Elefanten, Kinderhexen, Detektivcliquen und Reiterhöfe

Die 70er Jahre. Die Post-Fix-und-Foxi-Generation sucht ihren Weg. Aus englischen Internatsfantasien werden bei Hanni und Nanni deutsche Kindheitskonstruktionen. Die Hörspielabenteuer eines Elefanten namens Benjamin Blümchen werden mit dem Lied Auf ’ner schönen grünen Wiese liegt ein großer grauer Berg eingeleitet. Bibi Blocksberg macht „Hex-hex“, und die gute Laune der Erwachsenen, die die quäkenden Musikkassetten mit anhören müssen, ist dahin.

Als sich in der Folge Der Reiterhof noch eine Freundin namens Tina und als Handlungsort eine Pferdewelt mit Namen Martinshof dazugesellt, ist mit Bibi und Tina („auf Amadeus und Sabrina“) ein Traumpaar der deutschen Trash-Kinderkultur geboren. Sie begleiten mit Tonträgern, Büchern, Comics, Fanartikeln, Trickserien und Kinofilmen seitdem mehrere Generationen auf dem Weg vom Kinder- zum Jugendalter.
Natürlich wird eine solche Produktlinie immer wieder der Zeit und ihrem Geist angepasst, Kindheit sieht nun einmal beständig anders aus, zumindest was Kommunikationstechnologie, Mode, Jargon und die popkulturelle Begleitmusik anbelangt. Zugleich aber weht uns ein kräftiger Geruch der End-70er an, was möglicherweise mit dem Lebensalter ihrer Hersteller (was den Film angeht: Detlev Buck oder Franziska Buch) zusammenhängt. Es ist irgendetwas zwischen unwiderstehlich und penetrant. Bibi und Tina sind die ABBA der deutschen Kinder-Trashkultur. Eine gewaltige Gemeinde um einen Kult, der dem Einzelnen eigentlich etwas peinlich ist. Das mit der Peinlichkeit ist im Zeitalter von ABBA-Musicals und Revivalbands relativ.

Jedenfalls waren damals, als die 70er zu jenen 80ern wurden, Hanni und Nanni, Die drei ???, Benjamin Blümchen und Bibi und Tina definitiv Repräsentanten in einer (mindestens) Zweiklassenordnung der Kinderkultur. Wer auf sich und seine Kinder hielt, füllte ihre Zimmer mit pädagogisch wertvollen Spielsachen, schenkte Kinderbücher von Tomi Ungerer und James Krüss, ließ den Nachwuchs Augsburger Puppenkiste, aber nicht Heidi sehen und war gegen Plastikmüll und, äh, Massenkultur im Kinderzimmer. Die anderen, die vor allem wollten, dass die Kurzen Ruhe geben, dass sie haben, was die anderen auch haben, ließen die Benjamin Blümchens und Bibis und Tinas in Form von vergleichsweise billigen MCs ins Haus und ertrugen das ein bisschen laute, schrille und repetitive Zeug auch bei längeren Auto- oder Zugfahrten.
Vom Klassenstandpunkt aus könnte man sich einfach auf die Seite von Benjamin Blümchen schlagen, gegen Kinderbuch-„Kunst“, so wie man ja auch den Wundertütenglamour von ABBA gegen den Statusrock von Emerson, Lake and Palmer zu verteidigen lernte. Wenn da nicht ein Haken wäre. Der Haken heißt Kulturindustrie. Und der Widerhaken heißt Ideologie: Auch Elefanten, Kinderhexen, Detektivcliquen und Reiterhöfe produzieren Anschauungen, Meinungen, Überzeugungen.
Trash-Kinderkultur unterscheidet sich nicht allein von der pädagogisch und ästhetisch wertvollen Kulturware des liberalen Bürgertums, sondern auch vom Konzept des „Family Entertainment“, das global Disney perfekt auf den Markt wirft. Family Entertainment bildet ein offenes ästhetisches und moralisches System aus, das ist das Geheimnis einer Bewegung auf unterschiedlichen kulturellen Märkten, und setzt nicht nur ein gewisses Produktionsniveau, sondern auch ein Balance-Empfinden voraus, im Zweifelsfall eine Art gezuckerten, sarkastischer Fatalismus. Trash-Kinderkultur dagegen, aus der sich dann eine eigene Kindertrashkultur entwickelt (also eine, die darauf verzichten kann, als Imitat der „wertvollen“ Kinderkultur durchzugehen), bildet ein mehr oder weniger geschlossenes System aus, Erwachsene haben hier nichts verloren, es erfüllen sich Wünsche und Träume eines vergleichsweise spezifischen Publikums. Die Rollen sind so klar verteilt, dass für Verlierer kein Platz ist und Außenseiter nur geduldet werden, wenn sie die Rolle des komischen Sidekicks einnehmen. Problem und Lösung, gut und böse, buntstiftfarbene Flächen, keine Widersprüche. Auf solchen spezifischen Märkten kann ein erfreuliches Kosten-Rendite-Verhältnis erzielt werden.

Aus den Ramschabteilungen ins Mainstreamsegment

Es sind ästhetisch-moralische Rückzugsgebiete, vergleichbar den audiovisuellen Trashangeboten für Erwachsene, den Traumschiffen und Kochshows, in denen sich die Adressaten auf eine paradoxe Weise unbeobachtet fühlen. Dass sich der Markt der Kindertrashkultur auf dem Gebiet der Musikkassette so rasant entfalten konnte, hat mit dem Prinzip Rückzugsraum zu tun. Gegen Ende der 80er Jahre geriet der Markt ins Stocken. Die kurzzeitige Gentrifizierung durch die CD spielte dabei ebenso eine Rolle wie der Beginn des digitalen Zeitalters im Kinderzimmer.
Erst am Ende der 90er Jahre erlebten die Klassiker des goldenen Zeitalters der akustischen Kindertrashkultur eine unerwartete Renaissance. Es waren zunächst die Älteren, die sich ihrer Kindheit erinnerten und einen zweiten Markt für Hanni, Nanni, Tina und Bibi eröffneten. Das Zeug bekam Sammler- und Kultwert.
Vielleicht am wichtigsten aber war, dass aus dem medial begrenzten literarischen und akustischen ein audiovisuelles Angebot wurde. Die Helden der Musikkassetten schafften den Sprung in Zeichentrickserien (Hanni und Nanni zum Beispiel als japanischer Anime), an deren Produktion sich schließlich die öffentlich-rechtlichen Sender beteiligten. Ein wichtiger Schritt aus den Ramschabteilungen ins Mainstreamsegment der Kinderkultur war geschafft. Aber vielleicht war es auch ganz anders: Das Zeitalter der Zweiklassenkultur war auch im Kinderzimmer zu Ende. Ästhetischer Anspruch und „wilde“ Fantasie bringen für die „Besseren“ unter den Helikoptereltern im Aufstiegskampf nichts mehr ein.
Das Mainstreaming des einstigen Trashsektors nimmt in den zehner Jahren des neuen Jahrhunderts noch einmal Fahrt auf. Nun werden große Realfilme um die MC- und Zeichentrickhelden produziert, und nach den ersten Erfolgen etabliert sich ein neues Genre: Filme für Nicht-mehr-ganz-Kinder und Noch-weniger-schon-Jugendliche. Möglicherweise eine Art mediale Ausweitung der Frühpubertätszone. Vor allem aber ein nationales Fantasieprodukt, in dem sich alte und neue Klischees, die Ponyhofträume der 1950er mit Konsumträumen der 2010er Jahre treffen, Figuren aus den Tiefen der deutschen Kinderkultur, von Kästner und Kauka, mit japanischer Kawaii-Ästhetik (dem Kult der „Niedlichkeit“) und Bildern der Pop- und Werbewelt verbunden: Zeichen der Universalkultur und deutsche Mythen und Bilder.
In den MC- und Buchserien wird das Element bürgerlicher Selbstermächtigung betont, Kinder nehmen, das gehört natürlich zum Genre, die Dinge selber in die Hand, weil Staat, Behörden und Politik versagen; ihre Verbündeten sind eher Umweltaktivisten, Journalisten oder auch „gute“ Unternehmer statt Organe des demokratischen Staats oder der regionalen und lokalen Politik. Wird darin nun auf mehr „Bürgernähe“ hingewirkt, oder steckt darin schon eine populistische Absage an die Demokratie? Wenn man genau hinschaut, löst sich eine „antiautoritäre“ Geste gegen Polizei, Politik und Schule, etwa wie man sie aus den frankobelgischen Comics kennt, in eine Suchbewegung nach informellen Autoritäten auf; das linksliberale Fortschrittssyndrom, das sich mit ökologischer und sozialer Achtsamkeit verbinden wollte, wandelt sich nach und nach in eine Kraft des Beharrens.
In der Welt von Benjamin Blümchen und Bibi und Tina geht es darum, die Familie und ihren Besitz um jeden Preis zu verteidigen. Ein Sams (das der bürgerlichen Familie Flausen in den Kopf setzt) ist hier undenkbar. Es geht darum, sich einzurichten, statt aufzubrechen. Was natürlich, erst einmal, nicht weiter schlimm ist. Oder?

Georg Seeßlen
zuerst schienen in der Freitag | Ausgabe 37/16 | 15.09.2016 |

Bild oben: © DCM – Bibi & Tina Mädchen gegen Jungs von Detlev Buck

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