Der Maler Dieter Krieg: “Bügeln ist nichts für Hausfrauen”

Im Künstlerhaus Marktoberdorf war kürzlich eine Ausstellung von Arbeiten des nicht allzu weit entfernt, in Lindau am Bodensee, geborenen Malers Dieter Krieg zu sehen, der vor zehn Jahren gestorben ist und vielleicht gerade erst richtig entdeckt werden kann. Seine Ausstellung hatte den Titel „Bügeln ist nichts für Hausfrauen“; frühere Ausstellungen trugen Titel wie „Eskalation“ (1969), „Wörtliche Malerei“ (2006), „Fritten und Brillanten“ („2008“) oder „In der Leere ist nichts“ (2014). Schon an solchen Titeln merkt man: Da geht es um eine Begegnung von Bildnerischem und Literarischem. Krieg gehört zu den Vertretern der „Neuen Figuration“, ein Begriff der nur etwas sagt, wenn man die Vorherrschaft der Abstraktion noch in den sechziger und siebziger Jahren mitdenkt. Das Entscheidende freilich ist, dass dieses Neue der Figuration nicht zurück zum „Abbild“ geht. Dieter Kriegs Bilder zeigen zugleich „etwas“ („figurativ“) und sie zeigen sich selbst: Striche, Farben, Leinwände und Leinwand-Stückelungen („abstrakt“). Das ist erst schon mal spannend.

Die Bilder von Dieter Krieg erscheinen zunächst erhebend unverschämt: Bierdeckel, Spiegeleier, Toilettenfenster, Parkbänke und Bügeleisen, mit Unmengen von Farbe auf riesige Leinwände geklatscht, „gebaazt“ würde man im süddeutschen Idiom sagen, um den Umgang mit einem mehr oder weniger organischen, weichen Material zu beschreiben, oder mit kräftigen, teils verwischten Kohle-Strichen skizziert, oft verbunden mit ebenso kräftig dahin gewuchteten Worten. Da traut sich einer was. „Wartn“ steht auf der schmerzgrünen Bank (eine Wortverkürzung, die mehrfach vorkommt: Es ist kein kategorisches Warten, sondern ein subjektives Wartn), auf einer riesigen Leinwand mit Blauen Fetzen liest man das in verschiedenen Techniken aufgemalte Wort „Trost“. Und zum hingefetzten Eisen ist zu lesen „bügeln ist nichts für Hausfrauen“. Das gab der Ausstellung in Marktoberdorf den Titel. Und führt erst einmal auf eine falsche Fährte. Denn die Pointe liegt nicht nur in diesem eher dadaistischen Statement, sondern in der Beziehung zu einem anderen, früheren Werk mit dem Motto „lieber Wäsche bügeln als Malen“. Dieter Krieg hat die Kunst immer als dramatische Zumutung verstanden. Und das „Wartn“, das auf der Bank Platz zu nehmen versucht, hat einen Bezug zu einem anderen Bild mit der Schrift „4 Watt“, was man als Frage aber auch als Hommage an Samuel Beckett lesen kann; dazwischen liegt, wiederum für den Süddeutschen leichter zugänglich, „Watten“, ein Kartenspiel und ein Buch von Thomas Bernhard. Man muss das alles nicht wissen, es ist eher ein Spiel; Dieter Krieg war ein tiefer Leser der modernen Literatur, Proust, Kafka, Musil, Joyce, Schmidt, Beckett, und Textbrocken, Varianten und Reaktionen, manchmal mit grimmigem Humor versehen, verteilen sich auf seinen Bildern, nehmen die Stelle von Objekten und Stoffen an, wollen Bild werden und bleiben doch Wort.

Fernseher, 1979, Acryl, Nessel, 217 × 299 cm
Fernseher-1979-Acryl-Nessel-217-×-299-cm – Alle Rechte: Stiftung Dieter Krieg

Ein Schlüsselbegriff für die Kunst von Peter Krieg, die immer zugleich Malerei / Zeichnung und Literatur / Textinstallation sind, ist „Ähnlichkeit“. Im Jahr 1974 – zu dieser Zeit arbeitete er noch vorwiegend konzeptuell – ließ Krieg Passanten vor seinem temporären Atelier im österreichischen Eisenstadt nur das eine Wort sprechen: „ähnlich“. Natürlich sagten die Menschen in dieser Stadt zwischen Kulturen und Sprachen „ähnlich“ zum Teil sehr unähnlich. Die Ähnlichkeit verbindet Dinge miteinander, sie trennt sie aber auch. Denn das Ähnliche ist nicht einmal als Wort das Gleiche. Immer wieder begegnet uns das Ähnliche bei Dieter Krieg, eine Zeichnung aus dem Jahr 2004 besteht nur aus der Aufforderung: „Meine Zeichnungen nochmal zeichnen“.

Dieter Kriegs Bilder sehen aus, als würden die Pinsel dabei reihenweise kaputtgegangen sein, die Farben beißen und kleben und quellen, die Sache wird immer auch räumlich; man sieht nicht nur Farbe sondern vor allem, wie sie auf die Leinwand gelangt ist; man sieht Farbe als Masse, als Material, das seiner eigenen Zivilisierung Hohn spricht, als wollte jemand ausprobieren, wie viel Farbe eine Leinwand überhaupt aushält. Die Kohle bei den Skizzen kann nur unentwegt gebrochen sein, ja, das alles können nur Gewaltakte sein, in denen solche Bilder entstehen wie die Kohle- und Acryl-Antwort auf Marcel Duchamps’ „Akt, eine Treppe herabsteigend“, das uns auf dem Blatt erklärt, was wir sehen könnten (klassische Titel haben Kriegs Bilder nicht): „alte Männer die Treppe runterfallend“. Wie subtil, sagen wir ruhig lebensfreundlich das auch sein kann, zeigt sein Bild, auf dem eine Möwe im Flug zu sehen ist, vor wuchtigen blau-weißem Ozeanrumor (1991). Je genauer man hinschaut, desto deutlicher wird, dass die scheinbare Kraftmeierei in Strich und Farbauftrag nur als Reaktion auf das, was in den Bildern andererseits überall durchschimmert, die Leichtheit, die Verletzlichkeit, das Sensitive, zu verstehen ist. Das Heftige dieser Bilder ist immer durchdacht; jedes Bild ist auch eine Variation der Frage, was ein Bild ist, und warum Bilder und Worte, so sehr sie miteinander verschmelzen, dann doch immer auch widersprüchlich verhalten.

Sein Interesse, sagt Krieg, gelte „dem Schock durch das bedeutungslose Objekt“. Auch das entspricht einem Zustand, den die Literatur parallel erreichen konnte (bei Queneau oder Beckett): der Schock durch das bedeutungslose Wort. Aber das scheinbar triviale Sujet ist nicht bloß Vorwand für solche subtilen Gewaltakte. Ich schwöre es: Man wird einen Hofbräuhaus-Bierdeckel in der Wirklichkeit anders ansehen, nachdem man ihn auf dem Gemälden und den Skizzen von Dieter Krieg gesehen hat; man kann ins Grübeln über die Spiegeleierhaftigkeit eines Spiegeleis kommen vor dem 227 x 476 cm großen Bild aus dem Jahr 1995, das eine gelbe Halbkugel, weißen Untergrund und dahinter Rostbraunes sehen, ein Tisch vielleicht. Denn diese Objekte verbergen nicht, dass das alles angefangen hat mit Körpern. So könnte man vielleicht von der Körperlichkeit dieser „trivialen“ Dinge sprechen, die uns, neben ihrer bloßen wuchtigen Gegenwärtigkeit so erfasst. Dieter Krieg malt Dinge wie man sich vordem höchstens Menschenkörper zu malen getraut hat. Es ist wie das Eintauchen in einen Kosmos der monumental lebenden Dinge: Kerzen, Thermometer, Salatköpfe, Fleischstücke, Blüten, Kreuze, Spiegeleier, Eimer, Bücher, Buchstaben, Watte, Schriftzüge logisch, das ist nature nicht mort, aber sterbend und sterblich. Denn hinter jedem dieser Gegenstände lauert ein metaphysisches Problem; Krieg malt nicht irgendeinen Bierdeckel, sondern den des Hofbräuhauses mit seiner signifikanten Krone; die Toilettentüren, die übrigens stets aus den Angeln fallen, oder wie schiefe Traumschlösslein im Leeren schweben, tragen nicht umsonst das Herz eingeschnitten; die Möwe kreuzt einen Wimpel mit der mehrdeutigen Schrift „Sucht“, von dem, was sich hinter dem Ei und dem Fleisch verbirgt, ganz zu schweigen. So malt also Dieter Krieg keineswegs bedeutungslose Dinge, sondern seine Bilder wundern sich über die so unvollkommen verborgene Bedeutung. Sie wundern sich darüber, was aus Bedeutung geworden ist. Das semantisch und bildnerisch Abgetane tut sich mit dem Metaphysischen zusammen und kommt als zornige Macht auf die Leinwand zurück. Unter vielem anderen kann man Kriegs Bilder auch mit Roland Barthes’ „Mythen des Alltags“ lesen.

1995, Acryl, Leinwand, 227 × 476 cm, Privatsammlung
1995, Acryl, Leinwand, 227 × 476 cm, Privatsammlung – Alle Rechte: Stiftung Dieter Krieg

Aus den Widersprüchen ist etwas neues entstanden, eine Poesie der Regelverstöße: Die kleinen Dinge werden riesengroß. Aus den Worten werden Bilder. Aus den Bildern Worte. Viel Farbe gibt wenig Buntheit. Der Buchstabe ist ein Ding; ein Selbstbildnis besteht aus einem Foto, über das kräftig das Wort „Foto“ geschrieben ist. Das Bildliche wird wörtlich genommen, und das Wörliche bildlich. Und dabei wird klar, dass Dieter Kriegs Bilder nie „zusammengesetzt“ sind, nie zerlegbar, weder in Schichten noch Teile, es ist immer die eine große Bewegung zu sehen, aus der ein Bild entsteht. Das ist natürlich schon in sich selbst ein ungeheurer Akt der Domptur; nie gibt’s da ein zurück. Und beim Hinsehen sitzt man in einer Bilder- und Wortfalle. So wie das „Wartn“ schon die Bank herunterfällt ist auch der „Trost“ nicht so groß, wenn das letzte t so verloren auf der zweiten Leinwand daherkommt wie ein verquollenes Kreuz und der „Verlust“ durch eine ganze Wand in zwei Teile getrennt ist, mitten durch das r.

Und bei alledem ist Kriegs Arbeit zugleich von der Wut bedingt, mit der er den Dingen ihre Bedeutung zurückgeben will, durch ästhetische Kraftakte, und vom Zweifel: „Komme ich durch Malen meinem Stoff näher? Ist diese gesuchte Annäherung eine Beschleunigung , die den Stoff anwachsen lässt? Oder bremst die Malerei die Zeit und schützt mich vor dem sich nähernden Stoff ?“, so notiert er einmal in seinem Skizzenheft. Natürlich gibt es auf diese Fragen keine Antworten, nur die Dringlichkeit des Stoffs selber wird deutlich. Der Stoff ist das Leben, genauer gesagt das Sterben.

ohne Titel, 2002, Acryl, Plexiglas, 220 × 260 cm
ohne-Titel-2002-Acryl-Plexiglas-220-×-260-cm – Alle Rechte: Stiftung Dieter Krieg

Was man sieht an einem Bild von Dieter Krieg: Es lebt. Früher gehörten auch einfach Fleischstücke zu seinen Sujets. Der Bierdeckel wird beschmutzt und geht kaputt; dem Spiegelei sieht man an, dass es gleich zerfließen wird. Farben scheinen auf ihre Verdorbenheit zu warten. Manchmal kommt man aus den Bilderfallen nicht mehr heraus. Zu einem Skelett als Schlüsselanhänger heißt es auf einer Kohlezeichnung: „Schlechte Literatur schöner Tod“.

Georg Seeßlen

 

Alle Bilder und Zeichnungen Dieter Krieg – Alle Rechte: Stiftung Dieter Krieg

Bild ganz oben: 2004, Kohle, Acryl, Silikon, Papier, Leinwand, 141 × 100 cm

Herzlichen Dank an die Stiftung Dieter Krieg für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung der Bilder und  der Zeichnung auf getidan.de

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