Kein Zuhause für Toni Erdmann & Co.

Ein trauriger Blick auf die deutsche Kino-Provinz und die Popcorn-Ideologie

Film-Deutschland feiert sich wegen „Toni Erdmann, sicher nicht zu unrecht. Maren Ades tragikomischer Generationenfilm im Zeitalter von Neoliberalismus und Globalisierung wird von Kritik wie Publikum gemocht. Bahnt sich da eine deutsche Kino-Renaissance an? Immerhin hat der von einer kleinen, unabhängigen Berliner Produktionsfirma, gepäppelt von Förderern und Sendern aus Deutschland und Österreich, nach am Start am 14. Juli innerhalb einer Woche die magische Grenze von 100.000 Zuschauern übersprungen und führt seit Wochen die Arthouse-Charts der Republik an.

Doch an Deutschlands Kino-Provinz geht dieser Erfolg weitgehend spurlos vorbei. Nehmen wir den linken Niederrhein als Beispiel. Die Kinos in Krefeld oder Mönchengladbach – nach der Einwohnerzahl gerechnet sind das durchaus Großstädte – ignorieren „Toni Erdmann“. Wer Sandra Hüller als coole Businesslady oder Peter Simonischek als vereinsamten Vater erleben will, der nimmt am besten den Zug. Nach Düsseldorf oder noch weiter nach Duisburg und Essen.

Auch „Toni Erdmann“ kann den Riss nicht kitten, der seit Jahren durch Deutschlands Kinolandschaft geht. Jeder Hollywood-Blockbuster erreicht todsicher die letzten Winkel der Provinz, wie aktuell Paul Feigs gender-gewendetes Remake von „Ghostbusters“ beweist. Die vielen Fälle, in denen sich diese Filme als millionenschwere Verschwendung von Zeit und Geld entpuppen, ändern daran offenbar nichts. Für deutsche Filme, wenn sie denn nicht ewigpubertierende Action-Komödien der Herren Schweigerhallervordenschweighöfer sind, sieht es dagegen zappenduster aus.

Glaubt man einem in diesen Tagen veröffentlichten Interview mit einem Kinobesitzer vom Niederrhein, dann stellt sich die Seinsfrage im Kino ganz anders. Die Entscheidung zwischen Kunst und Kommerz lässt sich banal übersetzen in Snack oder kein Snack. Allein der Popcorn-Konsum – es dürfen auch Nachos oder Cola sein – zählt, wenn man der Logik des Frank Janssen aus Kempen folgt. Der 55-jährige Kinobetreiber in vier Städten, von der lokalen Rheinischen Post ehrfürchtig als „Kino-Macher“ tituliert, befindet bündig: „Kein Kino in Deutschland könnte sich ohne den Verkauf von Essen und Trinken noch halten. Man braucht eine starke Theke.“

Wir haben es immer gewusst, aber so brutal-ehrlich hat es kaum ein Kinobesitzer ausgesprochen. Noch dazu einer aus der fünften Generation. Was auf der Leinwand läuft, ist eigentlich nebensächlich. Wichtig ist, dass spektakuläre 3-D-Bilder, vielkanalige Dolby Atmos und eine apokalyptische Story unbewusst die Lust auf Konsum wecken. Popcorn-Eimer und neue Projektionstechnik garantieren ein nachhaltigeres Erlebnis als der Film. Eine klassische Verkehrung von Haupt- und Nebensache.

Schizophren wird die Argumentation, wenn Janssen beteuert: „Klar ist, dass wir ein Popcorn-Kino sind und bleiben“. Im nächsten Atemzug verspricht er aber auch, einem anderen Publikum Programm anbieten zu wollen. „Nur wenn wir Alt und Jung ins Kino bekommen, haben wir langfristig eine Zukunft“. Dieser Satz erinnert in verkehrter Form verdächtig an die Beteuerungen der Manager der Programm-Dinosaurier ARD und ZDF. Die beschwören jedes Jahr aufs Neue die Verjüngung des Programms, wollen aber nicht ihr altes Stammpublikum vergraulen. Und regelmäßig scheitern sie an der Quadratur dieses Kreises.

Die Kinobesitzer operieren auf einem anderen, übersichtlicheren Feld. Sie hätten es in der Hand, abseits ihrer von Popcorn & Cola verseuchten Häuser unabhängige Linien zu pflegen. Allein – die Praxis ist eine andere. In Rheydt – seit ein paar Jahrzehnten ein ungeliebtes Anhängsel von Mönchengladbach – schließt das „Atlantis“-Kino mit der Sommerpause dauerhaft. Damit ist das letzte Kino in dieser Kommune Geschichte. Die Janssen-Kinobetriebe haben auf Nachfrage schon mal abgewinkt. Kein Interesse an einem Haus, das heftige Renovierungen erfordert, das aber mit einer einzigen Leinwand in den Augen von Investoren mutmaßlich als hoffnungslos unwirtschaftlich gilt.

Schlechte Aussichten also für „Toni Erdmann“ und dessen Film-Erben. Sie werden in diesen Regionen kein Zuhause mehr finden. Von Liebhaberkinos wie in Oelde oder Kulturhäusern wie in der Bonner Brotfabrik mal abgesehen. Die werden dann von der NRW-Filmstiftung einmal im Jahr pflichtschuldig mit Programm-Prämien bedacht. Ihre Betreiber werden als „Stars hinter dem Projektor“ verbal gefeiert. Zugleich werden diese Kino-Enthusiasten bei der Preisverleihung aber von einem Schwarm deutscher Kino-Semiprominenz eingekesselt und in den Hintergrund gedrängt. Aber das ist wieder eine andere traurige Geschichte aus dem deutschen Kino.

Michael André

Bild oben: © Komplizen Film

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Ein Gedanke zu „;Kein Zuhause für Toni Erdmann & Co.

  1. Dein Blick auf das “teuflische” popcornkino ist genauso arrogant, wie maren ades blick auf die berufsgruppen einer sandra hüller. mit dieser künstlerischen arroganz bringt man keine leute in die kinos!

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