MIRIAMBA – Ein Kinospielfilmprojekt von Joachim Lünenschloß

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MIRIAMBA

Ein Filmprojekt mit Miriam Goldschmidt    (neue.filzfilm.de)

„Alles ist Puppenspiel. Verpuppung von längst Geschehenem, in allen Gestalten vorrätig, des fetten Engerlings, zum Falter (Schmetterling) oder zur Eintagsfliege …“

(Miriam Goldschmidt, in „Theater der Zeit“, 11 / 2013)

Kein Puppenspiel, sondern ein Film ist, noch „verpuppt“, im Entstehen. Miriam Goldschmidt wird zu „Miriamba“ – und lebt in selbstgewähltem Exil auf einem verlassenen Fabrikgelände zusammen mit einem befreundeten Fuchs.

Auf nächtlichen Streifzügen lernt sie Leopold, einen Bettler, und Mirielle kennen, ein achtjähriges Mädchen, das von zu Hause weglief. Miriamba erkennt sich in diesem Kind wieder, und es stellt sich heraus, dass alle drei eine Heimvergangenheit haben…

Die vermögenden Adoptiveltern von Mirielle sind Marianne und Baldur von und zu Hasenburg. Während Marianne verzweifelt nach dem Mädchen sucht, ist ihr Mann als Investor damit beschäftigt, die verlassene Fabrikanlage abreißen zu lassen.

Auf diesem verfallenden Areal befindet sich ebenfalls das Büro einer Erwerbsloseninitiative, die vor allem Hartz IV-Empfänger unterstützt. Diese sind besonders aufgebracht, da ihr Mietvertrag plötzlich gekündigt wurde.

Mirielle erträgt ihre Adoptiveltern nicht und so bleibt sie bei Miriamba und Leopold in der alten Fabrikhalle. Als Marianne sie dort entdeckt, möchte sie sie mitnehmen, aber das Kind weigert sich. Während Marianne versucht, Mirielle zur Umkehr zu bewegen, erscheint eine Delegation von Investoren, angeführt von Mariannes Mann, in der Fabrikhalle. Die peinliche Situation eskaliert, als Baldur die illegalen Fabrikbewohner der Entführung seines Kindes beschuldigt und die Polizei ruft. Eine Hundertschaft trifft bei der alten Fabrik ein, aber statt auf Menschen treffen sie auf eine Herde von Füchsen.

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Miriam Goldschmidt (Foto Martin Bauer, Köln)

Der Film handelt von Außenseitern, von Menschen, die aus der „normalen“ Gesellschaft herausgefallen, die freiwillig oder durch den Zwang der Verhältnisse „exiliert“ sind. Ausgangspunkt des „Plots“ sind die Erfahrungen der Hauptdarstellerin in Kinderheimen der frühen Nachkriegszeit. Jenseits filmüblich historisierender „Rückblenden“ spiegeln sich diese u.a. in der Beziehung zwischen Miriamba und der zweiten Hauptfigur, dem kleinen Mädchen Mirielle.

Die „Heimerfahrungen“ der Protagonistin lassen einen Bezug zu einschlägigen aktuellen Diskussionen vermuten; doch ist dieser einer zufälligen Koninzidenz statt einem spekulativen Kalkül auf cineastische Verwertung tagesthematischer Medienhypes geschuldet. Immerhin datieren Idee und Konzeption dieses Filmprojekts weit vor diesen Debatten.

So wird Miriam Goldschmidts Kinderheim – Odyssee denn auch nicht etwa dokumentarisch – biographisch, oder mit klischeehaft erwartbarer „Schicksals“- und Emotions- Dramaturgie, „nachgestellt“ werden. Vielmehr gibt sie quasi die vielfältig variierte Grundtonart der Filmerzählung vor, die um die Kernmotive Ausgrenzung, Exil, Selbstbehauptung, Widerstand, kreist. Motive, die aufs Engste mit dem Leben Miriam Goldschmidts verbunden sind. Den Irrfahrten des unerschütterlichen Träumers Don Quichotte vergleichbar, dem sich Miriam Goldschmidt verwandt fühlt: Windmühlenflügeln standhalten, nie aufgeben.

Oder, um sie selbst zu zitieren:

Tät man das alles überleben – geht nicht, sagt die Eintagsfliege. So kann man’s übersterben, sagte die Motte im Kerzenlicht. Da führt kein Weg vorbei.“

Hans-Detlev von Kirchbach

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MEHR INFORMATIONEN

Wer sich über das Filmprojekt hinaus für die reale Kindheits- und Lebenshistorie der großen Theateraktrice interessiert, der sei auf ihre eigene Erzählung in der Hörfunkreihe „Erlebte Geschichten“ verwiesen

www.wdr5.de

WDR5 MIRIAM 550
Screenshot (Ausschnitt) WDR5

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THEATER DER ZEIT – November 2013

die schaustörer – spiel und widerstand

Ver-Dichtung

Die Schauspielerin Miriam Goldschmidt über den sehenden Blinden Don Quijote

Vieles an Miriam Goldschmidt ist einzigartig. Zum Beispiel, dass sie – 1947 geboren – in einem Kinderheim in Frankfurt am Main aufwuchs. Dass ihr Weg sie nach Paris führte, wo sie bei Jacques Lecoq studierte. Dass sie mit Regisseuren wie Fritz Kortner, Peter Zadek, Peter Stein, Matthias Langhof arbeitete. Oder dass sie sich 1971 – wieder in Paris – Zugang zu einer Probe von Peter Brook verschaffte. Ihre Antwort auf seine Frage, wer der Eindringling sei, lautete: „Me!“ Ihre Antwort auf seine Frage, wen sie suche: „You!“ Brook lächelnd: „Sit down!“ Aus dieser Situation entstand eine Zusammenarbeit, die noch heute, fünfzig Jahre später, anhält. Erst im Mai dieses Jahres stand Miriam Goldschmidt auf der Bühne in Recklinghausen und brachte in der Regie von Brook „Der Verwaiser“, einen Prosatext von Samuel Beckett, zur Premiere. Auf Deutsch. Dass Miriam Goldschmidt nicht nur auf der Bühne ganz singulär mit Worten umzugehen weiß, zeigt der folgende Text über Don Quijote, den Helden, der nicht zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß.

Über Don Quijote (2004)

Alles ist Puppenspiel. Verpuppung von längst Geschehenem, in allen Gestalten vorrätig, des fetten Engerlings, zum Falter (Schmetterling) oder zur Eintagsfliege …

Die Weltgeschichte drängelt sich blutend und historisch immer falsch buchstabiert in ständiger Korruption mit den jeweiligen Mächten durch einen lächerlichen Ausschnitt (News).

Daten sind austauschbar und beliebig, leuchten auf wie Wartenummern. Am Rande der Geduld in zum Beispiel Sozialämtern. Don Quijote, das größte Opfer ritterlicher Chronologie, sehender Blinder, Ver-Dichter, immer zu früh oder zu spät mit einem Nummernzettel in der Hand, mit ewig falschen Auftritten gesegnet, sieht sich als Erlöser. Knäuelentwirrer, Brecher offener Türen. An Fäden tänzelt das Menschengeschlecht. Mondgesichtig, Rache fordernd, engelgleich, mörderisch durchtrieben. Vor seinen alten Prismaaugen, in denen sich der Kosmos, was auch immer das heißt, in allen denkbaren Farben bricht. Ja!

Es tritt das Menschengeschlecht mit Insektiziden den Kampf gegen sich selber an. Don Quijote gewährt der Dunkelheit prismatische Verblendung. Die Zauberer (Götter) sind nicht ausrottbar. Sie bringt kein Gift um, sie sind immun. Der arme Puppenspieler, ein Affe diente ihm bislang. Er sah, was ist, der Affe, und nichts voraus. Der arme Puppenspieler streute Futter für einen großen, durch und durch verwirrt-entwirrenden Geist. Verlor seine Existenz.

Alles ist Einbildung, es gibt nichts, was ist. Und das ist schon genug. Außer alles, was ohne unser Zutun Erde beben macht. Ozeane füllt und unablöslich seiner Wege geht. Zu Fuß, zu Pferd, benzingetrieben, elektronisch, internetiglich, und immer unwesentlich von Ohr zu Ohr gehörlos. Nicht fassbar für ein Menschenleben, durch Bücher gedrückt, in Rahmen gepresst und wieder ausgespuckt. Verbrannt, Moden unterworfen und längst entwachsen den lächerlichen Schuhgrößen. Das diese kleine Erfindung Leben (Wer weiß, wem das Patent zuzuschreiben ist?) ausmacht. Seit das Licht auf einen schwer erkälteten Planeten fiel, geschah wenig Neues. Es fiedert und fleddert bereits drei Sekunden oder drei Milliarden Frühlinge lang, nicht mehr, vor allem nicht weniger. Na und? Tät man das alles überleben – geht nicht, sagt die Eintagsfliege. So kann man’s übersterben, sagte die Motte im Kerzenlicht. Da führt kein Weg vorbei.

Zuerst erschienen in „Theater der Zeit“ (November 2013), mit freundlicher Genehmigung des Verlags und der Autorin.

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filz550

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