Lee van Cleef


Nie eine Kugel vergeuden und kein Wort

Lee van Cleef (1925 – 1989)

VonMannzuMann

Lee van Cleef (Da uomo a uomo, 1967)

Was wäre das Gute ohne das Böse? Was der Held ohne (s)einen Schurken? Für eine Kolumne, die „Blutige Ernte“ einzufahren verspricht, ist er ein würdiger Kandidat, auch wenn er nie einen Kriminalroman schrieb, sondern seine Berufung als Schauspieler fand. Lee van Cleef, 1925 auf einer Farm im amerikanischen Bundesstaat New Jersey geboren, ist jetzt 20 Jahre tot. Er starb am 16. Dezember 1989, seine Filmpräsenz wird uns bleiben. Er war ein echter „Heavy“, ein Gegenspieler – als Outlaw, Kopfgeldjäger, Revolverheld, Verbrecher, schuldbeladener Rächer, stoischer Einzelgänger, Fatalist. Er stand nie richtig im Mittelpunkt, es gibt nur spärliche Informationen über ihn. „Ein kluger Mann hält sich auf Distanz“, sagt er als „Sabata“. Nie eine Kugel vergeuden und keinen Satz, das war seine Devise.

Was wird heute geballert, bei Bruce Willis oder James Bond, welch Dauerschwafeln gilt als chic, etwa in Tarantinofilmchen? Die Dialoge Lee van Cleefs kann man meist an zehn Fingern abzählen. Dafür sprechen seine Körperhaltung, seine schmalen Augen und der skeptische Mund. Er hat Leinwandpräsenz, man folgt jeder Regung und Bewegung.

„Man nannte ihn das Gesicht“, erzählte Thomas Milan von den Dreharbeiten zu „Der Tod ritt Dienstag“ (1967). Lee van Cleef wird darin zum Lehrmeister eines jungen Mannes, der die Mörder seines Vaters sucht und tötet, bis am Ende klar wird, dass auch van Cleef damals zu den Killern gehört hat. Nun hat er selbst den Jungen im Töten geschult, bis der so gut ist, es mit ihm aufzunehmen und sich die Rache redlich verdienen zu können.

Augenhöhe, Respekt und Fairness, den genauen Unterschied zwischen Schlitzohr und Schweinehund zu kennen, für Werte ins Gras zu beißen, die einer heute untergegangenen Welt angehören, das ist der Kosmos der Lee van Cleef-Filme. Viele von ihnen sind, ehrlich gesagt, ziemlicher Schrott.  Kaum mehr als eine Handvoll der über 80 Filme, in denen er spielte, hat die Ewigkeit verdient. Sein erster Filmauftritt war in der Titelsequenz von „Zwölf Uhr Mittags“, Produzent Stanley Kramer hatte ihn wegen seiner gefährlich geschlitzten Augen besetzt und erfolglos verlangt, dass der gelernte Buchhalter sich die Habichtsnase operieren lassen sollte. Gangster und Bösewicht waren seine ersten Rollen, auch der Film Noir „Geheimring 99“ (The Big Combo, 1954) war dabei, ein richtiger Durchbruch aber blieb aus. Lee van Cleef war arbeitslos, als der italienische Regisseur Sergio Leone auf ein Foto von ihm stieß und ihn aufspüren ließ. „Er sah aus wie ein zerrupfter alter Adler“, beschrieb ihn Leone, „er war genau der Richtige für die Rolle.“ Die Rolle, das war der schweigsame Kopfgeldjäger Colonel Mortimer, Lee Marvin war eigentlich für ihn vorgesehen, aber er konnte nicht. So geriet Lee van Cleef nach Europa, wurde in „Für ein paar Dollar mehr“ zum Widersacher von Clint Eastwood. Der hatte für eine Gage von 15 000 Dollar im Low-Budget-Film „Für eine Handvoll Dollar“ dem Italo-Western ein Gesicht gegeben. Jetzt war die Fortsetzung fällig – und Lee van Cleef sorgte als Clints enigmatischer Gegenspieler mit Hut und Dreiteiler, Reitstiefeln und elegantem Mantel für neue Akzente. Wenn er seine Satteldecke mit einem schnellen Griff öffnete, entrollte sich ein Arsenal an langläufigen Revolvern und Scharfschützengewehren. Ein Profi, ein Mann mit Vergangenheit und Prinzipien war da am Werk. Einer, der nie eine Kugel vergeudet und nie einen Satz.

Sentenza, italienisch für Satz, hieß er dann auch in der 180-minütigen Originalfassung des dritten Leone-Westerns „Il buono, il bruto, il cattivo“, der bei uns mit verstümmelten 156 Minuten und als „Zwei glorreiche Halunken“ ins Kino kam, wobei auch Eli Wallach zu den drei Titelhelden gehört. In „Spiel mir das Lied vom Tod“ sollten es eigentlich dann genau diese drei Halunken sein, die gleich in der Eröffnungssequenz von Charles Bronson auf der Bahnstation erschossen werden. Lee van Cleef und Eli Wallach hätten bei dieser Form von Sergio Leone-Humor mitgemacht, Clint Eastwood aber „gefiel das Drehbuch nicht“, wie er später bekannte. Nach drei Italo-Western ging der, ein ganzes Stück bekannter und berühmter, wieder in die USA zurück. Lee van Cleef blieb in Europa. Ihm gefielen die bunt zusammen gewürfelten Filmteams, die in der staubigen spanischen Provinz Almeria billige Western drehten. Sein markantes Gesicht und seine Präsenz werteten mehr als ein gutes Dutzend eher mittelmäßiger Filme auf. Bei kaum einem anderen Mann sehen eine Uhrkette, ein Schnurbart oder ein gekreuzter Pistolengurt so wenig lächerlich aus. Der Anker auf seinem Unterarm übrigens stammt aus seiner Zeit bei der US-Marine im Zweiten Weltkrieg. Manchmal sieht man auch, dass ihm der Mittelfinger der rechten Hand fehlt. Dies ist die Folge eines Unfalls mit der Kreissäge –  ich weiß das aus einem mehr als anständigen Buch, dem einzigen weit und breit, das versucht, das Andenken an Lee van Cleef hochzuhalten:

lee van Mona Mahmoud/Reinhard Weber: Lee van Cleef. Eine Bio- und Filmografie

erschienen im Reinhard Weber Fachverlag für Filmliteratur Landshut, 26 Euro

Es ist ein kleines Juwel, viele verstreute Informationen sind darin zusammengetragen.

Heute übrigens kann man viel klarer sehen, dass die Italo-Western Sergio Leones so etwas wie der Beginn der Computerspiele waren – mit dem prägnanten Soundtrack von Enno Morricone, der die stilisierte Action begleitet, mit den Sequenzen, die man wieder und wieder schauen kann. Und ebenso verblüffend ist, wie modern und prophetisch der Italo-Western die Gier nach Geld in all ihrer Schäbigkeit variierte. In „Sabata“ kassiert Lee van Cleef jede Prämie, der er nur bekommen kann, auch das auf seinen eigenen Kopf ausgesetzte Geld ergaunert er wie einen ihm selbstverständlich zustehenden Bonus. Der große Dichter Alberto Moravia beschrieb das 1967 so: „Es gibt keinen Westen in Italien, keine Cowboys und keine Banditen an der Grenze zur Wildnis, keine Wildnis sowieso, keine Goldminen oder Indianer oder Pioniere. Der italienische Western ist ein Mythos über einen Mythos, das dominante Thema dabei ist der Kampf um Geld. Das ist alles. Und das kontrastiert mit den großen Settings und dem epischen Ton des Westerngenres. So fragt man sich wieder und wieder: Nach all diesen Geschichten – was bleibt da am Ende? Nur eine Handvoll Dollar? Oder ist da mehr?“




Meine Lieblingsfilme mit Lee van Cleef:

paar dollar mehrFür ein paar Dollar mehr (1965)





halunkenZwei glorreiche Halunken (1966)





Der Tod ritt Dienstag (1967)

El Condor (1970)

Barquero (1970) – als Fährmann

mataloMatalo (1971)





Und die TV-Serie „Der Ninja-Meister“ (The Master, USA 1984, 12 x 45 Min.)


Autor: Alf Mayer

Krimi-Kolumne: Blutige Ernte

Text geschrieben 12/ 2009

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