W2 – Der Ablaufberg

Rangierbahnhof Leipzig/Engelsdorf, September 2008

© Alexander Biedermann

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Barbra Streisand (*24.04.1942)

© Menekse Cam

Gesichter lügen nicht

Es gibt wenige, die mehr können. Eine große Regisseurin ist sie nicht, aber eine Entertainerin im umfassenden Sinne des Wortes ist Barbra Streisand.

Als Musicaldarstellerin von einer Vitalität, die das Gravitationszentrum jeder Bühne bildet, als Schauspielerin von einer Präsenz, in deren Kraft sich ein faszinierendes Spektrum leiser Nuancen mischt. Und es mag ein wenig befremden, dass man sie nach ihrem Welterfolg von 1968 und erstem Oscar das Funny Girl nannte: Diese Frau ist zu kraftvoll, als dass jemand sie je hätte ein Girl nennen dürfen. Sie steht dafür, dass die Ausstrahlung eines Menschen etwas mit seinem Leben zu tun hat, dafür, dass Gesichter nicht lügen. Diese Jüdin investiert ihre Millionen und ihren Ruhm in das Engagement für Minderheiten und die Umwelt. The Way We Were (1975) war, mit Robert Redford, vielleicht ihr wichtigster Film und einer, der auch von Gesellschaft handelt, nicht nur von Hormonen. Und wenn sie Woman in Love singt, dann sind die meisten der pretty Women nicht mehr zu sehen.

Autor: Henryk Goldberg

cartoon via

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Jack Nicholson (*22.04.1937)

Jack Nicholson in "Chinatown" (cinemaisdope.com)

Der kluge Wolf

„Das ist New York“, sagt Melvin Udall aufmunternd, „wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall.“ Dann wirft er den niedlichen kleinen Hund in den Müllschlucker. Außer Hunden mag der Schriftsteller auch Neger, Juden und Schwule nicht, aber lediglich seine Hunde-Phobie therapiert er so konsequent. Wir erkennen daran, wie sehr er sich von der öffentlichen Meinung emanzipiert hat, denn das mit dem Hund ist nicht mehrheitsfähig. Jack Nicholson hingegen ist immer mehrheitsfähig, und wenn er der Müllschlucker selber wäre. Zum Rest des Beitrags »

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Anthony Quinn (*21.04.1915)

Happy Dancing

So hat nie ein Mann getanzt. So kraftvoll und so zärtlich, so verzehrend und so gebend, so inniglich und so elementar. So Kraft beziehend aus einer Quelle, die ihn unmittelbar verbinden muss mit der Erde, die er stampft. Wer einmal so zu tanzen vermag, und sei es nur für einen Augenblick, der hat ein Stück Ewigkeit gewonnen. Zum Rest des Beitrags »

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Claudia Cardinale (*15.04.1938)

Die diskrete Diva

Heute hat Claudia Cardinale Geburtstag – eine reife Frau ist sie schon lange, es ist nicht direkt ein Nachteil, wenn eine Schauspielerin schön ist. Claudia Cardinale gewann als 18-jährige einen Wettbewerb als schönste Italienerin in Tunis, so kam sie nach Venedig, es war der erste Preis. Später machte sie die Preise. Zum Rest des Beitrags »

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Kraft der Kunst

Vor etwa drei Jahren durfte ich Zeuge eines kreativen Prozesses der aussergewöhnlichen koreanischen Künstlerin Yi Soonjoo werden. Es war nicht das erste und nicht das letzte, aber wieder ein inspirierendes Mal, ihr über die Schultern schauen zu können, wie sie Bezug nahm auf traditionelle Minhwamalerei, die alle Moderne – so um Paul Klee herum – in Korea auf phantastische Weise vorweggenommen hatte. Ihr ausgewähltes Motiv stammte diesmal von dem notorischen Tuschezeichnungspaar Tiger mit Elster, was sie auf ihre besondere Art umwertete in eine zeitgemässe Installation. Ich konnte mich vor Begeisterung garnicht mehr von den vielen alten Tiger-mit-Elster-Variationen trennen, fühlte mich beflügelt, zumal es in Korea zu meiner Freude von Elstern nur so wimmelt, denn sie sind witzig, klug & keineswegs diebisch. Tiger in Korea zu finden wird nicht nur schwierig, sondern unmöglich sein, da der letzte 1923 von einem kleinen Japaner mit seiner Flinte erlegt worden war. Zum Rest des Beitrags »

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Jean-Paul Belmondo (*09.04.1933)

Außer Atem, 1960

Langer Atem

Manchmal muss man einfach Glück haben. Und niemand weiß vorher wirklich, unter welchen Umständen ein Star entsteht, anderen Falles wäre die Welt voll davon. Hier passt alles. Jean-Luc Godard ist 29, Jean-Paul Belmondo 26 Jahre alt, als sie 1959 aufeinander treffen. Der Regisseur dreht seinen ersten Film und will berühmt werden, der Schauspieler hat bereits acht Filme hinter sich und ist noch immer unberühmt. Nach dieser Arbeit sind beide Stars mit langem Atem.

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Andrej Tarkowski (*04.04.1932)

Iwans Kindheit, 1962

Leerer Raum

Zivilisation und Barbarei fallen in eines in dieser Welt, die Andrej Rubljow durchwandert und durchleidet. Das Antlitz Christi hier zu schauen ist schwer und tröstliches zu sagen auch. So schweigt der Maler, auch mit dem Pinsel. Das war keine Haltung mit der sich reüssieren ließ 1966 in der Sowjetunion. Nicht der Maler, der Künstler, der eigensinnig seine Individualität sucht, nicht die Welt, die überzogen ist von lastender Hoffnungslosigkeit. Zum Rest des Beitrags »

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Marlon Brando (*03.04.1924)

„The Wild One“, 1953

Der Gott als Rebell

Es hat vielleicht keinen zweiten Schauspieler dieser Begabung gegeben, der seinem eigenen, überragenden Talent mit solch nachlässiger Nichtachtung, mit solch provozierender Gleichgültigkeit begegnete. Es darf als eine merkwürdige Laune der Natur gelten, dass sie eines ihrer großzügigsten Geschenke an einen Schauspieler vergab, der es nicht als eine Kostbarkeit hielt, sondern damit umher warf als der wohl größte Verschwender der Filmgeschichte.

Und wenn es je einen Rebellen gab in Hollywood, dann ist es dieser dicke alte Mann, der die Rebellen spielte, als er ein Gott war. Denn kein anderer hat sich so konsequent seiner eigenen Legende verweigert. Und kein anderer tat so unbekümmert, was er wollte. Als der junge Regisseur Francis Ford Coppola Brando für den Paten will (1971), lehnt das Studio ab, der exzentrische, schwierige Star hat bald ein Jahrzehnt nur Flops produziert. Doch Brando, als sage ihm ein Instinkt, dass hier Filmgeschichte entsteht, kommt handzahm zu den Probeaufnahmen wie ein Anfänger. Und als sie ihm, es war ein Welterfolg und ein Meisterwerk, den Oscar geben wollen, den zweiten, da nimmt er ihn nicht: Es ist sein Protest gegen den Umgang seines Landes mit seinen Ureinwohnern, den Indianern. Und er schickt eine Indianerin, die ihnen das sagt. Dafür dreht er, im gleichen Jahr, noch ein Stück Filmgeschichte und einen Skandal dazu, Bertoluccis Der letzte Tango in Paris mit Maria Schneider (1972). Es ist die vorletzte seiner wesentlichen Arbeiten, die letzte war, 1979, wieder mit Coppola, Apocalypse Now, eine Figur, so dunkel, so rätselhaft wie die Innenwelt dieses großen Schauspielers. Zum Rest des Beitrags »

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Zum Tod von Liz Taylor: Die öffentliche Frau

Die Hollywood-Diva Elizabeth Taylor ist im Alter von 79 Jahren an Herzversagen gestorben.
Im Jahre 1956 dreht James Dean „Giganten“, seinen letzten Film. Dann verunglückt er tödlich, 24 Jahre alt und wird so zur Legende. Und eben dieser Film eröffnet auch einer anderen die Zukunft.


Denn Elizabeth Taylor, wenige Wochen älter als James Dean, beginnt mit diesem Film ihre wirkliche Karriere. Nach “Giganten” ist sie eine Schauspielerin, die sich künftig ihre Rollen aussuchen kann. Liz Taylor wird viele Rollen gespielt haben, bis sie gestern, nach mehrwöchigem Klinikaufenthalt, in Los Angeles starb, 79 Jahre alt. Im Ganzen sind es etwa 50 Kinofilme, nicht gerechnet die Fernsehproduktionen und die Gastrollen auf der Bühne. Ihre Grundentscheidung jedoch ist unabhängig von den einzelnen Rollen eine andere: Sie entscheidet sich für die Rolle der öffentlichen Frau, der Diva. Diese Rolle wurde durch sie geprägt wie es sonst kaum eine andere vermochte. Auch Marilyn Monroe nicht, die früh starb und der Prototyp des Opfers ist, ein Star, der nicht mehr beherrschte, was mit ihm geschah. Liz Taylor hingegen, daran kann kaum ein Zweifel sein, lebte ein durch und durch selbstbestimmtes Leben, sie hat sich selbst inszeniert als öffentliche Frau. Anders ist es nicht erklärbar, dass dieser Tod ihren Namen heute noch einmal um die Welt trägt, obgleich es seit langem keinen ernsthaften Grund mehr gab, die Schauspielerin zur Kenntnis zu nehmen. Zum Rest des Beitrags »

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I shot my love (Interview mit dem Regisseur Tomer Heymann)

„Komm, sei doch nicht so ein Nazi!“

Der israelische Regisseur Tomer Heymann gewann 2006 auf der Berlinale den Panorama-Publikumspreis und den Siegessäule-Preis für seinen Dokumentarfilm „Paper Dolls“. Nun kommt der Nachfolger „I shot my love“  in die deutschen Kinos – ein intimes Porträt über seine Mutter Noa und seinen deutschen Lover Andreas Merk. Zum Rest des Beitrags »

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Es klingelt – warum Telefonieren weiblich ist

Das Telefon ist weiblich. Aus gutem Grund. Nicht aus Neugier telefonieren Frauen viel und lange, sondern weil sie keinen Anruf ignorieren können. Anders als viele Männer. Die gehen einfach nicht ran, wenn es klingelt.

Neulich abends, ich stand in der Küche, da klingelte das Telefon. Der Zeitpunkt war ungünstig, ich war gerade dabei ein paar Steaks in der Pfanne zu versenken. Also wartete ich ab, lauschend. Er musste es ja auch hören. Außerdem muss eine Frau Prioritäten setzen. Ein hungriger Mann im Haus ist ein Risikofaktor.

Nach dem dritten Klingeln deutete immer noch nichts auf eine Bewegung hin. Dafür hörte ich verdächtiges Zeitungsrascheln. Geistesgegenwärtig rief ich, was eine Frau in solcher Situation ruft: “Teeleefooon!” Ein schönes Beispiel übrigens dafür, wie uns das männliche Sozialverhalten zu völlig hilflosen, unlogischen Handlungen provoziert. Natürlich passierte nichts. Ich verlor die Nerven, eilte zum Apparat. Die Dame am anderen Ende rief im Auftrag irgendeines Instituts an und wünschte meine Meinung zu “einigen gesellschaftsrelevanten Problemen” zu erfragen. Sonst gern, ließ ich sie wissen, aber das Abendessen in der Küche, um diese Zeit . . . Sie könne das nachvollziehen, antwortete sie verständnisvoll. Als Gegenleistung bedauerte ich sie wegen ihres Jobs, wir wünschen uns einen guten Abend und ich eilte in die Küche zurück.

Dort qualmten die Steaks schon ein bisschen. Er muss das gerochen haben und lief mir besorgt bis zum Herd nach. Auch ein Mann setzt Prioritäten. Siehst du, sagte er überlegen. Hab ich doch gewusst. Und guckte sehr kritisch in die Pfanne. Es hätte ja jemand Wichtiges sein können, entgegnete ich aufmüpfig. War es aber nicht, sagte er zufrieden. Zum Rest des Beitrags »

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Das Leben, ein dynamisches System

Neulich hatte ich ein schönes Erlebnis. In einer Mappe wo „Rechnungen“ draufsteht, fand ich das Serviceheft für meinen bescheidenen Mittelklassewagen. Völlig überraschend. Eigentlich hatte ich nach Papieren für die fällige Steuererklärung gesucht. Vor der letzten Durchsicht hatte ich vergeblich Wohnung und Auto auf den Kopf gestellt.
Triumphierend wedelte ich damit herum. Hab ich doch gesagt, dass es irgendwann auftaucht. Er hatte mir damals die Folgen dieses Verlustes in schwärzesten Farben ausgemalt. Ich werde schon sehen, wohin ich mit meinem unstrukturierten Lebenswandel komme. Mit meiner Abneigung gegen Ringordner und Terminplaner.
Wenn Ihnen das ein bisschen bekannt vorkommt, leben Sie wahrscheinlich schon länger mit einem Mann zusammen. Am Anfang nämlich ist, sagen wir mal eine Verspätung, noch eine liebenswerte Eigenheit. Frisch verliebte Männer finden so etwas manchmal sogar anziehend. Ach wie erfrischend doch so eine weibliche Unbekümmertheit ist!
Aber wehe, Sie gewähren ihm Zugriff auf Ihren Alltag. Da können Sie mal sehen, wie schnell charmante Nonchalance übersetzt wird mit unglaublicher Schlamperei. Dann sind wir unorganisiert, entscheiden impulsiv aus dem Bauch heraus, verlegen aus unbegreiflichen Gründen urplötzlich Termine, überziehen ständig unser Konto, verspäten uns sowieso immer, vergessen wichtige Unterlagen, gehen ohne Einkaufsliste in den Supermarkt und überhaupt. Wir würden irgendwann im selbstgeschaffenen Chaos untergehen, wenn nicht ab und zu eine ordnende männliche Hand in unseren Alltag eingreift. Zum Rest des Beitrags »

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Hugo Ball (22.02.1886)

Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle
Vor 125 Jahren wurde der Dadaist Hugo Ball geboren

Hugo Ball’s Gedicht ''Karawane'', Reprint der Zeitschrift "Dada" (1917)

Hugo Ball prägte sich als Erfinder des Lautgedichts und Begründer der Dada-Bewegung ins kollektive Bewusstsein ein. Er inszenierte jedoch auch Theaterstücke, schrieb burleske Romane, verfasste politische Schriften und widmete sich theologischen Problemen.

Hugo Ball wurde bekannt als Erfinder des Lautgedichts. Die “Totenklage” entstand 1916 während des Ersten Weltkrieges. Damals hatte Ball in Zürich das “Cabaret Voltaire” und damit die gegen die Herrschaft der Rationalität gerichtete Dada-Bewegung gegründet, zusammen mit Emmy Hennings, Tristan Tzara, Hans Arp, Marcel Janco, und Richard Hülsenbeck. Letzterer präzisiert:

“Aber niemand hat wirklich den Dadaismus gegründet. Denn er war nur ein Zeitelement, ein Teil des allgemeinen Nihilismus unserer Zeit. Und hier spielt eben Ball die große Rolle. Ball, meines Erachtens, war der wirkliche geistige Vater unserer ganzen Bewegung.”

Schon vor “Dada” war Hugo Ball Teil der Avantgarde. Der am 22. Februar 1886 in Pirmasens geborene Sohn eines Lederwaren-Vertreters hatte gegen den Willen seiner Eltern in München und Heidelberg Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert. Seine Dissertation über Friedrich Nietzsche brach er zugunsten einer Regieausbildung am Deutschen Theater in Berlin ab.

Wenig später inszenierte er an den Münchener Kammerspielen Wedekind. Er publizierte tabuverletzende Gedichte in der “Aktion”, besuchte die bahnbrechende Ausstellung der Futuristen 1914 in Dresden. Im folgenden Jahr veranstaltete er mit Hülsenbeck eine “Gedächtnisfeier für gefallene Dichter” in Berlin. In ihrem dort vorgetragenen “Literarischen Manifest” heißt es:

“Wir wollen aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Wir werden immer ‘dagegen’ sein.” Zum Rest des Beitrags »

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Heinz Rühmann (*07.03.1902)

Der geadelte Kleinbürger

Diesen kleinen Mann umwob die Würde dessen, der um seine Schwachheit weiss und sie zu tragen vermag. Zum Geliebten mehrerer Generationen wurde er durch die Gewissheit, dass ihm schon nichts geschehen würde, nichts geschehen könne. Der zarte melancholische Charme umhüllte den verletzlich scheinenden wie ein sanfter, undurchdringlicher Panzer. Das war die stolze Rüstung des Ritters von der einfachen Gestalt.

„Der Pauker“, hat er gesagt, sei seine liebste Rolle, neben dem Pauker-Verkohler natürlich, dem Pfeiffer. Der kleine Mann mit dem korrekten Jackett steht gegen den großen Burschen mit der Lederjacke. Der Pauker, der sich vordem listig in der Kunst des Ringens unterweisen ließ im Austausch gegen einige Regeln der deutschen Sprache, wirft den Burschen zweimal in den Sand mit alberner Würde. Dann bekommt er das junge Knie in den Bauch. Später, wenn er sich das Blut vom Mund wischt, lächelt er. Warum? In diesem sanften Lächeln unterm blutenden Mund liegt das Geheimnis des Schauspielers Heinz Rühmann, der Adel der Zerbrechlichkeit. Es ist die Botschaft dieses Lächelns unterm Blut hervor, die ihn werden ließ, was er war. Noch kein Schauspieler wurde ein Star, nur, weil er gut war, noch keines Künstlers einhundertsten Geburtstages wurde gedacht nur weil der Jubilar seine Sache gut vertrat. Das ist eine notwendige, wiewohl nicht hinreichende Voraussetzung. Den wirklich Großen eignet allen etwas Träumerisches, für das die Schauspielerei nur die Folie ist, auf der etwas tiefer liegendes schimmernde Transparenz gewinnt. Etwas, das so irrational ist wie eine Farbe, wie ein Ton. Wie ein Lächeln. Zum Rest des Beitrags »

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Klaus Theweleit: Über Pasolini, Godard und andere

Filmdenken:

Klaus Theweleit über Pasolini, Godard und andere

Klaus Theweleit, geboren 1942 in Ebenrode/Ostpreußen, ist Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Universität Freiburg und Schriftsteller.


Interview, Kamera 1, Schnitt: Alexander Biedermann
Kamera 2, Licht: Daniel Laudowicz

Das Interview (aufgenommen am 22.01.2011) entstand im Rahmen von “SCHAU-TV” – Ein Projekt der Schaubühne Lindenfels Leipzig www.schaubuehne.com

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Die Schauspielerin Jutta Hoffmann wird 70 Jahre alt

Sie war die erste prominente DDR-Schauspielerin, die sich vollkommen nackt zeigte. „Die Schlüssel“ hieß dieser Film von Egon Günther, in dem sie in Krakau unter der Dusche stand. Zum Rest des Beitrags »
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Die französische Schauspielerin Annie Girardot ist tot

Ihr filmisches Leben begann als Hure. Viscontis Rocco und seine Brüder wurden gleichsam ihr Schicksal im zweifachen Sinne. Es war ihr künstlerischer Durchbruch zwischen Alain Delon und Renato Salvatore. Am Ende wird Nadia von Simone, also Renato Salvatore, ermordet und schaut ihn sterbend an mit einem Blick, der in die europäische Filmgeschichte gehört. Das war 1960, zwei Jahre später hatte sie Renato Salvatore geheiratet.

Der Tod dieser wunderbaren Schauspielerin erinnert auch an den Tod eines Kinos, das es so nicht mehr gibt. Annie Girardot hat gearbeitet bis zum Anfang dieses Jahrtausends, doch ihre große Zeit war die des westeuropäischen Kinos in den sechziger und siebziger Jahren. Sie hat mit beinahe allen gearbeitet, ihre wichtigsten Regisseure waren wohl Claude Lelouch (So sind die Tage und der Mond) und André Cayatte. Mit dem drehte sie Aus Liebe sterben, über eine erwachsene Lehrerin, ihre Liebe zu einem Schüler und eine Gesellschaft, die sie in den Selbstmord treibt. Vielleicht zeigt dieser Film am prägnantesten, was das Besondere dieser Schauspielerin war: Ihre kraftvolle, gleichsam flirrende Durchschnittlichkeit. Sie war keine auffallend schöne Frau, aber diese Durchschnittlichkeit war von einer Art, die die Schönen neben ihr verblassen ließ. Ihre schönste Altersrolle war wohl die altersvergrämte Mutter in Hanekes Die Klavierspielerin, im Duell mit Isabelle Huppert.

In den letzten Jahren litt sie an kompletten Gedächtnisverlust, sie hatte das Bewusstsein ihrer selbst vollkommen verloren.

Im Bewusstsein und im Gedächtnis des Publikums wird Annie Girardot für lange Zeit unverloren bleiben.

Text: Henryk Goldberg

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 01.03.2011

Bild: Annie Girardot à la cérémonie des Césars (Foto Georges Biard)

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Wir haben den kranken Mensch genau dort gesehen, wo er nie vorkam

Monica Lierhaus mutiger Auftritt bei der Verleihung der Goldenen Kamera (via cicero.de)

Monica Lierhaus mutiger Auftritt bei der Verleihung der Goldenen Kamera (via cicero.de)

Für den Schriftsteller Ralf Bönt war der Fernsehauftritt der Sportmoderatorin Monica Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera mutig. Ohne die großen Kranken der Kunst wäre dieser nie möglich gewesen. Kritikern wirft er ein „eruptives Ressentiment gegen das Fernsehen“ vor.

Was wäre die Kunst ohne die großen Kranken von Moliere über Fritz Zorn bis Christoph Schlingensief, deren Aufbegehren sich in das kollektive Gedächtnis eingeätzt hat und stets als künstlerische Selbstermächtigung gefeiert wurde. Zur Zeit spielt diese unfreiwillige Rolle Wolfgang Herrndorf, dessen Blog „Arbeit und Struktur“ an Rücksichtslosigkeit nichts zu wünschen übrig lässt und schon jetzt vollkommen zu Recht als literarisches Ereignis sondergleichen gilt.

Zum Glück scheint es dem Autor derzeit vergleichsweise gut zu gehen, man darf auf seinen Wüstenroman hoffen, der noch nicht fertig gestellt ist. Alles wartet darauf. Dabei bleibt die Geste des Ätzers und Weltverachters offenbar den Männern vorbehalten. Vielleicht liegt das ja an der noch immer herrschenden Negierung des kranken Mannes, an der mangelnden Akzeptanz seines Körpers jenseits der Arbeitsmaschine. Das berührendste Dokument zum Thema hat in jüngster Zeit jedenfalls eine Frau geliefert: Silvia Bovenschen gelang in „Älter Werden“ das Kunststück mit Charme, Humor und dennoch ohne Schonung zum Thema zu schreiben. Auch ihr Buch ein großer Erfolg, der leicht durch Fernsehauftritte hätte ausgebaut werden können. weiterlesen cicero online

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Ingmar Bergman und die Psychoanalyse (WDR 08.02.2011)

Der cineastische Seelenfoscher

Ingmar Bergman war einer der Filmregisseure, mit denen die Moderne ins Kino einzog. In Filmen wie “Persona”, “Szenen einer Ehe” oder “Von Angesicht zu Angesicht” lotete er Grundfragen der menschlichen Existenz aus. Kein Wunder, dass er fasziniert war von der Psychoanalyse, dieser neuen Art, ins Innere des Menschen zu schauen. Aber wie sehen ihn die Psychoanalytiker – als Kollegen mit der Kamera, als Sammler von Traum- und Analysematerial? Oder als typischen Fall des Künstlers, der lieber Filme gedreht hat, statt sich auf die Couch zu legen?

Ein Porträt des 2007 verstorbenen Ingmar Bergman anlässlich der Retrospektive, mit der ihn die diesjährigen Berlinale ehrt.

Von Markus Metz und Georg Seeßlen

Ingmar Bergman während der Dreharbeiten zu “Smultronstället” (© 1957 AB Svensk Filmindustri, Foto: Louis Huchl)

Sendung: Der cineastische Seelenfoscher – Ingmar Bergman und die Psychoanalyse

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WDR.de, Scala: Sendung vom 08.02.2011, Redaktion: Sefa Inci Suvak, © WDR 2010

zum Nachhören direkt auf WDR

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