Georg Seeßlen: Der Geruch des Geldes

Interview, Kamera, Schnitt: Alexander Biedermann  (Mai 2011, Hamburg, © getidan)

Das Geld, zur Zeit, hat schlechte Laune. Wo es gestern noch angeregt mit sich selbst plauderte, murrt es sich nun an. Die Datenströme, die durch den Kopf des Geldes fließen, machen es ganz wirr. Seinen alten Bruder Gold, den mag man gerade wieder. Gerne würde das Geld mal wieder mit Menschen sprechen. Es könnte ihnen sagen, es sei doch unvernünftig, was da gerade geschehe, man stoße da etwas ab, was mit Geld zu tun hat, nur weil die Computer entsprechende Daten sammeln. Sie fragen die Menschen schon lange genau so wenig mehr wie das Geld. Soll das Geld etwa mit den Computern sprechen? Arrogante, kleinliche Schnösel! Das Geld weiß, dass es nichts und niemanden mehr auf der Welt gibt, mit dem sich zu unterhalten lohnte. Es war, zugegeben, einst schön, mit den Menschen zu sprechen. Aber sie wurden immer kleiner, sie waren immer ferner. Menschen sind zu billig und zu krank für den Geschmack des Geldes. So hat es beschlossen, nur noch mit sich selbst zu sprechen. Aber manchmal, wenn es schlechte Laune hat, dann hört das Geld sich selber nicht mehr zu.

Während das Geld in dieser Weise – schlecht gelaunt, wie gesagt – über sich und die Welt dachte, war es drei mal um den Globus gereist, hatte zwei Milliardäre gemacht, 170 000 tote Menschen hinterlassen, und war nur noch einsamer geworden. Bald würden die Menschen verschwunden sein, dachte das Geld. Nicht, dass es schade um sie wäre. Aber vielleicht würde doch etwas fehlen. Computer sind nicht gierig. Das Geld würde sich bewegen und vermehren, und niemand wäre da, es zu begehren. Das Geld, wir bemerkten es bereits, hat schlechte Laune, zur Zeit. (Georg Seeßlen, 21. August 2011)

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