Heiligabend im Stern

Eine Weihnachtsgeschichte

Heiligabend im Stern. Da hocken sie wieder. Ausgemergelte Gesichter. Rotgeäderte Nasen. Gelbstichige Augen. Sie starren den Widerschein ihrer Gesichter an. Verblassende Ikonen im Fensterglas. Thomas flüstert in den Ausschnitt seines T-Shirts, weil er niemanden zum Reden hat. Den hat er selten. Heiligabend fällt ihn die Einsamkeit an wie ein tollwütiger Hund. Später wird er betrunken sein. Dann ist es ihm egal. Heinz ist mit Sabbern beschäftigt. Seit Jahren. Das Sabbern ist zu seiner Hauptbeschäftigung geworden. Also sitzt er da, beobachtet Thomas beim Flüstern und sabbert sich den Pullover nass.
Im Stern ist immer etwas los. Sie taumeln rein. Torkeln raus. Fallen sich gegenseitig in die Arme. Sie schlagen sich die Fressen blutig. Anschließend lecken sie sich die Wunden. Lauter gefallene Engel. Und irgendwo müssen sie Weihnachten feiern können. Saufen. Rauchen. Fluchen. Weinen. Abhängen. Manch einer hängt sich auch auf. Im Stern ist immer etwas los. Also, auf, auf Jungs, auf in den Stern.
Die haben dort alles. Auch die heiligen drei Saufbrüder. Axel. Kalle. Meckie.
Lallend erobern sie den Stern. Die Schwenktür ist rasch zur Seite gewischt. Es scheppert. War nur eine Flasche, deren Scherben nun wie kleine Klippen auf einen verirrten Fuß warten.
„Da ist ja die ganze ehrlose Gesellschaft“, schreit Meckie.
Axel und Kalle nicken.
Im Stern reagiert niemand. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Hier verkehren keine Teilzeitpenner. Im Stern verkehrt nur die Prominenz der Kanalisation. Hier wird professionell gearbeitet. Die Pulle Schnaps gehört zur Berufsbekleidung. Manchmal versuchen welche, wieder aus dem Elend heraus zu kommen. Gelingt selten. Eher nie.
Barbet am letzten Tisch. Der hat es probiert. Lief mit drei Promille und einer leeren Knarre in eine Bank.
„Hänneoch!“, schrie er.
Sie starrten ihn an wie eine Geisterscheinung. Da hatte sich einer verlaufen. Das war ihnen sofort klar. Barbet bekam es mit der Angst zu tun. Ein schaukelnder Schlipsträger kam auf ihn zu.

„Beruhigen Sie sich.“
Irgendwas lief schief. Das merkte selbst Barbet. Er drückte ab. Leider befand sich in der Waffe doch noch eine Kugel. Er schoss Günter K. das halbe Ohr weg. Er ließ sich anstandslos festnehmen.
„Swolltischnett“, sagte er zu den Polizisten.
Die nächsten Weihnachtfeste saß er nicht im Stern. Er musste einem Fleischklumpen namens Bertram den Schwanz mit seinem Mund polieren. War eine schäbige Zeit. Aber nichts Neues für Barbet. Und irgendwann kam er dann wieder raus. Man kam immer irgendwann raus. Selbst die Mörder. Hey, wir sind hier in Deutschland, erklärte ihm ein zuckender Totschläger. Hier bekommt jeder eine Chance. Das Land ist wie Weihnachten. Man muss es nur genießen können.
Und jetzt sitzt Barbet wieder im Stern. Dort landen sie irgendwann alle. Spätestens am Heiligabend. Wo sollen sie sonst auch hin?
Meckie steht mit offenem Mund im Raum. Einer der freiwilligen Betreuer hat ihn entdeckt. Will ihn loswerden. Mit Meckie zieht Ärger ein. Das wissen die Ehrenamtlichen.
Also klopft er Meckie freundschaftlich auf die Schulter. Altes Geheimrezept. Freundlichkeit verträgt Meckie überhaupt nicht. Ein paar nette Worte können ihm den Garaus machen. Jürgen, der Ehrenamtliche dieses Weihnachtsabends, weiß das und setzt sein charmantestes Lächeln auf. Wirkt wie eine Strahlenkanone.

„Meckie, schön dich hier zu sehen.“
Meckie ist entsetzt.
Was habe ich schon wieder falsch gemacht, denkt Meckie.
Er könnte sein Messer zücken und den Ehrenamtlichen niederstechen. Meckie denkt eine ganze Weile darüber nach. Dann entscheidet er sich dagegen. Würde dem Stern nur schaden. Und Meckie liebt den Stern, weil Meckie Ärsche liebt und sich im Stern stets ein besoffener Arsch findet, in den er sich verirren kann. Außerdem friert man hier beim Sex nicht. Und das ist viel wert.
Meckie sieht sich um.
Sind heute nur hässliche Penner hier, denkt er. Ich will aber einen richtig schönen Penner.
Er mustert den Ehrenamtlichen von oben bis unten. Die Haare brav gescheitelt. Die Haut etwas blass. Ansonsten gefällt ihm der Bursche. Also wendet Meckie seinen berühmten Griff an. Seine Hand schnellt nach vorne. Er packt sich Jürgens Eier. Der quiekt. Hört sich an wie ein abgestochenes Schwein. Meckie steht auf die Schreierei.
Plötzlich fegt eine Ladung Wind in den Stern. Meckie spürt den kalten Luftzug. Er dreht halb den Kopf. Da sieht er sie. Steht einfach da. Eingerahmt von Axel und Kalle.
Die kenne ich doch, denkt Meckie und lässt Jürgens Eier los.
Er dreht sich um.
Eine Engelserscheinung. Fast. Blond. Irgendwie. Gefärbt.
Sie müsste unbedingt nachfärben, denkt Meckie.
Eigentlich steht Meckie nicht auf Frauen. Aber die hat was. Außerdem kommt ihm das Gesicht bekannt vor. Axel und Kalle stehen wie zwei Bronzestauen neben ihr. Rühren sich nicht. Scheinen selbst das Atmen vergessen zu haben.
Rührt euch, müsste Meckie rufen.
Dafür hat er keine Zeit. Er muss nachdenken. In seinem Hirn rotiert es. In seinem Kopf ruhen die Reste einer neuronalen Ruine. Er wühlt sich durch Erinnerungsbrocken. Schreitet durch eine Zwischentür in seine Jugend zurück. Und dort findet er sie.
Klar!
Ingrid Düren.
Das ist sie. Gott muss ihn lieben. Ingrid Düren. Lief in den letzten Jahren nicht so gut für sie. Meckie hat davon gehört. Nur gehört. Er liest nicht. Nie. Und Fernsehen? Nein. Er hat keine Zeit für solch sinnlose Beschäftigungen. Er ist unterwegs. Stets und immer. Meckie ist on Tour. Dauernd. Denn Meckie ist ein echter Berufsrandalierer. Außerdem muss er sich um Axel und Kalle kümmern. Was würden die beiden ohne ihn machen? Am Ende würden sie noch als saufende Wracks auf der Straße landen.
Jürgen fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Schritt.
Er hätte nicht so nett zu diesem Bastard sein sollen. Das hat er nun davon.
Jürgen blickt hoch. Entdeckt Ingrid Düren. Ihr Gesicht kommt ihm bekannt vor.
„Das Gesicht kommt mir bekannt vor“, stöhnt Jürgen.
Meckie dreht sich zu ihm um.
„Keine Kultur, der Mann“, sagt Meckie. „Mensch, du Arschloch, das ist Ingrid Düren.“
Die steht ungerührt da. Lauscht auf Meckie. Lächelt. Sie macht einen Schritt. Taumelt. Zugegeben: Sie hat heute ein wenig viel getrunken. Liegt am Heiligabend.
So etwas muss man doch feiern, denkt sie.
„Die berühmte Ingrid Düren in unseren Hallen!“, schreit Meckie. „Wer hätte das gedacht?“
„Ich!“
Einer von den Säufern, die es sich am Fenster mit einer Flasche Wodka gemütlich gemacht haben, hat das geschrien. Er ist aufgesprungen und blickt stolz in die Runde, die ihn nicht weiter beachtet.
Meckie hebt seinen Zeigefinger.
„Setz dich lieber wieder, Kleiner“, sagt Meckie und fährt sich mit dem Finger über den Hals. „Verstehst du mich?“
Der Säufer starrt ihn an und sagt dann mit gerunzelter Stirn: „Nein. Was wolltest du mir denn sagen?“

Meckie verdreht die Augen.
Das sind alles Schwachköpfe, denkt er. Ich habe es nur mit Idioten zu tun.
Er hat anderes zu tun. Er muss sich um Ingrid Düren kümmern. Die neigt gerade ihren Kopf nach vorn und lallt: „Muss mich … glaub ich … übergeben.“
Meckie ist der Herr des Augenblicks. Er sieht sich hektisch um. Beugt sich zu Jürgen runter, der noch mit seinem Gemächt beschäftigt ist und knurrt: „Verflucht! Warum stehst du hier nur rum? Hol einen Eimer für Frau Düren.“ Er blickt entschuldigend zu Ingrid Düren. „Der Eimer kommt gleich.“
„Besser wäre eine ganze Badewanne“, sagt Ingrid Düren. Sie hustet. Würgt. Dann streckt sie den Oberkörper durch. Sagt: „Geht schon besser. Vielleicht sollte ich erst mal was trinken.“
„Einen Tisch!“, schreit Meckie.
Meckie stürmt zur Seite. Prügelt auf einen schlummernden Alten ein. „Weg hier!“, ruft er. „Such dir gefälligst deinen eigenen Tisch. Der ist für …“ Er sieht strahlend auf. „Der ist für Frau Düren. Bitte sehr.“
Mit einem Handstreich lädt er die Düren ein, Platz zu nehmen. Sie stolpert los und landet ächzend auf dem Stuhl. Sie muss furzen.
„Verflucht, stinkt das“, sagt sie und wedelt mit ihrer linken Hand durch die Luft.
Was für eine Frau, denkt Meckie. Und dann denkt er: Das Leben hat sie für mich aufbereitet. Soviel ist sicher.
Meckie hockt sich breitbeinig neben sie. Er wackelt mit dem Kopf wie ein Wissender.
Ingrid sieht zu ihm hin. „Was ist?“, fragt sie.
„Ich habe alle Ihre Filme gesehen, Frau Düren“, sagte Meckie. „Als Maria in dieser Bibelverfilmung …“ Meckie küsst Daumen und Zeigefinger. „Sie waren eine Offenbarung.“
„Ja, ja“, sagt Ingrid Düren. „Ist lange her.“
„Sie werden für unsere Generation unsterblich bleiben“, sagt Meckie.
Er sieht sich um. Axel und Kalle stehen immer noch wie Salzsäulen in der Gegend herum. Also beordert er sie mit einem Fingerschnippen heran. Sie sind wie seine Hunde.
„Jungs, darf ich euch Frau Ingrid Düren vorstellen. Sie war ein Star. Was sage ich …“ Er neigt für einen Augenblick seinen Kopf. „Sie ist ein Star.“
Axel und Kalle nicken gelangweilt.
„Ihr solltet der Dame Beifall spenden.“
Axel und Kalle sehen sich kurz verwundert an. Sie sind schon lange mit Meckie unterwegs. Sie sind einiges gewöhnt. Und wenn er will, dass sie klatschen, dann klatschen sie eben.
„Mehr!“, feuert Meckie sie an.
Meckie verdreht den Kopf. Sein Nacken schmerzt. Egal. Das ist ein besonderer Abend.
„Treibt die ganze Meute zusammen. Sie sollen alle applaudieren.“
Ingrid Düren lässt den Kopf hängen. Sie scheint eingeschlafen zu sein. Sie schnarcht leise.
„Ich glaube, sie schläft“, sagt Axel.
Meckie legt den Kopf zur Seite. Lauscht. Tatsächlich.
„Das liegt nur an diesem Eta …, an diesem Scheißladen“, sagt Meckie. „Treibt die ganze Bande hier vor den Tisch. Eine Horde wilder Fans wird sie aus dem Schlaf reißen. Sie wird es lieben. Es genießen. Und dann wird sie mich lieben und genießen.“
Axel und Kalle schlendern zu den anderen Tischen. Versuchen, die Säufer aufzuscheuchen. Die murren. Knurren. Keiner will.
„Was soll das?“, fragen einige.
Die Meisten bleiben einfach sitzen.
„Die wollen nicht“, sagte Kalle. Er ist müde. Würde sich am liebsten in eines der Betten im Stern legen.
„Was heißt das?“
Kalle überlegt. Meckie scheint ihn nicht verstanden zu haben. Wie kann er es ihm nur verständlich machen.
„Die sind, nun, äh, sie scheinen die Kunst deines Gastes nicht würdigen zu wollen.“
Meckie springt auf. Er reißt die Arme hoch.
Schreit: „Der verfluchten Bande werde ich auf die Sprünge helfen.“
Er schnappt sich seinen Stuhl. Schlägt ihn auf den Boden. Nichts passiert.
„Was hast du vor?“, fragt Kalle.
Meckie lässt den Stuhl liegen.
„Ach, leck mich“, sagt er. „Heute ist Heiligabend. Wir haben einen Star unter uns. Stühle wollen nicht kaputtgehen. Und diese Aasfresser pennen.“
Sein Kopf rast hin und her. Da erblickt er die Splitter neben der Tür.
„Hol mir einen von denen“, sagt er zu Kalle.
Kalle tappt hin. Liest eine Scherbe auf. Bringt sie zu Meckie.
„Was hast du damit vor?“, fragt Kalle.
Meckie antwortet nicht. Er nimmt die Scherbe. Malt damit ein Kreuz in die Luft.
Jürgen steht an der Küchentür. Er wird etwas unternehmen müssen.
Die Bullen, denkt er. Ich muss die Bullen rufen.
„Die werden nicht kommen“, flüstert er. „Die kommen erst, wenn etwas passiert ist.“
Egal!
Meckie wird allen die Kehle aufschlitzen. Jürgen wühlt sein Mobiltelefon aus der Jeans. Er muss jetzt anrufen. Da ertönt ein Schrei!
„Er hat ihn umgebracht.“
Jürgen sieht auf. Sieht hin. Er reibt sich kurz die Augen. Meckie steht mit offenem Mund und einem Messer im Bauch da und brabbelt: „Verflucht …“
Heinz steht mit erhobenen Händen vor Meckie. Er sagt nichts. Sabbert nur. So wie immer. Er sabbert und tippelt zu seinem Tisch zurück.
Kalle und Alex sind wieder erstarrt.
Jürgen ruft die Polizei. Nach dem Anruf geht er zu Meckie. Der liegt neben dem Tisch von Ingrid Düren. Sie schläft noch. Im Stern schlafen sie. Im Stern saufen sie. Im Stern streiten sie.
Und manchmal sterben sie im Stern.
Und das am Heiligabend, denkt Jürgen und tritt vor die Tür. Aus der Ferne kann er das Heulen der Polizeisirene vernehmen. Sie werden gleich hier sein.
Sie werden Jürgen fragen: „Wer hat ihn umgebracht?“
„Ich war in der Küche“, wird Jürgen sagen. „Ich habe nichts gesehen.“
Die Anderen aus dem Stern werden nichts sagen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz im Stern.
Nie einen Kumpel ans Messer liefern.
Das wissen auch Axel und Kalle. Die beiden stehen links und recht neben der Eingangstür.
Jürgen bleibt zwischen ihnen.
Er sagt: „Es tut mir leid.“
Axel und Kalle zeigen keine Regung. Die Sirene kommt näher. Immer näher.
Gleich werden sie da sein, denkt Jürgen.
Er geht zwei Schritte nach vorne. Dreht sich um. Wartet.
Heiligabend im Stern.

Guido Rohm für getidan.de, Dezember 2010

Bilder: Anke Hartman via facebook

Bilder: Anke Hartman via facebook

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