Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe (Philipp Hartmann)

Einen Film über die Zeit hat der deutsche Regisseur Philipp Hartmann gedreht. Doch “Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe” fand keinen Verleih, weshalb Hartmann selbst durchs Land tingelt.

Von Anfang Oktober 2014 bis Anfang Februar 2015 begleitet Philipp Hartmann seinen Film auf große Kino-Tour durch ganz Deutschland (und später auch in die Schweiz und nach Österreich). In über 65 Kinos von Karlsruhe bis Hamburg, vom Bodensee bis Helgoland ist der Film zu sehen.

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An der Zeit

Als einer der Ersten begibt sich ein deutscher Regisseur ohne Verleih auf Kinotour.

Von Alexandra Zawia (in wienerzeitung.at)

76 Minuten hat das letzte Konzert gedauert, das ich von Nick Cave gesehen habe. Viel zu kurz und viel zu teuer war das. Bloß über einen Online-Stream hätte ich es mir dennoch nicht anhören wollen. Sie wissen schon: Atmosphäre und, nun ja, Nick Cave. Ich weiß aber nicht, wann genau dem Kino der (zumindest intellektuelle oder meinetwegen sensationelle) Sexappeal abhanden gekommen ist, der einst die Massen anlockte, und was die Menschen dazu animiert, horrende Summen für ein Konzertticket zu bezahlen, aber es ihnen nicht billig genug sein kann, einen Film zu sehen. Oder warum man ein Konzert ungern alleine besucht, sich aber beim Streamen von Filmen geradezu dekadent in die soziale Isolation kuschelt.

Fast hätte Zach Braff diese Frage vor gut zwei Wochen geklärt, als er in Wien war, um seinen neuen Film zu bewerben. Da saß er mit einem wildwachsenden, leicht ergrauten Bart und sehr müden Augen. Alles müsse er selber machen, seufzte er: Drehbuch, Regie, Hauptrolle und jetzt auch noch die Werbetrommel rühren. Das lohnt doch nicht! Da aber reichte ihm die aufmerksame Dame vom Verleih, der seinen Film in Österreich in die Kinos brachte, glücklicherweise eine Tasse frischen, starken Kaffee, und fast hätte er sich daran die Zunge verbrannt.

Crowdfunding ist das Zauberwort der Branche

Beinahe scheint es, als wäre es heutzutage finanziell und formattechnisch keine echte Hexerei mehr, einen Film zu machen. Ja, sicher, Braff musste hohe Dosen Spinnengift aus dem weltweiten Netz vertragen, als er – als Star! – mittels Crowdfunding-Kampagne für die Finanzierung seines Films warb. Aber hier saß er nun. Anders als No-Names allerdings blieb ihm die Frage erspart: Wo und wie soll der Film später – und von wem? – gesehen werden können? Video on Demand? Netflix? Echt jetzt? Vor allem das Entsetzen von Kinobetreibern aus dem Arthaus-Sektor wird hier spürbar: “Die Kunst und das Kino stirbt!”, hallt es aus den immer leerer werdenden Lichtspielstätten und alle reden sowieso von Krise.

Ein paar Tage später war ich zu einer Diskussionsrunde eingeladen, die das Filmfest Hamburg veranstaltete. “Was macht Kino zum Kino?” war der Titel der Veranstaltung und ziemlich schnell wurde klar, dass wir alle das zwar irgendwie wissen, aber nicht mehr beantworten können, ohne uns in Debatten über Ökonomie, Abhängigkeiten und ohnehin den Wert der Kritik an sich wiederzufinden. Wir saßen auf einem Podium in einem Zelt und irgendwann kam die Sprache auf Georg Seeßlens Konzept des “nomadischen Films”.

Der Film- und Kulturkritiker hat vor einem Jahr so etwas wie ein Manifest verfasst, mit dem Titel “Nomadische Filme! Nomadische Kritik!”, in dem er dringend dazu aufruft, das Bewegtbild endlich zu bewegen. Was er damit anspricht, sind paradoxe Entwicklungen, wie zum Beispiel die, dass Filme eben technisch rasend schnell realisiert werden können, aber gleichzeitig in eine soziale Versteinerung münden, wenn sie nicht gesehen werden, beziehungsweise nicht in Kontexten gesehen werden, die sie als Kunstwerk erst vervollständigen.

Philipp Hartmann, ein deutscher Regisseur, stand auch im Zelt. Der 42-Jährige hat Angst vorm Vergehen der Zeit. “Chronophobie” nennt sich das in der medizinischen Diagnose und Hartmann hat darum einen Film über Zeit gemacht, der 76 Minuten dauert, eine Minute für jedes Jahr bis zur statistisch errechneten Lebenserwartung für Männer in Deutschland. “Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe” heißt der Dokumentarfilm, mit dem Hartman seit vergangenem Jahr auf vielen Festivals war und Preise erhielt. Verleiher fand der Film aber keinen. Von Seeßlen hat Hartmann nichts gewusst, aber in gewisser Weise macht er trotzdem, was der vorgeschlagen hat, nämlich sich mit seinem Film auf den Weg.

 

Wie ein Gaukler mit der Festplatte von Kino zu Kino

In akribischer und energieraubender Kleinarbeit hat Hartmann selbst eine Kinotour zusammengestellt. 66 Kinobetreiber hat er angeschrieben und gefragt, ob sie seinen Film zeigen würden. Wie ein Gaukler bringt er ihn nun selbst seit dem 8. Oktober bis Februar 2015 zu diversen Spielstätten in Deutschland und später auch Österreich und der Schweiz, sucht die Diskussion mit dem Publikum, die Auseinandersetzung mit Kritik und den öffentlichen Raum nicht nur zur Präsentation, sondern zur Interaktion. Genau: Was macht Kino zum Kino?

Es ist ein wenig ironisch aber doch sehr passend, dass ausgerechnet Hartmann als einer der Ersten eine derart eigenständige Tour für seinen Film unternimmt, und es wirkt wie eine zukunftsweisende Zeitreise in die Vergangenheit. Den Film im Kino zu zeigen und nicht etwa über Streaming-Dienste und per Video-on-Demand-Technik ist (abgesehen von den vielleicht rechtlichen Unmöglichkeiten) auch eine bewusste Entscheidung für das Kino als Ort der Visualisierung. Hartmanns Film spricht über Zeit, aber fast wichtiger noch: Er bewegt sich damit über seine Laufdauer hinaus.

Das ist eine bemerkenswerte Aktion, auch weil sie auf ihre Weise endlich umsetzt, was in so vielen Krisen-Diskussionen nur theoretisch als Aktivismus beschworen wird. Manchmal scheint es, als herrsche gar eine Art “Krisen-Chic”, der es salonfähig macht, dass man, Hauptsache, einmal über etwas gejammert hat. Das führt natürlich schnell anstatt zum Aktivismus direkt in die Lethargie, den Attentismus, eine Genügsamkeit, in der Krisen-Experten einander mit den gleichen Argumenten füttern.

Wenn wir im Bereich Kino, Film, Kritik über Krisen sprechen, muss auch klar sein, dass die Produktionsrealität für Filme heute unmaskierter als je in ihren entgegengesetzten Polen eindeutig ist: An der Spitze der Produktion kann es immer teurer werden, aber an der Basis soll es immer noch billiger gehen, und nur eine Konsequenz davon ist, dass dem teuren Produkt die Öffentlichkeit und dem billigen Produkt die Nische, das Ghetto zugeordnet wird. Ein Film, so wünscht sich etwa Seeßlen, solle aber nun seinen zugewiesenen Platz verlassen, die Möglichkeiten dazu gäbe es: “Ob ein Film ‚gut‘ ist, werden wir möglicherweise nicht mehr allein an ästhetischen und moralischen Kriterien überprüfen, sondern auch an seiner Fähigkeit, sein Ghetto zu verlassen, nicht an der Leitlinie von Markt und Medium, sondern an der Leitlinie von Kunst und Revolte.” So wie Film sich wandelt, muss der Film auch wandern.

Wanderkinos, wie zum Beispiel in Wien das Volxkino, sind bereits solche “nomadisch wandernden Orte”, die sich Seeßlen für das Kino der Zukunft wünscht und die nicht an den ökonomischen Zentren erscheinen, sondern an sozialen Schnittstellen oder tatsächlich verödeten Kulturlandschaften.

“Nomadische Filme entstehen vor aller Augen”

Hartmann ist dazu ein Filmemacher, der das Konzept sogar noch weiter trägt. Indem er einen Film über seine Kinotour macht, hat er gerade ein sozial offenes Werk begonnen, das nicht nur dokumentieren wird, sondern auch auf die Umstände reagieren wird. “Ein nomadischer Film”, so formuliert es Seeßlen, “entsteht vor aller Augen, und er ist nicht ‚fertig‘. Er finanziert sich durch die Spuren, die er in der Öffentlichkeit hinterlässt, nicht durch einen Finanzierungsplan, nicht durch das quantifizierte Publikum. Er ist das Kunstwerk, das unter der Beteiligung seiner Adressaten entsteht, es durchquert verschiedene, auch widersprüchliche Räume. Er sammelt in seiner Entstehung Geld ein, wie es ein Gaukler bei seinen Auftritten tut, und er sondert Elemente ab, die sich auf diversen Märkten und Gegen-Märkten realisieren.”

Damit das funktionieren kann, müssen sich mehr Leute zusammentun, nicht nur mehr Filmemacher. Bildende Künstler, Musiker, Literaten, Kritiker sollen sich anschließen und einander unterstützen, wünscht sich Seeßlen und wünsche ich mir. “Die Rückkehr der Kunst vom Markt in die Gesellschaft” fordert Seeßlen. Ich fände das nicht falsch.

Alexandra Zawia  in www.wienerzeitung.at 10-10-2014

 

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