Vorübergehende Erschütterung

Ein komplizierter Vorgang, die Kamera wird seitlich aus dem Badezimmerfenster gehalten, wir zischen und flüstern, müssen vorsichtig sein, denn so wird man leicht beim heimlichen Filmen überrascht, hast du sie?, ja, da sind sie!, ihre Gesichter, die sich im Nichts verlieren, auf der gegenüberliegenden Hauswand, die ihnen etwas zeigen muss, was wir nicht sehen, Bilder aus der Vergangenheit, die Geburt ihrer Tochter, die im ersten Stock ihres Hauses wohnt, noch kinderlos, was da wohl los ist?, könnten sie sich fragen, ihre Blicke wippen von der Hauswand auf ein Buch und eine Zeitschrift, denn sie sind ja nicht blöd, man will ja beim Starren auf das Nichts nicht auffallen, das sind Kleinstädter, Profis, die genau wissen, was man sich auf den Schoß legen muss, setzt man sich einmal vor die eigene Haustür, bis plötzlich eine Frau vorüber stöckelt, ein Wind, eine kühle Brise, sie betritt den Laufsteg vor ihren Augen, sie blicken auf, ihre Augen blitzen, endlich!, scheinen ihre Pupillen zu schreien und weiten sich, man grüßt sich, sie versuchen so beiläufig und uninteressiert wie nur möglich den Gruß durch die Lippen zu schieben, dem Mann fallen die Augen beinahe in den Rasen, die Frau bemerkt es nicht, weil sie mit Giftsprühen beschäftigt ist, bis die Fremde, die vielleicht ihre Nachbarin ist, bestimmt sogar, denn sie scheint hier zu wohnen, im Haus verschwindet, das Nichts, auf das die beiden dort unten so viele Stunden geblickt haben, hat die Frau verschluckt, nun sehen sie wieder hin, verloren in ihren Gedanken, die wir nicht kennen, die wir nur raten können, während die Hand des Kameramannes wackelt, er löst ein Beben aus, da sitzen sie, auf ihren Gartenstühlen, während die Welt in einem Beben vergeht und warten auf die Ankunft des nächsten Nachbarn, dem sie beim Betreten des Nichts ihre Blicke schenken können, der Mann lässt erschöpft seinen Arm sinken, berührt zufällig die Hand der Frau, sie zuckt, sie zieht die Hand zurück, derlei ist sie nicht gewöhnt, eine Begegnung der unheimlichen Art, der ehelichen Nähe, derer man sich in so vielen Jahren entwöhnt hatte, sie sieht ihn überrascht und angewidert an, wie eine Spinne, die ihr soeben über ihre Hand gekrabbelt ist, er zuckt mit den Schultern, blickt hinunter in sein Buch auf dem Schoß, einem Ratgeber über das Glück, wo es zu finden sei und wie man es, hat man es erst einmal gefunden, behalten kann, vor allem mit einer ruhigen Hand, einem ausgeglichenen Wesen, so verrät der Autor des Buches, während die Gedanken des Mannes schweifen, hinter den Stöckelschuhen die Treppen des gegenüberliegenden Hauses besteigen, sich in den Armen der Fremden, der Nachbarin,  verlierend, davon träumend, mit ihr, der Fremden, vor dem Haus zu sitzen und auf die Geräusche der Nachbarschaft zu achten, die wie ein vertrauter Klang wohlige Wärme im Kopf verströmen, um so eine Melodie des vollkommenen Glücks zu erzeugen, ja, das wäre schon etwas, könnte er denken und liest und lauscht den ankommenden Autos, dem Schlagen von Autotüren, die die Rückkehr der Nachbarn verkünden, er wartet gespannt, seine Hand zittert leicht, er kann es kaum noch erwarten.

Guido Rohm

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