Kotzbrocken & Charmebolzen
Jack Nicholson zu Ehren
Er hat die verführerischste Art, fies zu sein. Oder die fieseste Art, verführerisch zu sein. Wie man es nimmt. Jedenfalls ist diese Jack Nicholson-Mischung aus Kotzbrocken und Charmebolzen ebenso unnachahmlich wie unwiderstehlich. Und wie geschaffen für das Kino, das, wie wir wissen, eine Kunst des Widersprüchlichen und Zweideutigen ist.
Jack Nicholson begann seine Karriere, wie viele Vertreter des New Hollywood in den siebziger Jahren beim König der B-Movies, Roger Corman, und spielte in Perlen des Trashfilms wie „Little Shop of Horrors” (der später als schräges Musical nachgedreht wurde) oder „The Raven”, an der Seite von Boris Karloff und Peter Lorre.
Immer war er da der rundköpfige, naive Jüngling, der mit dem, was um ihn herum vorging, eigentlich gründlich überfordert war. Ihm blieb nur ein staunendes Grinsen; es ähnelte dem Grinsen, das wir selber im Gesicht hatten, damals in den Grindhouse-Mitternachtsvorstellungen.In denen waren dann auch die beiden absurden, existentialistischen Western zu sehen, die der Regisseur Monte Hellman mit Jack Nicholson drehte. Es ging um Menschen in der Wüste, die einander umbringen aber wohl selber nicht genau wissen warum. Und da war Nicholson: Ein unsicherer, linkischer junger Mann. Und ein Mörder.
Richtig bekannt wurde Jack Nicholson auch durch „Easy Rider” nicht. Er war der Kerl, den die beiden Helden, Peter Fonda und Dennis Hopper, ein Stück auf ihrem Weg durch Amerika mitnehmen. Ein Bürger, der gern ein Hippie wäre. Aber komisch, je öfter man den Film ansah, und man sah ihn damals verdammt oft an, desto mehr verblassten die Helden im Vordergrund, und desto mehr beschäftigte einen dieser dritte Mann.
Eigentlich wäre Jack Nicholson zu dieser Zeit ohnehin lieber Regisseur geworden, genauer gesagt ein Autorenfilmer, 1970 machte er „Drive He Said”, eine merkwürdige Mischung aus allerlei Stilen und Motiven, vielleicht eine Satire auf den Hochschulbetrieb und seinen Sportfetischismus. Bravo, Jack! Aber leider reichte es nur zu einem Achtungserfolg.
New Hollywood wurde sowieso vom Kommerz wieder verschluckt. Und Jack Nicholson feierte seinen ersten grandiosen Triumph in einem Genrefilm, Roman Polanskis „Chinatown” (1973) als Privatdetektiv J.J. Gittes, der einen Großteil der Handlung mit einem Pflaster über der aufgeschlitzten Nase herumlief. Was nur einerseits ein genialer Regieeinfall war. Andrerseits hatte sich Nicholson tatsächlich verletzt.
Im nächsten Jahr kam Michelangelo Antonionis „Professione: Reporter”. Ein Skandal, wegen Jack Nicholsons Liebesszenen mit der schönen Maria Schneider. Und weil eben wegen dieser so viele Leute ins Kino gingen, und ein paar auch schon einzig und allein wegen Jack Nicholson, die mit dem filmischen Existentialismus des italienischen Regisseurs ganz und gar nichts anfangen konnten.
Mit „Einer flog übers Kuckucksnest” erreichte Jack Nicholson 1975 erst einmal einen Höhepunkt seiner Karriere. Seitdem gilt, das ein Schauspieler, der einen Oscar haben will, irgendwas mit geistiger Behinderung spielen sollte. Nicholson bekam seinen Oscar und spielte in den kommenden Jahren in allerlei Großfilmen, was ihn nur teilweise zufrieden machte. Aber er hatte zu dieser Zeit ja auch genug mit reichlich Sex und Drogen und ein wenig sogar mit Rock’n'Roll zu tun. Nein, Everybody’s Darling war Jack Nicholson auch jetzt nicht, wo er zu den Kassenmagneten des gehobenen Hollywoodkinos gehörte.
Um nicht vor Langeweile zu sterben, machte Jack Nicholson dreierlei. Er pflegte ein Talent zur Selbstparodie und machte damit ein paar wunderschöne Komödien. Er drehte zwei weitere Filme als Regisseur, den komödiantischen Western „Der Galgenstrick” und eine Fortsetzung zu „Chinatown”. Zumindest letztere ist es wert, genauer angeschaut zu werden. Jack Nicholson hat unzweifelhaft ein großes Talent für die Regie. Und ein Gespür für die Abgründe seiner Figur. Aber was hilft’s: Der erste Film ging an der Kinokasse so-so, der zweite wurde zum finanzielles Desaster.
Blieb das dritte. Jack Nicholson machte als Schauspieler ein paar Filme, die so groß waren, dass man Hollywood vergaß, ihn bloß als „Typ” zu sehen. Darunter war Stanley Kubricks Version von Stephen Kings „Shining”: Nicholson als alkoholkranker Schriftsteller mit Schreibblockade, der in der Einsamkeit eines Berghotels zur tödlichen Bedrohung für seine kleine Familie wird. Nicholson „übertreibt”, er spielt nicht nach den Regeln des psychologischen Realismus, und Kubrick verpasst ihm überdies eine dämonische Beleuchtung, die ihn wie eine expressive Monstergestalt erscheinen lässt. Stephen King konnte den Film nicht ausstehen. Aber genau damit beschreibt Nicholson so präzis die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit. Er ist nur einerseits wieder bei seinen Anfängen, wie in einem Roger Corman-Horrorfilm, andererseits aber ist er auch in einem filmischen Essay über Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Wie sich der Kleinbürger in ein Monster verwandelt. Wie er sich selber, ganz Nietzscheanisch, zum Abgrund wird, in den er gefahrlos nicht blicken darf.
Genau das ist Jack Nicholson: Der Bürger, der kein Rebell werden kann, und der deshalb zum Gespenst wird. Übrigens nicht weil ihm die Energie zum Rebell fehlte, im Gegenteil, davon gibt es mehr als genug. Sondern weil ihm das Gegenüber, das Objekt der Rebellion fehlt. Der Jack Nicholson-Charakter, mal in der dramatischen, mal in der komischen Form, hat einen tiefen Zorn in sich, aber er weiß nicht, gegen wen sich dieser Zorn richten soll. Daher richtet er ihn oft gegen sich selbst. So ist das auch, wenn er den Zyniker spielt. Er macht gemeine Witze über andere Menschen, politisch korrekt sind die ohnehin nie. Aber am Ende trifft der eigene Sarkasmus ihn selber am meisten. Deswegen wünschen wir uns oft so etwas wie eine Erlösung für den Jack Nicholson-Charakter, und in den freundlicheren Komödien bekommen wir sie auch.
Nicht so in den schweren, grandiosen Altersrollen. Zweimal spielt Nicholson unter der Regie seines jungen Schauspielerkollegen Sean Penn, und beide Filme sind groß. Das eine mal ist er ein Vater, der dem Mann, der sein Kind bei einem Unfall getötet hat, bittere Rache schwört und sein ganzes Leben darauf ausrichtet, ihn nach der Entlassung aus dem Gefängnis zu stellen. Das andere mal ist er, nach Dürrenmatts berühmten Roman „Das Versprechen”, der Polizist, der den Eltern eines ermordeten Kindes bei seiner Seele verspricht, den Täter zu finden. Und auch dieser Polizist geht ganz in dieser Aufgabe auf – und geht an ihr seelisch wie körperlich zugrunde. Wenn wir Jack Nicholson beim Kaputtgehen zuschauen, dann hat das nichts Dekoratives mehr an sich.
So sehen wir ihn in „About Schmidt” als Rentner, der gerade seine Frau verloren hat, in einem Wohnmobil durch Amerika fahren (denkwürdige Umkehr der Reise der „Easy Riders”), verdammt einsam (und alles genau falsch machend bei den Versuchen, seine Einsamkeit zu überwinden). Seine große Lebensbeichte legt er in Briefen an einen afrikanischen Jungen ab, der sie vermutlich nicht einmal erhält, geschweige denn verstehen könnte. Am Ende sehen wir Schmidt weinen, und das kommt so wuchtig und schmerzhaft, weil es eben Jack Nicholson ist, dieser zynische Klotzkopf, den wir so viel mit Sex und so wenig mit Liebe in Beziehung gebracht haben, der so eiskalt und rotzfrech durchs Leben zu gehen schien, oder wenigstens besessen und der so überirdisch bösartig und dabei tragisch sein kann wie der alte Gangsterkönig in Martin Scorseses „The Departed”. Jack Nicholson, der lakonische, neurotische Bastard. Der seinen Charme und sein Grinsen einsetzt wie die Mischung aus einem Oberteufel, einem Don Juan und einem Gebrauchtwagenhändler. Jack Nicholson, der sich immer selbst am nächsten war, und der den amerikanischen Traum entweder durch Gewalt ruinierte oder durch Tücke erfüllte. Nicholson, dem wir so gern dabei zusahen, wie er eine um die andere Niederlage einsteckt, und immer noch grinst. Und sich immer noch nichts sagen lässt. Jack Nicholson, dieser wandelnde Widerspruch aus Erkenntnis und Torheit, Begierde und Zweifel. Der Kerl, der nicht verlieren kann, weil er schon lange weiß, dass er nicht gewinnen wird. Jack Nicholson, der seine Ticks und Neurosen pflegt, ein wandelnder Manierismus und zugleich die Parodie darauf. Jack Nicholson, der bei alledem immer noch staunen kann. Dieser verbeulte Mann, der noch seine eigene emotionale Verkümmerung in einen Verführungstrick ummünzt. Jack Nicholson, der immer ein naiver Jüngling mit der Möglichkeit des Mörders in sich geblieben ist, dem wir, so gern wie kaum einem anderen, beim alt werden zugesehen haben. Der verführerischste Fiesling und fieseste Verführer.
Jack Nicholson sitzt da und heult. Was ist da noch zu sagen?
Autor: Georg Seesslen
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