POPGIDA, oder THE KIDS ARE NOT ALL RIGHT

(Kleiner Versuch, den kulturellen Grabenkrieg der Rechten im Pop mit Antonio Gramsci zu verstehen)

Dass Pop im allgemeinen, unsere Musik, unsere Filme, unsere Comics im besonderen sozusagen automatisch mit dem Progressiven, Sozialen und Liberalen, mit der Verbesserung der Welt verbunden sein müssten, mit dem Geschmack an Freiheit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit, diese Legende haben wir ja schon seit geraumer Zeit begraben. In beinahe jedem musikalischen Genre, jeder Mode, jedem Medium hat sich mittlerweile ein dezidiert rechtes bis faschistoides Segment gebildet, von den traditionell ans provinzielle, bigotte und erzreaktionäre Bürgertum gebundenen Formen der populären Kultur ganz zu schweigen. Wir haben lange Zeit an beides geglaubt: An die erbärmliche, affirmative und verblödende Wirkung von „Unterhaltungsindustrie“ und an die befreiende, revolutionäre und utopische Wirkung von Pop. Bloß wo, zum Teufel, war die Grenze zwischen beidem? Mit der Infiltration und dem kulturellen Grabenkrieg, den die rechtspopulistischen und neofaschistischen Kräfte, all diese „Identitären“, „Neuen Rechten“, „NeoCons“, „Volkstreuen“ und wie auch immer sich das alte Gebräu in den neuen Flaschen nennen mag, ist eine dritte Front entstanden. Und weil das überdies in einer Zeit stattfindet, in der sich die politische Ökonomie von Pop durch Globalisierung, Digitalisierung und „Uberisierung“ von Kultur so radikal ändert, kann man von der Gesamtsituation nur eines mit Sicherheit sagen: Sie ist verdammt unübersichtlich.

Vom Volkstümlichen zum Völkischen

Es fällt uns womöglich etwas leichter, Popkultur und Unterhaltung als Fortsetzung von Religion mit anderen Mitteln zu sehen, wenn wir an Antonio Gramscis Gedanken erinnern, dass jede Religion, auch die katholische, in Wirklichkeit eine Vielzahl unterschiedlicher und oft widersprüchlicher Religionen ist; es gibt einen Katholizismus der Bauern, eine Katholizismus der Kleinbürger und Arbeiter aus der Stadt, einen Katholizismus der Frauen und einen Katholizismus der Intellektuellen“. Ganz entsprechend ist auch der Pop der deutschen Provinz als der Pop der Kleinbürger und des Prekariats in der Stadt, der feministische und der intellektuelle Pop, migrantischer, nationalistischer, ein widersprüchliches Ineinander mit sonderbaren Begegnungen und ebenso sonderbaren Differenzen. Entscheidend aber ist, dass kein Mensch in einer Gesellschaft wie der unseren, die eine mehr, der andere weniger, ohne Pop lebt, denkt, träumt, redet, tanzt, arbeitet, liebt und hasst.

Stets gab es eine rechte Strömung in der Pop-Musik (in Deutschland wie anderswo); man erinnere sich an Freddy Quinns bizarren Anti-Hippie-Song Wiroder an die große Zeit von Heino mit seinen trefflich parodierten (unter anderem von Otto) zombiehaft vorgetragenen Liedern aus der Nazi-Zeit. Erst mit der Welle der volkstümlichen Musikund ihrer Allgegenwart in der Öffentlichkeit (in jedem Möbelgeschäft, auf jedem Volksfest) und vor allem in den deutschen „Leitmedien“, entwickelte sich aus dem klammheimlich und trotzig erfolgreichen Minderheitenprogramm eine nationale, nostalgische und unterschwellig revanchistische Hegemonie. Kein Anlass, bei dem nicht auch ein Pop-Nationalismus gepflegt wurde; die Politisierung des European Song Contest ist ein entsprechender Witz dazu, der Gute-Laune-Nationalismus bei großen Sportevents generiert mittlere Hits und macht die Besitzer von Unternehmen der Fähnchen-Industrie froh. Das Volkstümliche entwickelte einen Trend zum Völkischen, zeigte sich anschlussfähig zu Elementen des Rock, Ska oder Hip Hop und nicht nur auf dem Balkan, dort aber in obszöner Offenheit, entwickelte sich eine Spielart des Folk-Pop („Turbofolk“) mit offen nationalistischen, rassistischen und sexistischen Botschaften.

Die Nachfolge der mittlerweile gesundgeschrumpften und zum Gewöhnlichengewordenen Genres des Volkstümlichen in Deutschland trat auf der einen Seite ein scheinbar unverbindlicher nationaler Mainstream-Pop an, für den, alles überlagernd, der Name Helene Fischer steht, ein Bekenntnis zur Deutschheit ohne eindeutige Parolen, und auf der anderen Seite ein rockistisch verschärfter völkischer Pop, der sich überdies aus den Quellen des „Nazi-Rock“ speist, natürlich ohne es zuzugeben. Man balanciert gewissermaßen an den Grenzen wie es die südtiroler Frei.Wild vormachen, und wendet, im Gegensatz zu den Vorläufern, das probate Mittel der Viktimisierungan. Immer wird man falsch verstanden, in die Rechte Ecke gestellt, in der Ausdrucksfreiheit vom linksliberalen, politisch korrekten Establishment gehindert und so weiter.

In der Besetzung und Verschiebung der Grenzen dessen, was im Pop gesagt werden darf, folgt die Szene auf der einen Seite gewiss der Gramsci-Idee von der Herstellung der kulturellen Hegemonie, die vor den eigentlichen Kämpfen um die Machtübernahme erreicht werden soll und von der passiven Revolution(von rechts), sie folgt aber auch ebenso eindeutig den Marktgesetzen. Wer die Grenzen nach rechts hin überschreitet, darf sich öffentlicher und medialer Aufmerksamkeit sicher sein. Geradezu exemplarisch ist da das Vorgehen von Xavier Nadoo und der Söhne Mannheims: Mit einer halbfaschistischen Provokation Aufsehen erregen, in öffentlichen Installationen und gar einem Gespräch mit dem Bürgermeister sich an den Mainstream zurückkoppeln, die ursprüngliche Aussage in authentischen Zorn und politisches Missverständnis cracken, das Medienecho als Verkaufsförderung genießen, und dann das ganze wieder von vorn. Der mediale und politische Apparat ist offenbar so verblödet, dass er dieses Spiel wieder und wieder mitmacht. Eine Grenzüberschreitung nach links im Pop indes führt nahezu automatisch zur Herabstufung medialer Aufmerksamkeit. Schon deshalb bleiben die Aussagen auch von Acts, die es sich eigentlich leisten können, oft so unverbindlich und vage. Dezidiert linke Bands müssen sich auf die Verteidigung der Zivilgesellschaft und der kulturellen Vielfalt zurückziehen, und selbst dies wird in den Medien kaum noch honoriert.

Die rechte Hegemonie in der Popkultur zeigt sich indes auch an anderen Orten. Ein entscheidender Punkt dabei ist offenkundig die Sprache der Mode. Natürlich spielt dabei eine nach rechts gewendete Taktik des radical chic eine nicht unwesentliche Rolle, Leute, die sich gern stylen, als wären sie dem feuchten Traum eines HJ-Führers entkommen, müssen gar nicht unbedingt wie Nazis denken“. Umgekehrt ließen sich viele einst linke Ästhetiken in der Körperdarstellung nach rechts wenden. Gerade in seiner Vielfalt ist der rechte Dresscode auf die feindliche Übernahme und Besetzung von Zeichen ausgerichtet.

r Gramsci war, neben der Religion (die wir nun als Popkultur fortgesetzt sehen) die Sprache selbst ein wesentlicher Teil des Alltagsverstandes. Es nimmt daher nicht wunder, dass es nicht nur in der Sprache der Diskurse, sondern auch in der Alltagssprache und in der Formulierung von Geschmack ein beständiges Ringen um Begriffe gibt. Nicht einmal technisch-ästhetische Bezeichnungen wie old schoolbleiben davon verschont. Eliteund Establishmentwerden nach rechts hin umgedeutet, um den rebellischenGestus zu übernehmen (wer, um alles in der Welt, könnte in den Diskursen wie in den Moden schon lustvoll behaupten, auf der Seite des Establishments zu stehen?).

Der taktische Vorteil der rechten Besetzungen von Popmusik, Mode und Sprache liegt darin, dass sie es genau damit nicht ernst meinen, nämlich mit einer wirklichen Veränderung der Machtverhältnisse. So wie es offenbar dem harten Kern der Trump-Wähler nichts ausmacht, dass er als Präsident genau diejenigen alimentiert, die er im Wahlkampf als Establishmentbeschimpft hat, so macht es dem harten Kern von rechter Musik und Mode nichts aus, dass die rebellische Pose zu nichts neuem, sondern nur zur Wiederherstellung der alten, patriarchalen und nationalen Herrschaft führen soll und dass sie jedem reaktionären Spießer nach dem Herzen reden.

Auch da dient ein Trick zur Umwendung, wenn es um den Begriff der political correctness geht und der ins Licht einer moralischen Verbotsanlage ein perfektes Objekt der Rebellion abgibt. Haben wir etwa unsere super-ödipalen Schlachten geschlagen, nur um dann von verhuschten, dauerbeleidigten Besserwissern gesagt zu bekommen, was man sagen darf und was nicht? Die Grenzverletzung als wesentlicher Bestandteil ist auf diese Weise nach rechts gewandert. So kann man weite Teile des nicht-rechten Pop von rechts als bravdenunzieren (und dabei darüber hinwegtäuschen, wie brav und jeweils genre-konform die eigene Musik ist), oder gar als Gutmenschen-Pop. Dass sich eine Gruppe wie Frei.Wild schon im Namen gleich zwei Begriffe unter den Nagel reißt, mit denen Rock’n’Roll einst magisch verbunden war und diese Verbindung dann auch noch in einen heimatlich-völkischen Kontext rückt, könnte man beinahe als semantische Meisterleistung betrachten. Oder als Höhepunkt allgemeiner Verblödung, wie man es nimmt.

Hirn ausschalten – Bier aufmachen

Zwischen Pop und Alltagsleben besteht eine engere Verbindung als zwischen Alltagsleben und poltischem Diskurs. Auch dies geht auf eine Erkenntnis von Antonio Gramsci zurück. Daraus folgt nicht nur, taktisch, dass der Kampf um die Hegemonie im Pop intensiviert wird, sondern umgekehrt auch, dass die politischen Diskurse in Pop-Form geführt werden. Populistische Führer sind vor allem wegen der Shows beliebt, die sie abziehen, und wenn man mit einer gewissen Aufmerksamkeit zum Beispiel ihre Auftritte in den Talk Shows beobachtet, erkennt man dabei, wie sie die Regeln der Diskurse (die Rationalität, die Faktentreue, die Logik usw.) mit Strategien aus dem Pop unterlaufen (Karnevalisierung, Selbstreferenz, Subversion durch Über-Affirmation und semantische Feedback-Effekte). Eine solche – oft ganz direkt spürbare – Hegemonie-Attacke auf alle Generatoren von Aufmerksamkeit könnte natürlich nicht so reibungslos gelingen, wenn die Verbindungen von Pop und Diskurs in den Mainstream-Medien nicht schon so weit vorangetrieben wären und wenn nicht in der Mitte Milieus und Genres (von besagter volkstümlicher Musik“ über die Traumschiff- und Sport- Sprechweisen, durchsetzt von Rassismus, Nationalismus und Sexismus in der light-Weise bis hin zum Nachrichtenbrei) die Türen nach rechts sehr weit geöffnet hätten.

Durch den Hegemonie-Kampf hat Pop definitiv den Rest jener Unschuld verloren, die man zwar nie hatte, aber von der man doch immer wieder träumen konnte. Den Pop-Musikern zum Beispiel bleibt in diesem Zusammenhang nicht viel mehr übrig, als auf eine gewisse Weise erwachsenzu werden. Wenn Father John Misty erklärt „Es wäre schön, wenn sich Pop als verantwortungsbewusste Kunstform neu erfinden könnte, dann steckt darin so viel Hoffnung wie Resignation. Schließlich war Pop ja unter anderem auch ein Transitraum, in dem man (wie in einem safe space, auch wenn das mit der Sicherheit immer so eine Sache war) das gottverdammte Verantwortungsgefühl einmal beiseite lassen konnte. Heute gönnt man sich, ansonsten selbstoptimiert und fit for fun, allenfalls gezielte guilty pleasuresund einen Trash-Abend unter der Parole Hirn ausschalten, Bier aufmachen.

Dass sich das Internet als perfektes Medium zur viralen Ausbreitung in dem, was Gramsci den Stellungskampf oder kulturellen Grabenkrieg nennt, eignet, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Und hier lassen sich am raschesten Pop, Sprache und Diskurs miteinander verbinden und vermischen. Der Kampf um die Hegemonie wird hier gleichsam darwinistischausgefochten, es gibt kaum Regeln, kaum Autoritäten, kaum Abmachungen. Es ist das Abbild dessen geworden, was Gramsci den Alltagsverstand nannte, ein Durcheinander von widersprüchlichen Impulsen, Vorurteilen, Empfindungen, von Barbarei und Progression, von Gutem und Schlechtem.

Einer, der Antonio Gramsci am konsequentesten in seine Zeit weiter gedacht hat, war Pier Paolo Pasolini. Er war es, der die Idee des Katholizismus als einigende Kraft vom „Hedonismus“ oder Konsumismus“, von den Medien, kurz von Pop beerbt sah. Was wir von seiner Übertragung gewiss nicht übernehmen können, ist das Grauen vor dem hedonistischen Pop (Bemerkenswerterweise wurde auch Pasolini selber zu Pop, anders hätte er seinen mythischen Status nie erreicht). Man konnte das auch ins Positive wenden: Pop war das große Einigende der Nachkriegsgesellschaft, einigend nicht im Sinne des Gleichmachenden, sondern im Gegenteil im Sinne des Versprechens der großen Diversifikationen. Daher war Pop für so lange Zeit ein Synonym für das Fortschrittliche in den kapitalistischen Demokratien. Der Beste, vielleicht der einzige Grund für viele, kein Kommunist zu werden, war Pop. Anders gesagt: Der real existierende Sozialismus ging unter anderem an gravierendem Mangel an Pop zugrunde. Aber dann hatte es sich damit auch, als sich der Wohlfühlkapitalismus in den Neoliberalismus verwandelte, die sozialen Kämpfe an Härte zunahmen, die Kids nicht mehr allright waren, und alles sich im Kreis zu drehen oder gar rückwärts zu entwickeln schien. Das Meta-Ziel der rechten Übernahme besteht darin, aus einem Medium der progressiven Einigung ein Medium der reaktionären Spaltung zu machen. Aus der Vielfalt wurde Segmentierung; aus dem großen Liebesbrief an das Leben eine Hassbotschaft. Aber schon Antonio Gramsci hatte von der Leichtigkeit geschrieben, mit der sich die demokratischen und kulturellen Institutionen des Kapitalismus zersetzen lassen, wenn sich der Profit nicht mehr wie von selbst einstellt. Wie leicht wurde das Fernsehen durch die „Privatsender“ zersetzt, wie leicht der Rock’n’Roll in den ewig laufenden Werbefilm integriert, wie leicht wurde die Schönheit des proletarischen“ Fußballspiels zwischen korrupten Millionären und Nazi-Hooligans zerfetzt. Die Antwort der Popkultur auf diese Zersetzung durch die Allianz von Ökonomie und rechter Taktik ist die Subjektivierung. Technisch unterstützt die Digitalisierung die Ersetzung des kollektiven Poprauschs durch den vernetzten Ego-Pop; nur wenn sie klein und kleiner wird, kann sich eine Pop-Kultur gegen die Angriffe von rechts und das Einnisten im Mainstream wehren. Im Fußballstadium haben sich die korrupten Millionäre, die Nazi-Hooligans und die Medienkasperle scheints miteinander arrangiert (gelegentliche pflichtschuldige Zusammenstöße inklusive); droht etwa in Konzerthallen eine vergleichbare konsensuelleSpaltung der Interessensphären, zusammengehalten durch das Geld, das durch alle Segmente fließt? Oder wird mein Club zum Rückzugsort, einschließlich seiner Musik, die garantiert nach rechts nicht anschlußhig ist, ein pop-kultureller safe space, mit dem kleinen Nachteil, irgendeine politische Öffentlichkeit nicht mehr zu erreichen?

Lebensentwürfe als Effekt, nicht als Diskurs

Das Medium, in dem sich rechte Hegemonie in Kultur realisiert, ist die politische Ökonomie. Keine rechte Musik, keine rechten Diskurse, keine rechten Mode, keine rechten Sprechweisen könnten sich verbreiten, wenn sie sich nicht verkaufen ließen, und wenn nicht politische Erlaubnis, wenn nicht gar Förderung dieses Verkaufen absichern würde.

Pop bietet Lebensentwürfe, teils fixfertige, teils fragmentierte, teile vereinfachte teils komplizierte, immer aber als Effekt und nicht als Diskurs. Wann nimmt man einen solchen Lebensentwurf an, und unter welchen Bedingungen tut man es? Der Wert eines Pop-Lebensentwurfes lässt sich vielleicht in fünf Hauptkategorien einteilen:

Die Distinktion. Der Wert eines Lebensentwurfs besteht darin, sich von anderen Lebensentwürfen zu unterscheiden,

Die Schönheit. Ein Lebensentwurf ist attraktiv, sexy, geil, gewiss, aber es geht auch um mehr. Um eine Balance der Komposition von (widersprüchlichen) Elementen, um eine semantische Tiefe, um das entscheidende Mehr.

Der Erfolg. Nicht nur der Träger der Botschaft, sondern auch die Botschaft selber muss einen Erfolg versprechen

Die Anschlussfähigkeit. In welchen Zonen von Leben und Gesellschaft kann ich meinen Pop-Lebensentwurf mitnehmen, zu welchen öffnet er die Türen, welche verschließt er. Welches Wir lässt der Lebensentwurf zu, und welches Echo – positiv, negativ oder eine sehr eigene Mischung davon – findet er in der Mainstream-Kultur.

Die Konsistenz. Der Lebensentwurf muss einen entweder in einen besonderen Transitraum begleiten („die Jugend“ zum Beispiel, auch wenn wir zunehmend das Empfinden verlieren, was und wann das sein kann), oder aber ein weiterer Lebens-Begleiter werden. Der HSV und Jimi Hendrix werden mich als kleine Hausgötter mein Leben lang begleiten. (Gewiss ist es kein Zufall, dass die Frage des In Würde Alternsim Rock’n’Roll solche Aktualität aufweist, wie einst die Frage nach der authentischenJugend.)

Mit Pop als kultureller Gegenstrategie verhält es sich ein wenig wie mit der Demokratie. Alle sind davon überzeugt, man hat es, bis sich herausstellt, dass eine Mehrheit nicht einmal besonderes Interesse daran hat. Gerade hatte man noch das Gefühl, mit Pop die ganze Welt zu erobern, und schon sieht man sich in die Situation, Pop als Minderheitsästhetik verteidigen zu müssen.

Wenn also Elemente von Pop-Kultur im allgemeinen und Pop-Musik im besonderen von rechts gekapert werden können, dann gibt es dafür sehr unterschiedliche Gründe. Man kann bei jeder der fünf Basis-Elemente anfangen: Distinktion scheint mit einem kernigenrechten Auftreten schneller zu erreichen als mit Auftreten in einem linksliberalen Brei, auch die Rechte hat ihre ambigue Sexiness; der Echoraum medialer Aufmerksamkeit ist, wie beschrieben, garantiert, die liberale Mitte ist vorhersehbar schockiert, vorhersehbar ist die Reaktion der Medien, und nichts ist erfolgversprechender, als sehr weit rechts zu beginnen, und sich dann von der Mitte aufsaugen zu lassen: rechte bis faschistoide Tendenzen sind locker mit dem Mainstream zu verknüpfen; zwischen Frei.Wild und Helene Fischer-Fans gibt es keine fundamentalen Widersprüche, und plötzlich ist auch zwischen rebellischer Jugendund dumpfem Stammtisch gar nicht mehr groß zu unterscheiden; der rechte Lebensentwurf, der bei den Skinheads womöglich noch auf eine gewalttätige Nazi-Subkultur abzielte, ist längst auf Karriere und Akzeptanz hin getrimmt. Daher ist beinahe jedes musikalische Genre mit einer rechten Abteilung vertreten, einige mehr, andere weniger, gewiss, einen Throbbing Gristle- oder Free Jazz-Fan wird man eher selten auf Pegida-Veranstaltungen sehen, und vielleicht hilft ja auch der gute alte Blues ein bisschen gegen rechts, aber ansonsten lässt sich das musikalische (und damit verbunden: das optische) Statement gewiss nicht mehr zugleich als politisches Bekenntnis verstehen.

Das Kapern von Begriffen, Bildern und Erzählungen des Pop von Seiten der mehr oder weniger neuen Rechten kann nicht ohne den Resonanzraum der Mainstream-Medien gelingen, ein Feedback, das dem Unternehmen eine Kraft verleiht, die es allein gar nicht hätte. Von der politischen Fraktion des Rechtspopulismus übernehmen die rechten Pop-Acts nicht nur die Taktik des Sagens und dann doch nicht Gesagt-Habens, und die Selbststilisierung als Opfer übler Nachrede und böswilliger Verleumdungen, sondern auch das Feindbild von Elite und Establishment, und damit kann man auch wieder andocken an klassische Modelle von Trotz und Aufbegehren. Die Rechte kapert das Phantasma der Jugendlichkeit im Pop. Das vermeintliche Gutmenschentum wird den Seniorinnen und Senioren der Popkultur überlassen, lasst Merryl Streep oder Sting Humanismus und Demokratie verteidigen, wir dagegen spalten die Jugend vom Projekt der progressiven Zivilgesellschaft ab. Wenn diese Meta-Mythisierung gelingt, scheint Pop für eine Generation verloren: Rechts ist jung(wie in junge Freiheitund akuratem Scheitel in verschärftem HJ-Style), links ist alt (wie in Hippie, Dinosaurier, 68er, Gitarrensolo), rechts ist heftig, drastisch, provokativ, links dagegen eingeschlafen, laaangweilig, defensiv.

Der globalisierte Pop

Diese Strategie der rechten Hegemonialisierung in den Bereichen der Pop-Kultur, die der Zivilgesellschaft am leichtesten zu entwenden sind (und die Musik ist immer noch eine der schnellsten und lebendigsten, auch wenn sich tatsächlich so viel weniger tut als man bei jedem neuen Hype erhofft) muss gar nicht unbedingt in einem Verschwörerzentrum von schurkischen Masterminds ausgeheckt sein, sie bietet sich unter den Bedingungen einfach an. Die kulturelle Globalisierung hat zu einer Form der Pop-Musik geführt, die ihre Lebensentwürfe bewusst vage und vieldeutig hält, die Lebensentwürfe entweder in leeren Posen auflöst oder extrem subjektiviert (all die großen Stars der internationalen Popmusik sind ja Meisterinnen und Meister der magischen Autobiographie), und schon aus Marketing-Gründen auch mit Optiken verbindet, die keinen konkreten Ort und keine konkrete Zeit meinen. Die Antwort auf den globalisierten Pop ist offensichtlich in vielen Szenen ein fundamental nationalistischer und in großen Teilen rassistischer, identitärer“ Gegenschlag. Wenn man sich die Mühe macht, zu verfolgen, was auf dem Balkan mit der Pop-Musik geschieht, beim „Turbo-Folk“ (die balkanische Version der volkstümlichen Musikmit Rock-Einschlag und mit zum Teil krassen Texten voll Rassismus und Gewaltphantasie), oder bei einem Star wie dem Kroaten Marko Thompson“ Perkovi´c, der keine Gelegenheit auslässt, gegen Juden und Serben zu hetzen. (Der Künstlername Thompson stammt übrigens von der bevorzugten Maschinenpistole im Kroatienkrieg.) Die jamaikanische Musik, einst mit Bob Marley oder Burning Spear Signale der Freiheit, versinkt nicht nur im ewigen Babylon-Dissen, sondern auch in abscheulicher Homophobie. Ein Auftritt von Sizzla in Deutschland führt genau zu dem, was rechte Pop-Musik immer als Nebeneffekt zeitigt, nämlich zur Spaltung der Szenen. Durch Leute wie ihn stirbt Reggae als universalistische Befreiungsmusik. Der Auftritt von Sizzla beim Reggae-Sommer am deutschen Chiemsee hat einen ganz ähnlichen Effekt wie der Auftritt von Thompsonim Schweizer Schlieren: Die Politik wie die Szene ist gezwungen zu reagieren. Wird der Auftritt verboten, reagiert man mit der gewohnten Selbstviktimisierung: Das Establishment ist ja soo intolerant und will uns undemokratisch mundtot machen; wird er erlaubt, darf man einen großen Erfolg der rechten Sache feiern und fühlt sich ermächtigt, Fascho-Pop weiter in die Mitte zu verbreiten.

Hegemonie der Provinz und des Provinziellen

Ein Erklärungsmodell für die Erfolge der Rechtspopulisten, der Halbfaschisten und Autokraten in jüngster Zeit war eine wachsende nicht nur kulturelle Ungleichheit zwischen den großen Städten und der Provinz. Weder Erdogan noch Victor Orban noch die klerikalnationalistische Herrschaft in Polen wäre möglich, wenn es nicht gelungen wäre, eine Hegemonie der Provinz und des Provinziellen über das Urbane und Weltoffene zu inszenieren. Die neue Weltordnung, diese polypolare bis unpolare Erscheinung der Welt ohne Zentrum, hat ja auch zu einer dezentralen Kultur geführt, heute ist finnischer Tango, morgen K-Pop und übermorgen Mali-Blues angesagt, oder auch alles gleichzeitig und durcheinander. Was dem einen dabei reich und frei vorkommt, lässt den anderen an Pop als Bezugspunkt zweifeln. Forderungen nach einer nationalen Quote im Kino oder in den Radioprogrammen sind da noch die harmloseste Reaktion. Diese Strategie hat sich in der Popkultur im allgemeinen und wieder in der Musik im besonderen lange abgezeichnet. Provinzialisierung, der Kult um Heimat(auch und gerade wenn er häufig unpolitisch oder sogar progressiv regionalistisch gefüllt werden will) arbeitet dem zu. Natürlich behauptet niemand, dass Heimatkrimis, Dahoam is dahoam, Heimat-Sound oder Asterix auf HessischSignale der Popgidaisierung sind. Aber sie bedienen offensichtlich ein Bedürfnis nach einer Reprovinzialisierung, deren politische Dimension erst jetzt auffällt. Das langfristige Projekt einer zivilgesellschaftlichen Umwandlung der Provinz in einen Raum von mehr Mitmenschlichkeit, mehr Subsidiarität, mehr Freiheit sogar, ist kläglich gescheitert. Welche Chancen haben selbstorganisierte Kulturzentren und Kleinkunstbühnengegen die populistischen Inszenierungen in den Mehrzweckhallen. Kurzum: Neben dem Jungen und dem Alten tobt auch ein Hegemonie-Kampf zwischen dem Provinziellen und dem Urbanen in der Popkultur und entfaltet ein absurdes Crossover: Jung, provinziell (volkstümlich), rechts und neoliberal-affirmativ zu sein, der bekennende Schnösel in Lederhosen; die Selfie-Queen auf dem Volksfest. Vom rechten Balkan-Pop über die Söhne Mannheims, die, wie man unentwegt zu hören bekommt, gemeinsame Projektemit der Stadt durchführen, führt der Weg zu einem Pop, der seine Aufgabe genau darin sieht, die Schnittstelle zwischen Mainstream, Jugend und rechtspopulistischem Rand zu erzeugen. Und wie man sieht: das funktioniert.

Es sind ja nicht nur die Rechten und die Doofen, die Pop enteignen (wie Donald Trump, der sich unverschämt an Auftrittssongs bediente im Wahlkampf), sondern auch der politische Mainstream. Da schämt man sich nicht, für einen reichlich inhaltsleeren Werbespot „für DemokratieRio Reiser singen zu lassen, was ein noch besserer Witz ist als die Kampagnen der National Rifle Association, die ein ganzes Segment der Country-Musik als NRA-Country für sich rekrutiert. Natürlich geht es nicht darum, der Pop-Musik eine Unschuld zuzuschreiben, die sie einmal durch Ökonomie und Politik verlieren mussten, es geht vielmehr um die Beliebigkeit der Enteignungen und Aneignungen.

Wir holen uns Pop und alles was dazu gehört zurück

Wo die Gefahr am größten ist, sagt man, wächst das Rettende auch. Abgesehen davon, dass Pop nach wie vor ein so wildes und widersprüchliches Gebiet ist, dass eine vollständige rechte Landnahme nie gelingen kann, sind es zwei Elemente, die jüngst zu Hoffnung Anlass geben:

Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hat in der Popkultur wie ein Weckruf gewirkt. Was in Polen, in Ungarn, in Russland oder in der Türkei geschieht, macht Pop zu einem subversiven Werkzeug, in Verbindung mit dem Widerstand der Kunst, der Wissenschaft und der kritischen Intellektuellen (sofern sie nicht im Gefängnis oder im Exil sind). Die geschmähten Vertreter des linksliberalen Establishment in Hollywood, am Broadway, im Fernsehen und in der Musik, die gegenüber der rechten Übernahme und dem breiten Segment der Indifferenz schon in der Minderheit schienen, raffen sich zum Widerstand auf. Pop kann wieder rebellisch, heftig, gefährlich werden, Pop kann wieder helfen, sinnvolle, linke, politische Lebensmodelle zu entwickeln, Pop kann wieder Widerstand werden.

Die zweite große Hoffnung besteht in der Selbsterschöpfung der rechten Übernahme. Die Taktiken und Strategien dabei werden mählich durchschaubar; schlimm für die extreme Rechte, aber auch schlimm für uns: Mainstream-Organisationen wie die CSU in Bayern übernehmen nun ihrerseits die Pseudo-Gramsciistischen Hegemonie-Modelle. Die Rechtspopulisten in der Gesellschaft wie in der Kultur werden besiegt, indem die Gesellschaft als ganzes, die Kultur als ganzes ein gutes Stück nach rechts rückt. Werden wir uns am Ende auf das fade Gebräu des Immer-so-Weiter einigen? Hat es der Rechtspop dann wieder mal nicht so gemeint, und dann ist gut? Tatsächlich indes muss sich die Popkultur gegen die feindliche Übernahme von rechts zur Wehr setzen, schon aus Gründen der Selbsterhaltung. Denn Pop ist nicht nur Transportmittel, sondern selbst Produktivkraft. Nationalisierung und Regionalisierung mögen kurzfristige Erfolgsformeln sein, geschlossene Lebensmodelle für sich schließende Gesellschaften, ökonomisch ist auf Dauer rechter Popnur begrenzt profitabel.

Und dann ist da ja auch noch eine dritte Hoffnung. Denn auch Pop hat seine Intelligenz, seine Reflexion, seine Kritik. In der Popkultur wird nicht nur gelebt und empfunden, sondern auch gedacht. Und das Denken und Sprechen, damit sind wir wieder bei Gramsci, führt auch hier zum Handeln. Aus dem Widerstand gegen die rechte Übernahmen, und wenn es sein muss mit Hilfe der alten Kulturhelden, mag sich eine neue Linke in der Popmusik, zum Beispiel, bilden. Denn alle diese Begriffe, diese Moden und Gesten, diese subversiven Taktiken und Doppelstrategien, die die Rechten im Pop anwenden und die den Pop nach rechts wenden, sind ja nur geklaut. Wir holen uns Pop und alles was dazu gehört zurück. Versprochen.

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