeinde. Und am Theater hatte Schleef seit zehn Jahren nicht mehr gearbeitet, denn so lang, seit 1976, war er schon im Westen. Und kaum jemand erinnerte noch einen der größeren Theaterskandale, die in Ostberlin jemals stattfanden.
Das war 1975, Fräulein Julie. Einar Schleef und B.K. Tragelehn brechen am Berliner Ensemble absichtsvoll jede Regel, jede stillschweigende Vereinbarung. Und sie erinnern etwas, das in einer lange Literatur dominierten Theaterkultur erst wieder behauptet werden muss: dass Theater eine Kunst aus eigenem Recht ist, nicht nur die Vergegenständlichung eines Textes. Und wie subversiv die reine Form zu wirken vermag., Am Ende verlässt Jutta Hoffmann Schleefs Protagonistin, die gestern beim Festival in Sangerhausen las so wie Thomas Thieme in Weimar , am Ende dieses Skandals also verlässt Jutta Hoffmann das Schlachtfeld Bühne, sie flüchtet, sie bricht aus, über die Zuschauer hinweg, deren Flucht-Hilfe körperlich einfordernd und erhaltend. Dieses Flucht-Bild war existenziell, unübersehbar und bedrängend. So wie alle die Bilder, mit denen Einar Schleef seine Flucht aus dem Leben in die Kunst inszenierte. Zum Rest des Beitrags »
ShareHeiner Müller (*09.01.1929)
von Henryk Goldberg in Leben im Januar 2004
Was vom Dichter bleibt
Heute vor 75 Jahren wurde Heiner Müller geboren
Als der Dichter Heiner Müller gestorben war, 30. Dezember 1995, da las der Schauspieler Ulrich Mühe an seinem Grab. Heute debütiert Ulrich Mühe in Berlin als Regisseur, er inszeniert Müllers Auftrag. Im Untertitel dieses Stückes steht Erinnerung an eine Revolution und die Frage, die am 75. Geburtstag Heiner Müllers steht ist die, woran man sich womöglich erinnern wird an seinem 150. Geburtstag. Und: ob überhaupt.
Wer diesen Dichter verstehen will, der muss eine andere Revolution als die des Jahres 1789 erinnern. Auf dem Höhepunkt dieser Revolution, es war der 4. November 1989, da sprachen viele Intellektuelle auf dem Berliner Alexanderplatz darüber, wie sie sich die Zukunft dachten. Heiner Müller, einer der bedeutendsten damals lebenden Dichter deutscher Sprache hatte nichts zum Sagen. Da drückten ihn ein paar junge Leute ein Manuskript in die Hand, das handelte von Gewerkschaft, und der bedeutende Dichter trug es vor: Er hatte keine Entwürfe für eine gestaltende Vernunft, er hatte nur Bilder für die Brutalität des Chaos.
Als der Zeitgeist begann, die Position des beliebtesten DDR-Theater-Dichters von Peter Hacks auf Heiner Müller zu übertragen, war das, wie wir heute wissen, ein Zeichen der Krise. Denn wie Peter Hacks den Sieg der Vernunft feiert, also die Hoffnung, so besingt Heiner Müller das Chaos, also die Hoffnungslosigkeit. Und mit der bizarren Ost-West-Welt starb auch das Material des Dichters. Zum Rest des Beitrags »
ShareO. W. Fischer
von Henryk Goldberg in Leben im Januar 2004
Das Leben – ein Traum
Zum Tod des Schauspielers O.W. Fischer, der hatte, was wenige haben: ein Leben nach dem Ruhm
Es ist der Zeitgeist, der die Menschen kleidet und frisiert. O.W. Fischer, wäre er fünfzig Jahre später geboren, hätte anders ausgesehen. Denn ein schöner Mann wie er es war taugte heute nur zur Parodie eines schönen
Mannes. Er muss das geahnt haben, denn als Opas Kino sich zum Sterben legte, in den sechziger Jahren, da zog er sich zurück aus der Öffentlichkeit. Er wollte nicht mit diesem Kino sterben, er wollte leben als der, der war. Am Donnerstag bereits, wie erst gestern bekannt wurde, ist O.W. Fischer gestorben, 88 Jahre alt, in Vernate, jenem Ort im Tessin, wo er seit 1960 lebte.
Arnold Schwarzenegger
von Georg Seeßlen in Leben im Oktober 2003
Der perfekte Amerikaner
Schwarzenegger – die monumentale Verkörperung des Selfmade Man und Erfolgsimmigranten
Im US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien wurde nach einem gar nicht mal so dummen Gesetz ein Gouverneur durch die registrierten Wähler abberufen, zugleich wurde ein anderer gewählt, und weil man schon mal dabei war, wurden auch noch ein paar Dinge dem Volksentscheid vorgelegt, wie etwa die Frage, ob es legitim sei, bei lokalen Bevölkerungs-Umfragen nach Hautfarbe und »ethnischer Herkunft« zu fragen. Zum Rest des Beitrags »
ShareMarcuse oder die Asche der Revolution
von Thomas Knauf in Leben im Juli 2003
An einem Freitag, im Juli 2003 wurde um 10.30 Uhr der deutsche Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Herbert Marcuse auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in der Chausseestraße beigesetzt. Einen Tag vor seinem 105. Geburtstag erhielt der in Berlin als Kind eines jüdischen Textilfabrikanten geborene Heidegger-Schüler und Mitbegründer der ‘Frankfurter Schule’ ein Ehrengrab unweit der Ruhestätten seines Lieblingsphilosophen G.W.F. Hegel. Die Urne mit Herberts Asche kam am Montag zuvor mit einer Maschine aus New York im Rucksack* seines Sohnes Peter Marcuse an und wurde in Tegel von der Bestattungsfirma Grieneisen in Empfang genommen, die sie in einem schwarzen Cadillac Baujahr 1957 zum Friedhof überführte. Zum Rest des Beitrags »
ShareEin kritischer Anhänger des American Dream (Elia Kazan)
von Georg Seeßlen in Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Leben 2003
Zum Tod des Regisseurs Elia Kazan
Elia Kazan, am 7.11.1909 in Istanbul geboren, hat sich wie kein zweiter mit der “Modernisierung” Amerikas auseinander gesetzt. Seine Filme beschreiben, wie aus archaischen Einwanderer-Kulturen und Pioniergesellschaften der anarchische Kapitalismus und daraus der New Deal wurde. Elia Kazan starb am 28. September 2003. Zum Rest des Beitrags »
ShareEdward Norton
von Georg Seeßlen in Leben 2003
Ein Schauspieler für die Widerspenstigen
Der 33-jährige Edward Norton hat sich mit Rollen in sperrigen Filmen wie Larry Flynt, American History X und vor allem Fight Club unter Hollywoods gefragteste Stars geschmuggelt. Der Schauspieler, der sich selbst bescheiden als Protagonisten und weniger als Helden eines Films betrachtet, hat allerdings etwas von einem Chamäleon: Wenn es jemanden gibt, der Robert De Niro beerben könnte, dann ist es Norton. Jetzt läuft bei uns sein neuer Film an, 25 Stunden von Spike Lee. Alle großen Dinge waren schon gelaufen. Alle möglichen Musik- und Lebensstile waren schon ausprobiert, alle Drogen sowieso.
ShareHorst Buchholz (1933-2003)
von Georg Seeßlen in Leben 2003
Horst Buchholz entstammt der lost generation der deutschen Nachkriegsgesellschaft, und er war der schönste Ausdruck ihrer Energie und ihrer Verzweiflung auf der Leinwand. Geboren am 4. Dezember 1933 in Berlin als Sohn eines Schusters träumt er von einem Medizinstudium, muss aber schon früh damit beginnen, Geld zu verdienen, weil der Vater in Kriegsgefangenschaft ist. An der biografischen Glaubwürdigkeit seines Leinwand-Charakters aus bockiger Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit gibt es keinen Zweifel. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Künstler Ingo Günther
von Thomas Knauf in Leben 2003
Twenty-First Century Man
Am 7.11.1979 überreichte ein untersetzter Student der Düsseldorfer Kunstakademie während einer Beuys-Aktion in der Galerie Schmela dem Künstler ein Plakat mit der Aufschrift: „Ich bin so groß wie Joseph Beuys”. Der auch physisch das Mittelmaß überragende Kunstprofessor posierte daraufhin mit einem Schild: „Ich bin größer als Joseph Beuys”. Mit dieser ironischen Provokation gab Ingo Günther im Alter von 22 Jahren seinen Einstand in der Kunstwelt, nachdem er zuvor Ethnologie und Kulturanthropologie studierte hatte. Zum Rest des Beitrags »
ShareRichard Harris (Nachruf)
von Georg Seeßlen in Leben 2002
Er war wohl das, was man so einen rebellischen Charakter nennt. Richard Harris, am 1. Oktober 1930 im irischen Limerick geboren, spielte sich am liebsten seinen Trotz aus dem Leib. Den hatte er sich redlich erworben im Jesuiten College und bewahrt in der Londoner Academy of Music and Dramatic Art. Er stand auf Kriegsfuß mit den Ordnungen; es schien, als sei Richard Harris zugleich ein Brite geworden und einer, der das Englische an sich und überhaupt hasst. Zum Rest des Beitrags »
ShareEine deutsche Unschuld (Heinz Rühmann)
von Georg Seeßlen in Leben am 7. März 2002
Heinz Rühmann und unsere Kultur der Selbst-Rühmannisierung: Zum 100. Geburtstag des Schauspielers, der sich erlaubte, Kind zu bleiben
Das Traumreich des deutschen Films ist ein seltsamer Ort: ein Ritornell des alten Glücks, eine ewige Provinz der Unschuld, in der ein kleiner Mann sich herumtreibt, schlendernd wie ein Lausbub und mit einem Lächeln, das man “verschmitzt” nennt. Heinz Rühmann prägt unsere populäre Mythologie noch heute. Rühmann ist die Verkörperung der deutschen Strategie, sich vor den Anforderungen der Wirklichkeit, vor den Widrigkeiten von Macht und Ausbeutung wie vor gefährlicher Lust und anstrengendem Glück klein zu machen. Zum Rest des Beitrags »
ShareFrank Beyer: Biographie
von Georg Seeßlen in Kritik, Leben, Literatur 2001
Wenn der Wind sich dreht
Schwer tun wir uns, unter anderem, damit, die Kulturgeschichten von Nachkrieg und Unfrieden in den beiden deutschen Staaten nach der Vereinigung ineinander einzuschreiben. Kaum etwas Gemeinsames, so scheint’s, ist da entstanden, und mit dem Dialog ist es auch nicht weit her. Höchstens exotische Nischen gibt es für „Ostkunst”, „Ostliteratur”, „Ostkino” inmitten einer etwas bewusstlosen, gierigen Westkultur. Was für eine Filmgeschichte, zum Beispiel, haben wir jetzt? Eine der „stärkeren Seite”, eine gemeinsame, eine doppelte? Und wie wird diese andere deutsche Filmgeschichte geschrieben? Zum Rest des Beitrags »
ShareAlfred Hitchcock – der Mann, der den MacGuffin erfand
von Henryk Goldberg in Leben 2000
Der Horror der Banane
Es war sechs Jahre nach dem Krieg und es ging wieder aufwärts. Das Wirtschaftswunder begann und die Menschen wollten Spaß. Einer der unterhaltenden Filme, die in den westdeutschen Kinos zu sehen waren, hieß »Weißes Gift« und er handelte von internationalen Rauschgiftschmugglern in Südamerika. Im Orginal hieß der Film »Notorius« und handelte von deutschen Nazis, die in Südamerika Uran suchen. Man hatte, mit Rücksicht auf die deutschen Befindlichkeiten, die Story ein wenig umgeschrieben.
Alfred Hitchcock hatte keine Meinung über die Umstände dieser Welt und er hatte keine Botschaften für sie. Die Nazis in Rio (»Notorius«) waren ihm so gleichgültig wie die Stasi in Leipzig (»Der zerrissene Vorhang«). Die Welt ein Vorwand, die Geschichte ein Anlass. Er hatte nichts zu erzählen, er hatte nur etwas zu zeigen aber das, wie kein anderer vor ihm.
Der 1980 gestorbene Regisseur realisierte seinen ersten eigenen Film 1925 in München. Das war, natürlich, ein Stummfilm und der allererste Job des Mannes waren die Zwischentitel für solche Filme. Zum Rest des Beitrags »
ShareSchließ die Augen und mach dir ein Bild (Hundert Jahre Alfred Hitchcock)
von Georg Seeßlen in Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Leben 1999
DER MANN MIT DEN POSAUNENBACKEN
Hundert Jahre Alfred Hitchcock
Alfred Hitchcock (1899-1980), Kino-Genie und Pop-Star in einem, viel gefeiert derzeit und glücklicherweise in allen Medien zugänglich wie nie zuvor, ist darzustellen, zu vermessen und zu kommentieren auf sehr verschiedene Weise, Bausteine des »System Hitch cock«:
Hitchcock, der dicke Junge, dem die Angst und nicht viel anderes als Angst in die katholische Außenseiter-Jugend schien, und der Zeit seines Lebens Bilder der Angst, Bilder der Schuld, der Sünde und der Rache, Bilder des Begehrens und der indirekten Erfüllung zu produzieren wusste, sich ihnen immer wieder näherte und sich immer wieder von ihnen distanzierte. Zum Rest des Beitrags »
ShareShirley MacLaine
von Georg Seeßlen in Leben 1999
Die Zeit der Zärtlichkeit
Die Berlinale ehrt die Schauspielerin Shirley MacLaine mit einer Retrospektive
Jeder Kino-Star ist ein durch Kulissen, Situationen und Handlungen bewegter Essay über den Körper und seine Inszenierung, über das Verhältnis von Blick und Bild, und über männliche und weibliche Rollenmodelle. Shirley MacLaine betrat die Leinwand zu einer Zeit, als die klassischen Hollywood-Modelle erheblich an ihrer Verlässlichkeit eingebüßt hatten, ein radikaler Neuanfang aber noch nicht gewagt werden konnte. Sie ist in ihren Filmen der sechziger Jahre nicht mehr das Sex-Objekt für den männlichen Blick, aber auch noch nicht die selbstbestimmte Frau, keine femme fatale, aber auch kein Bild weiblichen Begehrens wie auf dem Kontinent Brigitte Bardot oder die italienischen Diven wie Sophia Loren oder Gina Lollobrigida. Sie ist die Frau, die sich in einer männerbestimmten Welt durchsetzen muss, die sich der Ausbeutung widersetzt und doch immer wieder hereinfällt, ein transparenter, zärtlicher, sehnsüchtiger Blick in eine Welt, die mehr noch als von den Männern vom Geld zusammengehalten wird. Die Frau in dem, was einige Zeit vorher Siegfried Kracauer die „Angestellten-Kultur” genannt hat, und für die es kaum ein so treffendes Bild gibt wie Billy Wilders Film „The Apartment” aus dem Jahr 1960 und Shirley MacLaines Portrait der Fahrstuhlführerin Fran Kubelik darin. Zum Rest des Beitrags »
ShareHOME IS WHERE THE PAIN IS
von Jan Distelmeyer in Leben 1998
So gerne ich mich heute an ein anderes Gefühl erinnern würde: Ich hatte Angst. Man konnte nicht sicher stehen, wusste nicht von welcher Seite der nächste Stoß kommen würde, der einem, vor allem wenn man ungefähr neun Jahre alt ist, permanent das Gefühl von Ohnmacht gab. Mein Vater hatte keine Sitzplatzkarten mehr bekommen können. Dazu kam eine ungeheure Lautstärke, die ich in dieser Form, einer seltsam bedrohlich-hymnischen Melodik, noch nie zuvor erlebt hatte. So hatte ich, auch weil mir nur selten ein freier Blick durch die sich vor mir aufgestellte Männermauer vergönnt war, bei meinem ersten Besuch eines Fußballspiels kaum Augen und Ohren für Platz und Spieler. Ich bin nicht einmal mehr sicher, gegen wen es damals ging (Hannover 96, glaube ich); umso genauer habe ich das Bild dieses Stadions vor Augen, das meine Liebe zum Fußball mehr als alles andere geprägt hat: die „Alm“, das enge, dunkle und, wie ich später begreifen sollte, englische Stadion des DSC Arminia Bielefeld. Zum Rest des Beitrags »
ShareJames Steward
von Georg Seeßlen in Leben im Juli 1997
Jimmy konnte alles spielen
James Stewart war in seinen Filmen nie ein Abenteurer. Aber immer fand das Abenteuer ihn. Als aufrechter Durchschnittsmensch kämpfte er stellvertretend den Kampf der Kleinen gegen die Großen
Wenn es je einen amerikanischen Archetyp gab, dann war das James Stewart. Er verkörperte alles, was an den USA so liebenswert, so unerreichbar für Europäer erscheint: den Optimismus, die Geradlinigkeit, die Naivität, die Musikalität von Bewegungen und Gesten. James Stewart war das Gegenteil von John Wayne, dem anderen amerikanischen Prototyp, dem ewigen Gewalttäter und Unbehausten. James Stewart war überall zu Hause, weil er in sich selbst zu Hause war.
Er ist vielleicht der einzige, dem das große amerikanische Projekt, die Verwandlung des Jungen vom Lande in einen modernen Stadtmenschen, reibungslos gelingen konnte. Zum Rest des Beitrags »
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