Kein Deix mehr. Schlimmer: Keine Deix-Bilder mehr!

Manfred Deix - Österr. Kabarettpreis 2012

Es kann, was man als Künstler so macht, aus Liebe und aus Hass, aus Entsetzen oder Begehren entstehen. Meistens indes ist eine sehr eigene Mischung aus beidem, was insbesondere bei Vertretern der Hochkomik der Fall zu sein pflegt. Denn um etwas von Grund auf zu entblößen, muss man es mit einem Teil seines Herzens schmerzhaft verachten und mit einem anderen Teil innig lieben.

Zum Beispiel die „Deixfigur“, die ganz direkt und radikal ein Menschenbild ist. Ein sehr spezielles. Lachende, gierige, wollüstig-dumme Fleischgebirge aus einem Land, nennen wir es Niederösterreich, das Aufklärung und Moderne nur gestreift hat, und deren die Welt bevölkernde Geschöpfe dennoch die technischen und sozialen Segnungen der Jetztzeit mit vollen Herzen und Bäuchen genießen. Figuren aus der Hölle des Kleinbürgertums, hässlich, wie man so sagt, korrupt und niederträchtig. Aber auch selig, vollkommen glücklich in ihrer Beschränktheit und Anmaßung. Ohne Scham und ohne die geringste Reue über verpfuschte Leben und lustvoll zerstörte Körper. Man weiß nie so recht, ob man diese Wesen eher fürchten oder doch beneiden soll.

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Im Karikaturmuseum Krems sind viele Arbeiten des Karikaturisten in der Ausstellung “Für immer Deix” zu sehen. Manfred Deix: Beach Baby, 2000 Landessammlungen Niederösterreich Foto: Christoph Fuchs © Manfred Deix, 2016

Die meisten komischen Zeichner attackieren ihre Objekte in einem kräftigen oder verhuschenden Strich, nehmen Kontur und Silhouette zum Anlass für Übertreibungen und Genauigkeiten. Bei Deix dagegen sind Flächen, Wölbungen, Farben das wichtigste. Er ist, und nun muss man sagen: er war, einer der wenigen hochkomischen Maler. In einer Deixfigur im Wasser ist nicht nur der von gastrischen und sexuellen Ausschweifungen und von reiner, dumpfer Blödheit gefärbte Gesichtsausdruck komisch, sondern auch das Muster einer Badehose; es ist nicht nur der gezierte Gestus einer Dame im Bikini, der von medialen Vorbildern stammt, sondern auch die Konstruktion der Textilie, die sich den Körpermassen unterwirft. Ja mehr noch, selbst die Postkartenlandschaft, der Himmel selbst wird komisch, wenn sie von Deixens Pinsel berührt wurden.

Das eminent Malerische in seinem Werk bedeutet nicht, dass Deix nicht auch ein genialer Zeichner war. Mit wie wenigen Strichen holt er aus einem (auch realen) Menschen alles das heraus, was an ihm „nicht stimmt“! Dass uns dazu freilich immer nur das Wort „hässlich“ einfällt, belegt nur, wie sehr wir in einer Welt der falschen Ideale leben. Natürlich liebte Deix das Groteske, das Unharmonische, das Verräterische, und natürlich kennt er, im Gegensatz zu den Hochkomikern, die ihr eigenes Milieu beschreiben, keinen Hauch von Gnade. Deixfiguren sind schließlich auch zu jeder lachenden Gemeinheit bereit. Aber zugleich taucht dieser Gastwirtssohn eines Kriegsversehrten auch tief hinein in ein Körpertheater, dem zum Fellinesken nur der Schleier des Märchenhaften und jede kulturelle Geborgenheit fehlt. Die Deixfigur maßt sich alles an, aber sie ist nirgendwo wirklich zuhause. Was der Kleinbürger da seinem und dem Körper des Mitmenschen antut, geschieht zwar aus der Konstruktion dumpfer Zusammengehörigkeit (Deixgestalten leben immer in Rudeln und Rotten, sie kennen keine semantische oder moralische Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen), aber auch aus Fremdheit heraus.

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Manfred Deix: Grazer Bürgerwehr, 2002 Landessammlungen Niederösterreich Foto: Christoph Fuchs © Manfred Deix, 2016

Er zerstört jede Idylle, gewiss. Vorstadt und Natur, Ritual und Ornament, Geschichte und Mythos, alles wird böse und gemein, wenn es von den Deixfiguren in Beschlag genommen wird. Den entfesselten und entformten, Ulrich Seidelschen Bewohnern niederösterreichischer Keller und Garageneinfahrten, die unversehens in grelles Sonnenlicht und pastöse Farbschichten geraten sind und sich dort in ihrer ganzen niederträchtigen Pracht zeigen. Aber Deixens Aquarellierung der Kleinbürgerwelt restauriert zugleich, was die Form zerstört. Die wuchernde Brünftigkeit, die politische und soziale Gewalttätigkeit der Deixfiguren und die ungreifbare, fließende Zartheit von Farben und Flächen gehen eine tückische Allianz ein. In diesen Bildern flackert Romantik noch einmal auf, grüßt ihre finstersten Wiedergänger und wird dann manchmal buchstäblich zersetzt und zerhackt.

Andernorts wird Deix durchaus heftig. Seine Körper entblößen sich nicht nur, sie hinterlassen auch Spuren, beschmutzen einander und ihre Welt mit den Zeichen der Notdurft und der Geilheit. Es ist der Schatten des Marquis de Sade, der dann in die Kleinbürgerwelt reicht, und den Körper mit Gewalt wieder in reine Natur und reine Kultur teilt. Nur dass die sadomasochistischen Rituale eben nicht aus heroischen Opfergesten und metaphysischer Revolte entstehen, sondern aus dem Triebüberschuss einer wahrhaft entfesselten Klasse der Unbedeutenden und der vulgär Entformten. Ein ewiger Karneval ist ausgebrochen wie eine Krankheit.

Und wieder anderswo verlässt die dumpfe Blödheit den Raum der Selbstgenügsamkeit, wird politisch, verlangt nach Macht, erzeugt Gewalt. Die Körperlichkeit der Deixfigur ist durchaus zweischneidig. Wie die gierigen Hände der nächsten greifen schon Kirche, Parteibuch und Faschismus nach diesem mythischen Niederösterreicher, der übrigens als Kind so wenig Unschuld ausstrahlt wie als Greis Bewusstsein.

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Manfred Deix: Ja zur Atomenergie!, 1990 Landessammlungen Niederösterreich © Manfred Deix, 2016

Immer wieder auch kippt die „normale“ körperliche Deformation in wahrhaft Monströses, verbeult, verquollen und verpustelt werden die Deixfiguren Opfer ihrer eigenen Ranküne (und seien es die Herren der Atomkraftwerke). Wenn die Deixfigur schon hässlich ist, dann weiß sie nichts davon. In ihrer Welt gelten andere Maßstäbe.

Die kabarettistische Pointe, das wirklich Politische (die Bezeichnung der Feinde, wenn man so will), das „Engagement“, das ist bei Deix allenfalls Dreingabe, manchmal nur Vorwand. Der Sinn dieser Arbeit liegt ja tiefer; es geht darum das Wesen einer Art Menschen zu ergründen, die einerseits einer dieser modernen Höllen entsprechen, die aus Gründen der Überfüllung ihre Insassen zurück auf die Erde schicken, und denen man auf der anderen Seite jeden Tag begegnet, manchmal sogar, wenn man an einem Spiegel vorbei geht. Vom normalen Menschen unterscheidet sich die Deixgestalt eigentlich nur, indem sie auf alle Maskerade von Scham, Schuld und Kontrolle verzichtet. Man kann einfach „Wahrheit“ dazu sagen.

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Manfred Deix: Mehr Frauen in Männerberufe! Eine Forderung von Man(Frau)fred Deix , 1980er-Jahre Landessammlungen Niederösterreich © Manfred Deix, 2016

Seinem eigenen Körper hat Manfred Deix auch eine Menge zugemutet. Zu viel. Jetzt ist er gestorben, vielleicht auch daran, dass er in Wahrheit nie seinen Frieden mit der Körperlichkeit des Menschenlebens machen konnte. Die Liebe und der Hass sind dann auch hier nicht zusammen gekommen.

Von Billy Wilder, einem Bewunderer der Deixschen Mal- und Zeichenkunst und Verfasser eines Vorworts zu der Sammlung „Augenschmaus“, ist die Anekdote von der Beerdigung von Ernst Lubitsch überliefert: „Kein Lubitsch mehr!“, soll er geseufzt haben, und Kollege William Wyler habe hinzugefügt: „Schlimmer! Keine Lubitsch-Filme mehr“. Auf den Seufzer „Kein Deix mehr!“ könnten auch wir reagieren: „Schlimmer! Keine Deix-Bilder mehr“. Das klingt ein bisschen zynisch auf den ersten Blick. Aber in Wahrheit ist es natürlich das größte, letzte Kompliment, was man einem Künstler machen kann.

Georg Seeßlen

Bild ganz oben: Manfred Deix mit dem Sonderpreis des Österreichischen Kabarettpreises 2012 (Porgy & Bess, Wien). Author Manfred Werner – Tsui / This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Alle hier abgebildeten Arbeiten von Manfred Deix sind aus der aktuellen Ausstellung “Für immer Deix”  im Karikaturmuseum Krems. 

FÜR IMMER DEIX!

16/01/2016 – 16/01/2017

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Manfred Deix, Harmonie in der Familie (Ausschnitt), 1998, Sammlung des Landes Niederösterreich – © Manfred Deix

„Eine neue exquisite Auswahl von rund 80 Zeichnungen, darunter Klassiker aus der Sammlung des Landes Niederösterreich sowie bisher zum Teil noch nie ausgestellte Arbeiten aus dem exklusiven Privatbesitz des Künstlers werden in der Schau vorgestellt …“ (Kurator: Gottfried Gusenbauer)

Karikaturmuseum Krems – Steiner Landstraße 3a in A-3500 Krems-Stein

“… Deix war auch Entdecker bisher unbekannter Fischarten mit recht klingenden Namen. In der Ausstellung können die BesucherInnen mit den eigenwilligen Geschöpfen auf Tuchfühlung gehen und tief in die Deix’sche Fischkunde eintauchen.

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Manfred Deix / Deix ́sche Fischkunde, 2008 © Manfred Deix, 2016

So trifft man hier auf den steirischen Stäbchenstöhr, den finnischen Ferkelflosser, den katalanischen Katzenkarpfen oder den bengalischen Busenbarsch … (Kurator: Gottfried Gusenbauer)

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