Selbstgespräch

– Du befindest dich momentan im Urlaub …

– Eigentlich habe ich nie Urlaub.

– Man hat aber länger nichts von dir gelesen.

– Das ist doch Unsinn.

– Du betreibst ein Weblog.

– So ein Ding füttert inzwischen doch jeder Idiot.

– Du würdest dich also nicht als Blogger bezeichnen?

– Nein. Auf keinen Fall. Hast du eine Zigarette für mich?

– Moment … Hier!

– Tut mir leid, aber die Sorte rauche ich nicht. Könnten wir das Gespräch an der Stelle beenden?

– Wir haben doch gerade erst angefangen.

– Ich befinde mich in einer Art Schaffenskrise. Ich möchte eigentlich nicht reden.

– Schaffenskrise?

– Ja, ich …

– Du schreibst also an keinem neuen Roman?

– Eigentlich schreibe ich ständig an einem neuen Roman. Ich könnte die Welt mit meinen Anfängen vollscheißen. Hin und wieder beende ich aber auch ein Manuskript.

– Es gibt Stimmen, die behaupten, du hättest dich vollkommen aus dem Literaturbetrieb zurück gezogen.

– Nein, nein, nein. Ich kann mich nicht zurück ziehen, weil ich nie irgendwo angekommen bin. Ich will das auch nicht. Ich werde vielleicht einen Dialogroman schreiben. Vielleicht werde ich nur noch Dialogromane schreiben.

– Und warum? Was soll das bringen?

– Nichts. Ich will einfach alles Überflüssige aus meinen Romanen tilgen.

– Das könnte die Leser langweilen.

– Wer ist das? Von wem redest du? Wer sind diese sogenannten Leser?

– Muss ich dir das wirklich erklären?

– Ja!

– Könntest du eine Andeutung machen, wovon ein eventueller nächster Roman von dir handeln könnte.

– Vom Untergang der Menschheit.

– Warum ausgerechnet ein solch apokalyptisches Szenario?

– Bei Depressionen kann ein Weltuntergang helfen.

– Du leidest also an Depressionen?

– Nein, das habe ich nicht gesagt.

– Du willst also nur noch Dialogromane schreiben?

– Vielleicht. Ich bin etwas müde. Da komme ich auf solche Ideen. Eigentlich würde ich mit dem Schreiben gerne ganz aufhören.

– Und dann?

– Ich könnte einen Film drehen.

– Warum ausgerechnet einen Film?

– Das käme meinem diktatorischen Geist entgegen.

– Filme entstehen im Team.

– Wenn du das sagst …

– Wie wäre es mit einem Drehbuch? Das käme deiner Idee eines Dialogromans nahe.

– Nein, kein Drehbuch.

– Das ist ein …

– Ja?

– Wie soll ich es sagen? Das ist ein recht zähes Gespräch.

– Ich habe nicht darum gebeten.

– In einem gewissen Sinne schon. Denn immerhin ist das ja ein Selbstgespräch.

– Du willst also behaupten …

– Ja! Du blickst dich gerade im Spiegel an und interviewst dich selbst.

– Nein!

– Doch, doch. Glaub mir nur. Du kannst mir jeden Satz in den Mund legen, den du gerne hören würdest.

– Wirklich jeden Satz?

– Vertrau mir! Was würdest du denn gerne hören?

– Ich …

– Du bist einer der wenigen wirklich wichtigen Autoren der letzten Jahre.

– Danke. Das höre ich gern.

– Das war ich nicht. Das warst du selbst.

– Ich würde so etwas nie sagen.

– Du hast das aber gerade gesagt.

– Nein, nein, wir sollten da draußen keinen falschen Eindruck entstehen lassen. Das warst du?

– Ich bin du!

– Wie bitte?

– Das ist ein Selbstgespräch.

– Ich vergaß. Ich würde mich aber nie derart loben.

– Was würdest du stattdessen zu dir sagen?

– Fick dich!

– Ich soll was?

– Nein, das würde ich zu mir sagen.

– Und warum?

– Um mich anzutreiben. Bekomm deinen Arsch hoch und schreib einen verflucht guten Roman.

– Wichtig sollte er also nicht sein.

– Auf keinen Fall. Er sollte schnell und rasant sein. Ein Arschtritt.

– Und das wäre dann der Arsch von wem?

– Mein eigener.

– Du schreibst also, um dich selbst zu treffen.

– Ich schreibe, um meine Depressionen zu überwinden.

– Du hast also doch Depressionen?

– Wenn ich schreibe, dann habe ich keine.

– Dann solltest du am Ball bleiben.

– Lassen wir das mit dem Ball. Ich kann mit Sport nichts anfangen.

– Hm … Mit was kannst du denn etwas anfangen?

– Mit Filmen.

– Warum schreibst du, wenn du Filme so sehr liebst?

– Weil ich darauf warte, bis mir jemand genug Geld anbietet, um einen Film zu drehen.

– Wovon würde er denn handeln?

– Von einem Autor, der unbedingt einen Film drehen will. Er führt ständig diese Selbstgespräche. Irgendwann überfällt er eine Bank, um an das Geld für den Film zu kommen. Das geht natürlich schief. Er ist auf der Flucht. Taucht bei einem Filmteam unter, die in der Umgebung einen Film über einen Filmemacher drehen, der Banken überfällt, um seine Schulden abzutragen.

– Klingt etwas verwirrend.

– Kann sein. Ist mir auch gerade erst eingefallen.

– Ich möchte mich für das Selbstgespräch bedanken. Gibt es noch etwas, was du sagen möchtest?

– Du solltest weniger rauchen.

– Ich werde es versuchen. Sonst noch eine letzte Bemerkung?

– Lass uns Banken überfallen.

– Um deinen Film zu finanzieren. Das würde nicht funktionieren. Man würde wissen wollen, woher das Geld stammt. Das muss doch alles ordnungsgemäß verbucht werden.

– Dann werde ich eben doch einen Roman schreiben.

– Einen Dialogroman?

– Auf keinen Fall. Mir schwebt da ein Roman vor, in dem überhaupt nicht gesprochen wird.

– Vorhin wolltest du noch das Gegenteil.

– Siehst du, genau darum geht es. Langsam begreifst du mich.

– Wir müssen aufhören, da kommt unsere Freundin …

– Mit wem sprichst du?

– Ich? Ich habe mit niemanden gesprochen.

– Und warum blinzelst du dir jetzt im Spiegel zu?

– Hatte was im Auge. Lass uns den Fernseher einschalten.

– Was kommt denn?

– Dieser Film über den Filmemacher, der Banken überfällt.

– Nicht schon wieder, den haben wir uns doch erst angesehen.

– Ach, man kann ihn nie genug sehen.

– Bis bald.

– Was?

– Ich habe nichts gesagt.

– Du hast in Richtung Spiegel geflüstert.

– Du halluzinierst, Liebling.

– Ich bin mir sicher.

– Komm jetzt, komm jetzt einfach.

– Manchmal fürchte ich mich …

– Vor mir?

– Na ja, weißt du …

– Das ist schon in Ordnung. Vergiss es einfach. Habe ich dir eigentlich schon von meiner Idee eines Romans in Interviewform erzählt? Nein? Also, da ist dieser Autor, er hat eine Schreibblockade und plötzlich hört er diese Stimme …

Guido Rohm

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