TERROR 2000 – Ein Film für die ganze Familie!

TERROR 2000 Christoph Schlingensief, D 1992, 79 min

 

… ein Schlachtengemälde … die einzig mögliche Antwort auf Deutschland … Es gibt nichts zu verlieren. Darum setzt TERROR 2000 alles aufs Spiel. Das ist im deutschen Kino selten. (Michael Althen)

Die erste annähernd naturalistische Darstellung des Abgrunds aus bösen Umtrieben und gemeinem Schwachsinn. (TIP Berlin, Christoph Terhechte )

… noch ekliger, gemeiner, perverser beschließt TERROR 2000 die Deutschlandtrilogie … Das Drehbuch entstand lange vor Rostock; Schlingensief war schon immer ein bisschen schneller. (Christiane Peitz)

TERROR 2000 ist das wirksamste Gegengift gegen den Biedersinn des deutschen Gremienfilms. Echter Horror kann manchmal die reine Erholung sein. (Andreas Kilb)

… Szenen einer Entfesselung … Chronik des deutschen Wahns … prophetisch. (Helmut Schödel)

Sucht nicht nach Parallelen, sondern legt Verbindungen wie Zündschnüre und setzt die Lunte auf der Leinwand in Brand. Gewalt macht geil … TERROR 2000: ungerührt und obsessiv. (Peter Körte)

A joyride through hell! (Cleveland Times)

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Interview mit Christoph Schlingensief zu TERROR 2000

Die Krone der Schöpfung: Der Mensch, das Schwein

TERROR 2000 ist eine Zumutung. Wollen Sie provozieren?

Ich habe nicht die Absicht zu provozieren, sondern glaube an die Logik der Bilder und die Logik der Entwicklung. Ich habe den Film im Mai gedreht, also vor Rostock, Er ist eine Vorwegnahme der tatsächlichen Ereignisse. In meinen Filmen ist immer das Element Angst dabei. Ich habe Angst vor etwas und gehe damit um, indem ich das Ängstigende abnutze und als Bild festmache. Da können Fernseh- und Zeitungsbilder nicht mithalten, die sind zu isoliert.

In TERROR 2000 üben ja nicht nur die kriminellen Geiselnehmer, sondern auch der Inspektor und die Asylanten Gewalt aus. Sie sind alle gleich.

Mir ging es in TERROR 2000 wie in der gesamten Trilogie darum, zu zeigen, daß alle Schweine sind: der Nazi, der Asylant, der Linke, wir, Mit Thomas Bernhard gesprochen: die Krone der Schöpfung – der Mensch das Schwein. Wenn man das einmal weiß, dann kann man auch differenzieren. Wenn Sie sagen, alle Menschen sind Schweine, heißt dies, daß der Mensch von Natur aus böse ist. Das wäre eine Schlußfolgerung, Eine andere wäre, sich zurückzuziehen wie Diogenes in die Tonne. Solche Bilder sind für mich heute verständlicher als noch vor fünf Jahren. Aber wenn ich weiter Filme mache, kann ich meine Aufgabe nur noch darin sehen, den Kampf gegen die aufzunehmen, die glauben, sie könnten anderen sagen, wie sie leben sollen, damit sie glücklich sind. 
Die private politische Entscheidung ist immer weiter im Kommen, was Adelheid Streidel, eine verrückte Frau, gesagt hat. Nachdem sie mit einem Blumenstrauß auf Lafontaine losgerannt war und ihm einen Dolch in den Hals gehauen hatte, begründete sie dies als private politsche Entscheidung. Wenn sich die Familie in Zagreb entschließt abzuhauen und der Mann in Indien einen Trick findet, nach Europa zu kommen, so sind dies private politische Entscheidungen, Das ist ein Element, was sich weiter ausbauen wird.

Aber es gibt doch im Zuge der deutschen Einigung die Tendenz, daß sich der Staat immer weiter ausbreiten will.

Die Politik ist darauf angelegt, daß es denjenigen, denen es besser geht, noch besser gehen soll, weil die natürlich den Staat tragen. Der Staat kann streng genommen nichts anderes als sein System zu schützen und eine Oberklasse heranzubilden. Die Nazis haben Herrenmenschen dazu gesagt.

Gewalt und Sex bilden in Ihren Filmen eine enge Einheit.

Ich denke, daß Sexualität beim Menschen ein ganz starker Faktor ist. Aber entscheidend ist die Liebe. Jede Pflanze, die fünfmal getreten wird oder auf die ein Stein gelegt wird, macht irgendwann nicht mehr mit. Die Leute, die die Heime angreifen, haben das Gefühl, geliebt zu werden. Sie verkennen, daß sie nicht im Kern geliebt werden, wenn man ihnen applaudiert. Sie wissen nicht, wer sie sind, was sie da für eine Funktion haben. Das Zweite ist, daß sie keine Mauern mehr haben. Ich glaube, jeder Mensch braucht Mauern im Kopf. Nicht im Sinne der DDR-Mauer – einer staatlich gezogenen -, sondern im Sinne einer inneren Grenze, wo man sagt: So weit gehe ich und weiter nicht.

Es müßten also „positive“ Mauern gesetzt werden. Wie soll das geschehen?

Ich weiß nicht, wie diese neuen Mauern zu erzeugen sind. Ich weiß nur, daß unser Wertesystem ein verlogenes ist. Der Kern des Lebens ist etwas ganz Einfaches, Triviales und Liebes, vor allem etwas Weiches, aber eben nichts Dummes.

Spannt sich vom Hitlerfilm über das KETTENSÄGENMASSAKER bis zu TERROR 2000 der Bogen: die deutsche Geschichte als Kreisbahn offener Gewalt?

Die Mechanik der Gewalt sieht man in meinen Filmen. Ihr Ethos heißt Wahrheit, auch im Zeigen der Grundstrukturen von Gewalt, weg von den ganzen Überbauten in den Interpretationen. Die gezeigte Gewalt erscheint als völlig sinnlos, man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Anarchisten und andere haben doch immer versucht, dem Terror einen historischen, religiösen oder sonstigen Sinn zu unterstellen. In meinem Film zeige ich den Terror pur. Damit ist er entmythologisiert, sinnlos.

In welcher Tradition sehen Sie sich?

Ich sehe mich in der Tradition des Neuen Deutschen Films, was nicht heißt, daß ich damit konform gehe. Ich glaube, daß es in Schnitt, Montage und der Art und Weise, wie die Bilder in meinen Filmen aufeinanderstoßen, eine Entwicklung gibt. Im Medium Film hat man die Möglichkeit, sowas wie eine Sehschule zu machen, das habe ich versucht.

(Auszug)

Gespräch: Udo Lemke, Sächsische Zeitung

(c) DEM Film

 

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NEUERSCHEINUNG

Schlingensief -cover-300x423Georg Seeßlen

Der Filmemacher – Christoph Schlingensief

Mit einem Vorwort von Dietrich Kuhlbrodt

224 Seiten mit s/w und Farbillustrationen
Paperback, 14,80 x 21,00 cm
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getidan Verlag, Berlin 2015
Runhard Sage, Leipziger Straße 47
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E-Mail: verlag@getidan.de

ISBN: 978-3-9816715-3-7

 

Filme machen. Filme anders machen. Andere Filme machen. Filme die eigentlich unmöglich sind. Filme als Befreiung – das war Christoph Schlingensiefs Programm: »75 Minuten mit der Faust auf die Leinwand«. Immer ging es ihm darum das Unsichtbare sichtbar zu machen und das Dunkle zwischen den Bildern aufscheinen zu lassen. Christoph Schlingensief war ein Sichtbarmacher – und vor allem: ein Bildermacher. Seine Filme sind keine vollendeten Kunstwerke, sondern eher das, was der Künstler Joseph Beuys als »soziale Skulptur« bezeichnete. Man geht hinein und kommt in gewisser Weise verändert wieder heraus, aber jeder erlebt das auf eine ganz eigene Weise.

Christoph Schlingensiefs Filme haben ihre ästhetische und politische Aufgabe auch dann vollbracht, wenn sich Menschen einfach nur über sie aufregen. Andere sind durch sie vollkommen beglückt. Es kommt eben nicht nur auf die Filme an, sondern auch auf die Augen, die sie sehen.

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