Halloween

Und wenn dann, sagt Remus, plötzlich die Toten vor der Tür stehen, die stehen nicht so einfach vor der Tür, sage ich zu Remus, tot ist tot, sage ich, blinzele ins Sonnenlicht, bei Tage betrachtet wirkt die Welt nüchtern, da sind die Katzen nicht grau, höchstens man trifft auf eine graue Katze, aber auf Katzen trifft man hier eher selten, das würde meinem Wellensittich Freddie auch nicht besonders gefallen, ich krame meine Zigaretten, Camel, na klar, auf den Tisch, klopfe zwei Kippen aus der Packung, reiche Remus eine Zigarette, so kommen wir den Toten wenigstens ein Stück entgegen, sage ich, er nickt nur stumm und greift zu, so still kenne ich Remus gar nicht, sonst muss man ihm den Mund verbieten, aber jetzt, tot ist tot, sage ich also noch einmal, die liegen in ihren Gräbern, zersetzt, Wurmfraß, am Ende Wurmscheiße, die können hier nicht auftauchen, die gibt es nämlich gar nicht mehr, sage ich zu Remus, du sagst ja gar nichts, sage ich, denke, heute sage ich ganz schön viel, ich bin halt nachdenklich, sagt Remus, das ist ja eine ganz neue Seite an dir, rufe ich aus, so kenne ich dich gar nicht, eigentlich kennst du mich überhaupt nicht, sagt Remus, warum sollte ich dich nicht kennen, frage ich ihn erstaunt, bist immerhin ein Geschöpf meines Kopfes, eben, eben, sagt Remus, es gibt mich doch gar nicht, ich bin noch nicht mal ein Toter, den gab es wenigstens mal, mich aber nie, ich bin eine schnöde Hirnerfindung vom Rohm, er schreibt mich in seine Texte rein, das ist doch Unsinn, unterbreche ich ihn, du lebst, frag mal die Leser dort draußen, für die existieren wir beide auf die gleiche Weise, sie lesen über uns, aber gesehen hat uns noch nie einer von denen, er schaut immer trauriger aus der Wäsche, also schreib ich ihn rasch in einen teuren Morgenmantel, frage, besser so, ja, ja, murmelt er, wie wäre es, schlage ich Remus vor, wenn wir heute auf Tour gehen, Tour, wiederholt er und klebt rasch ein ? hinter das Wort, ja, sage ich, heute ist doch Halloween, da sind die Toten unterwegs, da könntest du doch auch von Tür zu Tür ziehen, du rufst, Bücher oder Saures, und wenn die keinen guten Roman raus rücken, ihn gleich in deine Tüte hinein legen, dann spielst du ihnen einen Streich, Streich, fragt er wieder nach, ja, du könntest als Frankensteins Monster ihre Türe eintreten und ihnen über diese Nacht am Genfer See erzählen, Nacht am Genfer See, kannst du dich denn nicht mehr erinnern, frage ich Remus, ihr habt euch Gespenstergeschichten erzählt, erinner mich nicht daran, sagt Remus, er wirkt nun etwas wacher, zieht schon genüsslicher an seiner Zigarette, hört sich gar nicht so schlecht an, sagt Remus, ich bin also Frankensteins Monster, erst wenn sie keinen anständigen Roman in deine Tüte legen, und wenn sie mir einen Gedichtband einpacken, kommt natürlich darauf an, sage ich, worauf, fragt Remus, den Heine nimmst du, den Kästner auch, Jandl auf jeden Fall, aber nie die vom alten Benn, die vom jungen Benn nimmst du, und sieh zu, das sie dir auch die eine oder andere DVD-Box schenken, Berlin Alexanderplatz, die Box solltest du abgreifen, die brauchen sich keine Gedanken zu machen, das gefällt mir, sagt Remus, seine Augen glänzen, er wirkt fast fiebrig, und wann ziehen wir los, heute Abend, sage ich zu ihm, wenn die Dunkelheit alle Katzen grau färbt, ja, ja, schreit der Remus, ich wusste es doch, sage ich zu ihm, denn Halloween ist der Feiertag aller Kopfgeburten, also mein Feiertag, ruft Remus, ganz sicher, sage ich, wir drücken unsere Zigaretten im Aschenbecher aus, lehnen uns zurück und denken an die vielen, vielen Bücher und Filme, die wir heute Abend abstauben werden, legen Sie schon einen Roman bereit, Sie wollen doch nicht Frankensteins Monster im Wohnzimmer sitzen haben, oder etwa doch?

Text: Guido Rohm

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