AMOKLÄUFER, SELBSTRADIKALISIERER, KOLUMNIST*EN

Die Täter zu kategorisieren hilft, das Unerklärliche zumindest zu ordnen

 

Wie gern würde man ein „Schlagloch“ nutzen, um einmal aus den Teufelszirkeln von Aktualität und Vergessen auszubrechen, wenn auch nicht unbedingt ins „Allgemein-Menschliche“ auszuweichen, wie es die erfolgreichsten Autorinnen und Autoren dieser Gattung gern tun, in Alltag, Geschmack und Stilfrage. Auch die Selbstreflexion dieser doch irgendwie privilegierten und gleichzeitig auch prekären Textsorte in der Zeitung Ihres Vertrauens ist ein lohnensweres Unterfangen. Zum Beispiel würde ich gern den Gedanken von Illja Trojanow aus seinem letzten Schlagloch aufgreifen, die Kolumne sei die kleine Schwester des Essays. Aber dann geschieht wieder etwas, das den Luxus des Innehaltens, des Einfach-mal-so-vor-sich-hin-Denkens zunichte macht. In München erschießt vor einem Einkaufszentrum ein Schüler mit deutschem und iranischem Pass neun junge Menschen und dann sich selbst. Aber bevor man dies weiß, bevor die Ängste vor einem terroristischen Großangriff und der Ausbreitung der Gefährdungszonen verschwinden dürfen, vergeht eine Nacht voller Bilderschleifen, Spekulationen, hysterischer Funkenflüge und Fehlinformationen, voll Banalitäten, Wiederholungen, Geschwätz, voll Politikerfloskeln, Null-Statements und Informationsnebel.

Es ist nicht so, dass hier mal wieder der Medienkritiker zum üblichen Rundschlag ansetzen wollte. Dass enge Angehörige sich nur wenige hundert Meter vom Tatort befinden, welche emotionale Wechselbäder man durchläuft, in Telefonaten und SMSen zu klären, ob alle in Sicherheit sind, dass es beängstigende Lücken in diesem Informationsnetz bei anhaltender „Gefährdungslage“ gibt, dass man am Fernsehapparat klebt wie an einem Rettungsring und sich zugleich von ihm im Stich gelassen fühlt, all das ist eine direkte persönliche Erfahrung dieser Mediennacht. Und als alles vorüber ist, Angst und Hass sich nur langsam verziehen, Fernseher, Radio, Smartphon und Nachrichtendienste ausgeschaltet sind, bleibt die Erfahrung von Ohnmacht. Nicht nur gegenüber dem terroristischen Anschlag und gegenüber Ordnungskräften, die nicht einmal vermitteln dürfen, ob sie etwas wissen oder nicht, sondern auch gegenüber den Informations- und Bildermaschinen, und schließlich auch gegenüber dem Diskurs oder seinem Mangel. Wer oder was, verdammt noch mal, ist Schuld an diesem Schrecken? Und was könnte man tun, um ihn abzustellen? Was für eine naive Frage angesichts der einzigen Aussage, auf die sich offensichtlich alle einigen: Es gibt keine Sicherheit.

Ich muss versuchen, eine Erklärung zu finden, nicht bloß, weil das mein Beruf ist, und weil man das Suchen nach Erklärungen genau so wenig abstellen kann wie die Maschinen, mit denen man Informationen und Bilder zu bekommen hofft, sondern auch, weil ich keine Lust habe, mich von Angst, Zorn und Ohnmacht auffressen zu lassen.

Da ist also wieder einer jener jungen Männer, die in der Öffentlichkeit „explodieren“, die sterben wollen, aber vorher noch so viele Menschen mit in den Tod nehmen, leiden und bluten lassen wollen, wie nur möglich. In der Mediennacht wurde spekuliert, ob es sich wohl um einen islamistischen Terroristen im Auftrag oder zumindest in Beziehung zum IS handele, um einen „psychisch labilen“ einzelgängerischen Amokläufer, oder auch um einen neofaschistischen Attentäter. Dass die äußere Aktion keinerlei Rückschlüsse darauf zulässt, zeigt, wie nahe verwandt diese drei Arten von lebenden Zeitbomben miteinander sind. Die Verwandtschaft solcher Täter liegt vor Ideologie, vor Religion und vor Soziopathie. Man könnte sie vielleicht in drei Haupt- und zwei Nebenelemente einteilen:

Das unlebbare Leben. Ihr eigenes, oft junges, keineswegs stets „objektiv“ verzweifeltes Leben muss so unlebbar geworden sein, dass es nur beendet werden kann. Für so etwas gibt es sehr viele, sehr unterschiedliche Gründe. Eine depressive, bipolare Störung – „psychisch labil“ lautet das mediale Passepartout – gehört ebenso dazu wie das „unmögliche Begehren“ oder die Unmöglichkeit, einem sexuellen, religiösen oder familiären Erwartungsbild zu entsprechen. Eine rigide homophobe, übercodierte, repressive Religion „erzeugt“ den jugendlichen Gewalttäter ebenso wie eine dysfunktionale, „ausweglose“ Familie oder Arbeitsstelle, oder aber eine Gesellschaft, die außer Karrieren, und dem Scheitern an ihnen, nichts anzubieten hat und daher einen Druck auf „Identität“ und „Gemeinschaft“ erzeugt. Es gibt Versagen, Kränkung oder Verbot, mit denen man einfach nicht leben kann, und das umso mehr, als Erwartung, Vorschrift und Ideal ausgeprägt sind. Das unlebbare Leben wird durch die Bindung an das Gewalt-Ideal nicht lebbarer, aber das Sterben und Sterben-Machen wird zur Erlösung.

Der entfesselte Hass. Diese Erkenntnis des unlebbaren Lebens muss sich verbinden mit einem grenzenlosen Hass auf das gelebte Leben der anderen. Keineswegs ist der Feind, der Unterdrücker, ein Mächtiger etc. das Ziel des Anschlags. Was vernichtet werden muss, ist Leben, das Lust, Hoffnung, Zukunft und Kommunikation in sich trägt. Der Hass und die Mordlust von Selbstmordattentätern und Amokläufern ist ursprünglich nicht durch Religion und Ideologie erzeugt. Sie ist an der Überzeugung entzündet, an diesem lebbaren Leben nicht teilhaben zu können; die Gewalttat erzwingt die Teilhabe, und beendet sie im gleichen Augenblick ein für allemal. Man könnte wohl sagen: Der Täter wolle töten, verwunden, verstümmeln, was er ersehnte und nicht erreichte. Das lebbare Leben.

Die Rechtfertigung. Für das Beenden des eigenen Lebens und die Vernichtung von möglichst viel unschuldigen Menschenleben, den Genuss des Leidens der anderen im eigenen Sterben, muss es eine Legitimation, irgendeine Form von Begriff, Idee oder Metaphysik geben. Vorbilder (wie, in diesem Fall, Dramaturgien von anderen Amokläufen), Begleitungen (die dschihadistischen Gesänge, der Nazirock) und Bilder (der bewaffnete Männerkörper im Augenblick des flammenden Infernos etc.). Die (erweiterte) persönliche Rache gehört genau so dazu, wie es eine rigoros codierte Erlösungsreligion sein kann oder die Wiederherstellung einer mythischen Rassen- oder Volksgemeinschaft. Dabei ist wohl vergleichsweise unerheblich, ob der Dschihadist wirklich glaubt, im Paradies von Jungfrauen erwartet zu werden, ob der Neofaschist wirklich glaubt, sich für eine Wiedergeburt der deutschen Nation zu opfern, oder ob der Amokläufer wirklich meint, die Kränkung zu rächen, die man ihm antat. Das unlebbare Leben, der entfesselte Hass und die metaphysische oder mythische Rechtfertigung gehen die unterschiedlichsten Verbindungen ein, aber immer wird man die drei Elemente miteinander verknüpft sehen.

Das Verhalten der drei Elemente kann offenbar sehr langsam entwickelt werden, und zweifellos können dabei Propaganda, „Rekrutierung“ oder ein symbolisches Zueinander von Belohnung und Bestrafung eine Rolle spielen, sie kann aber auch, wie im Fall des Täters von Nizza, sehr rasch ablaufen. Ein wenig hilflos sprechen wir, als mehr oder weniger neues Phänomen, von einer „Selbstradikalisierung“, womit wohl gemeint ist, dass jemand, der mit einem unlebbaren Leben und einem entfesselten Hass behaftet ist, sich religiöse, politische oder metaphysische Legitimation aus Netzen und Medien selbst holt.

Das führt zur ersten der beiden Neben-Elemente im Making Of des Selbstmordattentäters. Es ist das Versprechen von Wiedergeburt und Unsterblichkeit. Die Legitimation, die neofaschistische wie die islamistische, aber auch die vorwiegend, sollen wir sagen: „ästhetische“ des Amokläufers läuft immer auf die Erzeugung des „neuen Menschen“ hinaus, und die Tat selber soll eine bizarre Form von „Unsterblichkeit“ erzeugen.

Das zweite Neben-Element ist das, was man die „Entladung“ nennen könnte. Sünde und Reinigung verbinden sich in einer Bluttat. Jeder terroristische Anschlag, jeder Amoklauf ist nicht nur ein Schauspiel, sondern auch ein Exerzitium. Alles, was unterdrückt werden musste, Freiheit, Kommunikation, Lust, Körperlichkeit, Tanz und Austausch, wird mit einer Explosion oder einer Anzahl von Schüssen ausgestoßen, erfüllt und ein für allemal beendet.

Fleisch und Blut der anderen sind das Ziel, die unerträgliche Lebbarkeit dieser Leben. So sind solche Amokläufer und Selbstradikalisierer das Pendant zum Theweleitschen „lachenden Täter“, dessen Ziel es nicht ist, sich im Tod mit seinen Opfern zu vereinen, sondern im Gegenteil ihren Tod und ihr Leiden als strikte Trennung empfindet. Auch hier, so kompliziert ist das wohl, gibt es Überschneidungen, fließende Übergänge, Mischformen.

Nutzt ein solches Theorem, das in der Form der Kolumne so ungesichert und eigensinnig entwickelt werden darf, dieser kleinen Schwester des Essays, die es sich erlauben darf, persönliche Involvierung und Erklärungsversuch miteinander zu verbinden? Vielleicht hilft es ein wenig dabei, aus der Falle von monokausalen Erzählungen der Täter herauszukommen, vielleicht hilft es, der Produktion des nicht lebbaren Lebens und des entgrenzten Hasses nachzuspüren ohne nur auf die Legitimationen zu starren. Vielleicht ist es aber auch nur ein Versuch, aus Angst, Hass und Ohnmacht zum aufklärerischen Denken zurückzukehren. Manchmal möchte eine Kolumne eben einfach nur eine Tür aufmachen. Bevor man erstickt.

Georg Seeßlen

taz Kolumne: Das Schlagloch 27-07-16

 

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