Wem gehört die Kunst?

Kunst, die eine Pause zum Nachdenken schafft: Niemand kann über die Kunst nachdenken, ohne auch über den Rest der Welt nachzudenken. Da es aber durchaus möglich ist, über den Rest der Welt nachzudenken, ohne über Kunst nachzudenken, werden wir Kunst auch als ein anderes zu betrachten lernen. Kunst ist ein Teil vom Rest der Welt, aber auch etwas ganz anderes. Kunst geht in den Besitz- und Eigentumsverhältnissen, in den Definitionen und Diskursen, in den bestimmenden, beschränkenden und, logisch: ausbeutenden Zugriffen von Staat und Gesellschaft nicht auf. Was irritierenderweise übrig bleibt, könnten wir ganz einfach mit Zukunft bezeichnen. Oder noch besser: mit ‘Möglichkeit’.
Wem gehört die Kunst? oder: Das Geheimnis des Kraken

„Kennen Sie das Geheimnis des Kraken?“, fragte Captain Nemo. Es kannte natürlich niemand. Daher gab er selbst die Antwort: „Das Geheimnis des Kraken ist, dass niemand seine wahre Größe kennt. Viele meinen, er sei gigantisch, weil sie auf seine langen Arme sehen. Das ist falsch. Andere meinen, der Krake sei eigentlich von eher bescheidener Größe, betrachte man nur seinen eigentlichen Körper. Auch das ist falsch.“ Captain Nemo legte eine kurze Pause ein und genoss sichtlich die fragenden Blicke seiner Gefährten. „Die Wahrheit des Krakens ist, dass er so groß ist, wie er sein muss.“

I

Auf die Frage „Was ist die Kunst?“ bietet mein paranoides C-Programm 1 946 411 Antworten. Bescheiden, wie wir sind, beschränken wir uns hier auf die halbe Antwort. Sie lautet:

„Was Kunst ist, bestimmen jene, denen sie gehört. Das Nähere beschreibt ein politisch-ökonomisches Programm, zu dem uns ästhetischen Programmen allerdings leider der Zugriff verwehrt ist“.

Also machen wir uns die Mühe und fragen: „Wem gehört die Kunst?“

Erstens gehört die Kunst dem Künstler und der Künstlerin. Natürlich müssen Künstler ihre Kunst verkaufen; Miete, Material und Mahlzeiten wollen bezahlt werden, und außerdem arbeitet ja niemand für sich allein, es sei denn in einer Therapie. Das Verkaufen von Kunst ist ein Aushandeln der Wertschätzung, von dem es niemanden verwundern kann, dass es in einem kapitalistischen System marktförmig und nicht immer mit rechten Dingen zugeht. (Und natürlich haben wir uns daran gewöhnt, dass, wenn der Kapitalismus verrückt spielt, als erstes einmal der Kunstmarkt verrückt spielt. Man sagt „verrückt spielen“ und nicht „verrückt sein“, weil man jederzeit, eine Krise hier, eine „Tendenz“ da, wieder damit aufhören könnte, und zu den ganz normalen Schweinereien zurückkehren könnte. In der letzten Krise freilich haben wir beobachten dürfen, dass der Kunstmarkt auch nur eine Schweinerei unter anderen ist.)

Die Kunst gehört dem Künstler (ein wenig) auch, wenn er sie verkauft hat. (Die Kunden können Personen, Institutionen, Zwischenhändler oder auch „die Gesellschaft“ oder „das Medium“ sein.) Sie ist nämlich zwar in den Besitz des Käufers übergegangen, aber nicht sein reines Eigentum geworden (wie ein Kühlschrank oder ein Eierlöffel). Zum Beispiel kann der Käufer, anders als beim Kühlschrank, nicht einfach „hello kitty“- oder „Atomkraft? Nein Danke“-Aufkleber auf einem Kunstwerk anbringen, er darf nicht an die Stelle der Signatur des Künstlers den eigenen Namen setzen oder das Werk von einem Dritten verbessern lassen. Jedenfalls theoretisch. …

Den gesamten Text können Sie hier lesen:


Ute Richter: Claim, mit dem Essay „Wem gehört die Kunst Oder: das Geheimnis des Kraken“ von Georg Seeßlen

Verbrecher Verlag Berlin, 140 Seiten mit 110 teils farbigen Abbildungen,
Broschur, 24 EUR

Ob Getreidefeld, Container des Fußballvereins, Schulhof im Pariser Vorort oder Museumsfassade – Orte werden von der Künstlerin Ute Richter auf ihr brachliegendes Potenzial hin befragt. In dem Band “Claim” werden diese Orte, die künstlerischen Interventionen und deren Ausgangsmaterial ineinander geschnitten. Die so entstandene schwarz-weiße Bildstrecke zeigt eine visuelle Reise durch den Stadt- und Landschaftsraum und dessen gesellschaftliches Erbe. Fünfzehn Farbtafeln bieten eine Übersicht über die temporären Installationen, ergänzt von kurzen Kommentaren der Künstlerin. Die Perspektive innerhalb der Endlosschleife Kunst liefert Georg Seeßlen mit seinem Essay.

“Claim” erscheint anläßlich der Katalogförderung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und des Kulturamtes Leipzig.

bei amazon kaufen

Share

Ein Gedanke zu „;Wem gehört die Kunst?

  1. die kunst gehört natürlich dem kritiker. dessen interpretation uns hilft zu sagen: jetzt verstehe ich endlich diesen ganzen unsinn der abstrakten kunst!

    der kritiker schliesst den kreis und das muss der künstler, möchte er nicht aus dem kunstkreislauf herausfallen, also kein künstler mehr sein, akzeptieren und die kriterien, die der kritiker braucht, liefern.

    die frage lautet also, warum hat der kritiker diese funktion an die kunsthändler delegiert?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere