Fliegenköpfe (4)

BÜCHERBRIEF AN FRANK

Lieber Frank,

gerade deckt der schnee das ganze elend zu. da ist es trotzdem. ein satz in einem buch hat mich an das erinnert, was du gesagt hast, letztes mal in cotignac, als wir unter der steineiche über humanismus geredet haben und über die demokratie, mit der du nicht einverstanden bist, und klar: muß man gegen die jede menge vorbehalten haben: weil die arschlöcher und die rassisten und die aufziehäffchen dieselbe stimme haben wie die vernunftbegabten, die zudem in der minderheit sind: was also soll an regierung da schon groß zusammenkommen. und überhaupt: die menschen, wenn sie zur masse werden. das volk, das du fürchtest: der pöbel, hast du gesagt, nicht nur an dem morgen unter der steineiche sondern wiederholt, auch als wir vor jahren in paris an so vielen abgerissenen sandlern vorbei kamen, das volk hat damals die synagogen angezündet. das volk ist auf die juden los. und dieser satz jetzt in dem buch von marceline loridan-ivens, die im lager war, in birkenau, und vorher in einer zelle in sainte-anne, und auf die frage einer mitgefangenen aus der résistance, warum sie nicht kommunistin sei, hat marceline geantwortet: „weil ich das volk nicht liebe, denn das volk hat die progrome gemacht.“ ganz einfach, ganz wahr. und ihr buch, frank, ihr buch, das ein brief von marceline an ihren vater ist, ‚und du bist nicht zurückgekommen‘, geschrieben sieben jahrzehnte, wieviele leben, kaputte, unmögliche, dennoch ausgehaltene leben nach seinem tod, er ist in auschwitz ermordet worden. „ich bin ein fröhlicher mensch gewesen“, fängt der brief der tochter an den vater an, und dann folgen schreckliche sätze, die vor allem deshalb schrecklich sind, weil sie einfach die wahrheit sagen, weil das, was da steht, geschehen ist, sätze, die hirn und gedärme durchwühlen, nach tränen graben, nach knochen, nach blutigen fetzen mitgefühl und das gleichzeitig in abrede stellen: sätze, die nichts mehr von anderen menschen erwarten, nichts mehr wollen, die nur sagen: so war es. aber wie es war, ist trotz all der so wahren worte nicht wirklich zu ermessen für die, die nur davon lesen. und die sätze sind wie rostige nägel im denken, im fleisch, und das entzündet sich und eitert.

ich schreib dir einen anderen brief an einem anderen tag

ingrid

© 2016  ingrid mylo

Marceline Loridan-Ivens:

Und du bist nicht zurückgekommen

Suhrkamp / Insel Verlag 2015

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