Die letzte Datei

Er bleibt auf der Treppe stehen und lauscht auf die Wellen. Er kann sie nicht sehen. Sie rollen heran. Gleiten zurück. Er muss an die Geschichte denken, die ihm ein Freund erzählt hat. Der Mensch sei nur eine Spur im nassen Sand, die im nächsten Augenblick und mit der nächsten Welle fortgespült würde.
Das könnte man für eine Erzählung benutzen, denkt er.
Dann läuft er weiter. Durch den Flur. Er geht in sein Arbeitszimmer. Setzt sich an seinen Schreibtisch. Er rückt ganz nah an die Tischplatte heran. Da bleibt kaum Luft zum Atmen. Er ist allein im Haus. Seit vielen Jahren. Er schaltet den Computer ein. Öffnet die letzte Datei. Schreibt. Nach etwa einer halben Stunde macht er eine Pause. Er liest sich das Geschriebene durch.
Nein, denkt er.
Er löscht große Teile. Bleibt dort sitzen und horcht ins Haus hinein. Das Meer ist als stetes Hintergrundgeräusch zu hören. Er greift nach dem Telefon. Wählt. Wartet. Am anderen Ende meldet sich eine junge Frauenstimme. Er sagt nichts. Tränen treten in seine Augen. Er legt auf. Er wischt sich die Augen trocken. Schüttelt den Kopf.
Er beugt sich zur Seite und öffnet die Schublade seines Schreibtisches. Zettel mit Notizen. Darunter ein alter Armeerevolver, den er sich vor Jahren als Souvenir kaufte. Er kann nicht schießen. Er hat nicht einmal Patronen. Er nimmt die Waffe in die Hand und wiegt die Schwere des Todes. Zu schwer für ihn. Er hält sich den Lauf seitlich an die Stirn und stellt sich vor, wie es wäre, wenn er sich erschießen würde. Wen würde das interessieren? Wahrscheinlich nicht einmal mehr seinen Agenten. Die meisten Romane verkaufen sich schlecht. Er hat sie rasch herunter geschrieben. Sie bedeuten ihm nichts. Er legt den Revolver zurück. Er hebt den Kopf und beginnt zu schreiben. Er schreibt über einen alten Autor, dem das Schreiben zur Qual geworden ist. Aber er kann nicht davon lassen. Das Schreiben ist ihm eine alte Geliebte, die man nicht so einfach los wird. Man nimmt sie immer wieder in seine Arme und hofft auf das Feuer vergangener Tage. Der, über den er schreibt, hat einen alten Revolver in seinem Schreibtisch. Eines Tages wühlt er ihn raus und hält ihn sich an den Kopf. Er denkt an seine Vergangenheit. An die Tochter, mit der er nicht mehr redet. Mehr Familie hat er nicht. Er hat keine Patronen im Haus. Er kann sich nicht einmal umbringen. Nichts will ihm mehr gelingen. Schließlich setzt er sich an seinen Schreibtisch und schreibt eine Geschichte über einen Autor, der einsam in einem großen Haus am Meer lebt.
Irgendwann am Nachmittag setzt er den Punkt hinter die Geschichte. Sie ist fertig. Er liest sie sich noch einmal durch. Dann löscht er sie. Er denkt an das Meer, an die Wellen, die sich in den Sand krallen, als könnten sie, wenn sie nur fest genug daran glauben, an Land bleiben.
Nichts bleibt, denkt er. Wir sind Spuren, die weggespült werden.
Er schaltet den Computer aus und geht nach oben. Er wird ein wenig lesen. Dann wird er versuchen zu schlafen. Es wird ihm nicht gelingen. Er wird leise weinen. Das tut er jeden Abend. Irgendwann wird die Müdigkeit ihn übermannen. Die Dunkelheit wird ihn einhüllen. Sie wird ihn verschlucken. Man wird ihn von den Möbeln im Zimmer kaum unterscheiden können. Er wird mit der Nacht verschmelzen.

Guido Rohm

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