Alles erschöpft sich in Augenblicken

augenblicke680

Die Kamera schweift zum Himmel, die Welt, sie ist begrenzt. Sie besteht aus Ausschnitten, aus einem Wolkenschnipsel, einem Anhängsel, einem Beiwerk, einer Ahnung von dem, was folgen könnte, bis der Blick, bis das Objektiv gleitet, bis es Fahrt aufnimmt, ein sanfter Zug, ein Augenspaziergang, der das bereits Gesehene verlässt, sodass wir erschrocken zurückzoomen, um eine Totale zu erschaffen, eine Supertotale, eine Sicht des Alles, die gar nicht möglich ist, weil jede Totale begrenzt ist, weil sie irgendwo endet, wo doch noch etwas ist, etwas anderes. Die Dinge reichen weiter als unser Auge sehen kann, weiter als unsere Kameras spähen, weiter als jedes Weltraumteleskop linst, damit wir den Überblick verlieren, nicht verlieren, denn es gibt ihn nicht, den Überblick. Es gibt nur die Ahnung, die Ausschnitte, die Begrenztheit der Dinge, der Welt, dies alles bedenken wir, während die Kamera vom Himmel über eine Fassade streift, unsere Kamera, die sie anstreicht, mit unserem Blick, unserem Augenblick, der erhascht, all die Ausschnitte, die geschehen. Es gibt nur das IST des Augenblicks, der eine Frau am Fenster packt, die uns entdeckt.

kamera.auge_.260Augen die sich treffen, die sich ansehen, Blicke, die sich austauschen, die ein Knäuel bilden, das sich Sekunden später entwirrt, weil die Zeit kein Knäuel ist, sondern ein absterbendes Jetzt, ein dauersterbendes Tier, so denken wir, denken wir schon wieder nicht, während das Kameraauge über den Putz wandert, über all die kleinen Risse, die Veränderungen, über die Manifestationen absterbender Zeit, über Ähnlichkeiten, weil uns der Putz an ein altes Gesicht erinnert. Querverbindungen werden geschaffen, wo keine sind, wo unsere Verstand welche schafft, es sind Brücken, über die wir gehen, um Sinn in der Welt zu finden. Wir schalten die Kamera aus, wir lassen sie sterben, sie frisst keine Bilder mehr, erschafft keine mehr, weil sie eh keine erschaffen kann, die Bilder sind da, sind alle da, sie geschehen, sie laufen ab. Es gibt keine Hoffnung auf eine Totale, alles erschöpft sich in Ausschnitten, in Augenblicken, die jeden Moment absterben.

Guido Rohm

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