„Ein gewisser Nervfaktor ist unbestreitbar“ (im Gespräch: Gerhard Henschel und Wenzel Storch)

Im Gespräch über ihre Arno-Schmidt-Lektüreerfahrungen spielen die Autoren Gerhard Henschel und Wenzel Storch guter Bulle, böser Bulle

Wenzel Storch: Wer war Arno Schmidt eigentlich? Jörg Schröder nannte ihn eine „graue Maus“, Peter Hacks einen „an Bargfeld geschmiedeten Prometheus“, und du hast mal behauptet, er sei „bescheuert gewesen“. Das paßt zu dem, was Hermann L. Gremliza über Peter Hacks sagt: Er hatte „einen beträchtlichen Knall“. Graue Maus, Prometheus und Knalltüte: Wäre Arno Schmidt da nicht – mal angenommen, er wär` so alt wie Ernst Jünger geworden – ein toller Gast für eure Veranstaltungsreihe, den Toten Salon?

Gerhard Henschel: Wir hatten immerhin einmal den Secretär der Arno-Schmidt-Stiftung, Bernd Rauschenbach, bei einer Schmidt-Revue im Toten Salon zu Gast. Dabei spielten wir auszugsweise auch ein historisches Fernsehinterview ein, und es gab einen Riesenlacher, als der Interviewer eine besonders närrische Frage stellte und man Schmidt währenddessen mißbilligend eine Augenbraue anheben sah. Das konnte er – eine Augenbraue anheben wie eine Keule. Schmidt hatte durchaus Entertainerqualitäten, auch wenn er in seinem Heidehaus wahrscheinlich besser aufgehoben war als auf einer Lesebühne.

Vor einem Vierteljahrhundert hat sich Eckhard Henscheid in den Sudelblättern pro und contra Schmidt geäußert: „Insgesamt mag er, Arno Schmidt, ja eine nicht unpfiffige Existenz abgewickelt haben. Groß war er fraglos als Mondbeschreiber und Landschaftsbenenner – am einfältigsten aber dachte und operierte er da, wo er sich am dicksten wähnte (oder u. U. auch nur so tat, um den Mythos zu schüren): in den logisch-mathematischen Teilen seiner Welt. Was ein elend verräterischer, durch keine Selbstironie gemilderter Unfug, sich mit ca. 450 ‚guten’ Lesern zu bescheiden, ja sie sich zu wünschen, die dritte Wurzel aus der Population des muttersprachlichen Landes! Er, der von jungen Jahren an, nachlesbar, nichts heißer ersehnte als möglichst den Nobelpreis, er, der anderswo von ihn lesenden Nachwelten wachträumte, weit über den Untergang der buchfähigen Spezies hinaus – nein, die Fixidee 450 ist weder lustige Marotte noch die verständliche Notwehr dessen, der ja tatsächlich lange Zeit kaum je über 450 Leser pro Buch hinauskam; sondern einfach apriorisch beleidigte Leberwurst hoch drei.“ Mir leuchtet das ein.

Die Gelehrtenrepublik – ein Kurzroman aus den Roßbreiten
Die Gelehrtenrepublik – ein Kurzroman aus den Roßbreiten

Wenzel Storch: Ich hab auch immer so getan, als ob ich was von Mathe verstehe – natürlich nur, damit mich der Lehrer nicht drannimmt. Jahrelang ein schlaues Gesicht gemacht, und im Zeugnis dann ‘ne Vier minus kassiert. Wer Arno Schmidt als Schulmeister erleben will – der er fast mal geworden wäre, 1955 stellte ihm die Hochschule für Gestaltung in Ulm eine Dozentenstelle in Aussicht –, sollte sich den zweiten Supplemente-Band der Bargfelder Ausgabe besorgen. Auf der dazugehörigen DVD findet sich nicht nur der Augenbrauenfilm, sondern auch eine kleine Poetikvorlesung. Wie Schmidt da mit Hilfe eines großen Stücks Pappe, das die Tafel ersetzen soll, dem NDR-Reporter seine Interpunktion und Orthographie erklärt, ist zum Schießen. Das Ganze – natürlich hört seine Prosatheorie auf den Namen Berechnungen I-III – wirkt wie ein Stück von Loriot.

Übrigens finde ich nicht, daß Schmidt nur ein großer Landschaftsbenenner ist. Er ist überhaupt ein guter Benenner, besonders im Spätwerk, auch wenn er vieles aus Atlanten und Wörterbüchern hat. Da heißen die Ortschaften Geckenholz und Querlequitsch, die Poeten Halicacabum, die Schnecken Ütl, die Hippiepärchen Arnillo und Popolina. Gut gefällt mir auch der reiche Bauer, der sein Haus, seiner vier Töchter wegen, „Zu den 8 Arschbakken“ nennt – wär` übrigens auch ein hübscher Kneipenname. Meine drei Lieblingskneipen in der Literatur heißen Des Teufels Zahnbürste, Zum gekrönten Radieschen und Das Gasthaus zum roten Lappen. Das letzte wirst du wahrscheinlich kennen, „Das Gasthaus zum roten Lappen“ ist der Titel einer Fernsehserie, die Walter Kempowski mal dem WDR andrehen wollte.

Gerhard Henschel: In Schmidts Roman Das steinerne Herz spottet der Erzähler über einen Dr. Mellbrügge – „diese reichen Luder können nich genug kriegen : Sogar die Konsonanten im Namen müssen möglichst alle doppelt sein !“ Der frühe Schmidt hat Goethes „sprechende Namen“ wie Mittler, Montan und die „Schöne-Gute“ kritisiert: „Damit gesteht man den absoluten Bankerott der Phantasie ein (wie im Mittelalter, wo auch jeder Figur ein Spruchband aus dem Halse hing).“ Aber der späte hat einen Romanhelden namens Daniel Pagenstecher ersonnen, und wenn man alle Deutungen dieses nicht nur sprechenden, sondern geradezu brabbelnden oder auch schreienden Namens kennengelernt hat, kann man nur noch mit Robert Gernhardt seufzen: „Mein Gott, ist das beziehungsreich! / Ich glaub, ich übergeb mich gleich.“

Wenzel Storch: Ich persönlich hab gar nichts gegen „sprechende Namen“, und Schmidt war ja nicht nur in dieser Hinsicht nicht konsequent. Wofür er jenen grimmig anfaucht, das läßt er diesem – und sich selber natürlich – problemlos durchgehen. Wo ein allseits gebildetes „Gehirntier“ am Werke ist, zumal eins, das James Joyce mit Löffeln gefressen hat, ist`s wohl Ehrensache, daß die Namen multilateral funkeln. Bei Wilhelm Raabe, den Schmidt sehr hochgehalten hat, oder Theodor Fontane spricht`s und brabbelt`s auch ganz schön – allerdings eindimensionaler und fast wie bei Erika Fuchs. Bei Raabe gibt`s den Kollaborator Klopffleisch und den Landmann Lehmpuhl. Eine typische Stelle aus Fontanes Vor dem Sturm: „Der engere Kreis war eine Siebenzahl und bestand aus folgenden Personen: Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar, Präsident von Krach auf Bingenwalde, Generalmajor von Bamme auf Quirlsdorf, Baron von Pehlemann auf Wuschewier, Domherr von Medewitz auf Alt-Medewitz, Hauptmann von Rutze auf Protzhagen, Doktor Faulstich in Kirch-Göritz.“ Da sprechen die Namen ganze Bände, aber den „Bankerott der Phantasie“ würde ich dahinter nicht vermuten. Anders verhält es sich vielleicht mit Thomas Mann: Leo Blumenkohl, Konrad Knöterich, Lobgott Piepsam, Meta Nackedey, Anton Klöterjahn oder Tobias Mindernickel – das ist schon grenzwertig. Daniel Pagenstecher finde ich eigentlich ganz putzig.

Ein guter Benenner war Schmidt schon immer, im Spätwerk läßt er sich etwas mehr gehen. Selbst wenn dort alles mit hundert Geheimzeichen aufgeladen ist – mir soll‘s recht sein. Abend mit Goldrand habe ich trotz der vielen Ebenen, die unerkannt an mir vorbeigerauscht sind, mit Vergnügen gelesen. Was Schmidt konnte wie kaum ein zweiter: ein Bild des dörflichen Lebens geben, speziell des Künstler- und Ehelebens unter drückenden finanziellen Vorzeichen, und das in einer Sprache, deren Wortschatz quer durch die Jahrhunderte geht. Wer in den Siebzigern auf dem Lande großgeworden ist, der kann mit diesem gutgelaunten Buch, das den Einfall einer vor Dreck strotzenden Hippiekommune in ein Heidekaff schildert, eine vergnügliche Zeitreise unternehmen. Erfreulich finde ich, daß alle möglichen Markennamen vorkommen: Alkoholica, Bluthochdrucktabletten, Waschmittel. Abend mit Goldrand beginnt mit einem Fetzen aus einem Schlager von Bata Illic. Da steckt extrem viel Wirklichkeit drin, wenn auch durch eine reichlich dicke Brille betrachtet.

Müßte Martin Schlosser (der Ich-Erzähler in Henschels Kindheitsroman, Jugendroman, Liebesroman und Abenteuerroman; d. Red.), der sich in deiner Chronik ja nicht nur mit dem Fernsehprogramm, sondern auch mit der schönen Literatur beschäftigt, nicht langsam mal auf Arno Schmidt stoßen?

Das Traumpaar der westdeutschen Nachkriegsliteratur.
Das Traumpaar der westdeutschen Nachkriegsliteratur.

Gerhard Henschel: Auf Arno Schmidt wird Martin Schlosser erst im fünften Band der Romanserie stoßen. Unsereinem ist Schmidt in der Schule ja vorenthalten worden. Wir wurden mit mediokren Größen wie Böll und Grass und Dürrenmatt geelendet und selbst noch mit dem Muff des alten Nazis Gerd Gaiser belästigt. Oder war das bei dir anders?

Wenzel Storch: Viel Wohmann, Lenz und Frisch, und in der Oberstufe pausenlos Böll, an dem wir ewig rumgekaut haben, allerdings auch Degenhardt und je ein Stück von Weiss und Hacks. An Goethe bin ich glücklich vorbeigeschrammt, die Wahlverwandtschaften hab ich erst vor zwei Jahren gelesen und fand die Symbolik, nicht nur die der Namen, ziemlich albern. Den Eheberater Mittler zu nennen – da ist Fouqués Einfall, im Zauberring als gute Fee eine Frau Minnetrost auftreten zu lassen, ja Gold gegen.

Und hat Martin Schlosser sie eigentlich alle gelesen – die späten Typoskriptromane?

Gerhard Henschel: Auch Martin Schlosser wird beizeiten Die Schule der Atheisten und Abend mit Goldrand lesen, allerdings mit gemischten Gefühlen. Was wußte denn Schmidt als isolierter alter Bücherwurm von den Hippies? Die kannte er doch nur aus dem Fernsehen, und was er in Abend mit Goldrand aufmarschieren läßt, sind seine eigenen Hirngespinste – Karikaturen von Karikaturen, gesehen durch die wahrhaft reichlich dicke Brille eines Voyeurs, der mit dem Scherenfernrohr um die Badeteiche schleicht und von erotischen Begegnungen zwischen frühreifen Nymphen und greisen Literarhistorikern fabuliert.

Zugutehalten muß man Schmidt aber den fundamentalen Humor, der immer wieder durchbricht. Dadurch wird vieles erträglich – ganz anders als beispielsweise bei Reinhard Jirgl, der von Schmidt die Pose des Weltverächters und sogar manche Schreibweisen übernommen hat, aber keinen einzigen Funken von seinem Humor. Das Ergebnis ist niederschmetternd.

Zu Zettel’s Traum hat es bei mir dann nicht mehr gelangt. Andere Leser sind jedoch schon früher ausgestiegen, wie man weiß. Ich zitiere Harry Rowohlt: „Dann erschien Sitara, und da habe ich mir gedacht: ‚Ab jetzt, lieber Arno, schreibst du nicht mehr für mich. Ab jetzt schreibst du nur noch für dich und deine Sekte.’ Ich meine, ich zwinge doch niemanden, der mir dermaßen deutlich zu verstehen gibt, daß er von mir nicht gelesen werden will, dazu, von mir gelesen zu werden. Man will ihn doch auch nicht quälen, den armen Mann.“ Und jetzt sag bloß noch, daß du Zettel’s Traum gelesen hast.

Wenzel Storch: Schreckliche Vorstellung! Allein der Umfang: 1.500 Riesenseiten! Vielleicht lese ich mir eines Tages mal die Mittelkolumne durch – der Etymquark, der rechts und links angehäuft ist, ist mir zu anstrengend. Aber was Sitara angeht, muß ich Harry Rowohlt widersprechen, allein schon, weil`s lange das einzige Schmidt-Buch war, mit dem ich was anfangen konnte. Da können allerdings Karl-May-Kenntnisse nicht schaden: Wer die 70 Bände in seiner Jugend nicht gelesen hat, wird wahrscheinlich nur den Kopf schütteln. Dort zündet Schmidt die erste Stufe seiner Etymtheorie, allerdings noch sehr witzig. Später dachte er ja, das Ei des Kolumbus entdeckt zu haben, in Form der sogenannten „vierten Instanz“: ein „pornographisches Lachkabinett“, in das geniale Männer nach Einbruch der Impotenz Einzug halten. Da wird’s dann albern und unseriös.

Seine Hippies sind natürlich Abziehbilder, die da über die Klappendorfer Greisen-WG hereinbrechen, ihre Gitarren in Stücke reißen und „Furzelbäume“ schlagen. Scherenschnitte wie die Osagen und Kiowas bei Karl May, die nur als Folie für Anspielungen und Witze dienen. „Wir trag`n die Kleider, bis sie abfaul`n“, erklärt die Anführerin der stinkenden Rotte – derart ist Schmidts Hippiebild: mal verbiestert, dann wieder sehr komisch aus der damals üblichen „Lange Haare, kurzer Verstand“-Perspektive vorgetragen.

Schmidt spielt den großen Hippiefresser und läßt seinen Ressentiments, untermischt mit Geilheit und Neid, freien Lauf. Das hat natürlich auch was Ranziges, besonders wenn man an die Badeteich- und Nymphchenszenen denkt, etwa wenn die 11jährige Babilonia sich so begeistert mit dem 70jährigen Egon befaßt. Schmidt thematisiert das Ranzige aber immer – mit Lust an der eigenen komisch riechenden Macke. Der späte Schmidt dürfte auch ein großer Fernsehgucker gewesen sein, jedenfalls gehe ich davon aus, daß er regelmäßig „Die Zwei“ geguckt hat. Die Serie lief ab 1972, und das Manuskript war erst 1975 abgeschlossen.

Daß Arno Schmidt und der Dialogautor Rainer Brandt Brüder im Geiste sind, werde ich vielleicht mal in einem Aufsätzchen nachweisen. Man kann das Buch fast aufschlagen, wo man will, ob „Gieb Dei`m fructus belly ma`n Klapps uff de Mofette“ oder „je schlackrijer desto schnaufer“ – überall Sprüche, die man auch Danny Wilde und Lord Brett Sinclair zutrauen könnte. Daß das noch niemand gewürdigt hat, ist „jednfalls unter aller Klarinette“, um das 15jährige Mofamädchen Martina Fohrbach zu zitieren.

Gerhard Henschel: Diesen Aufsatz würde ich gern lesen. Doch du hast dich, wie mir scheint, aus ehrlicher und vielleicht auch etwas perverser Liebe zum verrückten und verklemmten alten Schmidt in eine Sackgasse verlaufen. Einerseits soll im Spätwerk „extrem viel Wirklichkeit“ aufbewahrt sein, und andererseits sind die Romanfiguren nur lauter groteske „Abziehbilder“. Wir können aber ruhig so weitermachen: Du verteidigst Schmidt, und ich greife ihn an. Guter Bulle, böser Bulle. Und als böser Bulle möchte ich noch einmal eine Autorität zitieren: „Zu einem anspruchsvollen Leseleben in der Bundesrepublik gehörte eine Phase nachhaltiger Arno-Schmidt-Ansteckung … Man mag Schmidts überlegene Poesie noch so sehr lieben, irgendwann fällt der hämmernde Ton der Belehrung noch dem Langmütigsten auf die Nerven … Was bei Schmidt verstimmt, ist das Auftrumpfen des Heimwerkers und Hobbyerfinders … Ein Hauch von Welträtsellösung und ‚Kosmos‘-Heft weht noch in den späten psychoanalytisch inspirierten Schriften“ (Gustav Seibt).

So ist es auch mir ergangen – Ansteckung, Hingabe, Überdruß. Aber ich kehre auch immer wieder zu den früheren Werken zurück, und da sticht Schmidt alle zeitgenössischen Rivalen spielend aus. Im Leviathan sieht der Erzähler eine Abordnung der Hitlerjugend vorüberziehen: „Und ihre Augen leuchteten wie die Scheiben brennender Irrenhäuser.“ Allein aus diesem Satz habe ich mehr über das Kriegsende erfahren als aus zehntausend Seiten des nobilitierten und kanonisierten Schulbuchlangweilerkollektivs Grass-Lenz-Borchert-Böll.

Wenzel Storch: Die exakt beobachtete Wirklichkeit schließt das Abziehbild ja nicht aus, in diesen Texten existiert so manches neben- und durcheinander. Schmidts Figuren waren schon immer eindimensional, um nicht zu sagen platt: Ich-Erzähler wie aus der Augsburger Puppenkiste, die Holzköpfe gestopft mit Lesefrüchten, Kommentaren zur Zeit und Anweisungen für die korrekte Prosabauweise. In einem „Nachtprogramm“ von 1961 beklagt Schmidt „die fatale Familienähnlichkeit sämtlicher Helden“ von Karl May und kommt zu dem Schluß: „ein=eiige Hundertlinge“. Ohne zu merken, daß er von sich selbst und seinem Werke spricht.

Als guter Bulle will ich den Spieß jetzt mal umdrehen. So toll finde ich etwa die Mondmetaphern gar nicht, und in den früheren Texten geht es doch streckenweise recht gespreizt zu. Was ich, da es von schönen Stellen wimmelt, nicht weiter tragisch finde. Arno Schmidt war ein wahrer „Wasserwerfer von Worten“, da geht eben auch vieles daneben. Daß seine Prosa aufgrund der überall durchschlagenden Schlaumeierei und Prahlsucht einen gewissen Nervfaktor hat, ist unbestreitbar. Deswegen habe ich für Abend mit Goldrand auch ein ganzes Jahr gebraucht und mich zwischendurch bei freundlicheren Autoren erholt. So was kann man nur häppchenweise zu sich nehmen, sonst erwischt einen die Überdosis, und es macht keinen Spaß mehr.

Gerhard Henschel: Schmidts Brieffreund Wilhelm Michels nahm sich einmal die Freiheit heraus, die gleiche Kritik anzubringen, nachdem er Das steinerne Herz gelesen hatte – dem Ich-Erzähler verrutsche nach kurzer Zeit die Perücke, der falsche Schnurrbart hänge schief herab, und zum Vorschein komme Arno Schmidt. Der daraufhin tödlich beleidigt war. Später, als das Ehepaar Michels nach Bargfeld gezogen war, hat er die Verbindung gänzlich abgebrochen und seiner Frau den Umgang mit diesen Leuten verboten.

Eingeschnapptsein und Schmollen als Lebenselixier: Ist das nicht arg pubertär? Mir scheint, daß Schmidt emotional zeitlebens 15 Jahre alt geblieben ist.

Wenzel Storch: Derselbe Wilhelm Michels soll Schmidt 1955 darüber aufgeklärt haben, daß der Name seines Schwagers Kasimir Edschmid „ne Abkürzung von Eduard Schmidt sei. Bei Arno könne man das ja schlecht machen“, so Alice Schmidt in ihrem Tagebuch, „da käme Arsch heraus.“ Der Heidedichter soll darüber „tief beleidigt“ gewesen sein, und 15 Jahre später war dann der Ofen aus. Die „Arsch“-Geschichte erinnert mich an eine Kneipe bei mir um die Ecke, namens Schultheiß-Eck. Mit den Jahren ging über dem Eingang ein Leuchtbuchstabe nach dem andern kaputt. Bis nur noch der Schriftzug „Scheiß-Eck“ übrig blieb – nach Schmidt vermutlich ein lupenreines Etym.

Ich glaube, man kann ohne Übertreibung sagen: Betragen sechs minus. Walther Kiaulehn schildert in seiner Rowohlt-Biographie Schmidts Antrittsbesuch in Hamburg, wie er da aus dem Stand den Lektor Kurt W. Marek alias C. W. Ceram anpöbelt: „Er eröffnete das Gespräch mit einer Reihe von mittelschweren Beleidigungen, die sich fünf Minuten später bis zur Unerträglichkeit steigerten.“ Beim zweiten Besuch, zu dem er mit Alice per Tandem anrauscht, führt Ledig-Rowohlt das Paar in ein Blankeneser Nobelrestaurant. Zur Überraschung des mitspeisenden Marek gibt der Dichter sich gesittet – bis der Teller leer ist: „Als der Nachtisch kam, ließ Schmidt einen Sturzbach von Beleidigungen auf Ledig niederbrausen.“ Was den alten Rowohlt für ihn eingenommen haben soll: „Das ist ja menschlich ein hochinteressanter Autor“, habe der Patriarch seinem Lektor erklärt. „Wenn er nur gegen Sie beleidigend gewesen wäre, hätte ich ihn einfach für einen Flegel gehalten. Daß er aber auch meinen Sohn beleidigt, zeigt doch, daß er ein Charakter ist!“

Gerhard Henschel: Dann kehre jetzt auch ich den Spieß einmal um – diese Berichte über Schmidts herrisches Auftreten und seinen barschen Ton haben mir immer gefallen. Bei allen Vorbehalten gegen die manische Einsiedelei ist mir der rauhbauzige Dagegenschmidt sehr sympathisch. Er hat den ganzen Quatsch einfach nicht mitgemacht: keine Gruppe 47, keine PEN-Club-Zusammenkünfte, kein öffentliches  Tanzbeinschwingen und keine Medienhurerei. Nur brave Brotarbeiten. Er hat sich durch seine Isolation um den geistigen Austausch betrogen, den man braucht, wenn man nicht nur Hofschranzen an sich heranlassen will, aber die radikale Abkehr vom Literaturbetrieb ist geradezu vorbildlich. Dafür verehre ich ihn. Mag sein, daß er sich nach Anerkennung gesehnt hat, aber er war nicht konziliant.

Peter Härtling hat eine sehr süße Anekdote über sich und Schmidt erzählt: „Wir bekamen, 1965, gemeinsam einen Literaturpreis. Er, der schon eine mythische Figur war, und ich, der Anfänger. Ich wurde ihm, dem riesenhaften Mann, der beengt auf einem Stühlchen saß, vorgestellt. Er nahm die Brille ab, um mich nicht zu sehen.“

Die Brille abnehmen, um Peter Härtling und die in ihm so niederschmetternd wie sonst nur in Grass und Böll und Christa Wolf verkörperte Mittelmäßigkeit der deutschen Nachkriegsliteratur nicht sehen zu müssen: Das ist eine Geste von symbolischer Bedeutung.

Wenzel Storch: Apropos „süß“: „Ein liebes Kerlchen ist er schon!!“ teilt uns am 19. März 1955 das Tagebuch von Frau Alice mit, die „das Gelehrtenlein Arno“ liebevoll „Nödel“ nennt. Die beiden hatten eine merkwürdige Privatreligion: Sie lasen den „Segen“ über fertige Manuskripte oder ließen zum Monatswechsel ihre Schutzheiligen hochleben. So feierten sie am 31. Januar 1955 den letzten „Bärdel-Pieper-Tag“, dem am 1. Februar der „1. Kohlenbutz-Häsel-Tag“ folgte, am 1. April war „1. Lilli-Kometen-Tag“ und am 1. Juli „1. Nödel-Bommelleutel-Tag“. Es ist jammerschade, daß es noch keine verläßliche Biographie gibt. Wußtest du, daß Gustav Ehmck, der Regisseur des „Räuber Hotzenplotz“, zu Schmidts Lebzeiten im ganz großen Stil Die Gelehrtenrepublik verfilmen wollte? Warum es dazu nicht kam, darüber wird uns wohl nur eine große Biographie aufklären können. Ehmck feiert am 1. Dezember seinen 75. Geburtstag, den könnte man noch befragen …

 

Solange es die große Arno-Schmidt-Biographie nicht gibt, sollten Interessierte zu Wenzel Storchs kleiner Bildbiographie greifen: Arno & Alice ist soeben als konkret texte-Band 59 (88 Seiten, 24,80 Euro) erschienen. In diesem Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans ist das aufregende Leben des Ritters von der „vierten Instanz“ auf 80 Farbtafeln dargestellt: Das Traumpaar der westdeutschen Nachkriegsliteratur ist ausgiebig bei der Freizeitgestaltung zu sehen – beim Karneval in Bargfeld, auf großer Tandemtour oder beim Chillen auf dem Schauerfeld.

Gerhard Henschel hat gerade den Abenteueroman (Hoffmann & Campe) sowie die Glossen-und Verrißsammlung Beim Zwiebeln des Häuters (Edition Tiamat) veröffentlicht.

Erschienen in „konkret“ 11/2012

Bilder: aus dem Buch „Arno & Alice“

 

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