Petroleum, Petroleum (1903, Gustav Meyrink)

18.06.2010: Die Bohrinsel Deepwater Horizon war am 20. April explodiert und dann gesunken. Seitdem strömen täglich etwa 9,5 Millionen Liter Öl aus dem  Bohrloch in 1500 Metern Tiefe. Sieben Milliarden Liter Öl sollen sich in der Quelle befinden, schätzt BP-Chef Tony Hayward. Damit würde die Quelle noch immer 94 bis 97 Prozent ihres Öl enthalten. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der das Öl derzeit austritt, würde es zwei bis vier Jahre dauern, bis die Gesamtmenge ins Meer geflossen ist.

Im Jahr 1903 schrieb Gustav Meyrink in einer Novelle: „Wenn das Erdöl in dem Maße weiterströmt, wie bisher, so werden meiner Berechnung nach in 27 – 29 Wochen sämtliche Ozeane der Erde davon bedeckt sein und ein Regen in Zukunft für immer ausbleiben, da kein Wasser mehr verdunsten kann, – im besten Falle wird es dann nur Petroleum regnen.“

Diese frivole Prophezeiung rief eine stürmische Mißbilligung wach, gewann aber täglich an Wahrscheinlichkeit, und als die unsichtbaren Zuflüsse gar nicht versiegen wollten, – im Gegenteil, sich ganz außerordentlich zu vergrößern schienen, befiel ein panisches Entsetzen die gesamte Menschheit.

hier lesen: Gustav Meyrink Novelle „Petroleum, Petroleum“ aus: Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Petroleum, Petroleum

Um mir die Priorität dieser Prophezeihung zu sichern, stelle ich fest, daß folgende Novelle im Jahre 1903 geschrieben wurde. Gustav Meyrink

Freitag – mittags – war es, da schüttete Dr. Kunibald Jessegrim die Strychninlösung langsam in den Bach. Ein Fisch tauchte an die Oberfläche – tot – mit dem Bauche aufwärts. “So tot wärest du jetzt”, sprach Jessegrimm zu sich selber und reckte sich, – froh, daß er die Selbstmordgedanken mit dem Gifte weggegossen hatte.

Dreimal in seinem Dasein hatte er auf diese Weise schon dem Tode ins Auge gesehen, und jedesmal war er durch eine dumpfe Ahnung, daß er noch zu Großem – zu einer wilden, umfassenden Rache – berufen sei, wieder an das Leben gefesselt worden. Das erstemal wollte er ein Ende machen, als man ihm seine Erfindung gestohlen hatte, – dann nach Jahren, wie sie ihn aus seiner Stellung jagten, weil er nicht aufhörte, den Dieb seiner Erfindung zu verfolgen und bloßzustellen, – und jetzt, weil – – weil – – Kunibald Jessegrim stöhnte auf, wie die Gedanken an sein wildes Weh wieder lebendig wurden. – Alles war dahin, – alles an dem er gehangen, – alles, was ihm einst lieb und teuer gewesen. – Und nur der blinde, bornierte, grundlose Haß einer Menge, die, von Schlagworten beseelt, allem sich entgegenstemmt, was nicht in die Schablone geboren ist, hatte ihm das angetan. – Was hatte er nicht alles unternommen, erdacht und vorgeschlagen. Kaum im Zuge, mußte er aufhören – vor ihm die “chinesische Mauer”: der lieben Menschen breitgestirnte Schar und das Schlagwort “aber”. – – – “Gottesgeißel” – ja, so heißt die Erlösung. – Herr im Himmel, Allmächtiger. Laß mich ein Zerstörer sein, – ein Attila! – loderte die Wut in Jessegrims Herzen.

– Timur Lenk, der Dschingis-Khan, wie er durch Asien hinkt und Europas Fluren verwüstet mit seinem gelben Mongolenheer, – die Vandalenführer, die erst auf dem Schutte römischer Kunst die Ruhe finden, – sie alle waren von seinem Geschlecht – starke, ungeschlachte Brüder, in einem Adlernest geboren. – Eine ungeheure, schrankenlose Liebe zu diesen Geschöpfen des Gottes Shiva erwachte in ihm. – Die Geister dieser Toten werden mit mir sein, fühlte er, – und ein anderer Typus trat in seinem Körper – blitzartig. Wenn er sich in diesem Augenblick hätte in einem Spiegel sehen können, wären ihm die Wunder der Transfiguration kein Rätsel mehr geblieben.

– – So fallen die dunklen Mächte der Natur ins Blut des Menschen – tief und schnell. Dr. Jessegrim besaß ein profundes Wissen, – er war Chemiker, und sich durchzubringen, fiel ihm nicht schwer. – In Amerika kommen solche Menschen gut fort, – was Wunder, daß auch er bald zu Geld kam, – Reichtümern sogar. Er hatte sich in Tampiko in Mexiko angesiedelt und durch einen schwunghaften Handel mit Meskal, einem neuen narkotischen Genuß- und Betäubungsmittel, das er chemisch zu präparieren verstand, Millionen erworben. Viele Quadratmeilen Ländereien im Umkreise Tampikos waren sein Eigen, und der enorme Reichtum an Petroleumquellen versprach sein Vermögen ins Ungezählte zu vermehren. Doch das war es nicht, wonach sein Herz sich sehnte. Neujahr zog ins Land. – ‘Morgen wird der 1. Januar 1951 sein, und die faulen Kreolen werden wieder einen Anlaß haben, drei Feiertage lang sich zu betrinken und Fandango zu tanzen’, dachte Dr. Jessegrim und sah von seinem Balkon auf das stille Meer hinab. Und in Europa wird’s nicht viel besser sein. Jetzt um diese Zeit erscheinen in Österreich schon die ‘Tagesblätter’ – zweimal dicker als sonst und viermal so dumm. Das neue Jahr als nackter Junge abgebildet, frische Kalender mit schwebenden Frauen und Füllhörnern, statistische Merkwürdigkeiten: daß am Dienstag 11 Uhr 35 Minuten 16 Sekunden mittags genau 9 Milliarden Sekunden verflossen seien, seit der Erfinder der doppelten Buchhaltung die Augen zur wohlverdienten ewigen Ruhe geschlossen habe, – und so weiter.’

Dr. Jessegrim saß noch lange und starrte auf den regungslosen Meeresspiegel, der so eigen schimmerte im Sternenschein. Bis es zwölf Uhr schlug. – Mitternacht! – Er nahm seine Uhr heraus und zog sie langsam auf, bis seine Fingerspitzen den Widerstand am Remontoir fühlten. – Leise drückte er dagegen und immer stärker … da – – ein leises Knacken, die Feder war zerbrochen, die Uhr stand still. – – – Dr. Jessegrim lächelte spöttisch: “So will ich euch auch die Feder abdrehen, ihr lieben guten –” Eine fürchterliche Detonation erschreckte die Stadt. Sie dröhnte von weit her, vom Süden, und die Schiffer meinten, es müsse in der Nähe der großen Landzunge – ungefähr zwischen Tampiko und Vera-Cruz – der Ursprung der Erscheinung zu suchen sein. – Feuerschein hatte niemand gesehen, – auch die Leuchttürme gaben keine Signale. – – Donner? – jetzt? – und bei heiterem Himmel! – – Unmöglich. – Also wahrscheinlich ein Erdbeben. – Alles bekreuzigte sich, – nur die Wirte fluchten wie wild, denn sämtliche Gäste waren aus den Schenken gestürzt und hatten sich auf die Anhöhen der Stadt begeben, wo sie sich unheimliche Geschichten erzählten.

Dr. Jessegrim beachtete all das gar nicht, er war in sein Studierzimmer getreten und summte etwas wie: “Ade, mein Land Tirol –” Er war vorzüglich aufgelegt und holte eine Landkarte aus der Schublade, stach an ihr mit einem Zirkel herum, – verglich in seinem Notizbuch und freute sich, daß alles stimmte: Bis Omaha, vielleicht noch weiter nach Norden zog sich das Petroleumgebiet, daran ließ sich nicht mehr zweifeln, und daß das Erdöl unterirdisch ganze Seen, so groß wie die Hudsonbay, bilden mußte, das wußte er. Er wußte es, er hatte es ausgerechnet, – volle zwölf Jahre daran gerechnet. Ganz Mexiko stand seiner Meinung nach auf Felsenhöhlen im Erdinnern, die zum großen Teil, wenigstens so weit sie mit Petroleum gefüllt waren, miteinander in Verbindung standen. Die vorhandenen Zwischenräume nach und nach wegzusprengen, war seine Lebensaufgabe geworden. – Jahrelang hatte er dazu ganze Scharen Arbeiter beschäftigt, – und was das für Geld gekostet! Die vielen Millionen, die er an dem Handel mit Meskal verdient hatte, waren drauf gegangen. Und wenn er dabei ein einziges Mal eine Erdölquelle traf, – wäre alles aus gewesen. – Die Regierung hätte ihm natürlich sofort die Sprengerei gelegt, der sei sowieso stets abhold war. – Heute nachts sollten die letzten Wände fallen, – die zum Meere zu, – an der Landzunge – und die weiter nördlich bei St. Louis de Potosi. – Automatische Vorrichtungen besorgten die Explosion.

Dr. Kunibald Jessegrim steckte die paar Tausenddollarscheine, die ihm noch blieben, zu sich und fuhr auf den Bahnhof. – Um vier Uhr früh ging der Schnellzug nach New York. – Was sollte er noch in Mexiko?! Richtig, da stand es schon in allen Zeitungen – das Originaltelegram von sämtlichen Küstenpunkten des mexikanischen Golfes in den Abkürzungen des internationalen Cable-Code: “Ephraim Kalbsniere Beerenschleim”, was übersetzt ungefähr heißt: “Meeresspiegel ganz mit Petroleum bedeckt, Ursache unbekannt, alles stinkt weit und breit. Der staatliche Gouverneur.” Die Yankees interessierte das ungemein, da das Ereignis doch zweifelsohne einen mächtigen Eindruck auf die Börse und die Petroleumkurse hervorbringen mußte, – und Besitzverschiebung ist doch das halbe Leben!

– – Die Bankmänner in Wallstreet, von der Regierung befragt, ob das Ereignis ein Steigen oder Sinken der Kurse hervorbringen werde, zuckten die Achseln und lehnten Urteile ab, ehe nicht die Ursache des Phänomens bekannt sei; – dann allerdings – – wenn man das Gegenteil von dem an der Börse machen werde, was die Vernunft gebiete, ließe sich wohl viel Geld verdienen. – Auf die Gemüter Europas brachte die Nachricht keinen besonderen Eindruck hervor, – erstens war man durch Schutzzölle gedeckt, und zweitens waren gerade neue Gesetze im Werden, die durch geplante Einführung des sogenannten dreijährig freiwilligen Nummernzwanges, verbunden mit Abschaffung der Eigennamen männlicher Individuen, die Vaterlandsliebe anfachen und die Seelen zum Militärdienst besser geeignet machen sollten.

– – – Unterdessen floß das Petroleum, genau wie Dr. Jessegrim berechnet hatte, fleißig aus den unterirdischen Becken Mexikos ins Meer ab und bildete an der Oberfläche eine opalisierende Schicht, die sich immer weiter und weiter ausdehnte und, vom Golfstrom fortgetrieben, bald den ganzen Meerbusen zu bedecken schien. – – – Die Gestade waren verödet, und die Bevölkerung zog sich ins Innere des Landes zurück. – Schade um die blühenden Städte! Dabei war der Anblick der See ein furchtbar schöner, – eine unabsehbare Fläche, schimmernd und schillernd in allen Farben: rot, grün und violett, – – wieder tiefes, tiefes Schwarz, wie Phantasien aus märchenhafter Sternenwelt. – Das Öl war dicker, als sonst Petroleum zu sein pflegt, und zeigte durch seine Berührung mit dem salzigen Seewasser keine andere Veränderung, als daß es allmählich an Geruch verlor.

– – – Die Gelehrten meinten, daß eine präzise Erforschung der Ursachen dieser Erscheinung von hohem wissenschaftlichem Werte sei, und da Dr. Jessegrims Ruf im Lande – wenigstens als Praktiker und Kenner mexikanischer Petroleumlager – begründet war, stand man nicht an, auch seine Meinung einzuholen. – Die war kurz und bündig, wenn sie auch das Thema nicht in dem Sinne behandelte, wie man erwartete: “Wenn das Erdöl in dem Maße weiterströmt, wie bisher, so werden meiner Berechnung nach in 27 – 29 Wochen sämtliche Ozeane der Erde davon bedeckt sein und ein Regen in Zukunft für immer ausbleiben, da kein Wasser mehr verdunsten kann, – im besten Falle wird es dann nur Petroleum regnen.”

– – – – Diese frivole Prophezeiung rief eine stürmische Mißbilligung wach, gewann aber täglich an Wahrscheinlichkeit, und als die unsichtbaren Zuflüsse gar nicht versiegen wollten, – im Gegenteil, sich ganz außerordentlich zu vergrößern schienen, befiel ein panisches Entsetzen die gesamte Menschheit. Stündlich waren neue Berichte von den Sternwarten Amerikas und Europas zu lesen, – ja sogar die Prager Sternwarte, die bis dahin immer nur den Mond photographiert hatte, begann allmählich, sich den neuen seltsamen Erscheinungen zuzuwenden. In der Alten Welt sprach bald niemand mehr von der neuen Militärvorlage, und der Vater des Gesetzentwurfs, der in einer europäischen Streitmacht bedienstete Major Dressel Ritter von Glubinger ab Zinkski auf Trottelgrün, kam ganz in Vergessenheit. Wie immer in Zeiten der Verwirrung, wenn die Zeichen des Unheils dräuend am Himmel stehen, meldeten sich die Stimmen der unruhigen Geister, die, mit dem Bestehenden nie zufrieden, an altehrwürdige Einrichtungen zu tasten wagen: “Weg mit dem Militär, das unser Geld frißt, frißt, frißt! – Bauet lieber Maschinen, ersinnet Mittel, um die verzweifelnde Menschheit vor dem Petroleum zu retten”

– – – Aber das geht ja doch nicht, – mahnten die Besonnenern, man kann doch nicht so viele Millionen Menschen auf einmal brotlos machen! – – – “Wieso brotlos? Die Mannschaft braucht ja nur entlassen zu werden, – jeder von ihnen hat ja doch etwas gelernt, und sei es auch nur das einfache Handwerk”, war die Antwort. – – – “Na ja, – gut – die Mannschaft! – Aber was soll man mit den vielen Offizieren machen?” – – – – Das war allerdings ein gewichtiges Argument. Lange schwankten die Meinungen hin und her, und keine Partei konnte die Oberhand gewinnen, bis die chiffrierte Kabelbotschaft aus New York eintraf: “Stachelschwein pfundweise Bauchfellentzündung Amerika”, – das heißt übersetzt: – “Erdölquellen nehmen stetig zu, Situation äußerst gefährlich. Drahtet umgehend, ob Gestank bei euch auch so unerträglich. Herzlichen Gruß! Amerika.”

– – Das schlug dem Faß den Boden aus! – Ein Volksredner – ein wilder Fanatiker – stand auf, – mächtig wie ein Fels in der Brandung – faszinierend – und stachelte durch die Kraft seiner Rede das Volk zu den unüberlegtesten Taten. “Lasset die Soldaten frei, – fort mit dieser Spielerei, – sollen die Offiziere sich auch einmal nützlich machen. – Geben wir ihnen neue Uniformen, wenn’s ihnen schon Freude macht, – meinetwegen froschgrüne mit roten Tupfen. – Und an die Meeresufer mit ihnen, sollen sie dort mit Fließpapier das Petroleum auftunken, während die Menschheit nachdenkt, wie dem schrecklichen Unheil zu steuern ist.” – – Die Menge jubelte Beifall. – – Die Vorstellungen, daß solche Maßregeln gar keine Wirkung haben könnten, daß sich da doch viel eher mit chemischen Mitteln ankämpfen ließe, fanden kein Gehör. – “Wissen wir, – wissen wir alles”, – hieß es. “Aber was soll man dann mit den vielen überflüssigen Offizieren anfangen, – he?”

 

Autor: Gustav Meyrink (1868 – 1932)

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