Geselle und Greifer

Weintraubs Herz rast. Er nuckelt an seinem Zigarillo. Starrt auf den Bildschirm.
Wer hat ihm jetzt schon wieder die Pest an den Hals gewünscht? Ein gewisser Anonym! War er das? Er kann sich nicht daran erinnern. Möglich wäre es.
Weintraub beschimpft sich seit Jahren immer wieder auf seiner eigenen Internetseite. Er tritt unter den verschiedensten Masken auf und hinterlässt Beleidigungen.
Weintraub, Ihre Karriere lief schon besser, Sie Anfänger!
Dann wartet er auf die anderen Leser. Die echten Leser, die, denen er etwas bedeutet, die seine Bücher kaufen und lieben, die ihn für ein verkanntes und links liegen gelassenes Genie halten.
Er hält sich für dieses Genie. Deshalb schreibt er auch besonders gerne Aufsätze über andere verkannte Genies. Man bewegt sich dann auf Augenhöhe mit dem wahren Selbst. Ahnt, das eigene Leben wird nicht nur ein Trugbild gewesen sein, nicht nur ein Schleiertanz vor den Augen.
Er überprüft die Zahl seiner heutigen Seitenaufrufe.
Nicht genug, denkt er und klickt sich noch ein wenig höher.
Zufrieden über den ersichtlichen Andrang und das damit verbundene Interesse an seiner Person und seiner Literatur streicht er sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Leider gibt es kaum Kommentare. Da muss etwas geschehen. Er überlegt. Was könnte er denn heute gegen sich im Schilde führen?
Hm …
Da hat er die rettende Idee. Ein Drohbrief!
Er wäre einer, schreibt er, der da etwas über ihn wüsste. Er lässt natürlich alles in der Schwebe, verliert sich nicht in Einzelheiten. Das lässt es bedrohlicher wirken. Er überprüft rasch noch die sorgsam eingeflochtenen Rechtschreibfehler. Schon im nächsten Augenblick ist der Drohbrief ein Teil seiner Seite, ein Teil seines seit so vielen Jahren minutiös durchgeplanten Werks.
Erschöpft lehnt sich Weintraub zurück. Sein Herz pocht aufgeregt, hat er doch vor wenigen Sekunden die Denunziationen eines gewissen Greifer über sich ergehen lassen müssen. Natürlich wird er eine Antwort verfassen. Aber vielleicht …
Weintraub erneuert seine Seite. Immer und immer wieder. Da draußen wird doch einer sein, der ihn verteidigen will. Er wartet ab. Nichts.
Also setzt er sich an seine eigene Verteidigungsschrift, die er unter dem NamenGeselle einstellen wird. Geselle hat hier schon öfter geschrieben. Er ist bekannt, sich besonders tiefgründig mit Weintraubs großen Romanen auseinandergesetzt zu haben. Solche Leser können sich Autoren nur wünschen oder aber eben im stillen Kämmerlein erfinden.
Geselle nimmt kein Blatt vor den Mund. Das ist einer, der noch tüchtig austeilen kann. Greifer wird sich wundern. Weintraub lacht hell auf. Langsam wird es eng in seinem Arbeitszimmer. Auf seiner Stirn haben sich kleine Schweißtropfen gebildet. Weintraub wischt sie fort. Seine Augen leuchten. Er ist nur noch wenige Klicks von seiner perfekten Verteidigung entfernt.
Da ist sie. Er liest die Worte. Er kann sein Glück nicht fassen.
Gut, dass es noch solch treue Leser gibt, denkt er und lehnt sich erschöpft zurück.


Guido Rohm

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