Das Autotier träumt

kamera.auge_.260Das Kameraauge hat etwas gefangen, es hat ein Tier gefangen, ein Autotier, das groß und dumpf auf seinem Parkplatz steht, seinem vorbestimmten Parkplatz, auf dem es steht und brummt und wartet, bis sein Herrchen kommt, um es Gassi zu fahren, um es um die Häuser zu führen, um es vorzuführen, den Gesichtern, die vor dem Eiscafé sitzen, den Gesichtern, die das Tier bewundern sollen, seine Größe, seine Farbe, seine Gewalt, denn wenn es sein muss, kann es so unendlich gewalttätig sein, es kann kleine Kinder und Igel verschlucken, aber von all dem ahnt das Kameraauge, das unbestechlich hinsieht, nichts, es sieht nur das Tier, das friedlich in der Sonne döst.

Auf vier Rädern steht es da, auf seinen vier Rädern, die es rollen lassen, schneller und schneller, so schnell soll es rollen, dass es manchmal Angst um sich selber bekommt, es hat Angst auseinanderzufallen, und deshalb genießt es die Zeit, wenn sein Herrchen keine Zeit für es hat, für das Autotier, das groß und wild vor einem Haus steht, auf seinem Parkplatz, bis es losstürmen muss, hin zur Benzinstelle, wo sie alle hin müssen, all die Autotiere, um Benzin zu saufen, damit sie nicht kraftlos am Straßenrand krepieren, und anschließend jagt sein Herrchen das Autotier hinaus in die freie Autobahn, hinaus in die Wildnis, damit es sich mit all den anderen Autotieren messen kann, damit es herausfinden kann, ob es eine evolutionäre Chance hat, um herauszufinden, ob es mehr von seiner Art geben wird oder ob es dazu bestimmt ist, auszusterben. Es steht in der Sonne und träumt.

Guido Rohm

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