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	<title>Lesen was klüger macht</title>
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		<title>67. Filmfestspiele Venedig (03.09.2010)</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 20:02:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Claus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmfestspiele Venedig]]></category>

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		<description><![CDATA[Bisher flau, lau, mau Auf dem roten Teppich ist nicht viel los. Bisher werden Glanz und Glamour auf dem Filmfestival von Venedig eher klein gehalten. Macht nichts. Das Festivalgelände ist ohnehin eine riesige nicht zu Party-Stimmung einladende Baustelle, viele Zäune umgeben das riesige Gelände für den neuen Palazzo del Cinema, von dem bisher nichts zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/venezia.LOGO_.PC1_.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-13355" title="venezia.LOGO_.PC1" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/venezia.LOGO_.PC1_.jpg" alt="" width="600" height="79" /></a></p>
<p><strong>Bisher flau, lau, mau</strong></p>
<p>Auf dem roten Teppich ist nicht viel los. Bisher werden Glanz und Glamour auf dem Filmfestival von Venedig eher klein gehalten. Macht nichts. Das Festivalgelände ist ohnehin eine riesige nicht zu Party-Stimmung einladende Baustelle, viele Zäune umgeben das riesige Gelände für den neuen Palazzo del Cinema, von dem bisher nichts zu ahnen ist, im Gegenteil, es sieht ganz danach aus, als habe ein Baustopp stattgefunden. Da schießen, natürlich, die Gerüchte ins Kraut: Wird es den neuen Palast je wirklich geben?<span id="more-13354"></span> Oder wird es vielleicht das Festival bald gar nicht mehr geben? Die Antworten weiß, hier jedenfalls, niemand. Sicher ist jedoch: Das weltberühmte Hotel Des Baines, in dem Thomas Mann einst „Tod in Venedig“ schrieb, wo Luchino Visconti den Roman verfilmte, wo über Jahrzehnte Weltstars residierten, ist zu. Der Prachtbau wird in Appartements aufgeteilt. Angeblich haben bisher vor allem reiche Russen Verträge erworben. „Morte a Venezia“, „Tod in Venedig“, so  das Schlagwort, das dazu bisher die Runde macht.</p>
<p>Über Löwenkandidaten munkelt noch niemand. Ist ja auch noch arg früh dazu. Nicht wenige hatten vorab damit gerechnet, dass der US-Amerikaner Julian Schnabel (bekannt unter anderem durch „Basquiat“) einen ersten zu handelnden Film zeigen würde. Fehlanzeige. „Miral“, zu sehen im Hauptwettbewerb „Venezia 67“, ist furchtbar herzliches und leider auch herziges Gutmensch-Kino ohne nachhaltige Wirkung. Von einem aus der eigenen Lebensgeschichte gespeisten Buch seiner jetzigen Lebensgefährtin angeregt, durcheilt er im filmischen Sauseschritt den israelisch-palästinensischen Konflikt von der Gründung des Staates Israel bis heute. Wichtige historische Daten, wie der „Sechs-Tage-Krieg“ oder die „Intifada“ dienen als Kulisse für verschiedene Spotlichter auf die Lebensgeschichten von einigen Frauen, die durch die historischen Ereignisse miteinander verbunden sind. Das ist ganz ehrenwert, zumal Schnabel, der aus einer jüdischen Familie kommt, insbesondere die palästinensische Position einnimmt. Doch, leider, das wühlt nicht auf. Ein großes Thema wird hier an einen kleinen Geschichtsüberblick verschenkt.</p>
<p>Im Wettbewerb „Orrizonti“ hofften viele auf den neuen Film der Provokateurin Catherine Breillat aus Frankreich. Sie hat eine „Dornröschen“-Version zwischen Gestern und Heute realisiert – und provoziert allenfalls mit Biedersinn. Immerhin: Es gibt hübsche Bilder von hübschen Menschen. Ist ja schon was. Die gibt es in „Happy Few“, französischer Beitrag im Hauptwettbewerb, nicht wirklich. Was ärgert, wenn die Akteure, wie hier, oft unbekleidet agieren. Das ist nun mal so in einem Film, der den Sex zur Hauptsache erklärt. Da fallen zwei Paare übereinander her – erst in Verzückung, dann in Verwirrung, dann in Verzweiflung. Acht Beine, acht Arme, acht Augen usw. – dat is ja man auch ein büschen ville&#8230; Zu erzählen hat die Schmonzette von Antony Cordier nichts wirklich Spannendes. Nochmal: Schade!</p>
<p>Bisher also: flau, lau, mau. – Da hauen erste Kritikerinnen und Kritiker nun schon in die Tasten und maulen in die Mikrofone und TV-Kameras, dass der diesjährige Festivaljahrgang als Pleite einzuordnen ist. Das sind garantiert dann die ersten Kolleginnen und Kollegen, die Jubelhymnen anstimmen, wenn der erste richtig gute, sehenswerte Film kommt. Geduld ist angesagt. Und Realitätssinn. Ein Festival kann nur zeigen, was es auf dem Markt findet und dann auch von den Produzenten und Verleihern bekommt. Und wenn derzeit eher das Mittelmäßige zu finden ist – dann sagt das eine Menge über den Zustand der Welt aus, aber nichts über Schwäche oder Stärke eines Festivals an sich. Bleiben wir also ruhig, trinken Tee, genießen die Sonne und warten ab. Die tollen Filme werden schon noch kommen hier am Lido di Venzia.</p>
<p><em>Peter Claus</em></p>
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		<title>Die Temporäre Kunsthalle Berlin hat geschlossen</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 21:49:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Karawane zieht weiter In Berlin schließt die Temporäre Kunsthalle. Sie braucht keinen dauerhaften Nachfolger Von INGO Arend Am Ende wieder der Anfang: 160 Werke von 63 Architekten, Designern, Komponisten und Künstlern. Schwer zu sagen, was der Aktionskünstler John Bock da auf dem Berliner Schlossplatz zusammengebaut hatte: Flohmarkt oder Wagenburg, Notunterkunft oder Netzwerk. Zum Abschluss [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_13330" class="wp-caption alignleft" style="width: 410px"><a href="http://www.kunsthalle-berlin.com/de/exhibitions" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13330  " title="JB_Key-Visual.400" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/JB_Key-Visual.400.jpg" alt="" width="400" height="601" /></a><p class="wp-caption-text">John Bock, FischGrätenMelkStand, 2010 (Foto: Jan Windszus, © 2010 John Bock. Courtesy: Klosterfelde, Berlin; Anton Kern, New York)</p></div>
<p><em><strong>Die Karawane zieht weiter</strong></em></p>
<p><em>In Berlin schließt die Temporäre Kunsthalle. Sie braucht keinen dauerhaften Nachfolger</em></p>
<p>Von INGO Arend</p>
<p>Am Ende wieder der Anfang: 160 Werke von 63 Architekten, Designern, Komponisten und Künstlern. Schwer zu sagen, was der Aktionskünstler John Bock da auf dem Berliner Schlossplatz zusammengebaut hatte: Flohmarkt oder Wagenburg, Notunterkunft oder Netzwerk. Zum Abschluss eines zweijährigen Experiments verwandelte sich der 1965 geborene, ästhetische Tausendsassa in einen Kurator und schlug noch einmal das Rad des Gesamtkunstwerks. Martin Kippenberger hängte er da neben Kara Uzelmann, Paul McCarthy neben Heike Aumüller. Die Besucher verloren sich in einem vollgestopften Panoptikum der unerwarteten Begegnungen, der heitersten Anarchie, in einem Irrgarten von <em>high and low</em>.</p>
<p>Und siehe – die Massen kamen noch einmal. Am letzten Ausstellungstag hingen Bock hunderte, meist jugendliche Zuhörer an den Lippen, als er in einer großartigen Performance die Kunstwerke vor einer großen Leinwand „erklärte“, während ein Kameramann durch sein dreistöckiges Kunstnest schlich und sie auf die Leinwand übertrug. „Das hat mir einfach gefallen“ verteidigt er die Entscheidung, Sandra Meisels (weitgehend unbekannte) Fotografie „Schürzung der Handlung“ aufzuhängen, auf der – wie im Krimi – eine Hand aus dem Off nach einem Lattengerüst greift: „Das ist ja das Schöne an Kunst, dass man nicht immer alles erklären und verstehen muss“. Danach war Schluss. Einen Tag später verabschiedete sich die Temporäre Berliner Kunsthalle mit einem Feuerwerk aus der historischen Mitte der Stadt vom leergeräumten Schlossplatz, <em>der</em> Berliner <em>tabula rasa</em>.<span id="more-13325"></span></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Mythos White Cube</em></p>
<p><em>FischGrätenMelkStand</em>, die furiose Ausstellung, die Bock zwei Monate zuvor der Kunsthalle als rauschendes Finale beschert hatte, erinnerte noch am ehesten an den Gründungsmythos dieser prekäresten aller Berliner Kunstinstitutionen. Noch heute schwärmen nicht nur die Berliner Kunstfreaks von der im Dezember 2005 quasi über Nacht aus dem Boden gestampften Ausstellung &#8220;36x27x10&#8243;. Mit einem temporären White Cube wollten sie gegen den Abriss des inzwischen geschleiften Palastes der Republik protestieren. Der Titel spielte auf den 10 Meter hohen, 36 mal 27 Meter großen Raum in dem teilabgerissenen Palast an, den sie von der vorherigen Ausstellung in der Ruine übernahmen.</p>
<p>Eine Schau ohne Thema war das, aber erfrischend neu: Von Franz Ackermann bis Thomas Zipp waren jede Menge junger Künstler aus Berlin vertreten. Olafur Eliasson stand gleich berechtigt neben Anselm Reyle und Christoph Schlingensief. Damals kam den meisten Kunstfreunden zum ersten Mal so richtig zu Bewusstsein, wie viel kreativen Humus die Stadt inzwischen angehäuft hatte. Ein Potential, das später zu der großsprecherischen Floskel von der „Kunsthauptstadt Berlin“ gerann. Kein Wunder, dass sich damals viele fragten: Könnte man das nicht regelmäßig machen?</p>
<p>Zwei Jahre und acht Ausstellungen mit zweihunderttausend Besucher später wird man kaum sagen können, dass die Bilanz der Halle berauschend ist, wie jetzt überall euphorisch ventiliert wird. Gewiss war nicht alles schlecht an ihr. Trotzdem hat der Schuhkarton auf dem Berliner Schlossplatz – bis auf John Bocks Glanzstück vielleicht – nicht unbedingt (Kunst-)Geschichte geschrieben. Wie wenig überzeugend die jetzt überall diskutierte Idee ist, das Leben dieser (lange) Scheintoten nach zwei mäßigen Jahren nun partout zu verlängern und ihn an anderer Stelle wieder neu aufzustellen, zeigt ein Blick auf ihre Geschickte.</p>
<div id="attachment_13343" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/kunsthalle.bau_.6006.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13343 " title="kunsthalle.bau.600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/kunsthalle.bau_.6006.jpg" alt="" width="600" height="337" /></a><p class="wp-caption-text">Vor den Resten des Palastes der Republik: Die Temporäre Kunsthalle Berlin wird gebaut (Von links nach rechts: Dr. Volker Hassemer, Dieter Rosenkranz, Constanze Kleiner, Angela Rosenberg, Holger Nawrocki, Coco Kühn, Bärbel Hartje, Agnes Wegner, Caroline Beddermann, © Candice Breitz/Marcus Gaab</p></div>
<p>Dass die 2008 nach langen Diskussionen schließlich von dem österreichischen Architekten Adolf Krischanitz erbaute Halle nie auch nur annähernd an die Aura des <em>ad-hoc</em>-White Cubes im Palast anknüpfen konnte, hat viele Gründe: Eine wenig überzeugende Ausstellungsauswahl, jede Menge Personal- und Managementprobleme. Und zumindest in der Anfangsphase der Kunsthalle war es eine große Crux dieser kleinen Institution, dass man immer das Gefühl hatte, sie wolle sich in Habitus und Inhalt eher an die etablierten Institutionen anlehnen, als sie konsequent herausfordern, zugleich aber auch der Laufkundschaft der Mitte-Touristen und der örtlichen Polit-Schickeria etwas bieten: angewandtes Standortmarketing eben. Mit dem Kunstsammler Dieter Rosenkranz stand plötzlich ein Industrieller an der Spitze von etwas, das einmal als Selbsthilfeaktion von Künstlern begann. Vom Rattenschwanz der Sponsoren ganz zu schweigen.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Zu wenig Experiment</em></p>
<p>Dazu kamen die seltenen ästhetischen Herausforderungen: Zwar zogen die Künstler Jennifer Allora &amp; Guillermo Calzadilla in ihrer Ausstellung im Sommer vergangenen Jahres mit der horizontalen Unterteilung der Kunsthalle eine neue Ebene im Raum ein. Und verwandelten so die Halle in einen großen Resonanzraum. Aber den Beweis einer wirklich weiterführenden Institutionskritik, einer Neudefinition des Whites Cubes oder der Ausstellungssituation blieben die meisten Schaus dann doch schuldig.</p>
<p>Angesichts dieser praktischen und ästhetischen Positionierungsprobleme einer relativ kleinen Institution war es immer irgendwie unerfindlich, warum Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit aus der Temporären eine permanente Halle machen und 30 Millionen Euro dafür aus dem mehr als klammen Landeshaushalt loseisen wollte. Die astronomische Summe wäre in den vielen Kunst-Häusern Berlins immer besser aufgehoben gewesen als in einem Prestigeobjekt am falschen (und inzwischen glücklicherweise ad acta gelegten) Standort &#8211; dem Berliner Humboldt-Hafen. Ohne nennenswerten Ankaufs- und Ausstellungsetat haben Stadt und Staat sie zu der Unbeweglichkeit im Umgang und beim Entdecken der zeitgenössischen Kunst verurteilt, die ihnen heute vorgeworfen wird. Wären sie finanziell autonomer und nicht immer nur auf Sponsorengelder und Fördervereine angewiesen, könnten sie die Experimentierfreudigkeit beweisen, die die Berliner Szene so vehement einfordert.</p>
<p>Die ganz große Koalition, die sich derzeit wieder mal für eine Kunsthalle zusammenschiebt, ist ein Indiz für die immens gewachsene Bedeutung der Kunst. Ihr wird zugetraut, was der Politik nicht mehr gelingt: ein urbanes Lebensgefühl zu begründen, wahlweise die Kreativwirtschaft oder den Dialog der Kulturen zu beflügeln, Deutschland fit für den globalen Wettbewerb zu machen aber auch neue Utopien für eine andere Gesellschaft aus dem Zylinder zu zaubern. In die Begründungen dafür, warum man auch nach dem Ende der Temporären Halle eine neue Kunsthalle brauche, steckt zugleich aber auch ein antikünstlerischer Affekt. Museen gelten plötzlich als unbewegliche Tanker. Ihr historischer Auftrag ist eher hinderlich, wenn es gilt, dem sensationsgierigen Publikum schon jede Halbgarheit des zeitgenössischen Kunstbemühens als Vorschein einer Szene zu kredenzen, die ihren Genius aus dem Topos schöpft.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Hoffnung im Standortwettbewerb</em></p>
<p>Und wenn der ehemalige Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer, Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin, einer der verbissensten Kämpfer für eine neue Halle, davor warnt, dass, wenn die Politik der jungen, polyglotten Kunst in Berlin kein Podium biete, diese dann eben in Paris oder London gezeigt werde, merkt man diesem durchaus unkonventionellen CDU-Mann immer noch den Politiker an, dem es in erster Linie um Standortwettbewerb geht und nicht in erster Linie um die Kunst selbst. Ganz abgesehen davon, dass hier ein Mythos von der angeblich so kreativen „Berliner Kunst“ kreiert wird, der in umgekehrtem Verhältnis zu dem steht, was man auf vielen Berliner Ausstellungen ja auch gelegentlich zu sehen bekommt: Schrott!</p>
<p>Es ist nichts dagegen einzuwenden, mehr für die „außergewöhnliche Kunstproduktion“ (Hassemer) zu tun, die sich unbestrittenermaßen in der Stadt bemerkbar macht. Doch dann wäre es sinnvoller, für billige Mieten und Ateliers zu sorgen und die galoppierende Gentrifizierung in den Gebieten zu stoppen, wo Künstler sich gerne ansiedeln (wie derzeit im heruntergekommenen Neukölln) als eine Kunsthalle zu bauen, die diese sagenumwobene Produktion nie auch nur annähernd wird abbilden können.</p>
<p>Die neue Kunsthalle, an der Klaus Wowereits Herz angeblich so hängt, hätte er längst haben können. Etwa wenn er das legendäre Kreuzberger Bethanien, statt es weiland den Besetzern aus der Yorckstrasse zu überlassen, beherzt zur Kunsthalle umgewidmet hätte. Wenn er der bunten Koalition aus Kreativ-Entrepreneuren, die vor zwei Jahren die ehemalige Blumengroßmarkthalle gegenüber dem Jüdischen Museum erschloss, den Zuschlag gegeben hätte. Oder wenn er sich entschließen könnte, das inzwischen zwanzig Jahre alte Kunsthaus Tacheles in Berlin-Mitte, um dessen Zukunft derzeit wieder mal gerungen wird, dazu umzufunktionieren. Bleibender Nachruhm bei der alternativen Szene wäre Wowereit gewiss. Und dass die sympathisch stinkende Ruine dringend eine konzeptionelle und architektonische Frischzellenkur braucht, selbst wenn sie weiter als Kunsthaus fungieren will, dürfte selbst unter ihren Anhängern kaum umstritten sein.</p>
<div id="attachment_13329" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/Temporäre.IA6001.jpg"><img class="size-full wp-image-13329" title="Temporäre.IA600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/Temporäre.IA6001.jpg" alt="" width="600" height="450" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Lagerschuppen, gleich hinter dem Berliner Kunsthaus Tacheles (Bild: Ingo Arend)</p></div>
<p><em>Anarchie und Selbstvermarktung </em></p>
<p>Trotzdem war es immer eine aberwitzige Idee, zu glauben, dass die symbolische Überproduktion im Feld Kunst, die Berlin aufzuweisen hat, über einen zentralen Ausstellungsort zu repräsentieren wäre. Noch dazu, wenn er so konzeptlos wie die Temporäre Kunsthalle geführt würde. Außerdem wimmelt Berlin nur so von Museen, Galerien und Kunsthallen aller Art. Einheimische wie zeitweilige Berlin-Besucher wissen oft nicht, zu welcher der vielen Eröffnungen sie zuerst gehen sollen. Vor allem aber sind Anarchie und Selbstvermarktung das Wesen der Berliner Kunstszene. Vom Projektort West-Germany am Kottbusser Tor über das Forgotten-Bar-Project in Kreuzkölln, vom HBC-Club im ehemaligen Haus Ungarn in Berlin-Mitte bis zum Ausstellungsraum Silberkuppe in Kreuzberg, vom Autocenter in Friedrichshain bis zum Project-Space Uqbar in Wedding reicht die Liste der ungewöhnlichen Locations mit ungewöhnlichen Präsentationsformen und einem nachgerade irrwitzigen Publikumszuspruch. Und wenn es Not tut, stellen Künstler auch mal im Hinterraum eines Spät-Kaufs auf Neuköllns Weserstraße aus. Wie es in diesem Juli mit der Gruppen-Ausstellung <em>Little Disco</em> geschah. Es ist gerade das Kennzeichen der Kunststadt Berlin, dass sich in ihr immer wieder neu Orte öffnen, an denen keiner Kunst erwartet. Ihnen nachzuspüren, ist tausendmal aufregender, als sich „die Berliner Kunst“ auf dem Silbertablett einer Kunsthalle servieren zu lassen.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Text: Ingo Arend</em></p>
<p>
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		<title>67. Filmfestspiele Venedig (02.09.2010)</title>
		<link>http://www.getidan.de/filmfestspiele-venedig/peter_claus/13278/filmfestspiele-venedig2</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 19:08:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Claus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmfestspiele Venedig]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Mittwochabend eröffneten die 67. Filmfestspiele in Venedig Robust – das ist bisher das entscheidende Stichwort für das Festivalprogramm. Der künstlerische Direktor Marco Müller hat „eigenwillige Handschriften“ versprochen. Nun ja. Mit freundlichem Blick könnte man das, was hier bisher so geboten wurde, unter diesem Schlagwort fassen. Gewalt dominiert. Versteckt Darren Aronofsky sie im Eröffnungsfilm „Black [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/venezia.LOGO_.PC1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-13291" title="venezia.LOGO.PC" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/venezia.LOGO_.PC1.jpg" alt="" width="600" height="79" /></a></p>
<p><strong>Am Mittwochabend eröffneten die 67. Filmfestspiele in Venedig</strong></p>
<div id="attachment_13318" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/black.swan600.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13318   " title="black.swan600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/black.swan600.jpg" alt="" width="600" height="226" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Black Swan&quot;, der Psychothriller von Darren Aronofsky war der Eröffnungsfilm des Festivals. Der Film thematisiert den erbitterte Kampf um die begehrte Rolle in einer &quot;Schwanensee&quot;-Choreografie.</p></div>
<p>Robust – das ist bisher das entscheidende Stichwort für das Festivalprogramm. Der künstlerische Direktor Marco Müller hat „eigenwillige Handschriften“ versprochen. Nun ja. Mit freundlichem Blick könnte man das, was hier bisher so geboten wurde, unter diesem Schlagwort fassen.</p>
<p>Gewalt dominiert. Versteckt Darren Aronofsky sie im Eröffnungsfilm „Black Swan“ noch hinter schickem Psycho-Schnick-Schnack, gehen andere offener zur Sache.<span id="more-13278"></span> „Machete“ von Robert Rodriguez ist eine einzige Schlachtorgie. Blut spritzt, der Soundtrack donnert, die Handlung ist allein fadenscheiniger Vorwand für Mord und Totschlag. Unappetitlich.</p>
<p>Richtig ärgerlich: „Legend of the Fist: The Return of Chen Zhen“ von Andrew Lau. Der chinesische Film bietet eine recht unverdauliche Mischung aus üppiger Historienmalerei, schniekem Retro-Look und allerlei Kampfsport-Einlagen. Die Story beginnt im ersten Weltkrieg und wird dann hauptsächlich in den 1920-er Jahren fortgesetzt: Tapfere Chinesen, erst in Europa als Kriegshelfer verschlissen, kämpfen später im Untergrund für die Wiedervereinigung ihrer Heimat China. Stilistisch wird auf Glamour und Comic-Strip-Elemente gesetzt. Einer der Chinesen ist eine Art Supermann und treibt das Geschehen von Action-Sequenz zu Action-Sequenz voran. Zwischendurch gibt es derart schlechtes Darstellungsgewusel zu sehen, dass man nicht von Schauspiel sprechen möchte. Was derartiger Quatsch hier zu suchen hat, wissen wohl nur die Festivalverantwortlichen. Die Vermutung liegt nahe, dass hier finanzielle Interessen bedient werden. Künstlerische Einfälle jedenfalls sind nicht auszumachen.</p>
<div id="attachment_13285" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/legend-of-the-fist-5501.jpg"><img class="size-full wp-image-13285" title="legend-of-the-fist-550" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/legend-of-the-fist-5501.jpg" alt="" width="550" height="309" /></a><p class="wp-caption-text">„Legend of the Fist: The Return of Chen Zhen“ (Regie: Andrew Lau, China 2010)</p></div>
<p>Da flüchtet der Filmfreund denn in die Retrospektive mit italienischen Komödien der 1950-er Jahr und 1960-er Jahre. Und staunt und amüsiert sich. Die Filme, die hier zu sehen sind, verbinden nämlich Unterhaltung und Wirklichkeitsbeobachtung auf schöne Weise. Natürlich: Die große, alles in den Schatten stellende Kunst ist dabei nicht auszumachen. Aber: Das sind fein gearbeitete, gut gespielte Amüsierstücke voller Witz, Esprit und, vor allem, glänzendem Schauspiel. Das bietet im Überfluss die kleine Reihe mit Filmen zu Ehren von Vittorio Gassman, einem Superstar des italienischen Kinos nach dem zweiten Weltkrieg.</p>
<p>Politisch spannend bisher: „The Accordion“, ein siebenminütiger Kurzfilm des Iraners Jafar Panahi. Der kurze Film ist so etwas wie eine Arbeitsprobe seines neuen Spielfilms. Darin geht es offenbar um Immigranten im Iran, denen das Leben durch die dort herrschenden Umstände und Gebote zusätzlich erschwert wird. Panahi, das macht der kurze Film klar, ist ein Mann, der sozial genau inszeniert, ohne vordergründig Didaktisches abzuliefern. Er selbst saß, angeblich, weil er einen nicht genehmigten Film gedreht hat, im Gefängnis, konnte im Mai nicht nach Cannes. Venedig kündigt nun an, ihn am Dienstag zu einer öffentlichen Diskussion einfliegen zu wollen. Sollte das nicht klappen, werde es eine Telefonschaltung geben. Wir werden sehen, wie es kommt. Die Frage ist, ob dem Mann mit Aufsehen in seiner doch wohl sehr schwierigen Situation gedient oder eher geschadet wird. Natürlich: Schweigen gegenüber Unrecht ist nicht angebracht, so genannte Diplomatie oft nichts als Feigheit. Hoffen wir, die Verantwortlichen wissen was sie tun – und das trägt letztlich gute Früchte.</p>
<p><em>Peter Claus</em></p>
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		<title>Salt</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 10:58:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henryk Goldberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>

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		<description><![CDATA[Angelina Jolie &#8211; ein Kerl wie sie „Haben Sie eigentlich“, fragt der CIA-Mann einen Mann der Spionageabwehr, „eine Ahnung wer diese Frau ist?“ Der eine Mann wird später erfahren, dass er sich sehr getäuscht hat, obgleich er alles zu wissen glaubte und der andere wird, noch später, glauben, er könnte eine Ahnung haben, obwohl er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/salt600.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13266 aligncenter" title="salt600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/salt600.jpg" alt="" width="600" height="338" /></a></p>
<p><strong>Angelina Jolie &#8211; ein Kerl wie sie</strong></p>
<p><strong> </strong>„Haben Sie eigentlich“, fragt der CIA-Mann einen Mann der Spionageabwehr, „eine Ahnung wer diese Frau ist?“ Der eine Mann wird später erfahren, dass er sich sehr getäuscht hat, obgleich er alles zu wissen glaubte und der andere wird, noch später, glauben, er könnte eine Ahnung haben, obwohl er nichts weiß. Aber wirklich erfahren werden sie, und wir, das erst in der nächsten Fortsetzung. Oder der übernächsten.</p>
<p>Angelina Jolie ist eine schöne Frau, die dafür bekannt ist, eine schöne Frau zu sein. Aber, merkwürdig genug, ihren Weltruhm, ihren Status als Superstar gewann die Schauspielerin mit einer Rolle wie ein Mann<span id="more-13265"></span>: „Lara Croft“ war eine Figur, die über martialische Fertigkeiten verfügt, die im Kino, und im Leben wohl auch, eher Männern zugeschrieben werde. Kalten, harten Männern, die töten können, wenn es notwendig ist, die von Brücken springen und aus Hubschraubern, Männer, die aus einem Marmeladenglas und ein paar Zutaten aus dem Küchenschrank in kurzer Zeit eine Bombe basteln. Evelyn Salt ist auch so eine Figur.</p>
<p>Namen sind Nachrichten. Salt, das war die Abkürzung für die nuklearen Abrüstungsgespräche (Strategic Arms Limitation Talks) und tatsächlich revitalisiert dieser Agententhriller von Phillip Noyce (Die Stunde der Patrioten) den Kalten Krieg, er ist ja auch ein toller Hintergrund. Hier also wollen russische Hardliner die USA vernichten, ein russischer Präsident soll ermordet, ein Atomschlag geführt werden. Eine Tages, es ist der Hochzeitstag von Evelyn Salt, die einen deutschen Romantiker (August Diehl) liebt, kommt ein russischer Überläufer und erzählt der CIA, eine russische Agentin, ein Maulwurf in der CIA, werde den russischen Präsidenten ermorden. Der Name der Agentin sei Evelyn Salt. Und der Name der Agentin, die das Verhör führt, ist Evelyn Salt. Und Salt flüchtet vor dem Misstrauen ihrer Kollegen. Diese Flucht gehört zu den Teilen der Story, über deren Windungen im Ganzen nachzudenken nicht empfohlen werden kann, es wäre dem Vergnügen nicht förderlich. Man sollte es nehmen, wie es kommt.</p>
<p>So wie <em>Salt</em>. Als sie fliehen muss, zieht sie ihre Stöckelschuhe aus, damit sie besser rennen kann. Dann den Slip, damit die Kamera nichts mehr sehen kann. Dann bringt sie ihren kleinen Hund zu einer Pflegerin, der Kleine muss versorgt werden. Und damit, mit den Pumps, dem Slip und dem Hund hat sie symbolisch beinahe alles hinter sich gelassen, was als die ablegbaren Tribute der Frau gelten kann. Fortan wird sie handeln, wie Männer handeln. Sie wird noch eine Frau sein, aber sie wird die Beine nicht übereinander schlagen, sie wird keine ausgeschnittenen Kleider tragen. Sie wird gegen Männer kämpfen mit den Waffen der Männer.</p>
<p>Im Ursprung wurde diese Story für Tom Cruise entwickelt. Es ist nicht zu sehen, dass die Geschichte für diese Schauspielerin substanziell umgeschrieben wurde. Nur, dass sie Tom wohl keinen Ehemann gegeben hätten. Und dieser Ehemann, es geschieht recht schnell und es ist kein Geheimnis, wird natürlich ermordet. Evelyn Salt wird zuschauen, wie ihr Mann erschossen wird und sie wird ihn rächen, wie früher Männer ihre Frauen rächten. Damals, als es noch eine klare Trennung gab zwischen Schönheit und Stärke, als die Männer die Kämpfer waren und die Frauen die Belohnung.</p>
<p>Niemand kann behaupten, dass Angelina Jolie keine Schauspielerin wäre, sie hat einen Oscar gewonnen und mehrere Globes. Aber es gibt wohl keine andere Rolle, in der sie so aufgeht wie in der der Frau, die ein ganzer Kerl ist. Sie hat diese unterkühlte Distanz, die leicht blasiert wirken kann, die indessen genau die richtige Aura ist für die kalte Killerin. Der Film beginnt langsam, Noyce tourt, mit einem ausgeprägten Rhythmusgefühl, das Tempo nur langsam hoch, aber dann bleibt es fast durchgehend dieses Hochgeschwindigkeitskino. Und Angelina Jolie geht darin gleichsam los wie ein wilder Stier - eine weibliche Form dieses Bildes gibt es nicht, wie es kein weibliches Äquivalent für den Machismo gibt: Aber genau das wäre es. Aber doch, da ist schon ein Unterschied. Sie ist kein brüllender Stier, sie ist diese leise Großkatze, geschmeidig, lauernd, gefährlich und tödlich wenn sie springt. Das ist kein Film über Berta von Suttner, es ist Action-Kino und als solches ist es gut inszeniert und gut gespielt. Und es ist ein Actionfilm, der die Verhältnisse umkehrt: Hier geben die Männer die Stichworte, die Vorwände, die Anlässe. Die Hauptrolle spielt eine Frau. Ein Kerl wie sie.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><em>Text: Henryk Goldberg</em></p>
<p><em></p>
<p>Bild: © Sony Pictures</p>
<p></em></p>
<a href="http://www.facebook.com/share.php?u=http%3A%2F%2Fwww.getidan.de%2Ffilm%2Fhenryk_goldberg%2F13265%2Fsalt&amp;t=Salt" id="facebook_share_button_13265" style="font-size:11px; line-height:13px; font-family:'lucida grande',tahoma,verdana,arial,sans-serif; text-decoration:none; display: -moz-inline-block; display:inline-block; padding:1px 20px 0 5px; margin: 5px 0; height:15px; border:1px solid #d8dfea; color: #3B5998; background: #fff url(http://b.static.ak.fbcdn.net/images/share/facebook_share_icon.gif) no-repeat top right;">Share</a>
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		<title>Elfenbeinturm oder kulturelle Gesamtschule</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 09:10:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Streit um die „Villa Tarabya“ gefährdet den deutsch-türkischen Kulturaustausch Sieger nach Punkten. So nannte der Schriftsteller Thorsten Becker einen vor genau sechs Jahren erschienenen Roman. Darin schildert der Berliner Autor die Geschichte seines Helden Nasrettin Öztürk vom Sohn türkischer Einwanderer in Berlin zum Europameister im Superfedergewicht. Und in einer Parallelstrecke die Geschichte der Türkei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Streit um die „Villa Tarabya“ gefährdet den deutsch-türkischen Kulturaustausch</strong></p>
<p><em>Sieger nach Punkten</em>. So nannte der Schriftsteller Thorsten Becker einen vor genau sechs Jahren erschienenen Roman. Darin schildert der Berliner Autor die Geschichte seines Helden Nasrettin Öztürk vom Sohn türkischer Einwanderer in Berlin zum Europameister im Superfedergewicht. Und in einer Parallelstrecke die Geschichte der Türkei von der Islamisierung Anatoliens bis zu der Republikgründung Mustafa Kemals, genannt Atatürk.</p>
<p>So ausufernd, geschichtsmächtig und türkeibegeistert wie der 1958 bei Köln geborene Becker beschäftigen sich deutsche Künstler selten mit dem Land am Bosporus. Auch wenn sie gelegentlich zum Urlaub nach Antalya oder ins idyllische Kas fahren.<span id="more-13198"></span> In der Regel ist es genau umgekehrt. Deutschtürkische Autoren wie Feridun Zaimoglu oder Emine Sevgi Özdamar erzählen mehr von ihrer Heimat und dem Weg nach Deutschland als Türkeideutsche am Bosporus von ihren Erfahrungen zwischen den Welten.</p>
<p>Dabei wäre dieser Austausch dringend notwendig: Rund 3 Millionen türkischstämmige Menschen leben in Deutschland. Jedes Jahr bereisen 4,5 Millionen Deutsche die Türkei. Die wechselseitige Durchdringung der deutschen und türkischen Kulturen hat eine Intensität erreicht, die die mit den Franzosen inzwischen überflügelt, mit denen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg immerhin einen Freundschaftsvertrag abschloss und ein dichtes Netz des Kulturaustauschs knüpfte. Da wäre es mehr überfällig, den deutsch-türkischen Kulturaustausch in Zukunft nicht nur der informellen Abstimmung mit den Füßen zu überlassen, sondern ihn auf festeren institutionellen Grund zu stellen.</p>
<p>Angesichts der Migrationsdebatte derzeit würde man vielleicht ein gut ausgestattetes, Deutsch-Türkisches Jugendwerk für vordringlicher halten. Aber es war nicht die schlechteste Idee, dass der Bundestag vor Jahresfrist wenigstens beschloss, in Istanbul eine deutsche Künstlerakademie zu gründen, die nach dem Vorbild der Villa Massimo funktionieren sollte: Die „Villa Tarabya“. Sieben „erfolgversprechende Künstler“, von der Musik bis zur Literatur, sollen dort ein halbes Jahr leben und arbeiten – ganz wie in der Künstlerklause in Rom. Ein Haus stand auch schon zur Verfügung: Teile der ehemaligen Sommerresidenz der deutschen Botschafter im Stadtteil Tarabya am Bosporus.</p>
<div id="attachment_13269" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/istanbul.Villa_.600.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13269 " title="istanbul.Villa.600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/istanbul.Villa_.600.jpg" alt="" width="600" height="450" /></a><p class="wp-caption-text">Villa Tarabya, © Ingo Arend</p></div>
<p>Die Herkulesaufgabe vom „Brückenschlag von West- nach Ostrom“, den der CDU-Bundestagsabgeordnete Steffen Kampeter damals dem Haus vollmundig übertrug, musste Künstler eher abschrecken. Generell wirkte die Aussicht auf eine Herberge in Istanbul jedoch elektrisierend auf sie. Der tief greifende Umbruch, in dem sich die Türkei seit Jahren befindet, ist dort mit Händen zu greifen. Ein spannenderes Arbeitsumfeld für Künstler, die begierig auf das Neue sind, hätte man sich sonst vielleicht nur noch in Peking vorstellen können.</p>
<p>Freilich hatte die Sache ein paar Nachteile: Denn im Vorort Tarabya, wo sich der Sommersitz befindet, würden die sieben Stipendiaten, wenn alles doch noch so kommt wie geplant, in einem luxuriösen Ghetto sitzen. Das eingezäunte Gelände mit den vier großen Holzvillen, die der armenische Architekt Cingria für die deutschen Diplomaten baute, ist zwar ein architektonisches Kleinod. Gleicht aber einer <em>gated community</em> und ist rund 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Weit ab also von Stadtteilen wie Beyoglu oder Cihangir, in denen die meisten türkischen Künstler wohnen und sich das intellektuelle Leben abspielt.</p>
<p>Auch symbolisch hat das Gelände so seine Tücken. Denn auf ihm befindet sich ein deutscher Soldatenfriedhof, den Kaiser Wilhelm II. 1915 höchstpersönlich anlegen ließ. Rund 700 Tote beider Weltkriege sind dort bestattet, darunter Generalfeldmarschall Wilhelm Freiherr von der Goltz, der nach seinem Tod bei Bagdad 1916 in eine deutsche und türkische Fahne gehüllt wurde. Der zum „Pascha“ erhobene Bellizist und Reformer des osmanischen Heeres war Gründer eines „Jungdeutschen Bundes“, einer Art deutschem Pendant der nationalistischen „Jungtürken“ des späteren osmanischen Kriegsministers Enver Pascha.</p>
<p>Jedes Jahr zum Volkstrauertag begeht hier die deutsche Kolonie, zusammen mit türkischen Militärs, das Totengedenken. So wie schon Kaiser Wilhelm 1917, ein Jahr, bevor er sich ins Exil absetzte. Die Kranzabwurfstelle liegt genau in dem (ehemaligen Matrosen-)Haus, in dem die deutschen Künstler in Zukunft ihr Quartier hätten nehmen sollen. Die idyllische Residenz ist also durchaus als Symbol der deutsch-türkischen „Waffenbrüderschaft“ zu sehen. Die terrassenartig zum Bosporus gestaffelte Grabanlage „ziert“ ein Denkmal des Bildhauers Georg Kolbe &#8211; ein gefallener Krieger mit Engel. Ob sich ein deutscher Künstler wie Ingo Schulze hier wirklich wohl fühlen würde?</p>
<p>Doch nicht etwa die heikle Symbolik des Ortes droht nun, das Projekt scheitern zu lassen. Sondern der Corpsgeist der Verwaltung. Unter Frank-Walter Steinmeier noch Motor des Austauschgedankens, wandelte sich das federführende Auswärtige Amt, das die Gründung vorantreiben sollte, unter dessen Nachfolger Guido Westerwelle zur Immobilienschutztruppe. Die Bürokraten am Werderschen Markt mauerten plötzlich gegen das Vorhaben mit dem Argument, Deutschland habe sich einst verpflichtet, das Gelände, das Sultan Abdülhamid dem Deutschen Reich schenkte, für diplomatische Zwecke zu nutzen.</p>
<p>Und sie ventilierten Horrorszenarien, die dem deutschen Beamtenapparat würdig sind: Drogen konsumierende Künstler auf dem exterritorialem Gebiet etwa oder solche, die Mohammed-Karikaturen ans Tor nageln. Schwer zu sagen, ob das ernst gemeint war. Oder ob die verhindernden Legationsräte auf dem exklusiven Gelände lieber unter sich bleiben wollten. Wie die <em>Süddeutsche Zeitung</em>, die dem Coup auf die Schliche kam, mit dem maliziösen Hinweis auf das „Hotel zum fröhlichen Diplomaten“ insuinierte. Wenn beide Seiten das Vorhaben so ernst nähmen, wie es vor Jahresfrist noch klang, hätte es Mittel und Wege für eine einvernehmliche Lösung dieses vermeintlichen Statuskonflikts gegeben. Denn was soll Kultur für einen anderen Sinn haben als den, nationale Grenzen zu überwinden und kulturelle Gewissheiten in Frage zu stellen?</p>
<p>Wie dem auch sei: Der Versuch, einen Bundestagsbeschluss hinter dem Rücken des Souveräns zu kippen, für den dieser bereits sechs Millionen Euro bewilligt hatte, ist natürlich ein Skandal. Der noch dazu die Bundeskanzlerin brüskieren musste. Eigentlich hätte Angela Merkel die „Villa Tarabya“ in diesem Oktober eröffnen sollen. Dem Jahr, in dem Essen und Istanbul Kulturhauptstädte Europas sind. Andererseits böte der unerwartet ausgebrochene Konflikt die hervorragende Gelegenheit, das an sich gute Projekt von dem Verdacht zu befreien, nur als verlängerter Arm der deutschen Außenpolitik zu dienen. Schließlich liefen die Stipendiaten, die in das ehemalige Matrosenhaus in Tarabya eingeladen würden, ihrerseits Gefahr, zu staatsrepräsentativen Anhängsel zu schrumpfen, wenn der deutsche Botschafter in Tarabya zum Empfang lädt.</p>
<p>Der Streit um die Villa Tarabya ist ein Lehrstück über die Frage, wie man interkulturelle Arbeit und Kulturaustausch implementiert: Als Elitenprojekt oder als Breitenkultur. Als Elfenbeinturm oder als kulturelle Gesamtschule. Zumindest bei der entscheidenden Frage nach dem sozialen Standort könnte die Bundesregierung von Nordrhein-Westfalen lernen. Die im vergangenen Jahr eröffnete Künstlerresidenz des größten deutschen Bundeslandes, das „Atelier Galata“, liegt in einer schäbigen kleinen Seitenstraße unterhalb des historischen Galata-Turms. Wenn die Stipendiaten den schmalen Bau morgens verlassen, stehen sie mitten in der brodelnden urbanen Szene der 15-Millionen-Metropole.</p>
<p>Mit diesem Brückenschlag in die Zivilgesellschaft ist dem Ost-West-Dialog womöglich mehr geholfen als mit einem <em>luxury artists resort</em> am Bosporus, wo deutsche Künstler einsame Uferspaziergänge machen können. Was würde die Bundesrepublik also davon abhalten, das Deutsche Generalkonsulat in Istanbul, mitten am zentralen Taksim-Platz der Stadt gelegen, zur Künstlerakademie umzubauen. Schon heute finden in dem schönen, alten Botschaftsgebäude regelmäßig literarische Abende und Diskussionen statt. Ein funktionaler Büroersatz für die paar Leute, die dort Visa für türkische Deutschlandreisende ausgeben, dürfte in dem großen, großen Istanbul leicht zu finden sein.</p>
<p><em>Text und Bild: Ingo Arend</em></p>
<p><em> siehe auch: <a href="http://www.istanbul.diplo.de/Vertretung/istanbul/de/02/KanzleiResidenzTarabya/SommerresidenzTarabya/Bildergalerie__Tarabya.html" target="_blank">Deutsches Generalkonsulat Istanbul</a></em></p>
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		<item>
		<title>Thilo auf Klingonisch</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 08:16:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Schwebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Bedankt Euch bei Marc Okrand. Dieser Sprachwissenschaftler begann Mitte der 80er für das expandierende „Star Trek“ – Universum Klingonisch zu entwickeln. Anfang der 90er lag dann sein „Wörterbuch für Klingonisch“ in trendigen Läden. Falls es tatsächlich eines Tages doch gelingen sollte, den „Krieg der Kulturen“ herbeizureden, und irgendwann die Hirne aller kritischen Menschen durch Selbstzweifel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/klington600.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-13260" title="klington600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/09/klington600.jpg" alt="" width="600" height="460" /></a></p>
<p>Bedankt Euch bei Marc Okrand. Dieser Sprachwissenschaftler begann Mitte der 80er für das expandierende „Star Trek“ – Universum Klingonisch zu entwickeln. Anfang der 90er lag dann sein „Wörterbuch für Klingonisch“ in trendigen Läden. Falls es tatsächlich eines Tages doch gelingen sollte, den „Krieg der Kulturen“ herbeizureden, und irgendwann die Hirne aller kritischen Menschen durch Selbstzweifel verleimt sind, ob sie zu stark oder zu wenig an politische Korrektheit glauben, ob sie abgekartete Medienhypes zu ernst oder zu leicht nehmen, wissen wir wenigstens, wie alles angefangen hat: Mit Spock, Pille und Scotty.<span id="more-13258"></span></p>
<p>Klingonisch, die Sprache der Klingonen ist eine sorgfältig ausgearbeitete fiktionale Sprache mit sehr wenigen Wörtern, einer verdrehten Grammatik (Objekt-Prädikat-Subjekt) und möglichst vielen Knack-  und Kehllauten. Bei ihrer Konstruktion wurde darauf geachtet, in jedem Aspekt das Lebensgefühl echter Klingonen abzubilden: Sie werden als autoritätshörige Krieger geboren und dann in eine strenge, grausame und korrupte Hierarchie mit archaischen Werten hinein erzogen.</p>
<p>Ihren ersten Auftritt (korrigierende Hinweise über Produktionsreihenfolge usw. bitte nicht an getidan) hatten die Klingonen in der Star Trek-Folge „A private little war“. In dieser Episode versuchte sich Star Trek-Erfinder Gene Rodenberry höchstpersönlich an einer Parabel über den damals (1967) akuten Vietnamkrieg. Rodenberry, ein ehemaliger Soldat mit schüchternen progressiven Idealen, lässt die Geschichte über die Vertreter zweier verfeindeter Großmächte (grob: die Enterprise und ein paar Klingonen), die sich in einen überflüssigen Machtkampf um einen kleinen Planeten verstricken, mit Kirks totaler Ratlosigkeit und seinem matt gemurmelten Wunsch enden, dass sich beide Seiten aus diesem Teil der Galaxis zurückziehen sollten. Die Klingonen in dieser Folge sind ziemlich böse und haben, dank des verspielten Ausstatters, alberne Uniformen an und seltsame Stirnen, aber sie sind menschliche und glaubwürdige Antagonisten, die mit der Situation genau so unzufrieden sind wie Cpt. Kirk. Geschichten über summende Fellknäuel gelangen „Star Trek“ einfach besser, aber seit dieser reichlich unbefriedigenden Fabel gibt es Klingonen.</p>
<p>Zwei Jahrzehnte und viele Einrichtungen von ethnologischen Lehrstühlen später wollten die Konstrukteure einer neuen Serie über eine neue <em>Enterprise</em> diesmal alles richtig machen und dachten sich die klingonische Kultur aus. Klingonen sollten nicht mehr die Bösen sein, sondern nunmehr als mögliche Verbündete akzeptiert werden. In langatmigen Drehbüchern wurde nach Gründen dafür gesucht und Verständnis dafür gefordert, dass sie nun einmal solche kriegswütigen, todesbesessenen, primitiven, vertrauensunwürdigen, in eine moderne Gesellschaft faktisch nicht integrierbaren Barbaren auf einem dunklen Planeten mit Fackelbeleuchtung waren, und dem wurde ein spezieller Charme zuerkannt. Und als besonderen Bonus bekamen sie kunstvolle wulstige Stirnen verpasst, die den Maskenbildnern Überstunden abnötigten, handgearbeitete mittelalterliche Uniformen, und eben Klingonisch. Parallel zu regelrechten Fantasyepisoden in den diversen „Star Trek“ &#8211; Ablegern über diese anheimelnd blutige Unterwelt wurden allerdings immer wieder offenkundige Auseinandersetzungen mit dem real existierenden Russland in „Star Trek“ &#8211; Episoden verpackt, die dann doch meist mit klingonischen Ritualen endeten. Den Klingonen folgten Horden vergleichbar zusammengedrechselter „Völker“ in unseren Fiktionen, und in vielen Erzählungen innerhalb und außerhalb von „Star Trek“ wurde immer wieder eine Gemütslage des missmutigen, faszinierten und aus beiden Gründen schuldbewussten Interesses an anderen kulturellen Werten eingeschleift, häufig anhand unfassbarer Bräuche.</p>
<p><span style="color: #ff00ff; font-size: large;">Der alte Trick, den Sarrazin einmal mehr aufwärmt, und der immer brisanter wird, je schlechter diese Gesellschaft irgendwen im klassischen Sinne „integrieren“ kann, besteht darin, angetäuschte kulturalistische und universalistische Fragestellungen als Alibi zu benutzen.</span></p>
<p>Die Macher von „Star Trek“ hatten sicher J.R.R. Tolkien im Hinterkopf, als sie Marc Okrand auf die Klingonen ansetzten. Der Schöpfer des „Herrn der Ringe“ hatte diese erste kohärent und detailreich ausgearbeitete bewusste Phantasiewelt bekanntlich zunächst aus erfundenen Sprachen entwickelt. Tolkien war Sprachwissenschaftler und ein in Bezug auf seine literarische Begabung sehr unsicherer Autor. Germanophil und urbritisch, bekennender Christ und entzückt von Heidnischem, wertkonservativ und tolerant, von Gewalt fasziniert und erschrocken, tief verstört durch den zweiten Weltkrieg. Vielleicht waren seine Freude an Sprache und sein Spaß an früheren Kulturen der (sicher nicht beliebige) Anker, den Tolkien brauchte, um seine Phantasie, seine Sensibilität und sein hochambivalentes Wissen über die Welt im Kern ungefiltert aus sich herausbrechen lassen zu können (vermutlich gäbe es kein klingonisches Wörterbuch und keine klingonischen Rituale, wenn Tolkien Koch gewesen wäre). Okrand und die in der Folge mit den Klingonen beschäftigten Autoren tappten dagegen in die Falle, die sich auftut, wenn sich ein Plädoyer für Toleranz, ein Interesse an anderen Lebensmöglichkeiten, eine vermutete weltanschauliche Gegnerschaft, eine politische Metapher und eine schwärmerische Metapher für Andersartigkeit bis zum Katzenjammer vermischen.</p>
<p>Ein Moment, das bei Tolkien vollständig fehlt und das bei „Star Trek“ seit Marc Okrand so mustergültig ausgespielt wird, ist der Ausdruck des skeptischen, angeekelten Genervtseins, den wir bei Mc Coy und Picard und derzeit auf den Gesichtern vieler netter Bekannter beobachten können, gerade derer, die mit Sarrazin so wenig gemein haben wie Mc Coy und Picard (und ihn in der Regel verabscheuen): Vielleicht sind Klingonen doch so. Das ist die harte Wahrheit, der wir uns alle irgendwann stellen müssen.</p>
<p><span style="color: #ff00ff;"><span style="font-size: large;">Der mit Abstand gefährlichste Eskapismus bleiben aufpeitschende Hypes, das Crack fürs Volk, die umso verheerender nachwirken, je offener sie inszeniert und überzogen sind.</span></span></p>
<p>Niemand hat jemals behauptet, dass der Umgang mit anderen Kulturen einfach wäre. Ethnologie und Kulturalismus haben lange und hart darum kämpfen müssen, Modelle des verstehbaren anderen und des kritischen Respekts überhaupt durchzusetzen. Der alte Positivismus, gerade der linke, sah darin lange Zeit nicht viel mehr als das Wühlen in Mottenkisten und verschämte Drückebergerei, während doch eigentlich die Verwirklichung der neuen Welt objektiv anstand. Es gab ein paar handliche Allzweckwaffen wie „die Moderne“, „die Wissenschaft“, oder je nach Wahl Marx oder Freud und die dazugehörigen Verfeinerungen und Häresien, und für skeptischere Geister gab es die negative Dialektik, die ausführte, warum die nie und nimmer ausreichen konnten, aber es gäbe eben trotzdem nichts anderes. Der Kulturalismus war sicher, nicht nur(!) ein Versuch, damit umzugehen, dass die Welt rein empirisch trotzdem so viel anderes bot. Und auf der anderen Seite ein romantischer und häufig konservativer Ausweg aus der marktgeprägten Moderne. Der einzige salonfähige Großdenker, der immer wieder betont hat, dass diese beiden Seiten der Medaille überhaupt kein Widerspruch sein müssen, war Ernst Bloch, der genau in der Spannung zwischen dem Traum vom edlen Wilden, dem Erkennen von Unterschieden und einem universalistischen Anspruch jede Menge Potential für kluge Utopien sah. Der scheinbar wunde Punkt, den Sarrazin treffen will, und den seine Opponenten unter Schmerzen vermeiden wollen, ist gar keiner. Dass mir mein Nachbar fremd vorkommen kann, ob anziehend oder gefährlich, dass mir vertraut vorkommen kann, was mir fremd erscheinen müsste, dass ich in beiden Fällen wie verrückt projiziere und darüber erschrecke, ist überhaupt kein Problem. Genau in dem Moment, in dem ich den edlen Wilden nicht mehr für edel und nicht mehr für wild halte, kann ich mich konstruktiv mit dem Eigenen und dem Anderen, Vergangenheit und Zukunft, Träumen und Reibungen beschäftigen. Bloch propagiert, sehr verkürzt und neben vielem anderen, das sympathisierende Weiterdenken in genau dem Moment, in dem Picard missmutig seufzt (und das bedeutet keine Verharmlosung fiktiver und realer Verbrechen). Aber Bloch lässt sich genau so wenig auf eine handliche Formel bringen, wie er ahnen konnte, dass seine Vorstellungen von „Ungleichzeitigkeit“ verschiedener Kulturen in der industrialisierten Welt einmal ganze Wissenschaftszweige hervorbringen würde, deren sperrige Ergebnisse über seine Kategorien hinausgehen. Dass es so viele verschiedene kulturelle Stimmen geben könnte, die dringend Gehör verdienen, und dass es so schwierig sein könnte, dafür einen angemessenen diskursiven Rahmen zu schaffen. So nötig neuere revisionistische Einsprüche (u.a. immer wieder Zizek) gegen die Flucht in das Konstrukt von Fremdartigkeit derzeit vermutlich sind, sie wollen etwas entzaubern, was nie verschleiert war. Es gibt andere Kulturen, und es gibt kein Entrinnen vor dem Spiel, das die westlichen Industrienationen begonnen haben, und das auch diese verändert. Es gibt kein draußen, aber jede Menge drinnen, das sich in dieses Spiel nicht vollständig integrieren oder daraus erklären lässt, trotzdem damit zusammenhängt und permanent die Spielregeln mit umdeutet, im Guten wie im Bösen. Unser Land besteht aus verschiedensten Formen von Parallelgesellschaften, und die eigentümlichste bleibt Rheinland &#8211; Pfalz. Das kann nie einen Ehrenmord entschuldigen. Und das alles hat absolut nichts mit der derzeitigen Debatte zu tun.</p>
<p><span style="color: #ff00ff;"><span style="font-size: large;">Sarrazin ist ein synthetisiertes Medienprodukt wie Heidi Klum, nur schlechter frisiert.</span></span></p>
<p>Es heißt, Khomeini, der im Westen geprägt wurde, sei der erste politische Machthaber gewesen, der seinen Erfolg der intelligenten Nutzung von privat kopierbaren Kassetten mit Reden verdankt hat, die zum Zeitpunkt seines Propagandafeldzugs gerade erst ein paar Jahre auf dem Markt waren. Die Vorliebe von noch weitaus aggressiveren Gegnern der Moderne für Massenmedien und technische Neuerungen ist allgemein bekannt. Fundamentalisten sind ein Ausdruck konservativer Rebellion und kein Überbleibsel aus mythischer Vorzeit, und dies umso weniger, je mehr sie das selber für sich in Anspruch nehmen. Sarrazin ist ein synthetisiertes Medienprodukt wie Heidi Klum, nur schlechter frisiert. Der mit Abstand gefährlichste Eskapismus bleiben aufpeitschende Hypes wie dieser, das Crack fürs Volk, die umso verheerender nachwirken, je offener sie inszeniert und überzogen sind. Wie kürzlich im Georg-Seeßlen-Blog ausgeführt, liegt die Gefahr solcher Phänomene vielleicht nicht einmal darin, dass unnötigerweise hier ein paar gewaltbereite Rechte und dort ein paar gewaltbereite angebliche Außenseiter produziert werden,  sondern in der Blockierung und Kontaminierung wichtigerer Fragen und schönerer Gedanken. Scheindebatten können keine vielleicht notwendigen Diskussionen provozieren, sie untergraben ihre Grundbedingungen.</p>
<p>Der alte Trick, den Sarrazin einmal mehr aufwärmt, und der immer brisanter wird, je schlechter diese Gesellschaft irgendwen im klassischen Sinne „integrieren“ kann, bis hin zu Angela Merkel, besteht darin, angetäuschte kulturalistische und universalistische Fragestellungen als Alibi dafür zu benutzen, weder die kulturalistische, noch die universalistische Diskussion führen zu müssen. Klingonen sind anders, wir können mit ihnen nicht über menschliche Werte diskutieren. Wir können nicht über menschliche Werte diskutieren, solange Klingonen sie nicht begreifen. Wir können nicht differenziert über Klingonen nachdenken, solange menschliche Werte auf dem Spiel stehen. Wenn wir nicht in einer uns alle verbindenden Kultur leben würden, könnten die Klingonen nicht herausfallen. Wenn sie nicht herausfallen würden, müssten sie sich nicht anpassen oder abgrenzen. Kultur und Werte sind etwas für Schöngeister, denn wir haben ein Klingonenproblem.</p>
<p>Ein entfremdeter Freund dieses Autors kam als schwer traumatisierter Flüchtling aus dem Iran in dieses Land. Entzückt von Sprache und Kultur, tatsächlich Christ. Vor einigen Jahren redete er sich in einem Gespräch über die alltäglichen Demütigungen und permanenten Verdächtigungen aufgrund von Aussehen, Namen und leichtem Akzent in seinem fehlerfreien Deutsch in Rage und verlor sich in Hasstiraden gegen alles und jeden. Mittlerweile ist er Deutschdozent in Teheran und angeblich endlich glücklich.</p>
<p>„Er passt da einfach viel besser hin.“, meint ein ehemaliger Mentor.</p>
<p>Es gibt keine Klingonen.</p>
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<p><em>Text: Florian Schwebel</em></p>
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		<title>67. Filmfestspiele Venedig (01.09.2010)</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 22:04:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Claus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmfestspiele Venedig]]></category>

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		<description><![CDATA[Sonne über Venedig. Die gern mürrische Filmkritiker-Gemeinde aus aller Welt ist zu guter Laune gezwungen. Das fällt so mancher und manchem schwer. Aber das Festival macht es den Griesgramen noch schwerer, nicht fröhlich in die 67. Ausgabe der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica, des Internationalen Filmfestival von Venedig, zu starten. Ein schicker Empfang in einem Luxushotel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.labiennale.org/en/cinema" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-13232" title="venezia.LOGO.PC" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/venezia.LOGO_.PC.jpg" alt="" width="600" height="79" /></a></p>
<p><em>Sonne über Venedig. Die gern mürrische Filmkritiker-Gemeinde aus aller Welt ist zu guter Laune gezwungen. Das fällt so mancher und manchem schwer. Aber das Festival macht es den Griesgramen noch schwerer, nicht fröhlich in die 67. Ausgabe der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica, des Internationalen Filmfestival von Venedig, zu starten. Ein schicker Empfang in einem Luxushotel für die Journaille aus aller Welt zum Auftakt – Häppchen, Schampus und Gondel-Romantik inklusive wurde ausgerichtet – wer will da noch die Mundwinkel runterhängen lassen?</em></p>
<p>Das Festival selbst steht unter ziemlichem Erwartungsdruck. Berlin und Cannes, die großen Konkurrenten, boten wenig Eindrucksvolles. Am Lido von Venedig soll nun also geklotzt werden.</p>
<p>22 Filme aus aller Welt konkurrieren im Hauptwettbewerb „Venezia 67“ bis zum 11. September um den Goldenen Löwen. Deutschland schickt „Drei“ ins Rennen, ein Kammerspiel von Regisseur Tom Tykwer.<span id="more-13219"></span> Er hat hier einst mit „Lola rennt“ einen schönen Erfolg verbucht. Vielleicht klappt’s ja wieder?! Antreten muss er gegen renommierte Regisseure wie beispielsweise Julian Schnabel (USA), Sofia Coppola (USA), François Ozon (Frankreich), Tsui Hark (Japan), Jerzy Skolimowski (Polen) und Carlo Mazzacurati (Italien).</p>
<p>Das Festival betont nach wie vor, insbesondere den künstlerisch anspruchsvollen und den politisch engagierten Film fördern zu wollen. Doch der Kommerz ist im Vormarsch. Das zeigt sich schon an einer auffallenden Äußerlichkeit: Die Liste der auf dem Festivalgelände vertretenen Shops, Boutiquen und Vergnügungszentren ist fast länger als die der angebotenen Filme. Und bei denen fällt in den vielen Sektionen um den Hauptwettbewerb herum ein Überangebot an Horror, Sex und Thrill auf.</p>
<p>Solches bietet schon, freilich hübsch edel verpackt, der Eröffnungsfilm „Black Swan“ von Regisseur Darren Aronofsky. Nach seinem „The Wrestler“, mit dem er hier vor zwei Jahren den Goldenen Löwen einheimste, bietet er diesmal einen Krimi im Ballettmilieu. Weißer und schwarzer Schwan aus Tschaikowskys „Schwanensee“ stehen dabei für Gut und Böse. Natalie Portman und Mila Kunis liefern sich einen Zickenkrieg auf ästhetisch hohem Niveau. Das sieht toll aus. Aber eine nachhaltige Wirkung hat der Film nicht. Die Story wirkt zu bemüht. Und anders als in „The Wrestler“ fehlen eine sozialkritische und eine in die Tiefe gehende psychologische Ebene. Als spannende Unterhaltung ist das in Ordnung. Großes pralles Kino, das über den Filmbesuch hinaus spannend ist, wird aber nicht geboten. Hoffentlich fällt das Gesamtprogramm gehaltvoller aus.</p>
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<div id="attachment_13239" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/BlackSwan600.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13239 " title="BlackSwan600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/BlackSwan600.jpg" alt="" width="600" height="338" /></a><p class="wp-caption-text">Black Swan (Regie Darren Aronofsky, USA 2010)</p></div>
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<p>Versprochen wird, klar, wieder mal viel Glamour. Der rote Teppich ist ausgerollt. Aber kommen wirklich alle Promis, die erwartet werden? In den Vorjahren kamen sie nicht. Mal sehen, wie es in diesem Jahr wird. Stars wie Benicio  Del  Toro, Hellen Mirren, Vanessa Redgrave, Willem Dafoe gelten als sichere Besucher. Aber ob Stars wie Robert De Niro und Don Johnson wirklich erscheinen, ist noch nicht klar. Die beiden Hollywood-Schwergewichte spielen Nebenrollen in „Machete“ von Robert Rodriguez. Der als knallharter Reißer angekündigte Film wird heute um Mitternacht gezeigt. Noch so ein massentauglicher, auf hohen Profit ausgerichteter Blockbuster.</p>
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<div id="attachment_13238" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/Machete600.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13238 " title="Machete600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/Machete600.jpg" alt="" width="600" height="338" /></a><p class="wp-caption-text">Machete (Regie: Robert Rodriguez, Ethan Maniquis, USA 2010)</p></div>
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<p>Aber – wir meckern nicht. Dafür freuen wir uns auf den Nebenwettbewerb, „Orrizonti“ (Horizonte). Dort locken Vertreter des Anspruchsvollen wie die Regisseure Catherine Breillat (Frankreich), Guillermo Arriaga (Mexiko) und Vincent Gallo (USA). Es wird also garantiert nicht nur Schampus-Flimmerstücke in Venedig geben, sondern auch handfeste Kost. Wirklich ein Grund zu lächeln.</p>
<p><em>Peter Claus</em></p>
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		<title>Heil Hynkel!</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 17:27:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[„Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“, schreibt Necla Kelek in der F.A.Z. Na, Bravo! Vielleicht sollte man auch noch mal die Ansprachen eines gewissen Hynkel, alias Charles Chaplin aus „The Great Dictator“ (Sie erinnern sich: „Sauerkraut mit de Wiener Schnitzel. Und de Jüden! Ah, de [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.seesslen-blog.de/2010/08/31/hynkel/" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-13225" title="The_Great_Dictator_Chaplin.600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/The_Great_Dictator_Chaplin.600.jpg" alt="" width="600" height="450" /></a></p>
<p>„Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“, schreibt Necla Kelek in der F.A.Z. Na, Bravo! Vielleicht sollte man auch noch mal die <a href="http://www.getidan.de/rumpelkammer" target="_blank">Ansprachen</a> eines gewissen Hynkel, alias Charles Chaplin aus „The Great Dictator“ (Sie erinnern sich: „Sauerkraut mit de Wiener Schnitzel. Und de Jüden! Ah, de Jüden!“) dahingehend befragen, ob man sie nicht diskutieren müsse, statt darüber zu lachen. <a href="http://www.seesslen-blog.de/2010/08/31/hynkel/" target="_blank">weiter lesen</a></p>
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		<item>
		<title>Schweigen ist keine Lösung</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 16:55:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henryk Goldberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur Debatte um die Thesen von Thilo Sarrazin Vielleicht sollte man einfach von ihm absehen. Absehen von den medialen Wellen, die er schlägt. Absehen von dem missverstehbaren und zum Teil provozierenden Ton. Absehen sogar von dem Umstand, dass der NPD-Vorsitzende gestern verkündete, Sarrazins Thesen würden seine Partei &#8220;salonfähig&#8221; machen. Es gibt viele Gründe, den Staat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zur Debatte um die Thesen von Thilo Sarrazi</strong><strong>n</strong></p>
<p>Vielleicht sollte man einfach von ihm absehen. Absehen von den medialen Wellen, die er schlägt. Absehen von dem missverstehbaren und zum Teil provozierenden Ton. Absehen sogar von dem Umstand, dass der NPD-Vorsitzende gestern verkündete, Sarrazins Thesen würden seine Partei &#8220;salonfähig&#8221; machen.</p>
<p>Es gibt viele Gründe, den Staat Israel zu kritisieren, ohne dass der, der es tut, ein Antisemit sein muss. Aber er hilft Antisemiten. Soll man deshalb Israel nicht kritisieren dürfen?<span id="more-13244"></span></p>
<p>Gewiss, Thilo Sarrazin wird auch die deutschen Stammtische armieren, nur: Wenn diese Argumente aus solchen Gründen reflexartig als rassistisch diskriminiert werden, dann macht das die Luft über den Stammtischen nicht sauberer, im Gegenteil. Nur, wer sich einer Debatte stellt, nur wer sie führt, hat die Chance, ihre Richtung wenigstens mitzubestimmen.</p>
<p>Und Sarrazin hat in vielem recht, ohne jeden Zweifel. Natürlich ist der Islam ein kulturelles System mit Werten und Normen, die sich zu Teilen einer Integration verweigern. Natürlich wird durch den Islam, wo er diese Normen lebt, ein Teil der europäischen Aufklärung zurückgedrängt. Natürlich muss man intolerant sein, wenn es etwa um Zwangs-Ehen geht. Natürlich sollte, das Wort wird hier mit Bedacht gebraucht, die Leitkultur in Deutschland deutsch sein. Und natürlich fördert das immer noch großzügige deutsche Sozialsystem die Leistungsbereitschaft weniger als das harte amerikanische.</p>
<p>Die daraus resultierenden Probleme belasten diese Gesellschaft, und man wird sie nicht lösen, indem man sie beschweigt. Thilo Sarrazin, mag er sein, wie er will, hat einen wichtigen Impuls gegeben. Und man darf es nicht dem rechten Rand überlassen, darüber zu reden.</p>
<p><em>Henryk Goldberg in TA 31.08.2010</em></p>
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		<title>The Expendables</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 10:53:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henryk Goldberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>

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		<description><![CDATA[Mut, Schweiß und Gähnen &#8220;Was hat er für ein Problem?&#8221; fragt einer, er meint Arnold Schwarzenegger. Dabei, Schwarzenegger hat wenigstens nicht das Stallone-Problem: Er hat sich bei Zeiten aus dem Staub gemacht. Als Rocky Balboa (2007) seinen letzten Kampf kämpfte, da hatte sein Schöpfer die Figur mit Würde an ein Ende gebracht. Es war der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_13217" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://dailypostal.com/2010/03/31/watch-the-expendables-free-online-movie-trailer/" target="_blank"><img class="size-full wp-image-13217  " title="Grauman's Chinese Theatre" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/08/the-expendables.600.jpg" alt="" width="600" height="429" /></a><p class="wp-caption-text">Bild via dailypostal.com</p></div>
<p><strong>Mut, Schweiß und Gähnen</strong></p>
<p>&#8220;Was hat er für ein Problem?&#8221; fragt einer, er meint Arnold Schwarzenegger. Dabei, Schwarzenegger hat wenigstens nicht das Stallone-Problem: Er hat sich bei Zeiten aus dem Staub gemacht.</p>
<p>Als <em>Rocky Balboa</em> (2007) seinen letzten Kampf kämpfte, da hatte sein Schöpfer die Figur mit Würde an ein Ende gebracht. Es war der würdige Abschied eines alternden Mannes, der es noch einmal brachte. Da fielen beide zusammen, der Boxer und der Schauspieler, das war der überzeugende Grund des Filmes. Als J<em>ohn Rambo</em> (2008) nach Birma ging, da hatte er keinen anderen Grund als das Bedürfnis von Sylvester Stallone. Und jetzt, da wollte er alle Figuren, alle diese Hartschläger und Totschießer beenden, ganz allgemein. Und das geht, ganz allgemein gesagt, ziemlich schief.<span id="more-13191"></span></p>
<p>Er hat die alten Kumpels noch einmal versammelt: Mickey Rourke, Eric Roberts, Dolph Lundgren, für eine kurze Nummer auch Bruce Willis, der als einziger noch richtig aktiv ist im Haudrauf-Genre, und Arnold Schwarzenegger. Sie befreien eine Winzig-Insel vom Bösen in einer Story von atemverschlagender Schlichtheit. Als wollten sie noch einmal demonstrieren, worum es ging im Körperkino der 80-iger Jahre: um Körper.</p>
<p>Aber sie haben diese Körper nicht mehr. Und sie haben vor allem nicht diese ironische Souveränität eines Clint Eastwood, der das eigene Altern ironisiert und so zu ernsthaften Figuren kommt. Das ist vielleicht das Problem dieses Filmes: Stallone schreibt, spielt und inszeniert, als sei nichts passiert seit 20 Jahren, er thematisiert gleichsam sein Thema nicht, er dreht und prügelt wie einst im Mai. Nur mittelbar erzählt er die Melancholie der alten Männer, wenn sie so ziellos Jungsspiele spielen, wenn Mickey Rourke, der beste von ihnen, Leute tätowiert statt sie umzubringen. Und wenn sie sich prügeln, dann lässt der Regisseur so rasend schnell schneiden, dass kaum etwas zu sehen ist - und das wird Gründe haben.</p>
<p>Die &#8220;Space Cowboys&#8221; hielten ihre faltigen Hintern in die Kamera, ehe sie die Welt retteten. &#8220;Die Entbehrlichen&#8221;, der Titel ist die einzige melancholische Selbstironie, halten ihre Gesichter hin, aber nur Mickey Rourke hält das richtig gut aus.</p>
<p>Sylvester Stallone hat Mut aufgebracht und Schweiß vergossen. Das Resultat ist Gähnen.</p>
<p><em>Text: Henryk Goldberg</em></p>
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