Schöne Uckermark, leere Uckermark

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BRANDENBURG

Eine Region zwischen Trostlosigkeit und Aufbruch

Von Maximilian Klein

Die Uckermark ist vielerorts nahezu menschenleer: Die Jungen gehen, die Alten sterben weg. Einzige Hoffnung für die Region: Städter, die ihren Traum vom Landleben verwirklichen wollen und einen Neuanfang wagen. (Deutschlandradio Kultur)   Beitrag hören

Deutschlandradio Kultur: LÄNDERREPORT | Beitrag vom 18.09.2014

Bild © getidan

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Die Uckermark ist vielerorts nahezu menschenleer: Die Jungen gehen, die Alten sterben weg. Einzige Hoffnung für die Region: Städter, die ihren Traum vom Landleben verwirklichen wollen und einen Neuanfang wagen. Er kommt mit dem Bus. Er kommt zu früh. Er ist der Fahrer. Mit seinem Bus kommt Jan Erik Fischer, wenn man ihn braucht. Aber dann muss er erst einmal telefonieren. Sein Bus ist ein Rufbus. “Also da meldet man im Prinzip eine Fahrt an, da gibt es eine Zentrale, eine zentrale Rufnummer. Es gibt auch einen Fahrplan für diese Rufbusabfahrtzeiten. Und wenn ich jetzt nach Templin oder nach Boitzenburg möchte oder ins nächste Dorf, dann rufe ich einfach in dieser Zentrale an, dann kommt ein Taxi, holt mich dann ab von der Bushaltestelle und bringt mich dann zu dem normalen, öffentlichen Tarif in den nächsten Ort oder in die nächste Stadt. Also nicht zum Taxitarif, sondern zum normalen Preis.” Es gibt den Linienverkehr, es gibt Schulbusse und Rufbusse gibt es auch. Nahverkehr und Uckermark. Das funktioniert (nur) irgendwie anders. Es muss so sein, denn die Fahrgäste … Nun ja: “Man kennt alle. Also es ist sehr, sehr selten, dass Leute einem unbekannt sind. Man hat dann auch mal in der Tourismus-Saison fremde Touristen, die man nicht kennt. Aber eigentlich kennt man alle.” Man kennt alle. Und ihre besonderen Wünsche. Und lernt, dass die fette Henne ein Pilz ist: “Hier unten am Grund im Ziesberg gibt es zum Beispiel einen Baum, dort springt eine Oma grundsätzlich raus, wenn die Rufbus fährt und rennt einmal um diese Kiefer rum, weil immer zwei bis dreimal im Jahr wächst an dieser Kiefer ein große ‘Fette Henne und während des öffentlichen Nahverkehrs wird dann mal schnell ein Pilz gepflückt.” Jan Erik Fischer, ist nicht nur Busfahrer, er hat ein Busunternehmen – ein kleines, wie er sagt. Ein Taxi hat er auch. Und alles hängt irgendwie zusammen. Die Zahl der Fahrgäste dürfte übersichtlich sein, zumindest ist es wohl eine schwere Frage. Oder ein Betriebsgeheimnis: “Da eine Zahl zu nennen. Es gibt Verkehrszählungen. Am Monatsanfang sind es mehr Fahrgäste, am Monatsende sind es weniger. Um das auch mal so in den Raum zu stellen. Die Schülerzahlen sind so … aus manchen Dörfern gibt es gar keine mehr. Manche Dörfer haben sich wieder sehr positiv entwickelt. Ein Dorf wie Thomsdorf bringt es morgens auf ca. 20 bis 25 Kinder, andere Dörfer haben gar keine mehr. Wir fahren mitunter auch nur mit zwei oder drei Fahrgästen durch die Gegend.”

Ein Hauch von Wildnis

Die Uckermark. Die Natur ist urig. Sie verschlingt einen regelrecht. Ein Hauch von Wildnis. Die Probleme liegen in der Zivilisation denn – die Jungen ziehen weg. Die Alten sterben weg. Wer weiß das besser, als der Busfahrer: “Wenn ich mein altes Heimatdorf durchgehe, wo ich aufgewachsen bin. Hardenbeck, das Nachbardorf … Dort ist es so, dass im Prinzip in jedem zweiten Haus schon Leute wohnen die über 70 sind. 75, 76, also etwa das Alter meiner Eltern.” Jan Erik Fischer selbst ist 42 Jahre alt. “Und da kann man im Prinzip an zwei Händen abzählen wer noch in zehn Jahren hier wohnen wird. Also entweder es werden alles Wochenendhäuser oder es wird ein Zuzug stattfinden. Aber ich tippe da eher auf Wochenendhäuser, weil ein Zuzug mit Kindern ist doch relativ wenig da.” Stille. Und Bienen, Bäume, Schafe, Vögel. Stille, zum nervös werden. In der Ferne ein Auto. Dann huscht eine Katze vorbei. Ein Vogel landet auf einem Ast. Eine Taube gurrt. Ein Moped irgendwo weit weg. Ein Schaf blökt. Die Ereignisse von zwei Stunden. In der dritten Stunde huscht die Katze noch einmal vorbei, diesmal in umgekehrter Richtung. Der Vogel ist da schon wieder weg. Jetzt könnte wieder ein Auto kommen. So vergehen Tage im Boitzenburger Land. In diesen Landmagazinen, die am Kiosk liegen, klingt das immer wie nachbearbeitet: “Unberührte Landschaften, hohe Berge, tiefblaue Seen und kühle Luft bringen frischen Wind in den Alltag und helfen immer wieder dabei, das Gemüt jenseits vom Großstadtlärm zu akklimatisieren. LANDLEBEN orientiert sich an der Kraft der Natur und zeigt, dass es ganz einfach ist, diese erlebbar zu machen.”

Praktisch leer

Deutschland ist dicht besiedelt. So dicht, wie keine andere Region in Europa. Die Uckermark ist nicht dicht besiedelt. Um die 40 Einwohner je Quadratkilometer sollen es sein. Und im Boitzenburger Land, einem Teil der Uckermark, sind es nur 16 Einwohner pro Quadratkilometer. Das gilt als unbesiedelt, praktisch leer. Eine Ecke für das schnelle Robinson-Crusoe-Gefühl. Der Blick hat Platz. Viel Platz. Es ist kaum jemand hier. Berlin ist eine gute Autostunde entfernt, Richtung Süden. Ach, Berlin. Eine Autostunde kann lange dauern. Hier ist eben Uckermark. Die Orte hier heißen Templin. Prenzlau. Schwedt. Und Boitzenburg. Die Sehenswürdigkeit hier ist ein Mülleimer, der Werbesprüche aufsagt, wenn etwas eingeworfen wird. Ansonsten: Ein Schloss, eine Eisdiele, eine neue Kneipe, Plattenbauten. Ein Supermarkt, dessen verwittertes, schlecht lesbares Schild behauptet, ein Frischemarkt zu sein. Eine Mischung aus Tristesse, gepflegter Langeweile und Sommerabendmelancholie. Die Stimmung heißt “Mensch, erinnerst du dich noch an …” “Wollen Sie hüt abend noch nach hus? Nach Vatern un Muttern?”“Was heißt dis?”“Ob Sie heute Abend noch nach Hause wollen. Ob Sie zu Vatern wollen oder zu Muttern wollen.” Die Fleischerei ist schon lange geschlossen. Es braucht viel Fantasie, um sich den alten Laden als Fleischerei vorzustellen. Jetzt sitzen zwei alte Damen darin. “Wir hatten die Fleischerei. Das war hier der Laden hier vorne wo wir sitzen. Hier war der Ladentisch, mittma erstmal rausjebracht, vorjes Jahr. Viele Leute, einjekauft hier.” Die beiden Damen haben sich einen Klapptisch aufgestellt, Kaffeetassen mitgebracht, und die Tür offen gelassen, falls ein Neugieriger vorbei kommt. Auf Wunsch singen sie die Brandenburghymne. Und sie erzählen: “Aber wir sprechen ein anderes Uckermark. Wir sprechen ein anderes Platt. Der Uckermärker spricht anders. Neustrelitz spricht schon wieder anders wie hier.”

Bloß weg hier!

Der Laden – zu. Die Sprache – stirbt aus. Die Menschen – gehen weg. Das tun sie schon immer. Sie haben das getan, als es mit der DDR losging. Und als es mit der DDR zu Ende ging, haben sie es wieder getan. 56, 50, 52, 56, 58, da war doch diese Flucht. Da sind se doch alle abgehauen, weil sie das Soll nicht mehr erfüllen konnten, die Bauern. Und da sind sie doch alle nachn Westen abgehauen. Alle nicht, aber die meisten. Und dann kam nachher der Zusammenbruch. Und dann nachher kam dann die LPG.” Die alten Damen sind geblieben. Sie sind geblieben, als sie jung waren. Und jetzt bleiben sie erst recht. Wo sollen sie auch hin? Ihre Familien waren ja auch hier: “Einer hat da jearbeitet, im Feldbau. Der Andere hat Stallungen übernommen. Mein Cousin hat damals Schweinestall übernommen.” Wer das Landleben kennt, muss nicht lesen, was die Magazine über das Landleben herumfloskeln: “Im Herbst haben Heidegewächse ihren großen Auftritt. Die zarten Blütentriebe der Besenheide lassen sich ganz einfach zu herbstlichen Dekorationen verarbeiten.” Zwischen all das Früher der alten Damen schleicht sich ein Heute ein. Zu den Geschichten von geschlossen, verfallen und weggegangen kommt ein “viel gemacht”. “Na es wird viel gemacht. Wenn sie jetzt durch den Dörfer fahren, diese Farben schon. Dass jeder sein Grundstück in Ordnung hält. Früher war der Hoftor auf, ditt hat alles jehangen, weil es keinem mehr gehörte. Die sind alle geflüchtet, die haben sich da eine Existenz aufgebaut.”

Die Berliner und das Landleben

Draußen läuft eine Hochzeitsgesellschaft durch die Straßen. Es passiert eben doch etwas.
Das wissen auch die Berliner und kommen in Scharen. Landleben heißt der Trend. Und Natur. Die gibt es hier reichlich. Malerisch, verwunschen. Viele Seen, glasklar. Und Bio. Irgendwie. “Sie sehen ditt am Auto. BBB. Und dann fragen se und machen und tun. Iss ja bloß Wochenende nich … Iss Öko, iss Bio. Das ist ja jetzt schon nun so oft anjekommen: BIO, Biofleisch. 20 Euro für Rindfleisch, das Kilo. Und was isses?” Die Berliner kommen und wollen Einsamkeit. Kultivierte Einsamkeit. Latte Macchiato mit Blick auf Kuhweide. Cappuccino, aber bitte laktosefrei. Freilaufende Schafe – aber geruchsneutral. Hilfe, ein Raubtier. – Ach, so sieht eine Henne aus? Die Berliner und das Landleben. Der Busunternehmer Jan-Erik Fischer gehört zu denen, die zugezogen sind. Seit 22 Jahren lebt er in der Uckermark. Er stammt aus Thüringen. Da ist man dem Landleben näher als die Berliner, die sich am Landleben versuchen: “Ja. Sehr viele Berliner. Auch die auch fest hierher ziehen, die auch ihren festen Wohnsitz sich hier schaffen. Aber diese Familien sind dann meistens schon in dem Alter, die keine Kinder mehr haben oder die Kinder dann auch nur am Wochenende kommen.” Nur am Wochenende. Berliner halten nur dann Ruhe aus. Der Plan klingt gut: Fünf Tage in Berlin arbeiten. Und am Wochenende Ruhe auf dem Land. “Und vielfach ist es dann auch zu sehen, dass man im Prinzip das Geld aufgebracht hat, um sich dieses Wochenendhaus zu erwerben und dann natürlich nachher das Geld nicht hat, um das Wochenendhaus auch zu unterhalten. Das ist natürlich auch sehr oft zu sehen.”

Große Träume – großes Scheitern

Jan Erik Fischer sieht vieles in der Gegend. Sieht, wie Häuser die Besitzer wechseln, sieht große Anfänge und geplatzte Träume. Sieht die Illusionen. Und die Realität, die die Träume durchkreuzt. Alltag und Hochglanz will einfach nicht zusammenpassen. “Ja die Leute wohnen in den Häusern, streckenweise gibt es ganz makabere Beispiele. Da hat sich einer ein Wochenendhaus auch gekauft, ein Bauwagen in die Mitte gestellt und wohnt in dem Bauwagen und die Häuser drum herum zerfallen.” Die Alteingesessenen haben manches mal gelacht. Oder sie haben einfach die Schultern hochgezogen. Und wieder fallengelassen. Das muss als Kommentar genügen, wenn Berliner scheitern. Bloß, manchmal haben sie auch etwas bewirkt, die Zugezogenen. Die Uckermärker ziehen dann die Schultern hoch. Und lassen sie wieder fallen. Das ist in etwa dasselbe, wie wenn Berliner sagen: Da kann man nicht meckern. Berliner ändern die Dinge ja nicht nur, manchmal ändern sie sie auch zum Besseren: “Vor allem bringen sie auch ein bisschen Kultur in die Gegend. Na ja. Niveau kann man schlecht sagen. Wir sind ja auch nicht niveaulos, wenn wir auf dem Dorf wohnen. Aber auch so ein bisschen höhere Kultur. Sei es so Konzerte und solche Dinge, also das wird dann schon organisiert durch diese Leute oftmals. Und das ist natürlich auch sehr angenehm, ja.” Die Uckermark fühlt sich an wie ein langer Blick in die Flamme einer Kerze. Sie entspannt. Bis hin zur Lähmung. Die Uckermark muss belebt werden. Das ist das Ziel der Willkommensagentur. Zu finden ist sie in Templin, einer Stadt mit knall rosafarbenem Rathaus. Die Agentur ist für alle da, die ein neues Leben mit mehr Platz und viel Grün beginnen möchten. Es ist der Traum von Großstädtern.

Großstädter und Landleben – ein niedliches Thema

Neumann: “Ja, Großstädter und Landleben ist schon auch manchmal ein ganz niedliches Thema. Und die Vorstellung, wenn man das Landleben nicht kennt, die Vorstellung, die man vielleicht hat und die dann hier anders sind … da leisten wir auch glaube ich Vermittlungsarbeit zwischen den Lokalen, zwischen den hiesigen und denen, die sich dafür interessieren. Ich habe auch wirklich Zuzuginteressierte, die hier sitzen und sagen: Ja aber wir wollen mit der Region und in der Region und in Vereinen oder, oder uns engagieren …” Die Willkommensagentur mit Sitz in Templin. Vorn wird Regionales verkauft und Staubfänger für Touristen. Hinten steht der Schreibtisch von Stephanie Neumann, darauf ein Macbook, daneben ein Flipchart. So soll die Uckermark wiederbelebt werden: //”Hintergrund und Träger des Vereins Willkommens-Agentur Uckermark ist der Verein zu Hause in Brandenburg. Und der beschäftigt sich mittlerweile seit über fünf Jahren mit dem Thema Rückkehr in die Uckermark, Perspektiven für jüngere Leute, junge Familien in der Uckermark. Aufzuzeigen, auch noch mal die schönen Seiten der Region noch mal zu zeigen. Und das vielleicht schlechte Bild, das manche Abgewanderte noch haben, aus der Zeit als sie aus Perspektivlosigkeit das Weite gesucht haben, abgewandert sind, das wir das jetzt so ein bisschen richtigstellen, zeigen, was für Perspektiven gibt es hier wieder.”//

Willkommens-Agentur für Zuzügler

Perspektiven. Modellprojekte. Die Sprache von Behörden, die versuchen, Menschen zu erreichen. Die Willkommensagentur ist der Hilferuf einer Region. Oder eine Agentur mit Überzeugungsauftrag. “Nun die demografischen Prognosen bis 2030 und so, die schweben ja wie so ein Damoklesschwert über uns … überalterte Bevölkerungsstruktur, Fachkräftemangel, wenig Angebote für junge Leute. Weil sich die Region auf die älter werdende Bevölkerung einstellt. Unternehmensnachfolgen mitunter nicht geklärt, weil einfach in Rente gegangen wird und die jungen Leute abgewandert sind.” Das Willkommen ist nach Berufen sortiert: Auf dem Flipchart sind Berufe notiert, für die Rückkehrer gebraucht werden. Weit oben steht: Bürokaufleute. Darunter Landwirt, Tierarzt. Ganz oben aber, dick unterstrichen steht ein anderer Beruf.

Altenpfleger – Beruf mit Zukunft

“Was aufgrund des demografischen Wandels natürlich sehr gebraucht wird sind Pflegekräfte und Altenpfleger. Also die Berufe haben hier wirklich Zukunft und keine Probleme eigentlich Arbeit zu finden … dann auch Industrieberufe.” Stephanie Neumann selbst weiß, was es heißt, zurückzukehren. Sie stammt aus der Oberlausitz, lebte zwölf Jahre in Berlin, zwei Jahre in Australien – und jetzt eben in der Uckermark. “Wir haben Rückkehrer aus Norwegen, mehrere. Viele Anfragen betreffen in erster Linie natürlich Arbeitsmarkt, berufliche Perspektiven oder auch Existenzgründung. Klar. Wenn Kinder dabei sind, geht es von der Tanzschule bis zur Schule, spezielle Schulen auch … oder, oder, oder …” Auf der Homepage der Willkommens-Agentur sind Geschichten von Rückkehrern zu lesen. Neun Biografien. Neun Trophäen. Es sollen Beispiele sein für die erfolgreiche Arbeit der Agentur. Eines der Beispiele ist Arne Roßberg aus Templin. Er war einige Jahre weg: “Also eigentlich die Hälfte meines Lebens, ich bin mit 14 weg, in der siebten Klasse, nach Mecklenburg Vorpommern, Neubrandenburg und bin jetzt mit 34 wieder zurückgekommen.” Weg ist er, weil er auf ein Sportgymnasium wechseln wollte. Zurück kam er, um ein Fitnessstudio zu eröffnen. Dazwischen liegen Jahre in Neubrandenburg und Nordrhein-Westfalen für Ausbildungen, Prüfungen und um Erfahrungen zu sammeln. “Ja. Also man muss natürlich auch wirklich sagen, ich komm selber mein halbes Leben in Ballungsgebieten in Nordrhein-Westfalen, eigentlich alles was man anpackt und macht kann man sag ich mal ne Nummer kleiner denken und auch herangehen, sei es Zielgruppe die man anspricht oder Umsätze und Möglichkeiten die man halt ausschöpfen möchte. Ist halt alles kleiner aber es ist natürlich klar die Menschen hier sind doch eher älter.” Älter sind die Menschen also geworden. Und vielleicht nicht unbedingt neugierig, wenn jemand kommt, um ein Fitnessstudio zu eröffnen. “Und man muss sicherlich auch ein wenig mehr Geduld, Durchsetzungsvermögen und Durchhaltefähigkeiten mitbringen, denn klar kommt man in vielen Bereichen mit mehr Skepsis in Kontakt, da halt auch die Aufklärung in bestimmten Bereichen wie bei mir zum Beispiel im Sport und im Fitnessbereich doch eher behaftet sind. Durch die Angebote vorher oder durch gar keine Erfahrung. Da muss man schon sagen, da ist man in der Uckermark schon eher vorsichtiger, nicht so angriffslustig, probiert nicht sofort aus.” Arne Rosberg kann viel erzählen, weil sich viel verändert hat. Touristen kommen – was hätten sie hier früher schon finden können – außer Landschaft. Inzwischen gibt es Landschaft und Souvenirs. Und manchmal eine Gastwirtschaft und Radwege. Busunternehmer Jan Erik Fischer redet noch darüber, wie gut man sich auf dem Land selbst versorgen kann: “Man hat auch so ein bisschen so eine Selbstversorger-Mentalität entwickelt, die sich jetzt hier wieder noch stärker entwickelt, würde ich sogar sagen. Das hat sich sogar verstärkt inzwischen wieder. Also die Leute haben wieder mehr ihre eigene Gans und ihre eigene Ente ihre eigene Gurke. Also das hat sich doch wieder verstärkt.”

Natur pur

Die Ruhe in der Uckermark. Eine Agentur, die Menschen in die Region locken will. Und die Landschaft, der es egal ist, wie viele Menschen jeden Tag durch sie ziehen. Für Stephanie Neumann, Leiterin der Willkommens-Agentur ist wichtig zu sagen: Uckermark ist Natur. Uckermark ist Bio. Man muss sich eben vermarkten: “Der Trend aufs Land zu ziehen – den merken wir natürlich auch, von dem profitieren wir sicherlich auch ein Stückweit mit. Das ist auch einfach mit den ganzen Biomärkte, ob vegan, vegetarisch, Naturkosmetik also da haben wir auch beste Voraussetzungen hier. Hier brauch man nicht in Bio-Supermarkt rennen, sondern man hat den Hofladen vor der Tür.” Und die Landzeitschriften schwurbeln vor sich hin: “So wie der Bauer die Ernte einbringt, so bereitet sich auch die Natur auf den Winter vor: Bäume legen ihr Blattkleid ab, Nagetiere futtern sich Fettvorräte an. Oft liegt morgens Nebel über den Feldern, und der Wind weht streng durch zu dünne Jacken und Pullover. Wer einen Garten hat, denkt seufzend daran, die Regentonne abzudecken, die Kübelpflanzen reinzuholen, und das Laub beiseite zu rechen.” Vielleicht ändert sich manches. Aber eigentlich, so sieht es Jan Erik Fischer, wird auch vieles so bleiben: “Ich denke, so wie es jetzt ist wird es bleiben. Von der Einwohnerstruktur her. Ich denke, es wird sich nicht mehr negativ verändern. Ältere Leute werden natürlich sterben, aber jüngere werden auch nachziehen. Es wird nicht die Menge sein, Wochenendhäuser werden mehr werden. Kulturell wird sie sich noch besser entwickeln und mehr werden, auf jeden Fall. Ja also Sättigungsgrad kann man es nicht nennen. Also viel weiter runter kann es nicht mehr gehen mit den Einwohnerzahlen auch mit den Festanwohnern hier. Sonst kann man wirklich einen Zaun drum ziehen.”

Maximilian Klein (Manuskript)

© Deutschlandradio Kultur: LÄNDERREPORT| Beitrag vom 18.09.2014

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