Ein Mann der trotzigen Beharrlichkeit

 

„Ihr Arschgeigen!“, brüllte der Mann auf der Bühne und der Satz stand nicht im Text. Der Mann war gerade dabei, als „Ein Yankee an König Artus‘ Hof“ zu sterben und einer der jungen Theaterfreunde im Parkett hatte ihm ein launiges Wort zugerufen. Der Mann war ein junger Schauspieler in einem Ensemble, das damals unter der Leitung von Dieter Wardetzy als eines der Interessanteren in der DDR galt. 1967, Städtische Bühnen Erfurt.

Dass Peter Sodann später, was jetzt auch schon wieder ein Damals ist, auch in Kyritz an der Knatter und in Rothenburg ob der Tauber ein populärer Mann wurde, verdankt er dem Fernsehen, das windkanalgesteten Schönmenschen zu einem Bekanntheitsgrad verhilft, von dem erstklassige Theaterschauspieler häufig nicht einmal träumen dürfen. Bei Peter Sodann war es anders, für ihn schuf das Fernsehen eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit: Die Popularität, die die Bühne heute nicht mehr zu gewähren vermag, gab ihm der Bildschirm zurück.

Dabei, dieser Kommissar Ehrlicher vom Tatort Ost fand Sodann keineswegs am Limit seiner künstlerischen Möglichkeiten. Dafür aber steht diese Figur für die Persönlichkeit des Mannes. Ein wenig rustikal, ein wenig einfach, ein wenig wie der kleine Mann von der Ost-Straße. Und wer daraus falsche Schlüsse zog, etwa im Umgang mit dem Hallenser Intendanten, der hatte ganz, ganz schlechte Karten.

Der eingangs zitierte Satz mit den Musikinstrumenten steht für die dynamische Vitalität des Theaterleiters Peter Sodann, der sein Hallenser Haus zu einer festen Burg ausmauerte.

Im Erfurter Haus hatte ein junger Bühnenarbeiter manch schöne Nacht erlebt, viel Bier und viel Gedöns. Aber irgendwann hat er mir eine solche Nacht versaut. Dieser Typ, ein junger Schauspieler, spielte die großen Rollen und er war der einzige Künstler, der das Theater vom Schnürboden bis zum Heizungskeller kannte. Dieses Gequatsche, sagte er, sei ja nun sehr schön und Spaß mache es auch. Aber es sei doch so: Morgen Abend stehe er wieder als Schauspieler auf der Bühne. „Und du, du stellst mir die Kulissen hin.“ Und wenn ich so weitermachte, dann bliebe das so, für immer. Und irgendwann wäre das nicht mehr so chic wie heute.

Ich will nicht sagen, dass es allein diese Nacht war, die mein Leben damals verändert hat. Aber sie war es auch und ich habe es ihm nie vergessen.

Deshalb hat mich die spätere Karriere von Peter Sodann immer besonders gefreut, dem Theatererzwinger in Halle. Und dann die Bibliothek der im deutschen Osten von 1945 bis 1990 erschienenen Literatur, für die er einige Unruhe in den Flecken Staucha brachte. Diese Bibliothek der DDR-Literatur wäre wohl von etwas anderer Art. Eine Art Museum, der DDR-Literatur, aber auch eines des Bürgerwillens, der Bürgerkraft. Ein Museum der Beharrlichkeit. Der Beharrlichkeit eines trotzigen Mannes, der immer wieder betont, er lasse sich sein Leben in der DDR nicht wegnehmen, obgleich Stasi und Gefängnis Teil dieses Lebens waren, auch für ihn. Und ein Museum für all jene, die mit Beharrlichkeit darauf bestehen, auch vor dem 3. Oktober 1990 gelebt zu haben.

Wenn er sich nicht mehr querlegen kann, dann legt er sich wohl hin. Sodann ist in seiner Betrachtung der Welt von sozusagen schlichter Geradlinigkeit, Differenzierung ist seine Sache nicht. Das zeigte sich auch, als er 2009 für das Amt des Bundespräsidenten kandierte. Er hatte, was gut war, nie eine Chance, es zu werden, auch das war ein Statement des Beharrens auf seinem Leben.

Die Arschgeigen nehme ich zurück“, sagte der Schauspieler, damals, nach der Vorstellung, die ungestört zu Ende ging. Indessen, es darf als sicher gelten, dass auch dem Achtzigjährigen derlei Text noch immer geläufig ist.

Henryk Goldberg

erschienen in TA 01-06-16

Bild: Peter Sodann nach einer Lesung aus seiner Autobiographie „Keine halben Sachen“ im Wormser Café Aqua / CC BY-SA 3.0 / Author: Peter_Sodann_Worms.jpg: de:Benutzer:Smalltown Boy / Original uploader was Smalltown Boy at de.wikipedia / derivative work: Sir James (talk)

 

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