Über dem Haus: das Meer

Die Kamera ist an einem Seil befestigt, dient so als Lot, als Tiefenmesser, den wir in den Hof hinablassen, in dieses Becken, das von einem blauen Himmel gedeckelt wird, der uns Angst macht, der wie ein Meer über unseren Köpfen schaukelt, und wir flüstern, weil wir nicht gehört werden wollen, auch, weil wir die Götter nicht auf uns aufmerksam machen wollen, wenn wir jetzt, so flüstern wir, auf den Zehenspitzen zum Stehen kommen und uns abdrücken, dann können wir in dieses Meer über unseren Köpfen eintauchen, während die Kamera an die Hauswand stößt, an diese an alte Haut gemahnende Fassade, der nichts mehr helfen wird, keine Creme der Welt wird dem Putz Erleichterung verschaffen, wird das gespannte Gesicht glätten; ein altes Haus, denken wir; über dem Haus: das Meer; zwischen den Häusern ein Dschungel, ein undurchdringliches Dickicht, zwischen dem Platz zu nehmen und zu rauchen ist, denn inmitten des Dickichts stehen zwei von der Sonne ausgebleichte Stühle und ein Tisch, Mahnmale der Abwesenheit, während Kindergeschrei durch den Hoftopf schallt und von der Hitze aufgekocht wird, ein Schrei, der von einem Musikstück gebrochen, gefangen, in die Tasche gesteckt wird; das Musikstück stampft los, in der Tasche das Kindergeschrei, während die Kamera die Tiefe des Topfes vermisst, des Häusertopfes, in dessen Innerem Schreie und Musik und nun Gestöhne gekocht werden, lange und länger, bis die Milch dieser Vormittagsstunden überlaufen muss, bis sie überschäumen wird, um sich über die Stadt zu ergießen und alles unter sich unter seinem Milchschaum zu begraben, keine Lavamassen, so flüstern wir, sondern ein Meer aus Milch wird sich ergießen, wird verbranntes Fleisch zurücklassen, wird die Menschheit unter sich begraben, um dereinst von Forschungsreisenden aus dem All entdeckt zu werden, die sich wundern werden, oder auch nicht; wir hängen mit den Gedanken im Himmelblau und in der Zukunft, während das Kameraauge tanzt und sich dreht, während das Kameraauge eine nackte Frau fängt, die aus der Dusche steigt, während sie ein Stück Blatt erwischt, während sie sich dreht, einen mit Geschirr übersäten Tisch streift, dann einen missmutig dreinblickenden Mann mit einem Kind auf dem Arm; wir sehen es nicht, wir müssen es nicht sehen, denn die Kamera gestattet uns das Wegsehen, das Sichten der Bilder am Abend, in der Nacht, wenn der Himmel nicht mehr blau, sondern schwarz ist, wenn die Sterne Myriaden Augen werden, die auf uns hinabblicken und uns beobachten, und es vielleicht auch tun, weil sie die Kameraaugen des Universums sind, die in den Hof eines Planten namens Erde blicken und sich wundern, warum all diese Bilder von Interesse sein sollen, und dann werden die Sterne den Blick heben und zu jenem Deckel blicken, der sich über sie legt, der sich über das Weltall legt, und den wir, in Ermangelung eines anderen Wortes, vorerst Gott nennen wollen; über all dies denken wir nach, während die Kamera sich in einem Ast verfängt und ins Grün eines Blattes starrt, unbeeindruckt, weil sie nur ein Auge ohne Gedanken ist; sie blickt ins Blatt hinein und wundert sich nicht.

Guido Rohm

Bild: Berliner Hinterhof 1952; Bundesarchiv, Bild 183-15091-0008 / Klein / CC-BY-SA
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