Leserbrief zu: Die Linke hat den besseren Traum
 – Georg Seeßlen entwirft eine sehr persönliche Utopie

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Lieber Herr Seeßlen,

Ihre Beiträge verfolge ich seit Jahren mit Gewinn, ja mit Begeisterung. Aber erst jetzt juckt es mich in den Fingern, Ihnen auf einen davon zu antworten, beschäftigt er sich doch mit etwas, das alle Welt bewegen müsste (besonders die linke Hälfte), es aber erstaunlicherweise nicht tut: die Zukunft. „Die Linke hat den besseren Traum“ aus dem Oktober-Heft von „konkret“ bringt m.E. erstmalig auf den Punkt, welche Varianten von Gesellschaftstypen aus dem jetzigen Zustand des Okzidents erwachsen könnten. Die Linke unterscheidet sich ja leider schon lange nicht mehr dadurch von der Rechten, dass sie grundsätzliche Fragen stellen würde oder gar ihre bisherigen Antworten zur Disposition. Immerhin haben Sie auch noch 3 linke Varianten zusammengekriegt. Aber bemerkenswert ist, dass Sie sich nicht mehr an die linke Teleologie gebunden fühlen, der zufolge die Befreiung der Angeherrschten nur eine Frage der Zeit und der Umstände sei – beschlossene Sache ist sie jedenfalls (und Geduld die höchste Tugend eines Revolutionärs). Mit Ihrem Essay erweisen Sie sich in meinen Augen als einer der wenigen unorthodoxen linken Intellektuellen, die versuchen, auf der Höhe der Zeit zu denken und so unbefangen, wie es mit einer langen (geistigen) Biographie möglich ist, die Gegenwart zu analysieren und Entwicklungstendenzen herauszudestillieren. Deshalb schreibe ich Ihnen. Und da ich im Netz keine mail-Adresse von Ihnen gefunden habe, wird es ein guter alter Brief.

Zum einen möchte ich meine Gedanken zu Ihrer Einschätzung äußern, die Unterscheidung zwischen linker und rechter politischer Haltung sei noch sinnvoll und zeitgemäß. Ehrlich gesagt kommt mir Ihre Argumentation ein bisschen vor wie das Pfeifen im Wald. Ich versuche mich ebenfalls seit der „Wende“ in der DDR mit Hilfe dieses Bestecks in der sich rasant verändernden Realität zu orientieren, komme aber zunehmend zu dem Ergebnis, dass wohl ein Bekenntniswert darin steckt (ich erkenne einen anderen und er mich an der Art oder dem Gefühl, mit dem er an das „Soziale“, oder an den Bedürfnissen, mit denen er an „Gemeinschaftlichkeit“ herangeht und an seiner Kritik des Arbeits- und Konsumfetischismus). Sich als Linker zu verstehen aus Tradition und / oder Sentimentalität, ist für den einzelnen natürlich auch okay. Ein analytischer Erkenntniswert hingegen scheint mir in der Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“ nicht mehr zu liegen. Die „Linke“mag ja den besseren Traum (gehabt) haben – gute Analytiker hat sie seit langer Zeit nicht mehr hervorgebracht (marxistische Theoretiker wie Robert Kurz verstärken mit ihrem hermetischen Stil eher den Eindruck, bei den heutigen Linken handele sich um eine Sekte mit eigener Geheimsprache), und ihr Handeln geht schon seit Menschengedanken an den Bedürfnissen ihres Mündels und an den Möglichkeiten der jeweiligen Realität weitgehend vorbei. Ich meine das durchaus auch selbstkritisch: habe doch auch ich geglaubt, dass auf den Trümmern des real existierenden Sozialismus demokratisch-sozialistische Reformen möglich waren, dass Glasnost und Perestroika unser heroisches Experiment retten und noch in eine tatsächlich emanzipatorische Richtung lenken könnten. Wie meist aufseiten der Linken hatte ich die Rechnung ohne den Wirt, sprich: die Nichtintellektuellen gemacht. In schlechter Tradition empfand ich mich mit einer Reihe von Leuten in Leipzig als Teil einer Avantgarde, die nur mal den Stein ins Rollen bringen müsste, und dann folgen alle nach – in die gleiche Richtung natürlich. Irgendwann im Sommer ’89 hatte ich mal einen hellen Moment und sprach zu meinen „Mitkämpfern“: Ich fürchte, dass wir mit der Forderung nach Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten nur unsere, der Intellektuellen, Interessen formulieren und die „breite Masse“ ganz andere habe – das war so defätistisch wie prophetisch. In der marxistischen Theorie hat man diese Divergenz als die Dialektik von subjektiven und objektiven Interessen verkauft (ich hatte Philosophie studiert und war einer der Verkäufer – wenn auch kein gläubiger). Überhaupt hat man den Mangel an Realitätssinn (und damit meine ich nicht Pragmatismus), die geistige Unterstützung von sehr viel Idealismus, immer mit halsbrecherischen theoretischen Konstruktionen zu legitimieren versucht, was stark an religiöses Denken erinnert. Das „Hineintragen des (richtigen) Bewusstseins in die Massen“ war auch so eine hervorragende Konstruktion – im Grunde Ausdruck von Vermessenheit, ja Verstiegenheit linker Theoretiker und jeder messianischen Ideologie eigen. Luxemburg hatte es wenigstens noch der Eigendynamik politischen Handelns zugebilligt, die Arbeiter auf den Stand entwickelten Klassenbewusstsein tragen zu können. Aber dieser Gedanke hatte sich mit dem Übergang vieler KPD-Wähler zur NSDAP auch erledigt, spätestens jedenfalls mit dem Scheitern der ’68er an der westdeutschen Arbeiterklasse. Als man dann im Westen mit André Gorz die Arbeiterklasse als historisches Subjekt verabschieden musste und man im real existierenden Sozialismus verzweifelt nach Triebkräften zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität suchte und dabei doch nur wieder bei besseren Konsumangeboten für die Werktätigen landete, waren die meisten linken Essentials der Realität zum Opfer gefallen. Wolfgang Pohrt hat in seiner Broschüre „Kapitalismus for ever“ eine m.E. in weiten Teilen zutreffende Abrechnung mit linken Überzeugungen vorgenommen, auch wenn ihn der Furor enttäuschter Liebe an manchen Stellen über das Ziel hinausschießen ließ. Natürlich wird er von westdeutschen Altlinken dafür als Renegat betrachtet.

Die Ohnmacht linken Denkens verkörpert sich heute besonders klar in der Linkspartei, die aus Gründen der Wirksamkeit auf Standpunkten der ehemaligen Sozialdemokratie gelandet ist, die von dieser (ohne Not?) geräumt worden waren. Das ist weder dem Zufall noch allein dem Unvermögen der Politiker zuzuschreiben, sondern eine Reaktion auf überholtes theoretisches Instrumentarium. Ehemals linkes Denken wurde – vor allem unter dem Einfluss der „Grünen“ – dogmatisiert und beherrscht heute in Form von political correctness die Weltsicht der Mittelständler. Absurd wird der Kampf um das richtige linke Denken, wenn sich Altlinke darum streiten, ob im ursprünglichen Nahost-Konflikt Israel oder die Palästinenser im Recht sind. Die Einsicht, dass es sich um das Dilemma zweier ineinander verkeilter Parteien handeln könnte, die sich in dem gleichen Maße bekämpfen wie sie einander brauchen, ist diesen „Linken“ natürlich nicht links genug.

Man müsste versuchen, neues linkes Denken quasi unvoreingenommen zu definieren. Was ist das Entscheidende? Worum kann es heute Menschen gehen, die an einer emanzipatorischen, der Aufklärung verpflichteten Veränderung bestehender Missverhältnisse interessiert sind (falls nicht der ganze Selbstbetrug mit der Aufklärung schon begann …)? Ist die marxistische Theorie Axiom linken Denkens? Wenn ja, in welchem Umfang oder welche Teile davon?
Ich sehe nicht, wie man globale und lokale Tendenzen und Probleme wie die Postdemokratie, die Durchdigitalisierung der Welt (mit ihrem Kommunikations-, Kontroll- und Überwachungswahn), der Transhumanismus, der Neonationalismus, Bürgerkriege und Flüchtlingsströme, Hunger und Armut in Afrika und Asien, Amokläufe und überhaupt die Wut der Jungmänner auf der ganzen Welt, den Terrorismus, den heiligen islamischen Krieg, die Zunahme von Gewalt und die Verrohung der Sitten, die Blödmaschinen und die drohenden Klimakatastrophe auf der Basis eines linken „Klassenstandpunktes“ angemessen verstehen und ihnen begegnen kann. Sturz von Staaten und Enteignung herrschender Klassen scheinen jedenfalls keine Lösung derartiger Probleme nach sich zu ziehen.

Mittlerweile weht der Zeitgeist von rechts – da sind wir uns, glaube ich, einig. Ich denke auch nicht, dass linke Positionen erneut die Gelegenheit zu einem Gesellschaftsexperiment bekommen. Die Theorie ist diskreditiert – wahrscheinlich zurecht – und überholt. Aber die Beseitigung von Illusionen und Irrtümern führt nicht zugleich zu neuen Chancen. Und damit bin ich beim zweiten Teil Ihres Artikels: Sie selbst halten die Realisierung der drei „rechten“ Szenarien für wahrscheinlicher als die der drei „linken“. Ich sehe eine Mischung aus 1b, 2a, b und c und 3 auf uns zukommen, ohne dass ich sie als „links“ oder „rechts“ apostrophieren würde. Diese Unterscheidung hat m.E. keinen Sinn mehr, wenn es nur noch ums Überleben, um Sicherheit und Besitzstandswahrung geht und Schein-Politik in einer Atmosphäre von Angst und Verdrängung stattfindet: die Gesellschaften fallen mehr oder weniger auseinander, Segregation und Gentrifizierung setzen sich fort, Reiche bauen sich ein, rüsten sich postbiologisch auf und finanzieren sich ihre eigene Kultur und Wissenschaft, Aussteiger wie Konsumkritiker suchen sich Nischen alternativen Lebens, in den Ghettos der Exkludierten herrscht das Gesetz der Straße und bedroht auch die wohlhabenderen Viertel, Drogenkonsum und Kriminalität steigen weiter an, ein autoritärer Staat versucht für die Oberschicht zu retten was zu retten ist und gibt in bestimmten Gegenden das Gewaltmonopol auf, dafür schützt er sich und die Seinen durch Totalüberwachung vor allen Formen von Rebellion und kreiert Feindbilder nach Bedarf, Security und allgemeine Bewaffnung gewinnen an Umfang, das Lokale gewinnt gegenüber dem Globalen an Terrain (was auch Chancen bergen kann) – und zu allem liefern Unterhaltungsindustrie und Werbung die ideologische Soße, die umso leichter geschluckt wird, je weiter Bildung und Muttersprachbeherrschung auf der Strecke bleiben. Keine einflussreiche emanzipatorische Kraft – nirgends. Karen Duve kommt in ihrem Büchlein „Warum die Sache schief geht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ aus anthropologischer Sicht zu einer ähnlich traurigen Prognose.

Die linke Utopie von der Weltrevolution und der ihr folgenden kommunistischen Weltgesellschaft ist passé und in absehbarer Zeit auch nicht durch eine andere linke ersetzbar. Sie wurde abgelöst von der Weltutopie Scharia (Utopie als Farce). Dass so viele Abendländer mit ihr sympathisieren, sagt wenig über den Inhalt dieser Utopie aus, aber viel über das Unbehagen junger Menschen in der Megamaschine mit ihrer prinzipienlosen Permissivität, die als Freiheit verherrlicht wird, und über das Bedürfnis nach Utopie, Sinn, Werten und Verbindlichkeit, ja Opferbereitschaft.

Natürlich sollte man freundlich sein, auch Mozart hören und Goethe lesen verbessert das Raumklima. Aber all das tun auch die Zeugen Jehovas und erst recht die (Rechts-) Konservativen. Und man sollte sich darüber im Klaren sein, dass man damit nichts weiter als ein Bürger einer der verschiedenen Parallelgesellschaften ist (zudem noch einer vom Aussterben bedrohten: wer „u 35“ nimmt denn heute noch ein Buch in die Hand, das Texte enthält, die älter als zwanzig Jahre sind – so er sie nicht für den Beruf benötigt?) und keinerlei Ausstrahlung auf andere Parallelgesellschaften hat, die jede ihrer eigenen Logik, Kultur und Moral gehorchen. Zudem legen die Zeichen der Zeit eher die Selbstbewaffnung nahe – spätestens, wenn man die Erfahrung einer gemeinsamen Zugfahrt mit einer Horde von Hooligans gemacht hat. Und das Hochhalten der Fahne im Zeichen von Kultur und Zivilität ändert auch nichts an der Tatsache, dass die „Linken“ keinen Plan haben, dass sie weder analytisch noch prognostisch auf der Höhe der Zeit sind. Analytisch scharfe Zeitdiagnosen kommen aus meiner Sicht heute in Deutschland (außer von Ihnen) eher von Peter Sloterdijk, Byung-Chul Han, R. D. Precht und H. M. Enzensberger. Aber die sind keine Linken (mehr) – vielleicht mit Ausnahme Prechts, der mitunter noch stark marxistisch argumentiert.

Es wäre m.E. schon viel gewonnen, wenn Menschen mit dem Bedürfnis, auch weiterhin als „Linke“ durch die Welt zu gehen, sich ihrer Scheren im Kopf, der orthodox-marxistischen und der p.c.-Schere, entledigten und damit begännen, wieder ihren Sinnen zu trauen.

Ich bin neugierig auf Ihre Antwort und grüße Sie herzlich!

 

Beate Broßmann

Leipzig, den 3. November 2014

 

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