Auf der Feier

Und wenn dann der Alkohol in Strömen in die Körper und in die Köpfe und Seelen geflossen ist, und die Männer sich für unwiderstehliche Liebhaber halten, wenn sie Politiker bald an jenen Ast, bald an diesen Baum gehängt haben, wenn man Rassist und Barbar schon war und rotgesichtig Speichel über die Haare der Frauen fliegen ließ, weil man Magier ist, auch Fußballprofi, ein Fachmann für alle Fragen des Lebens eh, dann fängt plötzlich die Stimme des Sohnes an, sie überfällt den von Rauch gedämpften Raum, ein Außenstehender und ungeschulter Betrachter würde von einem Kitschüberfallkommando reden, die Stimme legt sich augenblicklich wie der Gesang der Sirenen über all die Gespräche, die nun versiegen, die Worte fallen zu Boden, man tritt sie wie Zigarettenstumpen aus, und in diesem Moment schalten wir die Kamera ein, wir fangen die Gesichter ein, die sich über die Lippen lecken, die Augen, die sich in einem unsichtbaren Loch in der Decke verirren, darin Kinder auf einen Fußballplatz stürmen, darin der Vater lächelt, die Mutter die Tochter zum Gespräch bittet, eben jene Mutter, die heute Abend nicht hier ist, weil sie längst an einem anderen Ort ist, von dem alle hier hoffen, dass es ihn tatsächlich gibt, die Stimme des Sohnes schwebt zur Decke hinauf, sie reißt weitere Löcher in die Decke, unsere Kamera fängt eine Frau, die verliebt wie seit Jahren nicht mehr zu ihrem Mann blickt, der erschrocken die Lider fallen lässt, der einen solchen Blick nicht erwidern kann, weil er zu schwach für eine solche Sekunde ist, der seine Augen begräbt, die Kamera schwenkt, sie spürt die entfernten Gedanken, die Gedanken, die sich in fernen Welten tummeln, für die drei Minuten des vom Sohnes gesungenes Liedes, um dann, als es schließlich endet, wieder in die Wirklichkeit zu fallen, mit lauten Stimmen und einem raschen Griff in die Bluse einer fremden Frau auf der Treppe, die hinunter zur Toilette führt, mit den Forderungen nach der Todesstrafe und dem Ruf nach einem neuen Führer, und wir und unsere Kamera können es so gar nicht glauben, dass es diesen einen Moment von drei Minuten tatsächlich gegeben haben soll, wir werden ihn uns immer und immer wieder ansehen, damit wir nicht vergessen, woraus der Mensch an solchen Abenden  auch gemacht ist.

Guido Rohm

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