Wie lebte es sich zwischen den Mauern einer geteilten Stadt? Über 30 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung scheint von dieser Frage eine große Faszination auszugehen. Das Westberlin der späten 1970er und frühen 1980er Jahre wird aktuell medial gekonnt vermarktet. Ehemalige Hausbesetzer reanimieren in einem „fiktiven, aber wahren Roman“ das Kreuzberg dieser Zeit („Aufprall“), und eine großangelegte Serie nimmt sich nochmals das Leben der Christiane F. vor („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“). Doch jenseits von Babystrich, Drogenszene oder Dauerdepression, jenseits von Kiezrevoluzzern und Straßenkämpfen, gab es noch ein ganz anderes, buntes, queeres und offenes Westberlin.

Eine der zweifellos schillerndsten Persönlichkeiten dieser Zeit war Claudia Skoda. Eine umfassende Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, sowie eine mit großformatigen Fotografien versehene Publikation, würdigt derzeit ihr Schaffen bzw. ihr Gesamtwerk unter dem Titel „Dressed to Thrill“. Und thrilling, das ist sowohl ihre Mode wie ihr Leben.

Ulrike Ottinger, Ohne Titel (Claudia Skoda, Tabea Blumenschein & Jenny Capitain), Silbergelatine-Vintageprint, ca. 1977/78 © Ulrike Ottinger

Die „Queen of Texture“, wie die Designerin, Mode- und Musikmacherin auch genannt wird, kam 1943 als Tochter eines Schneidermeisters in Berlin zur Welt. Sie strickte anfänglich nur nebenher, zum Eigenbedarf oder für Freunde. Ihre Karriere als „self-made-woman“ nahm 1972 ihren Anfang, drei Jahre später entstand die erste Kollektion, acht Jahre darauf galt sie bereits als international etabliert. Die Elle-Redaktion betitelte Claudia Skoda neben Coco Chanel, Vivienne Westwood, Mary Quant, Peggy Guggenheim und Madonna als eine der Frauen, die den Look des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben. Doch wie läßt sich ihr Stil, ihr Alleinstellungsmerkmal, ihr Erfolg skizzieren?

fabrikneu“ hieß der Hotspot an Kreativität und Lebensfreude, die Wohn- und Ateliergemeinschaft in Kreuzberg, in der alles begann. Hier experimentierten Musiker, Filmemacher, Fotografen, Performer und bildende Künstler am Gesamtkunstwerk, diskutierten und feierten. Unter ihnen der spätere Weltstarkünstler Martin Kippenberger, damals noch völlig unbekannt, die Filmemacherin Ulrike Ottinger, die unvergesslich schöne Tabea Blumenschein, die Studentin Jenny Capitain, späteres Model u.a. von Helmut Newton, oder der Schlagzeuger von Tangerine Dream und Iggy Pop, Klaus Krüger – um nur einige wenige zu nennen. Bald wurde „fabrikneu“ mit Andy Warhols Factory in New York verglichen.

In einer Zeit, in der Stricken eher mit Hausfrauen oder Öko, mit Topflappen oder Hippipullovern in Verbindung gebracht wurde, demontierte und revolutionierte Claudia Skoda dieses Image. Statt Häuslich-Harmloses, coole Eleganz: durchsichtige, hauchdünne, enganliegende und glamouröse Kleidung in kunstvoll abgestimmten Farben. Woll-Lust pur, Geschlitztes und Glitzerndes, tiefe V-Ausschnitte und asymmetrische Formen, auffallende Leoparden- und Pythonmuster, Spielkartensymbole oder Kreuze.

Ulrike Ottinger, Ohne Titel (Tabea Blumenschein und Claudia Skoda) | Silbergelatine-Vintageprint, 1976, © Ulrike Ottinger

Von Anfang an war das eine Mode für den souveränen Auftritt, für die selbstbewußte, sich frei fühlende Frau. Die Fotografien von Luciano Castelli, Detlef Maugsch, Rich Richter, Ulrike Ottinger oder Esther Friedman geben dies hervorragend wieder. Sexy und verführerisch wirken die Modells, die Kleider umwerfend. Hochwertige, z.T. elastische Garne – auch völlig ungewöhnliche Materialien wie Tonbänder, Bast, Drähte, Metallfäden, Latex und Lurex – machen aus Kleidung Kunstwerke.

Die auffallenden Gewebe werden außerdem, entgegen konventioneller Verarbeitungsweisen, in vertikaler Ausrichtung gestrickt, ganz ohne Nähte, wodurch sie geschmeidiger anliegen, wie direkt an den Körper angestrickt. Frauen nicht in lila Latzhosen verschwinden zu lassen, wie es das damaligen „kill-joy“ Dogma des Feminismus vorsah, sondern lustvoll zur Schau zu stellen, die Inszenierung immer weiter zu verfeinern bis hin zum Skulpturalen, darum ging es.

Die Femme fatale, Filmdiven der 1920er und 1930er Jahre, allen voran Marlene Dietrich, der weibliche Dandy, Androgynes, heute würde man sagen Queeres, das Spiel mit Rollenbildern und Identitäten, all das faszinierte Claudia Skoda und beeinflusste sowohl die Entwürfe wie die Präsentationsformen. Diese waren jedesmal sensationelle Spektakel, multimediale Happenings, immer mit Livemusik, manchmal auch mit Künstlern, die selbst „performten“. Legendär waren die Auftritte der „Neuen Wilden“, Salome und Castelli, die bei der Show „Big Birds“ (1979) fast nackt auf einem Hochtrapez durch den Raum segelten. Diese und auch einige der anderen „Modeschauen“ in super-8-Filmen nach- und „mitzuerleben“, dürfte einer der vielen Höhepunkte der Ausstellung sein.

Gestricktes hatte nicht länger etwas mit geduldiger Handarbeit zu tun, sondern war Technik auf der Höhe der Zeit. Von Anfang an kamen Strickmaschinen zum Einsatz, wobei die Atari-Computerkonsole zentral wurde. Da die meisten Modelle entweder glatt links oder glatt rechts gestrickt sind, korrespondieren die Maschen mit dem mathematischen 0 und 1 der Codiersprache. Stricken und Codieren, beides dual basierte Systeme, kostengünstig, flexibel und leicht zu konfigurieren, auf die Idee mußte „man“ erstmal kommen! Die Atari-Konsole wurde damals von Musikern benutzt und Musik war/ist für Claudia Skoda zentral. Ihre Kollektionen und ihre Modeschauen griffen von Anfang an die verschiedensten Musikstile- und Richtungen auf. Sie selbst wechselte 1981 kurz zur Musik und landete mit „I bin a Domina“ einen Undergroundhit. Ihr Sinn für Absurd-Spielerisches, Humorvoll-Ironisches kam auch da zum tragen.

Claudia Skoda posiert auf dem Dach der fabrikneu in ihrer Kollektion „Shake Your Hips“ | unbekannter Fotograf, ohne Titel, Polaroid, ca. 1975, © Claudia Skoda

Jahrzehnte bevor Begriffe und Tendenzen wie Performanz und Interdisziplinarität, Networking oder „Co-working-Spaces“, Gender und Queer zum Alltagsverständnis gehören, wurde all dies in der „fabrikneu“ bereits gelebt. Mit ihren seismographischen Fähigkeiten, mit ihrer Lust am Experiment, ihrem Interesse an Schrägem, Unorthodoxem und Überraschenden hat Claudia Skoda ihren eigenen, unwiderstehlichen Stil entwickelt und über viele Jahrzehnte die Modewelt beeinflusst und beglückt. Eine offizielle Hommage war also längst überfällig.

Im Moment muß noch der hervorragend gemachte Katalog genügen, um Einblicke in dieses überbordende Schaffen, in diese wilde Zeit zu erhalten. Und, es bleibt die Vorfreude auf die Ausstellung, die hoffentlich bald ihre Pforten öffnen kann.

Daniela Kloock

Foto Ganz oben: Martin Kippenberger/Claudia Skoda, Ohne Titel (Einladungskarte für die Modenschau Neues Spiel in der fabrikneu) |  Berlin, 1976, Sammlung Stadtmuseum Berlin © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

AUSSTELLUNG

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/claudia-skoda/

Claudia Skoda. Dressed to Thrill

ab Wiedereröffnung – Ende Juli 2021
Eine Sonderausstellung der Kunstbibliothek in Kooperation mit dem Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin

Kulturforum, Sonderausstellungshalle
Matthäikirchplatz 6, 10785 Berlin

 

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