Beim Arzt

Sie scheint etwas erzählt zu bekommen, wir können es nicht hören, die Kamera ist in der gegenüberliegenden Wohnung aufgebaut, wir filmen aus dem Fenster, wir haben die Praxisräume nicht mit Mikrofonen ausgestattet, nein, das sah unser Auftrag nicht vor, wir filmen nur ihr Gesicht ab, das nun die Nachricht erhält, dieses wunderschöne Gesicht, das nickt und nickt, und nun, passen Sie auf, damit Sie auch ja nichts verpassen, wir zoomen heran, jetzt nickt sie nicht mehr, sie verharrt, das Kinn zeigt in Richtung Stirn des Arztes, es muss eine überraschende Nachricht sein, sie bewegt den Kopf noch immer nicht, wir haben das Bild nicht eingefroren, das ist sie, die sich noch immer nicht bewegt, die Worte des Arztes haben zu einer Lähmung geführt, erst jetzt kommt Bewegung in ihr Gesicht, sie öffnet den Mund, das Kinn ist immer noch auf Stirnhöhe, sie versucht sich mit dem geöffneten Mund an einem Satz, es könnte eine Frage werden, aber nein, sie schließt den Mund wieder, ihr Kinn senkt sich, sie blickt nun zu ihrem Schoß hinunter, wir können nur ahnen, was sie gesagt bekommen hat, wir werden hier keine Vermutungen äußern, der Arzt scheint noch zu sprechen, sie sieht wieder zu ihm hin, sie schluckt, man kann es an den wellenartigen Ausbeulungen des Halses sehen, diese Wellen, die nach unten in ihren Körper schwappen, diese Wellen, die uns helfen sollen, Unangenehmes in den Körper zu spülen, sie nickt nun wieder, nur leicht, der Arzt greift nach einem Papiertaschentuch, er zieht es aus einer Box auf seinem Schreibtisch, er reicht ihr das Tuch, sie greift danach, dieses kleine Wort könnte ein Danke gewesen sein, sie schnäuzt sich, sie faltet das Tuch bedächtig und reibt sich das so entstandene Papierquadrat über die Augen, da müssen Tränen sein, die wir übersehen haben, wir gehen an ihre Augen heran und tatsächlich, da kann man sie sehen, die Tränen, sie laufen nun als Schlieren über ihre Wange, sie nickt und nickt, der Arzt spricht auf sie ein, jetzt steht sie auf, sie reicht dem Arzt die Hand, er begleitet sie zur Tür, er führt sie hinaus, dann geht er in sein Behandlungszimmer zurück, er schüttelt den Kopf, er geht zum Fenster hin, öffnet es, greift nach seinen Zigaretten, er zündet sich eine Zigarette an, er zieht daran, sieht zur Straße hinab, er hebt das Gesicht und sieht zu unserem Fenster hin, er mustert das Fenster, weg, weg, weg, wir wollen nicht entdeckt werden, und außerdem haben wir ja die Bilder, die wir wollten.

Guido Rohm

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