STAR TREK – Splitter

VORNEWEG 1

Man kann sagen: Das STAR TREK-Universum ist ein zusammengesetztes; – weniger ein „Puzzle“ (wie STAR WARS) als vielmehr ein endlos variier- und erweiterungsfähiges Bau-Spiel aus mehr oder weniger vorfabrizierten, mehr oder weniger autonomen Teilen. Dabei gibt es, wie in jeder Kinderzimmer-Architektur, tragende Teile, die als inneres Gerüst gewissen Vorschriften und Plänen folgen (Kanon), Anbauten, Schnörkel, sogar Scheinarchitekturen und Geheimzimmer, und natürlich macht es besonderen Spaß, gerade den kleinen Verrücktheiten zu folgen, die auch in einer solchen Anordnung möglich sind, bei der die Figuren ständig auch als Sprachrohre der Spielanleitung fungieren.

Ebenso aber kann man sagen: Das STAR TREK-Universum ist ein auseinanderfallendes; – eines, das nach etlichen Ur-Konflikten (wie dem zwischen Handeln, Denken und Empfinden) seinen Elementen erlaubt, sich immer weiter von einander zu entfernen, ohne dass sie indes gänzlich ihre Wechselwirkungen zueinander verlören. Mit jeder neuen Serie im Fernsehen oder im Kino erweitert sich das STAR TREK-Universum nicht nur, sondern es wird auch luftiger, gefährlicher, widersprüchlicher.

Da wir es gern bunt und kompliziert haben, behaupten wir stattdessen: STAR TREK ist ein narratives Universum, das sich zugleich bildet und das auseinanderfällt. Implosion und Explosion sind als Effekt nicht wirklich auseinanderzuhalten (Helden und Zuschauer werden gleichermaßen durcheinander geschüttelt und müssen sich gleichermaßen wieder aufrappeln). Die Elemente müssen sich verändern (etwa die Emanzipation in den Heldenrollen), damit das System erhalten bleibt (etwa die paradoxe Konstruktion des demokratischen Imperiums). Was indes STAR TREK zusammenhält, über alle Widersprüche in der Geschichte und in der Medienmultiplikation des Stoffs, ist eine idealistische Grundidee. Eine Zukunft voller Probleme. Aber eine, die für die Menschen möglich ist. In der das Menschliche möglich ist. Eine ziemlich einfache Idee (für die zuförderst ein selber reichlich widersprüchlicher Mensch namens Gene Roddenberry zuständig war), und die erstaunlicherweise in einem Genre namens Science Fiction eher selten ist.

VORNEWEG 2 (DAS MAGISCHE DREIECK DES ST-UNIVERSUMS)

Alle Dinge werden in einem moralischen Diskurs aus drei Elementen behandelt, die man in Anlehnung an Claude Levy-Strauss’ „kulinarischem Dreieck“ beschreiben könnte.

Das ROHE

Das KULTIVIERTE                                                                                                                                 Das PERVERTIERTE

So gibt es im STAR TREK-Universum einerseits einen Widerwillen gegen das Ungeformte, Animalische und Barbarische (Gewalt ohne Ordnung, Sex ohne Liebe, Macht ohne Gesetz usw.) und ebenso gegen das Exzessive (Perfektion um jeden Preis wie bei den Borg, „dekadente“ Kulturen, der Sieg von Ästhetik über Produktivität). Aber der kultivierte Weg der Enterprise und ihrer Variationen funktioniert nicht für sich, sondern immer nur im Austausch mit den beiden anderen. Es ist ein unabgeschlossener Vorgang. Die Föderation, die das Zentrum der fiktiven Geschichtsschreibung im STAR TREK-Universum ausmacht, kann das Kultivierte nur vertreten, insofern sie in einem unablässigen Prozess der Kultivierung steckt. Das Dogma ist dabei zu vermeiden.

So erleben wir immer wieder wie Spock seine „Logik“ zugunsten von Loyalität durchbricht, oder sogar, dass die Borg Seven weinen kann (wenn sie natürlich auch behaupten muss, ihr Okkularimplantat funktioniere wohl nicht richtig). Gegenüber allem Barbarischen haben die Menschen der STAR TREK-Zukunft ein paternalistisch-zärtliches Gefühl; statt allzu pädagogisch einzugreifen, setzt man auf Evolution. Wenn wir Mr. Spock glauben wollen, dann ist es zwar unwahrscheinlich, dass sich „Parallelwelten“ bilden, zugleich aber scheint es einen einzigen Strang des wahren Wegs zur Zivilisation zu geben. Die STAR TREK-Reisen führen zu Problemen, nicht wirklich zu Geheimnissen.

Während das Barbarische und das Pervertierte also stets „aus Prinzip“ überwunden werden muss (unter den Maßgaben der Obersten Direktive natürlich), bleibt das „Richtige“ ambivalent und dynamisch. Man darf sich nie zu sklavisch an Prinzipien halten, und das schließt immer einmal wieder ein, hier ein bisschen zu tricksen und dort ein wenig zu drohen. Worauf es ankommt, sind Entscheidungen. STAR TREK mag verstanden werden als kompromissbereite Geste gegen den Determinismus. Jede Episode bewegt sich zwischen einem morality play und einem Ideendrama.

VORNEWEG 3

STAR TREK und STAR WARS wurden, beide im Angesicht des fundamentalen Verfalls der literarischen SF (einen „hoffnungslosen Fall mit Ausnahmen“ nannte Stanislav Lem das Genre) aber auch des traditionell B-klassigen Genrefilms (mit grandiosen Ausnahmen) entstanden, die großen umfassenden mythopoetischen Narrative des Westens im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Die Verdichtung des Mythos versus die Entfaltung des Pragmatismus. Beide setzten ihre Produktivität (über Krisen und Restaurierungen) im neuen Jahrhundert fort, waren kommerziell und ikonographisch womöglich sogar noch erfolgreicher als zuvor, hatten aber ihre hegemoniale Stellung im Kosmos der populären Erzählungen eingebüsst. Das eine wie das andere – zueinander spiegelbildlich und gegensätzlich – existiert auch in seiner nostalgischen Reflexion. Was kann sich ändern, was muss gleich bleiben? Es sind mediale Initiationsriten als work in progress. Die Generationen verstehen sich eher in STAR TREK als in der Wirklichkeit. Anders als typische Rite-de-passage- Popmärchen begleiten STAR WARS und STAR TREK die Biographien, ob einem das ein bisschen peinlich ist oder auch nicht.

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AMERIKA (und der Rest der Welt)

Es ist natürlich so leicht, in der „Konföderation“, in dessen Auftrag die Enterprise unterwegs ist, eine Art des Kennedy’schen Liberal-Imperialismus zu sehen wie in den Feinden, zum Beispiel den aggressiven Klingonen, ein Echo des altbösen Feindes aus dem Kalten Krieg, und genau so leicht kann man den Anspruch der Föderation als Analogie zur US-amerikanischen Stellung als Weltmacht sehen (nebst Anklängen an die UNO) wie den kritischen Aspekten eine direkte Bezugnahme auf die aktuellen Regierungen und ihr Handeln entnehmen. In der Episode „Die Heimsuchung“ wird die in „STAR TREK: Deep Space Nine“ behandelte „Sektion 31“ der „Sternenflottensicherheit“ wieder aufgegriffen, mit deutlichen Hinweisen auf das Wirken der Geheimdienste, in mehreren Episoden (wie in „Force of Nature“ von „The Next Generation“) wird auf die Umweltgefährdung hingewiesen, und immer wieder gibt es eine an die Gründerväter gemahnende Rückkehr in die Wildnis zu bestaunen. Im 6. STAR TREK-Kinofilm (Das unentdeckte Land) spiegelten sich die Umbrüche der Sowjetunion; die Borg mit ihrer Assimilierungswut sind dagegen wohl auch ein Nachklang an die Phantasmen der „Gleichmacherei“ aus dem Kalten Krieg. Die Abgesandten der demokratisch-kapitalistischen Vernunft treffen immer wieder auf Simulationen anderer Regierungs- und Herrschaftsformen. Wirklich bedrohlich für die Konföderation werden indes nur die monomanen und expansiven Systeme wie die Klingonen (das barbarische Prinzip der kriegerischen Ausdehnung) und die Borg (das perverse System der Auslöschung), zum allfälligen Störfall immerhin reicht es bei den kindisch profitsüchtigen Ferengi. Entscheidend ist, dass jede Mission in die mehr oder weniger suggestiven Tiefen von Raum und manchmal auch Zeit nicht nur der Wiederherstellung des, nun ja, kosmischen Friedens, sondern auch der Selbstvergewisserung dient. Es geht um Werte, es geht, immer wieder, um die Neujustierung der Elemente im pragmatischen Liberalismus, Vernunft, Tatkraft, Skepsis, Neugier, Konservatismus… Die Zentren wechseln, nur zum Beispiel vom lächelnden Tatmenschen, über die verständig staunende Mutter, den reflektierten Patriarchen, den relativistischen Technokraten zum gezähmten Rebellen, ebenso wie die Sidekicks (man könnte wohl sagen: die Integratoren und die Integrierten), die so totsicher „Mischungen“ sind, wo das Zentrum „Ganzheit“ verspricht, aber das Wesen der Missionen bleibt das gleiche: eine Ordnung, die weder auf barbarische Gewalt noch auf perverse Manipulation hinausläuft.

Im Verlauf der Entwicklung des STAR TREK-Universums, konsequent in der narrativen Entfaltung, konsequent aber auch in der Widerspiegelung der Zeit der Entstehung, nehmen die inneren Gefahren breiteren Raum ein. Zwar kennt kein Bewohner des STAR TREK-Universums die Space Oddity, die Klaustrophobie inmitten der unendliche Leere, denn immer hat man, im Raumschiff wie in der Station Deep Space Nine gleich seine ganze Gesellschaft, seine ganze Kultur mitgebracht, aber die Widersprüche wollen sich nicht immer so leicht wie in den mehr oder weniger harmlosen Frotzeleien der Originalserie auflösen lassen. Loyalitäts- und Befehlskonflikte sind ebenso angesagt, wie Rollen- und Geschlechtsmodelle in Konflikt geraten. Dass in „STAR TREK – Voyager“ eine Frau das Kommando führt, ist für die Entstehungszeit keine große Sache mehr; bemerkenswert aber bleibt, wie bei Captain „Janeway“ (sprechende Namen in STAR TREK!) sich das Militärische und das Fürsorgliche neu justieren müssen, Benjamin Sisko in „Deep Space Nine“ spiegelt eher in seinem Familienroman als in seiner Amtsführung ein afroamerikanisches Erbe; Jean-Luc Piccard in „Next Generation“ verkörpert durchaus „europäische“ Elemente, und sei es in seinem Verzicht auf allzu viel performative Kumpanei. Aber alle sind in erster Linie Vertreter einer großen integrativen Kraft. Es gibt im Verlauf der Serienentwicklung nicht eine „Spezies“ im Weltraum, die nicht wenigstens einen exemplarischen Vertreter in diese integrative Kraft entlassen muss, und in „Voyager“ ist gleich der gesamte Komplex des rebellischen Maquis (den wir aus „Deep Space Nine“ kennen) in die Konföderationsgemeinschaft integriert.

Die Konföderation ist gleichsam unendlich aufnahmefähig, und umgekehrt ist der ganze Kosmos auch unendliche konföderationsfähig. Und weil diese Integration weder in der Form der barbarischen Unterwerfung noch in der einer perversen Infiltration stattfinden soll, ist er auch unabgeschlossen und konfliktreich. Das alte droht immer wieder im neuen auszubrechen und muss durch neue integrative Ereignisse kontrolliert werden. Weil dazu oft ein neuer gemeinsamer Feind notwendig ist, entwickelt sich eine unendliche Spirale: Integration kann paradoxerweise nur gelingen, solange es auch ein Außen gibt.

AUTORITÄT

Es ist eine fortlaufende „Revolutionierung“ und zugleich Bewahrung der Autorität in den verschiedenen Phasen des Raumschiff Enterprise. Mit Captain Kirk tritt der erste „Demokrat“ an, einer, der das Militärische der Mission bewahrt und zugleich transformiert; Kate Mulgrews Captain Kathryn Janeway (sie will nicht mit „Sir“ angeredet werden, so erfahren wir in der ersten Folge) macht die Sache nur einerseits „mütterlicher“, sie ist andererseits aber durchaus darauf bedacht, ihre Autorität auch zu inszenieren; man beachte dazu die Szenen, in denen sie in ihrem Kommandosessel Platz nimmt und das Kinn reckt. Die „männlichen“ Macht-Gesten sind ihr beinahe weniger fremd als Kirk, dem immer noch etwas lausbübisches anhaftet, was dann in den neuen Filmen in einen Hauch von Rebel Hero übersetzt wird. Piccard und Sisko entsprechen auf den ersten Blick am ehesten traditionellen Autoritätspersonen, und dabei sind es gerade sie, die am ehesten in Konflikt mit diesem Anspruch geraten. Der Kreis schließt sich mit dem jungen Kirk in den neuen Kinofilmen, die von der vertikalen Integration sprechen, von einem sich Hineinkämpfen in die Rolle des Integrators.

Auch die Autorität ist hier pragmatisch zusammengesetzt, nie auf den Rang allein bezogen und nie als einfaches Machtverhältnis dargestellt. Natürlich müssen diese Helden immer wieder Schwächen, das heißt Menschlichkeit zeigen, mehr noch aber müssen sie eben diese Fähigkeit zur Integration unter Beweis stellen. Das tun sie vor allem, indem sie die Stärken und Schwächen der zu Integrierenden erkennen, auf einer tieferen Ebene heißt das auch, sich selbst im anderen zu erkennen.

Alle Reisen von STAR TREK-Varianten führen zu verschiedenen Formen von Macht und Unterwerfung. Es ist eine permanente Untersuchung darüber, wie und wann Macht gut ist und wann nicht. Wie sie zu kontrollieren ist und wie sie selber kontrolliert. Natürlich wechseln dazu auch die Einstellungen. Der Captain Kirk der Kino-Filme erscheint (gewiss, das ist auch eine Frage des Alters) anfänglich wesentlich weniger charmant und liberal als in der Originalserie. Manche Mitbewohner des STAR TREK-Universums hat das regelrecht erschreckt, und die Figur reagierte darauf (da an das alte „Lausbuben“-Image ja nicht mehr anzuschließen war), mit einer Portion melancholischer Gelassenheit. Die Autorität darf nun statt von der charismatischen Aura zur Erfahrung überwechseln, eine Entwicklung, die, wenngleich in geringerem Maße, auch Captain Janeway durchmacht. Ihre performative Besetzung der Macht-Orte und Macht-Gesten vom Anfang, ihre Entschlossenheit, die Autorität durchzusetzen, verwandelt sich in eine flüssigere Vertrautheit mit der Praxis von Autorität (übrigens ließe sich diese leichte Wandlung auch an ihrer Frisur festmachen).

BEAMEN

Auf den ersten Blick ist das Beamen nur ein für das Genre typischer Trick, Prozeduren wie Landungen oder die Überwindung großer Entfernung vergessen zu lassen. Tatsächlich ist es aber auch das Instrument, welches das narrative System vollkommen verändert. Der Sprung tritt an die Stelle der Kontinuität, statt eines gewaltigen Erzählraums steht nun eine Vielzahl kleiner (auch konkurrierender) Erzählräume zur Verfügung. Der Bühnenwechsel vollzieht sich mit einem Schnippser (zugleich hat man aber auch ein Element, mit dem man Überraschungen erzeugen und neue Handlungselemente einführen kann). Die lineare Konstruktion von Story und History ist in einer Welt des Beamens allenfalls zweit- oder drittrangig. Das erlaubt analog eine labyrinthische Anordnung der Bildräume. Der Kosmos ist daher für die Besatzung von Enterprise, Voyager etc. nicht ein „Wunderland“ das von Absurditäten beherrscht wird, sondern eine Anordnung von Absurditäten, die jeweils für sich „rationalisiert“ werden können. Es ist am ehesten die Bewegung in einer „Wunderkammer“. Das Beamen macht den Weltraum extrem kleinteilig, ist allerdings als Fortbewegungsart selber von Absurditäten bedroht. Man kann sich schon einmal verbeamen…

Und natürlich produziert es die schönsten Meme. „Beam me up, Scotty“. Oder einfach: „Energie“.

Zur Suggestivität des STAR TREK-Universum gehört es, dass – im Gegensatz zu den meisten anderen SF-Konstruktionen – die verschiedensten Technologien, mehr noch die verschiedensten Konzeption von Physik und Kommunikation, nebeneinander bestehen. Das Mechanische, das Holografische, das Digitale, das Quantenphysikalische, auf jede Begrenzung des einen Prinzips reagiert eine Erfindung eines anderen.

EMANZIPATION

Im STAR TREK-Universum tummeln sich Wesen, denen man nur die Chance geben muss, damit sie sich bewähren. Aber es gibt auch solche, die sich, wie der Holo-Doc, beständig unter Wert behandelt fühlen, wie Data an ihrer emotionalen Begrenzung leiden, wie „Pille“ beständig gegen die Windmühlen von Tat und Logik anrennen usw. Für jedes Mitglied der Crews ist die Reise auch eine Form der Befreiung, auch wenn einige von innen mit ihrer Funktion so fundamental verwachsen scheinen, dass sie, wie Chekov kaum je ihren Platz vor dem Computerbildschirm verlassen.

Die Arbeitsteilung ist enorm, und sie scheint immer wieder, als wäre sie einer früheren Form der Verbindung von Technologie und Ökonomie entsprechend eher psychologisch als funktional bedingt. Der Scotty in seinem „Maschinenraum“ erinnert eher an den Lokomotivführer sehr vergangener Zeiten, an den Maschinisten, der seine Maschinen liebt wie wunderbare Lebewesen, als an einen Bewohner des 23. Jahrhunderts, der Holo-Doc argumentiert mit seinem einprogrammierten „Hippokratischen Eid“, die Ferengi haben ganz gewiss die Entwicklung des Finanzkapitalismus verschlafen usw. Sich zu befreien fällt den Wesen im STAR TREK-Universum leicht, weil ihre Vorstellungen von Freiheit aus der Vergangenheit der Industrialisierung (aus der Mythologie des Western) stammen.

Für ihre Entstehungszeit waren die Serien aus dem STAR TREK-Universum in aller Regel „fortschrittlich“. Es ist schwer vorzustellen, wie die mittlerweile selbst kanonisierte multiethnische Mannschaft der Originalserie in einem Land wirkte, das noch so viel offenen Rassismus erlaubte. Weibliche und afroamerikanische Kommandanten und Identifikationsfiguren bedeuteten in diesem Kosmos eben etwas anderes als in reinen Action- oder Krimiserien: Bei STAR TREK ist ja jedes Detail, und wie viel mehr also eine solche Rollenbesetzung, ein Statement. (Natürlich konnte man sich auch hier immer nur so viel Freiheit herausnehmen, wie der Markt hergab.)

FRISUREN, oder eine Frage der Ästhetik

Um zu begreifen, wie es mit Kontinuität und Wandel nicht allein innerhalb der Serie sondern zwischen den Narrativen STAR WARS und STAR TREK steht, genügt ein Blick auf die Frisuren von Prinzessin Leya und die von Commander Janeway. Beides eigenwillige Formungen – während die Männer frisurentechnisch in der Regel der Entstehungszeit entsprechen. (Wir fragen uns, ob Ursula von der Leyen etwa bei „Voyager“…, aber das ist ja Unsinn.) Jedenfalls wird sie anfänglich noch sehr dekorativ zerzaust. Immer wieder muss sie ihr Haar hochstecken, in Form bringen, als wäre es ein Rest des nicht Gezähmten oder des nicht Unterworfenen. Später, wie gesagt, wir das Haar der Kommandantin entdramatisiert.

Im STAR TREK-Kosmos ist jedes Objekt ein Signifikat. In der Originalserie werden wir auf Welten gebeamt, die offensichtlich kein Interesse daran haben, ihre Kulissenhaftigkeit zu verbergen. Wir befinden uns auf den Bühnen von Kindermatinees im Theater. Es geht nicht darum, dass diese Dinge „glaubhaft“ sind, es geht darum, was sie bedeuten. So lernt man mit STAR TREK-Episoden unter anderem die Bedeutung von Farben. Denken wir nur an den Unterschied zwischen den schrillen primärfarbenen Uniformen der Serie und der gedeckten, offensichtlich wesentlich dickeren Stoffen der Kinofilme. In einer Episode möchte eine Frau Captain Kirk die Uniformjacke ausziehen, aber sie findet keine Schlaufen, Knöpfe oder Reißverschlüsse. Zu Beginn sind die Mitglieder der Enterprise-Mission mit ihren Uniformen so verwachsen wie die Superhelden. Und alle Formen von Körper sind auf diese Weise wieder in das besagte Dreieck der Zivilisation zurückgeführt: Das Nackte, das Bekleidete, das Gepanzerte / Verhüllte.

Zur Emanzipation der Wesen aus dem STAR TREK-Universum gehört es schließlich, diese direkte Verwobenheit von Körper, Kleidung und Zeichen zu überwinden. Kirk und die seinen, aber auch Janeway, in bescheidenerem Maße Piccard und am wenigsten Sisko, entwickeln eine manische Liebe zu Verkleidungen und Maskeraden. Es ist die legitimste Art, raus aus den Klamotten zu kommen, die ansonsten nur durch die starken Farbkontraste der gefürchteten Entindividualisierung widersprechen. Weniger nachhaltig ist der ästhetische Import (womit wir wieder bei Frisuren wären): Chekof, der in der zweiten Staffel der Originalserie eingeführt wurde, war nach dem Leadsänger der Monkees, Davy Jones genannt, moduliert. Die Monkees wurden schneller vergessen als ein WORP-Antrieb eingestellt ist.

GENDER & SEX

Uniformen und andere stofflichen Semantiken haben im STAR TREK-Universum allerdings nicht die Tendenz zu „neutralisieren“. Sie sind oft wie eine zweite Haut und betonen die Körper mehr als sie zu verbergen (von den hochsymbolischen Gagdets und Applikationen ganz zu schweigen). Zur Suggestion des Weltraums zumindest in der Originalserie gehören jene Frauen, die zugleich over- und underdressed sind und gelegentlich wirken wie Comic-Pinups vergangener Zeiten. Noch entsprechen sie dem Frauenbild der bigotten Lüsternheit, haben sich in Fetisch-Objekte verwandelt, die zugleich „greifbar“ und unerreichbar sind, zugleich offenbart und entzogen. Kirk und die seinen müssen sich den Verführungen immer wieder entziehen (oder, damit wir etwas davon haben, zum Schein auf sie eingehen), ohne dass der Sex die Ebene der reinen Zeichenhaftigkeit überschreitet.

Die männliche Dominanz ist in STAR TREK freilich von Anfang an auch ein Problem. So trifft man immer wieder auch auf matriarchale Kulturen (das war, scheint’s, eine fixe Idee von Gene Roddenberry, der im übrigen eine eigene SF-Serie um dieses Motiv plante, die wahrscheinlich zum Glück unrealisiert blieb), es scheint immer wieder, als wichen Kirk und die seinen dem eigenen Machismo genau so aus wie der weiblichen Verführung. Die allerdings in Uhura ja nur zu nahe ist. Doch in STAR TREK bleibt alles Episode, so hatte auch der berühmte skandalöse Kuss zwischen ihr und Kirk, der dazu führte, dass die Episode Platons Stiefkinder“ in etlichen US-Staaten nicht ausgestrahlt wurde, keine tiefgreifenden narrativen Folgen. Es war ein Statement, immerhin, aber es führte nicht zu einer wirklichen Veränderung des Universums. In der vierten Staffel von „Deep Space Nine“ gab es in der Folge „Wiedervereinigt“ den ersten Kuss zwischen den beiden Frauen Susanna Thompson und Terry Farrell, was nicht nur innerhalb des STAR TREK-Universums noch für Aufregung sorgen konnte.

Ansonsten aber liegt die gleichgeschlechtliche Liebe im STAR TREK-Universum ein wenig tiefer, in den „Verschmelzungen“ und Spiegelungen, in Blicken vor allem. Die Ambiguität mancher Figuren verknüpft vortrefflich das Erotische mit dem Politischen. (Einem „kindlichen“ Sinnenwesen wie Neelix, alter Trick, ist da gelegentlich erlaubt, was den anderen, vernünftigerweise, verboten ist.) Es verknüpft sich schließlich, „karnevalistisch“, mit dem Dritten, mit dem Grotesken. Alle „Spezies“ im STAR TREK-Universum haben neben den komischen und den bedrohlichen Aspekten (und natürlich den Reminiszenzen an andere Alien-Phantasien des Genres) auch einen obszönen Aspekt. Irgend etwas tritt hervor, hängt herunter, lappt heraus, beult aus; das Innere tritt nach Außen, die Haut ist aufgerissen, Signale des Begehrens werden ausgesandt, Verdoppelungen und Verlängerungen treten auf. Selten treten die anderen als etwas „ganz anderes“ auf, meistens sind es unter- oder überzeichnete „Humanoide“. Bei Seven of Nine kann man nicht unterscheiden zwischen dem Verletzten und dem Hinzugefügten, und Janeway reisst nicht nur im Angesicht der überraschenden Gefahr die Augen auf: Mehr als ihre männlichen Kollegen, so scheint es, gibt sie sich dem Staunen über das Suggestive hin.

Anders als in STAR WARS kommen in STAR TREK keine SUPER-Männer oder SUPER-Frauen im traditionellen Sinne vor (es sei denn als Schreckbilder). Sexualität gehört in den STAR TREK-Erzählungen zu den äußeren Suggestionen. Natürlich gibt es auch auf den Raumschiffen erotische und familiäre Beziehungen und daher auch die entsprechenden Konflikte, aber es sind Paradigmen, Zutaten, die sich zur Handlung am ehesten retardierend verhalten. Würde man die Figuren näher ansehen, wären sie wohl allesamt auf eine gewisse Weise traumatisiert, wenn vielleicht auch nicht so deutliche wie Sisko, der seine Verlust-Erfahrung nie wirklich überwinden kann. Dieser Weltraum ist auch ein Welt-Traum-Raum, in dem alle Verdrehungen und Verdrängungen auf ihre Weise zurückkehren. Eigentlich immer, wenn auch nicht so direkt wie in „Voyager“ geht es um eine Sehnsucht nach Heimkehr, die in Konflikt steht mit den Suggestionen von Sexualität und Macht.

Es ist, wenn wir von einer Odyssee sprechen wollen, das Sexuelle sehr häufig einem verführerischen Sirenengesang vergleichbar, eine Ablenkung, die meistens in Nichts aufgelöst wird, indem man die wahren Absichten“ erkennt. Gender und Sex sind allerdings auch hier nicht so leicht zu trennen. Wie bei der „multinationalen Zusammenarbeit“, die als oberstes Gebot in der Serie gilt, scheint es auch bei der gender-Verteilung vor allem um die „diversity“ als Produktivität zu gehen. Enterprise, Voyager oder Deep Space Nine sind auch als Metaphern moderner Industrie (bzw. Post-Industrie-) Unternehmen und ihrer Personalpolitik zu lesen. Das Gerechte ist auch hier vorrangig durch das Nützliche bestimmt.

HUMOR

Der Humor in STAR TREK-Universum ist, sollen wir sagen: harmlos (in des Wortes ursprünglicher Bedeutung). Ein Wesen wie Neelix wird darauf angesprochen, ob es gern ein Bad nehmen würde, und es antwortet: Ein was? Quelle der Heiterkeit sind in der Originalserie die Animositäten zwischen Spock und Pille: Kirk: „Am liebsten würde ich Sie in den Arsch treten!“- Spock: „Wenn Ihnen das hilft.“ – Pille: „Soll ich ihn festhalten?“ (STAR TREK V); in den späteren Serien wird der Humor eher auf die Nebenfiguren verlagert. So wie das „Logische“ bei Spock ist in „The Next Generation“ das Normative von Data Gegenstand des Humors: Picard: „Bitte geben sie mir nun die Abschuss-Sequenz.“ Data: „blau blau blau“ Picard: „Ich hoffe, Sie haben jetzt nicht gestottert.“

Dass nichts vom Humor der Serien zynisch, selbstreferentiell oder parodistisch ist, sondern allenfalls vom traditionellen comic relief (die berühmte Schlusssequenz der klassischen amerikanischen TV-Serie; der Gott der Bildnarrationen habe sie selig!) zum Nebenstrang wird, gehört zum kanonischen Vermächtnis. Anders herum eignet sich natürlich gerade dadurch das STAR TREK-Universum für parodistische Verzerrungen, und STAR TREK-Witze gehören zum festen Bestandteil jedes realen oder virtuellen Fan-Treffens. (Aber selbst „Bully“ Herbigs (T)RAUMSCHIFF SURPRISE kratzte nie mehr als an der Oberfläche, wenn es, wie etliches von der Fan Fiction implizite erotische Elemente in explizite Scherze umsetzte.)

IDEEN & IDEOLOGIEN

STAR TREK-Serien sind im Kern Ideendramen, Die meisten Figuren verkörpern vor allem Prinzipien, wenn es auch nie wieder so luzide sein würde wie in der Originalserie mit ihrem Tatmenschen, dem Vernunftmenschen, dem Humanisten, dem Techniker usw.

Daher bleibt ein Prinzip, das die Fernsehserien früher Zeit bestimmte und mittlerweile mehr als aus der Mode gekommen ist, nämlich dass sich die Konflikte stets in Dialogen abbilden und in einer Mehrzahl der Fälle auch lösen lassen. Die „Action“ war in der Originalserie wirklich nicht viel anders als eine Zutat, ein Pflichtprogramm.

Die „Föderation“ will denn auch die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Konkurrenten im All, vor allem den kriegerisch-imperialen Klingonen, den nicht minder expansiven, aber intelligenteren Romulanern oder den Borg, weitestgehend vermeiden. Auch Janeway ist, was die „unterlegenen“ Zivilisationen anbelangt, vor allem ein „Entwicklungshelfer“, die in die Selbstentfaltung der einzelnen Kulturen glaubt. Die „Sternenflotte“ soll die Sicherheit bei der wissenschaftlichen und diplomatischen Behandlung des Restes vom Kosmos gewähren; nun ja, wir wissen, wie das mit der Sicherheit ist. Gelegentlich schimmert ein Selbstzweifel durch: Ist die Föderation wirklich so selbstlos, wie es scheint? In „Way of the Warrior“ gibt es eine Szene, in der das „menschliche Gebräu“ (roots beer) mit dem Wesen der Konföderation verglichen wird. Es scheint „zu sprudelig, fröhlich, quirlig“, doch was das schlimmste ist: Man kann nach einer Weile einfach nicht mehr damit aufhören, es zu trinken.

Immerhin ein leichter Zweifel also ist gestattet; vielleicht ist die Konföderation und die von ihr vertretene Politik auch nur eine ideologische Maske vor einem fundamentalen Interesse an Produktivität und Sicherheit. Die Ideologie besagt: Wir müssen die Zukunft offen halten. Sie entsteht nicht aus Determination und darf nicht den alten Imperien überlassen werden, die die individuelle Entscheidung und die freie Entfaltung behindern. Die Praxis aber ist eine Erhaltung des Status Quo. Der (amerikanische) Mensch ist die beste aller Lösungen für die allfälligen Probleme, der Eingriff eines Staates oder einer Regierung in kulturelle und wirtschaftliche Vorgänge ist zwar (darin ganz neoliberal) von Übel, aber wenn es die Sicherheit verlangt…

Tatsächlich brechen die Enterprise und ihre Variation viel weniger auf, um in der unendlichen Weite des Weltalls kreativ verloren zu gehen, sie scheinen es vielmehr auf die Sicherung der Grenzen abgesehen zu haben. Sehr häufig geht es auch um Rettungsaktionen, bei denen man die Grenzen „zum Feind“ (oder „zum Unbekannten“) überschreiten muss, aber die Rückkehr bleibt das bestimmende Motiv. Bei der Sicherung der Grenzen ist auch die Anwendung von List erlaubt (um in den Besitz einer Tarnanlage der Romulaner zu kommen, spielt Kirk sogar einmal den großen Burn Out-Vor, und Spock lässt sich auf ein Rendezvous mit der schönen Feindin ein). Die Aussagen sind klar: Bei der Verteidigung der konföderierten Demokratie kann es selber nicht immer demokratisch zugehen. Captain Picard in „The Next Generation“ erweist sich immer wieder als meisterlicher Diplomat, aber im Fall, dass man auf (technologisch oder quantitativ) überlegene Gegner trifft, werden auch hier rasch Bedenken beseitigt. Noch mehr als der quirligere Kirk erscheint Picard auch als „Manager“, was dann in Captain Janeway nahezu zum Programm wird: Man sucht im STAR TREK-Universum nach den jeweils geeigneten Formen der mehr oder weniger flachen Manager-Hierarchie und Formen der zweckgebundenen multikulturellen Kooperation. Erfolg bemisst sich oft nicht in der Nützlichkeit von Befehlen, sondern in der Motivation der Mitarbeiter. Übrigens handelt auch da kein STAR TREK-Manager/Offizier stets fair und aufrichtig. Der Zweck muss dann doch immer noch die Mittel heiligen. Jedenfalls spiegelt die Entfaltung der STAR TREK-Serien nicht nur die jeweils aktuellen politischen Ereignisse wider, sondern auch die Wandlungen in den Management-Philosophien. Am Ende, zum Beispiel in den neueren STAR TREK-Filmen, handelt es sich ganz dezidiert um ein Echo auf die „Liberation Management“-Ideen, in denen man ganz gezielt auf rebellische und eigensinnige Energien setzt.

Diese Gegner sind nie nur politisch und „moralisch“ definiert, sondern immer auch ökonomisch. Dabei ist die Kriegsökonomie der Klingonen noch rasch zu erledigen, die robotisierte der Borg schon weniger. Der Assimilationskraft dieser („asiatischen“) Produktionsweise setzt die Föderation denn auch ein sublimes Mittel entgegen: den mentalen Virus des Individualismus.

IKONEN

STAR TREK ist eine Maschine, die Bilder hervorruft. Der mit der Heugabel bewaffnete amerikanische Farmer (Voyager: „Der Fürsorger“) taucht ebenso auf wie es Kunstwerke, historische Monumente (Spock und Kirk in Washington), archetypische Landschaften, Popkulturelle Referenzen tun. Umgekehrt emanieren STAR TREK-Serien auch vor allem technische Bilder; das Raumschiff Enterprise als Risszeichnung, Plastikmodell, Computersimulation etc. Die Kontinuität des STAR TREK-Universums wird durch technologische mindestens so sehr wie durch personale Verknüpfungen gebildet; anders als im STAR WARS-Universum sind die Figuren und Helden letztlich austauschbar. Das Schiff ist wichtiger als seine Besatzung, jedenfalls was das Gesamtgefüge dieses narrativen Universums anbelangt. (Und als die „Enterprise“ – wegen ästhetischer Veralterung – „sterben“ musste, war das ein fast so traurig erhabener Moment wie der Abschied von einer beliebten Figur.)

Spätestens seit „Voyager“ spielt zwar das „Holographische“ selbst eine zentrale Rolle, es zerstückelt die Erzählweise ganz ähnlich wie es das Beamen tut, aber das räumt den Verdacht nie ganz aus, dass es sich insgesamt um Reisen in Zeichen- und Bildwelten handelt, die eher „vorrätig“ als konstruiert sind.

KANON

Der Kanon, also das, was das eigentliche Mehr-als-World Building von „STAR TREK“ ausmacht, umfasst fünf Fernsehserien mit insgesamt 703 Episoden und 13 Spielfilme. Die 22-teilige Zeichentrickserie bezieht sich lose auf den Kanon; die meisten der Romane (ca. 700) und Comics (ca. 1000) sind es eher nicht. Sie gehen in der Regel von einzelnen Figuren oder Konstellationen aus, um eigene Phantasien zu verfolgen. Eher selten sind allerdings auch echte kontra-kanonische Erzählungen. Wer genaues wissen will, muss sich in die Tiefen der „Memory Alpha“-Datenbank begeben, die fiktive Widerspiegelung der fiktiven Datenbank der fiktiven Vereinigten Föderation der Planeten. Die englische Version umfasst um die 40 000 Eintragungen, die deutsche mehr als die Hälfte. Die Memory B-Variante lässt zumindest auch semi-kanonische Narrative zu. Ausgeschlossen sind sowohl anti-kanonische Narrative als auch die Produktion der „Fan-Fiction“-Weiterungen. (Nur zum Beispiel: in den Romanen, die nach „STAR TREK: Enterprise“ entstanden, wird der Tod von Ingenieur Tucker in der vierten Staffel – im Jahr 2161 – revidiert.)

Zum Kanonischen gehören gewisse Selbstreferenzen, Wiederaufnahmen von Situationen und Figuren, oder „archivisches Gedächtnis“: In der letzten Folge von „STAR TREK:Enterprise“ sehen wir die Geschehnisse als Holo-Simulation, die sich die Helden der Serie „Next Generation“ ansehen. Zum 30-jährigen Jubiläum der ersten Serie gab es für die Fans eine besonderes Episode von „Deep Space Nine“: Mit einem Budget von 3 Millionen Dollar wurde die Folge „Immer die Last mit den Tribbles“ gedreht. In dieser Folge unternehmen Sisko und seine Leute eine Reise zurück in die Zeit der Originalserie, und zwar durch das digitale Einfügen der „Deep Space Nine“-Elemente in die Film-Vorlage der originalen Episode „Kennen Sie Tribbles?“. Die Vertreter des Maquis (die Integration von Guerilla-Einheiten oder Alternativ-Kulturellen, wie man es nimmt, in den föderativen Mainstream) entwickeln ihre spannungsvolle Beziehung zu den Serienhelden in „The Next Generation“ und „Deep Space Nine“, um in „Voyager“ zu einem Hauptmotiv zu werden

Filme und Serien durchdringen sich auch in den Requisiten und den Effekten; es ist eine durchaus effektive Arbeitsweise entstanden, auch ein Vorläufer er Marvel- und DC- Filme, die Crossover als Teaser einzusetzen und Figuren aus einer Produktlinie als Vorbereitung für eine zweite zu verwenden. Das kanonische Erzählen ist immer auch ein ökonomisches Erzählen.

KAPITALISMUS

Eher milde fällt die Kritik als Parodie der Ferengi aus. Data erklärt einmal in „The Next Generation“ schlüssig ihre Analogie zu den Kauffahrtsschiffen der Erde im 18. Jahrhundert: Sie sind „hundertprozentige Kapitalisten: Unser eigener Vorteil ist das einzig wichtige“. In den anderen Kulturen des STAR TREK-Universums ist der Kapitalismus fortgeschritten, zum Teil auch wieder in eine Perversion: In einer Folge von VOYAGER („Endspiel“) wird ein medizinisches System geschildert, in dem ein digitaler „Zuteiler“ die Menschen nach ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft einteilt und damit (zum Entsetzen des entführten Holo Doc) die Versorgung vom errechneten Nützlichkeitsgrad abhängig macht. Der Holo Doc überzeugt den Schöpfer dieses Systems letztlich nicht damit, dass es unmoralisch und unmenschlich ist, sondern durch den drastischen Hinweis (der Verursacher muss selber krank werden), dass Nützlichkeit eine relative Größe ist.

Im STAR TREK-Universum treiben sich eine Menge „fahrender Händler“ und Betrüger herum, wie im alten Western. Es geht um einen entwickelten Kapitalismus, der mit denkbar feingliedrigen Werkzeugen arbeitet. Armut und Hunger scheint es im Bereich der Föderation nicht zu geben. Dafür spielen immer wieder Rohstoffe eine wichtige Rolle, die ebenso dringend benötigt werden wie Energie. Alle Kriege im STAR TREK-Universum vollziehen sich realistischerweise auch als Handelskriege. So wie es auf der einen Seite um die Sicherung der Grenzen geht, geht es auf der anderen Seite um die Offenhaltung der Handels- und Kommunikationswege.

Das Bargeld jedenfalls ist in der Zukunft abgeschafft (und als Kirk und die Seinen einmal in unsere Gegenwart reisen, müssen sie sich erst mühsam an den Gebrauch von Scheinen und Münzen gewöhnen). Stattdessen scheint das oberste Ziel eine Form der Selbstoptimierung zu sein; der Glauben an den Wert der Dinge ist bis zu einem gewissen Grad durch den Glauben an sich selbst ersetzt. Man könnte wohl sagen, in der Zukunft von STAR TREK hat der Mensch kein Geld mehr, sondern er ist Geld (denn wie sollte man sonst die eindeutigen „Geschäfte“ erklären, die getätigt werden, oder die ebenso eindeutigen Formen von Privilegien?). Die alten Kapitalisten, die Ferengi, sind diesem System auf Dauer nicht gewachsen; daher haben sie die Gabe, sich am Ende immer selbst herein zu legen. Die politische Ökonomie freilich bleibt eher vage: Haben wir es mit einer Form des liberalen Staatssozialismus zu tun, oder doch, wenigstens, mit einer Art Umkehrung der Privatisierung, nämlich einem Staatskapitalismus? Eine tatsächlich zwar nicht rang- aber doch klassenlose Gesellschaft? Wir wissen viel über die Verhältnisse auf Enterprise, Voyager oder Deep Space Nine, aber wenig über die Verhältnisse auf der Welt, die sie auf ihre friedenserhaltenden Missionen geschickt hat. Man mag vielleicht darauf hinweisen, dass Geld kein Wertmaßstab, sondern eine soziale Praxis darstellt. Das Geld der Bewohner der Föderation ist ihr soziales Verhalten. Die Arbeit ist kein Joch und keine Strafe, sondern im Gegenteil ein Erfüllung von Lebensglück. Ob das etwas Gutes ist oder nicht? Die große Wunschmaschine Replikator (will unser 3-D-Drucker so eine werden?) hat jedenfalls die Gier als Antriebskraft ebenso verschwinden lassen wie die Zurschaustellung von Luxus. Alle haben alles (was sie brauchen). Bemerkenswerterweise wird dadurch die Freiheit, die alle STAR TREK-Unternehmen verwirklichen wollen, zu einer vergleichsweise abstrakten Qualität. Wenn die STAR TREK-Freiheit nicht die Freiheit des homo oeconomicus, nicht die Freiheit des Neoliberalismus zum entfesselten Produzieren und entfesselten Konsumieren ist, was ist sie dann?

Wir erinnern uns an den Westerner. Er musste an die Grenze und in die Wildnis auf der Flucht vor der Zivilisation und ihrer Fixierung an Geld und Materie, und er wurde dabei zugleich zum Pionier dieser Zivilisation. Es gibt eben Fragen, die sich nur solange nicht stellen, solange die Enterprise „da draußen“ unterwegs ist.

KATASTROPHE

Da das STAR TREK-Universum auf Ausdehnung angelegt ist (als sollte die Paradoxie eines humanistischen Imperiums entstehen), sind Katastrophen in der Regel „Reiseunfälle“ und „Abenteuer“. Erst in der dritten Staffel von “STAR TREK: Enterprise“ gibt es eine radikale Rückwendung: Ein Angriff auf die Erde hat Millionen von Menschenleben gekostet und die (frühe) Enterprise begibt sich auf die Suche nach den Angreifern in einen Teil des Weltraums, in dem einerseits die physikalischen Gesetze nicht mehr uneingeschränkt gelten, in dem aber zugleich ein Teil der moralischen und dramaturgischen Gewissheiten im Kanon in Frage gestellt werden. Das nun komplexere und verwobenere, trans-episodische Erzählen und die eher düstere Atmosphäre überforderte im übrigen manche Anhänger der klassischen Serien. (Die neueren Filme stellen wohl so etwas wie einen Kompromiss zwischen dem alten und dem neuen Erzählen im Kanon dar.)

In den weiteren Folgen bleibt ein episches (historisches) Erzählem dominant, das um „eugenische Kriege“ und andere Katastrophen zur Gründung der Konföderation führt. „STAR TREK: Enterprise“ oszilliert also bereits zwischen dem positiven Gestus der klassischen amerikanischen TV-Serie und der dunklen Krisenstimmung der neuen Serien, in denen das Katastrophische zum Dauerzustand geworden ist, egal ob im Weltall oder in der Werbeindustrie, dem Weißen Haus oder dem Spiel um die Throne.

STAR TREK ist eines der raren Beispiele einer ausgeformten nicht-apokalyptischen Zukunft. Es geht um Störungen und die Behebungen von Widersprüchen (sogar ein allzu perfektes „Paradies“ muss einmal, erneut unter Missachtung einer gewissen Direktive, zerstört werden, um den Menschen die Freiheit zu bringen), es geht nicht um Weltuntergang und jüngstes Gericht. Es ist eine einfache (und vielleicht schließlich nicht vollständig aufrecht zu erhaltende) Behauptung, die STAR TREK aufstellt: Die Menschheit ist auf dem richtigen Weg.

KÖRPER & MASCHINEN

STAR TREK-Uniformen ähneln zunächst eher praktischer Arbeitskleidung (mit entsprechender Corporate Identity) als dem militärischen oder dem technisch hochgerüsteten Suit, den wir aus dem Genre gewöhnt sind; die Menschen bleiben erkennbar (und eben auch „Rangunterschiede“, so dezent sie auch sein mögen), und vor allem bleiben die Menschen körperliche Einheiten. Doch der Körper ist zugleich beständigen Prozessen der Duplikation oder Virtualisierung, der Auflösung oder Rekonstruktion ausgesetzt. Weder der Verfall (wie im Horrorgenre), noch die Transformation in das posthumane Mischwesen (die Clonkrieger, Robocops oder „Blade Runner“-Androiden) steht bevor, als vielmehr seine Fiktionalisierung. Das ist, wenn man so will, eine Form des Humanismus im Genre. Die Idee der körperlichen Integrität bleibt unangetastet; selbst die reformierte Borg wird wieder vom bloßen Teil des Kollektivs auch zu einem körperlichen Individuum.

Anders gesagt: Im STAR TREK-Universum wollen nicht die Menschen zu Maschinen werden, sondern die Maschinen wollen menschlich werden. Daher werden uns auch die mehr oder weniger paranoiden Androiden so sympathisch. Und hier können Computer kaputt gehen oder überfordert sein; einen Aufstand gegen die Menschen werden sie von sich aus nicht starten. Denn zum Positiven Welt- und Zukunftsbild von STAR TREK gehört auch ein optimistisches Technologie-Bild. Zwischenwesen der Integration sind nicht nur solche von fremden Species, sondern auch maschinelle Mischformen. In „Voyager“ übernimmt der „Holo-Doc“ diese Funktion. Der ist zugleich ein Nachfahr von Spock (als Träger einer besonderen Eigenschaft) und beinahe (durch seine Anfälle von Selbstgerechtigkeit und Zynismus) eine leichte Ur-Form für einen Dr. House. Aber bei alledem ist er auch ein Symbol für Pflichterfüllung und Moral (und stellt damit nebenbei klar, dass Moral vor allem ein nützliches Programm ist).

Data aus „The Next Generation“ist eine Figur, die in der Science Fiction nur allzu sehr vertraut ist, das Wesen, das darunter leidet, kein echter Mensch zu sein, obwohl es sich danach sehnt und zumindest subjektiv auch alle Anlagen dazu hätte. In dem Kinofilm NEMESIS geht es um seinen Tod, was zweifellos zu den ergreifendsten Abschieden in der Serie zählt. Denn ist nicht der Tod eines Menschen nur durch den Tod eines Wesens zu übertreffen, das in sich Menschlichkeit akkumulierte, aber kein Mensch werden konnte?

Natürlich gibt es die Gegenbeispiele: Die „Borg“ sind die Schöpfungen einer digital/mechanisch/organischen Einheit, die Züge eines „Bienenstaats“ aufweisen und entsprechend kritisch gesehen werden. Hauptsächlich deswegen, weil sie anders als die vielen „kleinen“ Kulturen in diesem Kosmos, auch individuell expansiv wirken, indem sie sich andere „assimilieren“.

MASH UP

In der Originalserie geraten Kirk und die Seinen auf einen Planeten der Sklavenhändler, auf einen, auf dem die Bewohner sich nach dem Vorbild der Gangster in Old Chicago organisieren, und auch auf den Planeten der Nazis („Patterns of Force“), komplett mit Verfolgung der „Zeoner“: Da war einer von den typischen Planern im STAR TREK-Universum am Werk, der auf der Suche nach Regelsystemen war, die man verwenden konnte. Er entschied sich für das nationalsozialistische Deutschland, dem seiner Meinung nach effektivsten Staat aller Zeiten. Er dachte, man könnte das nationalsozialistische System friedlich anwenden. Natürlich ist das genau so ein Irrtum wie die Vorstellung, eine Welt der ewigen Gangsterkriege könne eine Stabilität dritten Grades erzeugen oder wie es ein Irrtum ist, Sklaverei könne gut sein für Menschen, die nie etwas anderes gelernt haben. Gerade weil aber bei allen den in diesem Universum vorgestellten Gesellschaftsformen eine wahre politische Ökonomie fehlt (nicht einmal bei den Ferengi sehen wir etwas anderes als den verkorksten Spieltrieb), erscheinen sie wie Spielanordnungen oder soziologische Experimente.

Aus Mangel an Mangel beginnen diese Wesen mit sich und anderen zu spielen. Weil es keine Knappheit gibt, wird der Überfluss der Energien und der Ideen gefährlich. Der strukturellen Produktion von Mangel aber fliegt die Enterprise so beharrlich davon, wie ihrer einzigen materiellen Grundierung, dem Mehrwert. Dass mit dem Kapitalismus nicht alle sozialen Konflikte überwunden sind, bestätigt sich im STAR TREK-Universum immer wieder, sie scheinen nun indes zu einem hohen Maß aus dem ästhetischen und mythischen Überschuss zu entstehen. Hier werden nun Mythen-Cocktails gemixt, man hat ja sonst nichts zu tun. Hier werden Sinn-Systeme und Sprachen geschaffen, künstliche Gottheiten oder Zeichensysteme. Die Abwesenheit des Kapitalismus macht die sozialen Ordnungen zu monomanischen Ornamenten. Als müsse überall etwas anderes an die Stelle des Allmittels Geld treten.

Freilich ist der Vorrat an Phantasien so beschränkt wie der jeweilige Vorrat an technischen Erzählmitteln. Vielleicht ließe sich also die Funktion der Föderation beschreiben als eine Form der kosmischen Verwaltung von Phantasien. Einmal begegnet der Homo Startrekensis dem Homo Oeconomicus unserer Tage (in einem durch Raum und Zeit getragenen Raumschiff), und der letzte verlangt sofort, kaum aus dem Tiefschlaf erwacht, die Börsenkurse zu erfahren. Mild weist ihn Picard darauf hin: „In den letzten dreihundert Jahren hat sich einiges verändert. Die Leute beschäftigen sich nicht länger mit der Anhäufung von Dingen. Wir haben Hunger, Bedürfnisse und die Notwendigkeit von Besitztümern beseitigt. Wir sind unseren Kinderschuhen entwachsen“. So scheint es also, dass der Mensch statt Geld und Besitztümer Erfahrungen – und Bilder anhäuft. Doch erweist sich die Verteilung von Bildern und Erfahrungen als nicht viel weniger problematischer. Auch eine Enterprise kann nicht mehr Bilder erzeugen, sie kann sie nur neu verteilen. Daher führt der STAR TREK in nichts anderes als in die Vergangenheit, in die Schatzkammern der Bilder.

MILITARY SF

STAR TREK ist zugleich ein Gegenbild und die Fortsetzung von Military Science Fiction. Alle irdischen Helden entstammen einer zweifellos militarisierten Ausbildungssituation, und alle wissen sich einer Mission für den Frieden verpflichtet. Das war das direkte Abbild ihres Schöpfers Roddenberry, der seine Erfahrungen im Krieg nicht missen wollte, aber zugleich vom Frieden träumte. Entmilitarisierung und Remilitarisierung begleiten, trotz ihres idealistischen Grundtons, die STAR TREK-Serien. In der dritten Staffel von „Deep Space Nine“ zum Beispiel reagierten die Produzenten auf die Bitten der Fans und brachten Bewegung in die Serie. Zu diesem Zweck wurde das neue Raumschiff, die USS Defiant (NX-74205), in die Serie eingeführt. Die Defiant war ein reines Kriegsschiff und widersprach dem Konzept von Gene Roddenberrys friedlichen Universum. Militarisierung war der Ausweg aus einer Situation der Lähmung; man konnte es buchstäblich mit Händen greifen: Ein Feind wird gesucht, um die eigene Stagnation zu überwinden. Ein zweifellos gefährliches Phantasma (das übrigens noch mit der militärischen Beförderung von Sisko zum Captain begleitet wurde). Die letzten (zusammenhängenden) Episoden von Deep Space Nine“ drehen sich hauptsächlich um Raumschlachten und die Eroberung, den Verlust und die Rückeroberung der Station. Die Remilitarisierung fand sich auch in den neuen Filmen. Der „ewigwährende“ Krieg zwischen der Föderation und dem klingonischen Imperium macht das vollkommen logisch. Wir haben wohl auch im STAR TREK-Universum den Glauben an den Frieden verloren.

NOMADISCH

Im Kern ist die Reise der Enterprise und ihrer Varianten eine Odyssee (in „Voyager“ natürlich besonders ausgeprägt); Deep Space Nine dagegen spielt an einem stationären Ort von Durchlässigkeit und Exkursionen, während schließlich STAR TREK:Enterprise das Nomadische zugunsten der Expedition wieder aufgibt. Das nomadische Prinzip basiert auf einer polymorphen Gewissheit (man wird überall Freunde / Lösungen / Ressourcen finden, und Götter / Ideologien / Projekte sind variabel genug, einen stets zu begleiten), das stationäre dagegen auf einer lokalen Gewissheit (der Ort erweist sich am Ende stets als Hort gegen Feinde / Gefahren / Verfall, und Götter / Ideologien / Projekte bauen auf die Örtlichkeit auf).

OBERSTE DIREKTIVE

Es ist, grob gesagt, die Verpflichtung auf eine Nichteinmischung auch und gerade bei der Entdeckung „weniger entwickelter“ Kulturen im Weltraum. Man kann diese Direktive auf den ersten Blick gewiss als wohltuende Entkolonialisierung und Entmilitarisierung der SF ansehen, aber zugleich konstruiert sie zweifellos einen hierarchischen Blick. Tatsächlich kann man die Auseinandersetzungen der Crews mit anderen Kulturen auf drei Grundformen zurückführen (da haben wir wieder unser Dreieck), auf die mit den primitiven bis unterentwickelten, was man übrigens sogleich am zivilisatorischen Stand festmacht (Dazu sind diese primitiven Wesen bestimmt nicht fähig“, erkennt Kirk allemal), auf die mit den mehr oder weniger gleichwertigen, und auf die mit den technologisch überlegenen Kulturen (moralisch überlegene Kulturen kann es im STAR TREK-Universum nicht geben). Überdies führt sie unentwegt zu Paradoxien: Wo ist die Grenze zwischen Anwesenheit und Einmischung? In dem Kinofilm „STAR TREK: DER AUFSTAND“ wird diese prime directive zum Leitthema.

Etwas anderes ist ja auch die Frage, was ein Eingriff in die Entwicklung und was eine Beiseiteräumen von Hindernissen dafür ist. nstliche Religionen wie die um den „Fürsorger“ (in „Voyager“), die sich oft als Schimären erweisen, müssen allerdings immer wieder, gleichsam en passant, aus dem Weg geräumt werden. In der jüngsten Serie, die im 22. Jahrhundert spielt, ein knappes Jahrhundert nach dem ersten Kontakt mit den Vulkaniern, gibt es diese Direktive naturgemäß noch nicht (ebensowenig wie eine Konföderation der Planeten). Damit werden die Konflikte automatisch heftiger, die Frage nach der Legitimation aber auch dringender.

Auf einem Planeten, auf dem „Indianer“ leben, und der vor einem Meteoriteneinschlag zerstört werden soll, gerät Kirk kurzfristig in eine „Südseeschwärmerei“ (wie McCoy feststellt). Aber dann stellt sich natürlich wieder heraus, wie barbarisch dieses Volk reagieren kann, und wie ein Westerner verliert Kirk auch hier seine Frau als Opfer (bei einer Steinigung). Die Direktive macht nicht nur Sinn in Richtung auf die Objekte der wissenschaftlichen Neugier und der Grenzsicherung, sie soll in gewisser Weise auch die Subjekte der Expedition gegen die Versuchungen von Natur und Sinnlichkeit, von der Rückkehr schützen. Eben diese Freiheit, sich bei „Einmischung“ auch kulturell zurückzuverwandeln, die Position des Beobachters und Wächters aufzugeben, vielleicht die Freiheit zu einer echten Empathie (anstelle des moralischen Programms), die haben die STAR TREK-Mitglieder nicht. Das Gesetz der Nichteinmischung gilt vor allem für sie selbst (und so segeln sie im Posthistoire).

Ein wenig verhält sich die „Oberste Direktive“ in der STAR TREK-Narration wie die Gesetze der Robotik in den Erzählungen von Isaak Asimov: Sie grundieren eine positive Zukunft, das heißt, um mit Aristoteles zu sprechen, eine Zukunft die zugleich das Nützliche und das Gerechte verwirklicht, aber sie lässt auch durch „eingebaute“ Widersprüche und Ausnahmen Raum für den Thrill. Captain Kirk in der Originalserie verstößt geradezu seriell und oftmals ohne viel Nachdenken gegen die Direktive; weder Janeway noch Piccard machen es sich so leicht, aber auch für sie kommen immer wieder Gelegenheiten, da sie überschritten werden muss. In der Episode „Pen Pals“ entscheidet sich Data, der mit einem kleinen Mädchen einen Briefkontakt aufgenommen hat, zu einem fundamentalen Verstoß, um es und sein Volk vor der Vernichtung zu retten.

Die Direktive freilich, und damit sind wir wieder bei der Idee der Grenze in STAR TREK, gerät gleichsam automatisch außer Kraft, wenn Crewmitglieder oder andere Wesen der Konföderation in Gefahr sind.

WESTERN

Es gibt eine Reihe Elemente von STAR TREK, die klassischen Western nachempfunden sind, ein paar mal werden auch direkte Western-Ikonographien verwendet; bedeutender scheint, dass STAR TREK zum einen den Mythos der „moving frontier“ aufnimmt, zum anderen aber auch (natürlich zentral in Deep Space Nine) den des „belagerten Forts“ oder des Außenposten. Und noch bedeutender vielleicht ist die Verknüpfung von persönlicher und sozialer Motivation. Die Regel erzeugt die Ausnahme, und die Ausnahme erzeugt die Regel. Man kann das auch absurd nennen. Wie den Westerner so überkommt auch den STAR TREKer ganz gelegentlich eine seltsame Frage: Was mache ich hier eigentlich? Und was habe ich hier verloren? Glücklicherweise wird man aber gleich darauf sofort wieder dringend gebraucht.

ZUKUNFT

Keine STAR TREK-Variante hat explizit eine Zukunft zum Ziel. Einerseits werden zwar immer wieder verschiedene Fenster in Zukünfte geöffnet. Andererseits aber sind es durchaus stets heuristische Probleme, die behandelt werden. Für die STAR TREK-Crews ist die Zukunft nicht, was vor einem liegt, sondern das, was man gegen den Ansturm der Vergangenheiten bewahren muss. Bleibt nur die bange Frage: Was zum Teufel kommt nach STAR TREK?

Georg Seeßlen

gekürzt zuerst erschienen in epd-Film | 28-06-16 

Bild ganz oben: Enterprise | Author Rob Young from United Kingdom | CC BY 2.0

This image was originally posted to Flickr by Rob Young at http://flickr.com/photos/76562640@N00/869264355. It was reviewed on 18 April 2014 by the FlickreviewR robot and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-2.0.

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