Hirnbruchstücke 40

Unerträgliche Einsamkeit

Es geht ja nichts über das Alleinsein. Dieses Rumsitzen, wenn man das rechte Bein über das linke geschlagen hat und es samt  Seele baumeln lässt, bringt den Grad der erreichten  Entspannung erst zum rechten Ausdruck. Nichts, rein nichts, was einen stören könnte.

Die Ruhe legt sich wie ein alter schwerer Teppich über die Wohnung und dämpft alle Geräusche, sperrt sie förmlich aus. Ah, möchte man ausatmen, damit alle Welt erfahre und wisse, wie wohl man sich fühlt, so allein, so von aller Welt verlassen, bis es einen plötzlich wie ein Schock durchfährt, dass da nichts ist, nicht das leiseste Geräusch, sodass man der Angst anheimfällt, die Menschheit könnte von einer Sekunde zur anderen von sich selbst und von der Welt abgefallen sein.

Unruhig wippt nun das vormals entspannte rechte Bein, bis man aufspringt, hinaus ins Treppenhaus, um nach unten zu spurten, drei Stufen auf einmal nehmend, um die Nachbarin aus dem Schlaf zu läuten, wie im Rausch drückt man die Klingel ins Mauerwerk, bis das garstige Weib endlich öffnet und man sie bittet, ein Wort, nur ein Wort mit einem zu sprechen, zu palavern, denn so viel Einsamkeit – beim besten Willen -, die hält nun wahrlich keiner lange aus.

 

Im Namen der Wissenschaft

Es war, glaube ich, der Martin. Oder Jürgen? Samuel? Irgendwer. Der hat sich gesträubt, das müsste euch ja noch allen fest im Gedächtnis sitzen, zum Friseur zu gehen, weil er gemeint hat, da liege ein Entmannungsritual vor, ein chirurgischer Eingriff, der die Haarwucherung entferne, sodass es nicht besser werde, im Gegenteil, schneller und schneller würde es streuen, bis die Haare, er war fest davon überzeugt, irgendwann zum Innenwuchs übergingen, weil so ein Tumor auf dem Kopf sei eine intelligente Krankheit, die mitdenke.

Unseren Einwand, es wären nur Haare, die sich jeder hin und wieder schneiden ließe, wischte er mit einem lauten Lachen beiseite und verwies auf die Untersuchungen eines gewissen Doktor Broch, der während einer seiner spiritistischen Sitzungen exakt aufzeigen konnte, dass Haare lernen können, in den Kopf zu wachsen, ins Hirn hinein, bis schließlich der Denkapparat nicht weiter zum Denken einsetzbar ist, weil er nichts mehr vor lauter Haaren sieht. Und ein Kopfinnenschnitt wäre, so der Jürgen, Samuel, Martin, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, darum rate er bereits vom Kopfaußenschnitt ab.

Alle Beteuerungen, die Realität würde ihn wiederlegen, er müsse sich da mal in seiner Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz umsehen, beeindruckten ihn nicht weiter, sodass Jürgen, Samuel, Martin nach und nach unter einem Meer aus Haaren verschwand.

Natürlich machte man sich über ihn lustig, den Affen, wenn er in seinem Cabrio, ein einzig wehendes Haar, durch unser Viertel fuhr. Die Mädchen waren ganz verrückt nach ihm, weil man ihn so wunderbar frisieren konnte. Lockenwickler rein. Spülung. Färben. Die tobten sich an ihm wie an einer Barbiepuppe aus.

Im Laufe der Jahre vergaßen wir, wer das Haar, dem wir beim Italiener und beim Türken begegneten, war, ob nun Jürgen, Samuel, Martin. Wenn wir ihn darauf ansprachen, sagt er, dass uns das nichts anginge. Er lebe fortan anonym, weil ein Name eine Wucherung wäre, eine Art Fluch, der laut Doktor Bloch unausgesprochen bleiben müsse. Jeder Name mache den Tod erst aufmerksam, habe er bei seinen Reisen doch einmal den einen oder anderen übersehen.

Später gab Jürgen, Samuel, Martin auch das Sprechen auf. Vermutlich hat es da auch eine Untersuchung des Doktor Bloch gegeben.

 

Die Vorzüge der Realität

Wenn man an einem Wintersamstag mit kalten Füßen in seiner Wohnung kauert, muss man sich nicht wundern. Meine Mutter hat mich früher schon davor gewarnt. Unbeweglichkeit, so sagte sie, macht fett und schläfert Hirn und Füße ein. Und im Winter kommt noch die Kälte dazu. Da darf man sich nicht beschweren.

Jetzt sitze ich also an meinem Schreibtisch und trampele auf der Stelle, damit die Füße den Eindruck bekommen, sie würden laufen. So ein Fuß ist ja nur ein Werkzeug, das man bestimmt reinlegen kann. Kommt noch die Vorstellung eines Waldweges dazu, ist der Betrug nahezu komplett. Da kann man sich das Rausgehen ersparen. Nur zu genau sollte man auch nicht fantasieren, sonst verläuft man sich plötzlich und steht irgendwo im Nirgendwo. Keiner da, den man nach dem Weg fragen kann, denn man ist ja ganz allein in seinem Kopfwald.

Erst das Unterbewusstsein spielt sich dann zum Retter auf, indem es eine Kindheitserinnerung heraufbeschwört. Ein Lebkuchenhaus duftet durchs Unterholz, darin eine alte Frau, die einen einlädt. Warm hätte sie es. Und füttern würde sie einen auch. Man überlegt und überlegt, und wacht schließlich schreiend wieder am Schreibtisch auf. Die Finger sitzen alle noch.

Man wischt sich den Schweiß von der Gedankenaußenwand, froh darüber, nicht als Schmaus gedient zu haben. Frieren kann auch seine Vorteile haben. Und jetzt kann sie mich mal am Arsch lecken, die Fantasie.

 

Kulturreisen

Wir sind Menschen von Welt. Kaum ein Land, das wir noch nicht probiert haben. Samstags am liebsten China. Das gibt es, oh Wunder der modernen Wissenschaft, inzwischen beinahe in jedem Kuhdorf, also auch bei uns.

Der Chinese, muss man wissen, ist in der Hauptsache, so wie alle anderen Fremdländer auch, ein Gastronom.

China ist ein zweigeteiltes Land, in dessen Mitte ein Buffet verläuft, angefüllt mit Köstlichkeiten, und das sind nicht nur sieben. Der Rest des Gebiets ist von Tischen und Stühlen zerklüftet, von denen man eine eher schlechte Aussicht auf das Buffet hat.

Der Tourismus, da wird mir der Chinese zustimmen, ist zu einem echten Problem geworden, vor allem die verfressenen Deutschen, die sich, wie heute beobachtet, für 6,50 Euro hemmungslos durch die Kultur dieses Landes fressen, so als wären sie Heuschrecken. Ein wenig Achtung vor den Sitten und Gebräuchen kann da nicht schaden. Darum sollte man, wenn möglich, mit Stäbchen essen, denn dann hat es jede Portion schwer im Mund zu landen, und besondere Mengen können auch nicht verarbeitet werden.

Das Nationalgetränk in China ist Cola, Limo oder Pils.

China schließt seine Landesgrenzen um die Nachmittagsstunden herum, öffnet am Abend aber wieder. Wegen der Abendstunden  verdoppelt sich der Preis für das Buffet.

Gleich neben China liegt übrigens die Türkei, die von Italien begrenzt wird.

Morgen wollen wir nach Indien reisen. Das liegt nur fünf Autominuten von unserer Wohnung entfernt.

 

Der HEINRICH wird die Welt verändern

Zugegeben, seit unsere Straße eine Währungseinheit bildet, geht es mit uns bergab. Man wollte zusammenstehen, wollte durch dick und dünn, um als Wirtschaftsriese die Stadt zu beherrschen. Und dann das? Niemand – außer uns – will die Währung HEINRICH akzeptieren. Gehen wir zum Einkaufen und blättern der Verkäuferin siebenundvierzig HEINRICH und dreißig ERICH hin, blickt sie verdutzt auf die Ansammlung Papierschnipsel, die von uns höchstselbst beschrieben wurden. Das ginge nicht, schüttelt sie ungläubig den Kopf. Hier müsse man mit Euro bezahlen.

Euro besitzen wir nicht, weil wir das Geld in HEINRICH umwandeln, indem wir Euroscheine mit weißer Farbe anmalen, ausschneiden und beschriften. (Die Kinder haben Spaß an der Arbeit. Sie unterstützen uns, wo es nur geht und behaupten, das wäre das erste sinnvolle Tun, seit sie uns kennen.)

Es gibt bereits erste Pläne, sollte unsere Währung weiterhin nicht akzeptiert werden, die Stadt (nachts, während sie schläft) zu überfallen. Ein blitzartiger Angriff, um unsere Währung salonfähig zu schießen. Sind wir erst die neuen Herren, wird es ein Ende mit dem Euro haben und der HEINRICH wird endlich seinen Siegeszug antreten.

Geschäfte wickelt man noch am besten mit der Stationierung eigener Truppen ab. Muss der Partner erst in den Lauf einer Waffe blicken, wird er sich rasch unserer Meinung anschließen. Er wird einsehen müssen, dass der HEINRICH die einzige Waffe im Kampf gegen eine drohende Krise ist, eine Waffe, die nicht versagen wird, weil der HEINRICH von uns nicht nur wirtschaftlich betrachtet wird, sondern auch ideologisch, was ihm einen großen Vorteil verschafft.

Momentan stellen wir nur eine geringe Anzahl HEINRICHs her, weil wir eine Inflation verhindern wollen. Der HEINRICH muss etwas wert sein. (Welch ein tollkühner Plan, eine neue Währung aus einer alten herzustellen, um so nicht nur die neue allmählich zu etablieren, sondern weil man die alte Scherenschnitt um Scherenschnitt sterben lässt. Wir werden nicht ruhen, bis alle Euroscheine weltweit in HEINRICHs umgewandelt wurden.)

Für den Nachmittag steht ein Treffen im DAVOS an, der Stammkneipe unserer Währungsunion, deren Wirt eine hervorragende Auswahl an Musik-CDs bereit hält, so etwa die Hits von Bata Illic, dessen “Das Finanzamt ist pleite” wir beinahe auf jeder Versammlung rauf und runter spielen. (Unsere Frauen sind ganz wild darauf. Aber wir auch, vor allem, wenn wir über die Pläne sprechen, wie die Demokratie in unserer Straße abgeschafft werden könnte. Bei solchen Besprechungen ist deshalb nicht jeder dabei, nur die Elite der Straße, also der Georg und ich.)

Ich denke schon, dass sich der HEINRICH über kurz oder lang durchsetzen wird, auch wenn es Stimmen gibt, die vor uns warnen. der HEINRICH wird zu einem systemrelevanten Gut werden und wird Europa vor dem endgültigen Absturz in die Niederungen der Bedeutungslosigkeit bewahren.

Unsere Straße ist ein Zusammenschluss starker Partner, die von Georg und mir angeführt, nichts und niemand zu fürchten braucht, zumal die Russen inzwischen mit im Boot sitzen. (Zwei Familien sind vor drei Wochen in eine der Wohnungen an der Kreuzung Felsenkeller/Trimburgstraße eingezogen. Vom Feiern verstehen sie was, wie uns ihr Dauergekreisch auf dem Balkon verrät.)

Georg und ich wollen sie zum nächsten Treffen im DAVOS einladen. Mit den Russen an unserer Seite, werden wir nicht mehr aufzuhalten sein.

Besser also, Sie entscheiden sich bereits heute für den HEINRICH. Dann können sie irgendwann wenigstens behaupten, sie wären von Anfang an dabei gewesen.

 

Daseinsberechtigung

Nach dem Essen trinke ich meinen Kaffee. Der muss sein, um die bis dato verlorenen Lebensgeister, sprich abermals verstorbenen, wiederzubeleben.

Die Wiederbelebung ist nicht zu unterschätzen, weil ich so an die fünf Mal pro Tag sterbe.

Der Kopf sinkt, Zentimeter für Zentimeter, bis er auf die Tischplatte knallt. Dann wissen alle bei uns, jetzt muss er mit einem Kaffee oder einer schallenden Ohrfeige wiederbelebt werden, sonst ist er tot, und davon haben wir auch nichts.

Darüber nachgedacht haben sie vielleicht schon, aber noch nutze ich meinem Umfeld durch Lebendigkeit, muss doch einer Kaffee trinken, rauchen und dumm aus der Wäsche gucken.

 

Aphorismen für den Hausgebrauch (5)

Der Horizont ist das, was nicht erweitert werden muss, weil der Horizont immer am Horizont und immer gleich groß ist. Man könnte höchstens einige Scheunen, Berge und Hochhäuser sprengen, um die Sicht auf den Horizont zu erweitern.

 

Gesundheitsapostel

Ich bin ein Gesundheitsapostel, wenn da nur nicht dieser fatale Hang zu diversen Drogen wäre.

Klammert man die aber einmal aus, bleibt nichts außer Grünzeug und frischer Luft übrig. Die esse ich selbstverständlich mit fehlendem Genuss. Das ist gut und richtig so. Genussmittel sind verpönt. Sie gehören auf den Scheiterhaufen der Geschichte.

Wir sind die Generation, die mit allen Irrtümern aufräumt, die die begangenen Fehler endgültig in den Straßengraben der Gegenwart kehrt. Politisch korrekt will man leben.

Luft also nur, wenn dadurch keiner bestohlen wird, der sie nötiger braucht. Licht nur, wenn es sein muss. Licht ist so hell, da könnte der Verdacht der Augenwischerei naheliegen. Mir kommen keine unkorrekten Dinge ins Haus. Fußgänger müssen draußen bleiben, so leid mir das auch tut. Mit potentiellen Ameisentottretern will ich nichts zu tun haben. Schlechte Nachrichten? Keine Chance. Die guten ebenfalls nicht. Nachricht bleibt Nachricht und urteilt bereits im Wortsinn. Und mit Richtern wollen wir hier nicht verkehren. Mit Nachrichtern erst recht nicht.

Dies ist ein reiner Haushalt, da findet man nur das Gesunde. Brennnesseln z.B., die wir uns am Abend in die Backentaschen stopfen.

Um die Welt zu retten, opfere ich mich hin und wieder auf, indem ich Tabak und Kaffee in schier unglaublichen Mengen vernichte.

Ach, was man nicht alles tut, um die Menschheit ein Stück weit zu retten.

 

Diese Notiz könnte ihr Leben retten

Müdigkeit ist etwas, das sich – über kurz oder lang – nicht vermeiden lässt. Man kann noch so gegen sie ankämpfen, am Ende wird sie einen überwältigen. Sie setzt sich in den Mund und öffnet und schließt ihn, bis der Mund ganz verwirrt von den wechselnden Öffnungszeiten ist. Hat die Müdigkeit sich erst vom Mund in den Rest des Körpers geschlichen, besteht die Gefahr, dass man unverhohlen einschläft, von einer Sekunde zur anderen. Der Schlaf, so weiß ich aus eigener Erfahrung, sollte gemieden werden, sind sie doch nicht mehr Herr der sie umgebenden Situation. Fortan ist alles möglich. Man könnte sie mit einem Lippenstift bemalen, könnte kuriose Botschaften auf der Stirn oder anderswo hinterlassen. Nie sollten Sie sich auf eine Teufelei wie Schlaf einlassen. Bemerken Sie also, dass sich die Müdigkeit ihres Leibes bemächtigen will, trinken Sie umgehend mehrere Kannen Kaffee, schlagen Sie Ihren Kopf gegen die Wand, aber nicht zu fest, denn wir wollen doch eine Ohnmacht vermeiden.

Schlaf ist eine Erfindung der tiefsten Höllenkreise, die ihre Abwesenheit nutzen wollen, um Ihnen Übles anzutun, um Sie gnadenlos zu vergewaltigen, um Sie mit dem Gift des Atheismus in die Hallen der Logik zu treiben, aus denen es kein Entkommen gibt.

Darum, was auch geschehen mag, schlafen Sie nie. Es könnte Sie retten.

 

Königsmacher

Das Dschungelcamp ist beendet. Nicht, dass ich das je gesehen habe. Da können Sie meine Frau fragen. Die Nachbarn. Jeden. Die werden ihnen alle bestätigen, dass ich kein solcher bin, der sich so etwas ansieht. Man hat ja Kultur. Aber jetzt, da es nicht mehr läuft, und unsereiner wieder den Fernseher anschalten kann, ohne Angst zu haben, auf seinen gebildeten Augen blind zu werden, können wir ja einmal darüber reden, denn wie ich gehört habe, über Dritte, so vom Hörensagen, auch wenn man sich da nie sicher sein kann, weil die Leute ja immer viel reden, die kommen aus der Tratscherei gar nicht mehr raus, wenn man sie nicht hin und wieder mal bremst, die Leute, wo war ich?

Ach ja, beim Dschungelcamp.

Jetzt soll ja dieser Joey gewonnen haben, der einen Namen wie eine Pizza-Kette hat, die es bei uns mal gab, die aber schon längst pleite gemacht hat, dieser Joey, nicht die Pizza-Kette, soll also gewonnen haben, sprich Dschungel-König geworden sein, und dies, so wie man hört, auch wenn ich es nicht weiß, trotz seines eingeschränkten Bildungsniveaus, was gut sein kann, denn im Dschungel braucht es eben ganz anderer Talente. Da musst du nichts über Wagner, nicht die Pizza-Firma, und auch nichts über Goethe und Schiller und all die anderen, die uns allen ja so selbstverständlich von den Lippen gehen, als wäre man mit denen höchstselbst befreundet gewesen, von denen musst du nichts wissen, weil es im Dschungel wichtiger ist, dass du weißt, wie man ein Feuer macht. Oder wie man ein Wildschwein mit den bloßen Händen fängt. Überleben muss man, und es sind nicht, da sind wir jetzt mal ehrlich, es sind nicht die Opernbesucher, die im Dschungel überleben würden, sondern eher die Typen, die einen Namen haben wie ein Pizza-Lieferservice, der alle paar Wochen pleite macht. Wer überlebt, der denkt nicht lange nach, weil er nicht fackelt, der bringt die Spinne mit seinem Daumen um, ohne es bemerkt zu haben.

Nicht, dass ich etwas über das Dschungelcamp wüsste, weil es ja auf RTL läuft, und wir bei uns, da gibt es quasi nur ARTE und 3sat, Adorno und, ja. Aber man soll sich auch mit den quasi Volksgütern beschäftigen, denn wer dem Volk aufs Maul und so, Sie wissen schon.

Ich bin ja keiner der abgehoben ist, nur ein Niveau, das hat man sich behalten. Alles muss man seinen Augen nicht antun, sonst verblödet man, blind wird man.

Dass es eben ganz anderer Voraussetzungen bedarf als der Kultur, um König zu werden, das wollte ich erzählen. Ja.

 

Über den modernen Fleischerei-Roman

Seit es sich in unserer Straße herumgesprochen hat, dass ich Fleischerei-Romane schreibe, begegnen mir die Leute, wie soll ich es sagen, mit einer gewissen kulinarischen Neugier. Es tauchen plötzlich Fragen auf, wie die, ob ich in meinen Romanen denn auch auf die Hackfleischverordnung achten würde. Die Sauberkeit in den einzelnen Kapiteln sei nicht zu vernachlässigen. Ja, tatsächlich meint jeder, der mir begegnet, ob im Treppenhaus oder auf der Straße, mich beraten zu müssen. Die Welt scheint voller Fachleute für den modernen Fleischerei-Roman zu stecken. Alle haben sie nur darauf gewartet, sich endlich in die Welt der Kühltheken mit einbringen zu dürfen.

So schlägt man mir vor, eine Fachverkäuferin einzustellen, denn mit den Verkäufen, man beobachte es auf Amazon und anderswo, laufe es ja nicht sonderlich gut. Es käme darauf an, so die Leute, wie ich die Worte präsentieren würde. Auch die Schlachterei, die einen beliefere, sollte eine Rolle spielen. Nicht einfach im Großhandel einkaufen. Nein, nein, die Zeiten seien längst vorbei. Bio-Texte seien jetzt der letzte Schrei. Danach verlange es den Konsumenten. Nach Ware, die zuvor frei auf einem Bauernhof umherlaufen und sich der frischen Luft erfreuen durfte.

Es wäre mir doch lieber gewesen, wenn die Leute nicht erfahren hätten, dass ich Fleischerei-Romane schreiben. Ein Kollege von mir, der sich auf Bäckerei-Romane spezialisiert hat, scheint nicht unter einer solchen Beobachtungssucht leiden zu müssen.

Und dann wieder Fragen. Wo ich meine Worte denn töten lasse? Ich erwidere darauf meist, dass ich das selbst erledige.

Stille, gefolgt von einem leicht angeekelten Gesichtsausdruck, der sich mit Mitleid mischt.

Ja, so sind sie. Alle wollen sie lesen, aber keiner will wissen, wie die Worte ins Buch kommen. Immer alles schön abstrakt halten, als würde es nicht um Worte gehen. Der Endverbraucher mach es sich da doch etwas leicht. Kümmert sich nicht um seine geistige Nahrung, will nicht selbst Hand anlegen, will sich aber beschweren, geht es den Wörtern an den Hals.

Momentan ist der letzte Schrei, gestopfte Krimipastete, schön fett und bei Heyne veröffentlicht. Darf nur 8,90 Euro kosten, und soll den ganzen Urlaub über satt machen. Widerlich. Für die Großhändler arbeite ich nicht. Nahm es also aus dem Sortiment. Vorübergehend. Wer weiß, zu was mich die Zeiten noch treiben werden.

Besser wäre es gewesen, ich hätte mich auf Belästigungsromane verlegt. Man reißt sie dir förmlich aus der Hand. Viel Schmutz, viel Schund drin, wollen sie wissen und reiben sich bereits die feuchten Hände.

Die Zeiten werden einfach nicht besser.

 

Guido Rohm

 

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