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	<title>Lesen was klüger macht</title>
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		<title>Die Farbe des Ozeans (ab 17. Mai)</title>
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		<pubDate>Thu, 17 May 2012 12:36:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Claus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Im Januar, beim diesjährigen Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken, gehörte dieser Film, den die Jury bei der Preisvergabe nicht berücksichtigte, zu den spannendsten des Wettbewerbs. Der allerdings war mit vielen guten Angeboten gespickt, so dass es die Juroren tatsächlich schwer hatten.
Der Titel ist trügerisch. Er lässt eine Romanze voller Sonne, Strand und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/ozean_680.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-43618" title="ozean_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/ozean_680.jpg" alt="" width="680" height="453" /></a></p>
<p>Im Januar, beim diesjährigen Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken, gehörte dieser Film, den die Jury bei der Preisvergabe nicht berücksichtigte, zu den spannendsten des Wettbewerbs. Der allerdings war mit vielen guten Angeboten gespickt, so dass es die Juroren tatsächlich schwer hatten.</p>
<p>Der Titel ist trügerisch. Er lässt eine Romanze voller Sonne, Strand und Sexspielchen erwarten. Autorin und Regisseurin Maggie Peren aber geht es um ganz anders, um die Suche nach heutzutage wichtigen und <a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/Die-Farbe-des-Ozeans_320.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-43619" title="Die Farbe des Ozeans_320" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/Die-Farbe-des-Ozeans_320.jpg" alt="" width="320" height="213" /></a>sinnvollen moralischen Forderungen an den Einzelnen wie an die Gemeinschaft. Das wird kraftvoll, gelegentlich auch vordergründig, ins Zentrum gerückt. Maggie Peren verknüpft dazu mehrere Geschichten. Die Eindrücklichste erzählt von einem spanischen Polizisten, der weder für seine drogensüchtige Schwester noch für Flüchtlinge aus Afrika Mitleid aufbringen kann, ehe er so etwas wie eine Läuterung erfährt. Spannend ist auch die Geschichte einer Frau, die unbeschwerten Urlaub machen will, woraus nichts wird, weil sie in die Konflikte um Flüchtlinge hineingezogen wird. Sie will helfen? Doch wie sieht eigentlich sinnvolle Hilfe aus? Erfreulich, dass sich die Autorin und Regisseurin um eine so komplizierte Frage nicht drückt.</p>
<p>Der Film packt vor allem über die Darsteller, wie zum Beispiel Sabine Timoteo als Sonnenhungrige, die unsanft auf der Schattenseite der europäischen Realität landet. Sie lassen über manche Konstruktion der Erzählung hinwegsehen. Und er packt, weil er mutig den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch wagt, die Story publikumswirksam mit Spannung aufheizt und dabei die Auseinandersetzung mit wunden Punkten im Alltag der westlichen Welt nicht vergisst.</p>
<p><em>Peter Claus</em></p>
<p><em><strong>Die Farbe des Ozeans</strong>, von Maggie Peren (Deutschland 2011)</em></p>
<p><em>Bilder: Movienet (24 Bilder)</em></p>
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		<title>Lachsfischen im Jemen (ab 17. Mai)</title>
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		<pubDate>Thu, 17 May 2012 12:27:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Claus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
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		<category><![CDATA[Kritik]]></category>

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		<description><![CDATA[
Wer sich für Fragen der Ökologie interessiert, dürfte von vornherein den Kopf schütteln, denn Wasserknappheit und Wasserverschwendung in Arabien gehört zu den großen Problemen. Eine Geschichte, die Wasser als wesentliches Element des Lebens feiert, die in einem Wüstenstaat spielt, sich aber mit dem Problem nicht wirklich ernsthaft auseinandersetzt, kann nur Kopfschütteln ernten.
Trotzdem hat es der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/lachs_680.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-43610" title="lachs_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/lachs_680.jpg" alt="" width="680" height="453" /></a></p>
<p>Wer sich für Fragen der Ökologie interessiert, dürfte von vornherein den Kopf schütteln, denn Wasserknappheit und Wasserverschwendung in Arabien gehört zu den großen Problemen. Eine Geschichte, die Wasser als wesentliches Element des Lebens feiert, die in einem Wüstenstaat spielt, sich aber mit dem Problem nicht wirklich ernsthaft auseinandersetzt, kann nur Kopfschütteln ernten.</p>
<p>Trotzdem hat es der gleichnamige Debüt-Roman von Paul Torday 2007/2008 in viele Bestseller-Listen geschafft. Lasse Hallströms Verfilmung dürfte ebenfalls Kasse machen. Das liegt vor allem am Drehbuch von Simon Beaufoy, der schon Hits wie „Ganz oder gar nicht“ und „Slumdog Millionär“ entscheidend mitgeprägt hat. Sein Gespür dafür, Komik und Romantik mit einem Schuss Sozialkritik geschickt auszubalancieren ist auch diesmal wesentlich. Leider aber hat er die Anteile der Vorlage, die durchaus politsatirisches Format erreichen, weitestgehend eliminiert.</p>
<p>Die Story ist rasch angedeutet: Ein englischer Fischerei-Fachmann (Ewan McGregor) bekommt von einem Scheich (Amr Waked) den Auftrag, dafür zu sorgen, dass im Hochland des Jemen eine Lachszucht <a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/lachs_320.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-43611" title="lachs_320" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/lachs_320.jpg" alt="" width="320" height="213" /></a>angesiedelt werden kann. Zwischen Hoheit und Bürger vermittelt eine Geldberaterin (Emily Blunt). Der Biologe aus Großbritannien lehnt erst einmal ab. Doch die Pressesprecherin des britischen Premierministers (Kristin Scott Thomas) will über das Projekt eine Publicityshow unter dem Stichwort „völkerverbindend“ abziehen. Sie setzt den widerwilligen Fischmann so unter Druck, dass er gar nicht anders kann, als sich zu fügen.</p>
<p>Zunächst sieht es so aus, als entwickele sich eine pointenreiche Komödie wider den Wahnwitz der Macht des Geldes und von karrieregeilen Politschranzen. Kristin Scott Thomas absolviert diesbezüglich einige treffliche Auftritte. Doch, man ahnt es von Anfang an, die Lovestory zwischen Fischmann und Geldfrau drängt in den Vordergrund. Je weiter das Geschehen voranschreitet, umso mehr schwelgt die Inszenierung in Romantik, die schließlich in Kitsch umkippt. Richtig ärgerlich ist ein oberflächlich ins Bild gesetzter Erzählstrang um einige Terroristen.</p>
<p>Trotz all der Bedenken und Einschränkungen bleibt man aber als Zuschauer am Ball. Das liegt, wie schon angedeutet, am clever gebauten Drehbuch und dazu an den Akteuren. Bei Ewan McGregor und Emily Blunt knistert es gehörig, obwohl die Beiden angenehm-unaufwendig agieren. Die können’s einfach. Dazu passt die Komik von Kristin Scott Thomas bestens. Wegen der Drei ist die Schmonzette sehenswert. Man kann Tränen der Rührung und des herzhaften Lachens vergießen. Nach dem Kinobesuch allerdings, sobald das eigene Gehirn wieder arbeitet, empfindet man einen schalen Nachgeschmack.</p>
<p><em>Peter Claus</em></p>
<p><em><strong>Lachsfischen im Jemen</strong>, von Lasse Hallström (Großbritannien 2011)</em></p>
<p><em>Bilder: Concorde</em></p>
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		<title>The Substance (ab 17. Mai)</title>
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		<pubDate>Thu, 17 May 2012 12:23:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Claus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Das Wort „Lysergsäurediethylamid“ kommt im allgemeinen Sprachgebrauch nicht vor. Die Kurzformel dafür ist weltweit ein Begriff: „LSD“. Seit Jahren geächtet, gilt die Säure als eine der gefährlichsten Drogen überhaupt. Dabei hatte sie einmal den besten Ruf, sowohl in der Medizin, als auch bei Kreativen, die behaupteten, LSD schenke ihnen ansonsten ungeahnte Schaffensmöglichkeiten.
Die Doku will herausfinden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/substance_680.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-43600" title="substance_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/substance_680.jpg" alt="" width="680" height="388" /></a></p>
<p>Das Wort „Lysergsäurediethylamid“ kommt im allgemeinen Sprachgebrauch nicht vor. Die Kurzformel dafür ist weltweit ein Begriff: „LSD“. Seit Jahren geächtet, gilt die Säure als eine der gefährlichsten Drogen überhaupt. Dabei hatte sie einmal den besten Ruf, sowohl in der Medizin, als auch bei Kreativen, die behaupteten, LSD schenke ihnen ansonsten ungeahnte Schaffensmöglichkeiten.</p>
<p><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/substance_320.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-43601" title="substance_320" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/substance_320.jpg" alt="" width="320" height="180" /></a>Die Doku will herausfinden, wie es zu einem so widersprüchlichen Bild kommen konnte. Der Schweizer Autor und Regisseur Martin Witz geht dabei von Leben und Wirken des LSD-Entdeckers und -Entwicklers, des Chemikers Albert Hofmann aus. Ein im Jahr 2006 mit dem damals bereits einhundert Jahre alten Wissenschaftler geführtes Gespräch steht im Zentrum, Ausschnitte daraus strukturieren den Film. Die Chronologie beginnt 1943. Damals entdeckte der 37-jährige Hofmann die bis dahin unbekannte, aus dem Mutterkorn der Roggenähre stammende, Substanz. Er schildert eindrücklich, welche Wirkungen Selbstversuche hatten, was für Zweifel ihn bewegten, doch auch Hoffnungen. Aus dem Labor des Chemikers in einem Schweizer Pharmakonzern eroberte sich LSD schnell einen Platz in der Medizin. Es galt als ideales Mittel zur Behandlung schwerer Psychosen. Rasch griff auch das Militär zu. Dabei ging es nicht um Heilung. Die Droge schien bestens geeignet, Menschen zu enthemmen und unter deren Einfluss Soldaten geradezu als Kampfmaschinen agieren lassen zu können. Berühmt wurde LSD als Anstoß für bewusstseinserweiternde Trips zur Hochzeit der Popkultur in den 1960er Jahren. All das zeigt der Film mit Archivmaterial und belegt es durch Interviews mit zahlreichen Zeitzeugen. Das nicht ohne Wertung. Rasch ist klar, dass die allein auf materiellen Gewinn zielende Vermarktung frühzeitig begann – und damit das Ende der Karriere dieses Stoffs.</p>
<p>Furiose Farbspiele und Toncollagen stehen für die Wirkung von LSD. Hier werden bewusst gängige Klischees geboren, um sie sofort zu konterkarieren. Der Mythos von der „harmlosen Partydroge“, als die LSD, <a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/substance_320_1.jpg" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-43602" title="substance_320_1" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/substance_320_1.jpg" alt="" width="320" height="183" /></a>aus dem angeblich die schönsten Träume sind, so gern stilisiert wird, wird dabei sehr schnell entblättert und zu den Akten gelegt. Die Chronologie der Ereignisse verdeckt jedoch nicht das Wesentliche. Für Albert Hofmann ist das, seine Statements belegen es, die Verantwortung des Wissenschaftlers für sein Tun, eine Verantwortung, die er weit vor die ebenfalls unumgängliche Neugier setzt, vor den Drang danach, der Natur ihre Geheimnisse abzuringen.</p>
<p>Im letzten Kapitel zeigt die Dokumentation, wie LSD Todkranken helfen kann, zur Schmerzlinderung und beim Sterben selbst. Da werden starke Akzente gesetzt. Es wird klar, dass die umstrittene Substanz ein Potential hat, das längst nicht ausgeschöpft wurde. Intelligenz und Verantwortungsbewusstsein sind gefragt. Beides ist Mangelware in einer Welt, in der über allen Göttern als oberster der des Geldes thront.</p>
<p><em>Peter Claus</em></p>
<p><em><strong>The Substance</strong>, von Martin Witz (Schweiz 2011)</em></p>
<p><em>Bilder: mindjazz (Real Fiction)</em></p>
<p><strong><br />
</strong></p>
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		<item>
		<title>Yael Bartana in Berlin</title>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 11:29:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Ästhetik der Demokratie
Faschistoid oder verrückt? An Yael Bartana scheiden sich die Geister. Ist die Documenta-Teilnehmerin von 2007 eine israelische Leni Riefenstahl?
Spätestens seit die 1970 in Israel geborene Videoartistin Yael Bartana auf der Biennale von Venedig im letzten Sommer als erste nichtpolnische Künstlerin im polnischen Pavillon ihre Videotrilogie „… and Europe will be stunned“ zeigte, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Die Ästhetik der Demokratie</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Faschistoid oder verrückt? An Yael Bartana scheiden sich die Geister. Ist die Documenta-Teilnehmerin von 2007 eine israelische Leni Riefenstahl?</span></p>
<p>Spätestens seit die 1970 in Israel geborene Videoartistin Yael Bartana auf der Biennale von Venedig im letzten Sommer als erste nichtpolnische Künstlerin im polnischen Pavillon ihre Videotrilogie „… and Europe will be stunned“ zeigte, steht sie unter Totalitarismusverdacht. Ist die Documenta-Teilnehmerin von 2007 eine israelische Leni Riefenstahl?<span id="more-43583"></span></p>
<p>Unter Bartanas Arbeiten markierte das aufsehenerregende Werk den Übergang vom dokumentarischen zum inszenierten Video. Oberflächlich betrachtet, mag es wie die Mimikry des Faschismus wirken, so wie im Video der „Führer“ der fiktiven Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) in einem Warschauer Stadion ein Manifest verliest. Doch Bartana spielt nur mit den Versatzstücken der politischen Propaganda – vom Sozialismus bis zum Zionismus. Denn abgesehen davon, dass der linke polnische Publizist Slawomir Sierakowski den „Führer“ spielt, würde kein Diktator den Satz „With one language we cannot speak“ intonieren.</p>
<p>Der mit einem Judenstern fusionierte polnische Adler lässt sich kaum als Symbol einer exklusiven Heilsbewegung lesen. Und auch der provozierende Slogan, „3,3 Millionen Juden nach Polen“ zurückholen, ist nicht wörtlich gemeint, sondern kombiniert motivisch die Kritik am polnischen Antisemitismus mit dem zionistischen Traum von der Rückkehr nach Israel zu dem Symbol einer übernationalen Denkbewegung.</p>
<p><strong>Vielfalt, Zweifel und Widerspruch</strong></p>
<p>Der erste reale Kongress der „Bewegung“ vergangenes Wochenende im Berliner Hebbel-Theater im Rahmen der Berlin-Biennale dürfte nun endgültig den Argwohn zerstreut haben, die Künstlerin propagiere irgendeinen Geschichtsrevisionismus. Statt von Jungpionieren zum Massenappell versammelte sich eine bunte Truppe an einem runden Tisch zum basisdemokratischen Massenpalaver. Und so wie sie sich an dem Traum von einer Gesellschaft jenseits von Rasse, Religion, Geschlecht und Nationalität abarbeitete, war das alles andere als effekthascherisches Israel- oder Polen-Bashing.</p>
<p>Zwar waren sich die Teilnehmer des dreitägigen Marathons nicht sicher, ob sie wirklich an einer politischen Aktion mitwirkten oder nur das Inventar einer Installation abgaben. Aber auch ästhetisch stimmte alles: Nicht Pathos und Überwältigung regierten das Happening, sondern Vielfalt, Zweifel und Widerspruch. Und die Ästhetik der Demokratie zeigte sich in Reinkultur, wenn nach ermüdender Debatte geschwächte Gestalten ihre Stimmkarten zückten. Es war humanoid, sozusagen.</p>
<p><em>Ingo Arend (taz 14.05.2012)</em></p>
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		<title>Reisewelten: Aserbaidschan (2)</title>
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		<pubDate>Sun, 13 May 2012 15:24:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Scholten</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Reisewelten: Aserbaidschan (1)
Freitag, 27. Juni 2008
Baku und Qobustan
Julia und ich steigen in den Wagen ihrer aserbaidschanischen Firma. Unser erstes Ziel sind die Bibi-Heybat-Ölfelder, die der Volksmund James-Bond-Ölfelder nennt. So steht es sogar auf den Stadtplänen. Sie tragen den Namen des britischen Geheimagenten, weil der 19. Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“ im Jahr 1999 unter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.getidan.de/gesellschaft/michael_scholten/43349/reisewelten-aserbaidschan-1" target="_blank"><span style="color: #800000;">Reisewelten: Aserbaidschan (1)</span></a></p>
<div id="attachment_43552" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/015_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43552" title="015_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/015_680.jpg" alt="Aserbaidschan fördert 477.000 Barrel Erdöl pro Tag, das sind fast 76 Millionen Liter. Sie werden über die BTC-Pipeline von Baku über Tiflis in die türkische Hafenstadt Ceyhan exportiert. Die Erdölindustrie erwirtschaftet rund zwei Drittel des Bruttosozialprodukts und spült das Geld vor allem in die Kassen derer, die mehr als genug haben. " width="680" height="453" /></a><p class="wp-caption-text">Aserbaidschan fördert 477.000 Barrel Erdöl pro Tag, das sind fast 76 Millionen Liter. Sie werden über die BTC-Pipeline von Baku über Tiflis in die türkische Hafenstadt Ceyhan exportiert. Die Erdölindustrie erwirtschaftet rund zwei Drittel des Bruttosozialprodukts und spült das Geld vor allem in die Kassen derer, die mehr als genug haben.</p></div>
<p><span style="color: #808080;">Freitag, 27. Juni 200</span>8</p>
<p><strong>Baku und Qobustan</strong></p>
<p>Julia und ich steigen in den Wagen ihrer aserbaidschanischen Firma. Unser erstes Ziel sind die Bibi-Heybat-Ölfelder, die der Volksmund James-Bond-Ölfelder nennt. So steht es sogar auf den Stadtplänen. Sie tragen den Namen des britischen Geheimagenten, weil der 19. Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“ im Jahr 1999 unter anderem auf diesem riesigen Küstenstreifen am Kaspischen Meer gedreht wurde. Hier stehen viele Tausend blau lackierte Metallpumpen, die sich wie Körner pickende Hühner auf und ab bewegen und unentwegt Öl fördern. Im Film rast Pierce Brosnan als 007 mit seinem BMW Z8 durch diese unwirtliche Landschaft. Die Pumpen werden nach und nach abgebaut. Seit einigen Jahren sind die Ölreserven an Land erschöpft. Die Förderung wurde mithilfe von Bohrinseln weitgehend in das Kaspische Meer ausgedehnt.</p>
<div id="attachment_43553" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/016_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43553" title="016_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/016_680.jpg" alt="Erdöl bildet das Rückgrat der aserbaidschanischen Wirtschaft. 1848 fand in Baku die erste Ölbohrung der Welt statt. Die Ausbeutung der Ressourcen im großen Stil begann 1873, als Robert Nobel, ein Bruder des Dynamit-Entwicklers Alfred Nobel, in Baku die Ölgesellschaft Nobel Brothers Petroleum Producing Company gründete. Die Firma wurde in wenigen Jahren das führende Unternehmen auf dem Weltmarkt." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Erdöl bildet das Rückgrat der aserbaidschanischen Wirtschaft. 1848 fand in Baku die erste Ölbohrung der Welt statt. Die Ausbeutung der Ressourcen im großen Stil begann 1873, als Robert Nobel, ein Bruder des Dynamit-Entwicklers Alfred Nobel, in Baku die Ölgesellschaft Nobel Brothers Petroleum Producing Company gründete. Die Firma wurde in wenigen Jahren das führende Unternehmen auf dem Weltmarkt.</p></div>
<p>Erdöl bildet das Rückgrat der aserbaidschanischen Wirtschaft. 1848 fand in Baku die erste Ölbohrung der Welt statt. Die Ausbeutung der Ressourcen im großen Stil begann 1873, als Robert Nobel, ein Bruder des Dynamit-Entwicklers Alfred Nobel, in Baku die Ölgesellschaft Nobel Brothers Petroleum Producing Company gründete. Die Firma wurde in wenigen Jahren das führende Unternehmen auf dem Weltmarkt. Die Ölkönige ließen mit ihren Vermögen in der Hauptstadt Paläste nach den Entwürfen westeuropäischer Architekten bauen.<br />
Die Ölfelder von Baku wurden die größten der Welt, überholten schnell die Fördermengen der amerikanischen Konkurrenz und deckten 1941 drei Viertel des gesamten sowjetischen Ölbedarfs. Kein Wunder, dass Adolf Hitler das Gebiet im Zweiten Weltkrieg einnehmen wollte. Doch die Truppen der deutschen Wehrmacht kamen nicht über Stalingrad hinaus.<span id="more-43550"></span></p>
<div id="attachment_43554" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/017_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43554" title="017_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/017_680.jpg" alt="Die Ölreserven an Land sind fast erschöpft. Die Förderung wurde mit Hilfe von Bohrinseln weitgehend in das Kaspische Meer ausgedehnt" width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die Ölreserven an Land sind fast erschöpft. Die Förderung wurde mit Hilfe von Bohrinseln weitgehend in das Kaspische Meer ausgedehnt</p></div>
<p>Gut 50 Kilometer oder eine Autostunde von den James-Bond-Ölfeldern entfernt, liegt der Ort Qobustan. Die Ansammlung von Häusern ist nicht der Rede wert, doch folgt man einer Huckelpiste, erreicht man den Qobustan Nationalpark. Der vereint auf einer Fläche von 44 Quadratkilometern rund 6000 Felszeichnungen aus der Steinzeit. Sie wurden 1966 entdeckt und im Jahr 2007 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt.</p>
<div id="attachment_43557" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/019_6801.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43557" title="019_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/019_6801.jpg" alt="Der Qobustan Nationalpark vereint auf einer Fläche von 44 Quadratkilometern rund 6000 Felszeichnungen aus der Steinzeit. Sie wurden 1966 entdeckt und im Jahr 2007 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Der Qobustan Nationalpark vereint auf einer Fläche von 44 Quadratkilometern rund 6000 Felszeichnungen aus der Steinzeit. Sie wurden 1966 entdeckt und im Jahr 2007 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt.</p></div>
<div id="attachment_43558" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/020_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43558 " title="020_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/020_680.jpg" alt="Die bis zu 12.000 Jahre alten Gravuren auf den wuchtigen Felsen findet man ohne einen ortskundigen Parkführer kaum." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die bis zu 12.000 Jahre alten Gravuren auf den wuchtigen Felsen findet man ohne einen ortskundigen Parkführer kaum.</p></div>
<p>Ich zahle je vier Manat Eintritt für Julia, unseren Fahrer und für mich sowie sechs Manat für einen englischsprachigen Führer. Ohne ihn würden wir viele der bis zu 12.000 Jahre alten Gravuren auf den wuchtigen Felsen niemals finden und deuten können. Die meisten zeigen Tiere, Jagdszenen, Tänzerinnen und Schamanen sowie Schilfboote. Weil eins der Boote in zwei Teile zerbrochen ist, spricht der Führer von der ältesten „Titanic“-Darstellung der Welt.</p>
<div id="attachment_43559" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/021_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43559" title="021_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/021_680.jpg" alt="Die meisten Gravuren zeigen Tiere, Jagdszenen, Tänzerinnen und Schamanen sowie Schilfboote. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die meisten Gravuren zeigen Tiere, Jagdszenen, Tänzerinnen und Schamanen sowie Schilfboote.</p></div>
<div id="attachment_43560" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/022_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43560" title="022_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/022_680.jpg" alt="Weil eins der Boote in zwei Teile zerbrochen ist, spricht der Führer von der ältesten „Titanic“-Darstellung der Welt. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Weil eins der Boote in zwei Teile zerbrochen ist, spricht der Führer von der ältesten „Titanic“-Darstellung der Welt.</p></div>
<p>Auf unserem Plan steht auch ein Besuch der Schlammvulkane nahe Qobustan. Ortsunkundige können die Sehenswürdigkeit schwer bis gar nicht finden. Unser Führer bietet an, für 10 Manat in den Wagen zu steigen und uns hinzulotsen. Tatsächlich deuten in der kargen Mondlandschaft um Qobustan weder Schilder noch sonstige Hilfen auf die Sehenswürdigkeit hin. Nach halbstündiger Fahrt erreichen wir die mehrere Meter hohen grauen Vulkankegel, in deren Innern kalter flüssiger Schlamm alle paar Minuten durch austretende Gase in die Luft geschleudert wird. Für bessere Fotos trete ich nah an die Kante heran, was unser Führer für keine gute Idee hält. Die Gefahr, dass der Boden am Ufer nachgibt und man für alle Zeiten in den Schlammmassen versinkt, ist offenbar sehr groß.</p>
<div id="attachment_43561" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/023_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43561" title="023_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/023_680.jpg" alt="Die grauen Schlammvulkane nahe Qobustan gleichen einer Mondlandschaft. " width="680" height="907" /></a><p class="wp-caption-text">Die grauen Schlammvulkane nahe Qobustan gleichen einer Mondlandschaft. </p></div>
<div id="attachment_43562" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/024_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43562" title="024_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/024_680.jpg" alt="Die Vulkankegel schleudern flüssigen Schlamm alle paar Minuten durch austretende Gase in die Luft." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die Vulkankegel schleudern flüssigen Schlamm alle paar Minuten durch austretende Gase in die Luft.</p></div>
<p>Auf dem Rückweg nach Baku halten wir am Sicov Strand für ein spätes Mittagessen. Die Sonne scheint heute unerbittlich und intensiv, sodass wir einen Tisch im überdachten Bereich wählen. Direkt vor uns liegt der helle Sandstrand, bevölkert von großen Massen Badewilliger und Sonnenanbeter, direkt dahinter beginnt das Kaspische Meer mit vielen Bohrinseln in Sichtweite. Obwohl Aserbaidschan ein islamisches Land ist, kleiden sich die Frauen am Strand freizügig und sexy. Keine geht in Schleiern verhüllt ins Wasser, wie man es häufig in arabischen Ländern sieht. Der lockere Umgang mit den Vorschriften der Religion mag auch daran liegen, dass die meisten Aserbaidschaner während der Sowjetherrschaft säkularisiert wurden. Nur noch zehn Prozent von ihnen sind heute regelmäßig praktizierende Muslime. Alkohol ist kein Problem, knappe Bikinis erst recht nicht.</p>
<div id="attachment_43563" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/018_6801.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43563" title="018_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/018_6801.jpg" alt="Obwohl Aserbaidschan ein islamisches Land ist, kleiden sich die Frauen am Strand sexy. Die meisten Aserbaidschaner wurden während der Sowjetherrschaft säkularisiert. Nur noch zehn Prozent von ihnen sind praktizierende Muslime. Alkohol ist kein Problem, Bikinis auch nicht." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Obwohl Aserbaidschan ein islamisches Land ist, kleiden sich die Frauen am Strand sexy. Die meisten Aserbaidschaner wurden während der Sowjetherrschaft säkularisiert. Nur noch zehn Prozent von ihnen sind praktizierende Muslime. Alkohol ist kein Problem, Bikinis auch nicht.</p></div>
<p>Nach einem kurzen Stopp an der Bibi-Heybet-Moschee, die erst 1998 gebaut wurde und den perfekten Ausblick auf den Hafen von Baku bietet, erreichen wir wieder die Hauptstadt Baku.<br />
Julia und ich wollen einen Pub testen, der in der Nähe ihres Hotels ist und dessen Name uns reizt: Villyam Sekspir Pabi. Übersetzt heißt das nichts anderes als William Shakespeare Pub, aber die Aserbaidschaner schreiben in ihrer Sprache Azeri alles so, wie sie es betonen. Hinter dem kleinen Eingang aus dunklem Holz verbirgt sich ein überraschend großes Lokal, dessen Tresen, Billard- und Speiseräume sich weit in das große Gebäude hineinziehen. Leider gibt es hier kein Rauchverbot. Und Aserbaidschaner rauchen unentwegt.<br />
So brauche ich zum Ausgleich einen Spaziergang durch die Straßen von Baku, die bei Nacht extrem aufwendig und ansehnlich beleuchtet sind. Darunter das Regierungshaus, vor dem wir einer aserbaidschanischen Großfamilie dabei helfen, Erinnerungsfotos zu machen. Wir kommen mit den Leuten ins Gespräch, in dem es sehr bald um die Chancen der deutschen Fußballmannschaft bei der Europameisterschaft geht und schließlich auch um die armenische Besetzung von Bergkarabach. Die sehr gut englisch sprechende Tochter der Familie hält eine flammende Rede gegen die Armenier und lobt die Kulturnation der Aserbaidschaner, als wenn sie dafür vom Tourismusministerium bezahlt worden wäre.</p>
<div id="attachment_43571" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/031_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43571" title="031_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/031_680.jpg" alt="Erinnerungsfoto mit einer aserbaidschanischen Großfamilie. Die sehr gut Englisch sprechende Tochter des Clans hält eine flammende Rede gegen die Armenier und lobt die Kulturnation der Aserbaidschaner, als hätte das Tourismusministerium sie dafür bezahlt. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Erinnerungsfoto mit einer aserbaidschanischen Großfamilie. Die sehr gut Englisch sprechende Tochter des Clans hält eine flammende Rede gegen die Armenier und lobt die Kulturnation der Aserbaidschaner, als hätte das Tourismusministerium sie dafür bezahlt.</p></div>
<p><span style="color: #808080;">Samstag, 28. Juni 2008</span></p>
<p><strong>Baku</strong></p>
<p>Der graue Himmel mit gelegentlichem Nieselregen macht mir die Entscheidung umso leichter, heute einen Museumstag einzulegen. Ich beginne im Staatsmuseum. Das denke ich zumindest. Doch die fünf Manat teure Ausstellung zeigt nichts als Teppiche. Es sind fast tausend Teppiche. Und wenn mich irgendetwas überhaupt nicht interessiert, dann sind das: Teppiche. In der Hoffnung, lohnenswertere Abteilungen zu entdecken, gehe ich die Treppen hinauf. Dort stoße ich aber nur auf zwei weitere kleine Museen, die ebenfalls kostenpflichtig sind. Eines ist dem aserbaidschanischen Theater gewidmet, das andere dem nationalen Kampf für Unabhängigkeit.</p>
<p>Langsam dämmert es mir: Ich bin im falschen Gebäude. Das gesuchte Staatsmuseum ist ganz woanders in der Stadt untergebracht. Ich bin im ehemaligen Lenin-Museum gelandet, hinter dessen prächtigen Säulen sich heute nur das Teppichmuseum befindet. Nach 15 Minuten Fußmarsch erreiche ich das Staatsmuseum. Momentan wird eines der beiden Herrenhäuser, in denen es untergebracht ist, renoviert. Weil deshalb nur die Hälfte der Ausstellung für Besucher geöffnet ist, hat das Museum den Eintrittspreis von drei auf zwei Manat gesenkt. Die Ausstellung von aserbaidschanischen, sowjetischen und europäischen Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstgegenständen ist höchst sehenswert. Fotografieren darf ich leider nicht.<br />
Das Wetter ist in den letzten Stunden kontinuierlich schlechter geworden. Jetzt ist alles grau, garniert mit Nieselregen. Ich rette mich in Richtung Hotel. Außer der Arbeit am Computer, angereichert durch Döner von der Ecke, hat der Tag nichts mehr zu bieten.</p>
<div id="attachment_43565" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/025_6801.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43565" title="025_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/025_6801.jpg" alt="Der Fernsehturm von Baku. " width="680" height="1020" /></a><p class="wp-caption-text">Der Fernsehturm von Baku.</p></div>
<p><span style="color: #808080;">Sonntag, 29. Juni 2008</span></p>
<p><strong>Baku</strong></p>
<p>Vom gründerzeitlichen Stadtviertel führen extrem lange Treppen hinauf auf einen Berg. Hier erinnern Monumente und Ehrenfriedhöfe nicht nur an die Toten im Krieg um Bergkarabach, sondern auch an die 1370 Menschen, die am 19. und 20. Januar 1990 in Baku getötet wurden, als sowjetische Panzer die Straßen einnahmen und den Kampf der Aserbaidschaner für ihre Unabhängigkeit blutig beenden wollten. 160.000 Soldaten der Roten Armee und einige Spezialeinheiten des sowjetischen Innenministeriums besetzten damals wichtige Positionen in Aserbaidschan.</p>
<div id="attachment_43566" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/026_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43566" title="026_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/026_680.jpg" alt="Ehrenfriedhöfe und Monumente erinnern an die Opfer im Krieg um Bergkarabach, aber auch an die 1370 Menschen, die am 19. und 20. Januar 1990 in Baku getötet wurden, als sowjetische Panzer die Straßen einnahmen und den Kampf der Aserbaidschaner um ihre Unabhängigkeit blutig beenden wollten. " width="680" height="453" /></a><p class="wp-caption-text">Ehrenfriedhöfe und Monumente erinnern an die Opfer im Krieg um Bergkarabach, aber auch an die 1370 Menschen, die am 19. und 20. Januar 1990 in Baku getötet wurden, als sowjetische Panzer die Straßen einnahmen und den Kampf der Aserbaidschaner um ihre Unabhängigkeit blutig beenden wollten.</p></div>
<p>Eine ewige Flamme, gespeist durch Erdgas und geschützt durch ein ebenso schmales wie hohes Monument, flackert im Wind. Das Denkmal markiert den Beginn einer langen Reihe von Gräbern und Gedenktafeln. Sie zeigen die Porträts der Verstorbenen und tragen alle dasselbe Todesdatum: 20. Januar 1990.</p>
<div id="attachment_43567" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/028_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43567" title="028_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/028_680.jpg" alt="Eine ewige Flamme, gespeist durch Erdgas und geschützt durch ein ebenso schmales wie hohes Monument, flackert im Wind. " width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Eine ewige Flamme, gespeist durch Erdgas und geschützt durch ein ebenso schmales wie hohes Monument, flackert im Wind.</p></div>
<p>Über dem Mahnmal thront der 310 Meter hohe Fernsehturm Azeri. Er wurde 1996 fertig gestellt und bietet auf 175 Metern alle nötigen Räumlichkeiten für ein Restaurant. Dafür hat sich bis heute kein Pächter gefunden, weshalb der Zugang zum Turm auch nicht gestattet ist. Es muss mir also reichen, den Riesen aus der Ferne zu betrachten.</p>
<p>Am Nachmittag gönne ich mir eine sehr späte Siesta, um Kräfte für die kommende Nacht zu sammeln. Ich bin zwar kein Fußballfan, doch das EM-Finale Deutschland gegen Spanien will ich live mitverfolgen. Nur wo? Ich spekuliere darauf, dass ab 23 Uhr irgendein Lokal die Begegnung auf Großbildschirmen übertragen wird. Also verlasse ich um 22.30 Uhr mein Hotel und fotografiere zunächst das traumhaft schön beleuchtete Baku bei Nacht. Um 23.45 Uhr, als ich die erste Halbzeit des Fußballspiels schon fast beendet glaube, erreiche ich ein spanisches Restaurant in der Nähe des Jungfrauenturms. Dort ist das Spiel open air auf einer riesigen Leinwand zu sehen. Allerdings hat es noch gar nicht begonnen. Beide Mannschaften stehen aufgereiht, im Stadion erklingen die deutsche und die textlose spanische Nationalhymne.</p>
<div id="attachment_43568" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/029_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43568" title="029_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/029_680.jpg" alt="Die Schutzmauer der Altstadt von Baku bei Nacht." width="680" height="453" /></a><p class="wp-caption-text">Die Schutzmauer der Altstadt von Baku bei Nacht.</p></div>
<div id="attachment_43569" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/030_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43569" title="030_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/030_680.jpg" alt="Die Straßen von Baku sind bei Nacht extrem aufwendig und ansehnlich beleuchtet." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Die Straßen von Baku sind bei Nacht extrem aufwendig und ansehnlich beleuchtet.</p></div>
<p>Ich laufe weiter durch die Innenstadt und fotografiere die Fassaden der Stadt, die bei Nacht alle um ein Vielfaches schöner sind als am Tag. Im Geschäfts- und Kneipenviertel von Baku habe ich die Qual der Wahl: Schaue ich das Spiel auf der Terrasse einer italienischen Pizzeria, eines französischen Restaurants oder eines modernen City-Hotels? Ich entscheide mich für die Pizzeria. Weil der Außenbereich bis auf den letzten Platz gefüllt ist, weiche ich in die klimatisierten Innenräume aus. Ob Deutschland-Fans im Raum sind, kann ich schlecht beurteilen. Die Mannschaft bietet ja keinen Grund zum Jubeln. Als die Spanier das erste und einzige Tor des Spiels schießen, merkt man deutlich: Die Sympathien der Zuschauer liegen auf Seiten der Spanier. Vielleicht auch deshalb, weil Deutschland vor wenigen Tagen die mit Aserbaidschan befreundeten Türken aus der EM geschossen hat.</p>
<div id="attachment_43570" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/032_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43570" title="032_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/032_680.jpg" alt="Das Regierungshaus von Baku glänzt in der Nacht wie Gold im Scheinwerferlicht." width="680" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Das Regierungshaus von Baku glänzt in der Nacht wie Gold im Scheinwerferlicht.</p></div>
<p>Die Partie endet um 1.45 Uhr Ortszeit mit null zu eins für die Spanier. Ich zahle meine Spaghetti, gehe zurück zum Hotel und rufe die Online-Schlagzeilen der deutschen Zeitungen auf. „Bild“ titelt: „Schade, Jungs! Aber Spanien war einfach besser.“</p>
<p><em>Michael Scholten</em></p>
<p><a href="http://www.michaelscholten.com/reisebuch.htm" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-43551" title="013_Buchtitel1111-1" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/013_Buchtitel1111-1.jpg" alt="" width="220" height="312" /></a><span style="color: #808080;">Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist <strong>Michael Scholten</strong> (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin, Spiegel Online) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine längste Reise, die ihn innerhalb von 413 Tagen in 40 Länder führte, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” erschienen. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter <a href="http://www.michaelscholten.com/" target="_blank"><span style="color: #808080;">www.michaelscholten.com</span></a> zu haben. </span></p>
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		<title>Neuland</title>
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		<pubDate>Sun, 13 May 2012 10:08:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guido Rohm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[
Leo will aussteigen, nicht einfach nur eine Auszeit nehmen, sondern sich mit allen Sinnen einer neuen Welt anvertrauen, sie mit seiner Zunge, seinem Körper, seinem Geist schmecken, in ihr aufgehen und vergehen, nicht, weil er seines alten Lebens überdrüssig geworden wäre, denn das ist er nicht, ihm ist nach einer Luftveränderung, um nicht der wohlfeinen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/Der-Traum.600.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-43543" title="Der-Traum.600" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/Der-Traum.600.jpg" alt="" width="599" height="201" /></a></p>
<p>Leo will aussteigen, nicht einfach nur eine Auszeit nehmen, sondern sich mit allen Sinnen einer neuen Welt anvertrauen, sie mit seiner Zunge, seinem Körper, seinem Geist schmecken, in ihr aufgehen und vergehen, nicht, weil er seines alten Lebens überdrüssig geworden wäre, denn das ist er nicht, ihm ist nach einer Luftveränderung, um nicht der wohlfeinen Langeweile alltäglicher Verrichtungen zu erliegen, und so sehr er es gemocht hat, in der Wohnung der Familie Müller im 3. Stock zu wohnen, er kann dem ihm inne wohnenden Trieb nicht länger ausweichen, einem Trieb, der treibend ruft, er sollte sich aus dem Staub machen, bevor Frau Müller ihn endgültig vor die Tür setzt, zumal Frau Müller an einem kranken Gemüt laboriert, einer Verschiebung ihres Glücksempfindens, das sich bedrohlich auf eine Schlucht namens Depression zuarbeitet, und dies, seit Herr Müller beschlossen hat, seinen Erstwohnsitz drei Stockwerke höher in die Bettenburg der Susanne Frisch zu verlegen, darauf wartend, seinem Körper gänzlich neue Gefühle entlocken zu können, der nun dort liegt, jetzt in diesem Augenblick, die rechte große Zehe der Frau Frisch mit seiner Zunge erkundend, während Leo sich mit Sack und Pack auf den Weg in die Wohnung eines gewissen Herrn Reismeier macht,<span id="more-43538"></span> der ihn bereits erwartend, mit einem Lächeln in die Wohnung bittet, die fortan Lebensmittelpunkt für Leo sein soll, vielen Dank, sagt Leo, und Herr Reismeier erwidert, gerne, gerne, Fachkräfte für den Küchenbereich sind hier stets gesucht, aber jetzt solle er sich erst einmal einrichten, sagt Herr Reismeier, er könne in seinem Bett Unterschlupf finden, Sie können in meinem Bett Unterschlupf finden, sagt Herr Reismeier, aber Leo lehnt mit einem breiten Grinsen ab, er wolle zunächst ans Meer, jaja, das Meer, sagt Herr Reismeier, da wollen sie alle hin, und darum leitet er Leo zum Badezimmer, er öffnet die Tür, Hitze schlägt aus dem Badezimmer, der Tropenbereich, sagt Reismeier, viele Pflanzen, setzt er noch hintan und reicht Leo ein kleines Messer, das werden Sie benötigen, Leo greift nach dem Messer, er wagt den Schritt und findet sich in der nächsten Sekunde in einem Dschungel, der bewohnt ist von allerlei Tieren, so findet sich dort eine gelbe Gummiente, ein heimtückisches Ungeheuer, wie Leo aus eigener Erfahrung zu berichten weiß, er schlägt mit dem Messer auf eine Pflanze ein, reißt kleine Blätter zur Seite, die seinem Blick auf eine bestimmte Wandkachel im Wege standen, gefällt es Ihnen denn, ruft Herr Reismeier, aber Leo kann nicht antworten, befindet er sich doch im Kampf mit dem Badvorleger, der ihn verschlingen will, Leo wird ihn bändigen, denn mit Badevorlagen kennt er sich aus, er hatte mit diesen wilden Urzeitgeschöpfen schon vor Jahren im Haushalt einer gewissen Erna Gröbenbach zu tun, die sich dort wie eine Plage ausbreiteten, Leo ringt, aber schließlich und endlich besiegt er den Unhold, der sich scheinheilig, als könne er kein Wässerchen trüben, vor die Badewanne legt, darin das Meer zu finden ist, denn dort wollte Leo ja hin, ans Meer, aber wie das sooft ist mit Erwartungen, erfüllen sie sich erst, dann bleibt von ihnen nicht viel übrig, also ruft Leo zu Reismeier hinaus, könnte ich denn auch in die Berge, selbstverständlich, ruft dieser freudig erregt auf, er müsse nur mit ihm kommen, jaja, sagt Leo, der sich bereits zurück in den Flur gekämpft hat, schöner Himmel, sagt Leo und zeigt zur weißgetünchten Decke, aber Reismeier antwortet nicht, er steht im Wohnzimmer, Leo muss sich beeilen, will er den Anschluss nicht verpassen, Reismeier zeigt auf den Schrank, alte deutsche Eiche, über 2 Meter hoch, sagt er stolz, den bezwingen nur geübte Kletterer, das ist auf keinen Fall ein Anfängerschrank, bestimmt nicht, murmelt Leo, ja, hier gefällt es ihm, hier will er bleiben, Wasserfälle, fragt Leo, Reismeier winkt ab und sagt, haben wir alles, das Klo befindet sich neben der Mulde des kahlen Baumes, des was, ruft Leo erstaunt auf, Sie können es auch Garderobe nennen, aber wer tut das schon, sagt Reismeier, lacht auf, Leo stimmt in das Lachen ein, er klopft Reismeier auf die Schulter, den der plötzliche Schlag im Lachen unterbricht, der ihn ernst anblickt und dann sagt, so, jetzt wollen wir uns aber erst mal um den Schriftkram kümmern, Ausweis, ich hätte gerne Ihren Ausweis, außerdem das Führungszeugnis der letzten Wohnung, Ihr Gepäck muss ich auch noch untersuchen, Leo erschrickt, nichts für ungut, sagt Reismeier, aber wenn das jetzt alles schnell über die Bühne geht, dann, was dann, schreit Leo, dann, sagt Reismeier, zeige ich Ihnen noch unsere Attraktion, ja, was ist das denn, ruft Leo, lassen Sie sich überraschen, sagt Reismeier, lassen Sie sich überraschen, manche nennen den Ort, den ich Ihnen zeigen will, Kühlschrank, ich nenne ihn EWIGES EIS, nein, sagt Leo, doch, sagt Reismeier, und es gibt sogar Leben darin, Leo kann sein Glück kaum fassen, es war eine gute Entscheidung, Neuland zu betreten.</p>
<p><em> Guido Rohm</em></p>
<p><em>Bild: Der Traum, Henri Julien Félix Rousseau (Ausschnitt)</em></p>
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		<title>Throbbing Gristle – Zerstörer der Zivilisation</title>
		<link>http://www.getidan.de/kritik/musik/georg_seesslen/43489/throbbing-gristle-zerstorer-der-zivilisation</link>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 18:57:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Es lohnt sich, die Kunst von Throbbing Gristle wiederzuentdecken: Die Band geht an die Ursprünge der Musik, also dahin, wo es das menschliche Subjekt nicht gibt

Throbbing Gristle „Discipline“ (Brooklyn Masonic Temple 04/16/09) gesehen bei YouTube
Industrial? Ist das nicht diese komische Musik, in der es pockert, hämmert und lärmt, bis die Ohren bluten oder sich der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #800000; font-size: medium;">Es lohnt sich, die Kunst von Throbbing Gristle wiederzuentdecken: Die Band geht an die Ursprünge der Musik, also dahin, wo es das menschliche Subjekt nicht gibt</span></p>
<p><iframe width="500" height="375" src="http://www.youtube.com/embed/whaRxuMhYfI?fs=1&#038;feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p><em>Throbbing Gristle „Discipline“ (Brooklyn Masonic Temple 04/16/09) gesehen bei YouTube</em></p>
<p>Industrial? Ist das nicht diese komische Musik, in der es pockert, hämmert und lärmt, bis die Ohren bluten oder sich der Sound ins Geräuschnirwana verabschiedet hat? Akustischer Terror, so gut wie nie tanzbar und fern der Mühelosigkeit anderer elektronischer Musik? Industrial ist immer Schwerstarbeit und klingt auch so, und Industrial Music ist so ziemlich das Gegenteil von industrieller Musik – die Musik des auch körperlich industrialisierten Menschen. Es gibt sie in einer affirmativen und einer rebellischen Form; Throbbing Gristle gehören definitiv zum rebellischen Segment.</p>
<p>Das Urmodell des industrialisierten Menschen ist die Todesfabrik. Death Factory nennen Throbbing Gristle ihr Atelier, Auschwitz ist ein zentrales Motiv: Wenn andere Bands zu dieser Zeit ihr frivoles Spiel mit Nazi-Symbolen beginnen, Throbbing Gristle meinten es ernst. Ihre Musik und ihre Performances versuchten zu verdeutlichen, dass die industrielle Welt Europas Auschwitz nicht überwunden hat – nur übertont.<span id="more-43489"></span> Folter, Mord und Mechanik kommen in der Musik zusammen, um auf die alten wie die neuen Todesfabriken zu zeigen. Das heißt: Als Musik wird es gar nicht bezeichnet, was TG machen. Nennen wir es akustische Information.</p>
<p><strong>Gebrauchte Tampons und unausstehlicher Lärm</strong></p>
<p>Throbbing Gristle (man darf das als „pulsierenden Knorpel“ oder einfach als „steifen Schwanz“ übersetzen) haben der Industrial Music entscheidende Impulse verliehen; manche behaupten, sie hätten sie erfunden. Als eine Art Konzeptkunst der Pop-Avantgarde oder des Pop-Zerfalls, wie man es nimmt. Der Ursprung der Band liegt in der „Aktionskunstgruppe“ COUM Transmissions (CT), die mit allen medialen Mitteln Punk in die Kunst brachte oder Kunst in den Punk. Das meint die Geste; die Musik war von Anfang an etwas anderes. Zwischen Neo-Dada, Fluxus und Antonin Artaud hieß das Ziel, die Grenzen nicht nur in der Kunst, sondern zwischen Kunst und Leben niederzureißen. Gegründet im Jahr 1969 hatte die Gruppe ihre beste Zeit in den mittleren siebziger Jahren.</p>
<p>Throbbing Gristle waren zunächst nichts anderes als der musikalische Ableger des Kunstprojektes. Dass es sich um eine Einheit handelte, zeigte die Ausstellung unter dem Titel <em>Prostitution</em> im Londoner Institute of Contemporary Arts im Jahr 1976, die die derbe Seite der Sexualität präsentierte und zu einer Debatte über die staatlich finanzierte Kunstszene führte, die mit dem Geld von Königin und Steuerzahler gebrauchte Tampons ausstellte und unausstehlichen Lärm dazu bot. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. <em>Prostitution</em> war die Geburtsstunde von Throbbing Gristle, und nichts konnte die Band so ehren wie der Tory-Politiker Nicholas Fairbairn, der in der hitzigen Kunst-Debatte im Parlament von den Veranstaltern der Ausstellung und den beteiligten Künstlern als „Wreckers of Civilization“ sprach.</p>
<p><em>Wreckers of Civilization</em> wurde der Titel einer Monografie des Kunsthistorikers Simon Ford über die einzigartige Künstlergruppe, die es unternommen hatte, Alltagskultur, Porno, den akustischen und visuellen Dreck der Wirklichkeit zwischen Lust und Brutalität auf die Bühne zu bringen. Damals war man Marcel Duchamps noch näher als dem Orgien-Mysterien-Theater der Wiener Aktionskünstler.</p>
<p>Bei <em>Prostitution</em> handelte sich um nichts anderes als eine Darstellung dessen, was ist – keine Ausflüge in durchgeknallte Fantasien, sondern vielmehr in die sexuelle und in die akustische Alltagswelt. Alles, was <em>Prostitution</em> ausstellte, war Teil des unsichtbaren Teils des Normalen, und alles, was Throbbing Gristle an Lärm produzierte, war Teil des unhörbaren Sounds der Industrie- und Mediengesellschaft.</p>
<p><strong>Kunst als „Schlachtfeld“ der zeitgenössischen Gesellschaft</strong></p>
<p>Skandale pflasterten die Band-Geschichte von Genesis P-Orridge (voc), Cosey Fanni Tutti (git), Peter „Sleazy“ Christopherson (Tapes &amp; Drum Machines) und Chris Carter (Tasten). Sie gaben ihren Konzerten fixe (nicht-musikalische) Vorgaben; so dauerte jeder Auftritt exakt 60 Minuten (beim Ablauf der Zeit wurde einfach der Strom abgestellt). Mit <em>United</em> hatten Throbbing Gristle für Underground-Verhältnisse so etwas wie einen Hit; schließlich waren sie dabei richtiger „Musik“ nähergekommen als je – auf dem Album <em>D.O.A. – The Third and Final Report</em> wurde er fachgerecht zu einer 17-Sekunden-Version demontiert. <em>Death Threat</em> enthält die Beschimpfungen und Drohungen gegenüber der Band auf dem Anrufbeantworter. Alles konnte Throbbing Gristle werden. Das Schlüsselwort für die Künstlergruppe und die Band ist „Information“. Kunst ist hier weder Musik noch Bild an sich, sondern Information, Zeigen/Nicht-Zeigen, Hören/Nicht-Hören als „Schlachtfeld“ der zeitgenössischen Gesellschaft.</p>
<p>Der nächste Schritt war die Gründung eines eigenen Plattenlabels (Industrial Records), das erste unabhängige englische Label, das in den Jahren darauf erstaunlich erfolgreich sein sollte. Hier war im Jahr 1977 auch das erste Album der Band, der <em>2nd Annual Report</em> erschienen; keines der sogenannten Avantgarde-Labels der großen Firmen hatte sich bereit erklärt, die Gruppe unter Vertrag zu nehmen. Das Album war ein Experiment mit neuen Klangformen; man entwickelte Effektgeräte und erweiterte Synthesizer, arbeitete mit Schleifen und Verzerrungen: Die technische und die musikalische Seite gingen zum ersten Mal eine gleichberechtigte Beziehung ein, ebenso wie das Performative und das Textliche. Auch hier ging es darum, Informationen zu geben in einem akustischen Theater der Grausamkeit – über Mordtaten, Vergewaltigungen, Folter, Bürgerkriege, Kastrationen und Faschismus (Bilder von Zyklon-B-Dosen und Konzentrationslagern gehörten dazu wie Nazi-Uniformen, gewiss kein „Kokettieren“ mit dem Faschismus, sondern die direkteste Konfrontation).</p>
<p>Throbbing Gristle waren in den nächsten Jahren enorm produktiv, jedes einzelne Konzert wurde dokumentiert und mindestens in Kassettenform veröffentlicht, denn tatsächlich war eines nie wie das andere. Zur gleichen Zeit wurden LPs in limitierter Auflage veröffentlicht wie Kunst- und Sammlerstücke. Das Projekt Throbbing Gristle sollte am Leben erhalten werden, ohne sich in den Profit- und Medienkarussells zu verlieren. Der Soundtrack zu Derek Jarmans Film <em>In the Shadow of the Sun</em> (1980) wie die Begleitmusik zum eigenen Kurzfilm <em>After Cease To Exist</em> setzten die multimediale Komponente der Band in die Bereiche fort, in denen es um die Verkehrung von Modellen des Gebärens und des Sterbens des industrialisierten Menschen geht; stets hört und sieht man, wie im Kino von David Lynch, das Industrielle und das Körperliche zugleich und in wahrhaft unheimlicher Durchdringung. Was machen die Körper mit den Maschinen?</p>
<p><strong>Befreiung und kulturelle Katastrophe zugleich</strong></p>
<p>Mit <em>20 Jazz Funk Greats</em> lockten Throbbing Gristle ihr Publikum in eine neue Falle. Das klang plötzlich nach Spaß, Musik und Konsum (auf dem Cover sehen TG aus wie eine bedrömmelte Hippie-Band; man musste nur wissen, dass die blühende Wiese an den Klippen von Westbourne, auf der sie sich ablichten ließen, ein Hotspot für Selbstmörder ist) und war doch das Gegenteil – eine akustische Fassade, die durch Brüche und vor allem Texte zerkratzt wird. Throbbing Gristle argumentieren nicht, sie lassen die disparaten Elemente der Weltwahrnehmung aufeinander los. Was passiert, ist immer zugleich Befreiung und kulturelle Katastrophe. Viele TG-Tracks arbeiten daran, diese Dialektik hörbar zu machen. Nichts jedenfalls ist hier selbstverständlich, schon gar nicht, wenn Cosey Fanni Tutti so verzweifelt repetitiv nach „Help from above“ verlangt; sie macht schon deutlich genug, dass da nichts kommt.</p>
<p>Der lustvollen Assimilation von Mensch und Maschine bei Kraftwerk steht bei Throbbing Gristle ein zorniger Aufstand gegen „Propaganda, Manipulation und Kontrolle“ (TG) gegenüber; immer geht es um das Blut und das Metall, die Lust im Schmerz. Die postromantische Schmerz-Geste von, sagen wir, den Einstürzenden Neubauten, ist ihnen fremd. Es gibt diese akustische Verortung des Maschine/Körper-Subjekts nicht, die die deutschen Gruppen (mehr oder weniger erfolgreich) behaupten. Die dezentrale Information soll stattdessen aus dem Monopol der dominanten Medien befreit werden; man setzt sich gegen die soziale Zurichtung, und ein bedeutender Teil davon ist die geschlechtliche Zurichtung, zur Wehr.</p>
<p>Wie man bei David Lynch das Rauschen von Blut und Atem zu hören meint, so hier das Dröhnen und Drängen, das Platzen und Bluten, Sprache, die nach dem Rhythmus wie nach dem Diskurs sucht; akustisches Theater vom Hängenbleiben, im Kreis drehen, nicht weiterwissen. Der Klang ist Fleisch, Schmutz, Müll, Schrott, Nicht-Funktionieren, Öffnen, Kaputtgehen, Wachsen. Throbbing Gristle gehen an die Ursprünge der Musik, an die Ursprünge der symbolischen Ordnungen, wo es das menschliche Subjekt so wenig gibt wie dessen Trennung von der Welt. Genauer gesagt, und das trifft sich wiederum mit dem Programmatischen in der Biopolitik-Musik von Throbbing Gristle und den Nachfolgeprojekten: Das Resultat ist Ausdruck des Trennungsschmerzes, der sich akustisch und in den Performances und Filmen visuell durchsetzt. Zugleich aber ist die Umwelt bereits so erfüllt und aggressiv, dass der Trennungsschmerz nahtlos übergeht in den Verschmelzungsschmerz, und weil beides wiederum auch mit Lust verbunden ist, in Ritual und Fetisch.</p>
<p><strong>Throbbing Gristle ist Geschichte.</strong></p>
<p>1981 trennte sich die Gruppe. Chris Carter und Cosey Fanni Tutti machten als Chris &amp; Cosey weiter, melodiös und poppig, manchmal trügerisch schmeichelnd. Carter war es, der sich um den Back-Katalog kümmerte. Genesis P-Orridge und Peter Christopherson taten sich mit Alex Fergusson zu Psychic TV zusammen, der legitimen Fortsetzung von TG. 2004 kam es für einen Auftritt zu einer Reunion unter dem Motto: Many Happy Returns – A Celebration of Industrial Music in the 21st Century; im folgenden Jahr zu einer weiteren in der Volksbühne in Berlin. Damit begann ein zweites Kapitel von Throbbing Gristle, dessen CD-Dokument <em>Part Two: The Endless Not</em> (2007) ist. 2010 wurde in London nach einem Konzert bekannt, dass Genesis P-Orridge endgültig aussteigen würde. Die drei verbliebenen Originalmitglieder machten noch kurz unter dem Namen X-TG weiter; mit dem Tod von Peter Christopherson war auch das zu Ende.</p>
<p>Seit letztem Jahr wird nun an der digitalen Aufarbeitung der alten Alben und der Hebung verborgener Schätze gearbeitet. Throbbing Gristle ist Geschichte. Und an vielem, was daraus geworden ist, kann man kaum noch erkennen, dass sie mit einer entschiedenen Geste der Revolte begann.</p>
<p><em>Georg Seeßlen (Freitag 04.05.2012)</em></p>
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		<title>Ein Teil der Gesellschaft (zur 13. Architektur-Biennale)</title>
		<link>http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/43499/ein-teil-der-gesellschaft-zur-13-architektur-biennale</link>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 11:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Arend</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Provokateur
Mit der 13. Architektur-Biennale will der britische Architekt David Chipperfield seiner Zunft mehr Gemeinschaftssinn antrainieren
Der italienische Architekt Franco Stella errichtet derzeit im Herzen der deutschen Hauptstadt einen hässlichen Kasten unter dem Tarnnamen Humboldt-Forum. Würde diese seltsame Kreuzung aus Möbelhaus und Hohenzollernburg attraktiver, wenn sich statt seines Urhebers vier weitere Architekten an dem Bau beteiligen würden? [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Provokateur</span></p>
<p><span style="color: #808080;">Mit der 13. Architektur-Biennale will der britische Architekt David Chipperfield seiner Zunft mehr Gemeinschaftssinn antrainieren</span></p>
<div id="attachment_43500" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/David-Chipperfield_300.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43500" title="David Chipperfield_300" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/David-Chipperfield_300.jpg" alt="Architekt der kommenden Gemeinschaft: David Chipperfield kuratiert in diesem Jahr die Architektur-Biennale. Foto: Francesco Galli" width="300" height="450" /></a><p class="wp-caption-text">Architekt der kommenden Gemeinschaft: David Chipperfield kuratiert in diesem Jahr die Architektur-Biennale. Foto: Francesco Galli</p></div>
<p>Der italienische Architekt Franco Stella errichtet derzeit im Herzen der deutschen Hauptstadt einen hässlichen Kasten unter dem Tarnnamen Humboldt-Forum. Würde diese seltsame Kreuzung aus Möbelhaus und Hohenzollernburg attraktiver, wenn sich statt seines Urhebers vier weitere Architekten an dem Bau beteiligen würden? Schwer zu sagen. An der rhetorischen Frage ließe sich aber der Wert der „Provokation“ ermessen, mit der David Chipperfield in diesem Sommer die 13. Architektur-Biennale erschüttern will. Ende August soll es nach seinem Willen in Venedig um den „Common Ground“ gehen.</p>
<p>Die bestechende Idee hat der Ende Dezember zum Kommissar der Schau ernannte britische Star-Architekt bewusst doppeldeutig formuliert. Gemeint ist tatsächlich der reale Gemeinschaftsgrund. So wie man ihn von dem deutschen Wort „Allmende“ kennt. Gemeint ist aber auch die Bereitschaft seiner KollegInnen zum kollektiven Arbeiten. „Architektur bedarf der Zusammenarbeit“ mahnte Chipperfield diese Woche bei Auftritten in Berlin, London und Rom, wo er für seine Biennale warb. Die Architektur kreiere nicht nur Objekte, sondern „einen Teil der Gesellschaft“.</p>
<p>Nach dem Willen des 58-Jährige sollen die Auserkorenen diesmal nicht mit Einzelpräsentationen nach Venedig kommen, sondern Gemeinschaftsprojekte zu entwickeln. Jahrzehntelang sei die Architektur vom Individualismus geprägt gewesen, stöhnte Chipperfield: „Alles was zählte, war der Erfolg des Einzelnen“. Nicht ganz zu Unrecht verspricht er sich eine echte „Provokation“ nicht nur der Ausstellungsgewohnheiten davon, wenigstens einmal das „Gemeinsame in der Architektur“ aus- beziehungsweise herzustellen.</p>
<p>Einen Versuch wert ist die ungewöhnliche Idee allemal. Ob es dem Berliner Neue Galerie-Sanierer aber tatsächlich gelingen wird, nicht gänzlich uneitle Kollegen wie Peter Eisenman, Norman Foster, Zaha Hadid, Hans Kollhoff oder gar einen Künstler wie Thomas Demand binnen drei Monaten auf ein neues, kollektives (Arbeits)-Ethos zu verpflichten, muss sich erst noch zeigen. Auf Dauer bessere Architektur dürfte daraus natürlich erst erwachsen, wenn die Biennale längst vorbei ist.</p>
<p>Vielleicht sollte Chipperfield, um wirklich Nägel mit Köpfen zu machen, direkt einer der eingeladenen Gruppen animieren, eine Alternative für das Berliner Schloss des Grauens zu entwerfen. Es steht schließlich auf gemeinsamem Grund und Boden. Und der Bundesverdienstkreuzträger hatte seine Abneigung gegen den hybriden Bunker in vielen Interviews zu Protokoll gegeben.<span id="more-43499"></span></p>
<p>Auf jeden Fall ist Chipperfields Slogan ein weiteres Indiz für die Renaissance des Kommunitären, die sich überall beobachten lässt. Ob nun zur Rekommunalisierung städtischer Versorgungsbetriebe aufgerufen wird. Ob die gerade zu Ende gegangene Rotterdamer Architektur-Biennale nach der „sozial-integrativen Stadt“ fragt. Oder ob die amerikanische Theoretikerin Naomi Klein schon länger die Commons beschwört –  die gemeinschaftlichen Güter eben.</p>
<p>Ihn interessierten Architekten, hatte Chipperfield kürzlich zu Protokoll gegeben, die sich auf Projekte einließen, „die der Vereinzelung entgegenwirken“. Zusammen mit dem Motto: „Reduce, Reuse, Recycle – Vermeiden, Weiterverwenden, Wiederaufbereiten“, das der Münchener Architekt Muck Petzet als Kommissar für den deutschen Pavillon ausgegeben hat, könnte Architektur-Venedig in diesem Jahr die intellektuellen Umrisse einer rot-grünen Zeitenwende liefern, an der die Politik seit Jahr und Tag erfolglos herumdoktort.</p>
<div id="attachment_43501" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/Hans-Kollhoff_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43501  " title="Hans Kollhoff_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/Hans-Kollhoff_680.jpg" alt="Noch allein im Studio: Der deutsche Architekt Hans Kollhoff. Bild: Prof. Hans Kollhoff Architekten " width="680" height="692" /></a><p class="wp-caption-text">Noch allein im Studio: Der deutsche Architekt Hans Kollhoff. Bild: Prof. Hans Kollhoff Architekten</p></div>
<p>Schade nur, dass die 58 Projekte von 100 Künstlern, die Chipperfield bislang zum großen Work-Together nach Venedig eingeladen hat, sich aus genau dem weißen, westlichen, überwiegend männlichen Club rekrutieren, der die Welt beständig mit seinen Architektur-Solitären und stargerechtem Auftreten beglückt. Zwar stellen sich in diesem Jahr erstmals Angola, Kosovo, Kuwait, Peru und die Türkei mit eigenen Pavillons in den Giardini an der Lagune vor. Doch dass es Chipperfield für seinen Teil der Schau nicht gelungen oder eingefallen ist, Architekten aus China, Indien, Afrika oder Arabien einzuladen, mag man kaum glauben.</p>
<p>Gegen dieses Manko hilft auch die Nominierung des chinesischen „Architekten“ Ai Weiwei nicht. Der zwar ein großer Stifter gemeinschaftlicher Kunstaktionen ist. Aber längst nicht mehr als Architekt arbeitet. Bei aller Liebe zur architektonischen Gemeinschaft à la Chipperfield: Eine postkolonialistische Provokation, wie sie 2002 der Nigerianer Okwui Enwezor der Documenta in Kassel verordnete, täte ihrem venezianischen Ableger vielleicht auch mal ganz gut.</p>
<p><em>Ingo Arend (taz 10.05.2012)</em></p>
<p><em>Bilder: www.labiennale.org</em></p>
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		<title>Larry Marder: Bohnenwelt</title>
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		<pubDate>Thu, 10 May 2012 11:44:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Irgendwas zwischen Documenta und Systemtheorie: Die „Bohnenwelt“-Comics von Larry Marder gibt es nun auch in einer deutschen Ausgabe.
Die Bohnenwelt ist ziemlich schräg, muss man wissen. Denn sonst könnte man ja, als Kau-Lanzer und Kau-Schnapper zum Beispiel, nicht vom legendären Rand in den seichten See springen, durch die vier Grundlagen zu den Hoi Polloi, um ihnen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium; color: #800000;">Irgendwas zwischen Documenta und Systemtheorie: Die „Bohnenwelt“-Comics von Larry Marder gibt es nun auch in einer deutschen Ausgabe.</span></p>
<p>Die Bohnenwelt ist ziemlich schräg, muss man wissen. Denn sonst könnte man ja, als Kau-Lanzer und Kau-Schnapper zum Beispiel, nicht vom legendären Rand in den seichten See springen, durch die vier Grundlagen zu den Hoi Polloi, um ihnen das wertvolle Kau zu rauben und dann am sprichwörtlichen Sandstrand bequem wieder aufzutauchen. Die Bohnenwelt, mit anderen Worten, funktioniert nach ganz eigenen Gesetzen. Sie ist eine Phantasiewelt, in der alles mit allem verbunden ist. Genauer gesagt, mit den Worten ihres Schöpfers Larry Marder: Sie ist gar kein Ort. Sie ist ein Prozess.</p>
<div id="attachment_43463" class="wp-caption alignleft" style="width: 330px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/10.10.10LarryMarderByLuigiNovi.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43463" title="10.10.10LarryMarderByLuigiNovi" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/10.10.10LarryMarderByLuigiNovi.jpg" alt="Comic book creator Larry Marder, at the New York Comic Convention in Manhattan, October 10, 2010 | Photo by Luigi Novi " width="320" height="311" /></a><p class="wp-caption-text">Comic book creator Larry Marder, at the New York Comic Convention in Manhattan, October 10, 2010 | Photo by Luigi Novi</p></div>
<p>Auf den ersten Blick ist das alles ziemlich seltsam und niedlich. Auf den zweiten auch, doch versteht man rasch, worauf es Larry Mader in seinem Comic eigentlich ankommt: Die Bohnenwelt erzählt von einem sich entwickelnden System, das einerseits aus einer Nahrungskette, andererseits aus einer wachsenden Spezialisierung und schließlich der Entwicklung von Kulturtechniken besteht. Am Anfang ist die Musik, dann kommt die Bildende Kunst dazu, Professor Garbonzo in ihrer Bastelhütte ist bereits für Wissenschaft und technischen Fortschritt zuständig. Manche Bohnen sehen über den Rand ihrer Welt hinaus, andere hätten lieber, dass alles so bleibt, wie es ist. Zu ihnen gehört der Held, Mr. Spuk. Und wir meinen mit »Held« nicht »Protagonist«, sondern wirklich »Held«. So wie eine Gesellschaft wie die der Bohnen einen Künstler, einen Wissenschaftler und Musiker, die »Wummer-Band«, braucht, so braucht sie eben auch einen Helden.</p>
<p>Die Frage ist: »Beanworld«, ist das eigentlich ein Kinderbuch? Gezeichnete Systemtheorie (Vorschlag für eine Magisterarbeit: »Entropie im Zeichen von O’Ma’Pa«)? Ein zeichnerisches Mobile-Kunstwerk? Kulturtheorie in Strichen. Hommage und zugleich Widerspruch in Bezug auf »Krazy Kat« und die surreale Welt von Kokomino (zeichnerische Verwandtschaften mit George Herriman sind nicht zu übersehen). Ein selbstreferentiell wachsendes Narrativ. An der Kunstschule jedenfalls setzte sich Larry Marder intensiv mit der Konzeptkunst auseinander. Vereinfacht gesagt geht es dabei darum, dass in der Kunst weder das Material noch die Form, sondern die Idee das Entscheidende ist. Bohnenwelt beginnt als low concept (nach den Worten von Marder), um sich von Episode zu Episode in ein komplexeres System zu verwandeln.</p>
<p>Also noch einmal Bohnenwelt. Im Zentrum steht der Baum O’Ma’Pa, wie der Name schon sagt, der Ursprung und Grund von allem. (So sehen es die Bohnen jedenfalls erst einmal, doch später wird klar, dass auch O’Ma’Pa nichts Absolutes ist, sondern Teil größerer kosmischer Zyklen.) O’Ma’Pa wirft regelmäßig Stummelsprosse ab, die Mr. Spuk mit seinem aus Würmern, nein, aus Nichtwürmern geformten Dreizack auffangen muss. Das mag er, der Stummel­spross, wohingegen es ihn sehr missgelaunt macht, wenn er mehrmals auf den Boden aufprallen muss. Übrigens sprechen Stummel­sprosse in der Bohnenwelt, während O’Ma’Pa schweigt bzw. sich nur durch seine Gaben äußert. (Das war nicht immer so.) Wenn ein Stummelspross gefallen ist, machen sich die Bohnen auf den Weg, den Hoi Polloi das Kau zu stehlen, das ihnen als Geld für ihre endlosen Wettereien dient. Wenn die Bohnen kommen, bilden die Hoi Polloi Ringe um ihr wertvolles Kau, aber die Kau-Lanzer pieken sie so lange, bis die Kau-Schnapper zuschlagen können. Zum Schluss wirft Mr. Spuk, der Held und Anführer der Kau-Lanzer, den Hoi Polloi den Stummelspross zu. Sie bilden dann einen Kreis um ihn, betören und besingen ihn, bis er sich in neues Kau verwandelt. Der Schmerz der Hoi Polloi verwandelt sich in Glück. Man nennt so etwas wohl eine Nahrungskette. Oder Kapitalismus, wie man es nimmt. An Tagen, an denen kein Stummel­spross von O’Ma’Pa fällt, haben die Bohnen einen Rumbummeltag. Irgendwas passiert immer an Rumbummeltagen.</p>
<p style="text-align: center;">____________________________________________________________</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium; color: #800000;">Weder das Material noch die Form, sondern die Idee<br />
ist das Entscheidende in der Kunst.</span></p>
<p style="text-align: center;">_____________________________________________________________</p>
<p>Larry Marder begann in den siebziger Jahren als Art Director in der Werbebranche und war damit so unglücklich, dass er sich eine »innere Welt« schaffen musste, wie er es selber nennt, die sich schließlich zur Bohnenwelt auswuchs. Als seine wichtigsten Vorbilder nennt er neben Jack Kirby, dem Zeichner scharfliniger Gemetzel im Marvel-Universum, den Schöpfer einer malerischen Dinosaurier-Welt, Rudolph Zallinger, Marcel Duchamp (»Nicht der Künstler, sondern der Betrachter bestimmt über das Bild«) und den Outcast-Künstler Henry Darger mit seinem Monumentalwerk »In the Realms of the Unreal«, einem endlos wuchernden, am Ende 15 400 Seiten umfassendes Mal-Zeichen-Werk. Kurzum, es geht um von Systemen, Konzepten und »Welten« besessene Künstler, in deren Reihe sich Marder stellt. Dazu kommen die Kachinas, die Tonpuppen der Hopi-Indianer, mit denen man komplexe Mythen und Geschichte darstellen kann. Larry Marder träumte früh von einem »konzeptuellen Comic«. Als er, um sein Kunststudium zu beenden, ausgedehnte Reisen durch Europa unternahm, besuchte er übrigens auch die Documenta in Kassel. Eine Kunstwelt der eigenen Art. Vielleicht ist die Bohnenwelt eine verrückt gewordene Documenta. Nein, Quatsch, die Documenta ist eine verrückt gewordene Bohnenwelt.</p>
<div id="attachment_43461" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/bohnenwelt_10_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43461" title="bohnenwelt_10_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/bohnenwelt_10_680.jpg" alt="aus &quot;Bohnenwelt&quot;, Larry Marder | Ventil Verlag" width="680" height="740" /></a><p class="wp-caption-text">aus &quot;Bohnenwelt&quot;, Larry Marder | Ventil Verlag</p></div>
<p>Die ersten Teile der »Beanworld« publizierte Marder im Selbstverlag, doch bald wurden immerhin die Aficionados des Mediums darauf aufmerksam. Larry Marder war überdies in der Szene der unabhängigen Comic-Verlage sehr aktiv. Immer ging es ihm um mehr als um den Status eines Autors. Auch in der Bohnenwelt geht es um die Idee der Interaktion, um einen Begriff von Leben, das dem Ideal der Subjekt- und Wettbewerbsgesellschaft widerspricht. Jede Form von Leben bedeutet, von anderen Formen des Lebens abhängig zu sein. Eine »ökologische Romanze, ein Märchen über eine Gruppe von Wesen, die im Zentrum ihrer eigenen perfekten Welt leben und davon besessen sind, ihre Nahrungskette aufrechtzuerhalten« (Marder). Das ist low concept, erst einmal, es gibt in der Tat kaum etwas Einfacheres, und daher sind die bislang vier »Beanworld«-Bücher zu je drei, vier Episoden durchaus als Kinderbuch zu gebrauchen, möglicherweise für eine gemeinsame Lektüre. Das funktioniert, wie es gutes family entertainment eben tut: Für die Kinder sind die abenteuerlichen Geschehnisse, und die einfache Grundstruktur macht dieses Denken der Vernetzung zugänglich, für die Erwachsenen gibt’s unzählige Anspielungen auf Politik, Ökologie und Pop.</p>
<div id="attachment_43462" class="wp-caption aligncenter" style="width: 690px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/bohnenwelt_9_680.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43462" title="bohnenwelt_9_680" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/bohnenwelt_9_680.jpg" alt="aus &quot;Bohnenwelt&quot;, Larry Marder | Ventil Verlag" width="680" height="601" /></a><p class="wp-caption-text">aus &quot;Bohnenwelt&quot;, Larry Marder | Ventil Verlag</p></div>
<p style="text-align: left;">Erzählt wird in einer klassischen Episodenform. Jede dieser Geschichten bringt eine Veränderung in die Bohnenwelt, genauer gesagt: Sie verbindet Elemente in ihr zu neuen Subsystemen, während sich umgekehrt das System der Bohnenwelt mit anderen Systemen verbindet. Die Bohnenwelt ist wohl so etwas wie eine ­Insel, was die relative Autonomie der Bohnenkultur erklärt, aber zugleich ist sie auch verbunden mit allem, was es gibt im Wasser, in der Erde und in der Luft. Und es gibt eine ganze Menge. Das Geheimnis liegt in einer ständigen Veränderung, unter anderem durch einen evo­lutionären Sprung, durch den sich Bohnen in ganz besondere Bohnen verwandeln. Sie nennen es »Ausbruch«. So sehen wir etwa, wie durch ein intensives Kau-Bad (die Bohnen essen das Kau nicht, sondern baden darin) aus einer gewöhnlichen Bohne der Künstler Bohnerich wird, der wiederum durch die Anwendung ­eines bei Professor Garbanzo nicht recht fruchtenden Elements (die vier Grundlagen von Technik, Kunst und Gesellschaft sind als Rohstoffe unter der Bohnenwelt zu finden: Stengel, Kringel, Funkel und Wimpel. Aus Stengeln und Wimpeln, nur zum Beispiel, werden die Speere der Kau-Lanzer. Die Funkel in Zusammenhang mit den Rätselkapseln aus dem All bewirken einen sonderbaren Schwebeeffekt) mit einer geheimen Muse, Göttin oder was auch immer am Himmel in Kontakt treten kann: Lichternis. Transzendenz, Leben oder Imagination – in der Bohnenwelt entwickelt sich alles in weiteren Kreisen weiter.</p>
<p>Larry Marders sprachschöpferischer Witz spielt eine beinahe ebenso wichtige Rolle wie seine Fähigkeit, das einmal geschaffene System phantasievoll zu erweitern, ohne jemals Willkür und »Ungereimtheit« zuzulassen. Wirklich übersetzbar ist die Sprache von Larry Marders Werk wohl nicht, aber bei der Übertragung ins Deutsche waren echte Profis am Werk: Daniela Seel ist Übersetzerin, Lyrikerin, Herausgeberin und Verlegerin, und Dirk Schwieger ist Comicautor, der vor allem für seine gezeichneten Reisedokumente (z.B. »Moresukine« über eine Japan-Reise) bekannt ist. Die Übertragung hat eine ganz eigene Balance zwischen den Polen Einfachkeit und Sophistication geschaffen; besser kann man es bestimmt nicht machen.</p>
<p>Die »Bohnenwelt« ist ein Comic, den man auch als eine Schule des soziostrukturellen Denkens betrachten kann. So sieht man zu, wie sich durch Arbeitsteilung Gesellschaft ausdifferenziert, wie Spezialfähigkeiten zugleich Fortschritt und Problem bedeuten, wie sich in der Bohnen-Gesellschaft Methoden der Kommu­nikation und der Selbstreflexion ausbilden, wie sie Bequemlichkeit und Nachhaltigkeit verbinden müssen, wie verschiedene Fähigkeiten in der Differenzierung einer Gesellschaft miteinander in Konflikt geraten, wie sich das Weltbild eines Kollektivs verändert, wie sich Bild und Sprache entfalten. Aber es ist nicht ein Autor, nicht ein Diskursführer, der diese Prozesse präsentiert, die Bohnenwelt hat vielmehr selbst zu leben begonnen. Sie erzeugt zugleich den Handel, den Krieg, die Religion und die Kunst, und ganz anders als in anderen Comic-Welten herrscht nicht das Prinzip der ewigen Variation, sondern die gezeichnete Welt ist den Hauptsätzen der Thermodynamik unterworfen, was unter anderem bedeutet, dass jede Reaktion unumkehrbar ist. Dass das System die größte Stabilität bei der größtmöglichen Anzahl von Zufälligkeiten hat. Undsoweiter.</p>
<p>Natürlich kann man sich auch einfach an den abenteuerlichen Geschichten der Bohnen freuen, in denen Larry Marder wie der Konzeptkünstler wirkt, der ganz in seiner Idee aufgeht. Er muss nur hier ein bisschen etwas anschubsen, da etwas zusammenbringen, was noch nicht aufeinander gestoßen war, und dort den Blick in eine weitere Dimension des Bohnen-Kosmos zu öffnen, in dem auch die Bohnen nach und nach erkennen müssen, dass sie nicht das Zentrum sind. Sie haben nur mit allem anderen zu tun.</p>
<p><em>Georg Seeßlen (Jungle World, 03.05.2012)</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3931555445/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3931555445" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-43464" title="bohnenwelt-202x300" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/bohnenwelt-202x300.jpg" alt="" width="202" height="300" /></a><strong>Larry Marder: Bohnenwelt.</strong></p>
<p>Aus dem Englischen von Dirk Schwieger und Daniela Seel.<br />
Ventil-Verlag, Mainz 2012, 272 Seiten, 17,90 Euro</p>
<p><em>bei <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3931555445/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&amp;tag=wwwvideotakde-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3931555445" target="_blank">amazon</a> kaufen</em></p>
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		<title>Reibereien</title>
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		<pubDate>Thu, 10 May 2012 11:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guido Rohm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Labyrinth des GR]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen & Blogs]]></category>

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		<description><![CDATA[Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Lachen. An die Toten denken. An die Lebenden. Die Hand nehmen, die sich mir bietet. Schreiben. Sich wie ein Hund im Hof fühlen. Eingesperrt. Tanzen. In die Luft springen. Die Luft sieben. Wörter fangen. Auf eine Seite packen. Riechen. Schnüffeln. Kratzen. Zunge zeigen. Sabbern. Hoffen. Bangen. Schreiben. Beten. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_43452" class="wp-caption aligncenter" style="width: 689px"><a href="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/680-Paragordius_tricuspidatus.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-43452 " title="680-Paragordius_tricuspidatus" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2012/05/680-Paragordius_tricuspidatus.jpg" alt="" width="679" height="342" /></a><p class="wp-caption-text">Phylum Nematomorpha, species Paragordius tricuspidatus</p></div>
<p>Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Lachen. An die Toten denken. An die Lebenden. Die Hand nehmen, die sich mir bietet. Schreiben. Sich wie ein Hund im Hof fühlen. Eingesperrt. Tanzen. In die Luft springen. Die Luft sieben. Wörter fangen. Auf eine Seite packen. Riechen. Schnüffeln. Kratzen. Zunge zeigen. Sabbern. Hoffen. Bangen. Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Den Tag mit einer Lanze aufspießen. Ihn mit mir schleifen. Ihn ausnehmen. Die Innereien untersuchen. Ein kranker Tag. Das Leben ist von Würmern befallen. Die Würmer ins Ohr stecken. Die Sprache der Würmer. Sie reden vom Schreiben, vom Beten, vom Kaffee, vom Lieben, Weinen, Lachen. Ich packe die Würmer auf eine Seite. Ich schreibe mit dem Blut des Wurms. Ich schreibe die Krankengeschichte nieder.<span id="more-43444"></span> Ich packe mich in die Krankengeschichte. Ich bin die Krankengeschichte. Schreiben. Hoffen. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Auf das Ende warten. Zur eigenen Krankheitsgeschichte werden. Zu einer Aktennotiz. Zu einem Vermerk. Zum Teil eines Krankenbettes. Siechen. Hoffen. Der Tod macht keine Ausnahme. Er greift nach meiner kalten Hand. Er nimmt mich. Trägt meinen Namen in sein Buch. Nicht mehr schreiben, nicht mehr hoffen, nicht mehr rauchen, nicht mehr weinen, nicht mehr lachen. Den Kopf heben. Noch bin ich am Leben, also schreibe ich, kacke ich, lache ich, packe ich ins Tintenfass. Tauche meinen Kopf hinein. Lachen. Weinen. Schreiben. Kaffee schlürfen. Rauchen. Warten. Ein Hund im Hof, der den Kopf hebt, der sich kratzt, der Würmer hat, der den Würmern lauscht, der die Worte der Würmer in den Staub schreibt. Ein Hund, der sie anstarrt. Der auf den nächsten Regen wartet, der die Wörter verwischt. Sonne. Hitze. Regen. Schreiben. Warten. Kaffee schlürfen. Sterben. Vorher lieben, die Hand nehmen, die sich mir bietet. Auf einem Hof leben, der abseits liegt, der vergessen wurde. Auf die Geräusche achten, die aus dem Schuppen dringen. Schreie. Lausche den Schreien. Beschreibe das Schreien. Worte, die in den Sand gemalt werden, in den Staub. Bellen. Warten. Anschlagen, heftiger und heftiger. Schreiben. Weinen. Lachen. Kaffee schlürfen. Eine Zigarette rauchen. Geschichten sammeln. Diese und diese. Hier eine. Dort eine. Sie ins Fell packen. Zu den anderen Würmern. Die Sprache der Würmer. Schreiben.</p>
<p><em>Guido Rohm</em></p>
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