Film-Chat: Oscars 2013

Michael Scholten
Rüdiger Meyer

Rüdiger Meyer und Michael Scholten arbeiteten viele Jahre zusammen bei TV Spielfilm in Hamburg. Scholten ging auf Weltreise und wanderte nach Kambodscha aus, Meyer blieb dem Medium treu und bloggte in der vergangenen Nacht live über die Oscar-Verleihung, die sich Ex-Kollege Scholten zeitgleich in Phnom Penh – durch die Zeitverschiebung als Vormittagsprogramm – anschaute.

Auf getidan.de chatten sie über ihre frischen Oscar-Eindrücke.

 

Michael Scholten: Die Oscars 2013 sind verliehen. Es wurde viel gesungen, viel getanzt und viel gedankt. War das aus Sicht des Oscar-Fans eine Standardnummer oder gab es für Dich echte Highlights und Überraschungen?

Rüdiger Meyer: Das Überraschendste war, wie wenig überraschend das alles war. Im Vorfeld deutete vieles auf eine außergewöhnliche Verleihung hin. Zum einen weil mit Seth MacFarlane ein Moderator gewählt wurde, dem man zutraute, das Establishment kräftig aufzumischen, zum anderen weil die Nominierungen so überraschend waren. Doch am Ende war es eine Verleihung wie jede andere, sowohl was die Inszenierung betrifft wie auch die Gewinner.

Michael Scholten: Ich hatte den Eindruck, dass die Preise sehr breit mit der Gießkanne gestreut wurden, damit am Ende fast jeder Film etwas abbekam. War unterm Strich Argo ein würdiger Bester Film dieses Jahrgangs?

Rüdiger Meyer: Fakt ist, dass mit Argo ein Film gewonnen hat, den die Academy eigentlich nicht prämieren wollte.

Michael Scholten: Die Academy schien sich in Spielbergs Lincoln verliebt zu haben und – zu meinem Schrecken – in Les Miserables. Warum hat sich diese Liebe zum Monumentalen am Ende nicht in Form eines Oscar-Regens gezeigt?

Rüdiger Meyer: Zwei Worte: Ben Affleck. Die Regisseure der Academy haben in diesem Jahr erstmals ihre Nominierungen gemacht, bevor sie die Nominierungen der Directors Guild of America kannten. Die Academy fand, dass Argo keiner der Top-5-Filme sei und hat deshalb auch Affleck nicht als Regisseur nominiert. Der Aufschrei, der daraufhin folgte, warf das ganze Oscar-Rennen über den Haufen. Alle Gilden trösteten Affleck mit Preisen – und dem konnte sich die Academy dann nicht mehr entziehen. So wurde Argo der erste Beste Film seit 23 Jahren ohne Regie-Nominierung. Tatsache ist aber auch, dass Lincoln gar keine Chance hatte. Er hat keinen einzigen wichtigen Preis im Vorfeld gewonnen, die vielen Nominierungen waren reine Augenwischerei. Ähnliches gilt für Les Miserables. Und so wurde Argo der Beste Film.

Michael Scholten: Teilst Du eigentlich meinen Eindruck, dass die Kategorie Beste Hauptdarstellerin noch nie so schwach besetzt war wie in diesem Jahr und die Kategorie Bester Nebendarsteller so stark besetzt wie nie zuvor? Und hat die Academy in beiden Fällen richtig gewählt?

Rüdiger Meyer: Nein, den Eindruck teile ich nicht. Wenn man mal davon absieht, dass ich mit Kinder-Nominierungen meine Probleme habe, fand ich die Hauptdarstellerinnen alle extrem stark. Und die Nebendarsteller sind ohnehin immer starke Kategorien, weil hier viel getrickst wird. So hat dieses Jahr Oscar-Mogul Harvey Weinstein Hauptdarsteller Christoph Waltz als Nebendarsteller lanciert, weil der nur hier eine Chance hatte. Aber ich finde, mit beiden Siegern kann man gut leben, auch wenn es mir persönlich für Tommy Lee Jones etwas leid tat.

Michael Scholten: Ich glaube, den hat seine unschöne Perücke in Lincoln disqualifiziert…

Rüdiger Meyer: Eher sein grimmiger Blick beim Golden Globe, über den sich Seth MacFarlane gleich zu Beginn lustig machte:

Tommy Lee Jones Is Not Impressed by the Golden Globes

 via mashable.com (siehe mehr dort)

Michael Scholten: War Christoph Waltz in Django Unchained wirklich besser als Robert De Niro in Silver Linings?

Rüdiger Meyer: Ich fand De Niro gut, aber nicht überragend. Waltz kann aber De Niro dankbar sein, denn ohne ihn hätte er den Oscar vielleicht nicht gewonnen. Der clevere Harvey Weinstein hat eine Riesen-PR-Kampagne für De Niro gefahren, weil er wusste, dass der Tommy Lee Jones Stimmen wegnehmen kann und so mit Waltz ein weiterer Weinstein-Schützling gewinnen kann.

Michael Scholten: Ganz schön perfide. Aber Österreich freut sich darüber natürlich ohne Ende, zumal neben Waltz (der ja nach seinem Inglourious-Basterds-Oscar schnell als Österreicher eingebürgert wurde) auch noch einen zweiten Oscar durch Michael Hanekes Liebe bekam. Warum wurde der eigentlich als bester fremdsprachiger Film nominiert und dann noch in so vielen anderen “amerikanischen” Kategorien?

Rüdiger Meyer: Liebe dreht sich um ein altes Ehepaar, und das Durchschnittsalter der Oscar-Wähler liegt bei 62 Jahren.

Michael Scholten: Okay, da dominiert der Wiedererkennungswert. Aber um junge Zuschauer zu ködern, hat die Academy ja diesmal Seth MacFarlane als Moderator gebucht. Ich mag Family Guy nicht, fand aber seinen Kinofilm Ted grandios. Als Oscar-Host ist er aber, sorry, grandios gescheitert. Finde ich.

Rüdiger Meyer: Ich fand, er hat ein wenig seine eigene Identität aufgegeben und reiht sich nahtlos in die Riege seiner Vorgänger ein. In der Mitte seines Openings mit Captain Kirk stand irgendwann “Seth MacFarlane mediocre as Oscar Host” – das trifft es irgendwie. Aber Flight mit Sockenpuppen nachzuspielen, war schon groß…

Michael Scholten: Stimmt, bei den Socken war ich auch kurz optimistisch. Hinterher stand er nur noch in der Ecke und sagte alte Schauspieler und alt gewordene Schauspielerinnen an, die dann als Laudatoren auf die Bühne kamen und nicht immer eine glückliche Figur machten. Und es wurde einfach zu viel gesungen, getanzt, geschrien. Wer zum Teufel hat sich eigentlich einfallen lassen, die Verleihung zum Dauermusical zu machen?

Rüdiger Meyer: Naja, wenn man als Produzenten der Show die Macher der Serie Smash anheuert, ist das nicht gerade überraschend.

Michael Scholten: Die sagten in der Pre-Show, sie hätten die Verleihung acht Jahre lang vorbereitet, obwohl sie gar keiner gefragt hat. Glaubst Du, die Academy lässt diese Produzenten noch mal ran?

Rüdiger Meyer: Das werden wir heute Abend wissen, wenn die Einschaltquote da ist.

Michael Scholten: Dank der Laudatoren waren immerhin Filmhits wie The Avengers, Harry Potter und Twilight auf der Bühne vertreten. Bei den Nominierungen fehlen solche Filme nach wie vor. Sollte die Academy über ihren Schatten springen, um die Oscars langfristig zu retten?
Rüdiger Meyer: Der Tag, an dem Twilight nominiert wird, ist der Tag an dem ich die Oscar-Verleihung nicht mehr schaue.

Michael Scholten: ICH musste ja schon Les Miserables ertragen, das Schlimmste, was ich seit Jahren auf der Leinwand gesehen, hören und erleiden musste.

Rüdiger Meyer: Sie haben ja versucht, Blockbuster reinzubekommen durch mehr Nominierte – aber vergeblich.

Michael Scholten: James Bond hat zu seinem 50. Geburtstag schlagartig die Zahl seiner Oscars verdoppelt, wie Du so schön im TV-Spielfilm-Blog geschrieben hast. Ein Zugeständnis an den alten Agenten? Oder war Skyfall (immerhin von einem Oscar-Gewinner inszeniert) wirklich besser als alle anderen Bond-Filme zuvor?

Rüdiger Meyer: Naja, es ist ja nicht so, dass es Darsteller- oder Drehbuch-Oscars waren. An Adele mit dem Besten Song konnten sie schlecht vorbei. Und der für Tonschnitt war ja eigentlich nur ein halber Oscar.

Michael Scholten: Stimmt. Da ist ja Oscar-Geschichte geschrieben worden. In welchen Fällen werden eigentlich zwei Filme in einer Kategorie mit einem Oscar ausgezeichnet und warum passiert das so selten?

Rüdiger Meyer: Es ist, wie ich gerade gelernt habe, das sechste Mal gewesen. Drei davon waren aber in Kategorien wie Kurzfilm, wo es nur wenige Wähler gibt. Es passiert so selten, weil es knapp 6000 Wähler gibt und die Wahrscheinlichkeit dadurch recht gering ist. Wobei es nicht absolute Stimmengleichheit sein muss. Laut Oscar-Regeln ist es ein Unentschieden, wenn zwei Filme nur drei Stimmen oder weniger auseinanderliegen.

Michael Scholten: Überraschungen und Höhepunkte haben wir besprochen. Was war in Deinen Augen der Tiefpunkt des Abends und was die größte Fehlentscheidung?

Rüdiger Meyer: Puh, schwierig. Auf das meiste konnte man sich einstellen. Man hätte Argo, damit er neben Bestem Film noch was bekommt, nicht unbedingt Schnitt geben müssen und stattdessen Zero Dark Thirty küren können. Und ob der Animationsfilm Merida wirklich besser ist als Ralph reicht’s, weiß ich auch nicht. Aber einen echten Aufreger gab es für mich nicht.

Tiefpunkt der Verleihung war die Präsentation von Melissa McCarthy und Paul Rudd. Das ging mal so richtig in die Hose.

Michael Scholten: Da war ich mir auch nicht sicher, ob es Teil der Darbietung war, NICHT ins Mikrophon zu sprechen. Und obwohl ich mir anmaße, Hollywood recht gut zu kennen, musste ich mich bei diesen beiden Figuren fragen: Wer sind die dicke Frau und der Mann mit Bart?

Rüdiger Meyer: Die dicke Frau hat sogar eine Oscar-Nominierung.

Michael Scholten: Wofür? Wann? Und warum?

Rüdiger Meyer: Das Gedächtnis lässt nach, wie? Letztes Jahr für Brautalarm.

Michael Scholten: 2012 saß ich im Nachtbus von Phnom Penh nach Siem Reap, als parallel in Hollywood die Oscars verliehen wurden. Und offenbar habe ich nichts verpasst.

Rüdiger Meyer: Über welchen Oscar hast Du Dich denn am meisten gefreut?

Michael Scholten: Über jede Kategorie, in der Les Miserables nominiert war und am Ende leer ausging. Normalerweise freue ich mich immer auf die Rubrik In Memoriam, weil ich die Erinnerung an die verstorbenen Stars und Filmemacher stets für einen emotionalen Höhepunkt halte. Aber auch dort blieb ich diesmal unberührt. Außer Ernest Borgnine und Jack Klugman vermisse ich keinen von der Todesliste. Und als dann noch Barbra Streisand kam und sang, war mir eh die Lust vergangen.

Rüdiger Meyer: Ich habe 2013 nur mit einem Film mitgefiebert: Paperman. Und der hat ja in der Kategorie bester animierter Kurzfilm gewonnen.

 

Michael Scholten: Blicken wir in die Zukunft: Gibt es schon heiße Oscar-Anwärter für die Verleihung im Februar 2014?

Rüdiger Meyer: In den nächsten Monaten gibt es unter anderem neue Filme von Martin Scorsese, Baz Luhrmann und den Coen-Brüdern. Die muss man immer auf dem Zettel haben. Und Tom Hanks spielt den Oscar-Rekordhalter Walt Disney in einem Biopic.

Michael Scholten: Bekommt Peter Jackson Anfang 2015 wieder so einen Sammel-Oscar für 3 x Hobbit wie zuvor schon für 3 x Herr der Ringe?

Rüdiger Meyer: Sicher nicht.

Michael Scholten: Wieso? Da ist doch alles wie immer.

Rüdiger Meyer: Der erste Herr der Ringe hatte, glaube ich, elf Nominierungen. Der erste Hobbit hatte nur drei. Die Academy scheint kein Fan zu sein.

Michael Scholten: Kommen wir zum Ende, aber nicht ohne die Frage aller Fragen zu beantworten: Was war für Dich der größte Oscar-Moment aller 85 Verleihungen?

Rüdiger Meyer: Da die ersten 60 an mir vorbeigegangen sind, muss ich mich auf die jüngere Vergangenheit beziehen. Ich habe immer mit diebischem Vergnügen die Montagen von Billy Crystal in Ausschnitten aus den nominierten Filmen genossen. Was die Gewinner angeht, hatte ich keinen so prägenden Moment. Mir sind immer mehr die Ärgernisse präsent.

Michael Scholten: Welche waren das?

Rüdiger Meyer: Meine größten Ärgernisse waren, als Crash als Bester Film ausgezeichnet wurde. Und als Blade Runner in den Kategorien Ausstattung und Spezialeffekte gegen Gandhi und E.T. – Der Außerirdische verlor.

J. Spader als W. N. Bilbo in LINCOLN
© 2012 DreamWorks II Distribution Co., LLC and Twentieth Century Fox Film Corporation

Michael Scholten: Naja, Ausstattung kann ich nachvollziehen, weil Gandhi ja 300.000 indische “Requisiten” bei der Beerdigungsszene hatte. Crash war in der Tat ein kranker Dreck. Was macht James Spader heute eigentlich beruflich?

Rüdiger Meyer: Unter anderem in Lincoln mitspielen, Herr Scholten!

Michael Scholten: Echt? Als Tommy Lee Jones? Ich glaub, ich schau mir Lincoln jetzt noch mal an. Stör mich bitte die nächsten (gefühlten) acht Stunden nicht!

Rüdiger Meyer: Und was war Dein Lieblingsmoment aller Oscar-Verleihungen?

Michael Scholten: Mein magischer Moment war sehr persönlich: 2000 ging mein Traum in Erfüllung, endlich selbst mal als Gast bei der Oscar-Verleihung dabei zu sein. Damals stand Ben Affleck auch schon auf der Bühne wegen Good Will Hunting mit seinem Buddy Matt Damon. Der unschlagbare Billy Cystal moderierte, spendete seinem Kumpel Robin Williams Applaus, als dieser verdient als Bester Nebendarsteller gewann. Und was passierte dann? In einer Werbepause kam so ein offizieller Heini an meinen Platz, verdächtigte mich, ein Schwarzmarktticket zu haben, knarzte mich an, ihm zu folgen, und schmiss mich schlussendlich raus. Da stand ich nun in meinem für 100 Dollar geliehenen Smoking, fand meine Limousine nicht mehr und musste mit dem Taxi ins Hotel zurückfahren, um dort das Ende der Verleihung zu gucken. Seither verfolge ich den Masterplan, selbst Filme zu machen, einen Oscar zu gewinnen und diese nette Episode in meine Dankesrede einzuflechten. Drück mir die Daumen…

 

JAHNKE & SCHOLTEN

(diesmal Rüdiger Meyer und Michael Scholten im Film-Chat)

Bild via mashable.com

Share

Ein Gedanke zu „;Film-Chat: Oscars 2013

  1. Ich bin mir fast sicher Rüdiger Meyer meint den Film L.A. Crash von Paul Haggis und nicht wie fälschlich von Michael Scholten verstanden den Film Crash von David Cronenberg, in dem James Spader tatsächlich mitspielt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere