Fragmente aus Sarajevo vor der Kulisse des dortigen Filmfestivals

Die Stadt, der Müll und der rote Teppich

Ein bosnisch-deutsches Gemeinschaftswerk von Irma Duraković, Vahidin Preljević und Georg Seeßlen

 

Red Carpet

Acht Tage liegt vor dem Eingang des Nationaltheaters, dem Epizentrum des Sarajevo Film Festivals, ein ausgewaschener, orangefarbener Teppich. Die Schritte buntgekleideter Celebrity, von jubelnden Fans und knipsenden Journalisten empfangen, überdecken seine Blässe. Gegenüber am Theater erklingt aus einem der vielen gutbesuchten Cafés eine melancholische Stimme: „Es wird wohl am Licht oder an der Perspektive liegen, nicht an mir. Jedenfalls ist es komisch, daß auf meinem Bildschirm der Teppich immer in einer knallroten Farbe erscheint.“ Die Illusion, zeigt der ausgewaschene Festivalteppich, spielt sich nicht nur in den Kinosälen ab, sondern auch unter dem offenen Himmel. Und gerade dieses Illusionsspiel, sagt der Melancholiker, zieht unzählige Touristen nach Sarajevo. Denn obwohl der „rote“ Teppich mit seiner in diesem Jahr gefeierten Volljährigkeit weiterhin blass bleibt – vielleicht, weil es als Symbol des Erwachsenseins verstanden werden will -, gewinnt Sarajevo eine farbenfrohe Dekoration abseits des Epizentrums. I. D.

 

Historija, povijest, priča

Wie umgehen mit einer Geschichte, mit der man nicht im geringsten fertig werden kann? Was kann man erzählen, zeigen, sortieren, erklären? Was muß man vergessen, verbergen, verschweigen, maskieren? Man sieht in Sarajewo nicht nur dem Übermalen, Überbauen und Überplanen zu, diese furchtbare Gleichzeitigkeit von Verwundungen, Zerstörungen und kapitalistischer Obszönität, Einschußloch und Bank-Signet, an die man sich bei der Wiederkehr gewöhnt, sondern auch dem Zerfallen der Geschichte. Die Geschichten passen nicht mehr zusammen, nicht einmal zwei bis drei sind noch in einen Film zu bringen, zum Beispiel. Der Zerfall hat nicht aufgehört, weil es schon wieder so viele Menschen gibt, die den Krieg nicht mehr erlebt haben, er hat nur die Form gewechselt.

Filme vom Zerfall sind zerfallende Filme. Schon deswegen ist etwa, noch vor allen Aussagen, der vitalistische Stilwillen von Emir Kusturica so anmaßend.

Wenn man das Wort Versöhnung in Betracht ziehen wollte, müßte man die Fähigkeit haben, die Geschichte anzuhalten. Aber während der eine wenigstens den Atem anhält, um der Geschichte nach zu denken, hat der andere schon wieder Tatsachen geschaffen. Was wäre schrecklicher: eine Stadt, die als Beute der verschiedensten Interessen „umkämpft“ würde, architektonisch, ökonomisch, semiotisch, oder die „vergessen“ würde, unter einer Glocke der Scheinnormalität? Da fahren jene vorbei, die hier einst den Frieden garantieren sollten. Warum sehen sie heute aus wie Bodyguards aus sehr schlechten C-Filmen? Großartig, der Kaffee.

War der Krieg ökonomisch oder doch mental grundiert? Identität (oder die Sehnsucht nach ihr) kann nur als Folge einer Kränkung entstehen. Kränkungen können ökonomisch erzeugt werden. So kann Hans Magnus Enzensbergers „radikaler Verlierer“ auch massenhaft und seriell erzeugt werden, in einer Gesellschaft, die keineswegs den Anschluß an die Moderne verpaßt hat, sondern keine kultivierten Zugangscodes entwickelt. Die noch nicht ganz verstandene importierte Krise aus den Staaten der EU trifft auf die noch nicht überwundene Krise der Vergangenheit. Aber heute ist eben nicht heute, sondern für den einen gestern und den anderen morgen. Das ist das Problem, und das zeigt sich am besten in Filmen, in guten wie noch mehr in schlechten: Die Gegenwart ist auch keine Lösung. G. S.

 

Tito und Nostalgie

Wie in den meisten anderen exjugoslawischen Ländern gibt es in Sarajevo ein Tito-Café, ziemlich zentral gelegen, hinter dem Historischen Museum. Im Campus gegenüber steht zudem eine Statue des jugoslawischen Kommunistenführers, und eine der wichtigsten Straßen in der Stadtmitte ist nach ihm benannt. Von der Persönlichkeit des „roten Monarchen“, wie ihn der „Spiegel“ nannte, geht auf dem Balkan immer noch eine merkwürdige Faszination aus. Sie ist zur Personifikation der Nostalgie schlechthin geworden und transportiert etwa folgende Gründungserzählung mit: Das sozialistische Jugoslawien war das goldene Zeitalter der südslawischen Völker, da sie zum ersten Mal in ihrer neueren Geschichte zu ernstzunehmenden Subjekten der Weltpolitik aufgestiegen sind. Jugoslawien agierte in der Tat als eine Art Mini-Imperium: Es war größer als alle seine Nachbarn (außer Italien), jetzt ist der Fall umgekehrt. Zudem trug der berühmt-berüchtigte Dritte Weg der Blockfreiheit zu diesem Gefühl der Besonderheit bei. Trotz relativer Erfolge im Prozeß der europäischen Integration scheint das nostalgische Narrativ in südslawischen Ländern stärker denn je. Hinzu kommt, daß die sozialdemokratische Politik weder auf den zerstörerischen und isolationistischen Nationalismus noch auf die brutalen Auswüchse des Turbokapitalismus keine überzeugende Antwort geliefert hat. Im Tito-Café, das sich eines regen Touristenandrangs, nicht nur zur Zeit des Festivals erfreut, ist nicht auszumachen, ob die Partisanenreliquien ironisch oder ernst zelebriert werden. Unklar bleibt, ob es sich bei dem Phänomen um harmlose Trauerarbeit der Verlierer der Weltgeschichte handelt oder ob doch das kulturelle Gedächtnis in diesem Fall, frei nach Jan Assmann, ein mythomotorische Quelle künftiger Veränderungen sein könnte. V. P.

 

Vor dem Café Imperial

Es gibt in Sarajevo einen strengen Brauch: Geht man am Wochenende aus (die Arbeitslosigkeit erlaubt das Ausgehen auch unter der Woche), so muss man wenigstens eine Runde durch die Fußgängerzone der Tito-Straße gehen, um gesehen zu werden.

Dort sitzen im neu entworfenen Eck des Café Imperials eng aneinander geschmiegt Gäste, die sich mühevoll ihre Plätze ergattert haben. Die Wände mit Spiegeln und roten Vorhängen, über Nacht dekoriert, ziehen Blicke einiger Fußgänger auf sich. Sonnenstrahlen, die auf Wandspiegel fallen, lassen die Gäste des Cafés in einem natürlichen Rampenlicht erscheinen. Diese genießen nicht nur den Ausblick auf die Fußgängerzone, sondern auch den Blick schaulustiger Passanten (was sich an ihrer statischen Körperhaltung und den nahezu karikaturistischen Gesichtsausdrücken erahnen läßt). Über den Köpfen der Cafébesucher hängen große von Korrosion befallene Buchstaben, die einstmals den Eingang des zweitältesten Kinos der Stadt schmückten: Imperijal. Vom Kino, das 1913 mit 600 Sitzplätzen – alle mit rotem Samt überzogen – eröffnet wurde, bleiben knapp ein Jahrhundert später, nur rote Vorhänge und Spiegel zurück. Die große Kinoglastür, heute mit Stoff maskiert, in der Nachkriegszeit beklebt mit Plakaten des ersten bosnischen Films, wird wenige Jahre nach dem Kriegsende geschlossen. Nur knapp eine Woche vor dem diesjährigem Festival hängen an dieser nun unsichtbaren Tür, hinter der Kinosessel in Schutt und Asche liegen, Todesanzeigen der Stadtbewohner. Die Dekoration läßt sich aber sehen: Aus alt wird neu, die Cafébesucher haben ihre Aussicht zwar nicht im Kino auf eine große Leinwand, sondern vor dem Kino: Nicht sehen, sondern gesehen werden, scheint die Devise während des Festivals zu lauten.

Ähnlich ist es mit den Kinobesuchern selbst: Sicher kommen viele wegen der Filme, andere fühlen sich als Filmstars/-figuren, die selbst gesehen werden müssen. Und obwohl alles um das Gebot „Du musst gesehen werden“ zirkuliert, gibt es für Sarajevo in dieser einen Woche, wo es ja erst (auf)lebt, Hoffnung auf ein Leben danach. Oder auch nicht. I. D.

 

Eine Sprache der Brücken studieren

Auf dem Weg nach Mostar: Träume von alten guilty pleasures im Bahnhofskino. Schlecht synchonisierte Partisanenfilme, Western, Karl Mays Orientträumereien, und schon damals das doppelte Gefühl: In der Kargheit, weiter im Süden, eine Weite, die es schon lange nicht mehr gab bei uns; da konnte man tagelang reiten, dachten wir, und wir würden höchstens auf eine verfallene Station mit ein paar Hühnern und schmutzigen Kindern stoßen. Und in der Mitte diese romantischen Schluchten und Berglandschaften, in denen Menschen sich in ganz anderen Dimensionen bewegten, in einem Raum und in einer Zeit, die es in unserer Stadt nicht gab (und von der nur am Bahnhof und in seinem Kino eine Ahnung war). In den Partisanenfilmen ging es immer darum, daß Brücken gesprengt werden müssen. Oder Bahnlinien, am besten aber Bahnbrücken. Wir stellten uns den Krieg wie ein unentwegtes Brückensprengen vor. In einem Land, das von nichts so sehr zusammengehalten wird, das auf nichts so stolz sein konnte wie seine Brücken.

Nirgendwo sonst konnte man das doppelte Spiel von Schießen studieren: Das Zoomen der Kameras und das Sprengen der Brücken entsprachen einander vollkommen.

Jugoslawien, das waren Brücken. Jugoslawien, das war das Kaputtmachen von Brücken. Jugoslawien, das war das Sperren von Brücken. G. S.

 

Tito und die große Verschwörung

Zu den meistgefragten Büchern in der Stadt zählt die jeweils neueste Tito-Biographie. Sensationspresse und Publizistik warten in regelmäßigen Abständen mit neuen Enthüllungen aus dem Leben des zur mythologischen Figur verklärten Schlossers aus dem kroatischen Kumrovec auf. Mal wird entdeckt, er habe den Namen Josip Broz erst im Ersten Weltkrieg angenommen; in Wirklichkeit sei er ein russischer Spion gewesen, der die Aufgabe hatte, den Spaltpilz des Kommunismus in das (serbisch dominierte) Königreich Jugoslawien zu tragen. Oder aber, er sei ein verarmter polnischer Fürst gewesen, den die westlichen Geheimdienste als Doppelgänger eingeschleust haben, nachdem der wahre Tito in den zwanziger Jahren oder sogar mitten im Zweiten Weltkrieg (was seine spätere prowestliche Haltung erkläre) beseitigt worden wäre. Nur so sei zu erklären, so die Verschwörungstheoretiker, daß seine Verwandten und Landsleute den Mann nach der Wiederbegegnung in Kumrovec gar nicht wieder erkannten oder daß er als geborener Bauer und ungebildeter Arbeiter nachweislich Klavier spielen konnte und einige Fremdsprachen beherrschte. Ein immer wieder gestreutes Gerücht besagt, Tito sei Freimaurer gewesen; nur so wäre sein internationaler Einfluß, seine guten und herzlichen Beziehungen zu Churchill wie auch der Umstand zu erklären, daß auf seinem Grab kein roter Stern, sondern bloß der Name und die Geburts- und Sterbedaten zu finden sind. Selbst Slobodan Milošević soll 1990 Zoran Nenezić, den ersten Großmeister der erneuerten Jugoslawischen Großloge, gefragt haben, ob Tito Freimaurer war. Diese These wurde schon seit den Achtzigern auch in der Popkultur verbreitet. So sang die Belgrader Rockband Riblja Čorba (Fischsuppe), die als eine der ersten den serbischen Nationalismus auf ihre Fahnen geschrieben hat, von Tito als „Al Capone“, als „Verbrecher“ und „Freimaurer“, der das „jugoslawische Schiff, das nun versinkt, Richtung Vatikan steuerte“. Um diese Widersprüche (Kommunist, Freimaurer, Papstfreund) zu vereinigen, mutiert Tito in der abseitigsten Variante dieser Verschwörungsgeschichte zum Mitglied einer strenggeheimen „Vatikanloge“, der direkt der Papst vorsteht. Titos wahre Identität: er ist unehelicher Sohn von Franz Joseph I., und natürlich ist er nicht in Belgrad, sondern in der Kapuzinergruft in Wien begraben worden. V. P.

 

Subjekt der Geschichte

Diese phantastischen Geschichten, die Amateurhistoriker und Enthüllungsjournalisten verbreiten, könnte man deuten als Ausdruck einer hermeneutischen Ohnmacht, seine eigene Geschichte zu begreifen. In der Unwahrscheinlichkeit der Tito-Biographie verkörpert sich die Unwahrscheinlichkeit der jugoslawischen Geschichte zwischen 1945 und 1990: Ein armes Land, zerstrittene „Völker“, die fast immer Objekte der Weltpolitik waren, vereinigen sich zu einem Staat, der zu einer Regionalmacht wird und es sogar zu einem relativen Wohlstand bringt. Der Mythos von Jugoslawien und Tito ist freilich am stärksten in Bosnien-Herzegowina, dem größten Verlierer der jugoslawischen Katastrophe, das den Traum von der verlorengegangen historischen Größe auch in spektakulären kulturellen Veranstaltungen wie dem Filmfestival zu leben versucht. V. P.

 

Subjekt der Geschichte II

Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte erlebten wir beim „Zerfall“ Jugoslawiens die Bildung eines verbindlichen Narrativs: Dissidente Einzelne waren beim deutschen Kriegseintritt unter der „Nie wieder Auschwitz“-Parole nicht mehr nur „dumm“ oder „kriminell“, sie waren wahrhaft jenseits. Deutschland wurde, unter anderem durch den Zerfall Jugoslawiens, etwas Großes und Ganzes, was man vorher so noch nicht gespürt hatte. Zum ersten Mal auch war von den „unerträglichen Bildern“ anstelle der „unerträglichen Zustände“ die Rede; es war ein Bilderkrieg. Es ging um die Beherrschung der Bilder, um eine Dialektik von Zerstörungs- und Aufbaubild.

Nach Bosnien-Herzegowina wird nun nicht mehr geschaut, denn das Bild bietet jetzt nicht einmal mehr eine touristische Herrschaft: Hier kann man nicht mehr das Bild des Unterlegenen erbeuten, aber auch nicht das des Gleichwertigen, nicht das Bild der Fremde und nicht das des Vertrauten. Sarajewo ist ein Trashmovie. G. S.

 

Leere Mülleimer

Entlang der Marschall-Tito-Straße bis zur Ali-Pascha-Moschee zieht sich am 6. April dieses Jahres als Erinnerung an den 20. Jahrestag des Beginns der Stadtbelagerung eine „rote Linie“: Sie wird aus 11.541 roten Stühlen gebildet, die für die Opfer der Belagerung stehen. Nun im Sommer bewegen sich entlang des glühenden Asphalts unzählige Autos. Die Bürger, ist man geneigt zu meinen, leben nicht weiter im Schatten der Nachkriegszeit. Doch das Bild trügt: Denn während des Festivals werden Armut und Krankheit unter den roten Teppich gekehrt. Alle Dinge in der Stadt nehmen eine bestimmte Rolle ein, sie werden auf diese vorbereitet und scheinen für nur eine einzige Woche im Jahr zu leben. So bleiben die Mülleimer der Stadt während der übrigen 357 Tage im Jahr leer: Plastiktüten, -flaschen, Bälle und sogar Möbelreste gleiten durch den Fluß Miljacka, der in der Filmwoche sauber bleibt und angenehm riecht. Daß ein Szenario zwar gut durchdacht sein und dennoch Schwachstellen aufweisen kann, zeigt die Müllaktion der Festivalorganisatoren. Verirrt sich der Fußgänger und geht durch Seitenstraßen oder entlang des Flusses in Richtung Neustadt, so kommen Müllsäcke zum Vorschein, die ab und zu auch vor Containern zu sehen sind, daneben einige streunende Hunde oder gar „streunende Menschen“, die nach Mülltüten wie Kinder nach Weihnachtsgeschenken greifen. Der Fluß, der von der Nationalbibliothek bis zum Marijin Dvor sauber bleibt, nimmt ab dieser Grenze wieder sein gewohntes Aussehen an. I. D.      

 

Hunde- und Menschenleben

Die Stadtdekoration zum Festival hat auch ihre „guten Seiten“: In diesen Tagen bekommen nämlich die Hunde ein Dach über dem Kopf. Eine Woche im Jahr scheinen auch die Vierbeiner zu leben, weil sie ein Asyl haben – oder auch nicht, jedenfalls verschwinden sie und kehren durch einen unerklärlichen Zauber an ihre Stammplätze zurück: in die Altstadt vor der Brunnenanlage Sebilj, vor die katholische Kathedrale bis zum neu erbauten Einkaufzenturm in der Tito-Straße mischen sie sich wie üblich unters Volk. Wer möchte da noch sagen, man lebe ab und zu nicht wie in einem Film?

Daß die Arbeitslosigkeit steigt, kann man auch nur schwer glauben, sieht man die hollywoodreifen Outfits der Jugendlichen, die von Bar zu Bar nach reichen und gutausehenden (älteren) Männern und auch Frauen Ausschau halten. Wie ein bosnischer Regisseur einer Zeitschrift sagte: Um die tausend „kleine Mädchen“ kommen in diesen Tagen in die Stadt (was so viel heißt wie: sie erhoffen sich die Chance fürs Leben), da die Stadt erst in dieser einen Woche wirklich lebe. Man fragt sich, ob man nicht an einem Filmset verloren gegangen ist. I. D.

 

Hunde-Sequel

Vor anderthalben Jahren, im Winter, gewöhnte ich mich in Sarajewo daran, mich von Gruppen streunender Hunde begleiten zu lassen. Sie schlossen sich mir, wenn ich am Fluß entlang ging, einfach an und taten so, als wäre das das Normalste von der Welt. Wenn sie es auf Nahrung abgesehen hatten, ließen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Wenn man sie ansah, sahen sie ostentativ in eine andere Richtung. Sie taten, als sei man einfach ein Mitglied des Rudels. Nach und nach verlor man die Scheu vor ihnen, manchmal waren sie plötzlich weg, vielleicht hatten sie jemand anderen gefunden, den sie umrunden konnten. Bald darauf tauchte eine weitere Gruppe auf. Unzählige Hunde hat man von den Straßen wegggefangen. Dafür wurden Hunde wieder Mode, denn ein Hund verleiht Sicherheit und Hierarchie. So erfährt man bald, daß Hunde mit menschlichen Besitzern gefährlicher sind als Hunde ohne menschliche Besitzer. Ein bisschen habe ich sie vermisst, die streunenden Hunde von Sarajewo. G. S.

 

Interkulturalität und Nationalismus

Der jugoslawische Mythos ist auch ein Mythos vom friedlichen Zusammenleben verschiedener Kulturen und Völker, dessen beliebter Projektionsraum eben Bosnien-Herzegowina war mit den Symbolstädten Sarajevo, Mostar, Banja Luka. Das oft bemühte Bild der Multikulturalität darf auch in keiner touristischen Broschüre fehlen. Im Umkreis von etwa 100 Quadratmetern in der Altstadt stehen vier historische Gotteshäuser: die Gazi-Husrev-Beg-Mosche, die Alte Synagoge und die Alte Orthodoxe Kirche, alle aus dem 16., und die katholische Kathedrale aus dem späten 19. Jahrhundert. Wenn man den Radius etwa um 100 Quadratmeter erweitert, kommen noch die Baščaršija-Moschee, die orthodoxe Kathedrale zur Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter sowie am linken Ufer der Miljacka die aschkenasische Synagoge und die Franziskanerkirche dazu. Architektonisch ist Sarajevo immer noch ein Jerusalem des Balkans. Es bleibt ein einmaliges Erbe, das trotz des Krieges, veränderter demographischer Struktur und der aktuellen Expansion nationalistischer Politik nach wie vor die symbolische Grundlage der Interkulturalität bildet. Sicher basiert auch diese Ideologie auf Mythen und Legenden vom idyllischen Zusammenleben der Völker und Konfessionen. Gemäßigte nationalistische Politiker schimpfen eine solche Position naiv, da sie vor der Realität der ethnischen Trennung die Augen verschließe. Das größte Problem ist jedoch gerade das Argument von der Natürlichkeit des Nationalismus und dem künstlichen Charakter einer transethnischen politischen Struktur (auch von Jugoslawien hieß es, es sei ein unnatürliches Völkergefängnis). Tatsächlich sind beide Optionen gleichermaßen Konstruktionen, die jedoch grundverschiedene kulturelle und zivilisatorische Effekte haben. Das nationalistische Narrativ der „Selbstbestimmung des Volkes“ setzt eine ethnische Trennung voraus, und seine basale Figur ist die der Isolation und Exklusion. Das interkulturelle Narrativ basiert dagegen auf Offenheit und Inklusion und bleibt progressiv, wenn es statt auf die Auslöschung der Differenz auf eine Politik des gemeinsamen Rahmens zielt, dessen Struktur gerade aus der Heterogenität hervorgeht, ähnlich wie die Architektur der Altstadt von Sarajevo. V. P.

 

Wo bleibt die Erleuchtung?

Die Stadtdekoration verdeckt nur einige Narben von Sarajevo. Und obwohl sie alle an der Oberfläche liegen, bleiben sie für diejenigen, die bewußt eine rosarote Brille aufsetzen oder sich mit einem ungeschulten Blick durchs Leben schlagen, im Dunklen. Sarajevo bleibt nach dem Festival im Dunkeln: Wenn gegen Mitternacht der Blick von Skenderija, einem Komplex von Messe- und Veranstaltungsräumen im sozialistischen Baustil, auf die Baustelle am Marijin Dvor, einer Kreuzung, die das Ende des mitteleuropäischen Sarajevo markiert, fällt, sieht man im Inneren des nackten und massiven Baus, das ein weiteres turbokapitalistisches Einkaufszentrum werden soll, Hunderte Lichterchen. Der optische Eindruck würde dem Betrachter sternähnliche Objekte vorgaukeln, würde der nicht wissen, daß es nur Lichter in einem Gebäude sind. Und da ja die Stadt in dieser einen Woche lebt, müssen selbst unvollendete Bauten im Zentrum die ganzen Nächte über leuchten.

Jeremy Irons, der Star des diesjährigen Festivals (in den Medien wurden zunächst Besuche von Robert de Niro und George Clooney angekündigt, die aber nicht kamen, Irons war dann Plan B) sprach anläßlich der Dokumentation „Trashed“ am letzten Tag über die globale Erwärumung, mit dem Anliegen, das Bewußtsein des Publikums für Ökologie zu wecken. Da denkt sich der Melancholiker im Café vor dem Nationaltheater: Was für eine Ironie. I. D.

 

Melancholischer Abschied

Menschen zu sehen, die noch an den Kapitalismus glauben. Viele, die ihre kleinen Geschäfte betreiben, hier Souvenirs, dort kopierte DVDs, scheinen zu vermuten, sie könnten ihr Stück vom Kuchen bekommen, es könnte vielleicht sogar „aufwärts gehen“. Gleichzeitig der Blick vieler auf neu erstehende Bauten, zu denen sie vermutlich nie Zutritt haben, die möglicherweise niemals irgend einen Nutzen haben würden. Die Mafia baut ein surreales fiktionales Zweit-Sarajevo, das beeindrucken soll und in dem Geld verschwindet.

Spätabends auf dem Grünstreifen zwischen dem lange verlassenen Markt und der Bushaltestelle: Sorgfältig ausgebreitete Bücher, die man wohl zu verkaufen versucht hatte. Drastisch aufgegebenes Geschäft. Eine Tito-Biographie war allerdings nicht darunter. G. S.

Irma Duraković, Vahidin Preljević, Georg Seeßlen

 

Bild: A 280° view from the top of the Avaz Twist Tower in Sarajevo (20. 8. 2010), CC BY-SA 3.0 H. Jungen

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Ein Gedanke zu „;Fragmente aus Sarajevo vor der Kulisse des dortigen Filmfestivals

  1. Ist es möglich eine Erläuterung zur These “Identität (…) kann nur als Folge einer Kränkung entstehen” zu finden.
    Sehe ich bisher anders, klingt aber interessant.
    Danke!

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